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Drittes BuchVerschwörung des Adels(1565.) Bis jetzt, scheint es, war die allgemeine Ruhe der aufrichtige Wunsch des Prinzen von Oranien, der Grafen von Egmont und Hoorn und ihrer Freunde gewesen. Der wahre Vorteil des Königs, ihres Herrn, hatte sie ebenso sehr, als das gemeine Beste geleitet; ihre Bestrebungen wenigstens und ihre Handlungen hatten ebenso wenig mit jenem, als mit diesem gestritten. Es war noch nichts geschehen, was sich nicht mit der Treue gegen ihren Fürsten vertrug, was ihre Absichten verdächtig machte, oder den Geist der Empörung bei ihnen wahrnehmen ließ. Was sie getan hatten, hatten sie als verpflichtete Glieder eines Freistaats getan, als Stellvertreter und Sprecher der Nation, als Ratgeber des Königs, als Menschen von Rechtschaffenheit und Ehre. Die Waffen, mit denen sie die Anmaßungen des Hofes bestritten, waren Vorstellungen, bescheidene Klagen, Bitten gewesen. Nie hatten sie sich von dem gerechtesten Eifer für ihre gute Sache so weit hinreißen lassen, die Klugheit und Mäßigung zu verleugnen, welche von der Parteisucht sonst so leicht übertreten werden. Nicht alle Edeln der Republik hörten diese Stimme der Klugheit, nicht alle verharrten in diesen Grenzen der Mäßigung Während dem, dass man im Staatsrat die große Frage abhandelte, ob die Nation elend werden sollte, oder nicht, während dass ihre beeidigten Sachwalter alle Gründe der Vernunft und der Billigkeit zu ihrem Beistand aufboten, der Bürgerstand und das Volk aber in eiteln Klagen, Drohungen und Verwünschungen sich Luft machten, setzte sich ein Teil der Nation in Handlung, der unter allen am wenigsten dazu aufgefordert schien und auf den man am wenigsten geachtet hatte. Man rufe sich jene Klasse des Adels ins Gedächtnis zurück, von welcher oben gesagt worden, dass Philipp bei seinem Regierungsantritt nicht für nötig erachtet habe, sich ihrer Dienste und Bedürfnisse zu erinnern. Bei weitem der größte Teil derselben hatte, einer weit dringenderen Ursache als der bloßen Ehre wegen, auf Beförderung gewartet. Viele unter ihnen waren auf Wegen, die wir oben angeführt haben, tief in Schulden versunken, aus denen sie sich durch eigne Hilfe nicht mehr emporzuarbeiten hoffen konnten. Dadurch, dass Philipp sie bei der Stellenbesetzung überging, hatte er etwas noch weit Schlimmeres als ihren Stolz beleidigt; in diesen Bettlern hatte er sich ebenso viele müßige Aufseher und unbarmherzige Richter seiner Taten, ebenso viele schadenfrohe Sammler und Verpfleger der Neuheit erzogen. Da mit ihrem Wohlstand ihr Hochmut sie nicht zugleich verließ, so wucherten sie jetzt notgedrungen mit dem einzigen Kapital, das nicht zu veräußern gewesen war, mit ihrem Adel und mit der republikanischen Wichtigkeit ihrer Namen und brachten eine Münze in Umlauf, die nur in einem solchen Zeitlauf, oder in keinem, für gute Zahlung gelten konnte, ihre Protektion. Mit einem Selbstgefühl, dem sie umso mehr Raum gaben, weil es noch ihre einzige Habe war, betrachteten sie sich jetzt als die bedeutende Mittelmacht zwischen dem Souverän und dem Bürger und glaubten sich berufen, der bedrängten Republik, die mit Ungeduld auf sie, als auf ihre letzte Stütze, wartete, zu Hilfe zu eilen. Diese Idee war nur in so weit lächerlich, als ihr Eigendünkel daran Anteil hatte; aber die Vorteile, die sie von dieser Meinung zu ziehen wussten, waren gründlich genug. Die protestantischen Kaufleute, in deren Händen ein großer Teil des niederländischen Reichtums sich befand, und welche die unangefochtene Übung ihrer Religion für keinen Preis zu teuer erkaufen zu können glaubten, versäumten nicht, den einzig möglichen Gebrauch von dieser Volksklasse zu machen, die müßig am Markt stand, und welche Niemand gedingt hatte. Eben diese Menschen, auf welche sie zu jeder andern Zeit vielleicht mit dem Stolz des Reichtums würden herabgeblickt haben, konnten ihnen nunmehr durch ihre Anzahl, ihre Herzhaftigkeit, ihren Kredit bei der Menge, durch ihren Groll gegen die Regierung, ja durch ihren Bettelstolz selbst und ihre Verzweiflung sehr gute Dienste leisten. Aus diesem Grunde ließen sie sich’s auf das eifrigste angelegen sein, sich genau an sie anzuschließen, die Gesinnungen des Aufruhrs sorgfältig bei ihnen zu nähren, diese hohe Meinungen von ihrem Selbst in ihnen rege zu erhalten und, was das Wichtigste war, durch eine wohl angebrachte Geldhilfe und schimmernde Versprechungen ihre Armut zu dingen1). Wenige darunter waren so ganz unwichtig, dass sie nicht, wär’ es auch nur durch Verwandtschaft mit Höhern, einigen Einfluss besaßen, und alle