Viertes Abenteuer
Wie Wolfdietrich einem Hirsch
nachjagte und sein Gemahl entführt ward
Da fuhren sie hinüber und
hatten Freuden viel,
Hin zu der alten Troje, das war der Reise Ziel.
Da blieben sie beisammen zwölf Wochen oder mehr.
Nun ritt das Wild zu jagen eines Tags der König hehr.
Da fährt' er seine Fraue
mit sich in den Wald
Unter ein Gezelt von Seide; ihre Lust war mannigfalt.
Da saßen sie zu Tische und hatten Freuden viel,
Pfeifen und Posaunen und Speis und Trank ohne Ziel.
Als er nun seine Kurzweil
mit der schönen Frau begann,
Da kam daher gelaufen ein Tier gar wonnesam:
Das war ein Hirsch, ein schöner, wenn ich es sagen soll,
Mit rotem Gold bewunden war sein Gehörne wohl.
Den hatt ein alter Riese in
den Wald gesandt,
Um schöner Frauen willen, Drasian war er genannt.
Wolfdietrich der getreue, als er den Hirsch ersah,
Nun mögt ihr gerne hören, wie sprach der Getreue da:
"Nun lasst euch nicht verdrießen,
viel liebe Herrin mein:
Ich muss nach dem Wilde in den Wald hinein."
Er jagt' ihm nach geschwinde und mancher kühne Held;
Die Königin alleine blieb verlassen in dem Zelt.
Da kam der alte Riese zu
der Frauen gut,
Und führte sie von dannen über des Meeres Flut
Auf eine schöne Veste, die war gar wonnesam,
Dort in seinem Lande: Davon Wolfdietrich Leid gewann.
Da hielt er die Königin
wohl ein halbes Jahr
Wider ihren Willen; niemand wusste wo sie war.
Wolfdietrich nach dem Hirschen jagte durch den Tann;
Er jagt' ihm nach so lange bis er den Hirschen gewann.
Da wollt er ihn führen der
Frauen in den Wald
Zu einer Kurzweile; ihr Leid war mannigfalt.
Er kam des Abends späte an das Gezelt heran:
Und fand von allen niemand, die er verlassen hatt im Tann.
Als er da nicht finden
mochte sein traut Gemahl,
Da war gar ungefüge sein Leid und seine Qual.
Da sprach aus großer Trauer der Held Wolfdieterich:
"Hab ich nun so verloren meine Fraue minniglich!"
Eine raue Kutte nahm er,
die legt' er an den Leib,
Verbarg sein Schwert in Palmen und suchte nach dem Weib.
Dann fuhr er hin und wähnte, sie wär wohl heim gekommen,
Oder sie hätten Kunde wohl dort von ihr vernommen.
Als er sie nicht daheim fand,
da fuhr er über Meer
In jenem guten Kiele, den ihm gab die Fraue hehr.
Als er nun kam hinüber, da hub er sich hindann
Mit traurigem Mute, bis er gen Garten kam,
Auf die gute Veste, wo er
Kaiser Ortnit fand.
Da ward er von niemand auf der Burg erkannt,
Wo ihm so viel Liebes war zuvor geschehn,
Und wo man ihn auch manchmal in Freuden hatte gesehn.
Als niemand ihn erkannte,
den tugendreichen Mann,
Da sprach er um Herberg den Kaiser Ortnit an.
Da sprach Kaiser Ortnit: "Das will ich nicht versagen.
Wannen kommst du, Waller? Das muss mich Wunder haben.
Bist du so fern gewallet
durch das fremde Land,
Und vernahmst du nie von einem, Wolfdieterich genannt?"
Er sprach: "Lieber Herre, ich hab ihn nie gesehn,
Auch nie von ihm vernommen, das muss ich wahrlich gestehn.
Ich bin so fern gewallet
durch manches weite Land,
Der da heißt Wolfdietrich, der ist mir unbekannt."
Da nahm in der Kaiser und führt' ihn hindann:
Er rückt' ihm einen Sessel vor den Tisch, der kühne Mann.
Da blickt' ihn oft mit Augen
die Kaiserin an
Und erlachte heimlich: Sie erkannte wohl den Mann.
Zu Bette ging nach Tische Ortnit der Kaiser gut,
Mit ihm ging Frau Sidrat; die gab ihm hohen Mut.
Da entschlief der Kaiser;
sie stahl sich von ihm fort,
Und fand den Waller stehen auf dem Hofe dort.
sie empfing ihn tugendlich und sprach: "Ich kenn euch wohl."
Da wurden ihm vor Leide beide Augen Wassers voll.
Da sprach sie: "Wolfdietrich,
wie seid ihr so entstellt?
Ist euch ein Leid geschehen? Das sagt mir, edler Held."
Er sprach: "Da ihr mich kennet, so muss ich euch gestehn,
Mir ist in fremden Landen gar viel zu Leide geschehn.
