Achtes Abenteuer
Wie Wolfdietrich bei des Heiden
Tochter in der Kemenate war
Da so verlor der Kaiser
Leben und Leib,
Da klagte noch zu Troje Wolfdieterich sein Weib.
Das Kreuz an ihrem Grabe nahm der König hehr;
Um ihrer Seele willen fuhr der Held über Meer.
Einen alten Waller nahm der
Held zu sich;
Den hatt er an dem Hofe gehalten würdiglich.
Zum heiligen Gabe führt' er ihn jetzt mit sich hindann:
Da legten sie ihre Opfer, wie ich vermelden kann.
Da nun der Tugendreiche von
dannen wieder schied,
Da starb ihm sein Waller, so meldet uns das Lied.
Er sprach: "Gott vom Himmel, was hab ich dir getan,
Dass ich keine Gnade bei dir erwerben kann!"
Mit Leide schifft' er wieder
über des Meeres Flut.
Auf eine sichre Straße kam der König gut.
Da ritt er Holz und Heide, der Degen lobesan;
An dem zwölften Morgen kam er zu Pludenz auf den Plan.
Da hört' er Märe sagen von
einem Heidenmann,
Der mit Messerwerfen stets den Sieg gewann.
Eine schöne Tochter hatt er und saß in Falkeneis:
An manchem werten Ritter hatt er erstritten den Preis.
Als Wolfdieterichen die
Märe ward bekannt,
Zu Troje ließ er fahren die Burg und das Land.
Gen Falkeneis zu reiten begann Wolfdieterich;
Zehn Tage ritt der Kühne, das wisset sicherlich.
Darauf am elften Morgen kam
der kühne Mann
Geritten ohne Sorgen vor einem grünen Tann
Auf eine breite Heide, der Degen ausersehn:
Da sah er vor den Augen eine schöne Veste stehn.
Mit dreißig festen Türmen
die Burg umschlossen war,
Die Mauerzinnen glänzten wie der Tag so klar.
Da sah er an der Zinne fünfhundert Häupter stehn
Und blickt' empor zum Himmel, der werte Fürst ausersehn.
Er sprach: "Dies mag die Burg sein,
von der ich vernahm.
Nun berate Gott in Griechenland meine treuen elf Mann!"
Da stieg er von dem Rosse hernieder auf das Land,
Gar jämmerlich zu klagen begann der kühne Weigand:
"Wie haben mich vertrieben
die lieben Brüder mein!
Nun wollt ich, dass in Griechenland die Burg sollte sein,
Und darauf in Freuden meine treuen elf Mann:
Darüber sollte nimmer meinem Herzen Sorge nahn."
Sein Ross war geschwinde,
dem gürtet' er aufs neu
Und schwang sich in den Sattel vermessen, sonder Scheu.
Zum Burggraben sprengte der Degen lobesam.
Der Heide mit der Tochter trat an ein Fenster heran.
Da zuerst die Jungfrau den
Helden reiten sah,
Das mögt ihr gerne hören, wie sie sprach zum Vater da.
Sie sprach: "Lieber Vater, das sei dir kund getan:
Draußen vor dem Walde reitet ein Christenmann.
"Ich seh ihn so gebahren,"
sprach die Köngin gut,
"Er führt in seinem Herzen eines kühnen Helden Mut.
Nun reitet ihm entgegen mit einer schönen Schar,
Ihn höfisch zu empfangen: Das rat ich euch fürwahr."
Er sprach: "Ich tu es gerne,
liebe Tochter mein:
Ich will mit ihm teilen mein Brot und meinen Wein."
Da ritt er ihm entgegen mit hundert Rossen wohl,
Und empfing den Fürsten wie man edle Gäste soll.
Er sprach: "Du werter Christe,
willkommen sollst du sein,
Ich will mit dir teilen mein Brot und meinen Wein
Meinem Gott zu Liebe," sprach der Heidenmann,
"Der Mahmet ist geheißen; den rieft ihr billig an."
Da sprach zu ihm Wolfdietrich
ohn alle arge List:
"Ich weiß nicht, Herr Heide, wer euer Mahmet ist;
Deinen Wein will ich trinken und essen dein Brot
Zu meines Gottes Ehre, der am Kreuz erlitt den Tod."
Da nahm die schöne Jungfrau
den Helden bei der Hand
Und hieß ihn bei sich sitzen an einer Tafel Rand.
Sie hieß einen Kämmerer einen Sessel tragen dar:
Da saß sie ihm genüber und nahm sein fleißig wahr.
Das tat darum alleine die
edle Jungfrau hehr,
Von Christen und von Heiden gefiel kein Mann ihr mehr.