zusammen, wenn es glückte, sie zu vereinigen, konnten eine fürchterliche Stimme gegen die Krone erheben. Viele darunter zählten sich selbst schon zu der neuen Sekte, oder waren ihr doch im Stillen gewogen; aber auch diejenigen unter ihnen, welche eifrig katholisch waren, hatten politische oder Privatgründe genug, sich gegen die Trientischen Schlüsse und die Inquisition zu erklären. Alle endlich waren durch ihre Eitelkeit allein schon aufgefordert genug, den einzigen Moment nicht vorbeischwinden zu lassen, in welchem sie möglicherweise in der Republik etwas vorstellen konnten. Aber so viel sich von einer Vereinigung dieser Menschen versprechen ließ, so grundlos und lächerlich wäre es gewesen, irgendeine Hoffnung auf einen Einzelnen unter ihnen zu gründen; und es war nicht so gar leicht, diese Vereinigung zu stiften. Sie nur miteinander zusammenzubringen, mussten sich ungewöhnliche Zufälle ins Mittel schlagen; und glücklicherweise fanden sich diese. Die Vermählungsfeier des Herrn Montigny, eines von den niederländischen Großen, wie auch die des Prinzen Alexander von Parma, welche um diese Zeit in Brüssel vor sich gingen, versammelten einen großen Teil des niederländischen Adels in dieser Stadt. Verwandte fanden sich bei dieser Gelegenheit zu Verwandten; neue Freundschaften wurden geschlossen und alte erneuert; die allgemeine Not des Landes ist das Gespräch; Wein und Fröhlichkeit schließen Mund und Herzen auf; es fallen Winke von Verbrüderung, von einem Bund mit fremden Mächten. Diese zufälligen Zusammenkünfte bringen bald absichtliche hervor; aus öffentlichen Gesprächen werden geheime. Es muss sich fügen, dass um diese Zeit zwei deutsche Barone*, ein Graf von Holle und von Schwarzenberg, in den Niederlanden verweilen, welche nicht unterlassen, hohe Erwartungen von nachbarlichem Beistand zu erwecken2). Schon einige Zeit vorher hatte Graf Ludwig von Nassau gleiche Angelegenheiten persönlich an verschiedenen deutschen Höfen betrieben3). Einige wollen sogar geheime Geschäftsträger des Admirals Coligny um diese Zeit in Brabant* gesehen haben, welches aber billig noch bezweifelt wird. Wenn ein politischer Augenblick dem Versuch einer Neuerung günstig war, so war es dieser. Ein Weib am Ruder des Staats; die Provinzstattalter verdrossen und zur Nachsicht geneigt; einige Staatsräte ganz außer Wirksamkeit; keine Armee in den Provinzen; die wenigen Truppen schon längst über die zurückgehaltene Zahlung schwierig und zu oft schon durch falsche Versprechungen betrogen, um sich durch neue locken zu lassen; diese Truppen noch außerdem von Offizieren angeführt, welche die Inquisition von Herzen verachteten und errötet haben würden, nur das Schwert für sie zu heben; kein Geld im Schatz, um geschwind genug neue Truppen zu werben, und ebenso wenig, um auswärtige zu mieten. Der Hof zu Brüssel, wie die drei Ratsversammlungen, durch innere Zwietracht geteilt und durch Sinnlosigkeit verdorben; die Regentin ohne Vollmacht und der König weit entlegen; sein Anhang gering in den Provinzen; unsicher und mutlos; die Faktion zahlreich und mächtig; zwei Drittel des Volks gegen das Papsttum aufgeregt und nach Veränderung lüstern – welche unglückliche Blöße der Regierung, und wie viel unglücklicher noch, dass diese Blöße von ihren Feinden so gut gekannt war4). Noch fehlte es, so viele Köpfe zweckmäßig zu verbinden, an einem Anführer und an einigen bedeutenden Namen, um ihrem Beginnen in der Republik ein Gewicht zu geben. Beides fand sich in dem Grafen Ludwig von Nassau und Heinrich Brederoden, beide aus dem vornehmsten Adel des Landes, die sich freiwillig an die Spitze der Unternehmung stellten. Ludwig von Nassau, des Prinzen von Oranien Bruder, vereinigte viele glänzende Eigenschaften, die ihn würdig machten, auf einer so wichtigen Bühne zu erscheinen. In Genf, wo er studierte, hatte er den Hass gegen die Hierarchie und die Liebe zu der neuen Religion eingesogen und bei seiner Zurückkunft nicht versäumt, diesen Grundsätzen in seinem Vaterland Anhänger zu werben. Der republikanische Schwung, den sein Geist in eben dieser Schule genommen, unterhielt in ihm einen brennenden Hass gegen alles, was spanisch hieß, der jede seiner Handlungen beseelte und ihn auch nur mit seinem letzten Atem verließ. Papsttum und spanisches Regiment waren in seinem Gemüte nur ein einziger Gegenstand, wie es sich auch in der Tat verhielt, und der Abscheu, den er vor dem einen hegte, half seinen Widerwillen gegen das andere verstärken. So sehr beide Brüder in ihrer Neigung und Abneigung übereinstimmten, so ungleich waren die Wege, auf welchen sie beides