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            VII. Hugdietrich

               Hugdietrich
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Vierzehntes Abenteuer

Wie Wolfdietrich sein Reich wieder gewann

Da wandt' er zu der Frauen   sich nach der Felswand hin,
Und kehrte heim nach Garten   mit der edeln Kaiserin.
Da erscholl die Märe   weithin durch das Land,
Wolfdietrich sei gekommen,   der Degen auserkannt.

Die Armen und die Reichen   alsbald erhuben sich:
Sie hätten gern vertrieben   den getreuen Wolfdieterich.
Wolfdieterich ward bestanden   von seinem eignen Bann.
Da bat er Gott den guten,   dass er ihm helfe hindann.

Bei der Dülmende   sammelte sich das Heer:
Da hatt er zur Hilfe   nur seine eigne Wehr.
Ihm wurde vorenthalten    Burg und auch Mark;
Ihre Untreue   war groß zumal und stark.

Bei demselben Wasser   hub sich ein großer Streit,
Zwischen Bern und Garten   auf der Heide breit.
Sie griffen Wolfdietrich   mit Ungestüm an:
Da nahm er aus der Büchse   wohl gewappnet fünfzig Mann.

Aus großem Ungemache   half Gott dem Helden da.
Nun höret, welch ein Zeichen   an dem Herren geschah:
Er bezwang sie alle   mit großer Überkraft
Und führte sie gen Garten   mit gewaltger Ritterschaft.

Da hielt er in dem Lande   ein schönes Hofgelag;
Nie sah man wohl ein größeres,   vor noch hernach:
Fünfhundert Schwertdegen   gab er Ross und Gewand.
Da ward ob allen Reichen   sein hohes Lob bekannt.

Da blieb bei der Frauen   völliglich ein Jahr
Der viel getreue Degen,   das sag ich euch fürwahr,
Bis er erfochten hatte   die Burgen und das Land,
Und alles dienen musste   seiner gewaltgen Hand.

Doch rang mit Ungemache   der Degen manchen Tag;
Keiner Kurzweile   er mit der Frauen pflag.
Das trieb also lange   der tugendreiche Mann,
Bis eines Nachts, da lag er    bei der Frauen wohlgetan.

Sie sprach: "Kühner Degen,   sag an, was dir gebricht;
Weist du an mir Tadel,   so hehle mir es nicht.
Ich will dirs gerne bessern,   machst du mirs bekannt."
Er sprach: "Ich will dirs sagen,   Frau, was mir fehlt zuhand."

Er sprach: "Edle Königin,   wohl hab ich Grund zu klagen:
Ich muss großen Kummer   in meinem Herzen tragen.
Ich seh denn meine elf Getreun,"   sprach der König hehr,
"So sieht man mich in Garten    lebendig nimmermehr.

Man führte mich gen Griechenland   und taufte mich aufs neu,
Da nannte man mich Dieterich;   Wolf hieß ich auch dabei.
Die mir verließ mein Vater,   Burg und Land zumal,
Die gereun mich nicht so bitter   als der elf Getreuen Zahl."

Sie sprach: "Die elf Getreuen,   die lass nur unterwegen:
Ich will dir elftausend   für jeden einen geben,
Dass du die Reise lässest,   tugendreicher Mann:
Du sollst bei mir verbleiben,   edler Degen lobesam."

"Und gehörten alle Lande   und alle Reiche dir,
Das nähm ich nicht für einen,"   sprach der Fürst zu ihr.
Meine elf getreuen Diener   will ich suchen gehn:
Ich hab in dreißig Jahren   ihrer keinen gesehn."

"Wem willst du mich deun lassen?",   sprach die Fraue klar;
"Ich empfing von deiner Minne,   das glaube mir fürwahr.
Und soll das Kind verderben,   so sei es Gott geklagt;
Drum bleibe hier im Lande,   edler König unverzagt.

"Nun tu es mir zu Liebe,"   sprach er tugendlich:
"Wird es ein Knäblein,   so heiß es Hugdietrich;
wird es ein Mägdlein,   so heiß es Amelgart.
Morgen, mit deinen Hulden,   will ich auf meine Fahrt.

