Viertes Abenteuer
Wie Ortnit die Stadt Sunders
gewann
Da kam er zu den Kielen vor
Anbeginn der Nacht.
Der König sprach: "Was hast du für Botschaft mitgebracht?"
"Ich bringe leide Märe von der edeln Maid:
Du gewinnst sie nimmer, du gewinnst sie denn mit Streit.
Sie banden ihren Vater, so
bracht ich ihn in Wut."
Da sprach der Lamparter: "Nun rate mir gut."
"Gewinnen wir die Veste, so haben wir das Land.
Ich getrau euch wohl in Barken zu schaffen an den Strand.
Die Nacht ist jetzo finster,
die Fahne sieht man nicht;
Die Wächter auf der Mauer sind voller Zuversicht:
Da mögen wir in Barken gar leicht zu den Gestaden.
Sie fürchten auf dem Wasser jetzt keinen Feindesschaden.
Wollt ihr mit Züchten schweigen
und meine List verhehlen,
So weiß ich es zu fügen, dass wir die Barken stehlen."
Die beiden Könge folgten gern dem kleinen Mann:
Fünfhundert Barken Elberich bald bei der Mauer gewann.
Die der Barken hüteten, die
wurden all betrogen:
Sie wähnte, Winde hätten sie auf das Meer gezogen.
Sie sprachen zueinander: "Wo nur die Barken sind?
Die Ketten brechen alle: So entführt sie uns der Wind."
Sie sprangen aus den Kielen
in die Barken nieder;
Die leer gekommen waren, die kamen voll herwieder.
Des Morgens früh jedweder sein Schifflein wieder fand;
Achtzigtausend Helden trugen sie Nachts an den Strand.
Da sprangen von den Barken
die Helden auf den Grund:
Dass sie erlöst sich sahen, ward ihnen Freude kund.
Ortnit von Lamparten und von Reußen Ilias,
Die sprangen miteinander von dem Schifflein auf das Gras.
Da sprach der Lamparter:
"Nun gib uns Lehr und Rat,
Wie man dem reichen König zerstören mag die Stadt."
"Ihr seht wohl," sprach der Kleine, "dass die Pforte offen
steht:
Wisst ihr nicht selbst zu helfen, so kommt mein Rat zu spät."
Da sprach der Lamparter:
"Dass er mich zwier nicht mahne,
Lieber Oheim Ilias, nimm du die Sturmfahne:
Wem ich sie sonst beföhle, das wär nicht wohl bewandt;
Sie komm in diesem Streite nicht mehr aus deiner Hand."
Da sprach der Reußenkönig:
"Das erlass mir, König hehr:
Fünftausend schneller Helden führt' ich mit mir hieher,
Denen ich nach Kräften raten und helfen soll.
Eine solche Menge bedarf ihres Herren wohl."
Da sprach der Lamparter:
"Nicht erlass ichs dir:
Ich habe mir zu Hilfe dich hergeführt mit mir.
Wir alle mögen streiten unter einer Fahne licht:
Von allen, die uns folgten, entweicht doch keiner nicht."
"Wohlan," sprach der Reuße:
"Gebt mir sie in die Hand!"
Eine schwere Fahne man ihm zum Arme band,
Daraus ein Löwe glänzte von lichtem Golde rot.
Die beiden Könge führten manchen Helden in den Tod.
Sie standen kampfgerüstet
bevor es wurde Tag.
Laut rief ein Heide, der auf der Mauer lag:
"Wohlauf nun, wachet alle, ein Kaufschatz ist gekommen;
Wer zu dem Kaufe gehet, dem wird das Leben genommen.
Er mag es wohl entgelten
mit Kind und Kindeskind:
Achtzigtausend Helden vor der Mauter sind
In lichten Stahlringen, weiß wie der Schnee:
Von diesem Kaufschatze geschieht uns allen noch Weh."
Da weckt' er manchen Helden,
der noch im Schlafe lag:
Zu Leid erschien ihm heute die Sonne wie der Tag.
