Homepage
Literatur
Schiller, Friedrich
Wallenstein
Erster Teil
Wallensteins Lager
Prolog
Personen
Erster Auftritt
Zweiter Auftritt
Dritter Auftritt
Vierter Auftritt
Fünfter Auftritt
Sechster Auftritt
Siebenter Auftritt
Achter Auftritt
Neunter Auftritt
Zehnter Auftritt
Elfter Auftritt
Die Piccolomini
Zweiter Teil
Wallensteins Tod |
Achter Auftritt
Bergknappen treten auf und
spielen einen Walzer, erst langsam und dann immer geschwinder. Der erste
Jäger tanzt mit der Aufwärterin, die Marketenderin mit dem
Rekruten; das Mädchen entspringt, der Jäger hinter ihr her und
bekommt den Kapuziner zu fassen, der eben hereintritt.
Kapuziner.
Heisa, Juchheia! Dudeldumdei!
Das geht ja hoch her. Bin auch dabei!
Ist das eine Armee von Christen?
Sind wir Türken? Sind wir Antibaptisten?
Treibt man so mit dem Sonntag Spott,
Als hätte der allmächtige Gott
Das Chiragra, könnte nicht drein schlagen?
Ist’s jetzt Zeit zu Saufgelagen,
In Banketten und Feiertagen?
Quid hic statis otiosi?
Was steht ihr und legt die Hände in Schoß?
Die Kriegsfuri ist an der Donau los,
Das Bollwerk des Bayerlands ist gefallen,
Regensburg ist in des Feindes Krallen,
Und die Armee liegt hier in Böhmen,
Pflegt den Bauch, lässt sich’s wenig grämen,
Kümmert sich mehr um den Krug als den Krieg,
Wetzt lieber den Schnabel als den Sabel,
Hetzt sich lieber herum mit der Dirn’,
Frisst den Ochsen lieber als den Oxenstirn.
Die Christenheit trauert in Sack und Asche;
Der Soldat füllt sich nur die Tasche.
Es ist eine Zeit der Tränen und Not,
Am Himmel geschehen Zeichen und Wunder,
Und aus den Wolken, blutigrot,
Hängt der Herrgott den Kriegsmantel ’runter.
Den Kometen steckt er, wie eine Rute,
Drohend am Himmelsfenster aus,
Die ganze Welt ist ein Klagehaus,
Die Arche der Kirche schwimmt in Blute,
Und das römische Reich – dass Gott erbarm!
Sollte jetzt heißen römisch Arm:
Der Rheinstrom ist worden zu einem Peinstrom,
Die Klöster sind ausgenommene Nester,
Die Bistümer sind verwandelt in Wüsttümer,
Die Abteien und die Stifter
Sind nun Raubteien und Diebesklüfter,
Und alle die gesegneten deutschen Länder
Sind verkehrt worden in Elender –
Woher kommt das? Das will ich euch verkünden:
Das schreibt sich her von euern Lastern und Sünden,
Von dem Gräuel und Heidenleben,
Dem sich Offizier und Soldaten ergeben.
Denn die Sünd ist der Magnetenstein,
Der das Eisen zeihet ins Land herein.
Auf das Unrecht, da folgt das Übel,
Wie die Trän’ auf den herben Zwiebel,
Hinter dem U kommt gleich das W,
Das ist die Ordnung im A B C.
Ubi erit vitoriae spes,
Si offenditur Deus? Wie soll man siegen,
Wenn man die Predigt schwänzt und die Mess,
Nichts tut als in den Weinhäusern liegen?
Die Frau in dem Evangelium
Fand den verlorenen Groschen wieder,
Der Saul seines Vaters Esel wieder,
Der Joseph seine saubern Brüder;
Aber wer bei den Soldaten sucht
Die Furcht Gottes und die gute Zucht
Und die Scham, der wird nicht viel finden,
Tät er auch hundert Laternen anzünden.
Zu dem Prediger in der Wüsten,
Wie wir lesen im Evangelisten,
Kamen auch die Soldaten gelaufen,
Taten Buß’ und ließen sich taufen,
Fragten ihn: Quid faciemus nos?
Wie machen wir’s, dass wir kommen in Abrahams Schoß?