befriedigten. Dem jüngern Bruder erlaubte das heftige Blut des Temperaments und der Jugend die Krümmungen nicht, durch welche sich der ältere zu seinem Ziel wand. Ein kalter gelassner Blick führte diesen langsam, aber sicher zum Ziele; eine geschmeidige Klugheit unterwarf ihm die Dinge; durch ein tollkühnes Ungestüm, das alles vor ihm her niederwarf, zwang der andere zuweilen das Glück und beschleunigte noch öfter das Unglück. Darum war Wilhelm ein Feldherr, und Ludwig nie mehr als ein Abenteurer; ein zuverlässiger nervigter Arm, wenn ein weiser Kopf ihn regierte. Ludwigs Handschlag galt für ewig; seine Verbindungen dauerten jedwedes Schicksal aus, weil sie im Drang der Not geknüpft waren, und weil das Unglück fester bindet, als die leichtsinnige Freude. Seinen Bruder liebte er, wie seine Sache, und für diese ist er gestorben. Heinrich von Brederode, Herr von Viane und Burggraf von Utrecht, leitete seinen Ursprung von den alten holländischen Grafen ab, welche diese Provinz ehemals als souveräne Fürsten beherrscht hatten. Ein so wichtiger Titel machte ihn einem Volk teuer, unter welchem das Andenken seiner vormaligen Herren noch unvergessen lebte und umso werter gehalten wurde, je weniger man bei der Veränderung gewonnen zu haben fühlte. Dieser angeerbte Glanz kam dem Eigendünkel eines Mannes zu statten, der den Ruhm seiner Vorfahren stets auf der Zunge trug, und umso lieber unter den verfallenen Trümmern der vorigen Herrlichkeit wandelte, je trostloser der Blick war, den er auf seinen jetzigen Zustand warf. Von allen Würden und Bedienungen ausgeschlossen, wozu ihm die hohe Meinung von sich selbst und der Adel seines Geschlechts einen gegründeten Anspruch zu geben schien (eine Schwadron leichter Reiter war alles, was man ihm anvertraute), hasste er die Regierung und erlaubte sich, ihre Maßregeln mit verwegenen Schmähungen anzugreifen. Dadurch gewann er sich das Volk. Auch er begünstigte im Stillen das evangelische Bekenntnis; weniger aber, weil seine bessere Überzeugung dafür entschieden, als überhaupt nur, weil es ein Abfall war. Er hatte mehr Mundwerk, als Beredsamkeit, und mehr Dreistigkeit, als Mut; herzhaft war er, doch mehr, weil er nicht an Gefahr glaubte, als weil er über sie erhaben war. Ludwig von Nassau glühte für die Sache, die er beschützte, Brederode für den Ruhm, sie beschützt zu haben; jener begnügte sich, für seine Partei zu handeln; dieser musste an ihrer Spitze stehen. Niemand taugte besser zum Vortänzer einer Empörung, aber schwerlich konnte sie einen schlimmern Führer haben. So verächtlich im Grunde seine Drohungen waren, so viel Nachdruck und Furchtbarkeit konnte der Wahn des großen Haufens ihnen geben, wenn es diesem einfiel, einen Prätendenten in seiner Person auszusäen. Seine Ansprüche auf die Besitzungen seiner Vorfahren waren ein eitler Name; aber dem allgemeinen Unwillen war auch ein Name schon genug. Eine Broschüre, die sich damals unter dem Volk verbreitete, nannte ihn öffentlich den Erben von Holland und ein Kupferstich, der von ihm gezeigt wurde, führte die prahlerische Randschrift: Sum Brederodus ego, Batavae non
infima gentis (1565.) Außer diesen beiden traten von dem vornehmsten niederländischen Adel noch der junge Graf Karl von Mansfeld, ein Sohn desjenigen, den wir unter den eifrigsten Royalisten gefunden haben, der Graf von Kuilemburg, zwei Grafen von Bergen und von Battenburg, Johann von Marnix, Herr von Toulouse, Philipp von Marnix, Herr von St. Aldegonde, nebst mehreren andern zu dem Bund, der um die Mitte des Novembers im Jahr 1565, im Haus eines gewissen von Hammes, Wappenkönigs vom goldenen Vlies6), zustande kam. Sechs Menschen7) waren es, die hier das Schicksal ihres Vaterlands, wie jene Eidgenossen einst die schweizerische Freiheit, entschieden, die Fackel eines vierzigjährigen Kriegs anzündeten und den Grund einer Freiheit legten, die ihnen selbst nie zu gute kommen sollte. Der Zweck der Verbrüderung war in folgender Eidesformel enthalten, unter welche Philipp von Marnix zuerst seinen Namen setzte. „Nachdem gewisse, übel gesinnte Personen, unter der Larve eines frommen Eifers, in der Tat aber nur aus Antrieb ihres Geizes und ihrer Herrschbegierde, den König, unsern gnädigsten Herrn, verleitet haben, das verabscheuungswürdige Gericht der Inquisition in diesen Landschaften einzuführen (ein Gericht, das allen menschlichen und göttlichen Gesetzen zuwiderläuft und alle barbarischen Anstalten des blinden Heidentums an Unmenschlichkeit hinter sich lässt, das den Inquisitoren jede andere Gewalt unterwürfig macht, die Menschen zu einer immerwährenden Knechtschaft