Achtes Abenteuer
Wie der Wurm Ortniten in die Höhle
trug
So hatt er mit sich selber
gesprochen in der Nacht:
Er wähnte, niemand hört' es, da war sie aufgewacht.
Sein Wort durchbrach ihr Herze, ihr Jammer ward so groß,
Dass seine Brust der Regen ihrer Augen übergoss.
Sie drückt' ihn an ihre Herze
und gab ihm Kuss und Kuss:
"Lieber Gott im Himmel, was ich vernehmen muss!
O weh mir armen Frauen: Was will mit mir geschehn?
Weh über meine Augen, dass sie dich haben gesehn!
Weh über meine Arme, denn
sie umfingen dich!
Lieber Herr und König, wem übergibst du mich?
Um dich hab ich gelassen," sprach die Königin,
"Den Vater und die Mutter, um mit dir her zu entfliehn,
Und alle meine Freunde," so
sprach die Fraue hehr:
"Soll ich noch dich verlieren, so hab ich niemand mehr.
Mein Volk und meine Heimat ließ ich, Herr, um dich:
Reicher König edel, wem willst du nun lassen mich?"
Da sprach der Lamparter:
"Dich befehl ich Gott
Und ergebe selber mich ganz in sein Gebot.
Wie mir gelingen möge, ob ich Leben und Leib
Verliere oder behalte, so ward mir nie ein lieber Weib."
Da sprach der Jammerreiche:
"Hast du auch rechten Sinn?
Bedenk es dir noch besser: Ortnit, wo willst du hin?
Magst du doch Rats befragen die Herrn in deinem Lehn."
"Nein," sprach der Lamparter, "ich will den Wurm bestehn.
Er kam von deines Vaters
Listen in dies Land.
Hätt ich ihn gleich erschlagen, als er mir ward gesandt!
Weh, dass ich ihn verschonte, dass ich ihn hieß erziehn!"
"Das möge Gott erbarmen," sprach die edle Königin. -
Er hat sie her gesendet
allein auf meinen Tod. -
"Ihm möge Gott vergeben," sprach sie, "diese Not,
Dass so viel der Christen sind durch ihn erschlagen.
Dass ich je ersah Lampartenland, das will ich Gott nun
klagen."
Da sprach der reiche König:
"Gemahl, nun tröste dich.
Ich kehr in wenig Tagen, Fraue minniglich.
Bald hab ich an dem Wurme gerochen meinen Zorn."
Sie sprach: "Leib und Leben hast du, sorg ich, verlorn,
Da der Wurm so übel und so
unselig ist,
Dass seine Bosheit niemand zu leben gönnet Frist.
Oft ahst du sonst erwiesen deine Tapferkeit,
Dich dürfte wohl verdrießen solch ungeheurer Streit."
"Das sind die Edelsteine,
die dein Vater hat gesandt:
So wollt er mir verderben mein Volk und mein Land.
Einst gilt er mir den Schaden, der mir davon geschehn.
Du magst mir Heil erwünschen; ich will die Würme bestehn.
Du sollst so sehr nicht weinen, liebe
Herrin mein."
Da sprach die Königstochter: "Wie ließ' ich das wohl sein." -
"Dir tadeln es die Leute, sehn sie dich also klagen;
Freundin und Fraue, du sollst es niemanden sagen."
"So willst du mich verlassen,
und willst in die Gefahr?"
Da sprach der Lamparter: "Das will ich fürwahr."
So muss ich dir entsagen," sprach die Königin.
"Ich merkte wohl die Jahre, die ich hier gewesen bin:
Es ist im sechsten Jahre,
dass du mir wurdest kund,
Mein Herz ist ohne Waffen und ohne Schneide wund.
Nun soll ich mich begeben, lieber Herre, dein:
Du willst nun von mir scheiden," sprach die Königin rein.
"Nun mög es Gott erbarmen,
dass ich dich je ersah!"
Ihr brach das Herz im Leibe, da ihr so weh geschah.
"Nun bleibe hier, Gebieter," sprach die Königin:
"Dir frommt nicht diese Reise, sie bringt uns übeln Gewinn."
Sie sprach: "Was willst du also
nach deinem Tode streben?
Du solltest mich trösten und verwaisest mir mein Leben."
Da schien durch das Fenster das helle Morgenlicht.
