Dreizehntes Abenteuer
Wie ein Zwerg ihm die Kaiserin
stahl und wie er sie wieder gewann
Da gab man Wolfdietrich die
Herrin wohlgetan.
Doch keinerlei Kurzweil der Held mit ihr begann:
Er wollt ihr erst die Wunder gerne lassen sehn,
Die von seinen Kräften im Berge waren geschehn.
Da begann Wolfdietrich zu
der Fraue wohlgetan:
"Eurer Ritter zwölfe nehmt zu Begleitern an."
Da wagt' es ihrer keiner in den Berg zu gehn mit ihr.
Da sprach die edle Kaiserin: "Nimm mich allein denn mit dir."
Da führt' er nach dem Berge
die schöne Herrin fort,
Und wies ihr die toten scheußlichen Würme dort.
Sie saßen miteinander dann auf dem Grafe frei;
Da schlich die Eltermutter all der Würme sich herbei.
Da hub der Wurm im Kampfe
sich an den kühnen Mann,
Und trieb ihn in dem Berge mit Gewalt hindann.
Die Frau nahm er in den schweif, das will ich euch sagen,
Und dachte sie mit Übermacht tief in den Berg zu tragen.
Da sprach sie: "Held, verliere
nicht um mich dein Leben!
Hat sich dir jemals Liebes von Weibeshuld begeben,
So gedenke meiner Seele, edler König hehr:
Du siehst mich in Garten lebendig nimmermehr."
"Nein, leibe Herrin,"
sprach Wolfdieterich.
Das Schwert in beiden Händen erschwang er kräftiglich,
Und schlug es auf den wilden Wurm, das sag ich euch fürwahr;
Er konnt ihn nicht verletzen doch so breit nur als ein Haar.
Er sprach zum Schwerte Rose:
"Verlässest du mich dann?
Dich trug zu seinen Zeiten des Leibes gar ein Mann."
Das Schwert ließ er kreisen mit kräftigem Saus:
Er schlug es durch die Würmin, dass es jenseits fuhr heraus.
Da hatt er in dem Berge die
Würme all erschlagen;
Zu seiner Herrin wandt er sich, das will ich euch sagen.
Da führt' er aus dem Berge die Fraue wohlgetan;
Von dem Stein geflohen waren all die Herren in ihrem Bann.
Er nahm die edle Königin
bei ihrer weisen Hand,
Und wies sie, wo er Ortnits morsch Gebeine fand.
Als die edle Königin das Gebein ersah,
Das Haar aus dem Haupte vor Jammer brach sie da.
Mit ihren beiden Händen sie
zu den Brüsten schlug:
"O weh mir armen Weibe, dass mich je die Mutter trug!
Gewonnen hab ich Arme so großes Herzeleid,
Dass mir Kraft und Schöne muss zergehn in kurzer Zeit."
"Nun stillet eure Klage,"
sprach der Weigand.
Sie setzten miteinander sich nieder auf das land.
Er entschlief in ihrem Schoße, da kam ein kleiner Mann
Und stahl ihm die Fraue; eine Tarnkappe hatt er an.
Durch den Wald entführte
die schöne Frau der Zwerg,
Bis wo ein schöner Brunnen sprang aus einem Berg.
Er legt' ihr an die Kappe, eine Wurzel in den Mund,
Und führte durch den Brunnen sie in der Erde Grund.
Als er nun erwachte und die
Frau nicht wieder fand,
Da gab er auf zu Garten die Burg und das Land,
Das Schwert in einer Kutte verbarg er, das ist wahr,
Und wallte nach der Frauen wohl in das vierte Jahr.
Da kam im vierten Jahre
Wolfdieterich dahin
Gegangen zu dem Brunnen wo die Kaiserin
War hindurch geleitet von dem Gezwerg.
Da setzte zu dem Brunnen sich der Held vor den Berg.
Da hatte sich nicht lange
Wolfdieterich geruht,
So kam zu einem Fenster im Berg die Fraue gut.
Als sie bei dem Brunnen den Getreuen sitzen sah,
Nun mögt ihr gerne hören, wie sie sprach, die Fraue, da.
Sie sprach: "Lieber Herre"
(Billung hieß der Zwerg),
"Ein irdischer Mann ist gekommen vor den Berg.
