Friedrich
Schiller

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Werke - Historische Schriften

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   Literatur
      Schiller, Friedrich

         Historische Schriften
               Abfall Niederlande
                  Vorrede
                  Einleitung
                  1. Buch
                     F. Geschichte
                     Karl V.
                     Philipp II.
                     Inq.-gericht
                     Andere Eingriffe
                     Or. Egmont
                     Parma
                  2. Buch
                     Granvella
                     Staatsrat
                     Egmont in Sp.
                     Religionsedikte
                  3. Buch
                     Verschwörung
                     Geusen
                     Öf. Predigten
                  4. Buch
                     Bildersturm
                     Bürg. Krieg
                     Abdankung Or.
                     Verfall Geusen
                     Zug Albas
                     Anord. Albas
                  Beilagen
                     I. Prozess
                     II. Belagerung

Geschärftere Religionsedikte. Allgemeine Widersetzung der Nation.

   Egmont war kaum zurück, als geschärftere Mandate gegen die Ketzer, welche aus Spanien gleichsam hinter ihm hereilten, die frohen Zeitungen Lügen straften, die er von der glücklichen Sinnesänderung des Monarchen zurückgebracht hatte. Mit ihnen kam zugleich eine Abschrift der Trientischen Schlüsse, wie sie in Spanien anerkannt worden waren und jetzt auch in den Niederlanden sollten geltend gemacht werden; wie auch das Todesurteil einiger Wiedertäufer und noch anderer Ketzer unterschrieben. „Der Graf“, hörte man jetzt von Wilhelm dem Stillen, „ist durch spanische Künste überlistet worden. Eigenliebe und Eitelkeit haben seinen Scharfsinn geblendet; über seinem eigenen Vorteil hat er das allgemeine Beste vergessen.“ Die Falschheit des spanischen Ministeriums lag jetzt offen da; dieses unredliche Verfahren empörte die Besten im Lande. Niemand aber litt empfindlicher dabei, als Graf Egmont, der sich jetzt als das Spielwerk der spanischen Arglist erkannte und unwissender Weise an seinem Vaterland zum Verräter geworden war. „Diese scheinbare Güte also“, beschwerte er sich laut und bitter, „war nichts, als ein Kunstgriff, mich dem Spott meiner Mitbürger preiszugeben und meinen guten Namen zugrunde zu richten. Wenn der König die Versprechungen, die er mir in Spanien getan, auf eine solche Art zu halten gesonnen ist, so mag Flandern übernehmen, wer will; ich werde durch meine Zurückziehung von Geschäften öffentlich dartun, dass ich an dieser Wortbrüchigkeit keinen Anteil habe.“ In der Tat konnte das spanische Ministerium schwerlich ein schicklicheres Mittel wählen, den Kredit eines so wichtigen Mannes zu brechen, als dass es ihn seinen ihn anbetenden Mitbürgern öffentlich als einen, den es zum Besten gehabt hatte, zur Schau stellte.1)

   Unterdessen hatte sich die Synode im folgenden Gutachten vereinigt, welches dem König sogleich übersendet ward: „Für den Religionsunterricht des Volks, die Sittenverbesserung der Geistlichkeit und die Erziehung der Jugend sei bereits in den Trientischen Schlüssen so viel Sorge getragen worden, dass es jetzt nur darauf ankomme, diese Schlüsse in die schleunige Erfüllung zu bringen. Die kaiserlichen Edikte gegen die Ketzer dürfen durchaus keine Veränderung leiden; doch könne man den Gerichtshöfen insgeheim zu verstehen geben, nur die hartnäckigen Ketzer und ihre Prediger mit dem Tode zu bestrafen, zwischen den Sekten selbst einen Unterschied zu machen und dabei auf Alter, Rang, Geschlecht und Gemütscharakter der angeklagten Personen zu achten. Wenn es an dem wäre, dass öffentliche Hinrichtungen den Fanatismus noch mehr in Flammen setzten, so würde vielleicht die unheldenhafte, weniger in die Augen fallende, und doch nicht minder harte Strafe der Galeere am angemessensten sein, diese hohen Meinungen von Märtyrertum herunter zu stimmen. Vergehungen des bloßen Mutwillens, der Neugierde und des Leichtsinns könnte man durch Geldbußen, Landesverweisung oder auch durch Leibesstrafen ahnden.“2)

