Zwölftes Abenteuer
Wie Wolfdietrich die Kaiserin zum
Gemahl gewann
Da stand bei der Pforten
ein edler Graf erkannt,
Der war von Piterne; Wildung war er genannt.
Der hörte die Märe, das glaubet sicherlich,
Die Würme hätt erschlagen der Held Wolfdieterich.
Da ritt er nach dem Berge
fünfhunderten gesellt,
Und schnitt den toten Würmern die Häupter ab, der Held.
Zween edle Ritter wollt er bezwungen haben,
Dass sie sprechen sollten, die Würme hätt er erschlagen.
Da wollten ihm nicht beistehn
die zween mit ihrem Wort.
Da stahl der eine Ritter sich von dem Grafen fort:
Zu Wolfdieterichen kam er in den Tann;
Unter einer grünen Linde fand er den kühnen Mann.
Als er Wolfdieterichen nur
von ferne sah,
Nun mögt ihr gerne hören, wie sprach der Ritter da:
"Heißet ihr Wolfdieterich? Das sollt ihr mir sagen:
Ein Graf hat sich der Tat gerühmt, die Würme hat er
erschlagen."
Als nun Wolfdietrich die
Rede vernahm,
Den Grafen wollt er suchen alsbald in dem Tann.
Vor dem wilden Berge fänd er ihn sicherlich.
Da eilte nach dem Grafen der treue Wolfdieterich.
Als er nur den Grafen aus
der Ferne sah,
Gerne mögt ihr hören, wie sprach der treue da:
"Saget ihr, ihr hättet, Herr Graf, die Würm erschlagen?"
"Ja, ich stritt mit dem alten wohl gen dreien Tagen
Vor dem wilden Berge, das
glaubet sicherlich.
Nun trabet, kühner Degen, und sagt bescheidentlich,
Wenn ihr kommt gen Garten, die Würm hätt ich erschlagen:
So geb ich euch ein gutes Ross, das euch wohl heim mag
tragen."
"Mir träumte noch immer,"
sprach Wolfdieterich,
"Ein reicher König wäre mein Vater sicherlich.
Du wärst mein eigen besser, als ich dein Untertan:
Willst du mit Lug gewinnen die Fraue wohlgetan?"
Darob begann zu zürnen der
edle Graf erkannt;
Auch standen ihm zur Seite die Mannen allesamt.
Da wurde Wolfdietrich bestanden härtiglich
Von all des Grafen Mannen: Der Kampf ward fürchterlich.
Er trat mit seinem Rücken
vor eine Steinwand:
Rose, sein gutes Schwert, nahm er in die Hand,
Und schlug alsbald dem Grafen fünfzig aus seinem Bann.
Dann bat er Gott den Guten, dass er ihm helfe hindann.
Da wandte sich gen Garten
der edle Graf erkannt;
Die Kaiserin, die spähend dort an der Zinne stand,
Sie sprach: "Herr Gott vom Himmel, was hab ich dir getan?
Der mein Knecht gewesen, soll ich den nehmen zum Mann?"
Da der Graf von Piterne zu
dem Hofe kam,
Er sprach: "Mir haben die Würme erschlagen fünfzig Mann;
Kaum mocht ich selbst sie zwingen, das glaubet sicherlich."
Die Rede hört' ein Ritter, hieß der schöne Heinrich.
Der sprach: "Den Wurm schlug niemand
als Wolfdieterich;
Darauf will ich euch bestehen, das wisset sicherlich.
Ihr hättet, Graf, die Würme nicht anzusehn getraut."
"Was zeiht ihr mich," sprach zürnend der edle Graf überlaut.
"Wer mit seinen Augen den
Streit hätt angesehn,
Wie mir mit den wilden Würmen wär geschehn -
Ich stund in großen Nöten, davon wär viel zu sagen,
Bis ich in dem Berge all die Würme hatt erschlagen."
Da gab man dem Grafen die
Fraue wohlgetan.
Nun war der Wirt Wolfdieterichs der treue Waldmann:
Als der vernahm die Märe, das glaubet sicherlich,
Er hub sich gen dem Walde zu dem treuen Wolfdieterich.
Als nun Wolfdietrich die
Kunde vernahm,
Noch spät desselben Abends kam er zur Burg heran.
Da bat er den Pförtner: "Lass mich herein."
