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Erster Teil1. BuchSeit dem Anfang des Religionskriegs in Deutschland bis zum Münsterschen Frieden ist in der politischen Welt Europas kaum etwas Großes und Merkwürdiges geschehen, woran die Reformation nicht den vornehmsten Anteil gehabt hätte. Alle Weltbegebenheiten, welche sich in diesem Zeitraum ereignen, schließen sich an die Glaubensverbesserung an, wo sie nicht ursprünglich daraus herflossen, und jeder noch so große und noch so kleine Staat hat mehr oder weniger, mittelbarer oder unmittelbarer, den Einfluss derselben empfunden. Beinahe der ganze Gebrauch, den das spanische Haus von seinen ungeheuren politischen Kräften machte, war gegen die neuen Meinungen oder ihre Bekenner gerichtet. Durch die Reformation wurde der Bürgerkrieg entzündet, welcher Frankreich unter vier stürmischen Regierungen in seinen Grundfesten erschütterte, ausländische Waffen in das Herz dieses Königreichs zog und es ein halbes Jahrhundert lang zu einem Schauplatz der traurigsten Zerrüttung machte. Die Reformation machte den Niederländern das spanische Joch unerträglich und weckte bei diesem Volk das Verlangen und den Mut, dieses Joch zu zerbrechen, so wie sie ihm größtenteils auch die Kräfte dazu gab. Alles Böse, welches Philipp der Zweite gegen die Königin Elisabeth von England beschloss, war Rache, die er dafür nahm, dass sie seine protestantischen Untertanen gegen ihn in Schutz genommen und sich an die Spitze einer Religionspartei gestellt hatte, die er zu vertilgen strebte. Die Trennung in der Kirche hatte in Deutschland eine fortdauernde politische Trennung zur Folge, welche dieses Land zwar länger als ein Jahrhundert der Verwirrung dahingab, aber auch zugleich gegen politische Unterdrückung einen bleibenden Damm auftürmte. Die Reformation war es großenteils, was die nordischen Mächte, Dänemark und Schweden zuerst in das Staatssystem von Europa zog, weil sich der protestantische Staatenbund durch ihren Beitritt verstärkte, und weil dieser Bund ihnen selbst unentbehrlich ward. Staaten, die vorher kaum füreinander vorhanden gewesen, fingen an, durch die Reformation einen wichtigen Berührungspunkt zu erhalten und sich in einer neuen politischen Sympathie aneinander zu schließen. Sowie Bürger gegen Bürger, Herrscher gegen ihre Untertanen durch die Reformation in andre Verhältnisse kamen, rückten durch sie auch ganze Staaten in neue Stellengen gegeneinander. Und so musste es durch einen seltsamen Gang der Dinge die Kirchentrennung sein, was die Staaten unter sich zu einer engern Vereinigung führte. Schrecklich zwar und verderblich war die erste Wirkung, durch welche diese allgemeine politische Sympathie sich verkündigte – ein dreißigjähriger verheerender Krieg, der von dem Innern des Böhmerlandes bis an die Mündung der Schelde, von den Ufern des Po bis an die Küsten der Ostsee Länder entvölkerte, Ernten zertrat, Städte und Dörfer in die Asche legte; ein Krieg, in welchem viele tausend Streiter ihren Untergang fanden, der den aufglimmenden Funken der Kultur in Deutschland auf ein halbes Jahrhundert verlöschte und die kaum auflebenden, bessern Sitten der alten barbarischen* Wildheit zurückgab. Aber Europa ging ununterdrückt und frei aus diesem fürchterlichen Krieg, in welchem es sich zum ersten Mal als eine zusammenhängende Staatengesellschaft erkannt hatte; und diese Teilnehmung der Staaten aneinander, welche sich in diesem Krieg eigentlich erst bildete, wäre allein schon Gewinn genug, den Weltbürger mit seinen Schrecken zu versöhnen. Die Hand des Fleißes hat unvermerkt alle verderbliche Spuren dieses Kriegs wieder ausgelöscht; aber die wohltätigen Folgen, von denen er begleitet war, sind geblieben. Eben diese allgemeine Staatensympathie, welche den Stoß in Böhmen dem halben Europa mitteilte, bewacht jetzt den Frieden, der diesem Krieg ein Ende machte. Sowie die Flamme der Verwüstung aus dem Innern Böhmens, Mährens und Österreichs einen Weg fand, Deutschland, Frankreich, das halbe Europa zu entzünden, so wird die Fackel der Kultur von diesen Staaten aus einen Weg sich öffnen, jene Länder zu erleuchten. Die Religion wirkte dieses alles. Durch sie allein wurde möglich, was geschah, aber es fehlte viel, dass es für sie und ihretwegen unternommen worden wäre. Hätte nicht der Privatvorteil, nicht das Staatsinteresse sich schnell damit vereinigt, nie würde die Stimme der Theologen und des Volks so bereitwillige Fürsten, nie die neue Lehre so zahlreiche, so tapfere, so beharrliche Verfechter gefunden haben. Ein großer Anteil an der Kirchenrevolution gebührt unstreitig der siegenden Gewalt der Wahrheit, oder dessen, was mit Wahrheit verwechselt wurde. Die Missbräuche in der alten Kirche, das Abgeschmackte mancher ihrer Lehren, das Übertriebene in ihren Forderungen musste notwendig ein Gemüt empören, das von der Ahnung eines bessern Lichts schon gewonnen war, musste es geneigt machen, die verbesserte Religion zu umfassen. Der Reiz der Unabhängigkeit, die reiche Beute der geistlichen Stifter musste die Regenten nach einer Religionsveränderung lüstern machen und das Gewicht der innern Überzeugung nicht wenig bei ihnen verstärken; aber die Staatsräson allein konnte sie dazu drängen. Hätte nicht Karl der Fünfte im Übermut seines Glücks an die Reichsfreiheit der deutschen Stände gegriffen, schwerlich hätte sich ein protestantischer Bund für die Glaubensfreiheit bewaffnet. Ohne die Herrschbegierde der Guisen hätten die Kalvinisten in Frankreich nie einen Condé oder Coligny an ihrer Spitze gesehen; ohne die Auflage des zehnten und zwanzigsten Pfennigs hätte der Stuhl zu Rom nie die vereinigten Niederlande verloren. Die Regenten kämpften zu ihrer Selbstverteidigung oder Vergrößerung; der Religionsenthusiasmus warb ihnen die Armeen und öffnete ihnen die Schätze ihres Volks. Der große Haufen, wo ihn nicht Hoffnung der Beute unter ihre Fahnen lockte, glaubte für die Wahrheit sein Blut zu vergießen, indem er es zum Vorteil seines Fürsten verspritzte. Und Wohltat genug für die Völker, dass diesmal der Vorteil der Fürsten Hand in Hand mit dem ihrigen ging! Diesem Zufall allein haben sie ihre Befreiung vom Papsttum zu danken. Glück genug für die Fürsten, dass der Untertan für seine eigene Sache stritt, indem er für die ihrige kämpfte! In dem Zeitalter, wovon jetzt die Rede ist, regierte in Europa kein Fürst so absolut, um über den guten Willen seiner Untertanen hinweggesetzt zu sein, wenn er seine politischen Entwürfe verfolgte. Aber wie schwer hielt es, diesen guten Willen der Nation für seine poetischen Entwürfe zu gewinnen und in Handlung zu setzen! Die nachdrücklichsten Beweggründe, welche von der Staatsraison entlehnt sind, lassen den Untertan kalt, der sie selten einsieht, und den sie noch seltener interessieren. In diesem Fall bleibt einem staatsklugen Regenten nichts übrig, als das Interesse des Kabinetts an irgendein anderes Interesse, das dem Volke näher liegt, anzuknüpfen, wenn etwa ein solches schon vorhanden ist, oder, wenn es nicht ist, es zu erschaffen. Dies war der Fall, worin sich ein großer Teil derjenigen Regenten befand, die für die Reformation handelnd aufgetreten sind. Durch eine sonderbare Verkettung der Dinge musste es sich fügen, dass die Kirchentrennung mit zwei politischen Umständen zusammentraf, ohne welche sie vermutlich eine ganz andere Entwicklung gehabt haben würde. Diese waren: Die auf einmal hervorspringende Übermacht des Hauses Österreich, welche die Freiheit Europas bedrohte, und der tätige Eifer dieses Hauses für die alte Religion. Das Erste weckte die Regenten, das Zweite bewaffnete ihnen die Nationen. Die Aufhebung einer fremden Gerichtsbarkeit in ihren Staaten, die höchste Gewalt in geistlichen Dingen, der gehemmte Abfluss des Geldes nach Rom, die reiche Beute der geistlichen Stifter waren Vorteile, die für jeden Souverän auf gleiche Art verführerisch sein mussten; warum, könnte man fragen, wirkten sie nicht eben so gut auf die Prinzen des Hauses Österreich? Was hinderte dieses Haus, und insbesondere die deutsche Linie desselben, den dringenden Anforderungen so vieler seiner Untertanen Gehör zu geben und sich nach dem Beispiel anderer auf Unkosten einer wehrlosen Geistlichkeit zu verbessern? Es ist schwer zu glauben, dass die Überzeugung von der Unfehlbarkeit der römischen Kirche an der frommen Standhaftigkeit dieses Hauses einen größeren Anteil gehabt haben sollte, als die Überzeugung vom Gegenteil an dem Abfall der protestantischen Fürsten. Mehrere Gründe vereinigten sich, die österreichischen Prinzen zu Stützen des Papsttums zu machen. Spanien und Italien, aus welchen Ländern die österreichische Macht einen großen Teil ihrer Stärke zog, waren dem Stuhl zu Rom mit blinder Anhänglichkeit ergeben, welche die Spanier insbesondere schon zu den Zeiten der gotischen Herrschaft ausgezeichnet hat. Die geringste Annäherung an die verabscheuten Lehren Luthers und Kalvins musste dem Beherrscher von Spanien die Herzen seiner Untertanen unwiederbringlich entreißen; der Abfall von dem Papsttum konnte ihm dieses Königreich kosten. Ein spanischer König musste ein rechtgläubiger Prinz sein, oder er musste von diesem Thron steigen. Den nämlichen Zwang legten ihm seine italienischen Staaten auf, die er fast noch mehr schonen musste, als seine Spanier, weil sie das auswärtige Joch am ungeduldigsten trugen und es am leichtesten abschütteln konnten. Dazu kam, dass ihm diese Staaten Frankreich zum Mitbewerber und den Papst zum Nachbar gaben; Gründe genug, die ihn hinderten, sich für eine Partei zu erklären, welche das Ansehen des Papstes vernichtete – die ihn aufforderten, sich letzteren durch den tätigsten Eifer für die alte Religion zu verpflichten. Diese allgemeinen Gründe, welche bei jedem spanischen Monarchen von gleichem Gewicht sein mussten, wurden bei jedem insbesondere noch durch besondere Gründe unterstützt. Karl der Fünfte hatte in Italien einen gefährlichen Nebenbuhler an dem König von Frankreich, dem dieses Land sich in eben dem Augenblick in die Arme warf, wo Karl sich ketzerischer Grundsätze verdächtig machte. Gerade an denjenigen Entwürfen, welche Karl mit der meisten Hitze verfolgte, würde das Misstrauen der Katholischen und der Streit mit der Kirche ihm durchaus hinderlich gewesen sein. Als Karl der Fünfte in den Fall kam, zwischen beiden Religionsparteien zu wählen, hatte sich die neue Religion noch nicht bei ihm in Achtung setzen können, und überdem war zu einer gütlichen Vergleichung beider Kirchen damals noch die wahrscheinlichste Hoffnung vorhanden. Bei seinem Sohn und Nachfolger Philipp dem Zweiten vereinigte sich eine mönchische Erziehung mit einem despotischen, finstern Charakter, einen unversöhnlichen Hass aller Neuerungen in Glaubenssachen bei diesem Fürsten zu unterhalten, den der Umstand, dass seine schlimmsten politischen Gegner auch zugleich Feinde seiner Religion waren, nicht wohl vermindern konnte. Da seine europäischen Länder, durch so viele fremde Staaten zerstreut, dem Einfluss fremder Meinungen überall offen lagen, so konnte er dem Fortgang der Reformation in andern Ländern nicht gleichgültig zusehen, und sein eigener näherer Staatsvorteil forderte ihn auf, sich der alten Kirche überhaupt anzunehmen, um die Quellen der ketzerischen Ansteckung zu verstopfen. Der natürlichste Gang der Dinge stellte also diesen Fürsten an die Spitze des katholischen Glaubens und des Bundes, den die Papisten gegen die Neuerer schlossen. Was unter Karl des Fünften und Philipps des Zweiten langen und tatenvollen Regierungen beobachtet wurde, blieb für die folgenden Gesetz; und je mehr sich der Riss in der Kirche erweiterte, desto fester musste Spanien an dem Katholizismus halten. Freier schien die deutsche Linie des Hauses Österreich gewesen zu sein; aber wenn bei dieser auch mehrere von jenen Hindernissen wegfielen, so wurde sie durch andere Verhältnisse in Fesseln gehalten. Der Besitz der Kaiserkrone, die auf einem protestantischen Haupt ganz undenkbar war (denn wie konnte ein Apostat der römischen Kirche die römische Kaiserkrone tragen?) knüpfte die Nachfolger Ferdinands des Ersten an den päpstlichen Stuhl; Ferdinand selbst war diesem Stuhl aus Gründen des Gewissens und aufrichtig ergeben. Außerdem waren die deutsch-österreichischen Prinzen nicht mächtig genug, der spanischen Unterstützung zu entbehren, die aber durch eine Begünstigung der neuen Religion durchaus verscherzt war. Auch forderte ihre Kaiserwürde sie auf, das deutsche Reichssystem zu beschützen, wodurch sie selbst sich als Kaiser behaupteten, und welches der protestantische Reichsteil zu stürzen strebte. Rechnet man dazu die Kälte der Protestanten gegen die Bedrängnisse der Kaiser und gegen die gemeinschaftlichen Gefahren des Reichs, ihre gewaltsamen Eingriffe in das Zeitliche der Kirche und ihre Feindseligkeiten, wo sie sich als die Stärkeren fühlten; so begreift man, wie so viele zusammenwirkende Gründe die Kaiser auf der Seite des Papsttums erhalten, wie sich ihr eigner Vorteil mit dem Vorteil der katholischen Religion aufs genauste vermengen musste. Da vielleicht das ganze Schicksal dieser Religion von dem Entschluss abhing, den das Haus Österreich ergriff, so musste man die österreichischen Prinzen durch ganz Europa als die Säulen des Papsttums betrachten. Der Hass der Protestanten gegen letzteres kehrte sich darum auch einstimmig gegen Österreich und vermengte nach und nach den Beschützer mit der Sache, die er beschützte. Aber eben dieses Hans Österreich, der unversöhnliche Gegner der Reformation, setzte zugleich durch seine ehrgeizigen Entwürfe, die