Friedrich
Schiller

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Werke - Historische Schriften

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   Literatur
      Schiller, Friedrich

         Historische Schriften
               Abfall Niederlande
                  Vorrede
                  Einleitung
                  1. Buch
                     F. Geschichte
                     Karl V.
                     Philipp II.
                     Inq.-gericht
                     Andere Eingriffe
                     Or. Egmont
                     Parma
                  2. Buch
                     Granvella
                     Staatsrat
                     Egmont in Sp.
                     Religionsedikte
                  3. Buch
                     Verschwörung
                     Geusen
                     Öf. Predigten
                  4. Buch
                     Bildersturm
                     Bürg. Krieg
                     Abdankung Or.
                     Verfall Geusen
                     Zug Albas
                     Anord. Albas
                  Beilagen
                     I. Prozess
                     II. Belagerung

Bürgerlicher Krieg

   (1566.) Unterdessen eilte die Regentin, den Vorteil zu benutzen, den ihr die Trennung unter dem Adel gab, um den Fall des Bundes, der schon durch innere Zwietracht wankte, zu vollenden. Sie zog ohne Zeitverlust Truppen aus Deutschland, die Herzog Erich von Braunschweig für sie in Bereitschaft hielt, verstärkte die Reiterei und errichtete fünf Regimenter Wallonen, worüber die Grafen von Mansfeld, von Megen, von Aremberg und andere den Oberbefehl bekamen. Auch dem Prinzen von Oranien mussten, um ihn nicht aufs empfindlichste zu beleidigen, Truppen anvertraut werden, und um so mehr, da die Provinzen, denen er als Statthalter vorstand, ihrer am nötigsten bedurften; aber man gebrauchte die Vorsicht, ihm einen Obersten, mit Namen Walderfinger, an die Seite zugeben, der alle seine Schritte bewachte und seine Maßregeln, wenn sie gefährlich zu werden schienen, rückgängig machen konnte. Dem Grafen von Egmont steuerte die Geistlichkeit in Flandern vierzigtausend Goldgulden bei, um fünfzehnhundert Mann zu unterhalten, davon er einen Teil in die bedenklichsten Plätze verteilte. Jeder Statthalter musste seine Kriegsmacht verstärken und sich mit Munition versehen. Alle diese Zurüstungen, welche aller Orten und mit Nachdruck gemacht wurden, ließen keinen Zweifel mehr übrig, welchen Weg die Statthalterin künftig einschlagen werde.

   Ihrer Überlegenheit versichert und dieses mächtigen Beistands gewiss, wagt sie es nun, ihr bisheriges Betragen zu ändern und mit den Rebellen eine ganz andere Sprache zu reden. Sie wagt es, die Bewilligungen, welche sie den Protestanten nur in der Angst und aus Notwendigkeit erteilt, auf eine ganz willkürliche Art auszulegen und alle Freiheiten, die sie ihnen stillschweigend eingeräumt, auf die bloße Vergünstigung der Predigten einzuschränken. Alle ihre übrigen Religionsübungen und Gebräuche, die sich doch, wenn jene gestattet wurden, von selbst zu verstehen schienen, wurden durch neue Mandate für unerlaubt erklärt und gegen die Übertreter als gegen Beleidiger der Majestät verfahren. Man vergönnte den Protestanten, anders als die herrschende Kirche von dem Abendmahl zu denken, aber es anders zu genießen, war Frevel; ihre Art, zu taufen, zu trauen, zu begraben wurde bei angedrohten Todesstrafen untersagt. Es war grausamer Spott, ihnen die Religion zu erlauben und die Ausübung zu versagen: Aber dieser unedle Kunstgriff, ihres gegebenen Worts wieder los zu werden, war der Zaghaftigkeit würdig, mit der sie es sich hatte abdringen lassen. Von den geringsten Neuerungen, von den unbedeutendsten Übertretungen nahm sie Anlass, die Predigten zu stören; mehreren von den Prädikanten wurde unter dem Vorwand, dass sie ihr Amt an einem andern Platz, als der ihnen angewiesen worden, verwaltet, der Prozess gemacht und einige von ihnen sogar aufgehängt. Sie erklärte bei mehreren Gelegenheiten laut, dass die Verbundenen ihre Furcht missbraucht, und dass sie sich durch einen Vertrag, den man ihr durch Drohungen abgepresst, nicht für gebunden halte1).