erniedrigt und durch seine Nachstellungen den rechtschaffensten Bürger einer ewigen Todesangst aussetzt, so dass es einem Priester, einem treulosen Freund, einem Spanier, einem schlechten Kerl überhaupt frei steht, sobald er nur will, und wen er will, bei diesem Gericht anzuklagen, gefangen setzen, verdammen und hinrichten zu lassen, ohne dass es diesem vergönnt sei, seinen Ankläger zu erfahren, oder Beweise von seiner Unschuld zu führen); so haben wir Endesunterschriebene uns verbunden, über die Sicherheit unsrer Familien, unsrer Güter und unsrer eignen Person zu wachen. Wir verpflichten und vereinigen uns zu dem Ende durch eine heilige Verbrüderung, und geloben mit einem feierlichen Schwur, uns der Einführung dieses Gerichts in diesen Ländern nach unsern besten Kräften zu widersetzen, man versuche es heimlich oder öffentlich und unter welchem Namen man auch wolle. Wir erklären zugleich, dass wir weit entfernt sind, gegen den König, unsern Herrn, etwas Gesetzwidriges damit zu meinen; vielmehr ist es unser aller unveränderlicher Vorsatz, sein königliches Regiment zu unterstützen und zu verteidigen, den Frieden zu erhalten und jeder Empörung nach Vermögen zu steuern. Diesem Vorsatz gemäß haben wir geschworen und schwören jetzt wieder, die Regierung heilig zu halten und ihrer mit Worten und Taten zu schonen, dessen Zeuge sei der allmächtige Gott! Weiter geloben und schwören wir, uns wechselweise, einer den andern, zu allen Zeiten, an allen Orten, gegen welchen Angriff es auch sei, zu schützen und zu verteidigen, angehend die Artikel, welche in diesem Kompromisse verzeichnet sind. Wir verpflichten uns hiermit, dass keine Anklage unsrer Verfolger, mit welchem Namen sie auch ausgeschmückt sein möge, sie heiße Rebellion, Aufstand oder auch anders, die Kraft haben soll, unsern Eid gegen den, der beschuldigt ist, aufzuheben oder uns unsers Versprechens gegen ihn zu entbinden. Keine Handlung, welche gegen die Inquisition gerichtet ist, kann den Namen der Empörung verdienen. Wer also um einer solchen Ursache willen in Verhaft genommen wird, dem verpflichten wir uns hier, nach unserm Vermögen zu helfen, und durch jedes nur immer erlaubte Mittel seine Freiheit wieder zu verschaffen. Hier, wie in allen übrigen Regeln unsers Verhaltens, sonderlich aber gegen das Gericht der Inquisition, ergeben wir uns in das allgemeine Gutachten des Bundes, oder auch in das Urteil derer, welche wir einstimmig zu unsern Ratgebern und Führern ernennen werden. Zum Zeugnis dessen und zu Bestätigung dieses Bundes berufen wir uns auf den heiligen Namen des lebendigen Gottes, Schöpfers von Himmel und Erde und allem, was darinnen ist, der die Herzen prüft, die Gewissen und die Gedanken, und kennt die Reinlichkeit der unsrigen. Wir bitten ihn um den Beistand seines heiligen Geistes, dass Glück und Ehre unser Vorhaben kröne, zur Verherrlichung seines Namens und unserm Vaterland zum Segen und ewigen Frieden.8)“ Dieser Kompromiss wurde sogleich in mehrere Sprachen übersetzt und schnell durch alle Provinzen zerstreut. Jeder von den Verschworenen trieb, was er an Freunden, Verwandten, Anhängern und Dienstleuten hatte, zusammen, um dem Bund schnell eine Masse zu geben. Große Gastmahle wurden gehalten, welche ganze Tage lang dauerten – unwiderstehliche Versuchungen für eine sinnliche, lüsterne Menschenart, bei der das tiefste Elend den Hang zum Wohlleben nicht hatte ersticken können. Wer sich da einfand und jeder war willkommen, wurde durch zuvorkommende Freundschaftsversicherungen mürbe gemacht, durch Wein erhitzt, durch das Beispiel fortgerissen und überwältigt durch das Feuer einer wilden Beredsamkeit. Vielen führte man die Hand zum Unterzeichnen, der Zweifelnde wurde gescholten, der Verzagte bedroht, der Treugesinnte überschrieen; manche darunter wussten gar nicht, was es eigentlich war, worunter sie ihre Namen schrieben, und schämten sich, erst lange darnach zu fragen. Der allgemeine Schwindel ließ keine Wahl übrig; viele trieb bloßer Leichtsinn zu der Partei, eine glänzende Kameradschaft lockte die Geringen, den Furchtsamen gab die große Anzahl ein Herz. Man hatte die List gebraucht, die Namen und Siegel des Prinzen von Oranien, des Grafen von Egmont, von Hoorn, von Megen und anderer fälschlich nachzumachen, ein Kunstgriff, der dem Bund viele Hunderte gewann. Besonders war es auf die Offiziere der Armee dabei abgesehen, um sich auf alle Fälle von dieser Seite zu decken, wenn es zu Gewalttätigkeiten kommen sollte. Es glückte bei vielen, vorzüglich bei Subalternen, und Graf Brederode zog auf einen Fähnrich, der sich bedenken wollte, sogar