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            V. Hildebrandslied
               Hildebrand
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            VII. Hugdietrich

               Hugdietrich
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Sechstes Abenteuer

Wie Hagen am Wasgenstein auf seinem Schilde saß

Landeinwärts zog vom Rheine   der kühne Weigand;
Da fand er eine Wildnis,   der Wasgau genannt.
Der fehlt es nicht an Tieren,   es ist ein tiefer Wald,
Von Hunden und von Hörnern   wird sie schaurig durchhallt.

Da ragen in der Öde   zwei Berg einander nah
Und eine enge Höhle   liegt zwischen ihnen da.
Von zweier Felsen Gipfeln   ist überwölbt die Schlucht,
Anmutig, grasbewachsen,   doch oft von Räubern besucht.

Der Held, als er sie schaute,   begann: "Hier lass uns ruhn:
Wer mag in diesem Veste   uns was zu Leide tun?"
Er war der Ruh bedürftig;   er hatte sie entbehrt
Seit er dem Heunenlande   den Rücken fliehend gekehrt.

Nur selten durft er nicken,   gelehnt auf seinen Schild,
Wenn er den Schlaf beschützte   dem edeln Frauenbild.
Jetzt warf er hin die Waffen,   den Harnisch schnallt' er los
Und sprach zu Hildegunden   das Haupt gestreckt in ihren Schoß.

"Von diesem Bergeskamme,   Geliebte, blick umher,
Und steigen in der Ferne   Staubwolken dicht und schwer,
So rühre, leise weckend,   mich nur dein Finger an,
Sähst du den größten Haufen   uns zu verfolgen auch nahn.

Entreiße mich nicht plötzlich   der lang ersehnten Ruh.
Weithin mit reinen Blicken,   o Lieb, durchspähest du
Die Länder und die Gauen,   in mondheller Nacht."
Da fielen ihm die Augen   schon zu, der lange gewacht.

Ihm wurde süßes Labsal   in ihrem Schutz zu Teil:
Für den Geliebten wachte   die edle Magd derweil.
Sie ließ die Blicke gleiten   hinab zu selgen Aun:
Umher blieb alles Frieden   bis fern begann der Tag zu graun.

Noch immer mahnte Gunther   die Recken durch das Land:
Da sah er Pferdeshufen   geschlagen in den Sand.
Er fuhr empor in Freuden   und rief den Mannen zu,
Das Ross mit Sporen stoßend   aus seiner säumigen Ruh:

"Ihr Freunde, lasst uns eilen,   wir treffen ihn alsbald:
Der uns den Hort entwandte,   hier ist sein Aufenthalt.
Er kann uns nicht entrinnen,   der bald uns mit dem Raub
Das Leben lässt; ich sehe   schon seine Spuren im Staub."

Zu Gunthern sprach da Hagen,   der starke Held, sofort:
"Vergönne, großer König,   mir nur das eine Wort.
Du weist nicht was von Walthern   in Stürmen ist geschehn:
Hättet ihr ihn toben   wie ich im Kampfe gesehn,

Ihr würdet nimmer glauben,   es sei so federleicht,
Den Hort ihm abzujagen   sobald ihr ihn erreicht.
Ich sah die Heunenscharen,   zog oft mit ihnen aus
Gen Osten oder Norden   zu manchem fährlichen Strauß:

Da machte mein Geselle   den Feinden sich verhasst,
Und selbst die Heunen staunten   dem tugendreichen Gast:
Wen er erreichen mochte,   den sandt' er in den Tod.
Begebet euch, Herr und Freunde,   nicht in so schreckliche Not.

Glaubt mir, ich habs erfahren,   wie stark den Speer er schwingt,
Wie furchtbar seine Waffe   durch Helm und Harnisch klingt."
So sprach der grimme Hagen;   doch bliebs vergebne Müh.
Schon waren sie der Felsschlucht   genaht in dämmernder Früh.

Vom hohen Bergesrücken   herab sah Hildegund
Sich Wolken Staubs erheben:   Da ward ihr Sorge kund.
Sie störte leise rührend   den Freund aus seiner Rast.
Er frug, das Haupt vom Schoße   gehoben: "Naht uns ein Gast?"