   Während dass unter diesen Beratschlagungen, die nun erst nach Madrid geschickt und von da wieder zurück erwartet werden mussten, unnütz die Zeit verstrich, ruhten die Prozeduren gegen die Sektierer oder wurden zum wenigsten sehr schläfrig geführt. Seit der Vertreibung des Ministers Granvella hatte die Anarchie, welche in den obern Kurien herrschte und sich von da durch die Provinzialgerichte verbreitete, verbunden mit den mildern Religionsgesinnungen des Adels, den Mut der Sekten erhoben und der Bekehrungswut ihrer Apostel* freies Spiel gelassen. Die Inquisitionsrichter waren durch die schlechte Unterstützung des weltlichen Armes, der an mehreren Orten ihre Schlachtopfer offenbar in Schutz nahm, in Verachtung gekommen. Der katholische Teil der Nation hatte sich von den Schlüssen der Trientischen Kirchenversammlung, so wie von Egmonts Gesandtschaft nach Spanien große Erwartungen gemacht, welche letztere durch die erfreulichen Nachrichten, die der Graf zurückgebracht und in der Aufrichtigkeit seines Herzens zu verbreiten nicht unterlassen hatte, gerechtfertigt zu sein schienen. Je mehr man die Nation von der Strenge der Glaubensprozeduren entwöhnt hatte, desto schmerzhafter musste eine plötzliche und geschärftere Erneuerung derselben empfunden werden. Unter diesen Umständen langte das königliche Schreiben aus Spanien an, worin das Gutachten der Bischöfe und die letzte Anfrage der Oberstatthalterin beantwortet wurde.

   „Was für eine Auslegung auch der Graf von Egmont,“ lautete es, „den mündlichen Äußerungen des Königs gegeben habe, so wäre ihm nie, auch nicht einmal von weitem, in den Sinn gekommen, nur das Mindeste an den Strafbefehlen zu ändern, die der Kaiser, sein Vater, schon vor fünfunddreißig Jahren in den Provinzen ausgeschrieben habe. Diese Edikte, befehle er also, sollen fortan auf das strengste gehandhabt werden; die Inquisition von dem weltlichen Arm die tätigste Unterstützung erhalten, und die Schlüsse der Trientischen Kirchenversammlung unwiderruflich und unbedingt in allen Provinzen seiner Niederlande gelten. Das Gutachten der Bischöfe und Theologen billige er vollkommen, bis auf die Milderung, welche sie darin in Rücksicht auf Alter, Geschlecht und Charakter der Individuen vorgeschlagen, indem er dafür halte, dass es seinen Edikten gar nicht an Mäßigung fehle. Dem schlechten Eifer und der Treulosigkeit der Richter allein seien die Fortschritte zuzuschreiben, welche die Ketzerei bis jetzt in dem Lande gemacht. Welcher von diesen es also künftig an Eifer würde ermangeln lassen, müsse seines Amtes entsetzt und ein besserer an seinen Platz gestellt werden. Die Inquisition solle, ohne Rücksicht auf etwas Menschliches, fest, furchtlos und von Leidenschaft frei ihren Weg wandeln und weder vor sich noch hinter sich schauen. Er genehmige alles, sie möge so weit gehen, als sie wolle, wenn sie nur das Ärgernis vermiede.“3)

   Dieser königliche Brief, dem die oranische Partei alle nachherigen Leiden der Niederlande zugeschrieben hat, verursachte die heftigsten Bewegungen unter den Staatsräten, und die Äußerungen, welche ihnen zufällig oder mit Absicht in Gesellschaft darüber entfielen, warfen den Schrecken unter das Volk. Die Furcht der spanischen Inquisition kam erneuert zurück, und mit ihr sah man schon die ganze Verfassung zusammenstürzen. Schon hörte man Gefängnisse mauern, Ketten und Halseisen schmieden und Scheiterhaufen zusammentragen. Alle Gesellschaften sind mit diesen Gesprächen erfüllt, und die Furcht hält sie nicht mehr im Zügel. Es wurden Schriften an die Häuser der Edeln geschlagen, worin man sie, wie ehemals Rom seinen Brutus, aufforderte, die sterbende Freiheit zu retten. Beißende Pasquille erschienen gegen die neuen Bischöfe, Folterknechte, wie man sie nannte; die Klerisei wurde in Komödien verspottet, und die Lästerung verschonte den Thron so wenig, als den römischen Stuhl.4)