Ihr sollt mich nicht vermelden,
so lieb als ich euch bin."
"Ich kann es wohl verschwiegen," sprach die Kaiserin.
Sie ging alsbald hinwieder, wo sie Ortniten fand;
Erwacht war inzwischen dieser kühne Weigand.
Sie sprach: "Kaiser Ortnit,
was soll zu Lohn empfahn,
Der euch Wolfdietrich zeigte gesund, den kühnen Mann?"
Da sprach Kaiser Ortnit, der auserwählte Degen:
"Ich wollt ihm immer gerne beides, leihen und geben.
Und sollt ich meinen Gesellen
mit Augen wieder sehn,
So möchte mir in aller Welt nicht Lieberes geschehn."
Da nahm die Frau den Kaiser und führt' ihn mit sich fort:
Da fanden sie den Waller auf dem Hofe stehen dort.
Sie sprach: "Schau den Gesellen,
wie ist er so entstellt:
Klagen wir seinen Kummer, er ist ein treuer Held."
Als ihn der Kaiser Ortnit nur ersah von fern,
Nun mögt ihr gerne hören, wie er sprach zu dem Herrn:
"Warum, Held, verleugnest
du deinen Namen hier,
Dass ich dich nicht erkenne? Was schämst du dich vor mir?"
Da sprach in großer Trauer Wolfdieterich sogleich:
"Meinen Kummer klag ich dir, du werter Kaiser reich.
Die schönste Fraue hatt ich,
die je ein Fürst gewann:
Die ist mir gestohlen, das klag ich armer Mann."
"Und suchst du sie schon lange? Das sag mir, kühner Degen."
Da sprach er: "Wohl ein halbes Jahr muss ich Ungemaches
pflegen.
Sollt ich so lange leben,
mir frommte mehr der Tod."
Da sprach Kaiser Ortnit: "Ich helfe dir aus Not."
Da sprach von Griechenlanden Wolfdieterich sogleich:
"So tätest du in Wahrheit wohl einem Kinde gleich.
Du sollst hier zu Lande bei
deiner Frauen sein:
Was wolltest du sie lassen, Held, von wegen mein?"
Da sprach der reiche Kaiser Ortnit gezogenlich:
"Ich will mit dir von hinnen, das wisse sicherlich.
Hab ich dich lebend wieder,
lieber Gesell, gesehn,
So muss mir Leib und Leben nun mit dir vergehn."
Da wollten miteinander die beiden Herrn hindann,
Bis heiß darob zu weinen die schöne Frau begann.
Sie klagte, dass sie den Kühnen
mit Augen je gesehn,
Da ihr von ihm sollte so großes Leid geschehn.
Da sprach von Griechenlanden der Held Wolfdieterich:
"Ich will alleine suchen meine Herrin sicherlich.
Gebt mir euern Urlaub, ich
will von hinnen fahren.
Ortnit, mein Geselle, Gott möge dich bewahren!"
Da sprach der reiche Kaiser Ortnit gezogenlich:
"Ich will mit dir von hinnen, mein Gesell Wolfdieterich,
Und will dir suchen helfen
dein schönes Fräulein hehr,
Oder man sieht mich fröhlich in Garten nimmermehr."
Da gingen sie zu Fuße hindann, die beiden Herrn:
Man gäbe gute Rosse und Kleider ihnen doch gern.
Da gingen Holz und Heide
die beiden kühnen Mann
Ohne Trank und Speise durch den finstern Tann.
Sie gingen miteinander, die beiden Helden gut,
Bis an dem vierten Morgen, die Degen hochgemut.
Zu eines Waldners Klause
kamen sie heran,
Da wurden wohl empfangen die Helden von dem Mann.
Er sprach: "Ihr lieben Herren, wollt ihr heunt bei mir sein,
So will ich mit euch teilen mein Brot und meinen Wein,
Hühner und Wildbret und was
ich sonst gewann:
Ihr habt mir hier im Walde noch nie ein Leid getan."
Da sprach Kaiser Ortnit: "Wir wollens nicht versagen:
Du hast mir oft gedienet, darum sollst du Gnade haben.
Es ist nun so gekommen, uns
ist wohl Labe Not."
Gar eine raue Wirtschaft der Waldner ihnen bot.
Da sprach der Waldner wieder: "Ihr lieben Herren mein,
Ihr sollt euch schlafen legen, ihr mögt wohl müde sein."
Als da entschlief der Kaiser,
Wolfdietrich stahl sich fort
Und ließ den Gesellen allein im Walde dort.
Wolfdieterich dem Waldner insgeheim verbot,
Den Herrn nach ihm zu weisen: "Fürwahr, das tut im Not.
Tu es mir zu Liebe und heiß
den kühnen Mann
In seinem Lande bleiben bei der Frauen wohlgetan."
Von dem Waldner nahm er Urlaub und wandte sich hindann;
Er kam auf einen schmalen Steig, den nahm der kühne Mann.
Ü
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