von einer überlegenen Macht unterstützt waren, die politische Freiheit der europäischen Steten, und besonders der deutschen Stände, in nicht geringe Gefahr. Dieser Umstand musste letztere aus ihrer Sicherheit aufschrecken und auf ihre Selbstverteidigung aufmerksam machen. Ihre gewöhnlichen Hilfsmittel würden nimmermehr hingereicht haben, einer so drohenden Macht zu widerstehen. Außerordentliche Anstrengungen mussten sie von ihren Untertanen verlangen und, da auch diese bei weitem nicht hinreichten, von ihren Nachbarn Kräfte entlehnen und durch Bündnisse untereinander eine Macht aufzuwägen suchen, gegen welche sie einzeln nicht bestanden. Aber die großen politischen Aufforderungen, welche die Regenten hatten, sich den Fortschritten Österreichs zu widersetzen, hatten ihre Untertanen nicht. Nur gegenwärtige Vorteile oder gegenwärtige Übel sind es, welche das Volk in Handlung setzen; und diese darf eine gute Staatskunst nicht abwarten. Wie schlimm also für diese Fürsten, wenn nicht zum Glück ein anderes wirksames Motiv sich ihnen dargeboten hätte, das die Nation in Leidenschaft setzte und einen Enthusiasmus in ihr entflammte, der gegen die politische Gefahr gerichtet werden konnte, weil er in dem nämlichen Gegenstand mit derselben zusammentraf! Dieses Motiv war der erklärte Hass gegen eine Religion, welche das Haus Österreich beschützte, die schwärmerische Anhänglichkeit an eine Lehre, welche dieses Haus mit Feuer und Schwert zu vertilgen strebte. Diese Anhänglichkeit war feurig, jener Hass war unüberwindlich; der Religionsfanatismus fürchtet das Entfernte; Schwärmerei berechnet nie, was sie aufopfert. Was die entschiedenste Gefahr des Staats nicht über seine Bürger vermocht hätte, bewirkte die religiöse Begeisterung. Für den Staat, für das Interesse des Fürsten würden sich wenig freiwillige Arme bewaffnet haben; für die Religion griff der Kaufmann, der Künstler, der Landbauer freudig zum Gewehr. Für den Staat oder den Fürsten würde man sich auch der kleinsten, außerordentlichen Abgabe zu entziehen gesucht haben; an die Religion setzte man Gut und Blut, alle seine zeitlichen Hoffnungen. Dreifach stärkere Summen strömen jetzt in den Schatz des Fürsten; dreifach stärkere Heere rücken in das Feld; und in der heftigen Bewegung, worein die nahe Religionsgefahr alle Gemüter versetzte, fühlte der Untertan die Anstrengungen nicht, von denen er in einer ruhigeren Gemütslage erschöpft würde niedergesunken sein. Die Furcht vor der spanischen Inquisition, vor Bartholomäusnächten*, eröffnet dem Prinzen von Oranien, dem Admiral Coligny, der britischen Königin Elisabeth, den protestantischen Fürsten Deutschlands Hilfsquellen bei ihren Völkern, die noch jetzt unbegreiflich sind. Mit noch so großen eignen Anstrengungen aber würde man gegen eine Macht wenig ausgerichtet haben, die auch dem mächtigsten Fürsten, wenn er einzeln stand, überlegen war. In den Zeiten einer noch wenig ausgebildeten Politik konnten aber nur zufällige Umstände entfernte Staaten zu einer wechselseitigen Hilfsleistung vermögen. Die Verschiedenheit der Verfassung, der Gesetze, der Sprache, der Sitten, des Nationalcharakters, welche die Nationen und Länder in ebenso viele verschiedene Ganze absonderte und eine fortdauernde Scheidewand zwischen sie stellte, machte den einen Staat unempfindlich gegen die Bedrängnisse des andern, wo ihn nicht gar die Nationaleifersucht zu einer feindseligen Schadenfreude reizte. Die Reformation stürzte diese Scheidewand. Ein lebhafteres, näher liegendes Interesse als der Nationalvorteil oder die Vaterlandsliebe, und welches von bürgerlichen Verhältnissen durchaus unabhängig war, fing an, die einzelnen Bürger und ganze Staaten zu beseelen. Dieses Interesse konnte mehrere und selbst die entlegensten Staaten miteinander verbinden, und bei Untertanen des nämlichen Staats konnte dieses Band wegfallen. Der französische Kalvinist hatte also mit dem reformierten Genfer, Engländer, Deutschen oder Holländer einen Berührungspunkt, den er mit seinem eigenen, katholischen Mitbürger nicht hatte. Er hörte also in einem sehr wichtigen Punkt auf, Bürger eines einzelnen Staats zu sein, seine Aufmerksamkeit und Teilnahme auf diesen einzelnen Staat einzuschränken. Sein Kreis erweitert sich; er fängt an, aus dem Schicksal fremder Länder, die seines Glaubens sind, sich sein eigenes zu weissagen und ihre Sache zu der seinigen zu machen. Nun erst dürfen die Regenten es wagen, auswärtige Angelegenheiten vor die Versammlung ihrer Landstände zu bringen, nun erst hoffen, ein williges Ohr und schnelle Hilfe zu finden. Diese auswärtigen Angelegenheiten sind jetzt zu einheimischen geworden, und gerne reicht man dem Glaubensverwandten eine hilfreiche Hand, die man dem bloßen Nachbar, und noch mehr dem fernen Ausländer verweigert hätte. Jetzt verlässt der Pfälzer seine Heimat, um für seinen französischen Glaubensbruder gegen den gemeinschaftlichen Religionsfeind zu fechten. Der französische Untertan zieht das Schwert gegen ein Vaterland, das ihn misshandelt, und geht hin, für Hollands Freiheit zu bluten. Jetzt sieht man Schweizer gegen Schweizer, Deutsche gegen Deutsche im Streit gerüstet, um an den Ufern der Loire und der Seine die Thronfolge in Frankreich zu entscheiden. Der Däne geht über die Eider, der Schwede über den Belt*, um die Ketten zu zerbrechen, die für Deutschland geschmiedet sind. Es ist sehr schwer zu sagen, was mit der Reformation, was mit der Freiheit des deutschen Reichs wohl geworden sein würde, wenn das gefürchtete Haus Österreich nicht Partei gegen sie genommen hätte. So viel aber scheint erwiesen, dass sich die österreichischen Prinzen auf ihrem Weg zur Universalmonarchie durch nichts mehr gehindert haben, als durch den hartnäckigen Krieg, den sie gegen die neuen Meinungen führten. In keinem anderen Fall, als unter diesem, war es den schwächeren Fürsten möglich, die außerordentlichen Anstrengungen von ihren Ständen zu erzwingen, wodurch sie der österreichischen Macht widerstanden; in keinem anderen Fall den Staaten möglich, sich gegen einen gemeinschaftlichen Feind zu vereinigen. Höher war die österreichische Macht nie gestanden, als nach dem Sieg Karls des Fünften bei Mühlberg, nachdem er die Deutschen überwunden hatte. Mit dem Schmalkaldischen Bund lag die deutsche Freiheit, wie es schien, auf ewig darnieder; aber sie lebte wieder auf in Moritz von Sachsen, ihrem gefährlichsten Feind. Alle Früchte des Mühlbergischen Sieges gehen auf dem Kongress zu Passau und dem Reichstag zu Augsburg verloren, und alle Anstalten zur weltlichen und geistlichen Unterdrückung endigen in einem nachgebenden Frieden. Deutschland zerriss auf diesem Reichstag zu Augsburg in zwei Religionen und in zwei politische Parteien; jetzt erst zerriss es, weil die Trennung jetzt erst gesetzlich war. Bis hierher waren die Protestanten als Rebellen angesehen worden; jetzt beschloss man, sie als Brüder zu behandeln, nicht als ob man sie dafür anerkannt hätte, sondern weil man dazu genötigt war. Die Augsburgsche Konfession durfte sich von jetzt an neben dem katholischen Glauben stellen, doch nur als eine geduldete Nachbarin, mit einstweiligen, schwesterlichen Rechten. Jedem weltlichen Reichsstand war das Recht zugestanden, die Religion, zu der er sich bekannte, auf seinem Grund und Boden zur herrschenden und einzigen zu machen und die entgegen gesetzte der freien Ausübung zu berauben; jedem Untertan vergönnt, das Land zu verlassen, wo seine Religion unterdrückt war. Jetzt zum ersten Mal erfreute sich also die Lehre Luthers einer positiven Sanktion, und wenn sie auch in Bayern oder in Österreich im Staub lag, so konnte sie sich damit trösten, dass sie in Sachsen und in Thüringen thronte. Den Regenten war es aber nun doch allein überlassen, welche Religion in ihren Landen gelten und welche darnieder liegen sollte; für den Untertan, der auf dem Reichstage keinen Repräsentanten hatte, war in diesem Frieden gar wenig gesorgt. Bloß allein in geistlichen Ländern, in welchen die katholische Religion unwiderruflich die herrschende blieb, wurde den protestantischen Untertanen (welche es damals schon waren) die freie Religionsübung ausgewirkt; aber auch diese nur durch eine persönliche Versicherung des römischen Königs Ferdinand, der diesen Frieden zustande brachte; eine Versicherung, die, von dem katholischen Reichsteil widersprochen und mit diesem Widerspruch in das Friedensinstrument eingetragen, keine Gesetzeskraft erhielt. Wären es übrigens nur Meinungen gewesen, was die Gemüter trennte – wie gleichgültig hätte man dieser Trennung zugesehen! Aber an diesen Meinungen hingen Reichtümer, Würden und Rechte; ein Umstand, der die Scheidung unendlich erschwerte. Von zwei Brüdern, die das väterliche Vermögen bis hierher gemeinschaftlich genossen, verließ jetzt einer das väterliche Hans, und die Notwendigkeit trat ein, mit dem daheim bleibenden Bruder abzuteilen. Der Vater hatte für den Fall der Trennung nichts bestimmt, weil ihm von dieser Trennung nichts ahnen konnte. Aus den wohltätigen Stiftungen der Voreltern war der Reichtum der Kirche innerhalb eines Jahrtausends zusammengeflossen, und diese Voreltern gehörten dem Weggehenden ebenso gut an, als dem, der zurückblieb. Haftete nun das Erbrecht bloß an dem väterlichen Haus, oder haftete es an dem Blut? Die Stiftungen waren an die katholische Kirche geschehen, weil damals noch keine andere vorhanden war; an den erstgebornen Bruder, weil er damals noch der einzige Sohn war. Galt nun in der Kirche ein Recht der Erstgeburt, wie in adeligen Geschlechtern? Galt die Begünstigung des einen Teils, wenn ihm der andere noch nicht gegenüberstehen konnte? Konnten die Lutheraner von dem Genuss dieser Güter ausgeschlossen sein, an denen doch ihre Vorfahren mitstiften halfen, bloß allein deswegen ausgeschlossen sein, weil zu den Zeiten der Stiftung noch kein Unterschied zwischen Lutheranern und Katholischen stattfand? Beide Religionsparteien haben über diese Streitsache mit scheinbaren Gründen gegeneinander gerechtet und rechten noch immer; aber es dürfte dem einen Teil so schwer fallen, als dem andern, sein Recht zu erweisen. Das Recht hat nur Entscheidungen für denkbare Fälle, und vielleicht gehören geistliche Stiftungen nicht unter diese; zum wenigsten dann nicht, wenn man die Forderungen ihrer Stifter auch auf dogmatische Sätze erstreckt – wie ist es denkbar, eine ewige Schenkung an eine wandelbare Meinung zu machen? Wenn das Recht nicht entscheiden kann, so tut es die Stärke, und so geschah es hier. Der eine Teil behielt, was ihm nicht mehr zu nehmen war; der andere verteidigte, was er noch hatte. Alle vor dem Frieden weltlich gemachten Bistümer und Abteien* verblieben den Protestanten; aber die Papisten verwahrten sich in einem eigenen Vorbehalt, dass künftig keine mehr weltlich gemacht würden. Jeder Besitzer eines geistlichen Stiftes, das dem Reich unmittelbar unterworfen war, Kurfürst, Bischof oder Abt*, hat seine Benefizien* und Würden verwirkt, sobald er zur protestantischen Kirche abfällt. Sogleich muss er seine Besitzungen räumen, und das Kapitel schreitet zu einer neuen Wahl, gleich als wäre seine Stelle durch einen Todesfall erledigt worden. An diesem heiligen Anker des geistlichen Vorbehalts, der die ganze zeitliche Existenz eines geistlichen Fürsten von seinem Glaubensbekenntnis abhängig machte, ist noch bis heute die katholische Kirche in Deutschland befestigt – und was würde aus ihr werden, wenn dieser Anker zerrisse? Der geistliche Vorbehalt erlitt einen hartnäckigen Widerspruch von Seiten der protestantischen Stände, und obgleich sie ihn zuletzt noch in das Friedensinstrument mit aufnahmen, so geschah es mit dem ausdrücklichen Beisatz, dass beide Parteien sich über diesen Punkt nicht verglichen hätten. Konnte er für den protestantischen Teil mehr verbindlich sein, als jene Versicherung Ferdinands zum Vorteil der protestantischen Untertanen in geistlichen Stiftern es für die katholischen war? Zwei Streitpunkte blieben also in dem Frieden zurück, und an diesen entzündete sich auch der Krieg. So war es mit der Religionsfreiheit und mit den geistlichen Gütern; mit den Rechten und Würden war es nicht anders. Auf eine einzige Kirche war das deutsche Reichssystem berechnet, weil nur eine da war, als es sich bildete. Die Kirche hat sich getrennt, der Reichstag sich in zwei Religionsparteien geschieden – und doch soll das ganze Reichssystem ausschließend einer einzigen folgen? Alle bisherigen Kaiser waren Söhne der römischen Kirche gewesen, weil die römische Kirche in Deutschland bis jetzt ohne Nebenbuhlerin war. War es aber das Verhältnis mit Rom, was den Kaiser der Deutschen aufmachte, oder war es nicht vielmehr Deutschland, welches sich in seinem Kaiser repräsentierte? Zu dem ganzen Deutschland gehört aber auch der protestantische Teil – und wie repräsentiert sich nun dieser in einer ununterbrochenen Reihe katholischer Kaiser? – In dem höchsten Reichsgericht richten die deutschen Stände sich selbst, weil sie selbst die Richter dazu stellen; dass sie sich selbst richteten, dass eine gleiche Gerechtigkeit allen zustatten käme, war der Sinn seiner Stiftung – kann dieser Sinn erfüllt werden, wenn nicht beide Religionen darin sitzen? Dass zur Zeit der Stiftung in Deutschland noch ein einziger Glaube herrschte, war Zufall, – dass kein Stand den andern auf rechtlichem Wege unterdrücken sollte, war der wesentliche Zweck dieser Stiftung. Dieser Zweck aber ist verfehlt, wenn ein Religionsteil im ausschließenden Besitz ist, den andern zu richten – darf nun ein Zweck aufgeopfert werden, wenn sich ein