den Degen. Menschen aus allen Klassen und Ständen unterzeichneten. Die Religion machte keinen Unterschied, katholische Priester selbst gesellten sich zu dem Bund. Die Beweggründe waren nicht bei allen dieselben, aber ihr Vorwand war gleich. Den Katholiken war es bloß um Aufhebung der Inquisition und Milderung der Edikte zu tun, die Protestanten zielten auf eine uneingeschränkte Gewissensfreiheit. Einige verwegenere Köpfe führten nichts geringeres im Schilde, als einen gänzlichen Umsturz der gegenwärtigen Regierung, und die Dürftigsten darunter gründeten niederträchtige Hoffnungen auf die allgemeine Zerrüttung9). Ein Abschiedsmahl, welches um eben diese Zeit dem Grafen von Schwarzenberg und Holle in Breda und kurz darauf in Hoogstraaten gegeben wurde, zog viele vom ersten Adel nach beiden Plätzen, unter denen sich schon mehrere befanden, die den Kompromiss bereits unterschrieben hatten. Auch der Prinz von Oranien, die Grafen von Egmont, von Hoorn und von Megen fanden sich bei diesem Gastmahl ein, doch ohne Verabredung und ohne selbst einen Anteil an dem Bund zu haben, obgleich einer von Egmonts eigenen Sekretären und einige Dienstleute der Andern demselben öffentlich beigetreten waren. Bei diesem Gastmahl nun erklärten sich schon dreihundert für den Kompromiss, und die Frage kam in Bewegung, ob man sich bewaffnet oder unbewaffnet mit einer Rede oder Bittschrift an die Oberstatthalterin wenden sollte. Hoorn und Oranien (Egmont wollte das Unternehmen auf keine Weise befördern) wurden dabei zu Richtern aufgerufen, welche für den Weg der Bescheidenheit und Unterwerfung entschieden, eben dadurch aber der Beschuldigung Raum gaben, dass so das Unterfangen der Verschworen auf eine nicht sehr versteckte Weise in Schutz genommen hätten. Man beschloss also, unbewaffnet und mit einer Bittschrift einzukommen, und bestimmte einen Tag, wo man in Brüssel zusammentreffen wollte10). Der erste Wink von dieser Verschwörung des Adels wurde der Statthalterin durch den Grafen von Megen gleich nach seiner Rückkunft gegeben. „Es werde eine Unternehmung geschmiedet,“ ließ er sich verlauten, „dreihundert vom Adel seien darein verwickelt, es gelte die Religion, die Teilnehmer halten sich durch einen Eidschwur verpflichtet, sie rechnen sehr auf auswärtigen Beistand, bald werde sie das Weitere erfahren.“ Mehr sagte er ihr nicht, so nachdrücklich sie auch in ihn drang. „Ein Edelmann habe es ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut, und er habe ihm sein Ehrenwort verpfändet.“ Eigentlich war es wohl weniger diese Delikatesse der Ehre, als vielmehr der Widerwille gegen die Inquisition, um die er sich nicht gern ein Verdienst machen wollte, was ihn abhalten mochte, sich weiter zu erklären. Bald nach ihm überreichte Graf Egmont der Regentin eine Abschrift des Kompromisses, wobei er ihr auch die Namen der Verschworen, bis auf einige wenige, nannte. Fast zu gleicher Zeit schrieb ihr der Prinz von Oranien: „Es werde, wie er höre, eine Armee geworben, vierhundert Offiziere seien bereits ernannt, und zwanzigtausend Mann würden mit nächstem unter den Waffen erscheinen.“ So wurde das Gerücht durch immer neue Zusätze absichtlich übertrieben, und in jedem Mund vergrößerte sich die Gefahr11). Die Oberstatthalterin, vom ersten Schrecken dieser Zeitung betäubt und durch nichts als ihre Furcht geleitet, ruft in aller Eile zusammen, wer aus dem Staatsrat so eben in Brüssel zugegen war, und ladet zugleich den Prinzen von Oranien nebst dem Grafen von Hoorn in einem dringenden Schreiben ein, ihre verlassenen Stellen im Senat wieder einzunehmen. Ehe diese noch ankommen, beratschlagt sie sich mit Egmont, Megen und Barlaimont, was in dieser misslichen Lage zu beschließen sei. Die Frage war, ob man lieber gleich zu den Waffen greifen, oder der Notwendigkeit weichen und den Verschworenen ihr Gesuch bewilligen, oder ob man sie durch Versprechungen und eine scheinbare Nachgiebigkeit so lange hinhalten solle, bis man Zeit gewonnen hätte, Verhaltungsregeln aus Spanien zu holen und sich mit Geld und Truppen zu versehen. Zu dem ersten fehlte das nötige Geld und das ebenso nötige Vertrauen in die Armee, die von den Verschworenen vielleicht schon gewonnen war. Das Zweite würde von dem König nimmermehr gebilligt werden und auch eher dazu dienen, den Trotz der Verbundenen zu erheben, als niederzuschlagen; da im Gegenteil eine wohl angebrachte Geschmeidigkeit und eine schnelle, unbedingte Vergebung des Geschehenen den Aufruhr vielleicht noch in der Wiege ersticken würde. Letztere Meinung wurde von Megen und Egmont behauptet, von Barlaimont aber bestritten, „Das Gerücht habe übertrieben“, sagte dieser, „unmöglich könne eine so furchtbare Waffenrüstung so geheim und mit solcher Geschwindigkeit vor sich gegangen sein. Ein Zusammenlauf etlicher schlechten Leute, von zwei oder drei Enthusiasten aufgehetzt, nichts weiter. Alles würde ruhen, wenn man einige Köpfe abgeschlagen hätte.