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            III. Hörn. Siegfried
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            V. Hildebrandslied
               Hildebrand
            VI. Ortnit
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            VII. Hugdietrich

               Hugdietrich
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Viertes Abenteuer

Wie Ortnit die Stadt Sunders gewann

Da kam er zu den Kielen   vor Anbeginn der Nacht.
Der König sprach: "Was hast du   für Botschaft mitgebracht?"
"Ich bringe leide Märe   von der edeln Maid:
Du gewinnst sie nimmer,   du gewinnst sie denn mit Streit.

Sie banden ihren Vater,   so bracht ich ihn in Wut."
Da sprach der Lamparter:   "Nun rate mir gut."
"Gewinnen wir die Veste,   so haben wir das Land.
Ich getrau euch wohl in Barken   zu schaffen an den Strand.

Die Nacht ist jetzo finster,   die Fahne sieht man nicht;
Die Wächter auf der Mauer   sind voller Zuversicht:
Da mögen wir in Barken   gar leicht zu den Gestaden.
Sie fürchten auf dem Wasser   jetzt keinen Feindesschaden.

Wollt ihr mit Züchten schweigen   und meine List verhehlen,
So weiß ich es zu fügen,   dass wir die Barken stehlen."
Die beiden Könge folgten   gern dem kleinen Mann:
Fünfhundert Barken Elberich   bald bei der Mauer gewann.

Die der Barken hüteten,   die wurden all betrogen:
Sie wähnte, Winde hätten   sie auf das Meer gezogen.
Sie sprachen zueinander:   "Wo nur die Barken sind?
Die Ketten brechen alle:   So entführt sie uns der Wind."

Sie sprangen aus den Kielen   in die Barken nieder;
Die leer gekommen waren,   die kamen voll herwieder.
Des Morgens früh jedweder   sein Schifflein wieder fand;
Achtzigtausend Helden   trugen sie Nachts an den Strand.

Da sprangen von den Barken   die Helden auf den Grund:
Dass sie erlöst sich sahen,   ward ihnen Freude kund.
Ortnit von Lamparten   und von Reußen Ilias,
Die sprangen miteinander   von dem Schifflein auf das Gras.

Da sprach der Lamparter:   "Nun gib uns Lehr und Rat,
Wie man dem reichen König   zerstören mag die Stadt."
"Ihr seht wohl," sprach der Kleine,   "dass die Pforte offen steht:
Wisst ihr nicht selbst zu helfen,   so kommt mein Rat zu spät."

Da sprach der Lamparter:   "Dass er mich zwier nicht mahne,
Lieber Oheim Ilias,   nimm du die Sturmfahne:
Wem ich sie sonst beföhle,   das wär nicht wohl bewandt;
Sie komm in diesem Streite   nicht mehr aus deiner Hand."

Da sprach der Reußenkönig:   "Das erlass mir, König hehr:
Fünftausend schneller Helden   führt' ich mit mir hieher,
Denen ich nach Kräften   raten und helfen soll.
Eine solche Menge   bedarf ihres Herren wohl."

Da sprach der Lamparter:   "Nicht erlass ichs dir:
Ich habe mir zu Hilfe   dich hergeführt mit mir.
Wir alle mögen streiten   unter einer Fahne licht:
Von allen, die uns folgten,   entweicht doch keiner nicht."

"Wohlan," sprach der Reuße:   "Gebt mir sie in die Hand!"
Eine schwere Fahne   man ihm zum Arme band,
Daraus ein Löwe glänzte   von lichtem Golde rot.
Die beiden Könge führten   manchen Helden in den Tod.

Sie standen kampfgerüstet   bevor es wurde Tag.
Laut rief ein Heide,   der auf der Mauer lag:
"Wohlauf nun, wachet alle,   ein Kaufschatz ist gekommen;
Wer zu dem Kaufe gehet,   dem wird das Leben genommen.

Er mag es wohl entgelten   mit Kind und Kindeskind:
Achtzigtausend Helden   vor der Mauter sind
In lichten Stahlringen,   weiß wie der Schnee:
Von diesem Kaufschatze   geschieht uns allen noch Weh."

