Fünftes Abenteuer
Wie König Walgund zu Hugdietrich
sandte
Darnach als die Mutter
einst wieder bei ihr saß,
Und sie von Abenteuern sprachen dies und das,
Da sprach sie zu der Mutter: "Dürft ich euch gestehn
Seltsame Abenteuer, die mir kürzlich sind geschehn?"
"Tochter," sprach die Mutter,
"mir solltest du wohl sagen
Was dir ist geschehen in allen deinen Tagen,"
So sprach die alte Königin, "ich kann verschwiegen sein."
"So wisset, liebe Mutter, das Kindelein das ist mein."
Wie es die wilden Wölfe in
den Berg getragen,
Da sie es von der Mauer ließ, begann sie ihr zu sagen,
Und wie sie gewonnen das schöne Kindelein.
"O weh, liebe Tochter, wer mag der Vater denn sein?"
Sie sprach: "Liebe Mutter,
das tu ich dir kund.
Ihr gedenket wohl von Griechenland der schönen Hildegund,
Die mich lehrte wirken die Hauben wunderlich:
Das war von Griechenland der König Hugdieterich.
Von dem hab ich gewonnen
das schöne Kindelein.
Nun wendet es zum Besten, es mag nicht anders sein.
Ich hab euch gestanden wie es um mich bewandt;
Nun gebt mir Rat, wie komm ich zu ihm nach Griechenland?"
"So lob ich Gott im Himmel,"
sprach die Königin,
"Hast du solchen Herren: Das ist kein Ungewinn.
Nun schweig, liebe Tochter; ist es so um dich bewandt,
So will ich dir wohl raten, wie du kommst gen Griechenland."
Darnach als die Königin bei
ihrem Herren lag
Und der Reden mancherlei er mit ihr pflag,
Sie sprach: "König Walgund, lieber Herre mein,
Wie soll man tun dem Dinge, das nun nicht anders mag sein,
"Und dem auf Erden niemand
mehr widerstehen kann?"
"Das soll man fahren lassen," sprach zu der Frau der Mann.
"So gebt mir eure Treue, so soll es immer sein."
"Davon weich ich nimmer," sprach er, "auf die Treue mein."
"Ein seltsam Abenteuer will
ich euch gestehn,
Das unser lieben Tochter kürzlich ist geschehn:
Du fandest in dem Berge ein schönes Kindelein:
Das gehört Hilburgen, der schönen Tochter dein.
Wer nun der Vater wäre, das
tu ich dir kund:
Dir gedenk von Griechenland der schönen Hildegund,
Die sie Hauben lehrte wirken mit kunstreicher Hand:
Wisst das ist Hugdietrich gewesen aus der Griechen Land.
Bei dem hat sie gewonnen
das schöne Kindelein.
Nun wenden wirs zum Besten, es kann nicht anders sein.
Ihr sollt nach ihm senden, und bietet sie ihm an:
Burgen, Land und Leute macht er ihr untertan."
Mit mancherlei Gedanken
König Walgund rang
Bei dem großen Zorne, der seine Sinne zwang.
Er dachte, seine Tochter hätte den Herren verlogen,
Den Wächter und den Torwart in ihren Lug gezogen.
"Glaubt ihr, Frau, der Tochter,
das heißt zuviel vertraun:
Von Antlitz und Farbe glich sie zu sehr den Fraun.
War sie doch so minniglich, dazu so wohl gezogen:
Ich fürchte, unsre Tochter hat den Herrn nur verlogen."
Darauf am andern Morgen
stund es nicht länger an,
Den Torwart und den Wächter hieß er beide fahn.
Er sprach: "Ihr müsst mir sagen von der Tochter mein,
Von wem sie gewonnen habe das Kindelein."
Da begann der Wächter zu
dem Herrn zuhand:
"Herr, wollt ihr mir glauben, so mach ich euch bekannt
Wie es ist ergangen um die Tochter dein,
Und wie sie hat gewonnen dieses schöne Kindelein.
Hildegund die Schöne die
nahm mich bei der Hand,
Auf dem Turm an einem Fenster, das mach ich euch bekannt:
Da sagte sie mir Mären, die klangen wunderlich,
Sie wär von Konstenopel der König Hugdieterich.
Das hieß er mich verschweigen,
der tugendreiche Mann,
So mach er mir zum Lohne eine Grafschaft untertan,
Burgen, Land und Leute sollten mein eigen sein,
Dass ich die Frau ihm brächte und das liebe Kindelein.
Da tat ich als der Dumme
und vernahm den Antrag gern:
Mit meinen beiden Händen gelobt ich es dem Herrn.
Sendet zu den Griechen und stimmt nicht alles ein,
So heißet mich erhenken, viel lieber Herre mein."
Noch sprach er: "Lieber Herre,
was hatt ich Schuld daran,
Dass ihr zu eurer Tochter verschlosset einen Mann?
Es ist kein Wunder eben, hat sie ein Kindelein."
Da sprach König Walgund: "Du sollst bei Hulden sein."
Da sprach König Walgund:
"Ich hatt es verschworen
Keinem Mann zu geben die Jungfrau hochgeboren:
Nun hat sie selbst genommen, das schöne Mägdelein.
Nun sprecht, ob wohl ich ledig meiner Eide möge sein?"
"Ihr seid des Eides ledig,"
sprachen sie all umher.
"Nun sollt ihr nach ihm senden, dem reichen König hehr,
Dass er holen komme eure Tochter wohlgetan:
Er ist ein Herr und König, der viel der Lande gewann."
