Sechstes Abenteuer
Wie Kaiser Ortnit mit dem Riesen
Velle kämpfte und mit seinem Weibe Rütze
Da fuhr er in Freuden mit
der schönen Frauen gut
Hin zu der alten Troje über des Meeres Flut.
Da ward er wohl empfangen von manchem werten Mann
Und auch von schönen Frauen, die waren wohlgetan.
Da verblieb er bei der Frauen
wohl ein halbes Jahr,
Bis Gott über sie gebot, das sag ich euch fürwahr.
Sie lag an ihrem Ende: Wie schön die Frau verschied!
Da starb Frau Siegeminne, so kündet uns das Lied.
Da nun Frau Siegeminne
erlegen war im Tod,
Darnach in kurzen Zeiten kam Ortnit in Not.
Zwei arge Würme sandte sein Schwäher ihm ins Land;
Auch hatt er ihm ein übel Weib und einen Riesen gesandt.
Velle hieß der Riese,
ungefüge war sein Leib,
Und schrecklich im Zorne Frau Rütze, sein Weib.
Die wilden Würme trugen sie bei Garten in den Tann:
Davon verlor der Kaiser sein Leben, der kühne Mann.
Die jungen Würme lagen in
des Waldes Schoß:
Als sie erwuchsen, wurden sie ungefüg und groß.
Dem Volk zu großem Schaden gingen sie aus dem Wald.
Niemand war im Lande, der ihrer hätte Gewalt.
Da begannen sie dem Kaiser
so viel davon zu klagen,
Wie ihm die Würme täten großen Schaden
An viel der werten Ritter und manchem kühnen Mann:
Das wollte nicht vertragen mehr der Kaiser lobesam.
Da ging er vor die Fraue
stehen tugendlich,
Er sprach: "Edle Kaiserin, Urlaubs gewähret mich,
Dass ich gen Walde reite und löse das Erbe mein:
Ich mag es nicht erleiden, soll mein Volk verderbet sein."
Da begann heiß zu weinen
die edle Kaiserin:
"Du sollst daheim verbleiben, so lieb als ich dir bin.
Du kennst nicht wohl die Würme, gar freislich ist ihr Streit,
Und kennst nicht wohl den Riesen und das ungefüge Weib."
Da sprach zu ihr in Züchten
der Kaiser lobesam:
"Wie lang ließ' ich verderben so manchen Biedermann?
Ich bestünd auf Gottes Hilfe wohl hundert Mann allein:
Wie ließ' ich dann die Leute in so großen Nöten sein?"
Sie sprach: "Lieber Herre,
ich hör euch drauf bestehn,
Ihr wollt es nicht entbehren, ihr wollt die Würme sehn;
So muss ichs euch vergönnen und muss euch Urlaub geben:
Nun frist euch Gott vom Himmel euer junges wertes Leben!"
Seinen guten Harnisch ließ
er da vor sich tragen;
Da wappnet' ihn die Kaiserin, das will ich euch sagen.
Ihn halste lang und küsste die Kaiserin hehr.
Sie sprach: "Mir sagt mein Herze, ich erseh dich nimmermehr."
Sein Ross ließ aus dem Stalle
der werte Kaiser ziehn,
Den Schild mit goldnen Spangen trug man ihm dahin;
Man reichte dem Fürsten ein Horn von Golde rot,
Und einen guten Leithund man ihm am Seile bot.
Er saß zu Ross und wandte
sich zu der Frauen hin:
"Ich fahr mit deinen Hulden, viel edle Kaiserin.
Geschiehts, dass mich die Würme bezwingen in dem Tann,
So sollst du dir zum Herren nehmen einen Biedermann,
Der nach mir die Würme Mut
hat zu bestehn."
Da begann heiß zu weinen die Herrin ausersehn.
"Ich weiß aber keinen so kühn und ritterlich,
Es sei denn mein Geselle, der treue Wolfdieterich;
Der trägt in seinem Herzen
eines wilden Löwen Mut:
Und kommt er her zu Lande, edle Herrin gut,
Wenn ich verderben musste, so nimm du ihn zum Mann,
Der die freislichen Würme wohl im Streit bestehen kann."
Da küsst' er die Kaiserin
und wandte sich hindann.
Zu einem Steige kam er, der trug ihn in den Tann
Unter eine grüne Linde. Vom Rosse sprang er bald:
Da war zu allen Zeiten des grimmen Riesen Aufenthalt.
Sein Horn von rotem Golde
blies der Kaiser gut.
Das vernahm der Riese Velle, gar zornig war sein Mut.
Mit einer Stahlstange hub er sich durch den Tann:
Da traf er Kaiser Ortnit unter den Linden an.
Da sprach der Ungefüge: "Du
armer kleiner Wicht,
Wie durftest du mich wecken? Fürwahr, das frommt dir nicht.
Du schlugst zu Montabauer den lieben Oheim mein:
Nun hab ich dich gefunden, es muss dein Ende sein."
Da sprach der Kaiser Ortnit,
der kühne Degen hehr:
"Du Ungeheur, was brachte dich in den Wald hieher?
Ich will in meinem Reiche vor dir wohl Frieden haben,
Und will hier zur Stunde dir gar mannlich wider sagen."
Da schuf dem starken Riesen
die Rede großen Zorn;
Der reiche Kaiser hätte das Leben schier verlorn.
Gar hoch erhub die Stande der ungefüge Mann
Und schlug der Linden Äste vor ihm nieder auf den Plan.