Hiemit gib mir Urlaub,   edle Königin.
Gott pflege deiner Ehren,   dieweil ich ferne bin.
Ich will gen Konstenopel,   Herrin wohlgetan,
Und will endlich suchen   meine treuen elf Mann."

Des Morgens früh besandte   sich der kühne Mann:
Mit dreitausend Mannen   schifft' er hindann
Auf zwei schönen Kielen   zu den Griechen über See.
Liebgart der edeln Kaiserin   tat sein Scheiden weh.

Mit zwei großen Kielen    fuhr er über Meer:
Da schlugen sie die Winde   fünf Tage hin und her.
Ein Kiel brach, ihm ertranken   darin fünfhundert Mann.
Da bat er Gott den guten,   dass er ihm Helfe hindann.

Aus großem Ungemache   half Gott dem Fürsten da.
Nun hört, welch ein Zeichen   an dem Herrn geschah:
Ihm sandte Gott zwei Kiele,   so haben wir vernommen:
Die kamen ihm zum Troste   auf der wilden Flut geschwommen.

Von der Griechen Lande   kamen sie daher:
Da fanden sie am Strande   des kühnen Helden Heer.
Ihre Sorge nahm ein Ende,   das wisset sicherlich:
Da bestieg der Kiele einen   der getreue Wolfdieterich.

In großen Freuden fuhr er   mit seinem Ingesind,
Da wehten sie die Winde   zwölf Tage lang gelind,
Bis sie in Griechenlanden   kamen an ein Gestad.
Ihre Sorge nahm ein Ende,   sie hatten fröhlichen Tag.

Von den Kielen gingen    die Helden alsobald.
Da lag vor Konstenopel   ein mächtiger Wald,
Darin sie sich verbargen.   Als das geschehen war,
Nun mögt ihr gerne hören,   wie der Held sprach zu der Schar:

"Ich will euch, werten Herren,    raten was ihr tut.
Folget meiner Lehre,   das wird euch allen gut.
Ich will ganz alleine   gen Konstenopel gehn
Und suchen meine treuen   elf Diener auszuspähn.

"Nun merket," sprach zu ihnen   der König hoch geborn,
"Wenn ihr erschallen höret   dieses kleine Horn,
So säumt euch nicht lange,   ihr Helden ausersehn,
Denn sicher dürft ihr glauben,   dass mich die Feinde bestehn.

Nun bewahr euch Gott die Ehre,   ihr Herren allesamt!"
Da legt' er übern Harnisch   Pilgrimsgewand,
Und ging auf die Stadt zu;   traurig war sein Mut.
Um seine Diener klagte   der kühne Degen gut.

Er kam am späten Abend   an den Burggraben
Und barg sich bei der Mauer,   das will ich euch sagen.
Da lag er unlange,   bis er über sich vernahm
Gar bitterlich weinen   seine treuen elf Mann.

Deren waren nur zehne,   der elfte der war tot.
Sie klagten einhellig   ihre große Not.
Sie sprachen: "Süße Königin,   Mutter und reine Maid,
Dass du dich nicht erbarmest   über unser großes Leid!"

Da begann der älteste,   geheißen Herbrand:
"Nun wohl auf, ihr kühnen   Helden allesamt,
Bittet Gott den guten   all andächtiglich,
Sich gnädig zu erbarmen   des getreuen Wolfdieterich!

Es wird morgen an dem Tage   wohl zweiunddreißig Jahr,
Dass wir unsern Herren   nicht sahen, das ist wahr,
Und dass uns von dem Fürsten   niemand hat gesagt:
Reine Magd, Maria,   das Leid sei dir geklagt."

Da begann Wolfdietrich   in dem Burggraben:
"Ihr Zirkler auf der Mauer,   ich hör euch bitter klagen.
Was gäbt ihr dem zum Lohne,   ihr Helden wonniglich,
Der euch gesund ihn zeigte,   den getreuen Wolfdieterich?"