Sie sprach: "O weh, geritten   kommt eine ganze Schar."
Da rieb er sich die Augen   vom Dunst des Schlafes klar,
Die starken Glieder hüllt' er   gemach in Stahl und schwang
Das Schwert, sich zu versuchen,   dass laut die Luft ihm erklang.

Von ferne Lanzen schimmern   sah Hildegund verzagt:
"Da haben wir die Heunen!",   rief die erschrockne Magd.
Und gleich zur Erde stürzend   umfasste sie seine Knie,
Den Tod sich zu erbitten   begann und flehete sie:

"O Herr, das Haupt vom Halse   mir scheiden lass dein Schwert:
Dein Bette zu besteigen   hielt mich das Glück nicht wert,
So gib mich nicht zur Beute   der Heunen schnöder Lust.
Von Freundeshand zu sterben   sei Trost der duldenden Brust."

Der Jüngling sprach: "Befleckt' ich   mit unschuldgem Blut?
Wär dieses Schwert die Feinde   zu tilgen wohl noch gut,
Wenn es gegraben hätte   der liebsten Freundin Grab?
Lass ab von solcher bitte,   von eitler Furcht lass mir ab!

Der aus so viel Gefahren   mir half, so mancher Not,
Der schützt auch vor den Heunen,   wenn ihre Rache droht."
"Da blickt' er nach den Feinden,   gar scharf war sein Gesicht:
"Doch Hildegund, wie irrst du,   die Heunen sind es ja nicht:

Rheinfranken, Nibelungen,   die diese Erde baun."
Und weiter spähend konnt er   Hanges Helmzier schaun.
Da sprach der Held und lachte,   vor Freuden lacht er hell:
"Und Hagen ist mit ihnen,   mein Freund, mein alter Gesell."

Da trat er aus der Pforte   der Felsenburg hervor
Und sprach: Sie hört es drinnen:   "An diesem Bergestor
Gelob ich: Nie berühme   daheim mit heilem Haupt
Ein Franke sich, er habe   von unsern Schätzen geraubt."

So sprach er, doch zur Erde   bog er die Knie sofort,
Dem Himmel abzubitten   das allzu stolze Wort.
Dann stand er auf und blickte   die Helden musternd an:
"Von allen die ich schaue   fürcht ich nicht einen Mann

Als Hagen ganz alleine:   Das ist ein kühner Held;
Auch weiß er wohl zu streiten   wie wir im Ehrenfeld:
Er kennt unsre Waffen,   kennt jede List und Kunst.
Wenn den vom Kampf zu mahnen   gelingt durch des Himmels Gunst,

So kehr ich heil dir wieder,   Hildgunde, süße Braut!"
Als vor der engen Felsburg   Herr Hagen jetzt geschaut
Den Freund und Bundesbruder,   und wie das Tor so schmal,
Da warnt' er seinen Herren:   "Hier frommt euch nicht die Überzahl.

Ihr seht, in solcher Stellung   kann ihm nur einer nahn,
Den kecklich Zwölfen trutzen   oft diese Augen sahn.
Begebt euch mit dem Starken   nicht ohne Not in Streit,
Nach seinen goldnen Spangen   wie begierig ihr auch seid.

Erst schickt ihm einen Herold,   mag sein, dass euch das frommt,
Der nach Geschlecht und Heimat   ihn zu befragen kommt,
Wohin, woher er fahre;   er lässt vielleicht den Schatz,
Den Frieden zu erkaufen,   und niemand bleibt auf dem Platz.

Ists Walther, wie ich glaube,   das ist ein weißer Mann,
Der Königen wohl dienen   und Ehre bieten kann;
Wo nicht, so ists zum Kampfe   noch immer früh genug."
Der Rat gefiel dem König,   er folgt' ihm ohne Verzug.

Nun war bei seinen Helden   von Metz Herr Ortewein,
Den sie den Alten nennen;   der musste Herold sein.
Er säumte sich nicht lange,   er ritt auf schnellem Ross
Dem Jüngling zu, der ruhig   noch stand vor seinem Felsenschloss.

