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            VII. Hugdietrich

               Hugdietrich
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Viertes Abenteuer

Wie Wolfdietrich geboren ward

Da verdrückt' in ihrem Herzen die edle Königin
Groß Leid und grimme Schmerzen,   gar übeln Ungewinn.
Sie wartet' auch und harrte   bis die Zeit gekommen war,
Da die edle Königin   einen schönen Knaben gebar.

Darnach an einem Morgen,   da aufging der Tag,
Ein Knäblein, ein schönes,   bei der Königstochter lag.
Der Torwart und der Wächter   gingen zu ihr ein,
Und brachten ihr die Jungfrau,   die pflegen sollt ihr Kindelein.

Da begann die Königstochter   zu schauen und zu spähn,
Ob sie kein Wahrzeichen   möcht an dem Kinde sehn;
Da fand sie zwischen den Schultern   ein rotes Kreuzelein,
Daran erkannte   sie hernach ihr Kindelein.

Als aus dem Bad gehoben   ward das Kindelein,
Man nahm schöne Tücher   und wickelt' es darein.
Ein palmatseiden Kissen   man  um das Kindlein wand,
Und ein gürtel von Seide,   das war sein Windelband.

Frau Liebgart die alte   das länger nicht verhing,
Zu ihrer schönen Tochter   auf den Turm sie ging;
Sie stand und harrte draußen,   dass man sie ließ' herein:
Wo sollten sie nun bleiben   mit dem kleinen Kindelein?

Da sprach zu ihr der Wächter.   "Liebe Herrin mein,
Wie sollen wir gebahren   mit dem Kindelein?
Hörts eure Mutter weinen,   das erst geboren ist,
Unser aller Leben   alsbald verloren ist.

"Wie sollen wir gebahren?   Wo bringen wir es hin?"
"Ich weiß euch nicht zu raten,"   sprach die Königin.
"Der liebe Gott vom Himmel,   der uns geschaffen hat,
Der mög es behüten   und geb uns weislichen Rat."

Da sprach zu ihr der Wächter:   "Frau, seid wohlgemut:
Eine List hab ich gefunden,   dünkt sie euch nur gut:
Wir lassen von der Mauer   es nieder in den Hag
An einem starken Seile,   eh die Königin kommen mag.

So ist auch wohl behütet   eur liebes Kindelein."
Da sprach sie zu dem Wächter:   "Das mag das Beste sein."
Eh da der Turm erschlossen ward   der Königin, derweil
Ließ man von der Mauer   das Kindelein an einem Seil.

Da sah man Frau Liebgart   zu ihrer Tochter gehn:
"Wie bist du bleich geworden?   Was ist mit dir geschen?"
"Mutter, ich hab ein Grimmen,   ich weiß nicht woher;
Ich wäre schier gestorben,   doch ist mir besser nunmehr.

Ich wollte schon verzweifeln,   Mutter, an dem Leben."
Da ließ ihr die Mutter   eine kleine Speise geben.
Zu essen und zu trinken,   das tat der Tochter Not:
Wohl konnte sie die Alte   behüten vor dem Tod.

Zweier Sorgen Hildegund   in ihrem Herzen pflag:
Die eine um ihr Kindlein,   das draußen war im Hag,
Von dem sie nicht wusste   wie es behütet war;
So war die andre Sorge,   dass sein Vater ferne war.

Da verdrückt' in ihrem Herzen   die edle Königin
Groß Leid und grimme Schmerzen,   gar übeln Ungewinn,
Den ganzen Tag bis Abends   es an zu dämmern fing,
Und ihre liebe Mutter   von dem Turm hernieder ging.

Noch immer war das Kindlein   verborgen in dem Hag,
Vom Morgen bis zum Abend   es später Ruhe pflag.
MIt Baden und mit Windeln   war ihm sein Recht getan,
Da schwieg es also stille,   dass niemand es vernahm.

Ein Wolf nach seiner Speise   im Hag derweile ging,
Wo er oftmals Hühner   und Fasanen fing.
Der fand das kleine Kindlein   und nahm es in den Mund:
Er trug es hin zu Walde   wohl in derselben Stund,

Zu einem hohlen Berge,   darinne war sein Hohl.
Der Alten waren zweene,   das vernahmen wir gar wohl:
Die hatten vier Junge,   dreier Tage alt,
Ihr Witz und der des Kindes   glichen einander halt.

Zu ihnen trug der alte   das kleine Kindelein:
Der jungen Wölfe Speise   sollt es gewesen sein.
Da schuf es ihre Jugend,   sie waren da noch blind.
Das half der jungen Königin,   denn es erhielt ihr das Kind.

Wir lassen nun das Kindlein   bei den Wölfen dort,
Und sagen wie die Mutter   sich gehub an ihrem Ort.
Sie sprach zu dem Wächter:   "So lieb ich dir mag sein,
Bei aller deiner Tugend,   was macht mein Kindelein?"