Aus welchen Landen immer er sei hieher gekommen,
Er weiß viel fremder Märe: Die hätt ich gerne vernommen."
Da sprach das Gezwerge:
"Liebe Herrin mein,
Alles was dir lieb ist, das soll geschehen sein."
Da nahm es um die Kappe, die Wurzel in den Mund,
Und fuhr durch den Brunnen empor zur selbigen Stund.
Es fuhr empor geschwinde
und kam dahin zuhand,
Wo es bei dem Brunnen den Getreuen sitzen fand.
Als es nun von ferne Wolfdietrichen sah,
Es empfing ihn gütlich; nun hört, wie sprach es da:
"Sei willkommen, Waller,
hier vor diesem Berg.
Ich will dich gern bewirten," sprach das Gezwerg.
"Und willst du, edler Pilgrim, heunte bei mir sein,
Gern will ich mit dir teilen mein Brot und meinen Wein."
Wolfdietrich sprach: "So lohne
Gott vom Himmel dir
Der Treue und der Güte, die du begehst an mir."
Es gab ihm um die Kappe, eine Wurzel in den Mund,
Und führt' ihn durch den Brunnen hinab zur selbigen Stund.
Als sich nun im Berge
Wolfdietrich umgesehn,
Da fand er in dem Berge eine schöne Veste stehn.
In der Veste sah er zweihundert Türme gar;
Die Mauerzinnen glänzten wie der lichte Tag so klar.
Das Gezwerg nahm den Fürsten
bei seiner starken Hand
Und wies ihn, wo der Degen ein Ziergärtlein fand,
Da war ein Gesiedel von Marmelstein bereit;
Darob stand eine Linde, die war grün zumal und breit.
Bei derselben Linde stand ein ehrner
Mann,
Zwei Blasbälge rührt' er, die waren wonnesam.
Fünfhundert goldne Röhren gingen aus dem Baum,
Und fünfhundert Vöglein sah man sitzen in dem Raum.
Es war gar schöne Zierde,
das glaubet sicherlich.
Dahin oft Kurzweil willen begab das Zwerglein sich.
Wenn das Bild die Bälge rührte mit der Hand,
So sangen auf der Linde die Vöglein allesamt.
Nun stand auf jener Seite
ein Pallas, der war weit.
Da sah man gerichtet zu derselben Zeit
Wohl fünfhundert Tische, das sag ich euch fürwahr,
Fünfhundert Zwerg an jedem, sie all zu Wunsche gar.
In demselben Pallas stand
ein goldner Mann,
Ein Gießfass in den Händen, das war auch wonnesam:
Das Gießfass war so künstlich geschaffen und so groß,
Dass dasselbe Bildnis hundert Mannen Wasser goss.
Nach dem Mahle wurden die
Tische hingetragen.
Da sprach die Herrin: "Waller, kannst du mir sagen:
Weist du Bescheid auf Garten? Das sag mir sicherlich:
Da saß vordem ein König, der hieß Wolfdieterich.
Es sind wohl vierthalb Jahre,
wenn ichs erkennen kann,
Da hat mich ihm gestohlen dieser kleine Man.
Doch hab ich es mit Listen also getrieben,
Dass er meines Leibes nie Meister ist geblieben."
Da sprach zu ihr Wolfdietrich:
"Ich hab ihn nie gesehn,
Auch nie von ihm vernommen, das muss ich euch gestehn."
Da sprach in großem Zorne zu ihm der kleine Mann:
"Der Rede willen ist es um euer Leben getan."
"Wes hast du mich zu zeihen?",
sprach Wolfdieterich.
"Ich kam zu deinem Brunnen, das weist du sicherlich;
Du ludest mich zu Hause und gabst mir Brot und Wein:
Welcher Schuld nun weist du mich armen Waller zu zeihn?"
Sie sprach: "Du sollst ihn schonen,
es ist ein armer Mann."
"Nein, Herr Wirt," versetzt' er, "kehre dich nicht daran.
Ich war in meinem Lande," sprach der kühne Held,
"Wohl ein werter Ritter, und habe manchen gefällt."
Ein Kopf stand auf dem Tische,
der war von Golde ganz;
Wolfdieterich der Treue sah manchmal nach dem Glanz.
Er hob den Kopf vom Tische; er war erzürnt genug,
Als er dem Wirt des Landes ums Haupt den Becher schlug.