Von dem Kaufschatze ward mancher Held verlorn.
Ortneit drang in die Pforte und blies sein Heerhorn.
Da scharten sich die Heiden,
gewaltig ward ihr Heer:
Das zog auf die Gäste vermessen bald einher,
Wohl sechzigtausend Helden vor einen weiten Saal,
Wo der Richter wohnte, der ihnen allen befahl.
Den Gästen er entgegen mit
großer Menge ritt;
Gewaltig bei dem Reußen der Lamparter stritt.
Bald maßen sich die Scharen in angstvollem Streit.
Da rief der Reußenkönig: "Wehr dich, frommer Ortneit!"
Da hub sich ins Gedichte
von Reußen Ilias;
Wer Christ war oder Heide, niemand wusste das.
Der wilden Heiden Menge niemanden vorwärts ließ,
Bis der Reußenkönig die Fahne vor den Pallas stieß.
Da drang durch die Heiden
der Degen ausersehn:
Dem mocht im Gedränge niemand widerstehn.
Ortneit durch die Heiden eine weite Gasse schlug;
Mit Gewalt der Reuße die Fahne hinter ihm trug.
Da tat der Lamparter
manchem Heiden Schaden:
Sie hatten üble Gäste geführt zu den Gestaden.
Wem der Lamparter gab einen Schlag
Mit seines Schwertes Schneide, wie bald der fiel und lag!
Die Heiden wichen alle vor
dem kühnen Mann:
Es wagt' ihm im Gedränge keiner mehr zu nahn.
Manchen kühnen Heiden schickt' er in den Tod;
Auch die Christen kamen nicht ohne Schaden aus der Not.
"Nun lassen wir dies Streiten,"
sprach da Elberich,
"Sonst fällt uns in den Rücken der Heide sicherlich
Wir ließen leider hinter uns die Pforten unbesetzt:
Die früher offen standen, verschlossen siehst du sie jetzt.
Magst du das noch wenden,
Ortneit, König hehr?
Sie verbrennen uns die Kiele und das Gut all auf dem Meer.
Das bringt dir wenig Ehre, dazu viel großen Schaden.
Du kämst mit Ehren nimmer heim zu römischen Gestaden."
Wie bald er Lamparter einen
Heiden zwang!
Der schloss ihm auf die Pforte, durch die er bald entsprang.
Sie mussten vor ihm weichen, so stark war seine Wehr,
Er schlug sie meist zu Tode und ertränkte sie im Meer.
Als der Lamparter so von
dem Reußen wich,
So schwach vor den Heiden im Streite zeigt' er sich,
Er nahm großen Schaden, den mocht er ewig klagen:
Er verlor fünftausend Helden und ward zu Boden geschlagen.
Da kam auf einem Rosse der
Kleine nachgeritten.
Er sprach zu dem Lamparter: "Hier ist genug gestritten.
Nun kehre bald zurücke und räche deinen Zorn:
Du hast den Reußenkönig und seine Helden verlorn."
Da sprach der Lamparter:
"Weh, Oheim Ilias!
Nun mög es Gott erbarmen, dass ich dein vergaß.
Ich muss nach deinem Tode immer traurig sein."
Da wandt er sich zurücke und half ihm noch gedeihn.
Wie bald der Lamparter den
Schild zu Rücken warf!
Er nahm zu beiden Händen die gute Waffe scharf.
Mit feindlichem Toben er auf die Heiden schlug:
Die erst den Reußen drängten, die ließen Raum ihm genug.
An keine Hilfe hatte der
Reuße mehr gedacht:
Mitten unter Feinden lag er in der Schlacht.
So lang er immer mochte hatt er sich gewehrt;
Nun ihm Ortneit kam zu Hilfe, da blieb er unversehrt.
Der Reuße trug das Banner
noch in der einen Hand,
Das Schwert in der andern, als er ihn liegen fand.
Er war von harten Schlägen betäubt und ungesund:
Für tot lag er am Boden und war doch nirgend wund.
