Drittes Abenteuer
Wie Wolfdietrich Kaiser Ortnit zum
Gesellen gewann
Darnach hielt er Hochzeit
mit der Frauen wohlgetan;
Jedoch gedacht er immer der elf getreuen Mann.
Eines Nachts da kam es ihm in Sinn und Mut,
Wie er mit Kaiser Ortnit sollt streiten, dem Degen gut.
Da sprach zu ihr Wolfdietrich:
"Liebe Fraue mein,
Nun helft mir zu den Wünschen, so lieb ich euch mag sein,
Dass ich mit Ortnit streiten mag, dem kühnen Mann.
Ach reicher Gott vom Himmel, dass ich ihn nicht bezwingen
kann!"
Sie sprach: "Lieber Herre,
was tat er euch zu Leid,
Dass ihr ihn so gerne bestehen wollt im Streit?"
Er sprach: "Liebe Herrin, ich sag euch fürwahr,
Er wollt uns Zins entzwingen, da ich ein Kindlein noch war.
Seiner Grafen zwölfe sandt er
in meines Vaters Land:
Sein Reich sollt er ihm zinsen, das tat man mir bekannt.
Da ließ ich ihm entbieten, wär ich zum Mann gediehn,
So käm ich gen Garten: Da bestehen wollt ich ihn.
Nun bin ich erwachsen und
ward zu einem Mann,
So will ich ihn zu Garten bestehen, wenn ich kann.
Sein Geselle will ich werden, wenn mir erliegt der Held.
Dazu sllt ihr mir raten, schöne Frau, wenn euch gefällt."
"Wollt ihr denn, ich steure
euch gerne zu der Not,
Dass ihr vor Kaiser Ortnit nicht gewinnt den Tod."
Da ließ sie ihn bereiten ein Schiff gar wundersam
Mit Greifengefieder, des sah man viel daran.
Auch ließ sie dem Herren
tragen in den Kiel
St. Georgen Hemde, das hatte Kräfte viel:
St. Pankrazienheiltum darin versiegelt lag.
Das half ihm in Streite, es frommt' ihm manchen Tag.
Da spannt' er auf die Segel,
der kühne Degen gut:
Sie fuhren mit Freuden über Luft und Flut.
Da er nun kam zu Lande, gen Garten wandt er sich,
Unter einer Linde vom Rosse sprang Wolfdieterich.
Um dieselbe Linde war es so
bestellt,
Zur Kurzweil darunter legte sich kein Held,
Er wäre denn zum Streite gekommen in das Land.
So war Wolfdietrich heute, dieser kühne Weigand.
Oben auf der Linde sangen
Vögelein:
Wie möchte seine Freude darunter größer sein?
Als er die Stimmen hörte, den freudenreichen Scahll,
Er freute sich der Wonne: So lieblich sang die Nachtigall
Da sang ein jeder Vogel in
eigner Stimme klar,
Dass davon Wolfdieterich von Herzen fröhlich war;
Von dem süßen Schalle entschlief der kühne Mann.
Da kam auf eine Zinne der Kaiser Ortnit heran.
Da stand nicht alleine der
werte Kaiser gut,
Frau Sidrat ihm zur Seite, die gab ihm hohen Mut.
Sie sprach zu ihm: "Nun schaue die Linde, kühner Degen;
Nie sah ich noch da liegen einen Helden so verwegen."
Er sprach: "Liebe Herrin,
es geht ihm an den Leib
Gar bald von meinen Händen, das wisse, schönes Weib.
Als wär das Land sein eigen, so schallt der Held und tut:
Nah ei seinem Herzen wohnt wohl großer Übermut."
Da sprach zu ihm Frau Sidrat:
"Nein, lieber Herre mein,
Er mag wohl ermüdet und weit gefahren sein.
Gönnt ihm seine Ruhe, er ist ein kühner Degen:
Ein Verzagter dürfte nimmer sich unter die Linde legen."
Er sprach: "Liebe Herrin,
ich glaub, ihr seid ihm hold.
Ihm frommt doch nicht sein Silber noch sein rotes Gold,
Das durch die Brünn ihm scheinet und durch des Helmes Hut.
Er muss mit mir streiten, wär er noch so hochgemut."
Sie sprach: "Lieber Herre,
wie wär ich ihm hold?
Ich ersah ihn nie mit Augen, wie ich wohl schwören wollt.
Doch rat ich euch in Treuen, ihr sollt ihn nicht bestehn."
Da sprach der Kaiser Ortnit: "Dem mag er nimmer entgehn."
Er sprach: "Kampf soll er finden,
in Treun, von meiner Hand.