“ Die Oberstatthalterin beschließt, das Gutachten des versammelten Staatsrats zu erwarten; doch verhält sie sich in dieser Zwischenzeit nicht müßig. Die Festungswerke in den wichtigsten Plätzen werden besichtigt und, wo sie gelitten haben, wieder hergestellt; ihre Botschafter an fremden Höfen erhalten Befehl, ihre Wirksamkeit zu verdoppeln; Eilboten werden nach Spanien abgefertigt. Zugleich bemüht sie sich, das Gerücht von der nahen Ankunft des Königs aufs neue in Umlauf zu bringen und in ihrem äußerlichen Betragen die Festigkeit und den Gleichmut zu zeigen, der den Angriff erwartet und nicht das Ansehen hat, ihm zu erliegen12). Mit Ausgang des März, also vier volle Monate nach Abfassung des Kompromisses, versammelte sich der ganze Staatsrat in Brüssel. Zugegen waren der Prinz von Oranien, der Herzog von Arschot, die Grafen von Egmont, von Bergen, von Megen, von Aremberg, von Hoorn, von Hoogstraaten, von Barlaimont und andere, die Herren von Montigny und Hachicourt, alle Ritter vom goldnen Vließ, nebst dem Präsidenten Viglius, dem Staatsrat Bruxelles und den übrigen Assessoren des geheimen Consiliums13). Hier brachte man schon verschiedene Briefe zum Vorschein, die von dem Plan der Verschwörung nähere Nachricht gaben. Die Extremität, worin die Oberstatthalterin sich befand, gab den Missvergnügten eine Wichtigkeit, von der sie nicht unterließen jetzt Gebrauch zu machen und ihre lang unterdrückte Empfindlichkeit bei dieser Gelegenheit zur Sprache kommen zu lassen. Man erlaubte sich bittere Beschwerden gegen den Hof selbst und gegen die Regierung. „Erst neulich“, ließ sich der Prinz von Oranien heraus, „schickte der König vierzigtausend Goldgulden an die Königin von Schottland, um sie in ihren Unternehmungen gegen England zu unterstützen, – und seine Niederlande lässt er unter ihrer Schuldenlast erliegen. Aber der Unzeit dieser Subsidien und ihres schlechten Erfolgs14) nicht einmal zu gedenken, warum weckt er den Zorn einer Königin gegen uns, die uns als Freundin so wichtig, als Feindin aber so fürchterlich ist?“ Auch konnte der Prinz bei dieser Gelegenheit nicht umhin, auf den verborgenen Hass anzuspielen, den der König gegen die nassauische Familie und gegen ihn insbesondere hegen sollte. „Es ist am Tage,“ sagte er, „dass er sich mit den Erbfeinden meines Hauses beratschlagt hat, mich, auf welche Art es sei, aus dem Wege zu schaffen, und dass er mit Ungeduld nur auf eine Veranlassung dazu wartet.“ Sein Beispiel öffnete auch dem Grafen von Hoorn und noch vielen Andern den Mund, die sich mit leidenschaftlicher Heftigkeit über ihre eigenen Verdienste und den Undank des Königs verbreiteten. Die Regentin hatte Mühe, den Tumult zu stillen und die Aufmerksamkeit auf den eigentlichen Gegenstand der Sitzung zurückzuführen. Die Frage war, ob man die Verbundenen, von denen es nun bekannt war, dass sie sich mit einer Bittschrift an den Hof wenden würden, zulassen sollte, oder nicht? Der Herzog von Arschot, die Grafen von Aremberg, von Megen und Barlaimont verneinten es. „Wozu fünfhundert Menschen“, sagte der letztere, „um eine kleine Schrift zu überreichen? Dieser Gegensatz der Demut und des Trotzes bedeutet nichts Gutes. Lasst sie einen achtungswürdigen Mann aus ihrer Mitte, ohne Pomp, ohne Anmaßung zu uns schicken und auf diesem Wege ihr Anliegen vor uns bringen. Sonst verschließe man ihnen die Tore, oder beobachte sie, wenn man sie doch einlassen will, auf das strengste und strafe die erste Kühnheit, deren sich einer von ihnen schuldig macht, mit dem Tode.“ Der Graf von Mansfeld, dessen eigner Sohn unter den Verschwornen war, erklärte sich gegen ihre Partei; seinem Sohn hatte er mit Enterbung gedroht, wenn er dem Bund nicht entsagte. Auch die Grafen von Megen und Aremberg trugen Bedenken, die Bittschrift anzunehmen; der Prinz von Oranien aber, die Grafen von Egmont, von Hoorn, von Hoogstraaten und mehrere stimmten mit Nachdruck dafür. „Die Verbundenen,“ erklärten sie, „wären ihnen als Menschen von Rechtschaffenheit und Ehre bekannt; ein großer Teil unter denselben stehe mit ihnen in Verhältnissen der Freundschaft und der Verwandtschaft, und sie getrauen sich, für ihre Betragen zu gewähren. Eine Bittschrift einzureichen, sei jedem Untertan erlaubt; ohne Ungerechtigkeit könne man einer so ansehnlichen Gesellschaft ein Recht nicht verweigern, dessen sich der niedrigste Mensch im Staat zu erfreuen habe.