Auf stand der Wächter   und ging vom Turm alsbald,
Zur Mauer, wo das Kindlein   sein sollt in dem Wald.
Da konnt er es nicht finden,   der Wolf hatt es vertragen;
Er sprach: "O weh der Märe!   Was soll ich meiner Frauen sagen?"

Der Gedanken waren manche,   der er im Herzen pflag.
Er gedacht: "Ich will verbleiben   hier außen all den Tag
Bis morgen in der Frühe,   da es beginnt zu tagen,
Als hätt ichs taufen lassen:   Das will ich meiner Frauen sagen.

So bleibt es wohl verschwiegen   um das Kindelein
Sechs Wochen, bis vom Bette   kommt die Herrin mein:
Wenn sie es jetzt erführe,   das Kindlein sei verloren,
Vor Leid müsste sterben   die Königin hochgeboren."

Früh am andern Morgen,   als es begann zu tagen,
Der Wächter kam gegangen,   da hub sie an zu fragen.
Sie sprach: "Lieber Wächter,   trauter Gevatter mein,
Sag mir bei deiner Güte,   was macht mein Kindelein?"

Er sprach: "Es ist geborgen,   liebe Herrin mein;
Ich hab es taufen lassen,   eur schönes Kindelein,
Ich und eine Jungfrau,   wie sichs mein Herr erbat;
Der Torwart hat gehütet   diese Nacht an meiner Statt.

"Einer guten Amme   vertraut' ich es an,
Die wird es wohl verpflegen;   es ist so wohlgetan.
Ich verhieß ihr sechs Mark Goldes,   edle Königin."
"Fürwahr, die geb ich gerne,   sie soll es treulich erziehn."

Zur Jagd wollte reiten   Herr Walgund, wie er pflag,
Da sahn des Königs Jäger   den Wolf gehn in dem Hag.
Da ward nach dem Wolfe   gekehrt des Königs Jagd,
Man jagt' ihn nach dem Walde,   dem er viel Schaden gebracht,

Zu einem hohen Berge,   der war innen hohl;
Der Alten waren zweene,   das vernahmt ihr wohl.
So kühn war aber keiner,   sich in das Hohl zu traun.
Der König sprach im Zorne:   "Wir müssen die Wölfe schaun."

Die Ritter und die Knechte   flissen sich mit Graben,
Vor und in der Höhle   mussten sie Arbeit haben,
Bis an den Wolf gerochen   war des Kindleins Not:
Sie stachen mit den Spießen   die beiden Alten zu Tod.

Da nun die Wölf erstochen   lagen in ihrem Haus,
Hinein schloff ein Jäger,   und warf sie hinaus.
Da fand er die vier Jungen,   nicht mehr schien dort zu sein;
Von dannen wollt er scheiden,   da weinte das Kindelein.

Er nahms und trugs zum Lichte,   zu beschauen hub ers an.
Er sprach: "Ich sah mein Leben   kein Kind so wohlgetan.
Schauet, von Salneck   Herr König Walgund,
Hier hab ich euch gefunden   gar einen reichen Fund.

"Schaut selber, lieber Herre,   dies Kindlein traf ich an,
Mich dünkt, in aller Weite   lebt nichts so wohlgetan."
Da sprachen die es sahen:   "Es ist erst neu geboren."
"Mich reut' es," sprach der König,   "müsst' es also sein verloren.

"Lasst uns die Mutter suchen,"   hub der König an,
"Wenn die Wölfe nicht zerrissen   die dieses Kind gewann."
Da man die Mutter nirgend   in dem Gebirge fand,
Wie bald man das Kindlein   da vor dem König entband!

Soll ein Ding sich fügen,   das müss fürwahr geschehn,
Des mag man an dem Kinde   wohl ein Beispiel sehn.
Natürliche Liebe   Herrn Walgund bezwang,
Dass er sein königlich Gewand   über das Kindlein schwang.

Er wollt es niemand lassen,   er nahm es in den Arm;
Er sprach: "Lasst uns nach Salneck,   da betten wir es warm."
Ritter und Knechte   säumten nicht länger dort,
Sie führten zu der Veste   das Kindlein mit dem Wilde fort.

Da kamen sie in Eile   auf den Hof geritten,
Und sprangen von den Rossen   nach fürstlichen Sitten.
Hin trat König Walgund   vor sein Gemahl alsbald:
"Nun schau, liebe Herrin,   welch ein Kind ich fand im Wald."

Wie es die wilden Wölfe   in einen Berg getragen
Und wie es ward gefunden,   begann er ihr zu sagen.
"Es hat noch nicht die Taufe,   ist neulich erst geboren:
Mich müsst es immer reuen,   sollt es also sein verloren.

Heißet es nun baden,   liebe Herrin mein,
So will ich taufen lassen   das schöne Kindelein,
Und will es wohl erziehen;   wird es ein biedrer Mann,
Tausend Mark Goldes   mach ich ihm untertan."

Da gewann er ihm zu Toten (Paten)   den Grafen Wolfwin,
Dazu von Galizien   eine edle Markgräfin
Und St. Jörg, den Ritter;   das war ein kühner Mann.
Der Torwart und der Wächter,   die durften jetzt nicht heran.

