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            III. Hörn. Siegfried
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            IV. Rosengarten
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            V. Hildebrandslied
               Hildebrand
            VI. Ortnit
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            VII. Hugdietrich

               Hugdietrich
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Fünftes Abenteuer

Wie Ortnit vor Montabauer kam

Besetzt ward die Veste;   Nachts schuf man gute Hut.
Was den Lamparter   und den Reußen deuchte gut,
Das taten gern die Heiden,   wie sie der König bat;
Sie ergaben ihm auf Gnade   das Leben und auch die Stadt.

Sie lagen ohne Sorgen   die Nacht bis an den Tag.
Da sprach der Lamparter:   "In diesen Mauern mag
Ich länger nicht verbleiben:   Wohl auf, es ist Zeit;
Ich muss gen Montabauer,"   sprach der König Ortneit.

"Wohl auf, kühner Reuße,   wir rächen unsern Zorn
Und unser Volk. Wir haben   hier allzu viel verlorn.
Die Toten liegen immer   mir in dem Herzen mein.
Des vergess ich nimmer,   mir werde denn das Mägdelein."

Die noch bei ihm waren,   die säumten länger nicht:
Manchen weißen Harnisch   und viel der Helme licht,
Der harten Stahlringe    trugen sie zum Streit:
Sie zogen aus der Vesten   auf die grüne Heide breit.

Da sprach der Lamparter:   "Wohlauf, mein kühner Bann:
Nun will ich erst streiten,   da ich sie rächen kann.
Ich muss die Burg gewinnen   und die darinnen sind;
Das Leben will ich lassen,   mir werde denn das schöne Kind.

Die mir hieher gefolgt sind,   die ruf ich alle auf,
Mit der Sturmfahne schreite   Ilias vorauf,
Sechzehntausend Helden   zum Graben folgen ihm,
Die Burg mag der Heide   nicht wehren unserm Ungestüm."

Mit Jammer sprach der Reuße:   "Ich kenne mich nicht wohl:
Wie gern ich euch wiese,   weiß nicht, wohin ich soll.
Sie führen mit mir irre   wohl auf der Straße hin;
Ich weiß auf meine Treue   selber nicht wo ich bin."

"Willst du mir es danken,"   so sprach das Gezwerg,
"So weis ich mit dem Heere   dich über Tal und Berg
Auf des Gebirges Höhe,   wo Montabauer ragt."
"Das lohnt dir Gott vom Himmel,"   sprach der König unverzagt.

"So gib, das man dir nachzieht,   das Ross mir unverwandt:
Die Fahne will ich führen   bis in des Königs Land.
So dich die Leute fragen,   wer auf dem Rosse sei,
Und wer die Fahne führe,   so sprich, dass es ein Engel sei."

Da gab man dem Zwerglein   des Rosses Gewalt:
Es sprang in den Sattel,   seine Lust war mannigfalt.
Die Fahne trug es herrlich   und rit voraus dem Heer:
So wies es die Helden   die Straße sonder Wehr.

Die Leute sprachen alle   und segneten sich:
"Edler König Ortnit,   willst du nicht segnen dich?
Siehst du nicht das Wunder,   das Gott dir hat beschert?
Was ists, das mit der Fahne   dort auf dem Rosse fährt?"

Darob erlachten heimlich   die beiden Könge hehr:
Sie sahen ihn alleine   und anders niemand mehr.
"Es ist der Engel Gottes,"   sprach König Ortneit,
"Der gen Montabauer   uns geben will Geleit.

Daran sollt ihr gedenken:   Die Todes hier verfahren,
Die führt er in den Himmel:   Drum dürft ihr euch nicht sparen."
Da waren die Lamparter   der Märe herzlich froh:
"Wir mögen gerne streiten,"   sprachen alle, "ist dem so."

Da folgten sie der Fahne;   sie nahmen all sein wahr,
Und sprachen einhellig:   "Brächt er nur bald uns dar!"
Er wies die Unverzagten   zu einem weiten Feld.
Laut rief der Kleine:   "Hier schlaget auf das Gezelt."

"Willst du die Burg erschauen,   so reit her unverzagt:
Jetzt will ich dir zeigen,   wo Montabauer ragt.
Gib jetzt dem Reußen wieder   die Fahn in seine Hand:
Ihr seht nun wohl die Höhe   und auch die Felsenwand."