   Unter allen niederländischen Städten, welche sich des bilderstürmerischen Aufruhrs teilhaftig machten, hatte die Regentin für die Stadt Valenciennes in Hennegau am meisten gezittert. In keiner von allen war die Partei der Kalvinisten so mächtig, als in dieser, und der Geist des Aufruhrs, durch den sich die Provinz Hennegau vor allen übrigen stets ausgezeichnet hatte, schien hier einheimisch zu wohnen2). Die Nähe Frankreichs, dem es sowohl durch Sprache als durch Sitten noch weit näher als den Niederlanden angehörte, war Ursache gewesen, dass man diese Stadt von jeher mit größerer Gelindigkeit, aber auch mit mehr Vorsicht regierte, wodurch sie nur desto mehr ihre Wichtigkeit fühlen lernte. Schon bei dem letzten Aufstand der Tempelschänder hatte wenig gefehlt, dass sie sich nicht den Hugenotten auslieferte, mit denen sie das genaueste Verständnis unterhielt und die geringste Veranlassung konnte diese Gefahr erneuern. Daher war unter allen niederländischen Städten Valenciennes die erste, welcher die Regentin eine verstärkte Besatzung zudachte, sobald sie in die Verfassung gesetzt war, sie ihr zu geben. Philipp von Noircarmes, Herr von St. Aldegonde, Statthalter von Hennegau an der Stelle des abwesenden Marquis von Bergen, hatte diesen Auftrag erhalten und erschien an der Spitze eines Kriegsheers vor ihren Mauern. Aus der Stadt kamen ihm von Seiten des Magistrats Deputierte entgegen, sich die Besatzung zu verbitten, weil die protestantische Bürgerschaft, als der überlegene Teil, sich dawider erklärt habe. Noircarmes machte ihnen den Willen der Regentin kund und ließ sie zwischen Besatzung und Belagerung wählen. Mehr als vier Schwadronen Reiter und sechs Kompanien Fußvolk sollten der Stadt nicht aufgedrungen werden; darüber wolle er ihr seinen eigenen Sohn zum Geisel geben. Als diese Bedingungen dem Magistrat vorgelegt wurden, der für sich sehr geneigt war, sie zu ergreifen, erschien der Prediger Peregrine le Grange an der Spitze seines Anhangs, der Apostel* und Abgott seines Volks, dem es darum zu tun sein musste, eine Unterwerfung zu verhindern, von der er das Opfer werden würde, und verhetzte durch die Gewalt seiner Beredsamkeit das Volk, die Bedingungen auszuschlagen. Als man Noircarmes diese Antwort zurückbringt, lässt er die Gesandten, gegen alle Gesetze des Völkerrechts, in Fesseln schlagen und führt sie gefangen mit sich fort; doch muss er sie, auf der Regentin Geheiß, bald wieder frei geben. Die Regentin, durch geheime Befehle aus Madrid zu möglichster Schonung angehalten, lässt sie noch mehrmals auffordern, die ihr zugedachte Garnison einzunehmen; da sie aber hartnäckig auf ihrer Weigerung besteht, so wird sie durch eine öffentliche Akte für eine Rebellin erklärt, und Noircarmes erhält Befehl, sie förmlich zu belagern. Allen übrigen Provinzen wird verboten, dieser aufrührerischen Stadt mit Rat, Geld oder Waffen beizustehen. Alle ihre Güter sind dem Fiskus zugesprochen. Um ihr den Krieg zu zeigen, ehe er ihn wirklich anfing, und zu vernünftigem Nachdenken Zeit zu lassen, zog Noircarmes aus ganz Hennegau und Cambray Truppen zusammen (1566), nahm St. Amand in Besitz und legte Garnison in alle nächstliegenden Plätze. Das Verfahren gegen Valenciennes ließ alle übrigen Städte, die in gleichem Fall waren, auf das Schicksal schließen, welches ihnen selbst zugedacht war, und setzte sogleich den ganzen Bund in Bewegung. Ein geusisches Heer, zwischen drei- und viertausend Mann, das aus landflüchtigem Gesindel und den übrig gebliebenen Rotten der Bilderstürmer in der Eile zusammengerafft worden, erscheint in dem Gebiet von Tournay und Lille, um sich dieser beiden Städte zu versichern und den Feind vor Valenciennes zu beunruhigen. Der Gouverneur von Lille hat das Glück, ein Detachement davon, das im Einverständnis mit den Protestanten dieser Stadt einen Anschlag gemacht, hat sich ihrer zu bemächtigen, in die Flucht zu schlagen und seine Stadt zu behaupten. Zu der nämlichen Zeit wird das geusische Heer, das bei Launoy unnütz die Zeit verdirbt, von Noircarmes überfallen und beinahe ganz aufgerieben. Die Wenigen, welche sich mit verzweifelter Tapferkeit durchgeschlagen, werfen sich in die Stadt Tournay, die von dem Sieger sogleich aufgefordert wird, ihre Tore zu öffnen und Besatzung einzunehmen. Ihr schneller Gehorsam bereitet ihr ein leichteres Schicksal. Noircarmes begnügt sich, das protestantische Konsistorium darin auszuüben, die Prediger zu verweisen, die Anführer der Rebellen zur Strafe zu ziehen und den katholischen Gottesdienst, den er beinahe ganz unterdrückt findet, wieder herzustellen. Nachdem er ihr einen sichern Katholiken zum Gouverneur gegeben und eine hinreichende Besatzung darin zurückgelassen, rückt er mit seinem siegenden Heer wieder vor Valenciennes, um die Belagerung fortzusetzen.

   Diese Stadt, auf ihre Befestigung trotzig, schickte sich lebhaft zur Verteidigung an, fest entschlossen, es aufs äußerste kommen zu lassen. Man hatte nicht versäumt, sich mit Kriegsmunition und Lebensmitteln auf eine lange Belagerung zu versehen; alles, was nur die Waffen tragen konnte, die Handwerker selbst nicht ausgeschlossen, wurde Soldat; die Häuser vor der Stadt, und vorzüglich die Klöster, riss man nieder, damit der Belagerer sich ihrer nicht gegen die Stadt bediente. Die wenigen Anhänger der Krone schwiegen, von der Menge unterdrückt; kein Katholik durfte es wagen, sich zu rühren. Anarchie und Aufruhr waren an die Stelle der guten Ordnung getreten, und der Fanatismus eines tollkühnen Priesters gab Gesetze. Die Mannschaft war zahlreich, ihr Mut verzweifelt, fest ihr Vertrauen auf Entsatz und ihr Hass gegen die katholische Religion aufs äußerste gestiegen. Viele hatten keine Gnade zu erwarten, alle verabscheuten das gemeinschaftliche Joch einer befehlshaberischen Besatzung. Noch einmal versuchte es Noircarmes, dessen Heer durch die Hilfsvölker, welche ihm von allen Orten her zuströmten, furchtbar gewachsen und mit allen Erfordernissen einer langen Blockade reichlich versehen war, die Stadt durch Güte zu bewegen, aber vergebens. Er ließ also die Laufgräben eröffnen und schickte sich an, die Stadt einzuschließen3).

   Die Lage der Protestanten hatte sich unterdessen in eben dem Grade verschlimmert, als die Regentin zu Kräften gekommen war. Der Bund des Adels war allmählich bis auf den dritten Teil geschmolzen. Einige seiner wichtigsten Beschützer, wie der Graf von Egmont, waren wieder zu dem König übergegangen; die Geldbeiträge, worauf man so sicher gerechnet hatte, fielen sehr sparsam aus; der Eifer der Partei fing merklich an zu erkalten, und mit der gelinden Jahrszeit mussten nun auch die öffentlichen Predigten aufhören, die ihn bis jetzt in Übung erhalten hatten. Alles dies zusammen bewog die unterliegende Partei, ihre Forderungen mäßiger einzurichten und, ehe sie das Äußerste wagte, alle unschuldigen Mittel vorher zu versuchen. In einer Generalsynode der Protestanten, die zu dem Ende in Antwerpen gehalten wird, und welcher auch einige von den Verbundenen beiwohnen, wird beschlossen, an die Regentin zu deputieren, ihr dieser Wortbrüchigkeit wegen Vorstellungen zu tun und sie an ihren Vertrag zu erinnern. Brederode übernimmt diesen Auftrag, muss sich aber auf eine harte und schimpfliche Art abgewiesen und von Brüssel selbst ausgeschlossen sehen. Er nimmt seine Zuflucht zu einem schriftlichen Aufsatz, worin er sich im Namen des ganzen Bundes beklagt, dass ihn die Herzogin im Angesicht aller Protestanten, die auf des Bundes Bürgschaft die Waffen niedergelegt, durch ihre Wortbrüchigkeit Lügen strafe und alles, was die Verbundenen Gutes gestiftet, durch Zurücknahme ihrer Bewilligungen wieder zunichte mache; dass sie den Bund in den Augen des Volks herabzuwürdigen gesucht, Zwietracht unter seinen Gliedern erregt und viele unter ihnen als Verbrecher habe verfolgen lassen. Er lag ihr an, ihre neuen Verordnungen zu widerrufen, durch welche den Protestanten ihre freie Religionsübung benommen sei, vor allen Dingen aber die Belagerung von Valenciennes anfzuheben, die neu geworbenen Truppen abzudanken, unter welcher Bedingung ihr der Bund allein für die allgemeine Ruhe Sicherheit leisten könne.