   Aufgeschreckt von diesen Gerüchten, lässt die Regentin alle Staatsräte und Ritter zusammenrufen, um sich ihr Verhalten in dieser misslichen Lage von ihnen bestimmen zu lassen. Die Meinungen waren verschieden und heftig der Streit. Ungewiss zwischen Furcht und Pflicht zögerte man, einen Schluss zu fassen, bis der Greis Viglius zuletzt aufstand und durch sein Urteil die ganze Versammlung überraschte. – „Jetzt,“ sagte er, „dürfe man gar nicht daran denken, die königliche Verordnung bekannt zu machen, ehe man den Monarchen auf den Empfang vorbereitet habe, den sie jetzt, aller Wahrscheinlichkeit nach, finden würde; vielmehr müsse man die Inquisitionsrichter anhalten, ihre Gewalt ja nicht zu missbrauchen und ja ohne Härte zu verfahren.“ Aber noch mehr erstaunte man, als der Prinz von Oranien jetzt auftrat und diese Meinung bekämpfte. „Der Wille des Königs,“ sagte er, „sei zu klar und zu bestimmt vorgetragen, sei durch zu viele Deliberationen befestigt, als dass man es noch weiterhin wagen könnte, mit seiner Vollstreckung zurückzuhalten, ohne den Vorwurf der sträflichsten Halsstarrigkeit auf sich zu laden.“ – „Den nehm' ich auf mich“, fiel ihm Viglius in die Rede. „Ich stelle mich seiner Ungnade entgegen. Wenn wir ihm die Ruhe seiner Niederlande damit erkaufen, so wird uns diese Widersetzlichkeit endlich noch bei ihm Dank erwerben.“ Schon fing die Regentin an, zu dieser Meinung hinüber zu wanken, als sich der Prinz mit Heftigkeit dazwischen warf. „Was“, fiel er ein, „was haben die vielen Vorstellungen, die wir ihm getan, die vielen Briefe, die wir an ihn geschrieben, was hat die Gesandtschaft ausgerichtet, die wir noch kürzlich an ihn gesendet haben? Nichts – und was erwarten wir also noch? Wollen wir, seine Staatsräte, allein seinen ganzen Unwillen auf uns laden, um ihm auf unsere Gefahr einen Dienst zu leisten, den er uns niemals danken wird?“ Unentschlossen und ungewiss schweigt die ganze Versammlung; niemand hat Mut genug, dieser Meinung beizupflichten. und eben so wenig, sie zu widerlegen; aber der Prinz hat die natürliche Furchtsamkeit der Regentin zu seinem Beistand gerufen, die ihr jede Wahl untersagt. Die Folgen ihres unglücklichen Gehorsams werden in die Augen leuchten, – womit aber, wenn sie so glücklich ist, diese Folgen durch einen weisen Ungehorsam zu verhüten, womit wird sich beweisen lassen, dass sie dieselben wirklich zu fürchten gehabt habe? Sie erwählt also von beiden Ratschlägen den traurigsten; es geschehe daraus, was wolle, die königliche Verordnung wird der Bekanntmachung übergeben. Diesmal siegte also die Faktion, und der einzige herzhafte Freund der Regierung, der, seinem Monarchen zu dienen, ihm zu missfallen Mut hatte, war aus dem Felde geschlagen.5) Diese Sitzung machte der Ruhe der Oberstattalterin ein Ende; von diesem Tag an zählen die Niederlande alle Stürme, die ohne Unterbrechung von nun an in ihrem Innern gewütet haben. Als die Räte auseinander gingen, sagte der Prinz von Oranien zu einem, der zunächst bei ihm stand: „Nun“, sagte er, „wird man uns bald ein großes Trauerspiel geben.“6)