Da nahm der starke Reuße   das Banner in die Hand;
Als sie die Burg ersahen,   sie freuten sich gesamt.
Der Reuße wollt im Zorne   nirgend Ruhe haben:
Er trug das Banner kühnlich   bis an den Burggraben.

In des Berges Halde   der Held das Banner stieß,
Wo er des Königs Leute   Herberge fassen hieß.
Da hütteten die Herren   auf das weite Feld,
Sie spannten auf den Anger   manches herrliche Gezelt,

Die ihm der reiche Heide   zu Messin gegeben;
Zwei waren Gold und Seide,   von köstlichen Geweben:
Sah man sie aufgeschlagen,   so schattete das Dach,
Dass wohl hundert Helden   darunter fanden Gemach.

Von Elfenbein die Stangen,   hell wie ein Spiegelglas;
Auf jeglichem Giebel   ein Knauf von Golde saß.
Mitten auf dem Golde   lag ein Karfunkelstein,
Der im Gezelt des Königs   gab kerzenhellen Schein.

Sie hatten sich der Vesten   ein Teil zu nah gezogen:
Da wollten sie die Heiden   vertreiben mit den Bogen.
"Wir sind der Burg zu nahe,"   sprach der König reich.
"Das weiß ich wohl zu wenden,"   rief Elberich sogleich.

"Ihr sollt hier vor der Mauer   ungefährdet liegen:
Ich schaffe, dass ihr Schallen   noch heute wird verschwiegen.
Was sie auf der Mauer   Geschützes mögen haben,
Das brech ich all zu Stücken   und werf es her in den Graben."

Da ließ er sie wohl schauen   wie listig war der Zwerg:
Er nahm vom König Urlaub   und hob sich an den Berg.
Da sucht er auf der Mauer:   Was er Geschützes fand,
Das brach er all zu Stücken   und warf es von der Felsenwand.

Da sprach von Lamparten   Ortnit der König hehr:
"Seht, wie hier all im Graben   liegt der Heiden Wehr.
Nun schlafen wir mit Freuden   bis an den Morgen früh:
Wir sind ohne Sorgen,   dass man uns viel zu Leide tu."

Die Heiden alle riefen:   "Der Teufel ist gekommen:
Was wir zur Wehr bedurften,   das hat man uns genommen.
Du solltest diesem König   deine Tochter gerne geben:
Wenn er dich überwindet,   er nimmt uns allen das Leben."

Da rief des Königs Fraue,   die gute Heidin:
"Gibst du ihm deine Tochter,   so hast du klugen Sinn.
Du magst es wohl entgelten,   willst du sie ihm versagen,
Der Suders hat gebrochen   und die Leute drin erschlagen."

Die Faust hob der Heide   und schlug sie an den Mund:
"Und rätst du solches wieder,   so wirst du ungesund."
Da sprach die alte Königin:   "Nun gebe Gott ihm Kraft,
Dass er ob uns beiden   sich noch den Sieg verschafft."

Da rief ein wilder Heide:   "Nun nehmt euch weisen Rat,
Da unsre Burgveste   kein Geschütz mehr hat."
Der Heide sprach: "Wir haben   noch vierzigtausend Mann:
Draußen vor dem Graben   greif ich morgen ihn an."

Wohl vernahm der Kleine   was der König jetzt gelobt.
Er sprach zu dem Heiden:   "Herr König, wie ihr tobt!
Euch helfen nicht mehr alle,   die jetzt am Leben sind:
Er hängt dich an die Zinnen,   gibst du ihm nicht dein Kind.

"Hat dich wieder," sprach der Heide,   "der Teufel her gebracht!
Was ihr zu tun gedenket,   wird nimmermehr vollbracht.
Dass ihr so nah uns kamet,   das mögt ihr Gott wohl klagen:
Bald soll meine Mauer   euer aller Häupter tragen."

"Des sollst du inne werden,"   sprach Elberich sogleich:
"Ob vor der Burg nicht läge   Ortnit der König reich,
Du müsstest mir alleine   deine Tochter geben:
Niemand kann dich beschirmen,   ich benehme dir das Leben."

Mit großen Steinen warfen  sie nach der Stimme hin.
Elberich verirrte   dem König den Sinn.
Sie konnten ihn nicht treffen,   der nicht gesehen ward;
Elberich dem König   brach von dem Munde den Bart.

"Wehe," sprach der König,   "dass ich je geboren ward!
Er hat mir ausgebrochen   mein Haar und meinen Bart.
Dass ich es nicht mag rächen,   das will ich Machmet klagen."
Da schied von ihm der Kleine   und ging die Märe sagen.