Da man das schöne Kindlein   trug zur Taufe hin,
Der König selber folgte   und die Königin;
Den Rittern und den Knechten   groß Wunder schiens zu sein,
Woher gekommen wäre   das schöne Kindelein.

Da man das edle Kindlein   nun aus der Taufe hob,
Man schöpft' ihm einen Namen, der kam zu großem Lob:
Wolfdieterich der Name   ward weit und breit bekannt,
König hieß Wolfdieterich   hernach über manches Land.

Eine Mark Goldes gab ihm   die edle Markgräfin,
Eine Mark Goldes gab ihm   auch der Graf Wolfwin;
Ihm gab St. Jörg der Ritter   ein golden Fingerlein,
Dass man desto besser zöge   das schöne Kindelein.

Einer reichen Amme   das Kind empfohlen ward,
Die wusst es schön zu ziehen,   sie war dem Kindlein zart.
Man sah es wohl gedeihen   darnach in kurzen Tagen:
Von einer Burg zur andern    musste man das Kindlein tragen.

So wuchs in kurzen Tagen   das Kindlein wonnesam;
Und ward so schön zu schauen   und so wohlgetan,
Dass man Kunde hörte   davon im Lande sagen;
Sie mussten es die Woche   dreimal vor den König tragen.

Darnach Frau Liebgart   nicht länger das verhing,
Zu ihrer schönen Tochter   auf den Turm sie ging.
Da sagte sie ihr Märe   von dem Kindelein:
Da erschrak in ihrem Herzen   die junge Königin rein.

Wie es die wilden Wölfe   in den Berg getragen,
Es der König hätt gefunden,   begann sie ihr zu sagen,
Und wie so schön es wäre,   das edle Kindelein:
Da sprach die junge Königin:   "Ach Gott, wem mag es wohl sein?"

Darnach in kurzen Stunden,   als die Mutter von ihr ging,
Die junge Königstochter   nicht länger das verhing,
Sie sprach zu dem Wächter:   "Trauter Gevatter mein,
Sag mir die rechte Märe,   wie steht es um mein Kindelein?"

Er sprach: "Aufs allerbeste,   liebe Herrin mein,
Ich hab es taufen lassen,   eur liebes Kindelein."
Sie sprach: "Bei dem Gerichte,   das zuletzt über dich ergeht,
Sag mir keine Lüge,   wie es um mein Kindlein steht."

Da sie so hoch und teuer   den Wächter hatt ermahnt,
Die Augen liefen ihm über,   der Mann die Hände wand.
Er sprach: "Liebe Herrin,   so will ich euch sagen,
Ich konnt es nirgend finden,   und weiß nicht wers hat hingetragen."

Die edle Königstochter   hatte Leids genug,
Mit ihren beiden Händen   sie zu den Brüsten schlug.
So kläglich musste klagen   die Jungfrau wohlgetan,
Sie klagte Gott vom Himmel,   dass sie je das Leben gewann:

"O weh, dass mich die Mutter    je hat zur Welt geboren,
Nun hab ich Gottes Hulden   und auch mein Kind verloren,
Dazu Hugdieterichen,   den liebsten Herren mein:
Von Gut und von Ehren   muss ich geschieden sein."

Da sprach zu ihr der Wächter:   "Viel liebe Herrin mein,
Tut es um Gott den guten   und lasst eur Weinen sein.
Euer Vater hat gefunden   eur Kindelein im Hohl:
Er ziehts ohne euern Schaden:   Darum gehabt euch wohl.

Und wollt ihr mir nicht glauben,   so hört was ich euch sage:
Bittet eure Mutter,   dass man es zu euch trage,
So mögt ihr wohl beschauen   das selbe Kindelein,
Und werdet ihr wohl inne,   ob es euer möge sein."

Frau Liebgart die Alte   nicht länger das verhing,
Zu ihrer schönen Tochter   sie nach dem Turme ging.
Als sie nun wieder sagte   von dem Kindlein wohlgetan,
Da sprach die junge Königin:   "Liebe Mutter, hört mich an.

Ich bäte dich so gerne,   möcht es dein Wille sein,
Dass du mich sehen ließest   das schöne Kindelein."
Sie sprach: "Dein Vater liebt es sehr,   er vertraut es niemand an."
"So bring die Amme morgen   mit dir den Turm hinan."

Da brachte sie am Morgen   die Amme mit zuhand.
Die Junge nahm es auf den Schoß:   Wie bald sie es entband!
Da fand sie zwischen den Schultern   das Kreuz von Golde klar,
Daran sie wohl erkannte,   dass es ihr Kindlein war.

Da zog sie von dem Finger   ein Ringlein schön genug,
Und gab es der Amme,   die das Kindlein trug,
Dass sie desto besser zöge   ihr schönes Kindelein.
Sie sprach: "Wär ich bei Leuten,   ich wollte dir gnädig sein."

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