   Es erging also ein Edikt an alle Statthalter der Provinzen, worin ihnen befohlen war, die Plakate des Kaisers, wie diejenigen, welche unter der jetzigen Regierung gegen die Ketzer ausgeschrieben worden, die Schlüsse der Trientischen Kirchenversammlung, wie die der neulich gehaltenen bischöflichen Synode, in die genauste Ausübung zu bringen, der Inquisition hilfreiche Hand zu leisten und die ihnen untergebenen Obrigkeiten ebenfalls aufs nachdrücklichste dazu anzuhalten. Zu dem Ende solle ein jeder aus dem ihm untergeordneten Rat einen tüchtigen Mann auslesen, der die Provinzen fleißig durchreise und strenge Untersuchungen anstelle, ob den gegebenen Verordnungen von den Unterbeamten die gehörige Folge geleistet werde, und dann jeden dritten Monat einen genauen Bericht davon in die Residenz einschicke. Den Erzbischöfen und Bischöfen wurde eine Abschrift der Trientischen Schlüsse nach dem spanischen Original zugesendet, mit dem Bedeuten, dass, im Falle sie den Beistand der weltlichen Macht brauchten, ihnen die Statthalter ihrer Diözesen mit Truppen zu Gebote stehen sollten; es sei denn, dass sie diese lieber von der Oberstatthalterin selbst annehmen wollten. Gegen diese Schlüsse gelte kein Privilegium; der König wolle und befehle, dass den besondern Territorialgerechtigkeiten der Provinzen und Städte durch ihre Vollstreckung nichts benommen sein sollte.7)

   Diese Mandate, welche in jeder Stadt öffentlich durch den Herold verlesen wurden, machten eine Wirkung auf das Volk, welche die Furcht des Präsidenten Viglius und die Hoffnungen des Prinzen von Oranien aufs vollkommenste rechtfertigte. Beinahe alle Statthalter weigerten sich, ihnen Folge zu leisten, und drohten abzudanken, wenn man ihren Gehorsam würde erzwingen wollen. „Die Verordnung,“ schrieben sie zurück, „sei auf eine ganz falsche Angabe der Sektierer gegründet.8) Die Gerechtigkeit entsetze sich vor der ungeheuren Menge der Opfer, die sich täglich unter ihren Händen häuften; 50 und 60000 Menschen aus ihren Distrikten in den Flammen umkommen zu lassen, sei kein Auftrag für sie.“ Gegen die Trientischen Schlüsse erklärte sich besonders die niedere Geistlichkeit, deren Unwissenheit und Sittenverderbnis in diesen Schlüssen aufs grausamste angegriffen war und die noch außerdem mit einer so verhassten Reform bedroht wurde. Sie brachte jetzt ihrem Privatnutzen das höchste Interesse ihrer Kirche zum Opfer, griff die Schlüsse und das ganze Konzilium mit bittern Schmähungen an und streute den Samen des Aufruhrs in die Gemüter. Dasselbe Geschrei kam jetzt wieder zurück, welches ehemals die Mönche gegen die neuen Bischöfe erhoben hatten. Dem Erzbischof von Cambray gelang es endlich, die Schlüsse, doch nicht ohne vielen Widerspruch, abkündigen zu lassen. Mehr Mühe kostete es in Mecheln und Utrecht, wo die Erzbischöfe mit ihrer Geistlichkeit zerfallen waren, die, wie man sie beschuldigte, lieber die ganze Kirche an den Rand des Untergangs führen, als sich einer Sittenverbesserung unterziehen wollte.9)

