Drittes Abenteuer
Wie Hugdietrich heimfuhr
Frau Liebgart die Alte das
länger nicht verhing,
Zu ihrer schönen Tochter auf den Turm sie ging
Zu schauen wie da lerne ihr liebes Töchterlein.
So kam sie mit Frauen zu ihnen beiden hinein.
Da sprach die schöne Hildburg:
"Liebe Mutter mein,
Ich bäte dich so gerne, möcht es mit Hulden sein,
Dass du usn an die Zinne eine Weile ließest gehn,
Ob wir Abenteuer in der Ferne möchten erspähn."
Sie sprach: "Liebe Tochter,
ich will dirs nicht versagen."
Da ließ sie erschließen den Turm und das Gaden;
Hilgunden und die Tochter sie bei den Händen fing,
Mit den zwei Gespielen sie an die Zinnen ging.
Da sahn sie eine Fahne
herfliegen auf dem Plan,
Darunter ritten stattlich wohl zwölfhundert Mann.
Wer die Herren wären, das war den Zwein nicht kund,
Aber bald erkannte sie die schöne Hildegund.
"Die ich dort reiten sehe,
die sind mir wohl bekannt:
Sie hat nach mir mein Bruder Hugdieterich gesandt.
Es ist ein reicher Herzog von Meran geborn:
So hat mein Bruder wider mich gelassen seinen Zorn."
Da sprach die schöne Hildburg:
"Liebe Gespiele mein,
Tu es Gott zu Liebe, und lass die Rede sein.
Sollt ich dich verlieren in so kurzer Stund,
Das verwänd ich nimmer, du schöne Hildegund."
Da sprach zu ihr Hugdietrich:
"Liebe Gespiele mein,
Solltest du so lange in fremden Landen sein
Als ich hier bin gewesen, und schickte man nach dir,
Du freutest dich von Herzen: Das Gleiche glaube von mir."
Es ging an den Abend, wo
man zu Essen trug;
Sie hatten aller Wirtschaft jederzeit genug.
Da ging sich schlafen legen die alte Köngin heim.
So tat auch Hugdietrich mit der schönen Frauen sein.
Von schweren Gedanken ward
die Nacht ihm lang,
Und von großer Sorge, die ihm im Herzen rang,
Wie er mit Fug entkäme mit der Frauen sein,
und ihre Ehre hütete, dazu ihr Kindelein.
Er sprach: "Edle Königin,
ich verhieß euch doch,
Ihr sollt zu Konstenopel die Krone tragen noch.
Doch müsst ihr, liebe Herrin, erst Not erleiden hier;
Das will ich euch vergüten," sprach Hugdieterich zu ihr.
"Wenn nun kommt die Stunde,
dass ihr zu Nöten geht
Mit unser beider Kinde, das wir von Gott erfleht,
Den Torwart und den Wächter nimm zu dir herein,
Der bringt dir eine Jungfrau, die pflegt das Kindelein.
Heiß es eines Morgens zu
der Kirche tragen,
Dass ihm die Priester die Tause nicht versagen.
Ists ein Knab, so heiß es Dieterich nach mir,
Ist es eine Tochter, so empfang es Namen von dir.
Ihr sollt es schön erziehen,
es sei Tochter oder Knab;
Sobald dus dann vermögest, so komm vom Turm herab
Und bring mit dir zwei Ritter und vier Mägdelein,
Den Wächter und den Thorwart, dazu das Kindelein.
Und kommst du dann hinüber
in der Griechen Land,
So sorge, dass der Ritter mit einer wird gesandt:
So reit ich dir entgegen mit manchem werten Mann,
Und mache dich gewaltig über alles was ich je gewann."
Sie sprach: "Lieber Herre,
dem folg ich sicherlich.
Nun tut so wohl, der Schande überhebt mich,
Und gewinnt mir die Gevattern, die vonnöten sind."
Auf sprang da Hugdietrich von seinem Bette geschwind.
Er ging an die Zinnen, wo
er den Wächter fand;
Er rief ihn an ein Fenster und nahm ihn bei der Hand:
"Seltsame Abenteuer wollt ich dir sagen gern,
Wenn du verschwiegen und getreu wärst deinem Herrn.
So wollt ich erschließen
mein ganzes Herz von dir;
Du solltest es genießen, stündest du treu zu mir
Und hieltest es verschwiegen, Wächter, zu aller Stund."
Er sprach: "Liebe Herrin, es kommt nie vor meinen Mund."
"So lass die junge Königin
dir befohlen sein;
Und wärs, dass sie gewänne ein kleines Kindelein,
So werde sein Gevatter und halt es geheim."
"Schweigt, schöne Jungfrau, was soll das für Rede sein?
Was hätt ich dann gehütet,
sollt es nun also sein,
Dass Gevatter brauchte die liebe Herrin mein?
Und hörte diese Dinge der König Walgund,
Vor diesen Turm erhenken ließ' er mich gleich zur Stund."
Hugdieterich sprach: "Geschehn
ist ohne deine Schuld;
Dir soll dein Herr auch billig lassen seine Huld.
Ich bin von Konstenopel König Hugdieterich,
Von mir trägt das Kindlein die Königin minniglich.
"Das sollst du verschweigen,
tugendreicher Mann.
Und kommst du zu den Griechen, eine Grafschaft untertan
Wird dir mit Land und Leuten; sie soll dein eigen sein;
Und bring mit dir die Herrin und das liebe Kindelein,
Den Torwart und die Jungfrau
nimm mit dir alsdann:
Tausend Mark Goldes mach ich dir untertan
Und eine gute Veste, die dir beschließt das Land.