Da weckt' er manchen Helden,   der noch im Schlafe lag:
Zu Leid erschien ihm heute   die Sonne wie der Tag.
Von dem Kaufschatze   ward mancher Held verlorn.
Ortneit drang in die Pforte   und blies sein Heerhorn.

Da scharten sich die Heiden,   gewaltig ward ihr Heer:
Das zog auf die Gäste   vermessen bald einher,
Wohl sechzigtausend Helden   vor einen weiten Saal,
Wo der Richter wohnte,   der ihnen allen befahl.

Den Gästen er entgegen   mit großer Menge ritt;
Gewaltig bei dem Reußen   der Lamparter stritt.
Bald maßen sich die Scharen   in angstvollem Streit.
Da rief der Reußenkönig:   "Wehr dich, frommer Ortneit!"

Da hub sich ins Gedichte   von Reußen Ilias;
Wer Christ war oder Heide,   niemand wusste das.
Der wilden Heiden Menge   niemanden vorwärts ließ,
Bis der Reußenkönig   die Fahne vor den Pallas stieß.

Da drang durch die Heiden   der Degen ausersehn:
Dem mocht im Gedränge   niemand widerstehn.
Ortneit durch die Heiden   eine weite Gasse schlug;
Mit Gewalt der Reuße   die Fahne hinter ihm trug.

Da tat der Lamparter    manchem Heiden Schaden:
Sie hatten üble Gäste   geführt zu den Gestaden.
Wem der Lamparter   gab einen Schlag
Mit seines Schwertes Schneide,   wie bald der fiel und lag!

Die Heiden wichen alle   vor dem kühnen Mann:
Es wagt' ihm im Gedränge   keiner mehr zu nahn.
Manchen kühnen Heiden   schickt' er in den Tod;
Auch die Christen kamen   nicht ohne Schaden aus der Not.

"Nun lassen wir dies Streiten,"   sprach da Elberich,
"Sonst fällt uns in den Rücken   der Heide sicherlich
Wir ließen leider hinter uns   die Pforten unbesetzt:
Die früher offen standen,   verschlossen siehst du sie jetzt.

Magst du das noch wenden,   Ortneit, König hehr?
Sie verbrennen uns die Kiele   und das Gut all auf dem Meer.
Das bringt dir wenig Ehre,   dazu viel großen Schaden.
Du kämst mit Ehren nimmer   heim zu römischen Gestaden."

Wie bald er Lamparter   einen Heiden zwang!
Der schloss ihm auf die Pforte,   durch die er bald entsprang.
Sie mussten vor ihm weichen,   so stark war seine Wehr,
Er schlug sie meist zu Tode   und ertränkte sie im Meer.

Als der Lamparter   so von dem Reußen wich,
So schwach vor den Heiden   im Streite zeigt' er sich,
Er nahm großen Schaden,   den mocht er ewig klagen:
Er verlor fünftausend Helden   und ward zu Boden geschlagen.

Da kam auf einem Rosse   der Kleine nachgeritten.
Er sprach zu dem Lamparter:   "Hier ist genug gestritten.
Nun kehre bald zurücke   und räche deinen Zorn:
Du hast den Reußenkönig   und seine Helden verlorn."

Da sprach der Lamparter:   "Weh, Oheim Ilias!
Nun mög es Gott erbarmen,   dass ich dein vergaß.
Ich muss nach deinem Tode   immer traurig sein."
Da wandt er sich zurücke   und half ihm noch gedeihn.

Wie bald der Lamparter   den Schild zu Rücken warf!
Er nahm zu beiden Händen   die gute Waffe scharf.
Mit feindlichem Toben   er auf die Heiden schlug:
Die erst den Reußen drängten,   die ließen Raum ihm genug.

An keine Hilfe hatte   der Reuße mehr gedacht:
Mitten unter Feinden   lag er in der Schlacht.
So lang er immer mochte   hatt er sich gewehrt;
Nun ihm Ortneit kam zu Hilfe,   da blieb er unversehrt.

Der Reuße trug das Banner   noch in der einen Hand,
Das Schwert in der andern,   als er ihn liegen fand.
Er war von harten Schlägen   betäubt und ungesund:
Für tot lag er am Boden   und war doch nirgend wund.