   Hierauf antwortete die Regentin in einem Ton, der von ihrer bisherigen Mäßigung sehr verschieden war: „Wer diese Verbundenen sind, die sich in dieser Schrift an mich wenden, ist mir in der Tat ein Geheimnis. Die Verbundenen, mit denen ich zu tun hatte, sind, wie ich nicht anders weiß, auseinander gegangen. Alle wenigstens können an dieser Klagschrift nicht Teil haben, denn ich selbst kenne viele, die, in allen ihren Forderungen befriedigt, zu ihren Pflichten zurückgetreten sind. Wer es aber auch sei, der sich hier ohne Fug und Recht und ohne Namen an mich wendet, so hat er meinen Worten wenigstens eine sehr falsche Auslegung gegeben, wenn er daraus folgert, dass ich den Protestanten Religionsfreiheit zugesichert habe. Niemand kann es unbekannt sein, wie schwer es mir schon geworden ist, die Predigten an den Orten zuzugeben, wo sie sich selbst eingeführt haben, und dieses kann doch wohl nicht für eine bewilligte Glaubensfreiheit gelten? Mir hätte es einfallen sollen, diese gesetzwidrigen Konsistorien in Schutz zu nehmen, diesen Staat im Staate zu dulden? Ich hätte mich so weit vergessen können, einer verwerflichen Sekte diese gesetzliche Würde einzuräumen, alle Ordnung in der Kirche und in der Republik umzukehren und meine heilige Religion so abscheulich zu lästern? Haltet euch an den, der euch diese Erlaubnis gegeben hat; mit mir aber müsst ihr nicht rechten. Ihr beschuldigt mich, dass ich den Vertrag verletzt habe, der euch Straflosigkeit und Sicherheit gewährte? Das Vergangene hab’ ich euch erlassen, nicht aber, was ihr künftig begehen würdet. Eure Bittschrift vom vorigen April sollte keinem von euch Nachteil bringen, und das hat sie, meines Wissens, auch nicht getan; aber wer sich neuerdings gegen die Majestät des Königs vergangen, mag die Folgen seines Frevels tragen. Endlich, wie könnt ihr euch unterstehen, mir einen Vertrag in Erinnerung zu bringen, den ihr zuerst gebrochen habt? Auf wessen Anstiften wurden die Kirchen geplündert, die Bilder der Heiligen gestürzt und die Städte zur Rebellion hingerissen? Wer hat Bündnisse mit fremden Mächten errichtet, unerlaubte Werbungen angestellt und von den Untertanen des Königs gesetzwidrige Steuern eingetrieben? Deswegen habe ich Truppen zusammengezogen, deswegen die Edikte geschärft. Wer mir anliegt, die Waffen wieder niederzulegen, kann es nimmermehr gut mit seinem Vaterland und dem König meinen, und wenn ihr euch selbst liebt, so seht zu, dass ihr eure eigenen Handlungen entschuldigt, anstatt die meinigen zu richten4).“

   Alle Hoffnung der Verbundenen zu einer gütlichen Beilegung sank mit dieser hochtönenden Erklärung. Ohne sich eines mächtigen Rückhalts bewusst zu sein, konnte die Regentin eine solche Sprache nicht führen. Eine Armee stand im Feld, der Feind vor Valenciennes, der Kern des Bundes war abgefallen, und die Regentin forderte eine unbedingte Unterwerfung. Ihre Sache war jetzt so schlimm, dass eine offenbare Widersetzung sie nicht schlimmer machen konnte. Lieferten sie sich ihrem aufgebrachten Herrn wehrlos in die Hände, so war ihr Untergang gewiss; aber der Weg der Waffen konnte ihn wenigstens noch zweifelhaft machen; also wählten sie das letzte und fingen mit Ernst an, zu ihrer Verteidigung zu schreiten. Um sich ein Recht auf den Beistand der deutschen Protestanten zu erwerben, wollte Ludwig von Nassau die Städte Amsterdam, Antwerpen, Tournay und Valenciennes bereden, der Augsburgischen Konfession beizutreten und sich auf diese Weise enger an ihre Religion anzuschließen; ein Vorschlag, der nie in Erfüllung kam, weil der Religionshass der Kalvinisten gegen ihre evangelischen Brüder den Abscheu wo möglich noch überstieg, den sie gegen das Papsttum trugen. Nassau fing nun an, in Frankreich, in der Pfalz und in Sachsen ernstlich wegen Subsidien zu unterhandeln. Der Graf von Bergen befestigte seine Schlösser; Brederode warf sich mit einem kleinen Heer in seine feste Stadt Viane an dem Leck, über welche er sich Souveränitätsrechte anmaßte, und die er eilig in Verteidigungsstand setzte, um hier eine Verstärkung von dem Bund und den Ausgang von Nassaus Unterhandlungen abzuwarten. Die Fahne des Kriegs war nun aufgesteckt; überall rührte man die Trommel; aller Orten sah man Truppen marschieren, wurde Geld eingetrieben, wurden Soldaten geworben. Die Unterhändler beider Teile begegneten sich oft in demselben Platz, und kaum hatten die Einnehmer und Werber der Regentin eine Stadt geräumt, so musste sie von den Mäklern des Bundes dieselbe Gewalttätigkeit leiden5).

