VII. Hugdietrich und Wolfdietrich
Hugdietrich
Erstes Abenteuer
Wie Hugdietrich gen Salneck kam
Es wuchs in Konstenopel ein
König auserkannt,
Bieder und gewaltig, Hugdieterich genannt.
Seit seiner ersten Jugend wusst er wohl zu leben,
Um Gott und um Ehre zu leihen und zu geben.
Er war bei kleinem Wuchse
wohl geschaffen überall,
Gedreht wie eine Kerze die Hüfte hin zu Tal.
Das Haar war ihm lockig, fahl dazu und lang,
Das ihm von der Achsel bis auf die Hüfte sich schwang.
Sein Vater war geheißen der
König Anzius,
Der Fürst in Griechenland; so meldet uns das Buch.
An seinem Hof erzogen, hatt er, das ist wahr,
Einen alten Herzogen, der lebte manches Jahr.
Das war Herzog Berchtung
geboren von Meran;
Den rief der König Anzius eines Tages zu sich heran.
"Ich habe dich erzogen in Ehr und Würdigkeit:
Das lass mich nun genießen: Ich befehl auf deinen Eid
Dir Hugdieterichen, den
lieben Erben mein;
Dazu Land und Leute lass dir empfohlen sein.
Der Tod hat mich ergriffen, von der Welt nun muss ich gehn."
Ritter und Knechte sah man traurig vor ihm stehn.
"Nein, Herzog Berchtung,
lass mich Trost an dir ersehn:
Messerwerfen lehrt' ich dich, dass dich niemand darf bestehn;
Auch gab ich dir zu Weibe die edle Herzogin:
Nur lehr Hugdieterichen, so lieb als ich dir bin."
Er sprach: "Lieber Herre,
des sollt ihr sicher sein,
Ich lehre was ich Gutes nur kann den Herren mein.
Doch getrau ich Gott vom Himmel, ihr mögt noch selbst gedeihn."
"Nein," sprach der König, "das mag nimmermehr sein."
Darnach in kurzen Tagen der
hehre König starb.
Mit Züchten Herzog Berchtung ihm alsbald erwarb,
Dass er schön begraben wurde wie man Königen tut.
Er nahm zu sich den Jungen; gar traurig war sein Mut.
So zog er seinen Herren bis
in das zwölfte Jahr.
Da begann zu ihm Hugdietrich, das sag ich euch fürwahr:
"Lieber Meister Berchtung, ich suche Treu an dir,
Bei aller deiner Tugend erzeigen sollst du sie mir.
Nach einer schönen Frauen
gedenkt mir Sinn und Mut.
Du siehst wohl, lieber Meister, dass ich Ehre hab und Gut.
An Land und an Leuten ist weit die Herrschaft mein:
Wenn ich nun also stürbe, wer sollt ihr Erbe wohl sein?"
Da war dem Herzog Berchtung
die Rede nicht leid.
Er sprach: "Ich hab erfahren Heiden- und Christenheit;
Doch sah ich nie mit Augen Frau noch Mägdelein,
Die dir zum Ehgemahle genügsam möchte sein.
Hat sie es an dem Leibe,
ists eine niedre Magd,
Wie dir zu andern Stunden wohl manchmal ward gesagt;
Hat sie es an dem Adel, ungeschaffen ist ihr Leib:
Drum kann ich dir nicht finden ein wohl gefügsames Weib."
Da sandte Hugdietrich fern
aus in all sein Land:
Ihm kam zu Hof geritten manch kühner Weigand.
Er sprach: "Nun ratet alle mir um ein Ehgemahl."
"Der Rat ziemt Meister Berchtung," riefen alle da im Saal.
Er sprach: "Lieber Meister,
nun gib mir deinen Rat,
Da du es bist alleine, der mir zu raten hat.
So rate mir mit Treue zu einem Mägdelein,
Die mir zu einer Frauen Genossin möge sein."
Er sprach: "Lieber Herre,
so tu ich dir kund:
Ein König sitzt zu Salneck, der heißet Walgund;
Seine Frau ist geheißen die schöne Liebgard:
So schöne Tochter haben die, dass niemals schönere ward.
Hildeburg die Schöne ist
die Magd genannt.
Ihresgleichen fände niemand, durchführ er alles Land,
Weder Königstocher noch irgend andre Magd,
Die zu des Landes Frauen dir billig besser behagt.
Sie ist wohl edeln Königen
von Geschlechte gleich.
Sie wohnt bei Zucht und Ehre, fürwahr das sag ich euch,
Scham, Maß und Sitte, dazu Bescheidenheit,
Tugend und Schöne trägt die herrliche Maid.