Er wollt aus dem Bette; sie ließ ihn von sich nicht.
Wie kühn er war von Herzen,
des Zorns er doch vergaß.
Von großem Jammer wurden ihm selbst die Augen nass,
Als ihn mit den Armen die schöne Frau umschloss.
Sie mussten beide weinen, dass es ihre Brust begoss.
"Frau, ich will Urlaub haben,
ich kann des nicht entbehren."
"Wie ungern ich ihn gebe, ich muss ihn doch gewähren.
Du willst nicht hier verbleiben: Gott möge dich bewahren."
"Lass mich, schöne Herrin, mit deinem Urlaube fahren."
Da sprang er aus dem Bette,
schloff in sein Sturmgewand,
Mit Weinen ihm die Riemen die schöne Herrin band.
Da lag vor seinem Bette sein Hund, das treue Tier,
Der fuhr, wenn er allein war, mit ihm zum Waldrevier.
Da schied er von der Frauen
und hob sich zuhand
Vor seine Kemenate, wo das Ross gesattelt stand.
Den Schild an seiner Seite, den Bracken hinter sich -
Da sprach die Jammersreiche: "Nun Gott gesegne dich."
Noch war er von der Veste
geritten nicht gar weit,
Ein Ding hatt er vergessen, das war ihm aber leid.
"Ich muss," gedacht er, "wieder zu der Königin:
Ich finde nicht den Kleinen, wenn ich des Ringleins ohne bin."
Noch stand sie auf der Mauer
und sah ihm nach, dem Herrn.
Als er so bald sich wandte, das sah die Schöne gern.
Sie wähnt, er wolle bleiben und lief ihm entgegen.
"Du wähnst, ich bleibe bei dir; doch kehrt' ich nicht
deswegen.
Schier hätt ich eins vergessen,
gib mir mein Ringelein!"
Sie sprach in Jammerlauten: "Wobei gedenk ich dein?"
"Bei mancher lieben Stunde gedenk an unser Glück."
Da gab mit heißen Tränen die Frau das Gold ihm zurück.
Da sprach der Lamparter:
"Was dir die Leute sagen,
Das sollst du nicht glauben, und sollst zu früh nicht klagen.
Wer dir das Ringlein bringet, dem ist ein Heil geschehn:
Der bringet dir die Märe, dass er mich tot hat gesehn.
Doch glaube noch den beiden,
Geliebte, nicht allein:
Wer dir die Rose bringet und den Harnisch mein,
Dazu des Wurmes Zunge, und diese kleine Gold,
Der hat mich gerochen: Dem sei mit Treuen hold.
Vielleicht wird er auch bringen
den Helm und das Schwert:
Der ist dann der rechte, dem sei mit dir gewährt.
Versprich mir, dass du keinem willst nehmen nimmermehr,
Wie sehr er dich bestürme, schlug er den Wurm nicht vorher."
Da wandt er von der Veste
sich nach dem wilden Berg:
Unter der grünen Linde da fand er den Zwerg.
"Wohin willst du reiten?", frug Elberich sogleich.
"Ich will in neue Sorgen," sprach Ortnit der König reich.
"Mit wem willst du streiten?
Was ist dir geschehn?"
Da sprach der Lamparter: "Ich will den Wurm bestehn."
Im Zorne sprach der Kleine: "Willst du nicht länger leben?
Warum willst du so eilig nach deinem Tode steben?
Willst du mit ihm fechten,
fürwahr, das rat ich nicht!
Ein Thor ist meiner Treue, der mit dem Wurme ficht."
Da sprach der Lamparter: "Ich hab es unternommen:
Es ergeh nach Gottes Willen, mir zu Schaden oder Frommen.
Um Rat will ich dich fragen,
du rietest mir manchen Tag:
Wie ich dem Ungeheuer das Leben nehmen mag?"
"Nun leide," sprach der Kleine, "was dir da Gott beschert;
Du wirst schon inne werden was von dem Wurm dir widerfährt.
Ein Ding mag ich dir sagen,
das dich noch trösten soll:
Kommst du mit ihm zum Streite, den Wurm erschlägst du wohl.
Groß wird an dem Wurm doch schwerlich dein Gewinn,
Denn findet er dich schlafen, fürwahr, so trägt er dich hin.