Der Zwerg begann zu schreien,
weit scholl es in den Tann:
"Das klag ich Gott dem guten, dass ich dich zu Gast gewann!
Es muss mich immer reuen, auf die Treue mein:
Ein beschwerlicher Pilgrim magst du in Wahrheit sein."
Das Gezwerg ließ seinen Harnisch
alsbald zur Stelle tragen:
Wolfdietrich ward bestanden, das will ich euch sagen,
Von zweien wilden Riesen in des Zwerges Bann.
Da stand in Ungnaden der tugendreiche Mann.
Wohl musste mühsam streiten
der Held um sein Leben:
Das Schwert aus den Händen geschlagen ward dem Degen.
Da stand der Held von Griechenland wehrlos in großer Not.
Kam sie ihm nicht zu Hilfe, so war es jetzt sein Tot.
Die Herrin legt' ihm wieder
das Schwert in seine Hand,
Und half so aus den Nöten dem kühnen Weigand.
Sie bot ihm willig Dienste, das stand der Frau wohl an.
Er dankt' es ihr gutlich, der tugendreiche Mann.
Da stritt so heldenmäßig
der Degen auserkannt:
Viel der edeln Zwerge bezwang da seine Hand.
Der Streit währt' in der Veste bis an den dritten Tag,
Da der Wirt und sein Gesinde vor ihm erschlagen lag.
Da ward erst von der Kaiserin
Wolfdieterich erkannt:
Sie fiel ihm zu Füßen, die edle Frau, zuhand.
Er hob sie auf und küsste sie lieblich auf den Mund:
Da weinte sie vor Freuden um den unverhofften Fund.
Da nahm er seine Herrin, an
der kein Tadel lag,
Und wollte durch den Brunnen sie führen an den Tag.
Da kam ein Gezwerge, das war licht und schön,
Aus dem Berg gelaufen und hieß ihn stille stehn.
Wolfdietrich sprach erschrocken:
"Wo will das wieder hin?
Will mich armen Waller noch ein Heer überziehn?"
Der Zwerg fiel ihm zu Füßen und küsst' ihm die Hand:
"Siehst du, Wolfdietrich, dies wonnigliche Land?
Das war mein eigen und war
mir untertan,
Bis mir es Billung mit Untreu abgewann.
Willst du nun Zierde schauen, die lass ich dich sehn:
Reichtum und Ehren magst du wohl mir zugestehn."
Er nahm ihn an die Seite
und hieß ihn mit sich gehn:
In einem Wurzgärtlein eine Linde sah er stehn.
Sie saßen zueinander nieder auf das Land;
Das Gezwerg hatt ein kleines Schlüsselein in seiner Hand.
Auf schloss er ihm die Linde,
das wisset sicherlich:
Da gingen aus der Linde zwölf Maide wonniglich
Je zwo beieinander Hand gefügt in Hand;
An ihrem Leibe trugen sie manch herrlich Gewand.
Die silbernen Kleider waren
reich genug;
Ein gülden Band jedwede auf dem Haupte trug.
Da sprach das Gezwerge: "Tugendreicher Held,
Ich will dich schauen lassen alles was mein Baum enthält."
Er nahm ihn an die Seite
und bat ihn einzugehn:
Da sah er in der Linde eine Zeder stehn.
Die Zeder in der Linde trug allgoldnen Schein;
Daraus schenkte man den Herren beides Morass und Wein.
Der Hausherr sprach: "Ich will dir
eine Gabe geben,
Die sollst du mir danken so lang dir währt das Leben.
Ich lüge dir nimmer, das sollst du glauben mir."
"Du bist getreu, das weiß ich, und gern vertrau ich dir.
Des sollst du Dank empfahen,
das will ich dir sagen."
Da hieß das Gezwerge ein Büchse vor sich tragen,
Und schenkte dem Herren die Büchse zuhand.
Er sprach: "Ich will dir melden, wie es ist um sie bewandt.
Dreimal in dem Jahre, Degen
lobesam,
Nimmst du aus der Büchse gewappnet fünfzig Mann,
Und welcherlei Kleider sie gerne wollen tragen.
Noch will ich dir ferner von derselben Büchse sagen:
Wenn dich vertreiben wollen
die Herrn in deinem Lehn,
In der Büchse findest du fünfhundert Ritter stehn.
