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            VII. Hugdietrich

               Hugdietrich
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Wolfdietrich

Erstes Abenteuer

Wie Wolfdietrich vertrieben ward

Nun lassen wir verbleiben   die reiche Königin,
Und treiben uns die Weile   mit Wolfdierich hin.
Es erwuchs zu Konstenopel   das Kindlein wonnesam
Bis ihm erstarb sein Vater,   was ihm viel der Freuden nahm.

Da Wolfdietrichs Vater   an seinem Ende lag,
Seines lieben Kindes   der Held mit Treuen pflag.
Drei junge Söhne hatt er,   die rief er heran,
Burgen, Land und Leute    macht' er ihnen untertan.

Er sprach: "Lieben Kinder,   nun hört was ich euch sage:
Ich weiß nicht, ob ich leben   mag nach diesem Tage."
Da schuf er Wachsmuthen   das Land vom Ippstrom an,
Und Bogen auch ein weites Land,   das diente dem kühnen Mann.

"Wolfdietrich, Konstenopel   soll dein eigen sein,
Und was dazu bewandt ist,   vor andern Erben mein."
Da rief er Herzog Berchtung   alsbald vor sich heran:
"Ich empfehle dir Wolfdietrich;   du bist ein teuer Mann."

Der Herr nahm sein Ende   darauf am sechsten Tag,
Und ward zu Grab bestattet   mit Ehren, wie man pflag.
Alsbald Herzog Berchtung   Wolfdietrichen nahm,
Und führt' ihn aus dem Lande,  in die Stadt zu Meran.

Da zog er seinen Herren   wohl in das fünfte Jahr,
Er lehrt' ihn manche Dinge,   das sag ich euch fürwahr.
Er lehrt' ihn weithin springen   und schießen wohl den Schaft,
Er lehrt' ihn viel der Spiele,   damit zu üben die Kraft.

Er lehrt' ihn Messer werfen,   fürwahr, das tat ihm Not.
Er wär vor einem Heiden   erlegen sonst im Tod:
Da er stand in großen Nöten   vor dem Heiden hochgeboren,
Ihm half des Meisters Lehre,   sonst war sein Leben verloren.

Was ihn der Alte lehrte,   des ward er Meister gar,
In mancherlei Kurzweil,   das sag ich euch fürwahr.
Er ward in seiner Jugend   geschickt zu aller Wehr:
Da freute Herzog Berchtung   sich seines Pfleglinges sehr.

Da hatten seine Brüder   ihm unterdes genommen,
Was ihm von Konstenopel   Gutes sollte kommen.
Ihm wollten seine Brüder   sein Land nicht dienen sehn,
Er sei ein Kebskind, sagten sie,   und möge nicht zum Erbe gehn.

Sobald Herzog Berchtung   die Botschaft vernahm,
Vor seinen Herren trat er   tugendlich heran:
Er sprach: "Herr Wolfdietrich,   ihr sollt in Ehren leben,
Euer Land und eure Leute   muss man euch wieder geben."

Er sprach: "Meister Berchtung,   deinen Rat erteile mir,
Du weist doch wohl, dass alles    allein beruht auf dir."
Das Schwert nahm mit Ehren   an einem Pfingstentag
Der werte Degen bieder,   der wohl großer Tugend pflag.

Als ihm Herzog Berchtung   gab in die Hand das Schwert,
"Ich habe sechzehn Söhne,   die bieder sind und wert,
Und fünfhundert Degen,   kühn und ritterlich:
Die leg ich auf die Waage,   und all mein Volk, für dich."

Da sandte Herzog Berchtung   hinaus in all sein Land,
Viertausend Helden   gewann er da zuhand.
Sie mussten Eide schwören,   das will ich euch sagen,
Sie ließen Wolfdietrich   nicht aus seinem Lande jagen.

"Herr, was ihr gebietet,   das ist alsbald getan."
So ritten sie mit Züchten   aus der Stadt Meran,
Und grüßten die Menge   nach Würden überall.
Da wies man die Herren   gen Eppan in das Tal.

Auf banden da die Segel   die kühnen Degen gut,
Und fuhren mit Freuden   über des Meeres Flut.
Sie segelten drei Wochen,   Gott sandte guten Wind,
Der trieb sie an den Hafen   zu Konstenopel geschwind.

Sie säumten sich nicht lange   und stiegen an das Land;
Da kleideten die Herren   sich in ihr Sturmgewand.
Da sprach Herzog Berchtung:   "Noch sollt ihr hier bestehn:
Ich und mein Herr Wolfdietrich   wollen hin zu Hofe gehn.

Hache und Herbrand,   wartet hier auf mich,
Wenn ihr mein Horn hört schallen,   so kommt uns ritterlich,
Denn an die Ehre geht es,   um die man streiten soll:
Dass ihr dann kommt zu helfen,   des getrau ich euch wohl."

Da gingen sie zusammen   auf der Könge Saal;
Da empfing das Gesinde   den Alten überall,
Und ließ Wolfdieterichen   ohne Gruß da stehn.
Er sprach: "Was ist euch Leides   von meinem Herren geschehn?"