Mit kläglicher Stimme
sprach der Reuße da,
Als er aus dem Helme den Neffen ob ihm sah:
"Nun mög es Gott erbarmen, dass ich jemals ward geboren!
Das Liebste, das ich hatte, das hab ich leider verloren!"
Doch freute sich der Kühne,
dass er ihn lebend fand.
Er hob ihn von der Erde geschwinde mit der Hand.
"Es kann solche Reise nicht ohne Schaden sein:
Ich will ihn dir vergüten, getraust du noch zu gedeihn."
"Wie willst du mir vergüten
was mir ist geschehn?
Fünftausend schneller Helden sah ich zu Grunde gehn."
Der Reuße sprach mit Jammer: "Ich selbst genese wohl;
Doch weiß ich Unseliger nicht was das Leben mir soll."
"Liebes und Leides," sprach
der König Ortneit,
"Des muss man sich getrösten, geht man in den Streit.
Wie viel er da verliere, er klage nicht deswegen.
Du kannst nicht mehr streiten: Lass mich der Fahne pflegen."
"Nein," sprach der Reuße,
"die geb ich nicht von mir,
Bis die mir sind vergolten, die mir erlagen hier.
Ich will dir wieder helfen, trau mir dein Banner an:
Du siehst mich heut noch sterben oder rächen meinen Bann."
Spähend gegenüber stand ihm
die Heidenschaft,
Ob sie bald wieder sollten versuchen ihre Kraft.
Da sprach der Lamparter: "Wieder an sie müssen wir:
Diese Toten blieben ungerochen übel hier."
Da rannten sie zusammen,
sich mischte Schar und Schar;
Von Blut missfarbig wurden die lichten Ringe klar.
Da mussten doch die Christen das Heldenvolk besiegen:
Man sah viel der Toten vor dem kühnen Reußen liegen.
Sie hatten an den Boden der
Feinde viel gebracht:
Nun bargen sich die Heiden und mieden fernre Schlacht.
Da sprach der wilde Reuße: "Ach ich unseliger Mann,
Dass ich meine Helden nicht besser rächen kann!"
"Eh dass du dich immer
gehübst so jämmerlich,
Zeigt' ich dir tausend Heiden," so sprach da Elberich,
"Die sich verborgen haben: Die deinen rächst du so."
Der Reuße sprach: "O gerne, komm mit, du machst mich froh."
Da führt' ihn der Kleine zu
einer Felsenwand,
Wo er wohl tausend Heiden verborgen sitzen fand.
Da stieß er mit den Füßen den Riegel von der Tür:
"Unreine Sarazenen, ihr müsset all doch herfür!"
Sie fielen ihm zu Füßen:
"Herr, lasst uns leben:
In eures Gottes Gnade wollen wir uns ergeben."
"Gerne," sprach der Reuße: "Nur zahlt mir Mann für Mann:
Mit diesem Besenreise schlag ich euch aus dem Bann!
Ich setz euch eine Buße,
die bricht man nicht geschwind:
Man soll euch liegen sehen, wie sie erlegen sind.
Wem ich mit diesem Reise geb einen Schlag,
Der muss zur Buße fasten bis an den jüngsten Tag."
Mann für Mann der Heiden er
hin zu Lichte trug:
Er fasst' ihn bei dem Haare, sein Haupt er niederschlug.
Sie mussten alle sterben, die er darinne fand:
"Wie viel ich ihrer fände, sie erschlüge meine Hand."
Da drang durch die Toten
der Reuße fürbass:
Er kam an ein Gewölbe, das voller Frauen saß.
Sie fielen ihm zu Füßen: "Lasst uns Erbarmen schaun;
Es bringt euch wenig Ehre, erschlagt ihr uns arme Fraun."
"Gleich gilt mir alles,
Weib, Mann und Kind;
Ihr müsst mir die bezahlen, die mir erschlagen sind."
Er nahm sie bei dem Haare, gab ihnen auch den Tod.