Nun warte hier ein Weilchen." Da ging es hindann
Und versperrt' ihn in der Linde mit der Frauen wohlgetan.
Da rief es hinwieder:
"Lieber Herre mein,
Wie willst du dich erledigen? Du musst gefangen sein."
"Wes möchtest du mich zeihen?", sprach Wolfdieterich.
"Ich kam zu deiner Linde, das weist du sicherlich,
Im Vertraun auf deine Güte;
was rächtest du an mir?
Du bist getreu, das weiß ich, und vertrauen will ich dir."
"Wes wollt ich dich zeihen?", sprach das Gezwerg:
"Du bist mir zu Frommen gekommen her in den Berg.
Meines Vaters ganzes Erbe,
die Burg und das Land,
Damit will ich dir dienen, Degen auserkannt."
Da bracht es in den Händen ein kleines Hörnelein
Und sprach: "Du Getreuer, das soll deine Gabe sein.
Kämst du fern ins zehnte Land,
und dräute dir Gefahr,
So brauchst du nur zu blasen, das sag ich dir fürwahr.
Denn so ist es bewendet um dieses Hörnelein,
Ich komme dir zu Hilfe mit dreihundert Mannen mein."
Da sprach zu ihm Wolfdietrich:
"Kannst du mir nicht sagen,
Von wem hast du die Kostbarkeit? Das möcht ich gerne fragen."
Da sprach das Gezwerge: "Das tu ich dir kund,
Ich will dich des bescheiden allhie zu dieser Stund.
Mein Vater hieß Thernück,
und war ein Gezwerg;
Ihm dienten der Genossen zwölfhundert hier im Berg.
Von Gott hatt er drei Wünsche, tugendreicher Degen,
Die wusst er nicht besser denn also anzulegen:
Einen an die Linde, den
andern an das Horn,
Den dritten an die Büchse. Nun heb ich an von vorn:
Meines Vaters ganzes Erbe, die Burg und das Land,
Die biet ich dir zu eigen, edler Degen auserkannt."
Der Zwerg nahm den Fürsten
bei seiner starken Hand
Und führt' ihn aus dem Berge: Da war es wohl bewandt.
Auf eine breite Straße kam der kühne Mann:
Da wandt er sich gen Garten mit der Frauen wohlgetan.
Noch war nicht weit gegangen
im Wald Wolfdieterich,
Da hört' er eine Stimme, die klagte jämmerlich:
Da ließ er die Kaiserin bei einer Steinwand,
Und eilte nach der Stimme, bis er ein wildes Fräulein fand.
Die war in Kindesnöten, ihr
Leib war groß und schwer.
"Was ist euch, liebe Fraue?", sprach der Degen hehr,
"Kann ich eur Leid nicht wenden? Das macht mir doch kund."
"Herr, ich tu es gerne," sprach sie mit bleichem Mund.
"Mir ist weh zu einem Kinde:
Drum geht hinweg beizeit,
Dass nicht Mannesaugen schauen Frauenheimlichkeit."
"Warum, liebe Fraue, schämst du dich vor mir?
Verbinde mir die Augen und lass mich weilen bei dir."
Da ging zu einem Baume das
Fräulein auf ein Gras,
Wo sie eines schönen Sohnes nach kurzer Frist genas.
Sie sprach zu dem Helden: "Kühner Degen hehr,
Bei unsrer lieben Frauen, bringt mir doch Wasser hieher."
Da eilt' er hin geschwinde
wo er ein Brünnlein fand,
Und trug ihr im Helme Wasser hin zuhand.
Da war an der Fraue eine jämmerliche Not:
Als er das Wasser brachte, da war sie leider tot.
Da taufte das Kindlein der
treue Wolfdietrich,
Und grub ein Grab der Frauen, das glaubet sicherlich.
Als er das Grab gegraben mit dem Schwerte sein,
Da war gestorben leider das kleine Kindelein.
Da legt' er zueinander in
ein Grab alle zwei,
Und bat Gott in seinem Herzen, dass er ihnen gnädig sei.
Er sprach: "Herr Gott vom Himmel, bei den fünf Wunden dein;
Lass dir dieser Frauen und meines Paten Seel empfohlen sein."
Ü
Þ |