Sie sprachen: "Was wir hätten,   das wollten wir euch geben."
"Woher seid ihr gekommen?",   sprach Herbrand der Degen,
"Dass ihr ihn kennt, den Herren?   Wo habt ihr ihn gesehn?
Ach sagt es uns: Und müsst euch   immer Leib und Heil geschehn!"

"Ich will euch gerne sagen,"   sprach Wolfdieterich,
Zu Troje in dem Lande,    da ist er sicherlich.
Er ist der Herr des Landes,   das ist ihm untertan;
Er hat wohl Land und Leute,   der Degen lobesam."

Sie sprachen einhellig:   "Wir haben nichts zu geben;
Mit Weinen und mit Klagen   verbringen wir das Leben.
Wir armen Leute leiden   also große Not,
Wollte Gott vom Himmel,   wir wären lieber tot.

Von unserm Herzensjammer   wäre viel zu sagen:
Wir sind an eine Kette   je zwei und zwei geschlagen.
Wir armen Leute leiden   so großes Ungemach,
Es geschah wohl Christenleuten   nie so leid bis diesen Tag.

Man gibt je zwei und zweien   täglich ein halbes Brot
Und einen Trunk Wassers:   So müssen wir die Not
Desselben Tages stillen,   das glaubet sicherlich."
Da sprach in seinen Züchten   der getreue Wolfdieterich:

"Ihr Zirkler auf der Mauer,   ein armer Pilger spricht
Euch um ein Viertel Brotes an:   Das versagt mir nicht
Um eurer Seelen willen,   die ihr Gott schuldig seid.
Mit allzu großem Jammer   ist mir befangen der Leib."

Da sprach der alte Herbrand,   der kühne Held ersehn:
"Und würde mir verheißen,   mir sollten auferstehn
Vater und die Mutter,   die mich hat geboren,
Eh ich gäb ein Viertel Brots,   ich ließe beide sein verloren.

Doch wie es darum stehe,   so kann uns eins bewegen,
Um einer Seele willen   wollen wirs euch geben:
Das ist unser lieber Herr,   der treue Wolfdietrich."
Von der Mauer warf man ihm   das Brot da sicherlich.

Er mocht es nicht empfahn,    das will ich euch sagen,
Wie ein Toter fiel er   da in den Burggraben.
Ihn erbarmt' ihr Weinen,   das sie taten, also sehr:
Da lag in Unkräften   dieser kühne Degen hehr.

Sie klagten all aufs neue   ihre große Not:
"Nun ist uns der Waller   in dem Graben tot,
Der uns von dem Herren   noch Märe hat gesagt:
Reine Magd und Mutter,   dies Leid sei dir geklagt."

Da sprach Wolfdietrich wieder   in dem Burggraben:
"Ihr Zirkler auf der Mauer,   ihr sollt euch wohl gehaben.
Freut euch im Gemüte,   ihr Helden wonniglich:
Euch kommt in kurzen Stunden   der getreue Wolfdieterich!"

"Wollte Gott, dass er noch lebte   und wäre gesund!
Wir wollten gerne bauen   der tiefen Hölle Grund.
Er lebt leider nimmer,   er ist uns lange tot!
Wir armen Leute leiden   hier darum so große Not."

Da sprach Wolfdietrich wieder   in dem Burggraben:
"Ihr Zirkler auf der Mauer,   ihr sollt euch wohl gehaben.
Freut euch im Gemüte,   ihr Helden wonniglich:
Ich bin von Griechenlanden    euer Herr Wolfdieterich."

Da streckten sie die Hände   empor zur selben Frist;
sie sprachen: "Sei gepriesen,   Herr Vater Jesu Christ!
Dass wir unsern Herren   noch einmal sollen sehn,
Daran ist Herzensfreude   uns armen Leuten geschehn."

Sie hatten große Sorge,   wie sie nur sollten kommen
Zu ihrem lieben Herren,   den sie so nah vernommen.
"Es steht in Gottes Gnaden,   sollen wir uns sehn:
Ohne seine heilge Hilfe   kann es nimmer geschen."

Sie streckten all die Hände   empor zur selben Frist:
"Gedenke deiner Wunden   am Kreuz, Herr Jesu Christ.
Bei deinem heilgen Blute,   das aus fünf Wunden sprang,
Geruh dich zu erbarmen;   unsre Not währt allzu lang."