Er fährt mit solchem Schalle als gehört' ihm all das Land,
Das ich bisher behalten vor manchem werten Mann,
Er soll mein Reich mir lassen, so ichs befrieden kann."
Da sprachen zu ihm alle die
Herren in seinem Lehn:
"Sollen wir mit euch, Herre, zu der Linde gehn?"
"Nein," sprach der Kaiser, "ich lass euch all daheim,
Ich will ihn bestehen mir zu hohem Preis allein."
Seine guten Harnischringe
hieß er zur Stelle tragen.
Ihn wappnete die Kaiserin, das will ich euch sagen.
Einen Schaft, gar großen, nahm er in die Hand;
Da ging er zu der Linde, wo er Wolfdietrichen fand.
Auf die Brust stieß ihn der
Kaiser hochgemut:
Auf sprang Wolfdietrich, zornig war sein Mut.
"Ihr wecktet mich nicht also, wärt ihr tugendreich;
Ihr heischt mich ungefüge: Das ist höfscher Zucht nicht
gleich."
"Ihr seid Streits unerlassen,
Streit beut euch meine Hand.
Ihr fahrt mit solchem Schalle als gehört' euch all das Land:
Bisher hab ichs behalten vor manchem werten Mann,
Ihr sollt mein Reich mir lassen, wenn ichs befrieden kann." -
"So stricket mir die Riemen,
seid ihr ein Biedermann,
Ich weiß euch wohl der Kühnheit, die mich bestehen kann.
Von eurer Kraft und Mannheit hab ich so viel vernommen,
Dass ich mit euch zu streiten her zu Lande bin gekommen."
"Ihr seid des unerlassen,
Degen hochgemut."
Er band Wolfdieterichen zu Haupt des Helmes Hut
Und strickt' ihm die Riemen mit der eignen Hand.
Ihnen kam da nachgeschlichen die Kaiserin zuhand.
Wer hier den andern zwänge,
das wüsste sie gern;
Da griffen sie zum Streite, die beiden edeln Herrn.
Noch wurden sie nicht inne der Frauen, zu der Zeit,
Als sie die Schilde fassten, die Helden kühn im Streit.
Sie standen voreinander,
einer sah den andern an;
Nun mögt ihr gerne hören wie der Kaiser da begann.
Er sprach: "Kühner Degen, deinen Namen melde mir,
Dass ich dich mög erkennen; keine Schande bringt es dir."
Dawider sprach Wolfdietrich:
"Die Zagheit ziemte schlecht,
Sollt ich so bald dir sagen Namen und Geschlecht,
Oder wer mein Vater wäre, und wo ich ward geborn.
Was habt ihr das zu fragen? Damit reizt ihr mich zum Zorn."
"Mich dünkt an den Gebärden,
ihr seht so ritterlich,
Ihr seid aus Griechenlanden der kühne Wolfdietrich.
Was ich von euch vernommen hab, das dünkt mich gut und schön."
"So wehr dich, Kaiser Ortnit, der Wolf will dich bestehn."
Da sprangen sie zusammen,
die Helden tugendsam.
Da wurden große Wunder von beider Hand getan:
Je einer schlug den andern dreimal auf das Land;
Jetzt zum vierten Male fiel Wolfdietrich in den Sand.
Da rief er im Herzen Gott
vom Himmel an:
"Nun berate, Herr, in Griechenland meine elf getreuen Mann,
Dazu Herzog Berchtung, den lieben Meister mein;
Ach Gott lass meine Seele dir befohlen sein."
Wie bald da Wolfdietrich
auf die Füße sprang
Und ihm sein Schwert, das gute in der Hand erklang!
"Nun wehrt euch, Kaiser Ortnit: Eh sich beschließt der Tag,
So wird euch wohl vergolten dieser ungefüge Schlag."
Sein Schwert zu beiden Händen
Wolfdietrich nahm,
Mit unverzagtem Mute lief er den Kaiser an.
Er schlug ihm nach dem Haupte einen so geschwinden Schlag,
Dass der Kaiser Ortnit vor ihm am Boden da lag
Und zu derselben Stunde
nicht hörte mehr noch sah;
Er war auch stumm geworden, kein Wörtlein sprach er da.
Das Blut ihm aus den Ohren und aus dem Munde drang.
Wie bald da die Kaiserin ihrem Herrn zu Hilfe sprang!
Sie sprach: "Lieber Herre,
was hab ich euch getan,
Dass ihr mir verderbtet meinen lieben Mann?
Nun bringt mir bald des Brunnens, so lab ich den Herren mein."
Da sprach zu ihr Wolfdietrich: "Wo mag das Wasser sein?"