Wie bald der Kaiser Ortnit
von der Linde sprang!
Mit seinem Schwerte Rose er auf den Riesen drang
Und schlug ihm ab die Stange, als ob sie bleiern wär.
Des freut' in seinem Herzen sich Ortnit der Kaiser hehr.
Wie blad der Riese Velle
hinter sich sprang!
ein Schwert zuckt' er jählings, das war zwölf Ellen lang.
Er schlug den Kaiser nieder, der ungefüge Mann:
Dem Landesherren hätt er da gern den Tod getan.
Laut begann zu rufen der
ungefüge Mann.
Alsbald vernahms Frau Rütze, die da lief im Tann.
Eine Eisenstange nahm sie und lief alsbald heran:
Da kam das ungefüge Weib zu ihrem großen Mann.
Da begann sie laut zu rufen:
"Was ist dir geschehn?
Hat dir jemand Leid getan? Das sollst du mir gestehn."
Er sprach: "Den Kaiser hab ich hier zu Tod geschlagen:
Nun will ich Kaiser werden: Du sollst die Krone tragen."
Da gedacht in seinem Mute
Ortnit, der werte Mann:
"Wenn ich mich irgend rühre, so ists um mich getan.
So will ich stille liegen," dacht er in seinem Sinn,
"Bis Eines von den Zweien aus dem Walde ging dahin."
Ein Bracke lief im Walde, der hub
zu belfen an;
Als das vernahm Frau Rütze, sie lief alsbald hindann.
Sie wähnt', es wär ein Jäger, der wollte sie bestehn:
Da eilte sie der Stimme durch die Wilde nachzugehn.
Wie bald Kaiser Ortnit
empor vom Boden sprang!
Dass sein Schwert Rose ihm in der Hand erklang.
Da sprang von den Linden der unverzagte Mann,
Und lief zum andern Male den großen Riesen an.
Da sprach der Ungefüge:
"Bist du noch genesen?
Nun wollt ich doch wähnen, es wär dein Tod gewesen.
Doch kann dir deine Mannheit nicht verfahen wider mich:
Noch heut mit meinen Händen zu Tod erschlag ich dich."
Das Schwert mit beiden Händen
der starke Riese trug.
Wie so gar ingrimmig er nach dem Kaiser schlug!
Dass ihm entweichen musste der unverzagte Mann;
Er schlug die Lindenäste vor ihm nieder auf den Plan.
Wie bald der reiche Kaiser
von der Linde sprang!
Mit seinem guten Schwerte er auf den Riesen drang.
Er schlug ihm nach dem Niederkleid einen schnellen Schlag,
Dass ihm der Untergürtel alsbald vor den Füßen lag.
Da trat der Riese Velle
nach dem edeln Herrn:
Er hätt ihn getroffen mit dem Fuße gern.
Der Kaiser war behende und schlug das Bein ihm ab
Als wärs ein Schwamm gewesen: Seine Mannheit ihm das gab.
Da hinkte zu der Linde der
ungefüge Mann,
Und griff mit beiden Händen nach des Baumes Stamm.
Der Kaiser sprach: "Das reut mich, verschnitt ich dich mehr;
Ist dir ein Bein gewachsen aufs neu, das schmerzt mich sehr.
Doch versuch ich es noch einmal,"
sprach der kühne Mann.
Mit zornigem Mute lief er den Reisen an.
Er schlug ihm ab das andre Bein mit seiner edeln Hand,
Dass er nicht mehr mochte stehn: Da fiel er hin auf das Land
Und entstieß einen lauten
ungefügen Schall,
Dass Wald und Gebirge gab starken Widerhall.
Da das Frau Rütze hörte, und dass es wär ihr Mann,
Sie vergaß der Eisenstange: Einen jungen Baum sie nahm,
Den riss sie aus der Erde,
das will ich euch sagen;
Vor seiner Schwere hätt ihn ein Wagen nicht getragen.
Den Wipfel und die Äste ließ sie hängen dran;
Sie schwang ihn auf die Achsel und hub sich eilends hindann.
Ob ihrem Manne stehend traf
sie den Kaiser an:
Da verfehlte sie des Kaisers und traf ihren Mann,
Dass von dem Schlag zu tosen begann der Wald umher:
Sie hätt ihn gern erschlagen, den edeln Kaiser hehr.
Da sprach in seinen Züchten
der Degen kühn im Streit:
"Wer gab dir solche Kräfte, du ungefüges Weib!
Milder Gott vom Himmel, ich steh in großer Not:
Ohne deine heilge Güte erlieg ich hier im Tod."
Als sie den Mann getroffen
sah von ihrem Schlag,
Da erschrak sie, dass sie hinter sich auf dem Boden lag.
Wie bald Kaiser Ortnit ihr da näher trat:
Sein Schwert in den Händen war er der Riesin genaht.
Er schlug das Haupt ihr nieder,
der unverzagte Mann.
Da hub sie mit den Beinen um sich zu schlagen an.
Sie traf ihn mit dem Fuße und stieß ihn, dass der Held
Nieder auf den Boden von ihrer Kraft ward gefällt.
Wie bald Kaiser Ortnit
wieder vom Boden sprang!
Dass ihm sein Schwert, das gute, in der Hand erklang.
Er sprach: "Wärst du am Leben, meine Sorge würde groß.
So arg ward nie ein Teufel, du wärest wohl sein Genoss."
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