Zufall verändert? – Endlich und mit Mühe erfochten die Protestanten ihrer Religion einen Sitz im Kammergericht, aber noch immer keine ganz gleiche Stimmenzahl. – Zur Kaiserkrone hat noch kein protestantisches Haupt sich erhoben. Was man auch von der Gleichheit sagen mag, welche der Religionsfriede zu Augsburg zwischen beiden deutschen Kirchen einführte, so ging die katholische doch unwidersprechbar als Siegerin davon. Alles, was die lutherische erhielt, war – Duldung; alles, was die katholische hingab, opferte sie der Not, und nicht der Gerechtigkeit. Immer war es noch kein Friede zwischen zwei gleich geachteten Mächten, bloß ein Vertrag zwischen dem Herrn und einem unüberwundenen Rebellen! Aus diesem Prinzip scheinen alle Prozeduren der katholischen Kirche gegen die protestantische hergeflossen zu sein und noch herzufließen. Immer noch war es ein Verbrechen, zur protestantischen Kirche abzufallen, weil es mit einem so schweren Verlust geahndet wurde, als der geistliche Vorbehalt über abtrünnige geistliche Fürsten verhängt. Auch in den folgenden Zeiten setzte sich die katholische Kirche lieber aus, alles durch Gewalt zu verlieren, als einen kleinen Vorteil freiwillig und rechtlich aufzugeben; denn einen Raub zurückzunehmen, war noch Hoffnung, und immer war es nur ein zufälliger Verlust; aber ein aufgegebener Anspruch, ein den Protestanten zugestandenes Recht erschütterte die Grundpfeiler der katholischen Kirche. Bei dem Religionsfrieden selbst setzte man diesen Grundsatz nicht aus den Augen. Was man in diesem Frieden den Evangelischen preisgab, war nicht unbedingt aufgegeben. Alles, hieß es ausdrücklich, sollte nur bis auf die nächste allgemeine Kirchenversammlung gelten, welche sich beschäftigen würde, beide Kirchen wieder zu vereinigen. Dann erst, wenn dieser letzte Versuch misslänge, sollte der Religionsfriede eine absolute Gültigkeit haben. So wenig Hoffnung zu dieser Wiedervereinigung da war, so wenig es vielleicht den Katholischen selbst damit Ernst war, so viel hatte man dessen ungeachtet schon gewonnen, dass man den Frieden durch diese Bedingung beschränkte. Dieser Religionsfriede also, der die Flamme des Bürgerkriegs auf ewige Zeiten ersticken sollte, war im Grunde nur eine temporäre Auskunft, ein Werk der Not und der Gewalt, nicht vom Gesetz der Gerechtigkeit diktiert, nicht die Frucht berichtigter Ideen über Religion und Religionsfreiheit. Einen Religionsfrieden von der letzten Art konnten die Katholischen nicht geben, und wenn man aufrichtig sein will. einen solchen vertrugen die Evangelischen noch nicht. Weit entfernt, gegen die Katholischen eine uneingeschränkte Billigkeit zu beweisen, unterdrückten sie, wo es in ihrer Macht stand, die Kalvinisten, welche freilich ebenso wenig eine Duldung in jenem bessern Sinn verdienten, da sie ebenso weit entfernt waren, sie selbst auszuüben. Zu einem Religionsfrieden von dieser Natur waren jene Zeiten noch nicht reif, und die Köpfe noch zu trübe. Wie konnte ein Teil von dem andern fordern, was er selbst zu leisten unvermögend war? Was eine jede Religionspartei in dem Augsburger Frieden rettete oder gewann, verdankte sie dem zufälligen Machtverhältnis, in welchem beide bei Gründung des Friedens zueinander gestanden. Was durch Gewalt gewonnen wurde, musste behauptet werden durch Gewalt; jenes Machtverhältnis musste also auch fürs künftige fortdauern, oder der Friede verlor seine Kraft. Mit dem Schwert in der Hand wurden die Grenzen zwischen beiden Kirchen gezeichnet; mit dem Schwert mussten sie bewacht werden – oder wehe der früher entwaffneten Partei! Eine zweifelhafte, schreckenvolle Aussicht für Deutschlands Ruhe, die aus dem Frieden selbst schon hervordrohte! In dem Reiche erfolgte jetzt eine augenblickliche Stille, und ein flüchtiges Band der Eintracht schien die getrennten Glieder wieder in einen Reichskörper zu verknüpfen, dass auch das Gefühl für die gemeinschaftliche Wohlfahrt auf eine Zeit lang zurückkam. Aber die Trennung hatte das innerste Wesen getroffen, und die erste Harmonie wieder herzustellen, war vorbei. So genau der Friede die Rechtsgrenzen beider Teile bestimmt zu haben schien, so ungleichen Auslegungen blieb er nichtsdestoweniger unterworfen. Mitten in ihrem hitzigsten Kampf hatte er den streitenden Parteien Stillstand auferlegt, er hatte den Feuerbrand zugedeckt, nicht gelöscht, und unbefriedigte Ansprüche blieben auf beiden Seiten zurück. Die Katholischen glaubten zu viel verloren, die Evangelischen zu wenig errungen zu haben; beide halfen sich damit, den Frieden, den sie jetzt noch nicht zu verletzen wagten, nach ihren Absichten zu erklären. Dasselbe mächtige Motiv, welches so manche protestantische Fürsten so geneigt gemacht hatte, Luthers Lehre zu umfassen, die Besitznehmung von den geistlichen Stiftern, war nach geschlossenem Frieden nicht weniger wirksam als vorher, und was von mittelbaren Stiftern noch nicht in ihren Händen war, musste bald in dieselben wandern. Ganz Niederdeutschland war in kurzer Zeit weltlich gemacht; und wenn es mit Oberdeutschland anders war, so lag es an dem lebhaftesten Widerstande der Katholischen, die hier das Übergewicht hatten. Jede Partei drückte oder unterdrückte, wo sie die mächtigere war, die Anhänger der andern; die geistlichen Fürsten besonders, als die wehrlosesten Glieder des Reichs, wurden unaufhörlich durch die Vergrößerungsbegierde ihrer unkatholischen Nachbarn geängstigt. Wer zu ohnmächtig war, Gewalt durch Gewalt abzuwenden, flüchtete sich unter die Flügel der Justiz, und die Spolienklagen gegen protestantische Stände häuften sich auf dem Reichsgericht an, welches bereitwillig genug war, den angeklagten Teil mit Sentenzen zu verfolgen, aber zu wenig unterstützt, um sie geltend zu machen. Der Friede, welcher den Ständen des Reichs die vollkommene Religionsfreiheit einräumte, hatte doch einigermaßen auch für den Untertan gesorgt, indem er ihm das Recht ausbedang, das Land, in welchem seine Religion unterdrückt war, unangefochten zu verlassen. Aber vor den Gewalttätigkeiten, womit der Landesherr einen gehassten Untertan drücken, vor den namenlosen Drangsalen, wodurch er dem Auswandernden den Abzug erschweren, vor den künstlich gelegten Schlingen, worein die Arglist, mit der Stärke verbunden, die Gemüter verstricken kann, konnte der tote Buchstabe dieses Friedas ihn nicht schützen. Der katholische Untertan protestantischer Herren klagte laut über Verletzung des Religionsfriedens – der evangelische noch lauter über die Bedrückungen, welche ihm von seiner katholischen Obrigkeit widerfuhren. Die Erbitterung und Streitsucht der Theologen vergiftete jeden Vorfall, der an sich unbedeutend war, und setzte die Gemüter in Flammen; glücklich genug, wenn sich diese theologische Wut an dem gemeinschaftlichen Religionsfeind erschöpft hätte, ohne gegen die eignen Religionsverwandten ihr Gift auszuspritzen. Die Einigkeit der Protestanten unter sich selbst würde doch endlich hingereicht haben, beide streitende Parteien in einer gleichen Schwankung zu erhalten und dadurch den Frieden zu verlängern; aber, um die Verwirrung vollkommen zu machen, verschwand diese Eintracht bald. Die Lehre, welche Zwingli in Zürich und Kalvin in Genf verbreitet hatten, fing bald auch in Deutschland an, festen Boden zu gewinnen, und die Protestanten unter sich selbst zu entzweien, dass sie einander kaum mehr an etwas anderem als dem gemeinschaftlichen Hass gegen das Papsttum erkannten. Die Protestanten in diesem Zeitraum glichen denjenigen nicht mehr, welche fünfzig Jahre vorher ihr Bekenntnis zu Augsburg übergeben hatten, und die Ursache dieser Veränderung ist – in eben diesem Augsburgischen Bekenntnis zu suchen. Dieses Bekenntnis setzte dem protestantischen Glauben eine positive Grenze, ehe noch der erwachte Forschungsgeist sich diese Grenze gefallen ließ, und die Protestanten verscherzten unwissend einen Teil des Gewinns, den ihnen der Abfall von dem Papsttum versicherte. Gleiche Beschwerden gegen die römische Hierarchie und gegen die Missbräuche in dieser Kirche, eine gleiche Missbilligung der katholischen Lehrbegriffe würden hinreichend gewesen sein, den Vereinigungspunkt für die protestantische Kirche abzugeben; aber sie suchten diesen Vereinigungspunkt in einem neuen positiven Glaubenssystem, setzten in dieses das Unterscheidungszeichen, den Vorzug, das Wesen ihrer Kirche und bezogen auf dieses den Vertrag, den sie mit den Katholischen schlossen. Bloß als Anhänger der Konfession gingen sie den Religionsfrieden ein; die Konfessionsverwandten allein hatten Teil an der Wohltat dieses Friedens. Wie also auch der Erfolg sein mochte, so stand es gleich schlimm um die Konfessionsverwandten. Dem Geist der Forschung war eine bleibende Schranke gesetzt, wenn den Vorschriften der Konfession ein blinder Gehorsam geleistet wurde; der Vereinigungspunkt aber war verloren, wenn man sich über die festgesetzte Formel entzweite. Zum Unglück ereignete sich beides, und die schlimmen Folgen von beidem stellten sich ein. Eine Partei hielt standhaft fest an dem ersten Bekenntnis; und wenn sich die Kalvinisten davon entfernten, so geschah es nur, um sich auf ähnliche Art in einen neuen Lehrbegriff einzuschließen. Keinen scheinbareren Vorwand hätten die Protestanten ihrem gemeinschaftlichen Feind geben können, als diese Uneinigkeit unter sich selbst, kein erfreuenderes Schauspiel, als die Erbitterung, womit sie einander wechselseitig verfolgten. Wer konnte es nun den Katholischen zum Verbrechen machen, wenn sie die Dreistigkeit lächerlich fanden, mit welcher die Glaubensverbesserer sich angemaßt hatten, das einzig wahre Religionssystem zu verkündigen? Wenn sie von Protestanten selbst die Waffen gegen Protestanten entlehnten? Wenn sie sich bei diesem Widerspruche der Meinungen an die Autorität ihres Glaubens festhielten, für welchen zum Teil doch ein ehrwürdiges Altertum und eine noch ehrwürdigere Stimmenmehrheit sprach? Aber die Protestanten kamen bei dieser Trennung auf eine noch ernsthaftere Art ins Gedränge. Auf die Konfessionsverwandten allein war der Religionsfriede gestellt, und die Katholischen drangen nun auf Erklärung, wen diese für ihren Glaubensgenossen erkannt wissen wollten. Die Evangelischen konnten die Reformierten in ihren Bund nicht einschließen, ohne ihr Gewissen zu beschweren; sie konnten sie nicht davon ausschließen, ohne einen nützlichen Freund in einen gefährlichen Feind zu verwandeln. So zeigte diese unselige Trennung den Machinationen der Jesuiten einen Weg, Misstrauen zwischen beide Parteien zu pflanzen und die Eintracht ihrer Maßregeln zu zerstören. Durch die doppelte Furcht vor den Katholiken und vor ihren eigenen, protestantischen Gegnern gebunden, versäumten die Protestanten den nimmer wiederkehrenden Moment, ihrer Kirche ein durchaus gleiches Recht mit der römischen zu erfechten. Und allen diesen Verlegenheiten wären sie entgangen, der Abfall der Reformierten wäre für die gemeine Sache ganz unschädlich gewesen, wenn man den Vereinigungspunkt allein in der Entfernung von dem Papsttum, nicht in Augsburgischen Konfessionen, nicht in Konkordienwerken gesucht hätte. So sehr man aber auch in allem andern geteilt war, so begriff man doch einstimmig, dass eine Sicherheit, die man bloß der Machtgleichheit zu danken gehabt hatte, auch nur durch diese Machtgleichheit allein erhalten werden könne. Die fortwährenden Reformationen der einen Partei, die Gegenbemühungen der andern unterhielten die Wachsamkeit auf beiden Seiten, und der Inhalt des Religionsfriedens war die Losung eines ewigen Streits. Jeder Schritt, den der andere Teil tat, musste zu Kränkung dieses Friedens abzielen; jeder, den man sich selbst erlaubte, geschah zur Aufrechthaltung dieses Friedens. Nicht alle Bewegungen der Katholischen hatten eine angreifende Absicht, wie ihnen von der Gegenpartei Schuld gegeben wird; vieles, was sie taten, machte ihnen die Selbstverteidigung zur Pflicht. Die Protestanten hatten auf eine nicht zweideutige Art gezeigt, wozu die Katholischen sich zu versehen hätten, wenn sie das Unglück haben sollten, der unterliegende Teil zu sein. Die Lüsternheit der Protestanten nach den geistlichen Gütern ließ sie keine Schonung, ihr Hass keine Großmut, keine Duldung erwarten. Aber auch den Protestanten war es zu verzeihen, wenn sie zu der Redlichkeit der Papisten wenig Vertrauen zeigten. Durch die treulose und barbarische* Behandlungsart, welche man sich in Spanien, Frankreich und den Niederlanden gegen ihre Glaubensgenossen erlaubte, durch die schändliche Ausflucht katholischer Fürsten, sich von den heiligsten Eiden durch den Papst lossprechen zu lassen, durch den abscheulichen Grundsatz, dass gegen Ketzer kein Treu und Glaube zu beobachten sei, hatte die katholische Kirche in den Augen aller Redlichen ihre Ehre verloren. Keine Versicherung, kein noch so fürchterlicher Eid konnte aus dem Mund eines Papisten den Protestanten beruhigen. Wie hätte der Religionsfriede es gekonnt, den die Jesuiten durch ganz Deutschland nur als ein Interim, als eine einstweilige Konvenienz abschilderten, der in Rom selbst feierlich verworfen ward! Die allgemeine Kirchenversammlung, auf welche in diesem Frieden hingewiesen worden, war unterdessen in der Stadt Trident vor sich gegangen; aber, wie man nicht anders erwartet hatte, ohne die streitenden Religionen vereinigt, ohne auch nur einen Schritt zu dieser Vereinigung getan zu haben, ohne von den Protestanten auch nur beschickt worden zu sein. Feierlich waren diese nunmehr von der Kirche verdammt, für deren Repräsentanten sich das Konzil ausgab. – Konnte ihnen ein profaner