Da sprach zu ihm Herr Wachsmuth,   der kühne junge Mann:
"Herzog Berchtung," sprach er,   "wem stehst du bei? Sag an."
Er sprach: "Wolfdieterichen,   dem getreuen Mann:
Den empfahl mir sein Vater:   Sein Erbe greift ihm nicht an."

Da sprach König Boge,   ein ungetreuer Mann:
"Wolfdietrich ist ein Kebskind,   und mag kein Erb empfahn.
Sie fanden ihn im Walde   bei jungen Wölfelein:
Ihr sollt ihn fahren lassen   und unser eigen sein."

"Was sagt ihr mir von Wölfen?   Die laufen in dem Holz:
Er ist ein kühner Degen,   ein junger Weigand stolz.
Lasset ihn sein Erbe   nach dem Recht empfahn:
Dafür leg ich auf die Waage   alles was ich je gewann."

Noch sprach Herzog Berchtung:   "Lieben Herren mein,
Was fälscht ihr eure Mutter,   die edle Fraue rein?
Es steht euch wahrlich übel,"   sprach der greise Mann,
"Noch niemand hörte Bosheit,   die eure Mutter getan."

Da sprach Wolfdietrich selber:   "Ihr lieben Brüder mein,
Tut es Gott zu Liebe   und lasst mich bei euch sein.
Nehmt das Land zur Hälfte,   das mir mein Vater gab,
Und lasst die andre Hälfte   mir mit der guten Stadt."

Da sprach König Boge,   der ungetreue Mann:
"Nun bist du doch ein Kebskind,   und magst kein Erb empfahn.
Hebe dich bald von hinnen,   willst du gedeihn,
Oder es muss noch heute   fürwahr dein Ende sein."

Da sprach Herzog Berchtung:   "Es wär mir immer leid,
Sollt ich so verlieren   all meine Müh und Zeit,
Die ich hab gewendet   auf den Degen ausersehn:
Er soll viel gewaltig   hier vor euch allen stehn."

Da sprach König Boge:   "Du alter Ziegenbart,
Dass du auf unserm Hofe   so lange bliebst gespart!
Willst du davon nicht lassen,   so wirst dus wohl gewahr,
Das Haar von deinem Munde   heiß ich dir zerren gar."

"Und seid ihr, sprach Wolfdietrich,   "die lieben Brüder mein,
Wer meinen Meister anrührt,   der muss verhauen sein:
Von meinem guten Schwerte   findet er den Tod."
So gab er zornig Antwort;   ihn zwang wohl große Not.

Da schlichen sich die Herren   zu einer Tür hinaus.
Da wappneten viel Ritter   sich in dem festen Haus
In ihre lichten Ringe,   so haben wir vernommen:
Sie hätten gern den beiden   in der Burg das Leben genommen.

Da sprach Herzog Berchtung:   "Lieber Herre mein,
Nun hütet wohl der Türe,   lasst niemand aus noch ein.
Wer aus und ein will schlüpfen,   dem seis ums Haupt getan;
So künd ich bald die Märe   manchem werten Rittersmann."

Da sprang vor die Türe   Berchtung der kühne Mann,
Ein Horn von rotem Golde   hub er zu blasen an.
Das erhörten seine Söhne:   Die sprangen bald empor,
Mit allem dem Gesinde   eilten sie vor das Tor.

Da hob sich auf der Veste   ein ungefüger Schall,
Da an die Pforte drangen   die Griechen überall.
Da wusste nicht der Alte   des Jungen große Not:
Von Wolfdietrichs Händen   lag da mancher Degen tot.

Sie stritten einen langen Tag,   das will ich euch sagen,
Da wurden Herzog Berchtung   seine Mannen all erschlagen
Bis auf die sechzehn Söhne:   Die blieben ihm noch gar,
Dazu sein Herr Wolfdietrich   und er selber, das ist wahr.

Da sprach zu ihm Wolfdietrich:   "Lasst usn von hinnen fahren,
Da uns die Helden fielen,   so mög uns Gott bewahren.
Noch leben deine Söhne,   die führ mit dir hindann;
Und verlör ich ihrer einen,   so finge mein Trauern an."

Da sprach Herzog Berchtung:   "Lieber Herre mein,
Ich und meine Söhne   müssen bei euch sein,
Und muss hier noch ein jeder   hundert Mann bestehn;
So besteh ich selbst zweihundert,"   sprach der Degen ausersehn.

Zum Streite ging es wieder,   das will ich euch sagen.
Da wurden Herzog Berchtung   seiner Söhne fünf erschlagen:
Sah er einen fallen,   den Herren blickt' er an
Mit lachenden Augen,   dieser tugendreiche Mann.

Da ward Wolfdietrich ferne   von ihm gedrängt hindann,
Dass zwischen ihnen stunden   wohl zweihundert Mann.
Das wusste nicht der Alte,   der stund in großer Not,
Er wähnte wohl Wolfdietrich,   seinen lieben Herren, tot.