"Wendet, Herr, euch balde
von der Linde hin zu Tal,
Und fördert euch her wieder zu uns auf das Wall,
Dass ich den Herrn erlabe; mir zu Liebe soll es sein."
Er sprach: "Ich tue es gerne, viel liebe Herrin mein!"
Hinging da Wolfdietrich
durch den finstern Tann;
In seinen Helm, den festen, er des Wassers nahm.
Zur Linde kehrt' er wieder, wo er sie beide fand.
Da labten sie mit Züchten Ortniten gleich zur Hand.
Da nahm Wolfdieterichen
Frau Sidrat bei der Hand,
Unter die Linde führte sie den kühnen Weigand.
Da sprach zu ihm die Kaiserin: "Herr Wolfdieterich,
Ich bitt um eine Gabe, der gewähren sollt ihr mich."
Er sprach: "Liebe Herrin,
ich wills euch nicht versagen,
Mag es an den Ehren mir nicht bringen Schaden.
Mag man mir es deuten als wär ich verzagt,
So leist ich es nimmer, das sei euch, Frau, gesagt."
Wieder sprach die Kaiserin:
"Nein, lieber Herre mein,
Ein Verzagter mögt ihr darum vor niemand sein.
Ein König und ein Kaiser, zwei Helden tugendsam,
Verderbtet ihr einander, das wär nicht wohlgetan."
Hinwieder ging die Kaiserin,
wo sie den Herren fand.
Da hatte sich wieder der kühne Held ermannt.
Sie sprach: "Kaiser Ortnit, lieber Herre mein,
Ich bitt um eine Gabe: Sagt mir dazu nicht nein."
Er sprach: "Liebe Herrin,
ich wills euch nicht versagen,
Mag es an den Ehren mir nicht bringen Schaden.
Im Übermute sucht' ich so lang Gefahr und Streit:
Eh ich wider Ehre täte, verlör ich Leben und Leib."
Da sprach die schöne Fraue:
"Lieber Herre mein,
Es mag an deinen Ehren dir nicht zum Schaden sein.
Ein König und ein Kaiser, zwei Helden tugendsam,
Verderbtet ihr einander, das wär nicht wohlgetan."
Sie nahm den Kaiser bei der Hand,
er sollte mit ihr gehn.
Da fand sie Wolfdieterich unter der Linde stehn.
Sie sprach: "Ihr Herren beide, es sei euch nicht leid,
Euer jedweder muss mir schwören einen Eid,
Dass ihr Gesellen bleibet
solang euch währt das Leben,
Und stets einander helfet: Den Rat will ich euch geben.
So lebt nicht in dem Lande der euch bestehen kann:
Ihr seid zwei wunderkühne Degen hehr und wonnesam."
Da folgten den Frauen die
zween Gesellen gut:
Sie schwuren zusammen, die Fürsten hochgemut,
Was einen beträfe, dieweil er wär am Leben,
Der andre sollt es rächen; den Rat hatte sie gegeben.
Da nahm Kaiser Ortnit
Wolfdietrich bei der Hand
Und führte gen Garten den kühnen Weigand.
Da wurde schön empfangen der edle König hehr
Von des Kaisers Hofgesind: Sie kamen alle daher
Und gingen wohl gezogen vor
seine Tafel stehn
Und dienten zu Tische dem Degen ausersehn.
Da saßen sie zu Tische und hatten Freuden viel,
Pfeifen und Posaunen und Speis und Trank ohne Ziel.
Da verblieb er zu Garten
wohl ein halbes Jahr,
dass er nicht oft gedachte an seien Fraue klar,
Die er zur alten Troje gelassen hinter sich;
Es verlangte Siegeminnen nach dem Degen tugendlich.
Die blieben beieinander die
zween Gesellen gut,
Bis in die vierte Woche, die Fürsten hochgemut.
Da sprach Wolfdietrich endlich: "Ich will von hinnen fahren,
Ortnit, lieber Geselle, Gott möge dich bewahren."
Da sprach wohl gezogen
Ortnit der Kaiser gut:
"Warum willst du von hinnen, Geselle hochgemut?
Kam dir etwa Kunde von der Frauen dein
Oder von deinem Lande, dass du nötig wärst daheim?"
Da sprach zu ihm Wolfdietrich,
der tugendreiche Mann:
"Nein, lieber Geselle, nicht Recht hab ich getan:
Ich breche meine Treue der lieben Frauen mein;
Ich sollte lange wieder in meinem Lande sein."
Urlaub nahm von dannen der
edle König gut.
Da wandt er bald sich wieder über des Meeres Flut.
Da fand er seine Fraue an dem Gestade stehn;
Sie war ihm nachgefahren und verlangte sehr ihn zu sehn.
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