Da sprach König Walgund:
"Lieber Graf Wolfwin,
Euch und St. Jörg den Ritter send ich als Boten hin.
Ihr seid ihm Gevattern, das freut ihn sicherlich:
Nun bringt mir her von Griechenland den König Hugdieterich."
Dieser Botschaft freuten
die zween Gevattern sich.
Vierundzwanzig Ritter kleidet' er wonniglich;
St. Jörg führte sechzig, die trugen reich Gewand.
Da warben sie dem König die Botschaft in der Griechen Land.
Berufen ließ der König nun
die schöne Magd.
Er fragte sie, ob Wahrheit der Wächter ihm gesagt.
"Es ist also ergangen," sprach das Mägdelein,
"Und anders nicht, euch möge mein Haupt zu Pfande sein."
Noch sprach die Königstochter:
"Lieber Graf Wolfwin,
Ihr und St. Jörg der Ritter sied Boten mir an ihn.
Zum Wahrzeichen wiss er noch wohl was er mir riet
Des Nachts an dem Bette, eh er Morgens von mir schied.
Nun heißet ihn besenden die
Herrn in seinem Land,
Dass er zu sich bringe manch kühnen Weigand.
Er komm uns zu Lande mit manchem werten Mann,
Dass man ihn zu Salneck für einen Herrn erkennen kann."
"Das will ich gerne leisten,"
sprach der Graf Wolfwin;
"Gebt mir nur euern Urlaub, schöne Frau, dahin."
Urlaub ward ihm gegeben, so haben wir vernommen.
Am achtzehnten Age waren sie gen Konstenopel gekommen.
Da kamen sie herrlich auf
den Hof geritten,
Sie sprangen von den Rossen nach fürstlichen Sitten.
Sie gingen vor den König von Konstenopel stehn:
Da empfing sie Hugdietrich, der König ausersehn.
Da ließ sich Graf Wolfwin
vor ihm nieder auf ein Knie.
Er sprach: "Um euretwillen, Herr, so sind wir hie.
Gebt uns, edler König, guten Botenlohn:
Hildburg, eure Fraue, hat einen schönen Sohn.
Doch sind wir nicht gekommen
nur um das Botenbrot;
Ich will euch ferner melden was der König euch entbot.
Kommt bald nach ihr gefahren, er bietet sie euch an,
Dazu auch Land und Leute macht er euch untertan."
"Wann genas des Kindes die
liebe Herrin mein?"
"Vor einem halben Jahre wird es gewesen sein."
Er sprach: "Ach Gott, wer mochte dem Kind Gevatter sein?"
"Das will ich und der Ritter und eine Markgräfin rein."
Da freute der Gevattern
sich Hugdieterich:
Mit beiden Händen einen fing er hin zu sich.
Er führte wohl gezogen sie in den Saal hinein,
Man setzt' ihnen Sessel und schenkt' ihnen klaren Wein.
"Wie ward man dessen innen
denn um die Fraue mein?
Wie gebahrte König Walgund gegen die Tochter sein,
Und die alte Königin? Das hätt ich gern vernommen."
Da sagten sie ihm alles, wie es war mit ihm gekommen.
Wie die wilden Wölfe das
Kind hinweg getragen,
Und wie es fand der König, begann man ihm zu sagen,
Und wie es durch ein Wunder nur blieb unverloren.
Er sprach: "Herr Gott vom Himmel, dass ich jemals ward
geboren!
Haben die wilden Wölfe es
in den Berg getragen!
Wie soll es denn heißen? Das sollst du mir sagen."
Graf Wolfwin versetzte: "Das mach ich euch bekannt,
Wolfdietrich soll es heißen, weil man bei Wölfen es fand."
Es ging an den Abend, dass
man das Essen trug;
Sie fanden da Bewirtung zu aller Zeit genug.
Man gab ihnen tausend Mark des lichten Goldes rot,
Gute Ross und gute Kleider gab er hin zum Botenbrot.
Da kam Herzog Berchtung
geritten in das Land:
Sie meldeten die Märe dem Fürsten allzuhand.
Er sprach: "Wir sollen reiten zu der Frauen ausersehn:
Die soll zu Konstenopel unter der Krone gehn."
Da sandte Hugdietrich
hinaus in all sein Land.
Ihm kam zu Hof geritten manch kühner Weigand,
Wohl fünftausend Helden kühn und ritterlich:
Mit denen ritt gen Salneck der König Hugdieterich.
Die Saumrosse wurden alle
schwer beladen,
Und voll die Kammerwagen, die da sollten tragen
Den Wein und die Speise durch das weite Land.
Das riet ihnen mit Ehren mancher kühne Weigand.
Dazu hieß er kleiden
manchen Ritter gut,
Die nahmen bei der Hochzeit ihrer Ehren wohl in Hut.
Herzogen, Grafen und manchen werten Mann,
In Silber und in Golde sah man sie ritterlich nahn.
Da sprach Herzog Berchtung:
"Lieber Herre mein,
Das Gold und das Silber lasst euch zu lieb nicht sein.
Den Mannen und den Frauen teilt es in Milde gern,
Und zeigt euch in Salneck als einen König und Herrn."
"Nun sorge, lieber Meister,
so lieb ich dir mag sein,
Dass es hier steh nach Ehren, komm ich mit Hildburg heim."
Da nahmen sie Urlaub, so haben wir vernommen.
Am achtzehnten Tage sah man sie gen Salneck kommen.
Ü
Þ |