   (1566.) Von Valenciennes richtete die Regentin ihre Aufmerksamkeit auf Herzogenbosch, in welcher Stadt die Bilderstürmer neue Ausschweifungen begangen und die Partei der Protestanten zu einer starken Überlegenheit gelangt war. Um die Bürgerschaft auf einem friedlichen Wege zur Annahme einer Besatzung zu vermögen, schickte sie den Kanzler Scheiff von Brabant* mit einem Ratsherrn Merode von Petersheim, den sie zum Gouverneur der Stadt bestimmt hatte, als Gesandte dahin, welche sich auf eine gute Art derselben versichern und der Bürgerschaft einen neuen Eid des Gehorsams abfordern sollten. Zugleich wurde der Graf von Megen, der in der Nähe mit einem Korps stand, befehligt, gegen die Stadt anzurücken, um den Auftrag beider Gesandten zu unterstützen und sogleich Besatzung darein werfen zu können. Aber Brederode, der in Viane davon Nachricht bekam, schickte eine seiner Kreaturen, einen gewissen Anton von Bomberg, einen hitzigen Kalvinisten, der aber für einen braven Soldaten bekannt war, dahin, um den Mut seiner Partei in dieser Stadt aufzurichten und die Anschläge der Regentin zu hintertreiben. Diesem Bomberg gelang es, die Briefe, welche der Kanzler von der Herzogin mitgebracht, in seine Gewalt zu bekommen und falsche unterzuschieben, die durch ihre harte und gebieterische Sprache die Bürgerschaft aufbrachten. Zugleich wusste er die beiden Gesandten der Herzogin in Verdacht zu bringen, als ob sie schlimme Anschläge auf die Stadt hätten, welches ihm so gut bei dem Pöbel glückte, dass dieser sich in toller Wut an den Gesandten selbst vergriff und sie gefangen setzte. Er selbst stellte sich an der Spitze von achthundert Mann, die ihn zu ihrem Anführer gemacht, dem Grafen von Megen entgegen, der in Schlachtordnung gegen die Stadt anrückte, und empfing ihn mit grobem Geschütz so übel, dass Megen unverrichteter Dinge zurückweichen musste. Die Regentin ließ nachher ihre Gesandten durch einen Gerichtsdiener zurückfordern und im Verweigerungsfall mit einer Belagerung drohen; aber Bomberg besetzte mit seinem Anhang das Rathaus und zwang den Magistrat, ihm die Schlüssel der Stadt auszuliefern. Der Gerichtsdiener wurde mit Spott abgewiesen und der Regentin durch ihn geantwortet, dass man es auf Brederodes Befehl würde ankommen lassen, was mit den Gefangenen zu verfügen sei. Der Herold, der außen vor der Stadt hielt, erschien nunmehr, ihr den Krieg anzukündigen, welches aber der Kanzler noch hintertrieb6).

   Nach dem vereitelten Versuch auf Herzogenbosch warf sich der Graf von Megen in Utrecht, um einem Anschlag zuvorzukommen, den Graf Brederode auf eben diese Stadt ausführen wollte. Diese, welche von dem Heer der Verbundenen, das nicht weit davon bei Viane kampierte, viel zu leiden hatte, nahm ihn mit offenen Armen als ihren Beschützer auf und bequemte sich zu allen Veränderungen, die er in ihrem Gottesdienst machte. Er ließ dann sogleich an dem Ufer des Leck eine Schanze aufwerfen, von wo aus er Viane bestreichen konnte. Brederode, der nicht Lust hatte, ihn in dieser Stadt zu erwarten, verließ mit dem besten Teil seines Heeres diesen Waffenplatz und eilte nach Amsterdam7).

   So unnütz auch der Prinz von Oranien während dieser Bewegungen in Antwerpen seine Zeit zu verlieren schien, so geschäftig war er in dieser anscheinenden Ruhe. Auf sein Angeben hatte der Bund geworben und Brederode seine Schlösser befestigt, wozu er ihm selbst drei Kanonen schenkte, die er zu Utrecht hatte gießen lassen. Sein Auge wachte über alle Bewegungen des Hofs, und der Bund wurde durch ihn vor jedem Anschlag gewarnt, der auf diese oder jene Stadt gemacht wurde. Aber seine Hauptangelegenheit schien zu sein, die vornehmsten Plätze seiner Statthalterschaft in seine Gewalt zu bekommen, zu welchem Ende er Brederodes Anschlag auf Utrecht und Amsterdam im Stillen nach allen Kräften zu befördern gesucht hatte8).

   Der wichtigste Platz war die seeländische Insel Walcheren, wo man eine Landung des Königs vermutete; und diese zu überrumpeln, wurde jetzt ein Anschlag von ihm entworfen, dessen Ausführung einer aus dem verbundenen Adel, ein vertrauter Freund des Prinzen von Oranien, Johann von Marnix, Herr von Toulouse, Philipps von St. Aldegonde Bruder, über sich nahm (1567). Toulouse unterhielt mit dem gewesenen Amtmann von Middelburg, Peter Haak, ein geheimes Verständnis, welches ihm Gelegenheit verschaffen sollte, in Middelburg und Vließingen Besatzung zu werfen; aber die Werbung, welche für dieses Unternehmen in Antwerpen angestellt wurde, konnte so still nicht vor sich gehen, dass der Magistrat nicht Verdacht schöpfte. Um nun diesen zu beruhigen und seinen Anschlag zugleich zu befördern, ließ der Prinz allen fremden Soldaten und andern Ausländern, die nicht in Diensten des Staats wären oder sonst Geschäfte trieben, öffentlich durch den Herold verkündigen, dass sie ungesäumt die Stadt räumen sollten. Er hätte sich, sagen seine Gegner, durch Schließung der Tore aller dieser verdächtigen Soldaten leicht bemächtigen können, aber er jagte sie aus der Stadt, um sie desto schneller an den Ort ihrer Bestimmung zu treiben. Sie wurden dann sogleich auf der Schelde eingeschifft und bis vor Rammekens gefahren; da man aber durch das Marktschiff von Antwerpen, welches kurz vor ihnen einlief, in Vließingen schon vor ihrem Anschlag gewarnt war, so versagte man ihnen hier den Eingang in den Hafen. Die nämliche Schwierigkeit fanden sie bei Arnemuiden, unweit Middelburg, in welcher Stadt sich die Unkatholischen vergebens bemühten, zu ihrem Vorteil einen Aufstand zu erregen. Toulouse ließ also unverrichteter Dinge seine Schiffe drehen und segelte wieder rückwärts die Schelde bis nach Osterweel, eine Viertelmeile von Antwerpen, hinunter, wo er sein Volk aussetzte und am Ufer ein Lager schlug, des Vorsatzes, sich hier von Antwerpen aus zu verstärken und den Mut seiner Partei, die von dem Magistrat unterdrückt wurde, durch seine Nähe frisch zu erhalten. Durch Vorschub der reformierten Geistlichen, die in der Stadt Werbersdienste für ihn verrichteten, wuchs mit jedem Tag sein kleines Heer, dass er zuletzt anfing, den Antwerpern fürchterlich zu werden, deren ganzes Gebiet er verwüstete. Der aufgebrachte Magistrat wollte ihn hier mit der Stadtmiliz überfallen lassen, welches aber der Prinz von Oranien, unter dem Vorwand, dass man die Stadt jetzt nicht von Soldaten entblößen dürfe, zu verhindern wusste.

