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            V. Hildebrandslied
               Hildebrand
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            VII. Hugdietrich

               Hugdietrich
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Elftes Abenteuer

Wie Gunther und Hagen mit Walthern den Kampf begannen

Die Sonne war gesunken,   der heiße Tag vollbracht,
Nun kam heraufgezogen   des Mondes volle Pracht:
Da ging mit sich zu Rate   der weise Weigand,
Was ihm am besten wäre   bei der Sachen ängstlichem Stand:

Die stille Nacht verbringen   in seinem Felsenhorst,
Oder heimwärts ziehen   durch öd Gestrüpp im Forst.
Lang schwankt' er unentschieden   auf hoher Sorgen Meer
Und wog das ein und andre   im Geiste prüfend hin und her.

Am meisten war ihm Hagen   verdächtig und der Kuss,
Wie ihn der König herzte   bei der Beredung Schluss.
Nicht wusst er zu erdenken   was ihre Absicht sei:
Sind sie gen Worms geritten   um mehr der Kämpfer herbei

Zu holen? Oder liegen   sie nah im Hinterhalt?
Sich zu verirren sorgt' er   dabei im tiefen Wald,
Dass er vielleicht ins Dornicht   geriete, dass die Wut
Der wilden Tier ihm raubte   die Maid, sein köstliches Gut.

Dies all im Geist erwogen   hatt er gedankenvoll,
Als zu entschlossner Rede   seine Stimme jetzt erscholl:
"Ich bleib auf dieser Höhe   bis uns der Morgen tagt,
Damit der stolze König   vor seinen Freunden nicht sagt,

Ich sei ihm entronnen   zur Nachtzeit als ein Dieb."
Er sprachs und schwang die Waffe zu manchem schnellen Hieb
Durch Dornen und Gestrüppe:   Die Straße zu verbaun
Zum engen Felsentore   hatt er sie niedergehaun.

Mit heißen Seufzern kehrt' er   sich zu den Leichen dann
Und fügte jedem Leibe   sein Haupt wieder an.
Jetzt kniet' er hin, gen Morgen   gekehrt das Angesicht,
Das bloße Schwert in Händen   beginnt er flehend und spricht:

"O du der Dinge Schöpfer,   der alles weiß und sieht
Und ohne dessen Willen   auf Erden nichts geschieht,
Ich danke dir, Allvater:   Mich hat dein starker Arm
Vor Tod und aller Schande   bewahrt im feindlichen Schwarm.

Jetzt aus bewegtem Herzen   vernimm mein Flehn mit Huld;
Dem Schuldigen vergibst du   und züchtigst nur die Schuld:
O lass in deinem Reiche   verjüngt mich wiederschaun
Die meinem Schwert gefallen   ich hier erblicke mit Graun."

Nachdem er so gebetet,   erhob er sich und trieb
Zusammen was von Pferden   der Gegner übrig blieb,
Und band sie fest mit Weiden;   nur sechse noch, nicht mehr,
Denn drei entführte Gunther   und zwei durchbohrte sein Speer.

Da löst er sich den Gürtel   und hob, der müde Gast,
Vom dampfend heißen Leibe   der schweren Rüstung Last.
Dann Hildegunden grüßend   mit froher Stimme Laut
Sucht' er das Leid zu stillen   der tief bekümmerten Braut.

Nach solcher Tagsbeschwerde   war ihnen Stärkung Not:
Sie fanden in den Schreinen   den Wein und auch das Brot.
Es war zu späten Stunde:   Der Degen dachte nun
Auf seinen Schild gelagert   die müden Glieder zu ruhn.

Da bat er die Geliebte,   dass sie getreue Wacht
Beim ersten Schlaf ihm hielte;   "den andern Teil der Nacht,
Wo mehr Gefahr uns dreuet,   will ich dein Wächter sein."
Da saß sie ihm zu Häupten:   Beruhigt schlummert' er ein;

Sie aber hielt die Lieder   sich offen mit Gesang.
Der erste Schlummer währte   dem Helden nicht gar lang:
Da dehnt' er nicht die Glieder,   er sprang empor geschwind
Und hieß nun auch der Ruhe   genießen Herigers Kind.

Gestützt auf seine Lanze   vertrieb der Held die Zeit
Die Pferde jetzt umgehend   und jetzt die schöne Maid.
Auch trat er wohl zum Walle   mit lauschendem Ohr
Und hoffte stets, es färbe   sich blad das östliche Tor.

Als nun am Himmel leuchtend   erschien der Morgenstern
Und kaum der Tag ergraute;   die Sonne war noch fern,
Doch hatte schon die Gräser   ein kühler Tau genetzt:
Zum ersten Tagwerk wandte   der kühne Jüngling sich jetzt.

Hin lehnt' er seine Lanze   und trat auf's Leichenfeld:
Die Waffen der Erschlagnen   zu sammeln ging der Held;
Nur Spangen, Schwerter, Helme,   den Harnisch und den Schild,
Den Gürtel auch, die Kleider   ließ er den Schlummernden mild.