Darob erzürnte Elberich wie ihm die Milde gebot.
Im Zorne sprang der Kleine
vor die Felsenwand
Durch der Toten Haufen, bis er den König fand.
"Dein Oheim schlägt die Frauen, das magst du dich wohl
schämen;
Die gerne Christen würden, denen will er das Leben nehmen."
Wie bald der Lamparter zu
dem Reußen sprang!
"Du bist unsinnig: Des sag ich dir nicht Dank.
Wes zeihest du die Frauen, denen du das Leben nahmst?
Du solltest doch gedenken, dass du auch von Frauen kamst."
"Willst du keiner Güte von
Frauen sein gewährt,
So tu es mir zu Liebe, stoß wieder ein dein Schwert.
Du bist in deinem Sinne leider gar ein Kind.
Komm mit und hilf mir taufen, die da gerne Christen sind."
Im Zorne sprach der Reuße:
"Da bin ich nicht zu Haus:
Einen andern Pfaffen suche dir zu dem Taufen aus.
Die ich zum Wasser führe, die werden ungesund,
Alle die ich taufe, die stoß ich tief an den Grund." -
Er konnt ihn kaum erbitten,
dass er sein Schwert einstieß
Und die armen Frauen ungemordet ließ.
Die Christen wollten werden, taufte Herr Ortneit;
Dabei war ihm zu helfen der kleine Elberich bereit.
Der Reuße kehrte zornig von
ihm auf das Wall:
Die sich aufgerichtet hatten, die riss er all zu Tal,
Ob Christen oder Heiden, er trat sie in den Mund:
Die wohl genesen wären, die macht' er ungesund.
Elberich der kleine zu dem
König sprach
"Wir haben vor dem Teufel heute kein Gemach,
Er will auch den Christen keinen Frieden geben:
Die wohl genesen möchten, denen nimmt er das Leben."
Wie bald der Lamparter hin
zu dem Reußen sprang!
Er sprach wohl gezogen, wie ihn die Treue zwang:
"Wes zeihtest du die Christen, die von dir erstorben sind?
Du bist auf meine Treue des übeln Teufels Kind."
Hatt er ihm den einen Unfug
jetzt benommen,
So war ihm schon ein andrer in den Sinn gekommen.
Er lief zu dem Bethaus, wo er die Götzen fand:
Er nahm sie bei den Beinen und schlug sie um die Wand.
Noch sprach der Lamparter:
"Gott mag dir Sinn bescheren!
Wie lange soll ich heute dir deinen Unfug wehren?
Nun treibe fort dein Wesen wie es dich dünket gut;
Du willst um meinetwillen nicht lassen deinen Übermut."
"Nun folge mir, Lamparter,"
sprach da Elberich,
"Lass uns die Toten suchen, so gebührt es sich.
Die noch genesen möchten unter diesem Heer,
Die senden wir in Barken zu den Kielen auf das Meer."
Da gingen sie und suchten
die Wunden auf dem Plan
Und fanden da der Christen wohl fünfhundert Mann,
Die noch genesen mochten: Die sandt er auf die See.
Da tat dem Lamparter der Jammer herzlich weh.
Da sprach zu ihm der Kleine:
"Du nahmest großen Schaden:
Hierher ward leider mancher auf seinen Tod geladen.
Wie lange willst du warten? Blas dein Heerhorn:
Nun lache oder weine: Neuntausend hast du verlorn."
"Das lasse Gott mich büßen,"
sprach der König hehr,
"Dass um meinetwillen erlag solch Christenheer.
Es zieht sich auf den Abend, dass ich nicht weiter mag,
In der Stadt muss ich verbleiben bis mir morgen kommt
der Tag."
"Nun sieh," sprach er zum Reußen,
"was hilf mich mein Zorn?
Wie ungefüg ich wäre, sie blieben doch verlorn.
Es bringt so lange Heerfahrt niemand Gewinn."
Von Ortnits Abenteuern ist nun das vierte hin.
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