   Unterdessen hatte die Regentin in der Eile ein kleines Heer gegen ihn aufgebracht, welches unter Anführung Philipps von Launoy in starken Märschen von Brüssel aus gegen ihn anrückte. Zugleich wusste der Graf von Megen das geusische Heer bei Viane so gut einzuschließen und zu beschäftigen, dass es weder von diesen Bewegungen hören, noch seinen Bundsverwandten zu Hilfe eilen konnte. Launoy überfiel die zerstreuten Haufen, welche auf Plünderung ausgegangen waren, unversehens und richtete sie in einem schrecklichen Blutbad zu Grunde. Toulouse warf sich mit dem kleinen Überrest seiner Truppen in ein Landhaus, das ihm zum Hauptquartier gedient hatte, und wehrte sich lange mit dem Mut eines Verzweifelnden, bis Launoy, der ihn auf keine andere Art herauszutreiben vermochte, Feuer in das Haus werfen ließ. Die wenigen, welche dem Feuer entkamen, stürzten in das Schwert des Feindes oder fanden in der Schelde ihren Tod. Toulouse selbst wollte lieber in den Flammen sterben, als in die Hände des Siegers fallen. Dieser Sieg, der über tausend von den Feinden aufrieb, war für den Überwinder wohlfeil genug erkauft, denn er vermisste nicht mehr als zwei Mann in seinem ganzen Heer. Dreihundert, welche sich lebendig ergaben, wurden, weil man von Antwerpen aus einen Ausfall befürchtete, ohne Barmherzigkeit sogleich niedergestochen9).

   Ehe die Schlacht anging, ahnte man in Antwerpen nichts von dem Angriff. Der Prinz von Oranien, welcher frühzeitig davon benachrichtigt worden war, hatte die Vorsicht gebraucht, die Brücke, welche die Stadt mit Osterweel verbindet, den Tag zuvor abbrechen zu lassen, damit, wie er vorgab, die Kalvinisten der Stadt nicht versucht werden möchten, sich zu dem Heer des Toulouse zu schlagen, wahrscheinlicher aber, damit die Katholiken dem geusischen Feldherrn nicht in den Rücken fielen, oder auch Launoy, wenn er Sieger würde, nicht in die Stadt eindränge. Aus eben diesem Grund wurden auf seinen Befehl auch die Tore verschlossen, und die Einwohner, welche von allen diesen Anstalten nichts begriffen, schwebten ungewiss zwischen Neugierde und Furcht, bis der Schall des Geschützes von Osterweel her ihnen ankündigte, was dort vorgehen mochte. Mit lärmendem Gedränge rennt jetzt alles nach den Wällen und auf die Mauern, wo sich ihnen, als der Wind den Pulverrauch von den schlagenden Heeren zerteilte, das ganze Schauspiel einer Schlacht darbietet. Beide Heere waren der Stadt so nahe, dass man ihre Fahnen unterscheiden und die Stimmen der Überwinder wie der Überwundenen deutlich auseinander erkennen konnte. Schrecklicher als selbst die Schlacht war der Anblick, den diese Stadt jetzt gab. Jedes von den schlagenden Heeren hatte seinen Anhang und seinen Feind auf den Mauern. Alles, was unten vorging, erweckte hier oben Frohlocken und Entsetzen; der Ausgang des Treffens schien das Schicksal jedes Zuschauers zu entscheiden. Jede Bewegung aus dem Schlachtfeld konnte man in den Gesichtern der Antwerper abgemalt lesen: Niederlage und Triumph, das Schrecken der Unterliegenden, die Wut der Sieger. Hier ein schmerzhaftes, eitles Bestreben, den Sinkenden zu halten, den Fliehenden zum Stehen zu bewegen; dort eine gleich vergebliche Begier, ihn einzuholen. ihn aufzureiben, zu vertilgen. Jetzt fliehen die Geusen und zehntausend glückliche Menschen sind gemacht; Toulouses letzter Zufluchtsort steht in Flammen, und zwanzigtausend Bürger von Antwerpen sterben den Feuertod mit ihm.

   Aber bald macht die Erstarrung des ersten Schreckens der wütenden Begierde zu helfen, der Rache Platz. Laut schreiend, die Hände ringend und mit aufgelöstem Haar stürzt die Witwe des geschlagenen Feldherrn durch die Haufen, um Rache, um Erbarmen zu flehen. Aufgereizt von Hermann, ihrem Apostel*, greifen die Kalvinisten zu den Waffen, entschlossen, ihre Brüder zu rächen oder mit ihnen umzukommen; gedankenlos, ohne Plan, ohne Führer, durch nichts als ihren Schmerz, ihren Wahnsinn geleitet, stürzen sie dem roten Tor zu, das zum Schlachtfeld hinausführt; aber kein Ausweg! Das Tor ist gesperrt, und die vordersten Haufen werfen sich auf die hintersten zurück. Tausend sammeln sich zu Tausenden, auf der Meerbrücke wird ein schreckliches Gedränge. Wir sind verraten, wir sind gefangen, schreien alle. Verderben über die Papisten, Verderben über den, der uns verraten hat! Ein dumpfes Aufruhr verkündendes Murmeln durchläuft den ganzen Haufen. Man fängt an, zu argwöhnen, dass alles Bisherige von den Katholiken angestellt gewesen, die Kalvinisten zu verderben. Ihre Verteidiger habe man aufgerieben, jetzt würde man über die Wehrlosen selbst herfallen. Mit unglückseliger Behändigkeit verbreitet sich dieser Argwohn durch ganz Antwerpen. Jetzt glaubt man über das Vergangene Licht zu haben und fürchtet etwas noch schlimmeres im Hinterhalt; ein schreckliches Misstrauen bemächtigt sich aller Gemüter. Jede Partei fürchtet von der andern; jeder sieht in seinem Nachbar seinen Feind; das Geheimnis vermehrt diese Furcht und dieses Entsetzen, ein schrecklicher Zustand für eine so menschenreiche Stadt, wo jeder zufällige Zusammenlauf sogleich zum Tumult, jeder hingeworfene Einfall zum Gerücht, jeder kleine Funken zur lohen Flamme wird und durch die starke Reibung sich alle Leidenschaften heftiger entzünden. Alles, was reformiert heißt, kommt auf dieses Gerücht in Bewegung. Fünfzehntausend von dieser Partei setzen sich in Besitz der Meerbrücke und pflanzen schweres Geschütz auf dieselbe, das gewaltsam aus dem Zeughaus genommen wird; auf einer andern Brücke geschieht dasselbe; ihre Menge macht sie furchtbar, die Stadt ist in ihren Händen; um einer eingebildeten Gefahr zu entgehen, führen sie ganz Antwerpen an den Rand des Verderbens.