und noch dazu durch die Waffen erzwungener Vertrag vor dem Bann* der Kirche eine hinlängliche Sicherheit geben – ein Vertrag, der sich auf eine Bedingung stützte, welche der Schluss des Konzils aufzuheben schien? An einem Schein des Rechts fehlte es also nicht mehr, wenn sich die Katholischen sonst mächtig genug fühlten, den Religionsfrieden zu verletzen – von jetzt an schützte die Protestanten nichts mehr, als der Respekt vor ihrer Macht. Mehreres kam dazu, das Misstrauen zu vermehren. Spanien, an welche Macht das katholische Deutschland sich lehnte, lag damals mit den Niederländern in einem heftigen Kriege, der den Kern der spanischen Macht an die Grenzen Deutschlands gezogen hatte. Wie schnell standen diese Truppen im Reich, wenn ein entscheidender Streich sie hier notwendig machte! Deutschland war damals eine Vorratskammer des Kriegs für fast alle europäischen Mächte. Der Religionskrieg hatte Soldaten darin angehäuft, die der Friede außer Brod setzte. So vielen voneinander unabhängigen Fürsten war es leicht, Kriegsheere zusammenzubringen, welche sie alsdann, sei’s aus Gewinnsucht oder aus Parteigeist, an fremde Mächte verliehen. Mit deutschen Truppen bekriegte Philipp der Zweite die Niederlande, und mit deutschen Truppen verteidigten sie sich. Eine jede solche Truppenwerbung in Deutschland schreckte immer eine von beiden Religionsparteien auf; sie konnte zu ihrer Unterdrückung abzielen. Ein herumwandernder Gesandter, ein außerordentlicher päpstlicher Legat, eine Zusammenkunft von Fürsten, jede ungewöhnliche Erscheinung musste dem einen oder dem andern Teil Verderben bereiten. So stand Deutschland gegen ein halbes Jahrhundert, die Hand an dem Schwert; jedes rankende Blatt erschreckte. Ferdinand der Erste, König von Ungarn, und sein vortrefflicher Sohn, Maximilian der Zweite, hielten in dieser bedenklichen Epoche die Zügel des Reichs. Mit einem Herzen voll Aufrichtigkeit, mit einer wirklich heroischen Geduld hatte Ferdinand den Religionsfrieden zu Augsburg vermittelt und an den undankbaren Versuch, beide Kirchen auf dem Konzil zu Trident zu vereinigen, eine vergebliche Mühe verschwendet. Von seinem Neffen, dem spanischen Philipp, im Stich gelassen, zugleich in Siebenbürgen und Ungarn von den siegreichen Waffen der Türken bedrängt, wie hätte sich dieser Kaiser sollen in den Sinn kommen lassen, den Religionsfrieden zu verletzen und sein eigenes mühevolles Werk zu vernichten? Der große Aufwand des immer sich erneuernden Türkenkriegs konnte von den sparsamen Beiträgen seiner erschöpften Erbländer nicht bestritten werden; er brauchte also den Beistand des Reichs, und der Religionsfriede allein hielt das geteilte Reich noch in einem Körper zusammen. Das ökonomische Bedürfnis machte ihm die Protestanten nicht weniger nötig, als die Katholischen, und legte ihm also auf, beide Teile mit gleicher Gerechtigkeit zu behandeln, welches bei so sehr widerstreitenden Forderungen ein wahres Riesenwerk war. Auch fehlte viel, dass der Erfolg seinen Wünschen entsprochen hätte: Seine Nachgiebigkeit gegen die Protestanten hatte bloß dazu gedient, seinen Enkeln den Krieg aufzuheben, der sein sterbendes Auge verschonte. Nicht viel glücklicher war sein Sohn Maximilian, den vielleicht nur der Zwang der Umstände hinderte, dem vielleicht nur ein längeres Leben fehlte, um die neue Religion auf den Kaiserthron zu erheben. Den Vater hatte die Notwendigkeit Schonung gegen die Protestanten gelehrt; die Notwendigkeit und die Billigkeit diktierten sie seinem Sohn. Der Enkel büßte es teuer, dass er weder die Billigkeit hörte, noch der Notwendigkeit gehorchte. Sechs Söhne hinterließ Maximilian, aber nur der älteste von diesen, Erzherzog Rudolph, erbte seine Staaten und bestieg den kaiserlichen Thron; die übrigen Brüder wurden mit schwachen Apanagen* abgefunden. Wenige Nebenländer gehörten einer Seitenlinie an, welche Karl von Steiermark, ihr Oheim, fortführte; doch wurden auch diese schon unter Ferdinand dem Zweiten, seinem Sohn, mit der übrigen Erbschaft vereinigt. Diese Länder also ausgenommen, versammelte sich nunmehr die ganze ansehnliche Macht des Hauses Österreich in einer einzigen Hand, aber zum Unglück in einer schwachen. Rudolph der Zweite war nicht ohne Tugenden, die ihm die Liebe der Menschen hätten erwerben müssen, wenn ihm das Los eines Privatmannes gefallen wäre. Sein Charakter war mild, er liebte den Frieden und den Wissenschaften – besonders der Astronomie, Naturlehre, Chemie und dem Studium der Antiquitäten – ergab er sich mit einem leidenschaftlichen Hang, der ihn aber zu einer Zeit, wo die bedenkliche Lage der Dinge die angestrengteste Aufmerksamkeit heischte und seine erschöpften Finanzen die höchste Sparsamkeit nötig machten, von Regierungsgeschäften zurückzog und zu einer höchst schädlichen Verschwendung reizte. Sein Geschmack an der Sternkunst verirrte sich in astrologische* Träumereien, denen sich ein melancholisches und furchtsames Gemüt, wie das seinige war, so leicht überliefert. Dieses und eine in Spanien zugebrachte Jugend öffnete sein Ohr den schlimmen Ratschlägen der Jesuiten und den Eingebungen des spanischen Hofs, die ihn zuletzt unumschränkt beherrschten. Von Liebhabereien angezogen, die seines großen Postens so wenig würdig waren, und von lächerlichen Wahrsagungen geschreckt, verschwand er nach spanischer Sitte vor seinen Untertanen, um sich unter seinen Gemmen und Antiken, in seinem Laboratorium, in seinem Marstall zu verbergen, während dass die gefährlichste Zwietracht alle Bande des deutschen Staatskörpers auflöste und die Flamme der Empörung schon anfing, an die Stufen seines Thrones zu schlagen. Der Zugang zu ihm war jedem, ohne Ausnahme, versperrt; unausgefertigt lagen die dringendsten Geschäfte; die Aussicht auf die reiche spanische Erbschaft verschwand, weil er unschlüssig blieb der Infantin Isabella seine Hand zu geben; dem Reich drohte die fürchterlichste Anarchie, weil er, obgleich selbst ohne Erben, nicht dahin zu bringen war, einen römischen König erwählen zu lassen. Die österreichischen Landstände sagten ihm den Gehorsam auf, Ungarn und Siebenbürgen entrissen sich seiner Hoheit und Böhmen säumte nicht lange, diesem Beispiel zu folgen. Die Nachkommenschaft des so gefürchteten Karls des Fünften schwebte in Gefahr, einen Teil ihrer Besitzungen an die Türken, den andern an die Protestanten zu verlieren und unter einem furchtbaren Fürstenbund, den ein großer Monarch in Europa gegen sie zusammenzog, ohne Rettung zu erliegen. In dem Innern Deutschlands geschah, was von jeher geschehen war, wenn es dem Thron an einem Kaiser, oder dem Kaiser an einem Kaisersinn fehlte. Gekränkt oder im Stich gelassen von dem Reichsoberhaupt, helfen die Stände sich selbst, und Bündnisse müssen ihnen die fehlende Autorität des Kaisers ersetzen. Deutschland teilt sich in zwei Unionen, die einander gewaffnet gegenüberstehen; Rudolph, ein verachteter Gegner der einen und ein ohnmächtiger Beschützer der andern, steht müßig und überflüssig zwischen beiden, gleich unfähig, die erste zu zerstreuen und über die andere zu herrschen. Was hätte auch das deutsche Reich von einem Fürsten erwarten sollen, der nicht einmal vermögend war, seine eigenen Erbländer gegen einen innerlichen Feind zu behaupten? Den gänzlichen Ruin des österreichischen Geschlechts aufzuhalten, tritt sein eigenes Haus gegen ihn zusammen, und eine mächtige Faktion wirft sich seinem Bruder in die Arme. Aus allen seinen Erbstaaten vertrieben, bleibt ihm nichts mehr zu verlieren, als der Kaiserthron, und der Tod reißt ihn noch eben zeitig genug weg, um ihm diese letzte Schande zu ersparen. Deutschlands schlimmer Genius war es, der ihm gerade in dieser bedenklichen Epoche, wo nur eine geschmeidige Klugheit und ein mächtiger Arm den Frieden des Reichs retten konnte, einen Rudolph zum Kaiser gab. In einem ruhigern Zeitpunkt hätte der deutsche Staatskörper sich selbst geholfen, und in einer mystischen Dunkelheit hätte Rudolph, wie so viele andere seines Ranges, seine Blößen versteckt. Das dringende Bedürfnis der Tugenden, die ihm fehlten, riss seine Unfähigkeit ans Licht. Deutschlands Lage forderte einen Kaiser, der durch eigene Hilfsmittel seinen Entscheidungen Gewicht geben konnte, und die Erbstaaten Rudolphs, so ansehnlich sie auch waren, befanden sich in einer Lage, die den Regenten in die äußerste Verlegenheit setzte. Die österreichischen Prinzen waren zwar katholische Fürsten, und noch dazu Stützen des Papsttums; aber es fehlte viel, dass ihre Länder katholische Länder gewesen wären. Auch in diese Gegenden waren die neuen Meinungen eingedrungen, und begünstigt von Ferdinands Bedrängnissen und Maximilians Güte, hatten sie sich mit schnellem Glück in denselben verbreitet. Die österreichischen Länder zeigten im Kleinen, was Deutschland im Großen war. Der größere Teil des Herren- und Ritterstandes war evangelisch, und in den Städten hatten die Protestanten bei weitem das Übergewicht errungen. Nachdem es ihnen geglückt war, einige aus ihrem Mittel in die Landschaft zu bringen, so wurde unvermerkt eine landschaftliche Stelle nach der andern, ein Kollegium nach dem andern, mit Protestanten besetzt und die Katholiken daraus verdrängt. Gegen den zahlreichen Herren- und Ritterstand und die Abgeordneten der Städte war die Stimme weniger Prälaten zu schwach, welche das ungezogene Gespött und die kränkende Verachtung der übrigen noch vollends von dem Landtag verscheuchte. So war unvermerkt der ganze österreichische Landtag protestantisch, und die Reformation tat von jetzt an die schnellsten Schritte zu einer öffentlichen Existenz. Von den Landständen war der Regent abhängig weil sie es waren, die ihm die Steuern abschlagen und bewilligen konnten. Sie benutzten die Geldbedürfnisse, in denen sich Ferdinand und sein Sohn befanden, eine Religionsfreiheit nach der andern von diesen Fürsten zu erpressen. Dem Herren- und Ritterstand gestattete endlich Maximilian die freie Ausübung ihrer Religion, doch nur auf ihren eigenen Territorien und Schlössern. Der unbescheidene Schwärmereifer der evangelischen Prediger überschritt dieses von der Weisheit gesteckte Ziel. Dem ausdrücklichen Verbot zuwider ließen sich mehrere derselben in den Landstädten und selbst zu Wien öffentlich hören, und das Volk drängte sich scharenweise zu diesem neuen Evangelium, dessen beste Würze Anzüglichkeiten und Schimpfreden ausmachten. So wurde dem Fanatismus eine immerwährende Nahrung gegeben und der Hass beider, einander so nahe stehenden Kirchen, durch den Stachel ihres unreinen Eifers vergiftet. Unter den Erbstaaten des Hauses Österreich war Ungarn nebst Siebenbürgen die unsicherste und am schwersten zu behauptende Besitzung. Die Unmöglichkeit, diese beiden Länder gegen die nahe und überlegene Macht der Türken zu behaupten, hatte schon Ferdinand zu dem unrühmlichen Schritt vermocht, der Pforte durch einen jährlichen Tribut die oberste Hoheit über Siebenbürgen einzugestehen – ein schädliches Bekenntnis der Ohnmacht und eine noch gefährlichere Anreizung für den unruhigen Adel, wenn er Ursache zu haben glaubte, sich über seinen Herrn zu beschweren. Die Ungarn hatten sich dem Haus Österreich nicht unbedingt unterworfen. Sie behaupteten die Wahlfreiheit ihrer Krone und forderten trotzig alle ständischen Rechte, welche von dieser Wahlfreiheit unzertrennlich sind. Die nahe Nachbarschaft des türkischen Reichs und die Leichtigkeit, ungestraft ihren Herrn zu wechseln, bestärkte die Magnaten noch mehr in diesem Trotz; unzufrieden mit der österreichischen Regierung, warfen sie sich den Osmanen in die Arme; unbefriedigt von diesen, kehrten sie unter deutsche Hoheit zurück. Der öftere und rasche Übergang von einer Herrschaft zur andern hatte sich auch ihrer Denkungsart mitgeteilt; ungewiss, wie ihr Land zwischen deutscher und ottomanischer Hoheit schwebte, schwankte auch ihr Sinn zwischen Abfall und Unterwerfung. Je unglücklicher beide Länder sich fühlten, zu Provinzen einer auswärtigen Monarchie herabgesetzt zu sein, desto unüberwindlicher war ihr Bestreben, einem Herrn aus ihrer Mitte zu gehorchen; und so wurde es einem unternehmenden Edelmann nicht schwer, ihre Huldigung zu erhalten. Voll Bereitwilligkeit reichte der nächste türkische Bassa einem Rebellen gegen Österreich Szepter und Krone; ebenso bereitwillig bestätigte man in Österreich einem andern den Besitz der Provinzen, die er der Pforte entrissen hatte, zufrieden, auch nur einen Schatten von Hoheit gerettet und eine Vormauer gegen die Türken dadurch gewonnen zu haben. Mehrere solcher Magnaten, Bathori, Boschkai, Ragoczy, Bethlen, standen auf diese Art nacheinander in Siebenbürgen und Ungarn als zinsbare Könige auf, welche sich durch keine andere Staatskunst erhielten, als diese: Sich an den Feind anzuschließen, um ihrem Herrn desto furchtbarer zu sein. Ferdinand, Maximilian und Rudolph, alle drei Beherrscher von Siebenbürgen und Ungarn, erschöpften das Mark ihrer übrigen Länder, um diese beiden gegen die Überschwemmungen der Türken und gegen innere Rebellionen zu behaupten. Verheerende Kriege wechselten auf diesem Boden mit kurzen Waffenstillständen ab, die nicht viel besser waren. Verwüstet lag weit und breit das Land, und der misshandelte Untertan führte gleich große Beschwerden über seinen Feind und seinen Beschützer. Auch in diese Länder war die Reformation eingedrungen, wo sie unter dem Schutz der ständischen Freiheit, unter der Decke des Tumults, merkliche Fortschritte machte. Auch diese tastete man jetzt unvorsichtig an, und der politische Faktionsgeist wurde gefährlicher durch religiöse Schwärmerei. Der