Auf einem Turm verschlossen
ist die werte Magd:
Allen Männern hat ihr Vater sie verschworen und versagt
Bis an sein Ende, so lang ihm währt das Leben:
Und bät um sie ein Kaiser, dem wollt er sie nicht geben.
Ein Wächter sie zu pflegen
ist allezeit bedacht,
Und auch ein Torwächter, wenn ihr Essen wird gebracht;
Dazu eine Jungfrau, die ihr zum Dienst behagt:
So ist gar wohl behütet diese kaiserliche Magd.
Was hilft dir, lieber Herre,
was ich dir hab gesagt?
Du musst doch fahren lassen die wonnigliche Magd.
Man mag sie nicht gewinnen, wie klug sich einer stellt,
Sie muss zu Salneck bleiben, ob es dir übel gefällt." -
"Du weist wohl, lieber Meister,
die blöden Kinder sind
Zu Stürmen und zu Streiten kein nützes Ingesind,
Noch auch zu hohen Räten, wo man die pflegen soll.
Nun rat auf deine Treue, daran so tust du wohl.
Nach der schönen Frauen
steht mir Sinn und Mut.
Ich lerne nähn und spinnen, dünkt es dich anders gut,
Und feine Arbeit wirken mit Gold und seidnem Faden:
Mit weiblichen Züchten will ich mich überladen.
Nun heiß mir gewinnen die
beste Meisterin,
Dass man nicht bessre findet im Lande her und hin,
Die mich am Stickrahmen mit Seide wirken lehrt,
Und Wild und Zahm entwerfen, wie es im Walde fährt;
Auch an der Haube bilden
Wunder ohne Zahl,
Und ringsher goldne Borten, eine breit, die andre schmal,
Mit Hirschen und Hinden, als ob sie lebend sein:
Ich will mit Listen werben um das schöne Mägdelein."
Der Meister Herzog Berchtung
sah seinen Herren an,
Dass er so kluge Reden zwölf Jahr alt begann.
Er gewann nach seinem Wunsche ihm die beste Meisterin,
Keine bessre war zu finden bei den Griechen her und hin.
Hugdieterichen lehrte sie
wohl ein ganzes Jahr
Gar feine Arbeit wirken, das sag ich euch fürwahr.
Was ihm vorgebildet die gute Meisterin,
Das wirkten seine Hände nach mit gelehrigem Sinn.
Zu weiblicher Stimme auch
kehrt' er seinen Mund;
Das Haar ließ er wachsen, dass es ihm lieblich stund.
Da ward so schön der Jüngling und ward so minniglich,
Dass er oberhalb des Gürtels wohl einer Jungfrau glich.
In weiblichem Gewande ließ
er sich auch sehn,
Wenn er zu Konstenopel zur Kirche sollte gehn.
Die oft gesehen hatten zuvor den jungen Herrn,
"Wer ist die Wohlgetane?", fragten alle nah und fern.
Da nun das Hugdietrich an
sich selbst befand,
Er sei den eignen Leuten fremd und unbekannt,
Da freut' er sich von Herzen; es schuf ihm hohen Mut:
Käm er nach Salneck, dacht er, sein Werben würde gut.
Er sprach: "Viel lieber Meister,
nun gib mir deinen Rat,
Da du es bist alleine, der mir zu raten hat.
In welcher Weise soll ich nun von hinnen fahren?"
Da sprach der alte Herzog: "Ich kann dich wohl bewahren.
Du sollst mit dir führen,
Hugdieterich,
Kühner Ritter fünfzig gekleidet wonniglich,
Und vierhundert Knechte, wohl zu der Fahrt bereit,
Und sechsunddreißig Jungfraun, sie all in köstlichem Kleid.
Du sollst auch mit dir führen
dein herrlich Gezelt;
Und wenn ihr kommt zu Salneck vor die Burg auf das Feld,
So heiß es aufschlagen auf dem weiten Plan,
Sitz drunter mit der Krone, deine Diener um und an.
So wird von dem König
alsbald zu dir gesandt,
Durch welches Abenteuer du kämest in sein Land?
So sollst du, lieber Herre, alsdann bescheiden ihn:
Ich bin von Konstenopel eine edle Königin.
Daraus hat mich vertrieben
mein Bruder Hugdietrich.
Einen Mann will er mir geben, der sich nicht ziemt für mich,
Einen Ungetauften aus der Heidenschaft:
So komm ich nun auf Gnade zu dir, König tugendhaft,
Dass du mich hier behaltest,
König auserkorn,
Bis gegen mich mein Bruder lässt von seinem Zorn.