   Unter den Provinzen regte sich Brabants* Stimme am lautesten. Die Stände dieser Landschaft brachten ihr großes Privilegium wieder in Bewegung, nach welchem es nicht erlaubt war, einen Eingebornen vor einen fremden Gerichtshof zu ziehen. Sie sprachen laut von dem Eid, den der König auf ihre Statuten geschworen, und von den Bedingungen, unter welchen sie ihm Unterwerfung gelobt. Löwen, Antwerpen, Brüssel und Herzogenbusch protestierten feierlich in einer eignen Schrift, die sie an die Oberstatthalterin einschickten.10) Diese, immer ungewiss, immer zwischen allen Parteien her- und hinüberwankend, zu mutlos, dem König zu gehorchen, und noch viel mutloser, ihm nicht zu gehorchen, lässt neue Sitzungen halten, hört dafür und dawider stimmen und tritt zuletzt immer derjenigen Meinung bei, die für sie die allermisslichste ist. Man will sich von neuem an den König nach Spanien wenden; man hält gleich darauf dieses Mittel für viel zu langsam; die Gefahr ist dringend, man muss dem Ungestüm nachgeben und die königliche Verordnung aus eigener Macht den Umständen anpassen. Die Statthalterin lässt endlich die Annalen von Brabant* durchsuchen, um in der Instruktion des ersten Inquisitors, den Karl der Fünfte der Provinz vorgesetzt hatte, eine Vorschrift für den jetzigen Fall zu finden. Diese Instruktion ist derjenigen nicht gleich, welche jetzt gegeben worden; aber der König hat sich ja erklärt, dass er keine Neuerung einführe; also ist es erlaubt, die neuen Plakate mit jenen alten Verordnungen auszugleichen. Diese Auskunft tat zwar den hohen Forderungen der brabantischen* Stände kein Genüge, die es auf die völlige Aufhebung der Inquisition angelegt hatten, aber den andern Provinzen gab sie das Signal zu ähnlichen Protestationen und gleich tapferem Widerstand. Ohne der Herzogin Zeit zu lassen, sich darüber zu bestimmen, entziehen sie eigenmächtig der Inquisition ihren Gehorsam und ihre Hilfeleistung. Die Glaubensrichter, noch kürzlich erst durch einen ausdrücklichen Befehl zu strenger Amtsführung aufgerufen, sehen sich auf einmal wieder vom weltlichen Arme verlassen, alles Ansehens und aller Unterstützung beraubt und erhalten auf ihre Klagen am Hofe nur leere Worte zum Bescheid. Die Statthalterin, um alle Teile zu befriedigen, hatte es mit allen verdorben.11)

   Während dass dieses zwischen dem Hof, den Kurien und den Ständen geschah, durchlief ein allgemeiner Geist des Aufruhrs das Volk. Man fängt an, die Rechte des Untertans hervorzusuchen und die Gewalt der Könige zu prüfen. „So blödsinnig waren die Niederländer nicht,“ hört man viele und nicht sehr heimlich sagen, „dass sie nicht recht gut wissen sollten, was der Untertan dem Herrn, und der Herr dem Untertan schuldig sei; und dass man noch wohl Mittel würde auffinden können, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, wenn es auch jetzt noch keinen Anschein dazu habe.“ In Antwerpen fand man sogar an mehreren Orten eine Schrift angeschlagen, worin der Stadtrat aufgefordert war, den König von Spanien, weil er seinen Eid gebrochen und die Freiheiten des Landes verletzt hätte, bei dem Kammergericht zu Speyer zu verklagen, da Brabant*, als ein Teil des burgundischen Kreises, in dem Religionsfrieden von Passau und Augsburg mitbegriffen sei. Die Kalvinisten stellten um eben diese Zeit ihr Glaubensbekenntnis an das Licht und erklärten in einer Vorrede, die an den König gerichtet war, dass sie, ob sie gleich gegen Hunderttausend stark wären, dennoch sich ruhig verhalten und alle Landesauflagen gleich den übrigen trügen; woraus erhelle, setzten sie hinzu, dass sie keinen Aufruhr im Schilde führten. Man streut freie, gefährliche Schriften ins Publikum, die die spanische Tyrannei mit den gehässigsten Farben malen, die Nation an ihre Privilegien und gelegenheitlich auch an ihre Kräfte erinnern.12)

   Die Kriegsrüstungen Philipps gegen die Pforte, wie die, welche Erich, Herzog von Braunschweig, um eben diese Zeit (niemand wusste, zu welchem Ende) in der Nachbarschaft machte, trugen mit dazu bei, den allgemeinen Verdacht zu bestärken, als ob die Inquisition den Niederlanden mit Gewalt aufgedrungen werden sollte. Viele von den angesehensten Kaufleuten sprachen schon laut davon, sie wollen ihre Häuser und Güter verlasse, um die Freiheit, die ihnen hier entrissen würde, in einer andern Weltgegend aufzusuchen; andere sahen sich nach einem Anführer um und ließen sich Winke von gewalttätiger Widersetzung und fremder Hilfe entfallen.13)