siebenbürgische und ungarische Adel erhebt, von einem kühnen Rebellen Boschkai angeführt, die Fahne der Empörung. Die Aufrührer in Ungarn sind im Begriff, mit den missvergnügten Protestanten in Österreich, Mähren und Böhmen gemeine Sache zu machen und alle diese Länder in einer furchtbaren Rebellion fortzureißen. Dann war der Untergang des Papsttums in diesen Ländern unvermeidlich. Längst schon hatten die Erzherzoge von Österreich, des Kaisers Brüder, dem Verderben ihres Hauses mit stillem Unwillen zugesehen; dieser letzte Vorfall bestimmte ihren Entschluss. Erzherzog Matthias, Maximilians zweiter Sohn, Statthalter in Ungarn und Rudolphs vermutlicher Erbe, trat hervor, Habsburgs sinkendem Haus sich zur Stütze anzubieten. In jugendlichen Jahren und von einer falschen Ruhmbegierde übereilt, hatte dieser Prinz, dem Interesse seines Hauses zuwider, den Einladungen einiger niederländischen Rebellen Gehör gegeben, welche ihn in ihr Vaterland riefen, um die Freiheiten der Nation gegen seinen eigenen Anverwandten, Philipp den Zweiten, zu verteidigen. Matthias, der in der Stimme einer einzelnen Faktion die Stimme des ganzen niederländischen Volks zu vernehmen glaubte, erschien auf diesen Ruf in den Niederlanden. Aber der Erfolg entsprach ebenso wenig den Wünschen der Brabanter*, als seinen eigenen Erwartungen, und ruhmlos zog er sich aus einer unweisen Unternehmung. Desto ehrenvoller war seine zweite Erscheinung in der politischen Welt. Nachdem seine wiederholtesten Aufforderungen an den Kaiser ohne Wirkung geblieben, berief er die Erzherzoge, seine Brüder und Vettern, nach Preßburg und pflog Rat mit ihnen über des Hauses wachsende Gefahr. Einstimmig übertragen die Brüder ihm, als dem Ältesten, die Verteidigung ihres Erbteils, das ein blödsinniger Bruder verwahrloste. Alle ihre Gewalt und Rechte legen sie in die Hand dieses Ältesten und bekleiden ihn mit souveräner Vollmacht, über das gemeine Beste nach Einsicht zu verfügen. Alsobald eröffnet Matthias Unterhandlungen mit der Pforte und mit den ungarischen Rebellen, und seiner Geschicklichkeit gelingt es, den Überrest Ungarns durch einen Frieden mit den Türken und durch einen Vertrag mit den Rebellen Österreichs Ansprüche auf die verlornen Provinzen zu retten. Aber Rudolph, ebenso eifersüchtig auf seine landesherrliche Gewalt, als nachlässig sie zu behaupten, hält mit der Bestätigung dieses Friedens zurück, den er als einen strafbaren Eingriff in seine Hoheit betrachtet. Er beschuldigt den Erzherzog eines Verständnisses mit dem Feind und verräterischer Absichten auf die ungarische Krone. Die Geschäftigkeit des Matthias war nichts weniger als frei von eigennützigen Entwürfen gewesen; aber das Betragen des Kaisers beschleunigte die Ausführung dieser Entwürfe. Der Zuneigung der Ungarn, denen er kürzlich den Frieden geschenkt hatte, durch Dankbarkeit, durch seine Unterhändler der Ergebenheit des Adels versichert und in Österreich selbst eines zahlreichen Anhangs gewiss, wagt er es nun, mit seinen Absichten lauter hervorzutreten und, die Waffen in der Hand, mit dem Kaiser zu rechten. Die Protestanten in Österreich und Mähren, lange schon zum Aufstand bereit und jetzt von dem Erzherzog durch die versprochene Religionsfreiheit gewonnen, nehmen laut und öffentlich seine Partei, und ihre längst gedrohte Verbindung mit den rebellischen Ungarn kommt wirklich zustande. Eine furchtbare Verschwörung hat sich auf einmal gegen den Kaiser gebildet. Zu spät entschließt er sich, den begangenen Fehler zu verbessern; umsonst versucht er, diesen verderblichen Bund aufzulösen. Schon hat alles die Waffen in der Hand; Ungarn, Österreich und Mähren haben dem Matthias gehuldigt, welcher schon auf dem Weg nach Böhmen ist, um dort den Kaiser in seiner Burg aufzusuchen und die Nerven seiner Macht zu zerschneiden. Das Königreich Böhmen war für Österreich eine nicht viel ruhigere Besitzung als Ungarn, nur mit dem Unterschied, dass hier mehr politische Ursachen, dort mehr die Religion die Zwietracht unterhielten. In Böhmen war ein Jahrhundert vor Luther das erste Feuer der Religionskriege ausgebrochen, in Böhmen entzündete sich ein Jahrhundert nach Luther die Flamme des dreißigjährigen Kriegs. Die Sekte, welcher Johann Huß die Entstehung gegeben, lebte seitdem noch fort in Böhmen, einig mit der römischen Kirche in Zeremonie und Lehre, den einzigen Artikel des Abendmahls ausgenommen, welches der Hussite in beiden Gestalten genoss. Dieses Vorrecht hatte die Baselische Kirchenversammlung in einem eigenen Vertrag (den böhmischen Kompaktaten) Hussens Anhängern zugestanden, und wiewohl es nachher von den Päpsten widersprochen wurde, so fuhren sie dennoch fort, es unter dem Schutz der Gesetze zu genießen. Da der Gebrauch des Kelchs das einzige erhebliche Unterscheidungszeichen dieser Sekte ausmachte, so bezeichnete man sie mit dem Namen der Utraquisten (der in beiderlei Gestalt Kommunizierenden), und sie gefielen sich in diesem Namen, weil er sie an ihr so teures Vorrecht erinnerte. Aber in diesem Namen verbarg sich auch die weit strengere Sekte der böhmischen und mährischen Brüder, welche in weit bedeutendern Punkten von der herrschenden Kirche abwichen und mit den deutschen Protestanten sehr viel Ähnliches hatten. Bei beiden machten die deutschen sowohl als die schweizerischen Religionsneuerungen ein schnelles Glück, und der Name der Utraquisten, womit sie ihre veränderten Grundsätze noch immer zu bedecken wussten, schützte sie vor der Verfolgung. Im Grunde war es nichts mehr als der Name, was sie mit jenen Utraquisten gemein hatten; dem Wesen nach waren sie ganz Protestanten. Voll Zuversicht auf ihren mächtigen Anhang und auf des Kaisers Toleranz, wagten sie sich unter Maximilians Regierung mit ihren wahren Gesinnungen an das Licht. Sie setzten nach dem Beispiel der Deutschen eine eigene Konfession auf, in welcher sowohl Lutheraner als Reformierte ihre Meinungen erkannten, und wollten alle Privilegien der ehemaligen utraquistischen Kirche auf diese neue Konfession übertragen haben. Dieses Gesuch fand Widerspruch bei ihren katholischen Mitständen, und sie mussten sich mit einem bloßen Wort der Versicherung aus dem Mund des Kaisers begnügen. So lange Maximilian lebte, genossen sie einer vollkommenen Duldung auch in ihrer neuen Gestalt; unter seinem Nachfolger änderte sich die Szene. Ein kaiserliches Edikt erschien, welches den so genannten böhmischen Brüdern die Religionsfreiheit absprach. Die böhmischen Brüder unterschieden sich in nichts von den übrigen Utraquisten; das Urteil ihrer Verdammung musste daher alle böhmischen Konfessionsverwandten auf gleiche Art treffen. Alle setzten sich deswegen dem kaiserlichen Mandat auf dem Landtag entgegen, aber ohne es umstoßen zu können. Der Kaiser und die katholischen Stände stützten sich auf die Kompaktaten und auf das böhmische Landrecht, worin sich freilich zum Vorteil einer Religion noch nichts fand, die damals die Stimme der Nation noch nicht für sich hatte. Aber wie viel hatte sich seitdem verändert! Was damals bloß eine unbedeutende Sekte war, war jetzt herrschende Kirche geworden – und war es nun etwas anders, als Schikane, die Grenzen einer neu aufgekommenen Religion durch alte Verträge bestimmen zu wollen? Die böhmischen Protestanten beriefen sich auf die mündliche Versicherung Maximilians und auf die Religionsfreiheit der Deutschen, denen sie in keinem Stück nachgesetzt sein wollten. Umsonst, sie wurden abgewiesen. So standen die Sachen in Böhmen, als Matthias, bereits Herr von Ungarn, Österreich und Mähren, bei Kollin erschien, auch die böhmischen Landstände gegen den Kaiser zu empören. Des letzteren Verlegenheit stieg aufs höchste. Von allen seinen übrigen Erbstaaten verlassen, setzte er seine letzte Hoffnung auf die böhmischen Stände, von denen vorauszusehen war, dass sie seiner Not, zu Durchsetzung ihrer Forderungen, missbrauchen würden. Nach langen Jahren erschien er zu Prag wieder öffentlich auf dem Landtag, und um auch dem Volk zu zeigen, dass er wirklich noch lebe, mussten alle Fensterläden auf dem Hofgang geöffnet werden, den er passierte; Beweis genug, wie weit es mit ihm gekommen war. Was er befürchtet hatte, geschah. Die Stände, welche ihre Wichtigkeit fühlten, wollten sich nicht eher zu einem Schritte verstehen, bis man ihnen über ihre ständischen Privilegien und die Religionsfreiheit vollkommene Sicherheit geleistet hätte. Es war vergeblich, sich jetzt noch hinter die alten Ausflüchte zu verkriechen; des Kaisers Schicksal war in ihrer Gewalt, und er musste sich in die Notwendigkeit fügen. Doch geschah dieses nur in Betreff ihrer übrigen Forderungen; die Religionsangelegenheiten behielt er sich vor, auf dem nächsten Landtag zu berichtigen. Nun ergriffen die Böhmen die Waffen zu seiner Verteidigung, und ein blutiger Bürgerkrieg sollte sich nun zwischen beiden Brüdern entzünden. Aber Rudolph, der nichts so sehr fürchtete, als in dieser sklavischen Abhängigkeit von den Ständen zu bleiben, erwartete diesen nicht, sondern eilte, sich mit dem Erzherzog, seinem Bruder, auf einem friedlichen Weg abzufinden. In einer förmlichen Entsagungsakte überließ er demselben, was ihm nicht mehr zu nehmen war, Österreich und das Königreich Ungarn, und erkannte ihn als seinen Nachfolger auf dem böhmischen Thron. Teuer genug hatte sich der Kaiser aus diesem Bedrängnis gezogen, um sich unmittelbar darauf in einem neuen zu verwickeln. Die Religionsangelegenheiten der Böhmen waren auf den nächsten Landtag verwiesen worden; dieser Landtag erschien 1609. Sie forderten dieselbe freie Religionsübung, wie unter dem vorigen Kaiser, ein eigenes Konsistorium, die Einräumung der Prager Akademie und die Erlaubnis, Defensoren oder Freiheitsbeschützer aus ihrem Mittel aufzustellen. Es blieb bei der ersten Antwort; denn der katholische Teil hatte alle Entschließungen des furchtsamen Kaisers gefesselt. So oft und in so drohender Sprache auch die Stände ihre Vorstellungen erneuerten, Rudolph beharrte auf der ersten Erklärung, nichts über die alten Verträge zu bewilligen. Der Landtag ging unverrichteter Dinge auseinander, und die Stände, aufgebracht über den Kaiser, verabredeten unter sich eine eigenmächtige Zusammenkunft zu Prag, um sich selbst zu helfen. In großer Anzahl erschienen sie zu Prag. Des kaiserlichen Verbots ungeachtet, gingen die Beratschlagungen vor sich, und fast unter den Augen des Kaisers. Die Nachgiebigkeit, die er anfing zu zeigen, bewies ihnen nur, wie sehr sie gefürchtet waren, und vermehrte ihren Trotz; in der Hauptsache blieb er unbeweglich. Sie erfüllten ihre Drohungen und fassten ernstlich den Entschluss, die freie Ausübung ihrer Religion an allen Orten von selbst anzustellen und den Kaiser so lange in seinen Bedürfnissen zu verlassen, bis er diese Verfügung bestätigt hätte. Sie gingen weiter und gaben sich selbst die Defensoren, die der Kaiser ihnen verweigerte. Zehn aus jedem der drei Stände wurden ernannt: Man beschloss, auf das schleunigste eine militärische Macht zu errichten, wobei der Hauptbeförderer dieses Aufstands, der Graf von Thurn, als Generalwachtmeister angestellt wurde. Dieser Ernst brachte endlich den Kaiser zum Nachgeben, wozu jetzt sogar die Spanier ihm rieten. Aus Furcht, dass die aufs äußerste gebrachten Stände sich endlich gar dem König von Ungarn in die Arme werfen möchten, unterzeichnete er den merkwürdigen Majestätsbrief der Böhmen, durch welchen sie unter den Nachfolgern dieses Kaisers ihren Aufruhr gerechtfertigt haben. Die böhmische Konfession, welche die Stände dem Kaiser Maximilian vorgelegt hatten, erhielt in diesem Majestätsbrief vollkommen gleiche Rechte mit der katholischen Kirche. Den Utraquisten, wie die böhmischen Protestanten noch immer fortfuhren sich zu nennen, wird die Prager Universität und ein eigenes Konsistorium zugestanden, welches von dem erzbischöflichen Stuhl zu Prag durchaus unabhängig ist. Alle Kirchen, die sie zur Zeit der Ausstellung dieses Briefes in Städten, Dörfern und Märkten bereits inne haben, sollen ihnen bleiben, und wenn sie über diese Zahl noch neue erbauen lassen wollten, so soll dieses dem Herren- und Ritterstand und allen Städten unverboten sein. Diese letzte Stelle im Majestätsbriefe ist es, über welche sich nachher der unglückliche Streit entspann, der Europa in Flammen setzte. Der Majestätsbrief machte das protestantische Böhmen zu einer Art von Republik. Die Stände hatten die Macht kennen lernen, die sie durch Standhaftigkeit, Eintracht und Harmonie in ihren Maßregeln gewannen. Dem Kaiser blieb nicht viel mehr, als ein Schatten seiner landesherrlichen Gewalt; in der Person der so genannten Freiheitsbeschützer wurde dem Geist des Aufruhrs eine gefährliche Aufmunterung gegeben. Böhmens Beispiel und Glück war ein verführerischer Wink für die übrigen Erbstaaten Österreichs, und alle schickten sich an, ähnliche Privilegien auf einem ähnlichen Wege zu erpressen. Der Geist der Freiheit durchlief eine Provinz nach der andern; und da es vorzüglich die Uneinigkeit zwischen den österreichischen Prinzen war, was die Protestanten so glücklich zu benutzen gewusst hatten, so eilte man, den Kaiser mit dem König von Ungarn zu versöhnen. Aber diese Versöhnung konnte nimmermehr
aufrichtig sein. Die Beleidigung war zu schwer, um vergeben zu werden, und
Rudolph fuhr fort, einen unauslöschlichen Hass gegen Matthias in seinem Herzen
zu nähren. Mit Schmerz und Unwillen verweilte er bei dem Gedanken, dass endlich
auch das böhmische Szepter in eine so verhasste Hand kommen sollte; und die
Aussicht war nicht viel tröstlicher für ihn, wenn Matthias ohne Erben abginge.