Damit belud der Reiter   der fremden Rosse vier,
Die Braut erweckend hob er   sie auf das fünfte Tier;
Er selbst beschritt das sechste;   den Löwen zog er nach
Am Zügel, als er jetzo   den Wall der Dörner durchbrach.

Doch erst zur Ferne sandt er   der klaren Augen Strahl,
Mit scharfen Ohren lauscht' er   hinunter in das Tal,
Ob er kein Flüstern hörte,   nicht stolzer Männer Schritt,
Nicht einen Zaum erklingen,   eines Hufes eisernen Tritt.

Als alles schwieg, entließ er   die Säumer aus dem Tor
Mit seiner schweren Beute,   die Maid auch sandt' er vor,
Dann kam er selbst geritten   in vollem Waffenstaat;
Der Löwe mit den Schreinen   zuletzt die Straße betrat.

Sie waren tausend Schritte   geritten oder mehr,
Die bange Jungfrau blickte   mit Sorgen rings umher,
Da sah sie dort vom Hügel   zwei rasche Männer nahn:
Vor Schreck erbleichend trieb sie   zur Flucht den Bräutigam an.

"Nun naht uns lang verschoben   der Tod. Sie kommen: Flieh!"
Da wandte sich Herr Walther   und gleich erkannt er sie.
Er sprach: "So viele starben,   die ich vom Pferde stach,
Und sollt ich jetzt für Ehre   mir Spott erwerben und Schmach?

Aus tiefen Wunden lieber   erblühe mir der Tod,
Eh ich dem Land entlaufe   nach eitler Furcht Gebot.
Auch wär es noch zu frühe,   verzweifelt ich am Heil.
Groß ist die Not, doch hab ich   wohl auch am Glücke noch Teil.

Nimm du den Zaum des Löwen,   der unsre Schätze trägt,
Und eile zu dem Haine,   der dort die Wipfel regt;
Ich will der Feinde harren   an diesem Bergeshang:
Wie auch das Ende werde,   sie finden freudgen Empfang."

Da folgte dem Gebote   das edle Frauenbild.
Mit eingelegter Lanze, mit aufgehobnem Schild,
Versucht' er in den Waffen   das unbekannte Ross.
Wie nun mit dem Gefährten   vom Hügel Gunther niederschoss,

Mit stolzen Worten fuhr er   von fern den Helden an:
"Hei, grimmer Feind, willkommen   uns hier auf offnem Plan.
Jetzt fletschest du die Zähne   nicht länger wie ein Hund
So wütig uns entgegen   aus dem unnahbaren Schlund.

Jetzt gilts im Freien fechten,   wenn dir der Mut noch reicht:
Lass sehen, ob das Ende   dann wohl dem Anfang gleicht.
Zwar weiß ich, dass um Lohn du   das Glück, die Metze, dangst,
Und darum nicht zu fliehen   noch zu vertragen verlangst."

Da entgegnete dem König   der Held mit keinem Wort,
Wie taub zu dem Gefährten   gewandt sprach er sofort:
"Mit dir hab ich zu reden,   Hagen, halt einmal.
Was ists, das deine Freundschaft   so unversehens mir stahl?

Als aus den Heunenreichen   dich vor mir rief das Los,
Da rissest du mit Schmerzen   von meiner Brust dich los.
Was tat ich dir zu Leide,   dass du mir Feind bist jetzt?
Ich hatte große Hoffnung   auf dich, ach eitle, gesetzt.

Wenn du dem Elend, dacht ich,   den Freund entflohn vernähmst,
Dass du mit Bruderküssen   ihm gleich entgegen kämst,
Ihn dringend einzuladen   zu deines Hauses Rast
Und heim zu seinem Vater   dann zu geleiten den Gast.

Ich sorgte gar, du möchtest   mir allzu gütig sein:
Deine Gaben abzulehnen   schuf meinem Herzen Pein.
Das fremde Land durchstreichend   hab ich zum Trost gemeint:
Im Frankenlande find ich,   wenn Hagen lebt, keinen Feind.

Denk unsrer Jugendspiele,   denk unsrer Kinderlust,
Wie wir gesellig aßen   und schliefen Brust an Brust.
Stets hielten wir zusammen   und gingen Hand in Hand;
Als unzertrennlich waren   wir allen Leuten bekannt.

Wir wurden Bundesbrüder   und mischten unser Blut:
Da galt uns diese Freundschaft   wohl für das höchste Gut;
Daheim und vor dem Feinde   bewies sich oft ihr Wert.
Was ist daraus geworden?   Wie hat die Welt sich verkehrt?

Vergaß ich doch des Vaters   in deinem Angesicht,
Vergaß der lieben Heimat   und süßer Kindespflicht.
Wie tilgst du aus dem Herzen   die oft gelobte Treu?
Ein Meineid wärs, die Götter   zu erzürnen trage Scheu.

Tu mir in dieser Stunde   nicht Hass statt Liebe kund
Und ewig unverbrüchlich   besteh der Freunde Bund.
Reich mir die Hand, so sollst du   mir hoch gepriesen sein,
Ich fülle dir den Schildrand   mit des Goldes rötlichem Schein."