Heißt dann dich bei sich weilen der König lobesam,
So bleib allda selbvierte; dein Gesinde schick hindann.
Und halte dich aufs Beste
bis in das andre Jahr:
So komm ich geritten, das sag ich dir fürwahr,
Und will dich dann besuchen und will dann wohl erspähn,
Ob dir ein Abenteuer dort zu Salneck sei geschehn."
Da freute seines Rates sich
Hugdieterich.
Fünfzig kühne Ritter kleidet' er wonniglich
Und vierhundert Knappen schön zu der Fahrt bereit,
Und sechsunddreißig Jungfraun, sie all in köstlichem Kleid.
Dazu Gezelt und Hütten nahm
der Degen mit,
Und alle andre Zierde als er von dannen ritt.
Sie hatten fröhlich Urlaub all daheim genommen;
Am achtzehnten Morgen sah man sie gen Salneck kommen.
Da fanden sie vor Salneck
gar ein reiches Feld
Und geboten aufzuschlagen ihr herrlich Gezelt.
Vier Karfunkel gaben in den Knäufen lichten Schein:
Den König Walgund wunderte wer die Gäste möchten sein.
Herdegen hieß ein Ritter,
der ward dahin gesandt,
Um welches Abenteuer sie kämen in das Land?
Der Ritter aus der Veste unter die Zelte ging,
Wo er Hugdieterichen mit den Seinen wohl empfing.
Als er Hugdieterichen nun
vor ihm sitzen sah,
Nun mögt ihr gerne hören, wie sprach er zu ihm da:
"Edle Königstochter, ich bin zu euch gesandt,
Um welches Abenteuer ihr gekommen wärt ins Land."
Da gab Hugdietrich Antwort,
der Held gar unverzagt:
"Ich bin von Konstenopel eine königliche Magd.
Daraus hat mich vertrieben mein Bruder Hugdietrich:
Einen Mann will der mir geben, der sich nicht geziemt für
mich,
Einen Ungetaufen aus der
Heidenschaft.
Nun kam ich her auf Gnade zu dem König tugendhaft,
Dass mich selbviert behalte der König auserkorn,
Bis gegen mich mein Bruder wieder lässt von seinem Zorn."
Der Ritter ging hinwieder,
wo er den Herren fand.
Er sprach: "Seltsame Gäste sind gekommen in dies Land:
Es ist von Konstenopel eine edle Königin,
Die ist hieher gekommen auf deiner Gnade Gewinn.
Das ziemt euch wohl, Herr König,
da sie gekommen ist
Fernher aus fremden Landen so gar ohn arge List.
Es bringt dir Ehr und Frommen, König auserkoren:
Die Jungfrau ist gar schön und reich, dazu auch hochgeboren.
Ihr ist von dir gemeldet,
du seist ein biedrer Mann:
So lass sie, gnädger Herre, nun deine Gnad empfahn."
Auf hub sich König Walgund, aus seiner Burg er ging,
Hugdietrich mit den Seinen er gar tugendlich empfing.
Da bog sie die Knie vor dem
König lobesam.
Da rief König Walgund: "Steht auf, das geht nicht an."
Hugdietrich sprach: "Ich neige mich zu den Füßen dein:
Herr, mein lieblich Grüßen lass mit deinen Hulden sein,
"Und behalte mich selbvierte,
König auserkorn,
Bis dass mein Bruder lässt wider mich den Zorn.
Das dankt dir selbst mit Ehren mein Bruder Hugdietrich,
Wenn ich zu Hulden komme, das glaube sicherlich."
"Seid ihr von Konstenopel
eine edle Königin,
So sollt ihr das vermeiden hier vor mir zu knien.
Was ihr von mir verlanget, des seid ihr gewährt:
Dass ihr vor mir kniet, des weiß ich mich nicht wert.
Euch und eur Gesinde nehm
ich gern hier auf,
Zu essen und zu trinken geb ich euch vollauf,
Ross udn reiche Kleider, edle Königin."
"Nein," sprach Hugdietrich, "so hab ichs nicht im Sinn.
Mich hat von Konstenopel
geleitet über Meer
In Herzog Berchtungs Dienste des Gesindes schier ein Heer.
Er ist ein werter Hezrog und hat ein weites Land:
Dass ichs ihm wieder sende, steht meine Treue zu Pfand."
"Berchtung," sprach der König,
"den kenn ich wohl fürwahr:
Er hat mir gedienet bis in das vierte Jahr."
Sein Heer snadt er ihm wieder, gekleidet ritterlich;
Bei ihm verblieb selbvierter König Hugdieterich.