Et ait illis. Und er sagt:
Neminem concutiatis,
Wenn ihr niemanden schindet und plackt.
Neque calumniam faciatis,
Niemand verlästert, auf niemand lügt.
Contenti estote, euch begnügt,
Stipendiis vestris, mit eurer Löhnung,
Und verflcuht jede böse Argwöhnung.
Es ist ein Gebot: Du solltst den Namen
Deines Herrgotts nicht eitel auskramen,
Und wo hört man mehr blasphemiren,
Als hier in den Friedländischen Kriegsquartieren?
Wenn man für jeden Donner und Blitz,
Den ihr losbrennt mit eurer Zungenspitz,
Die Glocken müsst läuten im Land umher,
Es wär’ bald kein Messner zu finden mehr.
Und wenn euch für jedes böse Gebet,
Das aus eurem ungewaschnen Munde geht,
Ein Härlein ausging aus eurem Schopf,
Über Nacht wär’ er geschoren glatt,
Und wär’ er so dick wie Absalons Zopf.
Der Josua war doch auch ein Soldat,
König David erschlug den Goliath,
Und wo seht denn geschrieben zu lesen,
Dass sie solche Fluchmäuler sind gewesen?
Muss man den Mund doch, ich sollte meinen,
Nicht weiter aufmachen zu einem Helf Gott!
Als zu einem Kreuz Sackerlot!
Aber wessen das Gefäß ist gefüllt,
Davon es sprudelt und überquillt.
Wieder ein Gebot ist: Du sollst nicht stehlen.
Ja, das befolgt ihr nach dem Wort,
Denn ihr tragt alles offen fort.
Vor euren Klauen und Geiersgriffen,
Vor euren Praktiken und bösen Kniffen
Ist das Geld nicht geborgen in der Truh,
Das Kalb nicht sicher in der Kuh,
Ihr nehmt das ei und as Huhn dazu.
Was sagt der Prediger? Contenti estote,
Begnügt euch mit eurem Kommissbrote.
Aber wie soll man die Knechte loben,
Kömmt doch das Ärgernis von oben!
Wie die Glieder, so auch das Haupt!
Weiß doch niemand, an wen der glaubt!
Erster Jäger.
Herr Pfaff! Uns Soldaten mag er schimpfen,
Den Feldherrn soll er uns nicht verunglimpfen.
Kapuziner.
Ne custodias gregem meam!
Das ist so ein Ahab und Jerobeam,
Der die Völker von der wahren Lehren
Zu falschen Götzen tut verkehren.
Trompeter und Rekrut.
Lass er uns das nicht zwei Mal hören!
Kapuziner.
So ein Bramarbas und Eisenfresser,
Will einnehmen alle festen Schlösser.
Rühmte sich mit seinem gottlosen Mund,
Er müsse haben die Stadt Stralsund,
Und wär’ sie mit Ketten an den Himmel geschlossen.
Trompeter.
Stopft ihm keiner sein Lästermaul?
Kapuziner.
So ein Teufelsbeschwörer und König Saul,
So ein Jehu und Holofern,
Verleugnet, wie Petrus, seinen Meister und Herrn:
Drum kann er den Hahn nicht hören krähn –
Beide Jäger.
Pfaffe! Jetzt ist’s um dich geschehn!
Kapuziner.
So ein listiger Fuchs Herodes –
Trompeter und beide Jäger
(auf ihn eindringend).
Schweig stille! Du bist des Todes!
Kroaten (legen sich drein).
Bleib da, Pfäfflein, fürcht dich nit,
Sag dein Sprüchlein und teil’s uns mit.
Kapuziner (schreit lauter).
So ein hochmütiger Rebucadnezer,
So ein Sündenvater und muffiger Ketzer,
Lässt sich nennen den Wallenstein;
Ja freilich ist er uns allen ein Stein
Des Anstoßes und Ärgernisses,
Und so lang der Kaiser diesen Friedeland
Lässt walten, so wird nicht Fried’ im Land.
(Er hat nach und nach bei
den letzten Worten, die er mit erhobener
Stimme spricht, seinen Rückzug genommen, indem die Kroaten die übrigen
Soldaten von ihm abwehren.)
Ü
Þ |