   Gleich beim Anfang des Tumults war der Prinz von Oranien der Meerbrücke zugeeilt, wo er sich herzhaft durch die wütenden Haufen schlug, Friede gebot und um Gehör flehte. Auf der andern Brücke versuchte der Graf von Hoogstraaten, von dem Bürgermeister Strahlen begleitet, dasselbe; weil es ihm aber sowohl an Ansehen als an Beredsamkeit mangelte, so wies er den tollen Haufen, der ihm selbst zu mächtig wurde, an den Prinzen, auf welchen jetzt ganz Antwerpen heranstürmte. Das Tor, suchte er ihnen begreiflich zu machen, wäre aus keiner andern Ursache geschlossen worden, als um den Sieger, wer er auch sei, von der Stadt abzuhalten, die sonst ein Raub der Soldaten würde geworden sein. Umsonst, diese rasenden Rotten hören ihn nicht, und einer der Verwegensten darunter wagt es sogar, sein Feuergewehr auf ihn anzuschlagen und ihn einen Verräter zu schelten. Mit tumultuarischem Geschrei fordern sie ihm die Schlüssel zum roten Tore ab, die er sich endlich gezwungen sieht in die Hand des Predigers Hermann zu geben. Aber, setzte er mit glücklicher Geistesgegenwart hinzu, sie sollten zusehen, was sie täten; in der Vorstadt warteten sechshundert feindliche Reiter, sie zu empfangen. Diese Erfindung, welche Not und Angst ihm eingaben, war von der Wahrheit nicht so sehr entfernt, als er vielleicht selbst glauben mochte; denn der siegende Feldherr hatte nicht sobald den Tumult in Antwerpen vernommen, als er seine ganze Reiterei aufsitzen ließ, um unter Vergünstigung desselben in die Stadt einzubrechen. Ich wenigstens, fuhr der Prinz von Oranien fort, werde mich bei Zeiten in Sicherheit bringen, und Reue wird sich derjenige ersparen, der meinem Beispiel folgt. Diese Worte, zu ihrer Zeit gesagt und zugleich von frischer Tat begleitet, waren von Wirkung. Die ihm zunächst standen, folgten, und so die nächsten an diesen wieder, dass endlich die wenigen, die schon vorausgeeilt, als sie niemand nachkommen sahen, die Lust verloren, es mit den sechshundert Reitern allein aufzunehmen. Alles setzte sich nun wieder auf der Meerbrücke, wo man Wachen und Vorposten aufstellte und eine tumultuarische Nacht unter den Waffen durchwachte10).

   Der Stadt Antwerpen drohte jetzt das schrecklichste Blutbad und eine gänzliche Plünderung. In dieser dringenden Not versammelt Oranien einen außerordentlichen Senat, wozu die rechtschaffensten Bürger aus den vier Nationen gezogen werden. Wenn man den Übermut der Kalvinisten niederschlagen wolle, sagte er, so müsse man ebenfalls ein Heer gegen sie aufstellen, das bereit sei, sie zu empfangen. Es wurde also beschlossen, die katholischen Einwohner der Stadt, Inländer, Italiener und Spanier eilig unter die Waffen zu bringen und wo möglich auch die Lutheraner noch zu der Partei zu ziehen. Die Herrschsucht der Kalvinisten, die, auf ihren Reichtum stolz und trotzig auf ihre überwiegende Anzahl, jeder andern Religionspartei mit Verachtung begegneten, hatte schon längst die Lutheraner zu ihren Feinden gemacht, und die Erbitterung dieser beiden protestantischen Kirchen gegeneinander war von einer unversöhnlichern Art, als der Hass, in welchem sie sich gegen die herrschende Kirche vereinigten. Von dieser gegenseitigen Eifersucht hatte der Magistrat den wesentlichen Nutzen gezogen, eine Partei durch die andere, vorzüglich aber die Reformierten, zu beschränken, von deren Wachstum das Meiste zu fürchten war. Aus diesem Grund hatte er die Lutheraner, als den schwächern Teil und die Friedfertigsten von beiden, stillschweigend in seinen Schutz genommen und ihnen sogar geistliche Lehrer aus Deutschland verschrieben, die jenen wechselseitigen Hass durch Kontroverspredigten in steter Übung erhalten mussten. Die Lutheraner ließ er in dem Wahn, dass der König von ihrem Religionsbekenntnis billiger denke, und ermahnte sie, ja ihre gute Sache nicht durch ein Verständnis mit den Reformierten zu beflecken. Es hielt also nicht gar schwer, zwischen den Katholiken und Lutheranern eine Vereinigung für den Augenblick zustande zu bringen, da es darauf ankam, so verhasste Nebenbuhler zu unterdrücken. Mit Anbruch des Tages stellte sich den Kalvinisten ein Heer entgegen, das dem ihrigen weit überlegen war. An der Spitze dieses Heers fing die Beredsamkeit Oraniens an, eine weit größere Kraft zu gewinnen und einen weit leichtern Eingang zu finden. Die Kalvinisten, obgleich im Besitz der Waffen und des Geschützes, durch die überlegene Anzahl ihrer Feinde in Schrecken gesetzt, machten den Anfang, Gesandte zu schicken und einen friedlichen Vergleich anzutragen, der durch Oraniens Kunst zu allgemeiner Zufriedenheit geschlossen wurde. Sogleich nach Bekanntmachung desselben legten die Spanier und Italiener in der Stadt ihre Waffen nieder. Ihnen folgten die Reformierten und diesen die Katholiken; am allerletzten taten es die Luteraner11).

   Zwei Tage und zwei Nächte hatte Antwerpen in diesem fürchterlichen Zustand verharrt. Schon waren von den Katholiken Pulvertonnen unter die Meerbrücke gebracht, um das ganze Heer der Reformierten, das sie besetzt hatte, in die Luft zu sprengen; eben das war an andern Orten von den letzteren gegen die Katholiken geschehen12). Der Untergang der Stadt hing an einem einzigen Augenblick, und Oraniens Besonnenheit war es, was ihn verhütete.