Da hub er an: "Lass hören,   wie bist du, Held, genannt?
Sag an, wohin du reitest,   und sprich, aus welchem Land."
Darauf zur Antwort gab ihm   der hoch beherzte Held:
"Sag erst, ob das zu fragen   aus eignem Sinn dir gefällt,

Ob dich ein andrer schickte?   Du bist hier nicht allein."
Und kühnlich sprach entgegen   von Metz Herr Ortewein:
"Herr Gunther will erfahren   was ihm der Fremdling schafft
Im Lande, wo der König   gebeut mit herrlicher Kraft."

Auf solches Wort versetzte   der junge Held gefasst:
"Was kümmert ihr mit Fragen   den wegemüden Gast
Noch an des Landes Marke?   Doch - will es so der Brauch,
Viel muss ein Wandrer dulden,   wohlan, so duld ich dieses auch.

Ich bin geheißen Walther;   aus gotschem Waskenland.
Unmündgen Knaben hatte   mein Vater mich gesandt
Als Geisel zu den Heunen:   Da weilt ich, bis ich nun
Zur süßen Heimat kehre,   im Arm der Lieben zu ruhn.

In Rheinfranken such ich   nur Frieden und Geleit."
Da sprach der stolze Bote:   "So sende diese Maid
Und mit den beiden Schreinen   das Ross dem König zu,
So lässt mit heilen Gliedern   mein Herr dich ziehen in Ruh."

Unwillig sprach Herr Walther:   "Wie sprichst du Thoren gleich!
Nicht kenn ich deinen König;   doch wär er noch so reich,
So kann er nicht bewilligen   was er nicht selbst besitzt
Und nimmer wird erlangen,   dieweil dis gute Schwert noch blitzt.

Ist er ein Gott, der Leben   und heile Glieder schenkt?
Lieg ich in seinem Kerker,   von Mauern rings umschränkt?
Band mir auf den Rücken   die Hände schon sein Strick?
So dürft' er Walthern dreunen,   beträf ihn solches Geschick.

Doch höre, guter Degen:   Erlässt er mir den Streit
(Er ist zum Kampf gekommen,   das zeigt sein Eisenkleid),
So will ich, ihn zu ehren,   der Königsnamen trägt,
Hundert Spangen schicken,   aus rotem Golde geprägt."

Mit dieser Antwort kehrte   Herr Ortewein zur Stund;
Was sie gesprochen hatten   tat er den Helden kund.
Herr Hagen riet dem König:   "Nimm an was er dir beut,
So kannst du reichlich lohnen   die dich begleiteten heut,

Und doch den Streit vermeiden   der schwerlich Sieg verschafft:
Noch ist dir Walther unkund   und seine Heldenkraft.
Mir träumte heut von Leide   und nicht von Kriegesglück:
Gesund zur Heimat kehren   wir beide nimmer zurück.

Einen wilden Bären nächten   sah ich im Kampf mit dir:
Ihr hattet lang gerungen,   da riss das grimme Tier
Dir von der Hüfte nieder   das eine Schenkelbein,
Dass du im Blute lagest   beschwert mit tödlicher Pein.

Als ich darauf mit Waffen   dir rasch zu Hilfe sprang,
Auf mich einher gefahren   kams mit der Tatze Schwang:
Sechs Zähne und ein Auge   schlug mir das Untier aus.
Drum meide, König, meide   mit diesem Helden den Strauß."

Da sprach König Gunther   mit Stolz zu seinem Mann:
"Ich höre wohl, du gleichest   deinem Vater Aldrian:
Der trug auch eitel Zagen   in seiner kalten Brust,
Hat stets mit schönen Worten   den Kampf zu meiden gewusst."

Darob ergrimmte Hagen   wohl in gerechtem Groll,
Wenn anders seinem Herren   ein Dienstmann zürnen soll.
Er sprach: "Wohlan, so fechtet   alleine diesen Streit:
Hier harrt er eures Angriffs,   er flieht euch sicher nicht weit.

Bestehet ihn, ich harre   des Ausgangs hier derweil;
An all eurer Beute   verlang ich keinen Teil."
Er sprachs und sprang vom Pferde   bei einem nahen Stein:
Da saß er auf dem Schilde,   den Kampf zu schauen, allein.

Ü   Þ

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