Mit kläglicher Stimme   sprach der Reuße da,
Als er aus dem Helme   den Neffen ob ihm sah:
"Nun mög es Gott erbarmen,   dass ich jemals ward geboren!
Das Liebste, das ich hatte,   das hab ich leider verloren!"

Doch freute sich der Kühne,   dass er ihn lebend fand.
Er hob ihn von der Erde   geschwinde mit der Hand.
"Es kann solche Reise   nicht ohne Schaden sein:
Ich will ihn dir vergüten,   getraust du noch zu gedeihn."

"Wie willst du mir vergüten   was mir ist geschehn?
Fünftausend schneller Helden   sah ich zu Grunde gehn."
Der Reuße sprach mit Jammer:   "Ich selbst genese wohl;
Doch weiß ich Unseliger   nicht was das Leben mir soll."

"Liebes und Leides,"   sprach der König Ortneit,
"Des muss man sich getrösten,   geht man in den Streit.
Wie viel er da verliere,   er klage nicht deswegen.
Du kannst nicht mehr streiten:   Lass mich der Fahne pflegen."

"Nein," sprach der Reuße,   "die geb ich nicht von mir,
Bis die mir sind vergolten,   die mir erlagen hier.
Ich will dir wieder helfen,   trau mir dein Banner an:
Du siehst mich heut noch sterben   oder rächen meinen Bann."

Spähend gegenüber   stand ihm die Heidenschaft,
Ob sie bald wieder sollten   versuchen ihre Kraft.
Da sprach der Lamparter:   "Wieder an sie müssen wir:
Diese Toten blieben   ungerochen übel hier."

Da rannten sie zusammen,   sich mischte Schar und Schar;
Von Blut missfarbig wurden   die lichten Ringe klar.
Da mussten doch die Christen   das Heldenvolk besiegen:
Man sah viel der Toten   vor dem kühnen Reußen liegen.

Sie hatten an den Boden   der Feinde viel gebracht:
Nun bargen sich die Heiden   und mieden fernre Schlacht.
Da sprach der wilde Reuße:   "Ach ich unseliger Mann,
Dass ich meine Helden   nicht besser rächen kann!"

"Eh dass du dich immer   gehübst so jämmerlich,
Zeigt' ich dir tausend Heiden,"   so sprach da Elberich,
"Die sich verborgen haben:   Die deinen rächst du so."
Der Reuße sprach: "O gerne,   komm mit, du machst mich froh."

Da führt' ihn der Kleine   zu einer Felsenwand,
Wo er wohl tausend Heiden   verborgen sitzen fand.
Da stieß er mit den Füßen   den Riegel von der Tür:
"Unreine Sarazenen,   ihr müsset all doch herfür!"

Sie fielen ihm zu Füßen:   "Herr, lasst uns leben:
In eures Gottes Gnade   wollen wir uns ergeben."
"Gerne," sprach der Reuße:   "Nur zahlt mir Mann für Mann:
Mit diesem Besenreise   schlag ich euch aus dem Bann!

Ich setz euch eine Buße,   die bricht man nicht geschwind:
Man soll euch liegen sehen,   wie sie erlegen sind.
Wem ich mit diesem Reise   geb einen Schlag,
Der muss zur Buße fasten   bis an den jüngsten Tag."

Mann für Mann der Heiden   er hin zu Lichte trug:
Er fasst' ihn bei dem Haare,   sein Haupt er niederschlug.
Sie mussten alle sterben,   die er darinne fand:
"Wie viel ich ihrer fände,   sie erschlüge meine Hand."

Da drang durch die Toten   der Reuße fürbass:
Er kam an ein Gewölbe,   das voller Frauen saß.
Sie fielen ihm zu Füßen:   "Lasst uns Erbarmen schaun;
Es bringt euch wenig Ehre,   erschlagt ihr uns arme Fraun."

"Gleich gilt mir alles,   Weib, Mann und Kind;
Ihr müsst mir die bezahlen,   die mir erschlagen sind."
Er nahm sie bei dem Haare,   gab ihnen auch den Tod.
Darob erzürnte Elberich   wie ihm die Milde gebot.