Da sah man den Alten   gar trauriglich stehn,
Die Augen liefen ihm über,   dem Helden ausersehn.
Da sprach sein Sohn Hache,   ein Degen lobesam:
"Ich seh durch Schwerterblitzen   dort ihn stehn den kühnen Mann."

Auf den Rücken warfen sie den Schild,   der gab von Schlägen Schall,
Das war ein grimmig Fechten,   da sie drangen durch das Wall.
Sie erschlugen seiner Feinde   wohl zweihundert Mann,
Eh sie den lieben Herren   mit ihren Augen ersahn.

Der hatte Heldeswerke   derweil getan im Streit,
Mehr als zweihundert Tote   hatt er umher gestreut.
Da stand er mitten inne,   der wunderkühne Degen,
Es hatte seines Lebens   Wolfdietrich schier sich begeben.

Noch stand vor ihm ein Degen   der trug gar hoch den Mut,
Der warf ihm eine Wunde   durch seines Helmes Hut,
Dass Wolfdietrich strauchelte   und hinfiel auf den Plan:
Da lag in Unkräften   dieser tugendreiche Mann.

Wie schnell Herzog Berchtung   ihm zu Hilfe sprang!
Er zog ihn auf geschwinde,   die Zeit ward ihm nicht lang.
Den Helm von dem Haupte   brach ihm der kühne Mann:
"Wohl mir, dass meine Augen   euch noch lebendig ersahn!

Nun sollen wir von hinnen,   das will ich euch sagen,
Da uns die Mannen alle   zu Tode sind geschlagen.
Finden uns die Griechen,   fürwahr, so sind wir tot."
Sie eilten zu den Rossen,   von dannen hatten sie Not.

Da wandten sich von dannen   die kühnen Degen bald
So schnell sie reiten mochten   gen einen grünen Wald.
Fünftausend ihrer Feinde   ritten ihnen nach.
Wolfdietrich und die Seinen   eilten von dannen jach.

Neben der Straße kamen   sie in ein wildes Tal
Auf einen grünen Anger.   Zu Ende war der Schall.
Da mussten sich die Herren   des Streites gar begeben;
Doch hatten sie noch Hoffnung,   sie sollten länger leben.

Sie zündeten ein Feuer   in demselben Tann,
Blöcke und Stücke   trugen sie daran.
Sie saßen zu dem Feuer   und waren müde sehr;
Da war der Herren zwölfe   und auch nicht einer mehr.

Da begann Wolfdietrich,   der edle König hehr:
"Berchtung, lieber Meister,   wo ist der Söhne mehr?
Der seh ich hier nur zehne   und sollten sechzehn sein:
Nun find ich erst die Muße,   dich zu fragen, Meister mein."

Da gab ihm Berchtung Antwort   in großem Jammer so:
"Ich weiß nicht, lieber Herre,   sie sind wohl irgendwo
Aus dem Streit entronnen."   Da sprach der junge Mann:
"Ich mahne dich des Urteils,   das du zujüngst sollst empfahn,

Wenn deine Seele scheiden   muss aus deinem Mund,
Dass du mir hier sagest   der rechten Wahrheit Grund,
Ob sie sind gefangen   oder zu Tod erschlagen:
Berchtung, lieber Meister,   das sollst du alles mir sagen."

"Du willst mirs nicht erlassen,  so muss ich es wohl sagen:
Sie sind zu Konstenopel   in der Burg erschlagen.
Wenn ich nach dir blickte   mit lachendem Mund,
So sah ich einen fallen:   Das sei dir, Herr, nun kund."

"Wie mocht ich das gedenken?",   sprach der Kühne da,
Wie mochtest du erlachen,   wenn dir Leid geschah?
Und hätt ich wissen mögen   ihre große Not,
Ich hätte sie gerochen,   so mirs nicht wehrte der Tod."

Da gedachte sich viel Leides   der edle Held erkannt,
Er zog das Schwert und stieß es   bei dem Heft ins Land.
Da wollt er sein gefallen   vor Leid in sein Schwert;
Ihm entriss es Herzog Berchtung;   Also blieb es ihm verwehrt.

Er sprach: "Lieber Herre,  klagt mäßiger die Not.
Was sollt uns nun frommen   unsers Herren Tod?
Sie waren meine Kinder;   ihr jedoch nicht so."
"O weh," rief Wolfdietrich,   "ich werde nie wieder froh.

"Hei des großen Leides,"   sprach der junge Mann.
"Womit so früh verdient' ich   das Leid, das ich gewann,
Dass ich allem Unglück   so verraten bin!
Eh ich noch getauft war   trugen mich die Wölfe hin.

Und wär ich zu der Stunde   nur getauft gewesen,
Dem Wolfe wollt ich fluchen,   dass er mich ließ genesen:
So wär ich heute ledig   von so großer Not.
Mich reuet all mein Leben   deiner lieben Kinder Tod."

Ü   Þ

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