Da saß und gedachte bei sich Wolfdieterich:
"Ich sah von Christenfrauen keine noch so minniglich."
Da sprach die schöne Jungfrau:
"Lieber Vater mein,
Lasst den werten Christen meinen Tischgenossen sein."
Er gewährt' ihr gerne wes sie ihn freundlich bat.
Da brachte man der Speise den beiden vollen Rat.
Man pflag ihrer gütlich mit
Wild und auch mit Zahm.
"Esst wacker nun, mein Vater wird euch darum nicht gram."
Er sprach: "Mit Trank und Speise nehme sich ein Ziel,
Wer Kurzweil will haben mit Fraun und Federspiel."
"Bei aller Frauen Ehre sag
mir den Namen dein:
Das bringt in kurzen Stunden den Dank von uns dir ein."
Er sprach: "Ich tu es gerne, edle Königin:
Ich bin von alten Trojen der König Pilgerin."
"Meine Sorge hat ein Ende,"
sprach die Jungfrau gut.
"Ich wähnt', ihr wärt von Griechenland ein König hochgemut,
Wolfdieterich geheißen: Der ist ein junger Mann,
Der allein mit Messerwerfen den Vater mir besiegen kann."
Ihr gab mit Züchten Antwort
der Held Wolfdieterich:
"Ihr sollt mein nicht spotten, Jungfrau minniglich;
Des sollt ihr mich erlassen," sprach der kühne Mann,
"Bitt ich euch aus der Maßen: Ich hab euch nichts zu Leid
getan."
Da sprach wohl gezogen die
Jungfrau wohlgetan:
"Eur hab ich nicht gespottet, tugendhafter Mann.
Das sollt ihr mir glauben, Ritter unverzagt,
Sicherlich, ich hab euch die ganze Wahrheit gesagt."
Bei der Hand nahm sie den Helden
und führt' ihn in den Saal,
Der war von Marmelsteinen und glänzend überall.
Darin stand eine Linde von lauterm Golde gar,
Die von dem grimmen Heiden dahin gezaubert war.
Zweiundsiebzig Äste nahm er
an ihr wahr;
Die Vögel, die da saßen, die waren golden gar,
Gebildet so mit Listen, sie waren innen hohl:
Wenn sie der Wind durchwehte, ihre Stimmen sangen wohl.
Als nach dem Mahl die Tische
wurden hingetragen:
Da sprach der stolze Heide: "Ich muss euch wider sagen,
Ich will euch Frieden bannen von den Herrn in meinem Lehn.
Ihr sollt Messer mit mir werfen: Das wird euch an das Leben
gehn."
Da sprach die schöne Jungfrau:
"Nein, lieber Vater mein,
Willst du nicht an mir brechen die große Treue dein.
Eh ihm ein Leid geschähe, wollt ich die Tauf empfahn,
Und wollte seinem Gotte werden untertan."
Da sprach der Heide wieder:
"Liebe Tochter mein,
So soll der werte Christe in Frieden bei mir sein.
Hörst dus, werter Christe," sprach der Heidenmann,
"Du sollst Glück und Segen bei meiner Tochter empfahn.
Die Burg mit Land und Leuten
mach ich dir untertan,
Und gebe dir die Tochter, die ist so wonnesam.
Sie ist auch sonder Zweifel die allerschönste Maid,
Die du noch sahst mit Augen; ihre Huld ist dir bereit."
Da sprach zu dem Heiden
der Degen ausersehn:
"Herr Wirt, was Gastrecht heißet, das lasst an mir ergehn."
Da sprach zu ihm der Heide: "Es gebreche nichts daran."
"Wohlan, so tu ichs gerne," sprach der auserwählte Mann.
In eine Kammer wies man sie,
die war wundersam.
Der Heid ein Zaubertrinken in seine Hände nahm.
Da sprach er zu dem Gaste: "Nimm, werter Christe, hier,
Nimm dies Schlaftrinken zu deinem Bette mit dir."
Da sprach zu dem Heiden die
Jungfrau ausersehn:
"Vater, deine Untreu mag heute nicht ergehn."
Sie riss ihm geschwinde das Trinken aus der Hand:
Hinter das Bette warf sie es an die Wand.
Da sprach der stolze Heide:
"Liebe Tochter mein,
Du sollst heunte fröhlich bei diesem Manne sein.
Und sage mir die Märe, wenn es beginnt zu tagen,
Ob dich der werte Christe zur Liebsten wolle haben."
Da zog sie von dem Leibe
all ihr Gewand
Und legt' es vor dem Bette nieder allzuhand.