Da hob sich der Kleine   von der Felsenwand
Hin wieder zu dem Heere,   wo er Ortniten fand.
"Dir entbeut der üble Heide   im offnen Felde Streit."
"Ich begehr es ja nicht anders,"   sprach der König Ortneit.

Da schlief er in den Sorgen   die Nacht bis an den Tag.
Ortnit erwachte,   da mancher Schlafs noch pflag.
Mit mannlicher Stimme   der Lamparter rief,
Da der Reußenkönig   noch immer lag und schlief:

"Wie lange willst du schlafen,   von Reußen Ilias?
Lass uns das Gras begießen   mit dem roten Blute nass.
Wohlauf, dass wir den Wallplatz   behaupten, es ist Zeit:
Vor den Burggraben   ruft uns der Heide zum Streit."

Da kleideten sich alle   in lichtes Sturmgewand
Und kamen mit der Fahne   der Pforte zugerannt,
Die der starke Reuße   zu allervorderst trug.
Hei, was der Lamparter   bald der Heiden niederschlug!

Die Heiden drinnen riefen:   "Nun setzet euch zur Wehr!
Unsrer Pforte nahet   der König und sein Heer."
Innerhalb der Mauer   ward das Lärmen groß:
Die Heiden wollten streiten,   die Pforte man erschloss.

Da drang des Kampfs begierig   zusammen Heer und Heer:
Sie wollten sich versuchen   und niemand schied sie mehr.
Da erwehrten sich die Gäste   des Wirtes unverzagt;
An die Brüste schlug sich   die kaiserliche Magd.

Das Haar glich der Seide,   das sie vom Haupte brach,
Als sie den großen Jammer   sah und das Ungemach.
Da fielen ihr die Tränen   vor Leid in den Schoß:
Sie bangte für den Vater:   Der Heere Streit war so groß.

Ihr Mund braun wie die Rosen,   wie ein Rubin so klar;
Gleich dem vollen Monde   schien ihr Augenpaar.
Sie hatte sich mit Rosen   gekränzt das schöne Haupt
Und mit edeln Perlen;   doch war ihr Trost geraubt.

Sie war von rechter Größe,   zu beiden Seiten schmal,
Gedreht wie eine Kerze   von den Armen hin zu Tal.
Nicht viel an Arm und Händen   gebrach der Königin;
Ihre Nägel waren lauter,   man sah sein Bild darin.

Ein seidenes Gebände   trug sie um ihr Haar;
Das ließ hernieder hangen   das edle Mägdlein klar.
Es fiel ihr von den Nacken   herab bis auf den Fuß
Zerrauft und verworren;   jämmerlich war ihr Gruß.

Auf dem Haupt die Krone   trug sie von Golde rot;
Elberich dem Kleinen   war zu der Jungfrau Not.
Zuoberst an der Krone   stand ein Karfunkelstein,
der warf im Königssaale   wie eine Kerze den Schein.

Ihr Hals schien durch die Zöpfe   weiß wie der Schnee;
Da tät dem kleinen Elberich   der Jungfrau Jammer weh.
Die Mutter nahm die Tochter   bei ihrer weißen Hand,
Und führte die Schöne   hin wo ihr Bethaus stand.

Da fielen sie vor Leide   nieder zum Gebet,
Sie klagten ihre Schande   Apollen und Machmet.
Gar groß war ihr Jammer   und außer maßen stark:
Sie fielen auf die Knie   gar manchmal vor dem Sarg.

Sie schlug sich und raufte,   das Mägdlein wonniglich:
Da fing ihr die Hände   der kleine Elberich.
Die minniglichen Hände   in den seinen schloss er ihr.
Die Tochter sprach zur Mutter:   "Wer ist denn hier bei mir?

"Befangen hat mich eines,"   sprach das Mägdelein,
"Es bringt ihm immer Schande:   Was lässt es mich nicht sein?
Was will es mich verhindern   an meinem Gebet?
Bist du Apollo,   oder bist du Machmet?

"So sollst du mir es sagen,   wenn du mein Gott bist, sprich!"
Der Kleien sprach: "Vom Himmel   ein Bote bin ich."
"Wie darfst du mich berühren   vor meinen Göttern hie?"
"Warum nicht?", sprach der Kleine:   "Ich bin viel stärker als sie."