Drum will ich dir verbieten
zu schlafen, bis er tot:
So magst du ihn erschlagen; sonst ist es dir gedroht.
Nun möge Gott dich segnen; gib mir mein Ringelein:
Schickt Gott dich heil zurücke, so ist es wiederum dein."
Ihm warf der Lamparter das
Ringelein auf den Grieß.
Den kleinen Mann betrübte, dass er die Fahrt nicht ließ.
Er sprach: "Zu solchen Dingen gehört viel Not und Pein."
"Mit Gott," sprach der Große und ließ den Kleinen allein.
Da ritt er ohne Führer
durch das Gebirge hin
Wie sein Mut ihn lehrte und sein stürmender Sinn.
So ritt er ohne Ruhe den Tag bis an die Nacht:
Dass ihn der Schlaf bezwänge, das hätt er wohl nicht gedacht.
Abstieg er, Feuer zu machen,
das er aus Steinen schlug.
Klein Reis und große Äste er zu dem Feuer trug,
Damit der Wurm ihn sähe bei seines Feuers Schein.
Auf dem Sattel führt' er die Speise mit und den Wein.
Er setzte sich ins Grüne,
der Held trank und aß
Und gab auch dem Bracken, der ihm im Schoße saß.
Er hatte niemand weiter, er war da ganz allein.
Da saß er bei dem Feuer bis der Mond warf den Schein.
Da wollt er wieder reiten,
er sprang zu Ross zuhand;
Er war in großem Unmut, dass er den Wurm nicht fand.
So ritt er ohne Ruhe die Nacht bis an den Tag:
Da fand er einen Anger mit einem Rosenhag.
Unter grünem Baume vom
Pferde sprang der Degen.
Da hätt er auch so gerne eine Weile da gelegen.
Ohne Trank und Speise musst er da leider sein:
Er hatt auf seinem Sattel weder Brot mehr noch Wein.
Sein Herz war voll der Sorge,
er selbst gar müde nun:
Da neigt' er eine Weile sich hin um auszuruhn.
Nur wenig wollt er ruhen, als ihn der Schlaf bezwang,
Dass auf den grünen Anger das Haupt hernieder ihm sank.
Der Schlaf bekam ihm übel;
doch war die Müde groß.
Da legte sich der Bracke in des Lamparters Schoß.
Es kam ihm von dem Schlafe, dass er den Wurm nicht sah:
Davon den Lamparter bald großer Schade geschah.
Er brach durch die Sträuche,
die Blumen drückt' er nieder.
Der Bracke lief zum Wurme und lief zum Herren wieder.
Er boll mit lauter Stimme, doch das verschlief der Gast,
Des Hundes Bellen achtet' er nicht einen faulen Bast.
Wie ihn der Bracke kratzte
und in die Ringe biss,
Er lag gleich einem Thoren, der sich um nichts befliess.
Als der Geruch des Mannes kam zu dem grimmen Wurm,
Da schoss er gradesweges auf den Müden zu im Sturm.
Der Hund wollt ihn beißen,
als er den Wurm vernommen:
Da konnt er vor dem Helme nicht zu dem Haupte kommen.
Jetzt reckte seinen Schnabel das Ungetüm herfür:
Sein Mund wurde weiter als eine mäßige Tür.
Er schlang bis an die Sporen
ihn in den Schlung so tief;
Das wäre nicht geschehen, wenn er nicht lag und schlief.
Dem kleinen Hunde hätt er ein Gleiches gern getan:
Er zielte mit dem Schweife, dass kaum der Hund ihm entrann.
Der Wurm fuhr von dem Baume
zu seiner Felswand jach.
Aus Treue zu dem Herren lief ihm der Bracke nach
Bis vor das Gebirge, wo sein Geniste war:
Da wagte sich der Bracke aus Furcht nicht näher dar.
Die Jungen hatten drinnen
vor Hunger große Not:
War er auch unverwundet, so fand er doch den Tod.
Er trug ihn seinen Kindern in einen hohlen Berg:
Die saugten ihm das Blut aus durch das geschmiedete Werk.
Da verlor der Lamparter mit
Jammer seinen Leib.
Noch wusste das auf Garten nicht sein liebes Weib.
Man beklagt' ihn um die Ehre, die er dem Land erwarb.
Das ist das Abenteuer, in dem Ortnit erstarb.
Ü
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