Alsdann war Ferdinand, Erzherzog von Grätz, das Haupt der Familie, den er ebenso
wenig liebte. Diesen sowohl, als den Matthias, von der böhmischen Thronfolge
auszuschließen, verfiel er auf den Entwurf, Ferdinands Bruder, dem Erzherzog
Leopold, Bischof von Passau, der ihm unter allen seinen Agnaten der liebste und
der verdienteste um seine Person war, diese Erbschaft zuzuwenden. Die Begriffe
der Böhmen von der Wahlfreiheit ihres Königreichs und ihre Neigung zu Leopolds
Person, schienen diesen Entwurf zu begünstigen, bei welchem Rudolph mehr seine
Parteilichkeit und Rachgier, als das Beste seines Hauses zu Rat gezogen hatte.
Aber um dieses Projekt durchzusetzen, bedurfte es einer militärischen Macht,
welche Rudolph auch wirklich im Bistum Passau zusammenzog. Die Bestimmung dieses
Korps wusste niemand; aber ein unversehener Einfall, den es, aus Abgang des
Soldes und ohne Wissen des Kaisers, in Böhmen tat, und die Ausschweifungen, die
es da verübte, brachte dieses ganze Königreich in Aufruhr gegen den Kaiser.
Umsonst versicherte dieser die böhmischen Stände seiner Unschuld, sie glaubten
ihm nicht; umsonst versuchte er den eigenmächtigen Gewalttätigkeiten seiner
Soldaten Einhalt zu tun, sie hörten ihn nicht. In der Voraussetzung, dass es auf
Vernichtung des Majestätsbriefes abgesehen sei, bewaffneten die
Freiheitsbeschützer das ganze protestantische Böhmen, und Matthias wurde ins
Land gerufen. Nach Verjagung seiner Passauischen Truppen blieb der Kaiser,
entblößt von aller Hilfe, zu Prag, wo man ihn, gleich einem Gefangenen, in
seinem eigenen Schlosse bewachte und alle seine Räte von ihm entfernte. Matthias
war unterdessen unter allgemeinem Frohlocken in Prag eingezogen, wo Rudolph kurz
nachher kleinmütig genug war, ihn als König von Böhmen anzuerkennen. So hart
strafte diesen Kaiser das Schicksal, dass er seinem Feind noch lebend einen
Thron überlassen musste, den er ihm nach seinem Tode nicht gegönnt hatte. Seine
Demütigung zu vollenden, nötigte man ihn, seine Untertanen in Böhmen, Schlesien
und der Lausitz durch eine eigenhändige Entsagungsakte aller ihrer Pflichten zu
entlassen; und er tat dieses mit zerrissener Seele. Alles, auch die er sich am
meisten verpflichtet zu haben glaubte, hatte ihn verlassen. Als die
Unterzeichnung geschehen war, warf er den Hut zur Erde und zerbiss die Feder,
die ihm einen so schimpflichen Dienst geleistet hatte. Fast alle Angelegenheiten des Reichstags blieben entweder aus Saumseligkeit des Kaisers oder durch die Schuld der protestantischen Reichsstände liegen, welche es sich zum Gesetz gemacht hatten, nicht eher zu den gemeinschaftlichen Bedürfnissen des Reichs etwas beizutragen, bis ihre Beschwerden gehoben wären. Diese Beschwerden wurden vorzüglich über das schlechte Regiment des Kaisers, über Kränkung des Religionsfriedens und über die neuen Anmaßungen des Reichshofrats geführt, welcher unter dieser Regierung angefangen hatte, zum Nachteil des Kammergerichts seine Gerichtsbarkeit zu erweitern. Sonst hatten die Kaiser in unwichtigen Fällen für sich allein, in wichtigen mit Zuziehung der Fürsten, alle Rechtshändel zwischen den Ständen, die das Faustrecht nicht ohne sie ausmachte, in höchster Instanz entschieden oder durch kaiserliche Richter, die ihrem Hoflager folgten, entscheiden lassen. Dieses oberrichterliche Amt hatten sie am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts einem regelmäßigen, fortdauernden und stehenden Tribunal, dem Kammergericht zu Speyer, übertragen, zu welchem die Stände des Reichs, um nicht durch die Willkür des Kaisers unterdrückt zu werden, sich vorbehielten, die Beisitzer zu stellen, auch die Aussprüche des Gerichts durch periodische Revisionen zu untersuchen. Durch den Religionsfrieden war dieses Recht der Stände, das Präsentations- und Visitationsrecht genannt, auch auf die Lutherischen ausgedehnt worden, so dass nunmehr auch protestantische Richter in protestantischen Rechtshändeln sprachen und ein scheinbares Gleichgewicht beider Religionen in diesem höchsten Reichsgericht stattfand. Aber die Feinde der Reformation und der ständischen Freiheit, wachsam auf jeden Umstand, der ihre Zwecke begünstigte, fanden bald einen Ausweg, den Nutzen dieser Einrichtung zu zerstören. Nach und nach kam es auf, dass ein Privatgerichtshof des Kaisers, der Reichshofrat in Wien – anfänglich zu nichts anderem bestimmt, als dem Kaiser in Ausübung seiner unbezweifelten, persönlichen Kaiserrechte mit Rat an die Hand zu gehen – ein Tribunal, dessen Mitglieder, von dem Kaiser allein willkürlich aufgestellt und von ihm allein besoldet, den Vorteil ihres Herrn zu ihrem höchsten Gesetze und das Beste der katholischen Religion, zu welcher sie sich bekannten, zu ihrer einzigen Richtschnur machen mussten – die höchste Justiz über die Reichsstände ausübte. Vor den Reichshofrat wurden nunmehr viele Rechtshändel zwischen Ständen ungleicher Religion gezogen, über welche zu sprechen nur dem Kammergericht gebührte und vor Entstehung desselben dem Fürstenrat gebührt hatte. Kein Wunder, wenn die Aussprüche dieses Gerichtshofs ihren Ursprung verrieten, wenn von katholischen Richtern und von Kreaturen des Kaisers dem Interesse der katholischen Religion und des Kaisers die Gerechtigkeit aufgeopfert wurde. Obgleich alle Reichsstände Deutschlands Ursache zu haben schienen, einem so gefährlichen Missbrauch in Zeiten zu begegnen, so stellten sich doch bloß allein die Protestanten, welche er am empfindlichsten drückte, und unter diesen nicht einmal alle, als Verteidiger der deutschen Freiheit auf, die ein so willkürliches Institut an ihrer heiligsten Stelle, an der Gerechtigkeitspflege, verletzte. In der Tat würde Deutschland gar wenig Ursache gehabt haben, sich zu Abschaffung des Faustrechts und Einsetzung des Kammergerichts Glück zu wünschen, wenn neben dem letztern noch eine willkürliche kaiserliche Gerichtsbarkeit stattfinden durfte. Die deutschen Reichsstände würden sich gegen jene Zeiten der Barbarei* gar wenig verbessert haben, wenn das Kammergericht, wo sie zugleich mit dem Kaiser zu Gericht saßen, für welches sie doch das ehemalige Fürstenrecht aufgegeben hatten, aufhören sollte, eine notwendige Instanz zu sein. Aber in den Köpfen dieses Zeitalters wurden oft die seltsamsten Widersprüche vereinigt. Dem Namen Kaiser, einem Vermächtnisse des despotischen Roms, klebte damals noch ein Begriff von Machtvollkommenheit an, der gegen das übrige Staatsrecht der Deutschen den lächerlichsten Abstich machte, aber nichtsdestoweniger von den Juristen in Schutz genommen, von den Beförderern des Despotismus verbreitet und von den Schwachen geglaubt wurde. An diese allgemeinen Beschwerden schloss sich nach und nach eine Reihe von besondern Vorfällen an, welche die Besorgnis der Protestanten zuletzt bis zu dem höchsten Misstrauen spannten. Während der spanischen Religionsverfolgungen in den Niederlanden hatten sich einige protestantische Familien in die katholische Reichsstadt Aachen* geflüchtet, wo sie sich bleibend niederließen und unvermerkt ihren Anhang vermehrten. Nachdem es ihnen durch List gelungen war, einige ihres Glaubens in den Stadtrat zu bringen, so forderten sie eine eigene Kirche und einen öffentlichen Gottesdienst, welchen sie sich, da sie eine abschlägige Antwort erhielten, nebst dem ganzen Stadtregiment auf einem gewaltsamen Weg verschafften. Eine so ansehnliche Stadt in protestantischen Händen zu sehen, war ein zu harter Schlag für den Kaiser und die ganze katholische Partei. Nachdem alle kaiserlichen Ermahnungen und Befehle zur Wiederherstellung des vorigen Zustandes fruchtlos geblieben, erklärte ein Schluss des Reichshofrats die Stadt in die Reichsacht, welche aber erst unter der folgenden Regierung vollzogen wurde. Von größerer Bedeutung waren zwei andre Versuche der Protestanten, ihr Gebiet und ihre Macht zu erweitern. Kurfürst Gebhard zu Köln, geborner Truchsess von Waldburg, empfand für die junge Gräfin Agnes von Mansfeld, Kanonissin zu Gerresheim, eine heftige Liebe, die nicht unerwidert blieb. Da die Augen von ganz Deutschland auf dieses Verständnis gerichtet waren, so forderten die Brüder der Gräfin, zwei eifrige Kalvinisten, Genugtuung für die beleidigte Ehre ihres Hauses, die, solange der Kurfürst ein katholischer Bischof blieb, durch keine Heirat gerettet werden konnte. Sie drohten dem Kurfürsten, in seinem und ihrer Schwester Blut diese Schande zu tilgen, wenn er nicht sogleich allem Umgang mit der Gräfin entsagte oder ihre Ehre vor dem Altar wiederherstellte. Der Kurfürst, gleichgültig gegen alle Folgen dieses Schrittes, hörte nichts, als die Stimme der Liebe. Sei es, dass er der reformierten Religion überhaupt schon geneigt war, oder dass die Reize seiner Geliebten allein dieses Wunder wirkten – er schwur den katholischen Glauben ab und führte die schöne Agnes zum Altar. Der Fall war von der höchsten Bedenklichkeit. Nach dem Buchstaben des geistlichen Vorbehalts hatte der Kurfürst durch diese Apostasie alle Rechte an sein Erzstift verloren, und wenn es den Katholiken bei irgendeiner Gelegenheit wichtig war, den geistlichen Vorbehalt durchzusetzen, so war es bei Kurfürstentümern wichtig. Auf der andern Seite war die Scheidung von der höchsten Gewalt ein so harter Schritt, und umso härter für einen so zärtlichen Gemahl, der den Wert seines Herzens und seiner Hand durch das Geschenk eines Fürstentums so gern zu erhöhen gewünscht hätte. Der geistliche Vorbehalt war ohnehin ein bestrittener Artikel des Augsburger Friedens, und dem ganzen protestantischen Deutschland schien es von äußerster Wichtigkeit zu sein, dem katholischen Teil diese vierte Kur zu entreißen. Das Beispiel selbst war schon in mehreren geistlichen Stiftern Niederdeutschlands gegeben und glücklich durchgesetzt worden. Mehrere Domkapitularen aus Köln waren bereits Protestanten und auf des Kurfürsten Seite; in der Stadt selbst war ihm ein zahlreicher protestantischer Anhang gewiss. Alle diese Gründe, denen das Zureden seiner Freunde und Verwandten und die Versprechungen vieler deutschen Höfe noch mehr Stärke gaben, brachten den Kurfürsten zu dem Entschluss, auch bei veränderter Religion sein Erzstift beizubehalten. Aber bald genug zeigte sich’s, dass er einen Kampf unternommen hatte, den er nicht endigen konnte. Schon die Freigabe des protestantischen Gottesdienstes in den Kölnischen Landen hatte bei den katholischen Landständen und Domkapitularen den heftigsten Widerspruch gefunden. Die Dazwischenkunft des Kaisers und ein Bannstrahl* aus Rom, der ihn als einen Apostaten verfluchte, und aller seiner sowohl geistlichen als weltlichen Würden entsetzte, bewaffnete gegen ihn seine Landstände und sein Kapitel. Der Kurfürst sammelte eine militärische Macht; die Kapitularen taten ein Gleiches. Um sich schnell eines mächtigen Arms zu versichern, eilten sie zu einer neuen Kurfürstenwahl, welche für den Bischof von Lüttich, einen bayerischen Prinzen, entschieden wurde. Ein bürgerlicher Krieg fing jetzt an, der, bei dem großen Anteil, den beide Religionsparteien in Deutschland an diesem Vorfall notwendig nehmen mussten, leicht in eine allgemeine Auflösung des Reichsfriedens endigen konnte. Am meisten empörte es die Protestanten, dass der Papst sich hatte herausnehmen dürfen, aus angemaßter apostolischer Gewalt einen Reichsfürsten seiner Reichswürden zu entkleiden. Noch in den goldnen Zeiten ihrer geistlichen Herrschaft war den Päpsten dieses Recht widersprochen worden; wie viel mehr in einem Jahrhundert, wo ihr Ansehen bei einem Teil gänzlich gestürzt war und bei dem andern auf sehr schwachen Pfeilern ruhte! Alle protestantischen Höfe Deutschlands nahmen sich dieser Sache nachdrücklich bei dem Kaiser an; Heinrich der Vierte von Frankreich, damals noch König von Navarra, ließ keinen Weg der Unterhandlung unversucht, den deutschen Fürsten die Handhabung ihrer Rechte kräftig zu empfehlen. Der Fall war entscheidend für Deutschlands Freiheit. Vier protestantische Stimmen gegen drei katholische im Kurfürstenrat mussten das Übergewicht der Macht auf protestantische Seite neigen und dem österreichischen Haus den Weg zum Kaiserthron auf ewig versperren. Aber Kurfürst Gebhard hatte die reformierte und nicht die lutherische Religion ergriffen; dieser