“ Man beschloss also, weil die meisten Stimmen für diese Meinung waren, die Verbundenen zuzulassen, vorausgesetzt, dass sie unbewaffnet erschienen und sich mit Bescheidenheit betrügen. Die Zänkereien der Ratsglieder hatten den größten Teil der Zeit weggenommen, dass man die fernere Beratschlagung auf eine zweite Sitzung verschieben musste, die gleich den folgenden Tag eröffnet ward15). Um den Hauptgegenstand nicht, wie gestern, unter unnützen Klagen zu verlieren, eilte die Regentin diesmal sogleich zum Ziel. „Brederode“, sagte sie, „wird, wie unsre Nachrichten lauten, im Namen des Bundes um Aufhebung der Inquisition und Milderung der Edikte bei uns einkommen. Das Urteil meines Senats soll mich bestimmen, was ich ihm antworten soll; aber ehe Sie Ihre Meinungen vortragen, vergönnen Sie mir, etwas Weniges voranzuschicken. Man sagt mir, dass es viele, auch selbst unter Ihnen, gebe, welche die Glaubensedikte des Kaisers, meines Vaters, mit öffentlichem Tadel angreifen und sie dem Volk als unmenschlich und barbarisch abschildern. Nun frage ich Sie selbst, Ritter des Vlieses, Räte Sr. Majestät und des Staats, ob Sie nicht selbst Ihre Stimmen zu diesen Edikten gegeben, ob die Stände des Reichs sie nicht als rechtskräftig anerkannt haben? Warum tadelt man jetzt, was man ehemals für Recht erklärte? Etwa darum, weil es jetzt mehr als ehemals notwendig, geworden? Seit wann ist die Inquisition in den Niederlanden etwas so ungewöhnliches? Hat der Kaiser sie nicht schon vor sechzehn Jahren errichtet und worin soll sie grausamer sein, als die Edikte? Wenn man zugibt, dass diese letzteren das Werk der Weisheit gewesen, wenn die allgemeine Beistimmung der Staaten sie geheiligt hat – warum diesen Widerwillen gegen jene, die noch weit menschlicher ist, als die Edikte, wenn diese nach dem Buchstaben beobachtet werden? Reden Sie jetzt frei, ich will Ihr Urteil damit nicht befangen haben; aber Ihre Sache ist es, dahin zu sehen, dass nicht Leidenschaft es lenke.“16) Der Staatsrat war in zwei Meinungen geteilt, wie immer, aber die wenigen, welche für die Inquisition und die buchstäbliche Vollstreckung der Edikte sprachen, wurden bei weitem von der Gegenpartei überstimmt, die der Prinz von Oranien anführte. „Wollte der Himmel“, fing er an, „man hätte meine Vorstellungen des Nachdenkens wert geachtet, solange sie noch entfernte Befürchtungen waren, so würde man nie dahin gebracht worden sein, zu den äußersten Mitteln zu schreiten, so würden Menschen, die im Irrtum lebten, nicht durch eben die Maßregeln, die man anwendete, sie aus demselben herauszuführen, tiefer darein versunken sein. Wir alle, wie Sie sehen, stimmen in dem Hauptzweck überein. Wir alle wollen die katholische Religion außer Gefahr wissen; kann dieses nicht ohne Hilfe der Inquisition bewerkstelligt werden, wohl, so bieten wir Gut und Blut zu ihren Diensten an; aber eben das ist es, wie Sie hören, worüber die Meisten unter uns ganz anders denken. Es gibt zweierlei Inquisitionen. Der einen maßt sich der römische Stuhl an, die andere ist schon seit undenklichen Zeiten von den Bischöfen ausgeübt worden. Die Macht des Vorurteils und der Gewohnheit hat uns die letztere erträglich und leicht gemacht. Sie wird in den Niederlanden wenig Widerspruch finden und die vermehrte Anzahl der Bischöfe wird sie hinreichend machen. Wozu denn also die erste, deren bloßer Name alle Gemüter in Aufruhr bringt? So viele Nationen entbehren ihrer, warum soll sie gerade uns aufgedrungen sein? Vor Luther hat sie niemand gekannt; der Kaiser war der erste, der sie einführte; aber dies geschah zu einer Zeit, als an geistlichen Aufsehern Mangel war, die wenigen Bischöfe sich noch außerdem lässig zeigten und die Sinnlosigkeit der Klerisei sie von dem Richteramt ausschloss. Jetzt hat sich alles verändert; jetzt zählen wir eben so viele Bischöfe, als Provinzen sind. Warum soll die Regierungskunst nicht den Geist der Zeiten begleiten? Gelindigkeit brauchen wir, nicht Härte. Wir sehen den Widerwillen des Volks, den wir suchen müssen zu besänftigen, wenn er nicht in Empörung ausarten soll. Mit dem Tod Pius des Vierten ist die Vollmacht der Inquisitoren zu Ende gegangen; der neue Papst hat noch keine Bestätigung geschickt, ohne die es doch sonst noch keiner gewagt hat, sein Amt auszuüben. Jetzt also ist die Zeit, wo man sie suspendieren kann, ohne jemandes Rechte zu verletzen. Was ich von der Inquisition urteile, gilt auch von den Edikten. Das Bedürfnis der Zeiten hat sie erzwungen, aber