Walgund der König nahm sie
bei der Hand,
Wohl gezogen führt' er sie in seine Burg zuhand.
Liebgart die alte den Zwein entgegenging,
Hugdietrich und die Seinen sie gar tugendlich empfing.
Da sprach König Walgund:
"Liebe Herrin mein,
Diese schöne Jungfrau lasst euch empfohlen sein,
Und nehmt zur Tischgenossin die Königin erkoren;
Wir wären wohl ihr eigen, so hoch ist sie geboren."
Einen Sessel ließ da bringen
die edle Königin
Mit reichen Seidenkissen, den boten sie ihr hin:
"Geruht darauf zu sitzen, wenn euch geliebt zur Stund."
Sie frug ihn wie er hieße; er sprach: "Ich heiße Hildegund."
Klein fein begann zu spinnen
da Hildegund zuhand,
Man fänd ihres Gleichen nicht in allem Land;
Dazu geschickt zu wirken die schönen Vögelein
Mit Gold und mit Seiden, sie schienen lebend zu sein.
Als die reiche Königin die
hohen Künste sah,
Nun mögt ihr gerne hören, wie sprach sie zu ihm da:
"Das sollt ihr mir lehren zwei meiner Mägdelein."
Er sprach: "Ich lehr euch viere, viel edle Königin mein."
Sie sprach zu ihr: "So will ich
euch immer bleiben hold,
Ich geb euch zu Lohne Silber und Gold
Und was ihr mögt begehren, das ist euch unversagt."
Da dankt' ihr wohl gezogen der Ritter unverzagt.
Da lehrte Hugdietrich zwo
Jungfraun, das ist wahr,
Künstlich Gewirke wohl ein halbes Jahr,
Schöne Tischtücher und Zwickeln weiß und breit,
Wie man sie edeln Fürsten vorlegt bei festlicher Zeit.
Sittich und Zeisig, Drossel
und Nachtigall,
Wo es am einen Ende zur Erde nahm den Fall;
Mitten zu Gesichte den Greifen und den Aar,
Dass ihn desto besser ein jeder würde gewahr.
Am andern Ende sah man den
Falken wie er flog,
Und ander Gevögel in Scharen mit sich zog.
Den Leun am dritten Ende, dazu den Lindwurm,
Als ob sie miteinander föchten freislichen Sturm.
Hasen und Füchse um den
vierten Saum,
Als ob sie liefen und sprängen durch den Raum;
Das Eberschwein zu Walde, voran den Hunden rot,
Dass jeder, der es schaute, dem Fürsten Ehren erbot.
Hirsche und Hinden dabei
auch ohne Zahl
In rotem Gold gebildet, wie lebend allzumal.
Seltsamer Wunder sah man viel daran;
Das schöne Tischlaken schaute mancher Biedermann.
Da sprach der König Walgund:
"Wer hat uns das genäht?
Des seltsame Wunder, das hier vor uns steht?"
Da sprach der Kämmrer einer: "Das mach ich euch kund,
Das alles näht von Griechenland die schöne Hildegund."
Da wurden ihr zu Salneck
alle Leute hold.
Er begann hervorzusuchen sein fein gesponnen Gold:
Damit wirkt' er eine Haube mit Wundern ohne Zahl,
Umher goldne Borten, eine breit, die andre schmal.
Als er die wohl gezierte
Haube fertig sah,
Nach Walgund dem König senden ließ er da:
Da setzt' ihm auf die Haube das schöne Mägdelein:
"Das tragt bei diesem Hofgelag, Herr, um den Willen mein.
Ihr sollt sie mir zu Liebe
vor euern Gästen tragen,
Wenn sie zu Lande kehren, dass sie dann können sagen,
Ihr tragt auf euerm Haupte gar ein reiches Kleid."
Er sprach: "Ich tu es gerne; Dank, minnigliche Maid.
Ihr erweist mir große Ehre,
viel edle Königin.
Verlangt, was euch geliebet, das wird euch zum Gewinn.
Burgen, Land und Leute, oder was eur Herz begehrt,
Ich geb euch meine Treue, des sollt ihr sein gewährt."
Sie sprach: "Lieber Herre,
und haltet ihr das wahr?"
Er sprach: "Was ihr gebietet, das tu ich alles gar."
"So lasst vom Turm hernieder eure Tochter zu mir gehn,
So ist mir für die Haube genug Entgeltung geschehn."
Er sprach: "Edle Königin,
des seid ihr gern gewährt;
Ihr hättet andre Gabe vergebens nicht begehrt.
Beides, Land und Leute, das Silber und das Gold,
Das lass ich euch geben, wenn ihr es nehmen wollt."
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