Elftes Abenteuer
Wie Wolfdietrich einem andern
Löwen gegen einen Serpant beistand und ihn der Kaiserin trug
Nun kehrte von dem Steine
der treue Wolfdietrich
Gen einem schönen Berge, das wisset sicherlich:
Darein hatt er getragen zum Lager Laub und Gras,
Als er vor einem Winter darin geborgen saß.
Er nahm das Schwert und legt' es
vor dem Berg auf einen Stamm:
"Rose, ich will dich nimmer," sprach der kühne Mann,
"Ich träfe denn in Griechenland meine treuen elf Mann,
Oder einen wilden Löwen in großen Nöten an."
Bis an den vierten Morgen
saß der Getreue da
Aller Welt verborgen und dass ihn niemand sah;
Essens und Trinkens der Held auch nimmer pflag,
Außer Laub und Wurzeln, so lang als er da lag.
Damit wollt er büßen, der
Degen wonnesam,
Alle die Sünde, die er wider Gott getan.
Darauf am vierten Morgen hörte der kühne Mann
Einen wilden Löwen brüllen da draußen in dem Tann.
Als des Löwen Stimme
Wolfdieterich vernahm,
Sein Schwert Rose nahm er und ging in den Tann.
Nach des Löwen Stimme ging er durch den Wald,
Und fliss sich der Reise als sonder Aufenthalt.
Er hätt ihn gern ergangen,
der tugendreiche Mann;
Doch trug ihn seine Straße fern von ihm hindann.
Sein Ross war ihm verdorben, zu Fuße musst er gehn:
Da sah der kühne Degen eine schöne Linde stehn.
Als er da ruhen wollte, kam
ein wilder Mann
Und stahl ihm sein gutes Schwert und trug es in den Tann.
Als er darnach erwachte und sein Schwert nicht sah,
Nun mögt ihr gerne hören, wie er sprach, der Kühne, da:
"Ach reicher Gott vom Himmel,
was hab ich dir getan,
Dass ich keine Gnade um dich verdienen kann?
Fänd ich einen wilden Löwen stehn in großer Not,
Und möcht ihm nicht helfen, bei ihm so läg ich tot,
Wenn ich gesehen hätte wie
er sein Ende nahm.
Nun berate Gott in Griechenland meine treuen elf Mann,
Und den Herzog Berchtung, den lieben Meister mein;
Ach Gott, lass meine Seele dir befohlen sein."
Diese Rede hörte allda der
wilde Mann;
Er sprach: "Kühner Degen, noch weile hier im Tann,
So hast du meine Treue, ich bin dir untertan.
Wohl kenn ich dich, Wolfdietrich, du bist ein kühner Mann;
Du bist von Griechenlanden
ein Degen lobesam:
Dein gutes Schwert nimm wieder, du tugendreicher Mann.
Deine Sorge hat ein Ende, das wisse, unverwandt:
Dreizehn Königreiche soll erstreiten deine Hand.
Siehst du dort im Walde den
wonniglichen Berg?
Da gehorcht mir zu fünfhundert manch wildes Gezwerg,
Und zweenundsiebzig Riesen gar gewaltiglich:
Damit will ich dir dienen, wenn du willst, Wolfdieterich."
Da dankt' er ihm der Güte;
das Schwert er wieder nahm,
Und wandte sich gen Garten, der tugendreiche Mann.
Einen wilden Löwen traf er, eh er gen Garten kam,
Vor einem Serpanten in großen Nöten an.
Als da von fern Wolfdietrich
den wilden Löwen sah,
Nun mögt ihr gerne hören wie sprach der Treue da:
"Löwe, mein Geselle, tritt an den Rücken mein,
Ich will dein Notgeselle bis an mein Ende sein."
Rose, das gute Schwert,
nahm er in die Hand
Und schlugs mit vollen Kräften auf den Serpant.
Das Tier erschrak des Schlages und sprang von ihm hindann;
Wolfdietrich den getreuen blies es mit Feuer an.
Nie zu so großen Nöten
gekommen war er eh:
Vor Glut musst er sich senken in einen tiefen See.
Da hatte sich Wolfdietrich den Serpant recht besehn:
Er sprach: "Von allen Leuten kann ich allein dich bestehn."
Da sprang er aus dem Wasser
und lief dem Tiere nach:
Er gab ihm mit dem Schwerte manchen schweren Schlag.
Wolfdietrich den getreuen blies es mit Feuer an,
Dass der Wald und die Heide umher zu lohen begann.
Zu so großen Nöten kam der
Held nicht mehr:
Wie mitten auf dem Roste stand der Degen hehr.
Er mochte nicht entweichen des heißen Feuers Grimm;
Die lichten Harnischringe, um den Leib erglühten sie ihm.
Doch half ihm Gott der gute,
dass er das Tier erschlug,
Und St. Pankrazien Heiltum, das er bei sich trug,
Dass er anch dem Brande gesund von dannen kam.
Da wandt aus dem Walde sich der unverzagte Mann.
Da nahm auf die Arme der
Held den wilden Leun
Und trug ihn gen Garten, auf die Treue mein.
Nun kam er mit dem Leuen gen Garten in den Graben:
Da hört' er noch den Wächter mit der edeln Frauen klagen.
Sie sprach: "Ach Gott vom Himmel,
was hab ich dir getan?
Dass ich verlieren musste den viel geliebten Mann,
Das muss mich ewig reuen!", sprach das werte Weib:
"Ei! Wer mir raten wollte, wie ich verderbte den Leib!"
Sie sprach. "Was soll mir ferner
solch ein weites Land?