   (1567.) Noch lag Noircarmes mit seinem Heer Wallonen vor Valenciennes, das in festem Vertrauen auf geusischen Schutz gegen alle Vorstellungen der Regentin fortfuhr, unbeweglich zu bleiben und jeden Gedanken von Übergabe zu verwerfen. Ein ausdrücklicher Befehl des Hofes verbot dem feindlichen Feldherrn, mit Nachdruck zu handeln, ehe er sich mit frischen Truppen ans Deutschland verstärkt haben würde. Der König, sei es aus Schonung oder Furcht, verabscheute den gewaltsamen Weg eines Sturms, wobei nicht vermieden werden könnte, den Unschuldigen in das Schicksal des Schuldigen zu verflechten und den treu gesinnten Untertan wie einen Feind zu behandeln. Da aber mit jedem Tag der Trotz der Belagerten stieg, die, durch die Untätigkeit des Feinde kühner gemacht, sich sogar vermaßen, ihn durch öftere Ausfälle zu beunruhigen, einige Klöster vor der Stadt in Brand zu stecken und mit Beute heimzukehren; da die Zeit, die man unnütz vor dieser Stadt verlor, von den Rebellen und ihren Bundesgenossen besser benutzt werden konnte, so lag Noircarmes der Herzogin an, ihm die Erlaubnis zu Stürmung dieser Stadt bei dem König auszuwirken. Schneller, als man es je von ihm gewohnt war, kam die Antwort zurück: Noch möchte man sich begnügen, bloß die Maschinen zu dem Sturm zuzurichten und, ehe man ihn wirklich anfinge, erst eine Zeitlang den Schrecken davon wirken zu lassen; wenn auch dann die Übergabe nicht erfolgte, so erlaube er den Sturm, doch mit möglichster Schonung jedes Lebens. Ehe die Regentin zu diesem äußerten Mittel schritt, bevollmächtigte sie den Grafen von Egmont, nebst dem Herzog von Arschot, mit den Rebellen noch einmal in Güte zu unterhandeln. Beide besprechen sich mit den Deputierten der Stadt und unterlassen nichts, sie aus ihrer bisherigen Verblendung zu reißen. Sie entdecken ihnen, dass Toulouse geschlagen und mit ihm die ganze Stütze der Belagerten gefallen sei; dass der Graf von Megen das geusische Heer von der Stadt abgeschnitten, und dass sie sich allein durch die Nachsicht des Königs so lange gehalten. Sie bieten ihnen eine gänzliche Vergebung des Vergangenen an. Jedem soll es freistehen, seine Unschuld, vor welchem Tribunal er wolle, zu verteidigen; jedem, der es nicht wolle, vergönnt sein, innerhalb vierzehn Tagen mit allen seinen Habseligkeiten die Stadt zu verlassen. Man verlange nichts, als dass sie Besatzung einnähmen. Diesen Vorschlag zu überdenken, wurde ihnen auf drei Tage Waffenstillstand bewilligt. Als die Deputierten nach der Stadt zurückkehrten, fanden sie ihre Mitbürger weniger als jemals zu einem Vergleich geneigt, weil sich unterdessen falsche Gerüchte von einer neuen Truppenwerbung der Geusen darin verbreitet hatten. Toulouse, behauptete man, habe gesiegt und ein mächtiges Heer sei im Anzug, die Stadt zu entsetzen. Diese Zuversicht ging so weit, dass man sich sogar erlaubte, den Stillstand zu brechen und Feuer auf die Belagerer zu geben. Endlich brachte es der Magistrat mit vieler Mühe noch dahin, dass man zwölf von den Ratsherren mit folgenden Bedingungen in das Lager schickte. Das Edikt, durch welches Valenciennes des Verbrechens der beleidigten Majestät angeklagt und zum Feind erklärt worden, sollte widerrufen, die gerichtlich eingezogenen Güter zurückgegeben und die Gefangenen von beiden Teilen wieder auf freien Fuß gestellt werden. Die Besatzung sollte die Stadt nicht eher betreten, als bis jeder, der es für gut fände, sich und seine Güter erst in Sicherheit gebracht; sie sollte sich verbindlich machen, die Einwohner in keinem Stück zu belästigen, und der König die Unkosten davon tragen.

   Noircarmes antwortete auf diese Bedingungen mit Entrüstung und war im Begriff, die Abgeordneten zu misshandeln. Wenn sie nicht gekommen wären, redete er die Abgeordneten an, ihm die Stadt zu übergeben, so sollten sie auf der Stelle zurückwandern oder gewärtig sein, dass er sie, die Hände auf den Rücken gebunden, wieder heimschickte. Sie wälzten die Schuld auf die Halsstarrigkeit der Reformierten und baten ihn flehentlich, sie im Lager zu behalten, weil sie mit ihren rebellischen Mitbürgern nichts mehr zu tun haben und in ihr Schicksal nicht mit vermengt sein wollten. Sie umfassten sogar Egmonts Knie, sich seine Fürsprache zu erwerben, aber Noircarmes blieb gegen ihre Bitten taub, und der Anblick der Ketten, die man herbeibrachte, trieb sie ungern nach Valenciennes zurück. Die Notwendigkeit war es, nicht Härte, was dem feindlichen Feldherrn dieses strenge Betragen auferlegte. Das Zurückhalten der Gesandten hatte ihm schon ehemals einen Verweis von der Herzogin zugezogen; ihr jetziges Ausbleiben würde man in der Stadt nicht ermangelt haben der nämlichen Ursache, wie das erstere, zuzuschreiben. Auch durfte er die Stadt nicht von dem kleinen Überrest gut denkender Bürger entblößen, noch zugeben, dass ein blinder, tollkühner Haufen Herr ihres Schicksals würde. Egmont war über den schlechten Erfolg seiner Gesandtschaft so sehr entrüstet, dass er in der folgenden Nacht selbst die Stadt umritt, ihre Festungswerke rekognozierte und sehr zufrieden heimkehrte, als er sich überzeugt hatte, dass sie nicht länger haltbar sei13).