jene Zeiten sind ja vorbei. Eine so lange Erfahrung sollte uns endlich überwiesen haben, dass gegen Ketzerei kein Mittel weniger fruchtet, als Scheiterhaufen und Schwert. Welche unglaubliche Fortschritte hat nicht die neue Religion nur seit wenigen Jahren in den Provinzen gemacht, und wenn wir den Gründen dieser Vermehrung nachspüren, so werden wir sie in der glorreichen Standhaftigkeit derer finden, die als ihre Schlachtopfer gefallen sind. Hingerissen von Mitleid und von Bewunderung, fängt man in der Stille an zu mutmaßen, dass es doch wohl Wahrheit sein möchte, was mit so unüberwindlichem Mute behauptet wird. In Frankreich und England ließ man die Protestanten dieselbe Strenge erfahren, aber hat sie dort mehr als bei uns gefruchtet? Schon die ersten Christen berühmten sich, dass der Same ihrer Kirche Märtyrerblut gewesen. Kaiser Julian, der fürchterlichste Feind, den je das Christentum erlebte, war von dieser Wahrheit durchdrungen. Überzeugt, dass Verfolgung den Enthusiasmus nur mehr anfeure, nahm er seine Zuflucht zum Lächerlichen und zum Spott und fand diese Waffen ungleich mächtiger als Gewalt. In dem griechischen Kaisertum hatten sich zu verschiedenen Zeiten verschiedene Sekten erhoben, Arius unter Constantin, Aëtius unter dem Constantius, Nestorius unter dem Theodos; nirgends aber sieht man weder gegen diese Irrlehrer selbst, noch gegen ihre Schüler Strafen geübt, die denen gleich kämen, welche unsre Länder verheeren – und wo sind jetzt alle diese Sekten hin, die, ich möchte beinahe sagen, ein ganzer Weltkreis nicht zu fassen schien? Aber dies ist der Gang der Ketzerei. Übersieht man sie mit Verachtung, so zerfällt sie in ihr Nichts. Es ist ein Eisen, das, wenn es ruhig liegt, rostet, und nur scharf wird durch Gebrauch. Man kehre die Augen von ihr, und sie wird ihren mächtigsten Reiz verlieren, den Zauber des Neuen und des Verbotenen. Warum wollen wir uns nicht mit Maßregeln begnügen, die von so großen Regenten bewährt gefunden worden? Beispiele können uns am sichersten leiten. Aber wozu Beispiele aus dem heidnischen Altertum, da das glorreiche Muster Karls des Fünften, des größten der Könige, vor uns liegt, der endlich, besiegt von so vielen Erfahrungen, den blutigen Weg der Verfolgung verließ und viele Jahre vor seiner Thronentsagung zur Gelindigkeit überging. Philipp selbst, unser gnädigster Herr, schien sich ehemals zur Schonung zu neigen; die Ratschläge eines Granvella und seines Gleichen belehrten ihn eines andern; mit welchem Recht, mögen sie mit sich selbst ausmachen. Mir aber hat von jeher geschienen, die Gesetze müssen sich den Sitten und die Maximen den Zeiten anschmiegen, wenn der Erfolg sie begünstigen soll. Zum Schluss bringe ich Ihnen noch das genaue Verständnis in Erinnerung, das zwischen den Hugenotten und den flämischen Protestanten obwaltet. Wir wollen uns hüten, sie noch mehr aufzubringen, als sie es jetzt schon sein mögen. Wir wollen gegen sie nicht französische Katholiken sein, damit es ihnen ja nicht einfalle, die Hugenotten gegen uns zu spielen und wie diese ihr Vaterland in die Schrecken eines Bürgerkriegs zu werfen.“17) Nicht sowohl der Wahrheit und Unwiderlegbarkeit seiner Gründe, welche von der entscheidendsten Mehrheit im Senat unterstützt wurden, als vielmehr dem verfallenen Zustand der Kriegsmacht und der Erschöpfung des Schatzes, wodurch man verhindert war, das Gegenteil mit gewaffneter Hand durchzusetzen, hatte der Prinz von Oranien es zu danken, dass seine Vorstellungen diesmal nicht ganz ohne Wirkung blieben. Um wenigstens den ersten Sturm abzuwehren und die nötige Zeit zu gewinnen, sich in eine bessere Verfassung gegen sie zu setzen, kam man überein, den Verbundenen einen Teil ihrer Forderungen zuzugestehen. Es wurde beschlossen, die Strafbefehle des Kaisers zu mildern, wie er sie selbst mildern würde, wenn er in jetzigen Tagen wieder auferstände – wie er einst selbst, unter ähnlichen Umständen, sie zu mildern nicht gegen seine Würde geachtet. Die Inquisition sollte, wo sie noch nicht eingeführt sei, unterbleiben, wo sie es sei, auf einen gelindern Fuß gesetzt werden, oder auch gänzlich ruhen, da die Inquisitoren (so drückte man sich aus, um ja den Protestanten die kleine Lust nicht zu gönnen, dass sie gefürchtet würden, oder dass man ihrem Ansuchen Gerechtigkeit zugestünde) von dem neuen Papst noch nicht bestätigt worden wären. Dem geheimen Consilium wurde der Auftrag gegeben, diesen Schluss des Senats ohne Verzug auszufertigen. So vorbereitet, erwartete man die Verschwörung.18) 1)
Strada 52.
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