Ihres großen Ungemaches   erbarmte Gott sich da.
Nun höret, welch ein Zeichen   an den Herrn geschah:
Gott selber erlöste   sie aus der Ketten Haft:
Sie standen beieinander   ledig, in voller Kraft.

Da küssten sich in Freuden   die Degen kühn im Streit;
Zu aller Kühnheit fühlte   sich ihr Herz bereit.
Da ließen sich die Herren,   ihre Sorge war begraben,
Über die Mauer nieder   in den tiefen Burggraben.

Da fanden sie den Herren   da unten stehn allein.
Da sprachen zu dem Teuern   die Helden insgemein:
"Nun lass uns an der Seele   Gott übler nie geschehn,
Als da wir unsern Herren   nun mit Augen dürfen sehn!"

Nicht konnt er sei empfangen,   er fiel in den Graben
Recht wie ein Toter,   das will ich euch sagen.
So taten sie hinwieder:   Vor Freuden das geschah.
Nun mögt ihr gerne hören,   wie er sprach, der treue, da:

Die getreuen Diener   küsst' er alle zehn.
"Wo ist mein Meister Berchtung?   Den seh ich hier nicht stehn."
Sie Sprache inhellig:   "Lieber Herre mein,
Er ist tot seit zehn Jahren:   Lasst euer Weinen sein."

Da sprach Wolfdietrich: "Sagt mir,   wohin begrubt ihr ihn?"
Da nahmen sie ihn bei der Hand   und wiesen ihn dahin,
Vor St. Jürgen Münster,   wo er lag begraben.
Von seinem bittern weinen   wär euch gar viel zu sagen.

So sehr begann zu klagen   der kühne Weigand,
Er sprach: "Vernimm mein Weinen,   Herr, über alles Land!
Hast du je ein Wunder   getan in dieser Welt,
Das lass mich heut genießen,   Herr, wenn es dir gefällt.

"Heiß mir den Toten reden,"    sprach der kühne Mann,
"Dafür verbleib ich immer   dein getreuer Dienstmann.
Bei deinem edeln Blute   fleh ich dich, Jesu Christ,
Das dir aus fünf Wunden   am Kreuz gesprungen ist.

Heiß mit mir den Toten   aus dem Grabe reden,
Bei deines Grabes Ehre!",   sprach Wolfdieterich der Degen.
Da erbarmte Gott den guten   sein Weinen und sein Klagen:
Er hieß da den Toten   mit ihm reden aus dem Grabe

Ganz in der Gebärde,   als lebt' er noch zur Stund.
Da geschah ein großes Zeichen;   seine Seele war gesund.
Das erste Wort, das Berchtung   aus dem Grabe sprach:
"Willkommen, lieber Herre,   du meiner Freuden Dach.

Gedenke, hehrer König,   der treuen Dienste mein,
Und meine lieben Söhne   lass dir empfohlen sein.
Dazu sag ich dir Märe,   du tugendreicher Held,
Wie es um meine Seele   steht in jener Welt:

Die hat da Gnad empfangen,   das glaube sicherlich;
Versieh du so die deine,   getreuer Wolfdietrich!
Nun red ich nicht weiter,   tugendreicher Degen:
Gott möge deines Leibes   und deiner Seele pflegen."

Als des Toten Sprache   so ein Ende nahm,
Da mussten sie Wolfdietrich   tragen für tot hindann,
Da der Held in Unkraft   vor der Pforte lag,
Bis über ihn zu scheinen   begann der lichte Tag.

Da erscholl die Märe   weithin über Land,
Gekommen sei Wolfdietrich,   der kühne Weigand;
Die Zirkler auf der Mauer   wären entronnen gar.
In der Stadt versammelte   sich eine mächtige Schar.

In kurzer Zeit gewannen   sie wohl dreitausend Mann:
Die zogen zu der Pforte   mit Übermut heran.
Sie verlegten ihm die Steige   überall im Land;
Sie kamen hingezogen   wo man den Fürsten fand.