   Um in dieser drangvollen Lage vollends noch unberaten und ohne Stütze zu sein, musste die Statthalterin auch von dem einzigen noch verlassen werden, der ihr jetzt unentbehrlich war, und der mit dazu beigetragen hatte, sie in diese Lage zu stürzen. „Ohne einen Bürgerkrieg zu entzünden“, schrieb ihr Wilhelm von Oranien, „sei es jetzt schlechterdings unmöglich, den Befehlen des Königs nachzukommen. Würde aber dennoch darauf bestanden, so müsse er sie bitten, seine Stelle mit einem andern zu besetzen, der den Absichten Seiner Majestät mehr entspräche und mehr als er über die Gemüter der Nation vermöchte. Der Eifer, den er bei jeder andern Gelegenheit im Dienst der Krone bewiesen, werde, wie er hoffe, seinen jetzigen Schritt vor jeder schlimmen Auslegung sicher stellen; denn so, wie nunmehr die Sachen stünden, bleibe ihm keine andere Wahl, als entweder dem König ungehorsam zu sein, oder seinem Vaterland und sich selbst zum Nachteil zu handeln.“ Von dieser Zeit an trat Wilhelm von Oranien aus dem Staatsrat, um sich in seine Stadt Breda zu begeben, wo er in beobachtender Stille, doch schwerlich ganz müßig, der Entwicklung entgegen sah. Seinem Beispiel folgte der Graf von Hoorn14); nur Egmont, immer ungewiss zwischen der Republik und dem Throne, immer in dem eiteln Versuch sich abarbeitend, den guten Bürger mit dem gehorsamen Untertan zu vereinen; Egmont, dem die Gunst des Monarchen weniger entbehrlich und also auch weniger gleichgültig war, konnte es nicht von sich erhalten, die Saaten seines Glücks zu verlassen, die an dem Hofe der Regentin jetzt eben in voller Blüte standen. Die Entfernung des Prinzen von Oranien, dem die Not sowohl als sein überlegener Verstand allen den Einfluss auf die Regentin gegeben, der großen Geistern bei kleinen Seelen nicht entstehen kann, hatte in ihr Vertrauen eine Lücke gerissen, von welcher Graf Egmont, vermöge einer Sympathie, die zwischen der feigen und gutherzigen Schwäche sehr leicht gestiftet wird, einen unumschränkten Besitz nahm. Da sie eben so sehr fürchtete, durch ein ausschließendes Vertrauen in die Anhänger der Krone das Volk aufzubringen, als sie bange war, dem König durch ein zu enges Verständnis mit den erklärten Häuptern der Faktion zu missfallen, so konnte sich ihrem Vertrauen jetzt schwerlich ein besserer Gegenstand anbieten, als eben Graf von Egmont, von dem es eigentlich nicht so recht ausgemacht war, welcher von beiden Parteien er angehörte.