"Nun sage, was für Botschaft   du bringest," sprach die Magd.
Mit Züchten sprach der Kleine:   "Das ist dir bald gesagt:
Mein Meister von den Himmeln   hat mich zu dir gesandt,
Du solltest Königin werden   über alles welsche Land."

Da sprach die Jungfrau wieder:   "Daran bist du betrogen:
Ich bin in der Heidenschaft   erwachsen und erzogen
Und will darin ersterben:   Wo sollt ich anders sein
Als bei meinem Vater   und bei der Mutter mein!"

Da sprach der Kleine wieder:   "Die Rede frommt dir nicht.
Du wirst Schaden nehmen   an deinem Angesicht,
Den du nicht überwindest   wie lange du noch lebst,
Da du so unerkenntlich   wider deinen Schöpfer strebst."

Da sprach die schöne Jungfrau:   "Ich weiß nicht, wer er ist,
Der mich hat erschaffen."   Er sprach: "Der heißet Christ.
Über Erd und Himmel   herrscht er gewaltiglich
Und über alle Wesen,"   so sprach da Elberich.

"Was du magst erdenken,   das ist ihm untertan.
Willst du den Lamparter   nicht zu deinem Mann,
Versagst du ihm den Willen,   so dünkt du mich dumm:
An Händen und an Füßen   macht dich Christ zur Strafe krumm.

Er nimmt dir deine Schöne   und macht dazu dich blind.
Du sollst an ihn glauben:   Du bist ja doch sein Kind.
Von ihm hast du die Schöne   und diese Farbe licht."
Da sprach die Jungfrau:   "Deinen Gott fürcht ich nicht."

Es mocht ihn wenig frommen,   wie er das Mägdlein bat.
Dem Streite zuzuschauen   der Zwerg aus Fenster trat,
Wer sich dort am Besten   möcht im Sturm gehaben:
Da trieben die Christen   die Heiden über den Graben.

Der Lamparter Lücken   zu beiden Seiten schlug;
Ihm nach der kühne Reuße   das Kriegsbanner trug
Bis an die Burgpforte:   Da lehnt' ers an die Wand;
Die Helden nahmen beide   die Schwerter wieder zur Hand.

Da sprach zu der Jungfrau   der Zwerg mit klugem Sinn:
"Willst du den Streit nicht schauen,   reiche Königin?
Was dir mein Gott gebietet,   lässt du das nicht geschehn,
Du musst in diesem Streite   deinen Vater sterben sehn."

Da sprach die Jungfrau:   "Der Heiden sind doch viel." -
"Ich helfe meinen Freunden,   das ist mir nur ein Spiel."
Die Mutter und die Tochter   traten ihm beide nah:
Wohl konnte sie nicht freuen   der Streit, der da geschah.

"Siehst du," sprach der Kleine,   meines Gottes Zorn?
Willst du dich nicht bekehren,  dein Vater ist verlorn.
Du magst den Lamparter   gern kiesen dir zum Mann.
Eh heut noch größrer Schaden   euch allen würde getan."

Da sprach die Magd in Züchten:   "Zum Manne, was ist das?
Soll ich des inne werden,   so bescheide mich fürbass."
"Du erfährst," sprach die Mutter,   "der Männer Brauch noch wohl:
Tu was er dich bittet,   eh dein Vater sterben soll."

Mit Züchten sprach der Kleine:   "Gut ist ein Mann fürwahr;
Bist du sein Weib geworden,   so wirst du's bald gewahr.
Gewohnst du's eine Weile   die Nacht bis an den Tag,
Du lernst ihn also lieben,   dass ihn niemand dir verleiden mag."

"Nun sei mirs wie es wolle   lieb oder leid,
Ich will mich doch nicht kehren   an deine Schalkheit.
Nimmer will ich leisten   deine Bitte, dein Gebot,
Ich seh denn, dass du selber   stärker wärst als mein Gott.

Du bist doch wohl nimmer   so kühn noch so stark,
Dass du meine Götter   berührst noch ihren Sarg."
Da wurden von dem Kleinen   die Särge bald erhaben,
Er schlug sie um die Mauern   und warf sie dann in den Graben.

"Schau," sprach der Reuße,   "der Streit ist wonniglich,
Den auf der Mauer streitet   der kleine Elberich.
Wer ihm auch helfen möge,   er hat den Streit erhaben:
Der Heiden Abgötter   liegen all im Burggraben."