Als der Herzog Herbrand   sie von ferne sah,
Nun mögt ihr gerne hören,   wie sprach der Treue da:
"Wohlauf nun, lieber Herre,   die Heiden sind gekommen!
Wir mögen dir nicht helfen:   Die Wehr ist uns benommen."

Sie wähnten sich des Todes   und griffen an den Grund:
Dem Herrn zum Opfer nahmen   sie Erde in den Mund.
Sie baten Gott den guten   all andächtiglich,
Dass er sich sollt erbarmen   des getreuen Wolfdieterich.

Als nun Wolfdieterich   die große Not ersah,
Nun sollt ihr gerne hören   wie sprach der Treue da:
Die Wehrlosen hieß er   an seinem Rücken stehn,
Und tröstete sie gütlich,   die Degen ausersehn.

Da schlug er durch die Heiden   viel Pfade weit und breit,
Und trennte lichte Ringe   und festes Geschmeid.
Mit blutigen Werken   zahlt' er sein Lösegeld,
Und düngte mit den Toten   die Heid und auch das Feld.

Er stritt also mächtig   den sommerlangen Tag,
Mancher stolze Heide   vor ihm am Boden lag.
Er focht also kräftig,   der kühne Degen gut,
Man sah von seinem Schwerte   fließen das rote Blut.

Da sprach Herzog Herbrand:   "Wie soll es uns ergehn?
Unsern lieben Herren   sehn wir in Nöten stehn.
Wie sollen wir gebahren,   dass wir zu Hilf ihm kommen?
Wie wir wehrlos waren,   wir mögen Waffen bekommen."

Da zogen sie den Toten   den Harnisch ab zur Stund
Und entkleideten der Ringe,   die da lagen wund.
Wie bald sich da wappneten   die Helden kühn im Streit!
Sie nahmen sich zu schirmen   die guten Schilde breit.

Sie stritten bis zur Vesper:   Als der Tag ein Ende nahm,
Da traten sie zusammen   auf der Wallstatt Plan.
Sie wähnten überwunden   hätten sie die Not,
Da wurden sie bestanden   erst noch auf den bittern Tod.

Wolfdietrichs Brüder beide   ritten stolz einher
Mit dreitausend Heiden   geharnischt voll und schwer.
Ihre Schilde leuchteten,   ihre Helme wonniglich.
Da sprach in seinen Züchten   der getreue Wolfdieterich:

"Ihr Herren, wehrt euch wacker,   das tut euch große Not,
So ihr nicht wollt erschauen   den bitterlichen Tod."
Sein Schwert zu beiden Händen   nahm da sein treuer Bann:
So gingen sie im Streite   immer ritterlich voran.

Da trafen sie zusammen   mit großer Heftigkeit;
Bis früh am andern Morgen   dauerte der Streit.
Als das ersah Wolfdietrich,   dass der Streit kein Ende nahm,
Das Horn zu Munde setzte   und blies der kühne Mann.

Zweitausend und achthundert bracht ihm das Gezwerg,
Dem er gewonnen hatte   den wonniglichen Berg.
Als da Wolfdietrich   das Gezwerg ersah,
Er empfing es freudig;   all sein Leid verging ihm da.

Da fing seine Brüder   Wolfdietrich beidesamt:
Sie ergaben ihm in Griechenland   die Burg auch und das Land.
Sie zogen gen der Pforte:   Die ward ihm aufgetan;
Da wurde schön empfangen   der tugendreiche Mann.

Laut rief da Hache,   der Degen lobesam:
Er sprach: "Die Bürger haben   uns viel zu Leid getan,
Die Stadt muss verbrennen,"   sprach der kühne Mann.
"Ich geb ihnen meine Treue,   um ihr Leben ists getan."

"Nicht also, mein Geselle,"   sprach Wolfdieterich:
"Du sollst ihrer schonen,   das steht dir tugendlich.
Der Zwölfboten sieben   liegen hier begraben:
Des lass sie, Freund, genießen:   Sie sollen Gnade haben.