Doch finster blickte Hagen,   ingrimmig sprach er bald:
"Jetzt sprichst du lieblich, Walther;   erst übtest du Gewalt.
Du hast die Treu gebrochen:   Vor meinen Augen schlug
Mir deine Hand der Freunde   und der Genossen genug.

Und sage nicht, du habest   mich nicht sogleich erkannt:
Du sahest meine Farben   an Helm und Schildesrand
Und kanntest an der Haltung   den Mann wie am Gesicht;
Doch ließ' ich alles gehen:   Nur eins verzeih ich dir nicht.

Du brachst mir eine Blume,   so zart, so lieb, so wert,
So teuer meinem Herzen,   mit unbarmherzgem Schwert.
So hast du selbst der erste   gebrochen unsern Schwur;
Ich nehme keine Schätze   dafür, das wisse du nur.

Von deinen Händen fordr ich   des teuern Neffen Blut.
Lass sehn, ob dir alleine   denn blühen Kraft und Mut.
Ich will hier auch ersterben,   oder zeigen was ich kann."
Da sprang von seinem Rosse   dieser wunderkühne Mann.

Das Gleiche tat Herr Gunther:   Da säumt' auch nicht der Held;
Den Kampf zu Fuß zu kämpfen   sah man die drei gesellt.
Sie standen all und deckten   wie vor dem Todesstreich
Sich sorglich mit den Schilden   in Erwartung stumm und bleich.

Zur zweiten Tagesstunde   wars als ihr Streit begann,
Vereint die beiden Helden   wider den einen Mann.
Da bracht zuerst den Frieden   Hagen und warf den Speer
Aus ganzer Macht, den scharfen,   auf Alpkers Sprössling daher.

Als Walter sah, er könne   nicht stehn des Wurfes Kraft,
Denn gleich der Windsbraut zischend   und sausend fuhr der Schaft,
Bog er den Schild entgegen   mit Fleiß; vom blanken Erz
Als wie von glattem Marmor   glitt er da nieder erdenwärts

Und bohrte bis zum Nagel   sich in den Boden ein.
Da warf mit kühnem Herzen,   war seine Kraft auch klein,
Der stolze König Gunther   den eschenen Speer:
Der fuhr kaum in den Schildrand:   Hernieder hing die Stange schwer.

Leicht schüttelnd brachte Walther   ihn aus dem wunden Holz.
Das Zeichen schlug darnieder   der Frankenhelden Stolz;
Doch wich der Schmerz dem Zorne:   Das Schwert sie zuckten wild
Und sprangen auf den Goten   mit vorgehaltenem Schild.

Doch Walther, der den Angriff   mit der Lanze von sich wies,
Sein Antlitz drohte schrecklich   und schrecklich war sein Spieß:
Die kurzen Schwerter reichten   nicht an den kühnen Mann.
Es war nicht wohl ersonnen   was da Herr Gunther begann.

Seinen Speer, der an der Erde   zu Walthers Füßen lag,
Den hätt er, dem ein zweiter   zu Wurf und Stoß gebrach,
Gern heimlich aufgehoben:   So stünd er auch bewehrt
Wie jener mit der Lanze   statt mit dem armslangen Schwert.

Da winkt' er dem Gefährten   den Helden zu bestehn:
So möcht er unterdessen   den Diebstahl wohl begehn.
Gar wohl verstand Herr Hagen   des Königs stummen Wink:
Da schritt er vor geschwinde   und war zum Angriffe flink.

Da barg die Klinge Gunther   im grünen Samethaus
Und streckte nach der Lanze   die Rechte mählich aus.
Und schon sie aufzuheben  gedacht er von dem Feld,
Da gewahrte sein Beginnen   der ungleich stärkere Held.

Der stets behutsam kämpfte   mit Vorsicht und Geschick,
Er vergaß der Klugheit nimmer,   als einen Augenblick.
Als sich der König bückte   merkt' er die Absicht gleich
Und trieb den Hagen von sich   mit einem dreuenden Streich,

Sprang dann zurück und setzte   gemach den linken Fuß
Auf die entzogne Lanze,   die den König fangen muss.
Schon wanken ihm die Knie,   da fährt ihn Walther an
Und hebt das Schwert: Nun war es   um König Gunther getan.

Der hungernden Hölle   hätt er ihn zugesandt;
Doch Hagen kam und deckte   den Herrn mit seinem Rand
Nach Walthers Antlitz schnellend   der bloßen Schneide Stahl.
Indem sich jener schirmte,   erhob sich Gunther noch einmal

Wie ein vom Tod Erstandner,   zitternd und bleich vor Schreck.
Den heißen Kampf erneuen   doch gleich die beiden keck
Den Gewaltigen bedrängend   bald einzeln bald vereint.
Und hat er jetzt dem einen   das Haupt zu spalten gemeint,

So springt der andre drohend   herbei und wehrt dem Streich.
Er at dem wilden Bären   und sie den Hunden gleich.
So währt' ihr grimmes Streiten   wohl bis zum neunten Gang:
Heiß schien die Sonne nieder:   Herrn Walther dauert' es lang.

Ü   Þ

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