Da sie sah wie sieglos   die Heiden vor ihr stritten,
Da begann die Jungfrau   den kleinen Gast zu bitten.
Sie sprach zu dem Zwerge:   "Nun schaff ihm Frieden erst:
Dass nicht mein Vater sterbe   tu ich was du nur begehrst."

Mit Züchten sprach der Kleine:   "Das tut dir wahrlich Not,
Willst du deinen Vater   erretten vor dem Tod.
Und soll ein steter Friede   zwischen uns beiden sein,
So wähle den Lamparter   und schick ihm zu dein Ringelein.

Ich hab es ihm verheißen:   So muss es auch geschehn."
"Eh ich zum Freund ihn kiese,   zuvor lass mich ihn sehn."
"Siehst du, der im Streite   sich so männlich hält
Und der so viel der Toten   hat vor sich nieder gefällt;

Dessen Harnisch leuchtet   vor anderm Sturmgewand
Als wär im finstern Hause   eine Kerze hell entbrannt:
Er ficht vor ihnen allen,   blutig ist sein Schwert."
"Er ist wohl," sprach die Mutter:   "Eines biedern Weibes wert."

Da sprach die Jungfrau:   "Nun bring ihm hin mein Gold,
Und sage dem Lamparter,   ich sei ihm treulich hold.
Bitt ihn, dass er weiche   von der Burg mit seinem Lehn:
Ich tu was er gebietet   meinen Vater heil zu sehn."

Der Rede ward er Kleine   gar außermaßen froh.
Sie gab ihm das Ringelein,   von dannen schied er so.
"Nun freue dich der Märe,   König Ortneit,
Dass bald in deinen Armen   liegt die herrliche Maid."

Der König ward getröstet,   dass er des Streits vergaß.
Da sprach der Lamparter:   "Nun sage mir fürbass,
Was erbietet mir die Jungfrau,   die edle Königin?"
"Sie entbeut dir holde Minne,   hier nimm ihr Ringlein hin.

Nun heiß den Reußen enden,   ihr habt genug gestritten:
Sie und ihre Mutter   lassen dich drum bitten,
Dass du die Veste meidest   und die Heiden lässest leben:
Sie will an deine Gnade   ihren schönen Leib ergeben."

Da sprach der Lamparter:   "Fürwahr, das soll geschehn;
Wär ich nur so selig,   dass ich sie sollte sehn!"
Der Reuße sprach im Zorne:   "Lass es ohne Frieden sein.
Dir wird doch wohl das Mägdlein:   Lass mich zum Tor nur herein."

Mit Züchten sprach der Kleine:   "Reuße, lass dich fragen:
Soll sie zum Freund ihn kiesen,   der den Vater ihr erschlagen?
Er mag wohl tun mit Ehren   was sich die Frau erbat:
Nomine domini Amen!   Du wirst nimmer Fechtens satt."

Da sprach der Lamparter:   "Ich will ihr nichts versagen."
Die Heiden wurden flüchtig   vor der Christen Jagen.
Sie wollten nicht mehr streiten   und schlugen zu das Tor:
Ortnit und die Seinen   blieben alle davor.

Da blies der reiche König   sein kleines Heerhorn:
Da hatt er seiner Helden   ein großes Teil verlorn:
Von dreißigtausend zählte   sechstausend noch sein Lehn;
Doch wagten die Heiden   die Christen nicht zu bestehn.

Da wandte von der Veste   der biedre König sich.
"Wir wollen uns verbergen,"   sprach da Elberich:
"In einem Wiesengrunde   weiß ich einen Bach,
Da kann uns niemand finden:   So haben wir gut Gemach."

Da nahm der Reuße wieder   das Banner in die Hand:
Man sah ihn traurig reiten   von der Felsenwand.
In eine Wildnis kehrt' er,   auf eine Heide breit,
Die ihm der Kleine zeigte:   Da ruhten sie nach dem Streit.

"Wir müssen hinwieder   selbander," sprach der Zwerg:
"Ortnit, du sollst allein   mit mir vor den Berg.
So getrau ich Gott vom Himmel,   dazu den Listen mein,
Eh wir herwieder reiten   wird uns das Mägdelein.

Wir kommen nicht herwieder,   wir haben denn gestritten.
Du sollst den Reußenkönig   und seine Helden bitten,
Dass sie, wenn ich rufe,   dir zu Hilfe kommen:
Säumen sie sich lange,   so wird die Magd dir genommen."