Wer sich will taufen lassen,   der tu es bei Zeit,
So mag er sich bewahren   die Seele wie den Leib.
Wer jedoch dem Teufel   will zur Seite stehn,
Ich geb ihm meine Treue,   es muss ihm an sein Leben gehn."

Diese Mären schollen   weithin in das Land,
Mancher stolze Heide   kam herzugerannt.
Achtzigtausend wurden   getauft in vierzehn Tagen.
Wolfdietrich ließ den Brüdern   das Land zu Lehen tragen.

Er war ihnen milde,   der Degen lobesam;
Er nahm von ihnen Urlaub   mit all seinem Bann.
Da wandte sich gen Garten   der wunderkühne Mann,
Und ward da schön empfangen   von seiner Frauen wohlgetan.

Da waren enterbet   seine treuen zehn Mann
Ihres väterlichen Erbes,   wie ich vermelden kann.
Er half ihnen wieder   in ihr eigen Land
Dass da gewaltig herrschten   die Degen auserkannt.


Da lohnte seinen Helden   der Kaiser mildiglich.
Hartmann und Hermann   gab er den Westerich:
Sie waren Landesherren   und lebten ohne Not,
Und hielten es in Ehren   bis an ihren Tod.

Er lohnte Berchtungs Söhne   mit Gaben allesamt.
Die Burg zu Garten gab er   dem kühnen Herbrand,
Dieweil sie war gelegen   bei seines Schwähers Land;
Der kühne Degen pflegte   der nun mit kluger Hand.

Also lebte Herbrand   mit der Frauen manches Jahr;
Er gewann mit ihr drei Söhne,   das wisset offenbar.
Den ersten von den dreien   hieß er Hildebrand;
Er half hernach dem Berner   erstreiten manches Land.

Der andre hieß Nere   und war ein kühner Mann,
Der dritt ein hehrer Degen,   geheißen Ilsan;
Dazwischen eine Tochter,   so haben wir vernommen:
Von deren Geschlechte   sind die Wölfinge gekommen.

Hachen ward am Rheine   ein weites Land verliehn;
Er gab ihm zum Weibe   eine edle Herzogin.
Zu Breisach auf der Veste   hielt er sie so zart,
bis sie einen Sohn gewann,   den getreuen Eckhart.

Seinem Bruder Berchter gab er   das Land zu Meran:
Er lohnte wohl mit Ehren,   was sie ihm Dienst getan,
Seinen Dienstleuten.   Kärnten das Land
Gab er dem Sohne Berchtungs,   der Berchtung war genannt.

Berchtwin dem starken   und dem jungen Alebrand
Erwies er seine Treue:   Sachsen und Brabant
Gab er den zwein; sie hatten   viel gelitten und gewagt:
Ihnen allen lohnte milde   der edle Held unverzagt.

Noch blieben ihrer viere,   die wurden heimgesandt
Von dem edeln Kaiser   in der Griechen Land.
Da waren sie gewaltig   bis an ihren Tod;
Er lohnt' ihnen dreifach   nach ihrer großen Not.

Da gebar ihm die Kaiserin   einen Sohn und eine Magd,
Die hieß man nach der Mutter    Sidrat, ist uns gesagt.
Das andre war ein Knabe   also wonniglich:
Der ward nach seinem Vater   geheißen Hugdieterich.

Sie zog die Kinder zärtlich,   so hören wir sagen:
Derweil hatt auch zu Garten   bei Herbrand getragen
Einen Sohn Amie:   Der ward noch weit bekannt:
Er war von klugen Sinnen   und geheißen Hildebrand.

Sie gewann noch zwei der Söhne,   so ward uns kund getan:
Der eine hieß Nere,   der andre Ilsan;
Dazwischen eine Tochter   geheißen Mergart:
Die gebar die Wölflinge   und den kühnen Wolfhart.

Als Hugdieterich der Junge   kam ins zwölfte Jahr,
Da starb die reiche Kaiserin,   Frau Sidrat, das ist wahr.
Da sprach Wolfdietrich trauernd:   "Ich will ins Kloster fahren.
Wer weiß wie lang ich lebe?   Meine Seel will ich bewahren.