Ü   Þ


1) Strad. 113. ­
2) Hopper 49. 50. Burgund. 110. 111. ­
3) Inquisitores praeter me intueri neminem volo. Lacessant scelus securi. Satis est mihi, si scandalum declinaverint. Burgund. 118. ­
4) Grot. 19. Burg. 122. Hopper. 61.
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5) Burgund. 123. 124. Meteren 76. Vita Vigl. 45. ­
6) Die Geschichtsschreiber der spanischen Partei haben nicht verabsäumt, Oraniens Betragen in dieser Sitzung gegen ihn zeugen zu lassen und mit diesem Beweis von Unredlichkeit über seinen Charakter zu triumphieren. Er, sagen sie, der im ganzen bisherigen Lauf der Dinge die Maßregeln des Hofs mit Worten und Taten bestritten hat, solange sich noch mit einigem Grund fürchten ließ, dass sie durchgehen möchten, tritt jetzt zum ersten Mal auf dessen Seite, da eine gewissenhafte Ausrichtung seiner Befehle ihm wahrscheinlicher Weise zum Nachteil gereichen wird. Um den König zu überführen, wie übel er getan, dass er seine Warnungen in den Wind geschlagen; um sich rühmen zu können: Das hab’ ich vorher gesagt, setzt er das Wohl seiner Nation aufs Spiel, für welches allein er doch bis jetzt gekämpft haben wollte. Der ganze Zusammenhang seines vorhergehenden Betragens erwies, dass er die Durchsetzung der Edikte für ein Übel gehalten; gleichwohl wird er jetzt auf einmal seinen Überzeugungen untreu und folgt einem entgegen gesetzten Plan, obgleich auf Seiten der Nation alle Gründe fortdauern, die ihm den ersten vorgeschrieben; und bloß deswegen tut er dieses, weil die Folgen jetzt anders auf den König fallen. Also ist es ja am Tag, fahren seine Gegner fort, dass das Beste seines Volks weniger Gewalt über ihn hat, als sein schlimmer Wille gegen den König. Um seinen Hass gegen diesen zu befriedigen, kommt es ihm nicht darauf an, jene mit aufzuopfern.
   Aber ist es denn an dem, dass er die Nation durch Beförderung dieser Edikte aufopfert? Oder, bestimmter zu reden, bringt er die Edikte zur Vollstreckung, wenn er auf ihre Bekanntmachung dringt? Lässt sich nicht im Gegenteil mit weit mehr Wahrscheinlichkeit dartun, dass er jene allein durch diese hintertreiben kann? Die Nation ist in Gärung, und die erhitzen Parteien werden, aller Vermutung nach (denn fürchtet es nicht Viglius selbst?), einen Widerstand dagegen äußern, der den König zum Nachgeben zwingen muss. Jetzt, sagt Oranien, hat meine Nation die nötige Schwungkraft, um mit Glück gegen die Tyrannei zu kämpfen. Versäume ich diesen Zeitpunkt, so wird diese letztere Mittel finden, durch geheime Negotiationen und Ränke zu erschleichen, was ihr durch offenbare Gewalt misslang. Sie wird dasselbe Ziel, nur mit mehr Behutsamkeit und Schonung, verfolgen; aber die Extremität allein ist es, was meine Nation zu einem Zweck vereinigen, zu einem kühnen Schritte fortreißen kann. Also ist es klar, dass der Prinz nur seine Sprache in Absicht auf den König verändert, in Absicht auf das Volk aber mit seinem ganzen vorhergehenden Betragen sehr zusammenhängend gehandelt hat. Und welche Pflichten kann er gegen den König haben, die von dem, was er der Republik schuldig ist, verschieden sind? Sollte er eine Gewalttätigkeit gerade in dem Augenblick verhindern, wo sie ihren Urheber strafen wird? Handelt er gut an seinem Vaterland, wenn er dem Unterdrücker desselben eine Übereilung erspart, durch die solches allein seinem unvermeidlichen Schicksal entfliehen kann?
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7) Strad. 114. Hopper 53. 54. Burg. 115. Meteren. 77. Grot. 18. ­
8) Die Anzahl der Ketzer wurde von beiden Parteien sehr ungleich angegeben, je nachdem es das Interesse und die Leidenschaft einer jeden erheischte, sie zu vermehren oder zu verringern; und die nämliche Partei widersprach sich oft selbst, wenn sich ihr Interesse abänderte. War die Rede von neuen Anstalten der Unterdrückung, von Einführung der Inquisitionsgerichte usw., so musste der Anhang der Protestanten zahllos und unübersehbar sein. War hingegen die Rede von Nachgiebigkeit gegen sie, von Verordnungen zu ihrem Besten, so waren sie wieder in so geringer Anzahl vorhanden, dass es der Mühe nicht verlohnte, um dieser wenigen, schlechten Leute willen eine Neuerung anzufangen. Hopper. 62. ­
9) Hopper. 55. 62. Strad. 115. Burg. 115. Meteren 76. 77. ­
10) Hopper. 63. 64. Strada 115. ­
11) Vita Vigl. 46. Hopper. 64. 65. Strad. 115. 116. Burgund. 150-154. ­
12) Die Regentin nannte dem König eine Zahl von 5000 solcher Schriften. Strad. 117. Es ist merkwürdig, was für eine große Rolle die Buchdruckerkunst und Publizität überhaupt bei dem niederländischen Aufruhr gespielt hat. Durch dieses Organ sprach ein einziger unruhiger Kopf zu Millionen. Unter den Schmähschriften, welche größtenteils mit aller der Niedrigkeit, Rohheit und Brutalität abgefasst waren, welche der unterscheidende Charakter der meisten damaligen protestantischen Parteischriften war, fanden sich zuweilen auch Bücher, welche die Religionsfreiheit gründlich verteidigten. ­
13) Hopper. 61. 62. Strad. 117. 118. Meteren 77. A. G. d. v. N. III. 60. ­
14) Hopper. 67. ­

 
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