Da eilten diese beiden   zurück zur Felsenwand:
Sie kamen unvermeldet   vor die Burg gerannt.
Mit Züchten sprach der Kleine:   "Hier harre, König, mein."
Über den Burggraben   klomm er mit Listen hinein.

Oben bei der Zinnen   erreicht' er bald sein Ziel:
Da fand er beieinander   der Heidinnen viel.

Da war in großem Leide   manch heidnisches Weib:
Sie waren bei den Toten   und beklagten ihren Leib.

Da saßen beieinander   die Königinnen reich;
An ihre Seite schmiegte   sich Elberich sogleich.
Zu der Königstochter   sprach leis der kleine Gast:
"Wann willst du nun leisten   was du mir versprochen hast?"

Da sprach das edle Mägdlein:   "Wann es dein Mund befiehlt:
Der Teufel hat den Heiden   hier übel mitgespielt.
Willst du mirs nicht erlassen,   so gib mir deinen Rat,
Wie ich dem Helden werde,   der mich so kühn erstritten hat."

Da sprach der Kleine wieder:   "Erfüllst du mein Gebot,
So sage deiner Mutter,   gekommen sei dein Gott -"
"Ich hab es wohl vernommen,"   fiel die Heidin ein,
"Mir bangt, wenn ich ihr helfe,   mein Ende müss es sein."

Mit Züchten sprach der Kleine:   "Nun höret was ihr tut,
Folget meinem Rate,   das sit euch beiden gut.
Lasst das edle Mägdlein   an den Graben gehn:
Sie soll die Götter bitten,   dass sie wieder auferstehn.

Sie soll sie alle flehen,   dass sie es rächen bald
Was euch ist geschehen   von feindlicher Gewalt,
Und dass sie wieder kommen   zu ihrem Bethaus hin."
"Der Gang sei ihr verstattet,"   sprach die alte Königin.

Es half sie freilich wenig,   wie sie die Götter bat;
Das Mägdlein alleine   hin an den Graben trat:
Elberich der Kleine   nahm sie bei der Hand,
Er führte sie von dannen,   hin wo er Ortniten fand.

Der hatte heut im Streite   sein Schwert so oft gezogen,
Dass er müde war entschlafen   auf seinem Sattelbogen.
Er wollt ihn leise wecken;   als er ihm das vertrug
Und nicht erwachen wollte,   mit der Faust der Zwerg ihn schlug.

Er sprach: "Willst du verschlafen   so guten Zeitvertreib?
Nun wache, Fürst, ich bringe   dir ein schönes Weib."
Wie erschrak er vor Freuden!   Der Schlaf verließ ihn da:
"O wohl mir nun und immer,   dass ich diesen Tag ersah!

Läg ich schon am Tode,   so würd ich noch gesund."
Er halste sie und küsst' ihr   wohl tausendmal den Mund.
"Ich will dir das erlauben,"   sprach da Elberich,
"Umhalse nur und küsse   das Mägdlein minniglich;

Nur gewinne nicht zum Weibe   die junge Königin
Bis sie empfing die Taufe:   Sie ist noch Heidin.
Hebe dich von hinnen,   das rat ich dir, bei Zeit."
Da sprang er in den Sattel    und hob vor sich die Maid.

Von der Burghalde   ritten sie in Hast;
Die Rosse liefen schnelle;   sie hielten nirgends Rast.
Da neckte die Heiden   der Zwerg, er war so klug:
Der Abgötter einen   in die Burg zurück er trug.

Das tat er, mit den Heiden   zu treiben seinen Spott.
Da wähnten sie, es spräche   Machmet ihr Gott:
Er rief aus dem Sarge,   es mocht ihn niemand sehn
(Die Heiden zu äffen   war das alles geschehn):

"Fallet alle nieder   und sprechet euer Gebet.
Danket der Jungfrau:   Hier komm ich heim, Machmet.
Ihr mögt alle danken   der jungen Königin rein:
Sie hat mich erflehet   und den Gesellen mein,

Dass wir nun kehren wollen   zu unsrer Felsenwand:
Seht, ich stehe wieder,   wo ich weiland stand.
Die Maid soll niemand suchen,   darum lässt sie euch bitten;
Sie wusst uns wohl zu flehen   mit trauriglichen Sitten."

Sie fielen vor die Götzen   mit manchem harten Fall
Nach ihrem alten Glauben;   in der Burg war groß der Schall.
Der Kleine sahs mit Lachen   und hob sich bald davon.
Von Ortnits Abenteuern   ist dies das fünfte schon.

Ü   Þ

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