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Baron* von F*** an den Grafen von O**Neunter BriefAugust Der Prinz schwimmt in Wonne und Liebe. Er hat seine Griechin wieder. Hören Sie, wie dies zugegangen ist. Ein Fremder, der über Chiozza* gekommen war und von der schönen Lage dieser Stadt am Golf viel zu erzählen wusste, machte den Prinzen neugierig, sie zu sehen. Gestern wurde dies ausgeführt, und um allen Zwang und Aufwand zu vermeiden, sollte niemand ihn begleiten als Z*** und ich nebst Biondello, und mein Herr wollte unbekannt bleiben. Wir fanden ein Fahrzeug, das eben dahin abging, und mieteten uns darauf ein. Die Gesellschaft war sehr gemischt, aber unbedeutend, und die Hinreise hatte nichts Merkwürdiges. Chiozza* ist auf eingerammten Pfählen gebaut, wie Venedig, und soll gegen vierzigtausend Einwohner zählen. Adel findet man wenig, aber bei jedem Schritt stößt man auf Fischer oder Matrosen. Wer eine Perücke und einen Mantel trägt, heißt ein Reicher; Mütze und Überschlag sind das Zeichen eines Armen. Die Lage der Stadt ist schön, doch darf man Venedig nicht gesehen haben. Wir verweilten uns nicht lange. Der Patron, der noch mehr Passagiers hatte, musste zeitig wieder in Venedig sein, und den Prinzen fesselte nichts in Chiozza*. Alles hatte seinen Platz schon im Schiff genommen, als wir ankamen. Weil sich die Gesellschaft auf der Herfahrt so beschwerlich gemacht hatte, so nahmen wir diesmal ein Zimmer für uns allein. Der Prinz erkundigte sich, wer noch mehr da sei? Ein Dominikaner, war die Antwort, und einige Damen, die retour nach Venedig gingen. Mein Herr war nicht neugierig, sie zu sehen und nahm sogleich sein Zimmer ein. Die Griechin war der Gegenstand unsers Gesprächs auf der Herfahrt gewesen , und sie war es auch auf der Rückfahrt. Der Prinz wiederholte sich ihre Erscheinung in der Kirche mit Feuer; Pläne wurden gemacht und verworfen; die Zeit verstrich wie ein Augenblick; ehe wir es uns versahen, lag Venedig vor uns. Einige von den Passagieren stiegen aus, der Dominikaner war unter diesen. Der Patron ging zu den Damen, die, wie wir jetzt erst erfuhren, nur durch ein dünnes Brett von uns geschieden waren, und fragte sie, wo er anlegen sollte. „Auf der Insel Murano“, war die Antwort, und das Haus wurde genannt, – „Insel Murano!“, rief der Prinz, und ein Schauer der Ahnung schien durch seine Seele zu fliegen. Eh’ ich ihm antworten konnte, stürzte Biondello herein. „Wissen Sie auch, in welcher Gesellschaft wir reisen?“ – Der Prinz sprang auf – „Sie ist hier! Sie selbst!“, fuhr Biondello fort. „Ich komme eben von ihrem Begleiter.“ Der Prinz drang hinaus. Das Zimmer ward ihm zu enge, die ganze Welt wär’ es in diesem Augenblick gewesen. Tausend Empfindungen stürmten in ihn, seine Knie zitterten, Röte und Blässe wechselten in seinem Gesicht. Ich zitterte erwartungsvoll mit ihm. Ich kann Ihnen diesen Zustand nicht beschreiben. In Murano wurde angehalten. Der Prinz sprang ans Ufer. Sie kam. Ich las im Gesicht des Prinzen, dass sie’s war. Ihr Anblick ließ mir keinen Zweifel übrig. Eine schönere Gestalt hab’ ich nie gesehen; alle Beschreibungen des Prinzen waren unter der Wirklichkeit geblieben. Eine glühende Röte überzog ihr Gesicht, als sie den Prinzen ansichtig wurde. Sie hatte unser ganzes Gespräch hören müssen, sie konnte auch nicht zweifeln, dass sie der Gegenstand desselben gewesen sei. Mit einem bedeutenden Blick sah sie ihre Begleiterin an, als wollte sie sagen: Das ist er! Und mit Verwirrung schlug sie ihre Augen nieder. Ein schmales Brett wurde vom Schiff an das Ufer gelegt, über welches sie zu gehen hatte. Sie schien ängstlich, es zu betreten – aber weniger, wie mir vorkam, weil sie auszugleiten fürchtete, als weil sie es ohne fremde Hilfe nicht konnte und der Prinz schon den Arm ausstreckte, ihr beizustehen. Die Not siegte über diese Bedenklichkeit. Sie nahm seine Hand an und war am Ufer. Die heftige Gemütsbewegung, in der der Prinz war, machte ihn unhöflich; die andere Dame, die auf den nämlichen Dienst wartete, vergaß er – was hätte er in diesem Augenblick nicht vergessen? Ich erwies ihr endlich diesen Dienst, und dies brachte mich um das Vorspiel einer Unterredung, die sich zwischen meinem Herrn und der Dame angefangen hatte. Er hielt noch immer ihre Hand in der seinigen – aus Zerstreuung, denke ich, und ohne dass er es selbst wusste. „Es ist nicht das erste Mal, Signora, dass – – dass – –“ Er konnte es nicht heraus sagen. „Ich sollte mich erinnern“, lispelte sie – „In der ***Kirche“, sagte er – „In der ***Kirche war es“, sagte sie – „Und konnte ich mir heute vermuten – – Ihnen so nahe –“ Hier zog sie ihre Hand leise aus der seinigen – Er verwirrte sich augenscheinlich. Biondello, der indes mit dem Bedienten gesprochen hatte, kam ihm zu Hilfe. „Signor“, fing er an, „die Damen haben Sänften hierher bestellt; aber wir sind früher zurückgekommen, als sie sich’s vermuteten. Es ist hier ein Garten in der Nähe, wo Sie so lange eintreten können, um dem Gedränge auszuweichen. Der Vorschlag wurde angenommen, und Sie können denken, mit welcher Bereitwilligkeit von Seiten des Prinzen. Man blieb in dem Garten, bis es Abend wurde. Es gelang uns, Z*** und mir, die Matrone zu beschäftigen, dass der Prinz sich mit der jungen Dame ungestört unterhalten konnte. Dass er diese Augenblicke gut zu benutzen gewusst habe, können Sie daraus abnehmen, dass er die Erlaubnis empfangen hat, sie zu besuchen. Eben jetzt, da ich Ihnen schreibe, ist er dort. Wenn er zurückkommt, werde ich mehr erfahren. Gestern, als wir nach Hause kamen, fanden wir auch die erwarteten Wechsel von unserem Hof, aber von einem Brief begleitet, der meinen Herrn sehr in Flammen setzte. Man ruft ihn zurück, und in einem Ton, wie er ihn gar nicht gewohnt ist. Er hat sogleich in einem ähnlichen geantwortet und wird bleiben. Die Wechsel sind eben hinreichend, um die Zinsen von dem Kapital zu bezahlen, das er schuldig ist. Einer Antwort von seiner Schwester sehen wir mit Verlangen entgegen. |
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Jürgen Kühnle
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