Über dreizehn Königreiche war ich Frau genannt:
Die hab ich Gott gegeben, der den Tod am Kreuz gewann,
Dass er sich erbarme über meinen lieben Mann,
Den mir die wilden Würme in
den Berg getragen.
Ach, Herr Gott vom Himmel, wann hör ich auf zu klagen?"
Sie sprach: "Kaiser Ortnit, soll ich dich nie mehr sehn,
Mir armen Frau, wie möchte mir denn übler sein geschehn?"
In eine Kapelle nun gingen
sie hindann:
Da stand ein Bild gegossen nach St. Amasian.
Als die edle Kaiserin das Bildnis ersah,
Nun mögt ihr gerne hören, wie sie sprach, die Fraue, da:
"Wie nun, heilig Bildnis,
Herr St. Amasian!
Ich empfahl auf Treue dir meinen lieben Mann;
Den hast du mir verlassen," sprach die Fraue hehr:
"Du ungetreuer Amasian, ich vertraue dir nicht mehr.
Ich gab dir Lehn und Eigen,"
hub sie wieder an,
"Ich opferte dir täglich drei Gulden, Amasian:
Das tat ich, dass du wolltest mir gewogen sein,
Du ungetreuer Trügner mir hütetest den Herren mein."
Das erschien ihr vor dem Altar
St. Amasian
Gleich einem alten Herren, weiße Kleider trug er an:
Die waren, wisset sicher, weiß wie der Schnee;
Er sprach: "Edle Kaiserin, dein Weinen tut mir weh.
Wär das nun besser,
verdürbest du dich gar?
Hätt er dir folgen wollen, noch lebt' er vierzehn Jahr."
Er sprach: "Edle Kaiserin, lass dir die Wahrheit sagen:
Ihn hätten doch die Würme in den Berg zuletzt getragen."
Da ließ sie eine Tafel sich
bald zur Stelle tragen,
Da stand sie und der Kaiser gemalt, will ich euch sagen.
Als die edle Kaiserin die beiden Bilder sah,
Sie sprach: "Du sollst nicht lachen, es geht mir allzunah.
Du wähnst, ich stünd in Freuden,
wie ich wohl sonst getan;
Nein, verloren hab ich meinen lieben Mann!"
Sie schlug mit einem Handschuh ihr Bild an den Mund:
"Schäm dich, verfluchtes Bildnis! Meine Sorge tu ich dir kund.
Wohl hab ich Grund zu klagen,
das Weinen tut mir Not:
Trost und alle Freude sind mir gelegen tot.
Nun gnade, lieber Herre, Gott der Seele dein:
So lang du warst am Leben, durft ich mit Freuden sein.
Und ist, dass deine Seele
nun in Nöten sei,
So mache, Gott vom Himmel, sie aller Sorgen frei,
Und lass meine Seele dafür zu Pfande stehn:
Das lass, Gott vom Himmel, bei deiner Mutter geschehn.
Süße Königin Maria, Mutter,
reine Maid,
Lass dich heut erbarmen mein großes Herzeleid.
Einer armen Frauen Klage lass dir zu Herzen gehn:
Um deines Kindes willen überhöre nicht ihr Flehn."
Da trat an die Zinnen die
Kaiserin heran,
Gar jämmerlich beklagte sie ihren lieben Mann.
"Bedächt ich nicht die Seele, von der Zinne würf ich mich."
Wolfdietrich sprach, der Treue: "Ich fing' euch sicherlich."
Da sprach Frau Sidrat: "Ich
tu mir, Herr, kein Leid;
Doch lasst mir, edler Degen, erfahren wer ihr seid."
Da sprach zu ihr Wolfdietrich: "Ich will euch ehrlich sagen:
Einen wilden Löwen hab ich zu der Burg hieher getragen.
Ich bin aus dem Walde zu
dieser Burg gekommen;
Frau, euer großes Weinen hab ich wohl vernommen.
Heilt den wunden Löwen, edle Herrin, mir,
Um Ortnits Seele willen," sprach Wolfdieterich zu ihr.
Sie mocht es kaum erwarten
bis der Tag erschien,
Mit ihren Jungfrauen hub sie sich dahin.
Sie fand den wunden Löwen, das wisset sicherlich:
In eine Kammer nahm ihn die edle Frau mit sich.
Am Abend ging er wieder in
den Burggraben,
Da hört' er den Wächter und seine Herrin klagen.
Da sprach zu ihr der Wächter: "Viel leibe Herrin mein,
Tröstet euch im Leide und lasst eur Weinen sein."
"Dreizehn Königreiche, die
ich verlor,
Und tausend Mark Goldes, des Reiches Zins zuvor,
Des alles unterwanden sich die in meinem Bann:
Nun mag ich kaum beraten einen armen Kapellan."
Ein Stein lag vor der Pforte,
das will ich euch sagen,
Den hätt um seine Schwere ein Wagen nicht getragen.
Den warf da Wolfdietrich über die Zinne hin.
Da sprach in ihren Züchten die edle Kaiserin:
"Das gleicht niemand anders
als Kaiser Ortnit:
Wenn er spät des Abends heim kam, so weckt' er mich damit.
Bist du vielleicht verwildert fern in einem Tann,
So lass mich nicht mehr weinen, du tugendreicher Mann."
Da sprach von Griechenlanden
der Held Wolfdieterich:
"Ihr sollt nicht mehr weinen, Herrin minniglich."
Er sprach: "Edle Kaiserin, nun sei euch kund getan:
Mit meinem Schwert gerochen hab ich euern lieben Mann."
Ü
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