einzige Umstand machte sein Unglück. Die Erbitterung dieser beiden Kirchen gegeneinander ließ es nicht zu, dass die evangelischen Reichsstände den Kurfürsten als den Ihrigen ansahen und als einen solchen mit Nachdruck unterstützten. Alle hatten ihm zwar Mut zugesprochen und Hilfe zugesagt; aber nur ein apanagierter Prinz des pfälzischen Hauses, Pfalzgraf Johann Casimir, ein kalvinischer Eiferer, hielt ihm Wort. Dieser eilte, des kaiserlichen Verbots ungeachtet, mit seinem kleinen Heer ins Kölnische, doch ohne etwas Erhebliches auszurichten, weil ihn der Kurfürst, selbst von dem Notwendigsten entblößt, ganz und gar ohne Hilfe ließ. Desto schnellere Fortschritte machte der neupostulierte Kurfürst, den seine bayerischen Verwandten und die Spanier von den Niederlanden aus aufs kräftigste unterstützten. Die Gebhardischen Truppen, von ihrem Herrn ohne Sold gelassen, lieferten dem Feind einen Platz nach dem andern aus; andere wurden zur Übergabe gezwungen. Gebhard hielt sich noch etwas länger in seinen westfälischen Landen, bis er auch hier der Übermacht zu weichen gezwungen war. Nachdem er in Holland und England mehrere vergebliche Versuche zu seiner Wiederherstellung getan, zog er sich in das Stift Straßburg zurück, um dort als Domdechant zu sterben; das erste Opfer des geistlichen Vorbehalts, oder vielmehr der schlechten Harmonie unter den deutschen Protestanten. An diese kölnische Streitigkeit knüpfte sich kurz nachher eine neue in Straßburg an. Mehrere protestantische Domkapitularen aus Köln, die der päpstliche Bannstrahl* zugleich mit dem Kurfürsten getroffen hatte, hatten sich in dieses Bistum geflüchtet, wo sie gleichfalls Präbenden besaßen. Da die katholischen Kapitularen in dem Straßburger Stift Bedenken trugen, ihnen als Geächteten den Genuss ihrer Präbenden zu gestatten, so setzten sie sich eigenmächtig und gewaltsam in Besitz, und ein mächtiger protestantischer Anhang unter den Bürgern von Straßburg verschaffte ihnen bald die Oberhand in dem Stift. Die katholischen Domherren entwichen nach Elsass-Zabern, wo sie unter dem Schutz ihres Bischofs ihr Kapitel als das einzig rechtmäßige fortführten und die in Straßburg Zurückgebliebenen für unecht erklärten. Unterdessen hatten sich diese letztern durch Aufnahme mehrerer protestantischer Mitglieder von hohem Rang verstärkt, dass sie sich nach dem Absterben des Bischofs herausnehmen konnten, in der Person des Prinzen Johann Georg von Brandenburg einen neuen protestantischen Bischof zu postulieren. Die katholischen Domherren, weit entfernt, diese Wahl zu genehmigen, postulierten den Bischof von Metz, einen Prinzen von Lothringen, zu dieser Würde, der seine Erhebung sogleich durch Feindseligkeiten gegen das Gebiet von Straßburg verkündigte. Da die Stadt Straßburg für das protestantische Kapitel und den Prinzen von Brandenburg zu den Waffen griff, die Gegenpartei aber mit Hilfe lothringischer Truppen die Stiftsgüter an sich zu reißen suchte, so kam es zu einem langwierigen Krieg, der, nach dem Geist jener Zeiten, von einer barbarischen* Verheerung begleitet war. Umsonst trat der Kaiser mit seiner höchsten Autorität dazwischen, den Streit zu entscheiden: Die Stiftsgüter blieben noch lange Zeit zwischen beiden Parteien geteilt, bis endlich der protestantische Prinz für ein mäßiges Äquivalent an Geld seinen Ansprüchen entsagte und also auch hier die katholische Kirche siegreich davon ging. Noch bedenklicher war für das ganze protestantische Deutschland, was sich, bald nach Schlichtung des vorigen Streits, mit Donauwörth, einer schwäbischen Reichsstadt, ereignete. In dieser sonst katholischen Stadt war unter Ferdinands und seines Sohnes Regierung die protestantische Religionspartei auf dem gewöhnlichen Wege so sehr die herrschende geworden, dass sich die katholischen Einwohner mit einer Nebenkirche im Kloster des heiligen Kreuzes begnügen und dem Ärgernis der Protestanten ihre meisten gottesdienstlichen Gebräuche entziehen mussten. Endlich wagte es ein fanatischer Abt* dieses Klosters, der Volksstimme zu trotzen und eine öffentliche Prozession mit Vortragung des Kreuzes und fliegenden Fahnen anzustellen; aber man zwang ihn bald, von diesem Vorhaben abzustehen. Als dieser nämliche Abt*, durch eine günstige kaiserliche Erklärung ermuntert, ein Jahr darauf diese Prozession wiederholte, schritt man zu offenbarer Gewalt. Der fanatische Pöbel sperrte den zurückkommenden Klosterbrüdern das Tor, schlug ihre Fahnen zu Boden und begleitete sie unter Schreien und Schimpfen nach Hause. Eine kaiserliche Zitation war die Folge dieser Gewalttätigkeit; und als das aufgebrachte Volk sogar Miene machte, sich an den kaiserlichen Kommissarien zu vergreifen, als alle Versuche einer gütlichen Beilegung von dem fanatischen Haufen rückgängig gemacht wurden, so erfolgte endlich die förmliche Reichsacht gegen die Stadt, welche zu vollstrecken dem Herzog Maximilian von Bayern übertragen wurde. Kleinmut ergriff die sonst so trotzige Bürgerschaft bei Annäherung des bayerischen Heeres, und ohne Widerstand streckte sie die Waffen. Die gänzliche Abschaffung der protestantischen Religion in ihren Mauern war die Strafe ihres Vergehens. Die Stadt verlor ihre Privilegien und wurde aus einer schwäbischen Reichsstadt in eine bayerische Landstadt verwandelt. Zwei Umstände begleiteten diesen Vorgang, welche die höchste Aufmerksamkeit der Protestanten erregen mussten, wenn auch das Interesse der Religion weniger wirksam bei ihnen gewesen wäre. Der Reichshofrat, ein willkürliches und durchaus katholisches Tribunal, dessen Gerichtsbarkeit ohnehin so heftig von ihnen bestritten wurde, hatte das Urteil gefällt; und dem Herzog von Bayern, dem Chef eines fremden Kreises, hatte man die Vollstreckung desselben übertragen. So konstitutionswidrige Schritte kündigten ihnen von katholischer Seite gewalttätige Maßregeln an, welche sich leicht auf geheime Verabredungen und einen gefährlichen Plan stützen und mit der gänzlichen Unterdrückung ihrer Religionsfreiheit endigen konnten. In einem Zustand, wo das Recht der Stärke gebietet, und auf der Macht allein alle Sicherheit beruht, wird immer der schwächste Teil der geschäftigste sein, sich in Verteidigungsstand zu setzen. Dieses war jetzt der Fall auch in Deutschland. Wenn von den Katholiken wirklich etwas Schlimmes gegen die Protestanten beschlossen war, so musste, der vernünftigsten Berechnung nach, der erste Streich vielmehr in das südliche als in das nördliche Deutschland schlagen, weil die niederdeutschen Protestanten in einer langen unterbrochenen Länderstrecke miteinander zusammenhingen und sich also sehr leicht unterstützen konnten, die oberdeutschen aber, von den übrigen abgetrennt und um und um von katholischen Staaten umlagert, jedem Einfall bloßgestellt waren. Wenn ferner, wie zu vermuten war, die Katholiken die innern Trennungen der Protestanten benutzen und ihren Angriff gegen eine einzelne Religionspartei richten würden, so waren die Kalvinisten, als die Schwächern und welche ohnehin vom Religionsfrieden abgeschlossen waren, augenscheinlich in einer nähern Gefahr, und auf sie musste der erste Streich niederfallen. Beides traf in den kurpfälzischen Ländern zusammen, welche an dem Herzog von Bayern einen sehr bedenklichen Nachbar hatten, wegen ihres Rückfalls zum Kalvinismus aber von dem Religionsfrieden keinen Schutz und von den evangelischen Ständen wenig Beistand hoffen konnten. Kein deutsches Land hat in so kurzer Zeit so schnelle Religionswechsel erfahren, als die Pfalz in damaligen Zeiten. In dem kurzen Zeitraum von sechzig Jahren sah man dieses Land, ein unglückliches Spielwerk seiner Beherrscher, zweimal zu Luthers Glaubenslehre schwören und diese Lehre zweimal für den Kalvinismus verlassen. Kurfürst Friedrich der Dritte war der Augsburgischen Konfession zuerst ungetreu geworden, welche sein erstgeborner Sohn und Nachfolger, Ludwig, schnell und gewaltsam wieder zur herrschenden machte. Im ganzen Land wurden die Kalvinisten ihrer Kirchen beraubt, ihre Prediger und selbst die Schullehrer ihrer Religion aus den Grenzen verwiesen, und auch noch in seinem Testament verfolgte sie der eifrig evangelische Fürst, indem er nur streng orthodoxe Lutheraner zu Vormündern seines minderjährigen Prinzen ernannte. Aber dieses gesetzwidrige Testament vernichtete Pfalzgraf Johann Casimir, sein Bruder, und nahm nach den Vorschriften der goldnen Bulle Besitz von der Vormundschaft und der ganzen Verwaltung des Landes. Dem neunjährigen Kurfürsten (Friedrich dem Vierten) gab man Kalvinische Lehrer, denen aufgetragen war, den lutherischen Ketzerglauben, selbst, wenn es sein müsste, mit Schlägen, aus der Seele ihres Zöglings heraus zu treiben. Wenn man so mit dem Herrn verfuhr, so lässt sich leicht auf die Behandlung des Untertans schließen. Unter diesem Friedrich dem Vierten war es, wo sich der pfälzische Hof ganz besonders geschäftig zeigte, die protestantischen Stände Deutschlands zu einträchtigen Maßregeln gegen das Haus Österreich zu vermögen und wo möglich einen allgemeinen Zusammentritt derselben zustande zu bringen. Neben dem, dass dieser Hof durch französische Ratschläge geleitet wurde, von denen immer der Hass gegen Österreich die Seele war, zwang ihn die Sorge für seine eigne Sicherheit, sich gegen einen nahen und überlegenen Feind des so zweifelhaften Schutzes der Evangelischen bei Zeiten zu versichern. Große Schwierigkeiten setzten sich dieser Vereinigung entgegen; weil die Abneigung der Evangelischen gegen die Reformierten kaum geringer war, als ihr gemeinschaftlicher Abscheu vor den Papisten. Man versuchte also zuerst, die Religionen zu vereinigen, um dadurch die politische Verbindung zu erleichtern; aber alle diese Versuche schlugen fehl und endigten gewöhnlich damit, dass sich jeder Teil nur desto mehr in seiner Meinung befestigte. Nichts blieb also übrig, als die Furcht und das Misstrauen der Evangelischen zu vermehren und dadurch die Notwendigkeit einer solchen Vereinigung herbei zu führen. Man vergrößerte die Macht der katholischen; man übertrieb die Gefahr; zufällige Ereignisse wurden einem überdachten Plan zugeschrieben, unschuldige Vorfälle durch gehässige Auslegungen entstellt und dem ganzen Betragen der Katholischen eine Übereinstimmung und Planmäßigkeit geliehen, wovon sie wahrscheinlich weit entfernt gewesen sind. Der Reichstag zu Regensburg, auf welchem die Protestanten sich Hoffnung gemacht hatten, die Erneuerung des Religionsfriedens durchzusetzen, hatte sich fruchtlos zerschlagen, und zu ihren bisherigen Beschwerden war noch die neuerliche Unterdrückung von Donauwörth hinzugekommen. Unglaublich schnell kam die so lange gesuchte Vereinigung zustande. Zu Anhausen in Franken traten (1608) der Kurfürst Friedrich der Vierte von der Pfalz, der Pfalzgraf von Neuburg, zwei Markgrafen von Brandenburg, der Markgraf von Baden und der Herzog Johann Friedrich von Wirtenberg – also Lutheraner mit Kalvinisten – für sich und ihre Erben in ein enges Bündnis, die evangelische Union genannt, zusammen. Der Inhalt derselben war, dass die unierten Fürsten, in Angelegenheiten der Religion und ihrer ständischen Rechte, einander wechselweise gegen jeden Beleidiger mit Rat und Tat unterstützen und alle für einen Mann stehen sollten; dass einem jeden mit Krieg überzogenen Mitglied der Union von den übrigen sogleich mit einer kriegerischen Macht sollte beigesprungen, jedem im Notfall für seine Truppen die Ländereien, die Städte und Schlösser der mitunierten Stände geöffnet, was erobert würde aber, nach Verhältnis des Beitrags, den ein jedes dazu gegeben, unter sämtliche Glieder verteilt werden sollte. Die Direktion des ganzen Bundes wurde in Friedenszeiten Kurpfalz überlassen, doch mit eingeschränkter Gewalt, zu Bestreitung der Unkosten Vorschüsse gefordert und ein Fond niedergelegt. Die Religionsverschiedenheit (zwischen Lutheranern und Kalvinisten) sollte auf den Bund keinen Einfluss haben, das Ganze auf zehn Jahre gelten. Jedes Mitglied der Union hatte sich zugleich anheischig machen müssen, neue Mitglieder anzuwerben. Kurbrandenburg ließ sich bereitwillig finden; Kursachsen missbilligte den Bund. Hessen konnte keine freie Entschließung fassen; die Herzoge von Braunschweig und Lüneburg