Im Zorne sprang der Kleine   vor die Felsenwand
Durch der Toten Haufen,   bis er den König fand.
"Dein Oheim schlägt die Frauen,   das magst du dich wohl schämen;
Die gerne Christen würden,   denen will er das Leben nehmen."

Wie bald der Lamparter   zu dem Reußen sprang!
"Du bist unsinnig:   Des sag ich dir nicht Dank.
Wes zeihest du die Frauen,   denen du das Leben nahmst?
Du solltest doch gedenken,   dass du auch von Frauen kamst."

"Willst du keiner Güte   von Frauen sein gewährt,
So tu es mir zu Liebe,   stoß wieder ein dein Schwert.
Du bist in deinem Sinne   leider gar ein Kind.
Komm mit und hilf mir taufen,   die da gerne Christen sind."

Im Zorne sprach der Reuße:   "Da bin ich nicht zu Haus:
Einen andern Pfaffen suche   dir zu dem Taufen aus.
Die ich zum Wasser führe,   die werden ungesund,
Alle die ich taufe,   die stoß ich tief an den Grund." -

Er konnt ihn kaum erbitten,   dass er sein Schwert einstieß
Und die armen Frauen   ungemordet ließ.
Die Christen wollten werden,   taufte Herr Ortneit;
Dabei war ihm zu helfen   der kleine Elberich bereit.

Der Reuße kehrte zornig   von ihm auf das Wall:
Die sich aufgerichtet hatten,   die riss er all zu Tal,
Ob Christen oder Heiden,   er trat sie in den Mund:
Die wohl genesen wären,   die macht' er ungesund.

Elberich der kleine   zu dem König sprach
"Wir haben vor dem Teufel   heute kein Gemach,
Er will auch den Christen   keinen Frieden geben:
Die wohl genesen möchten,   denen nimmt er das Leben."

Wie bald der Lamparter   hin zu dem Reußen sprang!
Er sprach wohl gezogen,   wie ihn die Treue zwang:
"Wes zeihtest du die Christen,   die von dir erstorben sind?
Du bist auf meine Treue   des übeln Teufels Kind."

Hatt er ihm den einen   Unfug jetzt benommen,
So war ihm schon ein andrer   in den Sinn gekommen.
Er lief zu dem Bethaus,   wo er die Götzen fand:
Er nahm sie bei den Beinen   und schlug sie um die Wand.

Noch sprach der Lamparter:   "Gott mag dir Sinn bescheren!
Wie lange soll ich heute   dir deinen Unfug wehren?
Nun treibe fort dein Wesen   wie es dich dünket gut;
Du willst um meinetwillen   nicht lassen deinen Übermut."

"Nun folge mir, Lamparter,"   sprach da Elberich,
"Lass uns die Toten suchen,   so gebührt es sich.
Die noch genesen möchten   unter diesem Heer,
Die senden wir in Barken   zu den Kielen auf das Meer."

Da gingen sie und suchten   die Wunden auf dem Plan
Und fanden da der Christen   wohl fünfhundert Mann,
Die noch genesen mochten:   Die sandt er auf die See.
Da tat dem Lamparter   der Jammer herzlich weh.

Da sprach zu ihm der Kleine:   "Du nahmest großen Schaden:
Hierher ward leider mancher   auf seinen Tod geladen.
Wie lange willst du warten?   Blas dein Heerhorn:
Nun lache oder weine:   Neuntausend hast du verlorn."

"Das lasse Gott mich büßen,"   sprach der König hehr,
"Dass um meinetwillen   erlag solch Christenheer.
Es zieht sich auf den Abend,   dass ich nicht weiter mag,
In der Stadt muss ich verbleiben    bis mir morgen kommt der Tag."

"Nun sieh," sprach er zum Reußen,   "was hilf mich mein Zorn?
Wie ungefüg ich wäre,   sie blieben doch verlorn.
Es bringt so lange Heerfahrt   niemand Gewinn."
Von Ortnits Abenteuern   ist nun das vierte hin.

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