   Valenciennes streckt sich von einer sanften Erhöhung in einer geraden und gleichen Ebene hin und genießt einer eben so festen als lieblichen Lage. Auf der einen Seite von der Schelde und einem kleinern Fluss umfangen, auf der andern durch tiefe Gräben, starke Mauern und Türme beschützt, scheint es jedem Angriffe trotzen zu können. Aber Noircarmes hatte einige Stellen im Stadtgraben bemerkt, die man nachlässigerweise mit dem übrigen Boden hatte gleich werden lassen, und diese benutzte er. Er zieht alle zerstreuten Korps, wodurch er die Stadt bisher eingeschlossen gehalten, zusammen und erobert in einer stürmischen Nacht die Bergische Vorstadt, ohne einen Mann zu verlieren. Darauf verteilt er die Stadt unter den Grafen von Bossu, den jungen Grafen Karl von Mansfeld und den jüngern Barlaimont; einer von seinen Obersten nähert sich mit möglichster Schnelligkeit ihren Mauern, von welchen der Feind durch ein fürchterliches Feuer vertrieben wird. Dicht vor der Stadt, und dem Tor gegenüber, wird unter den Augen der Belagerten und mit sehr wenigem Verlust, in gleicher Höhe mit den Festungswerken, eine Batterie aufgeworfen, von welcher einundzwanzig Geschütze die Stadt vier Stunden lang mit ununterbrochener Kanonade bestürmen. Der Nikolausturm, auf welchen die Belagerten einiges Geschütz gepflanzt, ist von den ersten, welche stürzen, und viele finden unter seinen Trümmern ihren Tod. Auf alle hervorragenden Gebäude wird Geschütz gerichtet und eine schreckliche Niederlage unter den Einwohnern gemacht. In wenigen Stunden sind ihre wichtigsten Werke zerstört und an dem Tor selbst eine so starke Bresche geschossen, dass die Belagerten, an ihrer Rettung verzweifelnd, eilig zwei Trompeter absenden, um Gehör anzusuchen. Dieses wird bewilligt, mit dem Sturm aber ununterbrochen fortgefahren. Desto mehr fördern sich die Gesandten, den Vergleich abzuschließen, um die Stadt auf eben die Bedingungen zu übergeben, welche sie zwei Tage vorher verworfen hat; aber die Umstände hatten sich jetzt verändert, und von Bedingungen wollte der Sieger nichts mehr hören. Das unausgesetzte Feuer ließ ihnen keine Zeit, die Mauern auszubessern, die den ganzen Stadtgraben mit ihren Trümmern anfüllten und dem Feind überall Wege bahnten, durch die Bresche einzudringen. Ihres gänzlichen Untergangs gewiss, übergeben sie mit Tagesanbruch die Stadt auf Gnade und Ungnade, nachdem der Sturm ohne Unterbrechung sechsunddreißig Stunden gedauert und dreitausend Bomben in die Stadt geworfen worden. Unter strenger Mannszucht führt Noircarmes sein siegendes Heer ein, von einer Schar Weiber und kleiner Kinder empfangen, welche ihm grüne Zweige entgegentragen und seine Barmherzigkeit anflehen. Sogleich werden alle Bürger entwaffnet, der Gouverneur der Stadt und sein Sohn enthauptet; sechsunddreißig der schlimmsten Rebellen, unter denen auch le Grange und Guido de Bresse, ein anderer reformierter Prediger, sich befinden, büßen ihre Halsstarrigkeit mit dem Strang, alle obrigkeitlichen Personen verlieren ihre Ämter und die Stadt alle ihre Privilegien. Der katholische Gottesdienst wird sogleich in seiner ganzen Würde wieder hergestellt und der protestantische vernichtet; der Bischof von Arras* muss seine Residenz in die Stadt verlegen und für den künftigen Gehorsam derselben haftet eine starke Besatzung14).

   (1567.) Der Übergang von Valenciennes, auf welchen Platz Aller Augen gerichtet gewesen, war allen übrigen Städten, die sich auf eine ähnliche Weise vergangen, eine Schreckenspost und brachte die Waffen der Regentin nicht wenig in Ansehen. Noircarmes verfolgte seinen Sieg und rückte sogleich vor Mastricht, das sich ihm ohne Schwertstreich ergab und Besatzung empfing. Von da marschierte er nach Tornhut, die Städte Herzogenbosch und Antwerpen durch seine Nähe in Furcht zu setzen. Seine Ankunft erschreckte die geusische Partei, welche unter Bombergs Anführung den Magistrat noch immer unter ihrem Zwang gehalten, so sehr, dass sie mit ihrem Anführer eilig die Stadt räumte. Noircarmes wurde ohne Widerstand aufgenommen, die Gesandten der Herzogin sogleich in Freiheit gesetzt und eine starke Besatzung darein geworfen. Auch Cambray öffnete seinem Erzbischof, den die herrschende Partei der Reformierten aus seinem Sitz vertrieben gehabt, unter freudigem Zuruf die Tore wieder; und er verdiente diesen Triumph, weil er seinen Einzug nicht mit Blut befleckte. Auch die Städte Gent, Ypern und Oudenarde unterwarfen sich und empfingen Besatzung. Geldern hatte der Graf von Megen beinahe ganz von den Rebellen gereinigt und zum Gehorsam zurückgebracht; das nämliche war dem Grafen von Aremberg in Friesland und Gröningen gelungen, jedoch etwas später und mit größerer Schwierigkeit, weil seinem Betragen Gleichheit und Beharrlichkeit fehlte, weil diese streitbaren Republikaner strenger auf ihre Privilegien hielten und auf ihre Befestigung trotzten15). Aus allen Provinzen, Holland ausgenommen, wird der Anhang der Rebellen vertrieben, alles weicht den siegreichen Waffen der Herzogin. Der Mut der Aufrührer sank dahin, und nichts blieb ihnen mehr übrig, als Flucht oder unbedingte Unterwerfung16).

Ü   Þ


1) Meteren 93. 94. Thuan. 507. Strada 166. Meurs. Guil. Auriac. 21.
2) Es war ein Sprichwort in Hennegau und ist es vielleicht noch, die Provinz stehe nur unter Gott und unter der Sonne. Strada 174.
3) Burgund. 379. 411-418. Meteren 98. 99. Strada 176. Vigl. ad Hopper. Epist. 2. 21.
4) Thuan. 523. 524. Strada 167. 168. Burgund. 433. 434. 435. Meteren 96. 97.
5) Thuan. 524. Strad. 169. A. G. d. v. N. XXII. Bd. 95. Vigl. ad Hopper. Epist. 3.
6) Thuan. 525. Strada 170. Burgund. 423. 424. 427. 428. Vigl. ad. Hopper. Epist. 6.
7) Allg. G. d. v. N. 98. 99. Strad. 170. Vigl. ad Hopper. 5. Brief.
8) Grotius 23.
9) Meteren 97. 98. Burgund. 440. 441. Strad. 171. 172. Thuan. Libr. 41.
10) Burgund 444-447. Strad. 172.
11) Thuan. 526. 527. Burgund. 448-451. Strad. 173. Meteren 97. 98.
12) Meteren 97.
13) Thuan. 528. Strad. 178. Burgund. 466.
14) Thuan. 528. 529. Meteren 98. 99. Strada 178-180. Burgund 462-465.
15) Vigl. ad Hopper. Epist. 1. 21.
16) Burgund. 466. 473-475.

 
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