Der sprach: "Herr, das kann nicht ohne meinen Meister sein."
Dieser Red erzürnte
Wolfdieterich zumal.
Da stieß er auf die Pforte und trat in den Saal.
Da teilt' er die Speise mit einem fremden Mann:
Nicht draußen wollt er sitzen, darum griff ers also an.
Er sprach: "Du sollst nicht zürnen,
lieber Geselle mein,
Dass hier will ein Edelmann dein Tischgenosse sein;
So ich je Gut gewinne, auf die Treue mein,
Mit dir und schönen Leuten muss das geteilet sein."
Die Frau hub einen Becher,
sandt ihn Wolfdietrich hin.
Der trank daraus und gab ihn seinem Nachbarn hin.
Dann zog er von der Rechten Ortnitens Fingerlein:
Er warf es in den Becher und sandt es der Frauen sein.
Als die edle Kaiserin das
Fingerlein ersah,
Nun mögt ihr gerne hören, wie sprach die Fraue da:
"Weh mir armen Weibe, dass ich je ins Leben kam!
Dies Fingerlein war Ortnit, meinem geliebten Mann.
"Der Held verlor das Leben,"
sprach die Kaiserin hehr.
"Ich erseh ihn zu Garten lebendig nimmermehr."
"Es muss mich immer reuen," sprach der Graf erkannt.
"Frau, lasst euer Weinen, und gehn wir schlafen zuhand."
Alsbald rief die Kaiserin
Wolfdieterich heran:
"Wer gab euch das Fingerlein, tugendreicher Mann?"
"Das tat im Walde einer, das glaubet sicherlich:
Der ist geheißen der treue Wolfdieterich."
Sie sprach: "Kühner Degen,
gebt euch kund bei Zeit,
Wenn je euch lieb geworden ist ein wertes Weib.
Heißt ihr Wolfdietrich? Das sei mir kund getan,
Wenn je euch lieb geworden sind eure treuen elf Mann."
Da sprach in seinen Züchten
der Held Wolfdieterich:
"Ihr sollt nicht länger fragen, Herrin minnniglich.
Edle Königstochter, es sei euch kund getan:
Mit diesem Schwert gerochen hab ich euern lieben Mann."
Einen Mantel Palmatseiden
trug Wolfdieterich;
Den nahm von der Schulter der Degen tugendlich.
Hundert Knäufe standen darauf von lichtem Gold:
"Das nimm, Tischgenosse, von mir an und sei mir hold."
Als die Herren alle die
reiche Gabe sahn,
Nun mögt ihr gerne hören, wie sie huben zu ihm an:
"Habt ihr die Würm erschlagen," sprach der Graf erkannt,
"So lasst euch eure Zeichen hier schauen gleich zur Hand."
Dawider sprach Wolfdietrich:
"Das kann nicht geschehn,
Graf von Piterne, lasst eure Zeichen sehn."
Hinwider sprach Graf Wildung: "Das will ich nicht versagen."
Die Wurmhäupter ließ er da alsbald zur Stelle tragen.
Sie trugen hin die Häupter
vor die Königin.
Da begann Wolfdieterich, der Held, aus kühnem Sinn:
"Nun geht herzu, ihr Frauen, ihr Herren männiglich:
Wer sah je ohne Zungen Häupter? Das ist wunderlich."
Da griff er nach den Zungen
und fand sie allzumal,
Die zeigt' er der Königin und ihren Herrn im Saal.
Da stritten alle wider ihn, das will ich euch sagen:
Man zieh ihn, als hätt er den Kaiser Ortnit erschlagen.
Da kehrt' er den Rücken
wider eine Wand,
Rose, sein gutes Schwert, nahm er in die Hand.
Da musst er grimmig streiten, das will ich euch sagen.
Er sprach: "Hätt ich den Löwen, den ich zur Burg hab
getragen!"
Als die edle Kaiserin die
Rede vernahm,
Da ließ heraus den Löwen die Herrin wohlgetan.
Da sprang der wilde Löwe durch die Burg sofort,
Da sah er seinen lieben Herrn in großen Nöten dort.
Er sprang ihm zur Seite und
half ihm als ein Mann;
Mit dem Wedel strich er nach ihm, mit den Augen lacht' er ihn
an.
Eine Flucht ward in dem Saale, das will ich euch sagen:
Der Graf ward gefangen und das Haupt ihm abgeschlagen.
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