Meine königliche Treue und Ehre hab dir zu Pfand."
So gute Verheißung vernahm
der Wächter gern,
Mit seinen beiden Händen gelobt' er es dem Herrn.
Er freute sich der Märe, dass er Gevatter war,
Und tat auch das Beste, da die edle Frau gebar.
Hugdietrich ging hinwieder
wo er die Herrin fand.
"Wenn ich von hinnen reite und räumen muss das Land,
So trug ich für dich Sorge, viel liebe Herrin mein:
Deine Ehr ist wohl behütet und mein kleines Kindelein."
Am Morgen Herzog Berchtung
kam auf den Hof geritten;
Sie sprangen von den Rossen nach fürstlichen Sitten.
Sie führten von Golde herrliches Gewand:
Da nahm man den Gästen der Pferde Zaum aus der Hand.
Walgund der reiche König
den Herrn entgegen ging,
Wo er den Herzog Berchtung nach höfscher Zucht empfing.
Da sprang Herzog Berchtung: "Lieber Herre mein,
Wie gehabt sich von Griechenland die edle Königin rein?
Seinen Zorn hat nun gelassen
ihr Bruder Hugdietrich:
Man soll ihm heim senden die Jungfrau minniglich.
Burgen, Land und Leute hat sie da von dem Herrn."
Da sprach der König Walgund: "Ich gönne sie niemand gern.
Meiner Tochter hab ich sie
zum Gespiel gegeben:
Bei der will sie verbleiben so lang ihr währt das Leben.
Das ward mir verheißen von der schönen Jungfraun."
Da sprach Herzog Berchtung: "Nun erlaubt mir, sie zu schaun."
Am andern Morgen ließen sie
ihn vom Turm herab.
Es geschah wohl keinem leider, dem man trug zu Grab
Den Vater und die Mutter, als Hildburg geschah,
Als sie nun ihr traut Gespiel weder hörte mehr noch sah.
Als da Hugdietrich von dem
Turme ging,
Seinen Meister Berchtung wie schön er ihn empfing!
"Nun sage, Herzog Berchtung, auf die Treue dein,
Wie gehabt sich Hugdietrich, der liebe Bruder mein?"
Er umfing ihn mit Armen und
raunt' ihm ins Ohr:
"Die Frau hab ich erworben, so setzt' ich mir es vor.
Nun führe mich von hinnen alsbald, getreuer Mann,
Sonst ist um mein Leben, das wisse sicher, getan."
Da sprach König Walgund:
"Liebe Herrin mein,
Ihr sollt bei mir verbleiben, lasst euer Raunen sein.
Burgen, Land und Leute mach ich euch untertan,
Dass ihr hier bei mir verbleibet, schöne Jungfrau wohlgetan."
Da sie gegessen hatten und
getrunken völliglich,
Da ließ sich vor den König auf ein Knie Hugdieterich:
"Nun erlaubt mir, heimzufahren, König auserkorn,
Da wider mich gelassen mein Bruder hat seinen Zorn."
"Wider meinen Willen mag
ich euch hier nicht haben;
Doch ist meiner Tochter Freude gar begraben."
Da begann Hugdietrich zu der jungen Königin:
"Tröst dich um meinetwillen, und tu dein Weinen hin."
Da zog sie von dem Finger
die golden Ringelein:
"Das nimm mit dir von hinnen, traute Gespielin mein!
Du sollst es mir zu Liebe tragen an der Hand:
So oft du nach ihm blickest, so sei an Treue gemahnt."
Da hieß König Walgund
Gewand zur Stelle tragen,
Das war mit rotem Golde um und um beschlagen.
Er sprach zu Hugdietrich: "Viel edles Mägdelein,
Das tragt in euerm Lande und gedenkt der Tochter mein."
Auch ließ er aus dem Stalle
vier schöne Pferde ziehn:
Die gab er Herzog Berchtung und der jungen Königin.
Da nahmen sie Urlaub und wandten sich hindann.
Sie geleitete der König mit manchem herrlichen Mann.
Da sprach König Walgund:
"Viel edle Königin,
Ich muss hier heim verbleiben, das nehmt mit Hulden hin."
Da sprach er zu dem König: "Lasst euch empfohlen sein
Meine Gespielin Hildburg, das edle Mägdelein."
Da ritt nun Hugdieterich
heim zu seinem Land,
Wo er in hohen Ehren seine Städt und Burgen fand.
Da ritten ihm entgegen die Mannen allzumal,
Sie empfingen ihren Herren, wie ihre Treue befahl.
Er blieb zu Konstenopel nun
wohl ein halbes Jahr,
Und ward oft trüben Mutes, das sag ich euch fürwahr.
So oft er anblickte das goldne Fingerlein,
Da trauert' ihm das Herze nach der schönen Herrin sein.
So tat auch zu Salneck
Hildburg die schöne Maid
Dort auf ihrem Turme mit großem Herzeleid.
Ihr Haar so fein wie Seide aus dem Haupte brach sie da,
Dass sie nun ihr traut Gespiel weder hörte mehr noch sah.
Da sprach zu ihr der Meister:
"Liebe Herrin mein,
Tut es um Gott den guten, und lasst eur Weinen sein
Nur jetzt bis zu der Stunde, dass euch kam der Tag:
So helf ich euch getreulich, so gut ich kann und vermag."
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