Sie hatt auf dem Haupte ein Gebäude, das war reich,
Damit sich immer zierte die schöne Magd ohne Gleich.
Sie saß zu ihm aufs Bette
und sprach: "Du werter Degen,
Nun hab ich dir behalten die Ehr und auch das Leben.
Und hättest du getrunken, du tugendreicher Held,
So hätte dich mein Vater mit Messerwerfen gefällt.
Meine Sorge hat ein Ende,"
sprach sie und freute sich,
"Heunt liegt in meinen Armen ein Ritter tugendlich,
Einer der schönsten, die je ein Weib gewann."
Da begann sie erst und blickte Wolfdietrichen lieblich an.
"Schauet, werter Ritter, ob
ein Mangel an mir sei,
Tugend und Ehre wohnen mir noch bei.
Nun nimm, werter Ritter, und herze meinen Leib,
Wenn je dir lieb geworden ist ein schönes Weib."
Da stand vor ihm aus Bette
die Köngin hochgemut,
Ihre schönen Brüstlein legte sie auf den Fürsten gut;
Weiß waren ihre Hände, verdeckt war ihre Scham,
Sie sprach: "Werter Ritter, sieh die Zier der Frauen an.
Lass dir wohl gefallen
meinen schönen Leib,
Wenn je dir lieb geworden ist ein wertes Weib.
Und willst du mich nicht minnen, das sollst du mir sagen,
So will ich allen werten Frauen über dich klagen."
Er sprach: "Ich tät es gerne;
wie steht der Glaube dein?
Willst du an Jesum glauben, den lieben Herren mein,
Und auch an unsre Fraue," sprach der kühne Mann,
"Meinen Leib und meine Seele mach ich dir untertan."
"Wüst ich, wer dein Gott wäre,"
sprach die schöne Magd,
"Oder wär mir Kunde von deinem Gott gesagt,
So ließ' ich mich taufen," sprach die Königin.
Da sprach zu ihr Wolfdietrich: "So sag ich dir von ihm.
Sieh, einer reinen Jungfrau
Schoß hat ihn getragen;
Die ist genannt Maria, das will ich dir sagen,
Und war eine Jüdin, das sag ich dir fürwahr;
Ihr verkündet' es ein Engel, eh sie zum Heil ihn uns gebar."
Sie sprach: "An die du glaubest,
ist eine Unholdin,
Sie hat den Trug gebreitet über die Erde hin.
Sie will dich betrügen, du tugendreicher Mann:
Steh ab von deinem Glauben und rufe Machmeten an."
"Ich will an den glauben,
der mich erschaffen hat,
Er ist geheißen Jesus; es geschah nach seinem Rat.
Auf seine Gnade bau ich, dass er mich nicht verlässt:
Ich bin sein Handgebilde, darum vertrau ich ihm fest."
Noch sprach er: "Du Unselge,
warum schiltst du die,
Die Sünde begangen hat all ihr Leben nie?
Sie ist eine heilige gnadenreiche Maid,
Sie kann jeden Sünder wohl trösten in seinem Leib."
Nun sah erst Wolfdietrich,
wie hold sie war und schön,
In ihren Sorgen sah er sie gar leiblich vor sich stehn.
Ihre klaren Wänglein leuchteten ihn an
Wie die lichte Rose, die sich erst hat aufgetan.
"Nun lass von deinem Glauben,
und bekenne meinen Gott;
Dein Gott ist ein Gütel, das glaube sonder Spott.
Er kann mit allen Sinnen nicht wandeln Brot und Wein;
Dein Gott gegen meinen mag nur ein Trugbild sein."
Sie sprach: "Wes du mich nötigst,
das lass ich nicht ergehn,
Mir ist von meinem Gotte so viel zulieb geschehn.
Dein Gott ist unsichtbar, und ist ein trüglich Spiel;
Mein Gott ist so beschaffen, ich mag ihn sehn, wann ich will."
Zuletzt überredete sie den
getreuen Degen,
Dass er sich musste zu ihr ins Bette legen.
Er nahm sein Schwert, das bloße; und legt' es zwischen sie:
Er sprach: "Wer sich rühret, der verwundet sich hie."
Sie nahm es beim Gehilze
und warf es fern hindann.
Sie sprach: "Nun lebet freundlich mit mir, lieber Mann."
Sie griff ihm behende nach seiner weißen Hand,
Und legte sie dem Helden, wo sie ihre Brüstlein fand.
Ihr weißes Bein erhob sie
und legt' es über ihn.
Er sprach: "Nun lasst das Scherzen, edle Königin.
Eh ich euch minnte, auf die Treue mein,
Eh wollt ich ohne Frauen bis an mein Ende sein."
Ü
Þ |