So stark ward nie ein Degen,   er starb doch sicherlich."
Da befahl er Land und Leute   seinem Sohn Hugdieterich,
Und fuhr in ein Kloster,   geheißen Tuscal:
Es war St. Jörgens Ordens,   dem sich der Kaiser befahl.

Sein Schwert ward aufgegeben:   Da ward der Held entknappt
Vor dem Komtur zu Tuscal   und auch vor dem Abt.
Da lehrten sie den Orden   den edeln Fürsten hehr:
Dass er ihr Bruder worden,   des freuten beide sich sehr.

Sie häuften auf den Neuling   großer Ehren viel:
Das verdross Wolfdietrich,   ihm behagte nicht das Spiel.
Es musst ihm erbarmen   in dem Ordenshaus:
Den Reichen und den Armen   teilten sie ungleich aus.

Er sprach zu den Brüdern:   "Ist das ein göttlich Leben?
Soll man den Geringen   nicht die Genüge geben
Wie mir und den Besten?   Dass wir das Himmelreich
Mit Büßen hier erwerben,   so teilt den Brüdern gleich.

Soll ich hier die Seele   fressen in meinen Schlund,
Dass sie dann lieg und quäle   sich in der Hölle Grund?"
Da schüttet' er die Speise   zusammen allzumal,
Und hieß die Mönche teilen   gleich wie er befahl.

"Gleiche Brüder, gleiche Kappen!   Das ist brüderlich,
So mögen wir vor Gott bestehn,"   sprach Wolfdieterich.
Die nicht gehorchen wollten,   die strickt' er zwei und zwei
Zusammen mit den Bärten,   dass sie da hingen nach der Reih.

Da lebt' er in dem Orden   göttlich immerdar.
Was er Gott zu Liebe mochte,   das übt' er alles gar
Mit Fasten und mit Beten;   doch deucht es ihn gering.
Es ging ihm nach im Herzen,   dass sein Büßen nicht verfing.

"Ach lieber Gott vom Himmel,   was hab ich dir getan?
Dass ich keine Gnade   um dich verdienen kann!
Wüsst ich eine Buße,   dass ich in einer Nacht
Der Sünden ledig würde,   die würde willig vollbracht."

Als das die Brüder hörten,   sie sprachen: "Wilst du gern
Zu Gottes Gnaden kommen   mit Büßen vor dem Herrn,
Wir stellen eine Bahre   dir in das Gotteshaus,
Da liege du und schlafe,   wenn du magst vor Angst und Graus."

Das tat er gern und willig   als der Tag ein Ende nahm.
Da saß auf der Bahre   der Degen lobesam.
Da kamen Nachts die Geister,  die er im Leben schlug:
Mit denen musst er streiten:   Da hatt er Leides genug.

Die alten Feinde kamen   herbei in breiter Schar:
Ein jeder wollt es rächen,   der ihm erlegen war.
Er kam vor ihnen allen   die Nacht in große Not,
Denn die da mit ihm fochten,   die scheuten nicht mehr den Tod.

So trieb es Wolfdietrich   eine winterlange Nacht,
Mit ungezählten Toten   focht er in heißer Schlacht.
Vor Müde wie vor Hitze    ward dem Helden weh,
Das Haar auf dem Haupte   ward ihm so weiß wie der Schnee.

Am Morgen, da die Mönche   zur Mette wollten gehn,
Da sahen sie im Münster   wie dem Bruder war geschehn.
Ihm war der Sinn geschwunden,   er lag im Chor für tot;
Da hatten Abt und Mönche   vor Schrecken große Not.

Sie hoben ihn vom Boden:    Da war er noch warm;
Ihn trugen nicht die Füße,   der Abt bot ihm den Arm.
Doch kam er bald zu Kräften,   ein Trank hatt ihn erlabt:
"Wir loben Gott im Himmel,   wenn ihr gebüßet habt."

Da lebt' er in dem Kloster   hernach noch sechzehn Jahr,
Und diente treu dem Herren,   sagt uns das Buch fürwahr.
Da trugen Engelhände   zu Gott ihn sicherlich.
Hier hat das Buch ein Ende   und heißt Wolfdieterich.

Ü

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