hatten gleichfalls Bedenklichkeiten. Aber die drei Reichsstädte Straßburg, Nürnberg und Ulm waren keine unwichtige Eroberung für den Bund, weil man ihres Geldes sehr bedürftig war und ihr Beispiel von mehreren andern Reichsstädten nachgeahmt werden konnte. Die unierten Stände, einzeln mutlos und wenig gefürchtet, führten nach geschlossener Vereinigung eine kühnere Sprache. Sie brachten durch den Fürsten Christian von Anhalt ihre gemeinschaftlichen Beschwerden und Forderungen vor den Kaiser, unter denen die Wiederherstellung Donauwörths, die Aufhebung der kaiserlichen Hofprozesse und die Reformen seines eignen Regiments und seiner Ratgeber den obersten Platz einnahmen. Zu diesen Vorstellungen hatten sie gerade die Zeit gewählt, wo der Kaiser von den Unruhen in seinen Erbländern kaum zu Atem kommen konnte; wo er Österreich und Ungarn kürzlich an Matthias verloren und seine böhmische Krone bloß durch Bewilligung des Majestätsbriefs gerettet hatte; wo endlich durch die jülichische Suzession schon von fern ein neues Kriegsfeuer zubereitet wurde. Kein Wunder, dass dieser langsame Fürst sich jetzt weniger als je in seinen Entschließungen übereilte, und die Union früher zu dem Schwert griff, als der Kaiser sich besonnen hatte. Die Katholiken bewachten mit Blicken voll Argwohn die Union; die Union hütete ebenso misstrauisch die Katholiken und den Kaiser; der Kaiser beide; und auf allen Seiten waren Furcht und Erbitterung aufs höchste gestiegen. Und gerade in diesem bedenklichen Zeitpunkt musste sich durch den Tod des Herzogs Johann Wilhelm von Jülich eine höchst streitige Erbfolge in den jülich-clevischen Ländern eröffnen. Acht Kompetenten meldeten sich zu dieser Erbschaft, deren Unzertrennlichkeit durch solenne Verträge festgesetzt worden war; und der Kaiser, der Lust bezeigte, sie als ein erledigtes Reichslehen einzuziehen, konnte für den neunten gelten. Vier von diesen, der Kurfürst von Brandenburg, der Pfalzgraf von Neuburg, der Pfalzgraf von Zweibrücken und der Markgraf von Burgau*, ein österreichischer Prinz, forderten es als ein Weiberlehen, im Namen von vier Prinzessinnen, Schwestern des verstorbenen Herzogs. Zwei andere, der Kurfürst von Sachsen, albertinischer, und die Herzoge von Sachsen, ernestinischer Linie, beriefen sich auf eine frühere Anwartschaft, welche ihnen Kaiser Friedrich der Dritte auf diese Erbschaft erteilt und Maximilian der Erste beiden sächsischen Häusern bestätigt hatte. Auf die Ansprüche einiger auswärtiger Prinzen wurde wenig geachtet. Das nächste Recht war vielleicht auf der Seite Brandenburgs und Neuburgs, und es schien beide Teile ziemlich gleich zu begünstigen. Beide Höfe ließen auch sogleich nach Eröffnung der Erbschaft Besitz ergreifen; den Anfang machte Brandenburg, und Neuburg folgte. Beide fingen ihren Streit mit der Feder an und würden ihn wahrscheinlich mit dem Degen geendigt haben; aber die Dazwischenkunft des Kaisers, der diesen Rechtshandel vor seinen Thron ziehen, einstweilen aber die streitigen Länder in Sequester nehmen wollte, brachte beide streitende Parteien zu einem schnellen Vergleich, um die gemeinschaftliche Gefahr abzuwenden. Man kam überein, das Herzogtum in Gemeinschaft zu regieren. Umsonst, dass der Kaiser die Landstände auffordern ließ, ihren neuen Herren die Huldigung zu verweigern – umsonst, dass er seinen eignen Anverwandten, den Erzherzog Leopold, Bischof von Passau und Straßburg, ins Jülichische schickte, um dort durch seine persönliche Gegenwart der kaiserlichen Partei aufzuhelfen. Das ganze Land, außer Jülich, hatte sich den protestantischen Prinzen unterworfen, und die kaiserliche Partei wurde in dieser Hauptstadt belagert. Die jülichische Streitigkeit war dem ganzen deutschen Reich wichtig und erregte sogar die Aufmerksamkeit mehrerer europäischer Höfe. Es war nicht sowohl die Frage, wer das jülichische Herzogtum besitzen und wer es nicht besitzen sollte? – Die Frage war, welche von beiden Parteien in Deutschland, die katholische oder die protestantische, sich um eine so ansehnliche Besitzung vergrößern, für welche von beiden Religionen dieser Landstrich gewonnen oder verloren werden sollte? Die Frage war, ob Österreich abermals in seinen Anmaßungen durchdringen und seine Ländersucht mit einem neuen Raub vergnügen, oder ob Deutschlands Freiheit und das Gleichgewicht seiner Macht gegen die Anmaßungen Österreichs behauptet werden sollte? Der jülichische Erbfolgestreit war also eine Angelegenheit für alle Mächte, welche Freiheit begünstigten und Österreich anfeindeten. Die evangelische Union, Holland, England und vorzüglich Heinrich der Vierte von Frankreich wurden darein gezogen. Dieser Monarch, der die schönste Hälfte seines Lebens an das Haus Österreich und Spanien verloren, der nur mit ausdauernder Heldenkraft endlich alle Berge erstiegen, welche dieses Haus zwischen ihn und den französischen Thron gewälzt hatte, war bis hierher kein müßiger Zuschauer der Unruhen in Deutschland gewesen. Eben dieser Kampf der Stände mit dem Kaiser schenkte und sicherte seinem Frankreich den Frieden. Die Protestanten und Türken waren die zwei heilsamen Gewichte, welche die österreichische Macht in Osten und Westen danieder zogen, aber in ihrer ganzen Schrecklichkeit stand sie wieder auf, sobald man ihr vergönnte, diesen Zwang abzuwerfen. Heinrich der Vierte hatte ein halbes Menschenalter lang das ununterbrochene Schauspiel von österreichischer Herrschbegierde und österreichischem Länderdurst vor Augen, den weder Widerwärtigkeit, noch selbst Geistesarmut, die doch sonst alle Leidenschaften mäßigt, in einer Brust löschen konnten, worin nur ein Tropfen von dem Blut Ferdinands des Arragoniers floss. Die österreichische Ländersucht hatte schon seit einem Jahrhundert Europa aus einem glücklichen Frieden gerissen und in dem Innern seiner vornehmsten Staaten eine gewaltsame Veränderung bewirkt. Sie hatte die Äcker von Pflügern, die Werkstätten von Künstlern entblößt, um die Länder mit ungeheueren, nie gesehenen Heeresmassen, kaufmännische Meere mit feindseligen Flotten zu bedecken. Sie hatte den europäischen Fürsten die Notwendigkeit auferlegt, den Fleiß ihrer Untertanen mit nie erhörten Schatzungen zu beschweren und die beste Kraft ihrer Staaten, für die Glückseligkeit ihrer Bewohner verloren, in einer notgedrungenen Verteidigung zu erschöpfen. Für Europa war kein Friede, für seine Staaten kein Gedeihen, kein Plan von Dauer für der Völker Glück, solange es diesem gefährlichen Geschlecht überlassen blieb, nach Gefallen die Ruhe dieses Weltteils zu stören. Betrachtungen dieser Art umwölkten Heinrichs Gemüt am Abend eines glorreich geführten Lebens. Was hatte es ihm nicht gekostet, das trübe Chaos* zu ordnen, worin der Tumult eines langwierigen Bürgerkriegs, von eben diesem Österreich angefacht und unterhalten, Frankreich gestürzt hatte! Jeder große Mensch will für die Ewigkeit gearbeitet haben, und wer bürgte diesem König für die Dauer des Wohlstandes, worin er Frankreich verließ, solange Österreich und Spanien eine einzige Macht blieben, die jetzt zwar entkräftet daniederlag, aber nur ein einziges, glückliches Ungefähr brauchte, um sich schnell wieder in einen Körper zusammenzuziehen und in ihrer ganzen Furchtbarkeit wieder aufzuleben? Wollte er seinem Nachfolger einen fest gegründeten Thron, seinem Volk einen dauerhaften Frieden zurücklassen, so musste diese gefährliche Macht auf immer entwaffnet werden. Aus dieser Quelle floss der unversöhnliche Hass, welchen Heinrich der Vierte dem Haus Österreich geschworen – unauslöschlich, glühend und gerecht, wie Hannibals Feindschaft gegen Romulus Volk, aber durch einen edleren Ursprung geadelt. Alle Mächte Europas hatten diese große Aufforderung mit Heinrich gemein; aber nicht alle diese lichtvolle Politik, nicht alle den uneigennützigen Mut, nach einer solchen Aufforderung sich in Handlung zu setzen. Jeden, ohne Unterschied, reizt der nahe Gewinn, aber nur große Seelen wird das entfernte Gute bewegen. Solange die Weisheit bei ihrem Vorhaben auf Weisheit rechnet oder sich auf ihre eignen Kräfte verlässt, entwirft sie keine anderen als schimärische Pläne, und die Weisheit läuft Gefahr, sich zum Gelächter der Welt zu machen – aber ein glücklicher Erfolg ist ihr gewiss, und sie kann auf Beifall und Bewunderung zählen, sobald sie in ihren geistreichen Plänen eine Rolle für Barbarei*, Habsucht und Aberglauben hat und die Umstände ihr vergönnen, eigennützige Leidenschaften zu Vollstreckern ihrer schönen Zwecke zu machen. In dem ersteren Fall hätte Heinrichs bekanntes Projekt, das österreichische Haus aus allen seinen Besitzungen zu verjagen und unter die europäischen Mächte seinen Raub zu verteilen, den Namen einer Schimäre wirklich verdient, womit man immer so freigebig gegen dasselbe gewesen ist; aber verdiente es ihn auch in dem andern? Dem vortrefflichen König war es wohl nie eingefallen, bei den Vollstreckern seines Projekts auf einen Beweggrund zu zählen, welcher demjenigen ähnlich gewesen wäre, der ihn selbst und seinen Sully bei dieser Unternehmung beseelte. Alle Staaten, deren Mitwirkung dabei nötig war, wurden durch die stärksten Motive, die eine politische Macht nur immer in Handlung setzen können, zu der Rolle vermocht, die sie dabei zu übernehmen hatten. Von den Protestanten im Österreichischen verlangte man nichts, als was ohnehin das Ziel ihres Bestrebens schien, die Abwerfung des österreichischen Joches; von den Niederländern nichts, als einen ähnlichen Abfall von dem spanischen. Dem Papst und allen Republiken Italiens war keine Angelegenheit wichtiger, als die spanische Tyrannei auf immer von ihrer Halbinsel zu verjagen; für England konnte nichts wünschenswürdiger sein, als eine Revolution, welche es von seinem abgesagtesten Feind befreite. Jede Macht gewann bei dieser Teilung des österreichischen Raubes entweder Land oder Freiheit, neues Eigentum oder Sicherheit für das alte; und weil alle gewannen, so blieb das Gleichgewicht unverletzt. Frankreich konnte großmütig jeden Anteil an der Beute verschmähen, weil es durch Österreichs Untergang sich selbst wenigstens zweifach gewann und am mächtigsten war, wenn es nicht mächtiger wurde. Endlich um den Preis, dass sie Europa von ihrer Gegenwart befreiten, gab man den Nachkömmlingen von Habsburg die Freiheit, in allen übrigen entdeckten und noch zu entdeckenden Welten sich auszubreiten. Ravaillacs Messerstiche retteten Österreich, um die Ruhe von Europa noch um einige Jahrhunderte zu verspäten. Die Augen auf einen solchen Entwurf geheftet, musste Heinrich die evangelische Union in Deutschland und den Erbfolgestreit wegen Jülich notwendig als die wichtigsten Ereignisse mit schnellem, tätigem Anteil ergreifen. Seine Unterhändler waren an allen protestantischen Höfen Deutschlands geschäftig, und das Wenige, was sie von dem großen politischen Geheimnis ihres Monarchen preisgaben oder ahnen ließen, war hinlänglich, Gemüter zu gewinnen, die ein so feuriger Hass gegen Österreich beseelte und die Vergrößerungsbegierde so mächtig beherrschte. Heinrichs staatskluge Bemühungen zogen die Union noch enger zusammen, und der mächtige Beistand, wozu er sich anheischig machte, erhob den Mut der Verbundenen zur festesten Zuversicht. Eine zahlreiche französische Armee, von dem König in Person angeführt, sollte den Truppen der Union am Rhein begegnen und zuerst die Eroberung der jülich-clevischen Länder vollenden helfen; alsdann in Vereinigung mit den Deutschen nach Italien rücken (wo Savoyen, Venedig und der Papst schon einen mächtigen Beistand bereit hielten), um dort alle spanischen Throne umzustürzen. Diese siegreiche Armee sollte dann, von der Lombardei aus, in das habsburgische Erbteil eindringen und dort, von einem allgemeinen Aufstand der Protestanten begünstigt, in allen seinen deutschen Ländern, in Böhmen, Ungarn und Siebenbürgen, das österreichische Szepter zerbrechen. Die Brabanter* und Holländer, durch französischen Beistand gestärkt, hätten sich unterdessen ihrer spanischen Tyrannen gleichfalls entledigt, und dieser fürchterlich über seine Ufer getretene Strom, der noch kürzlich gedroht hatte, Europas Freiheit unter seinen trüben Strudeln zu begraben, rollte dann still und vergessen hinter den pyrenäischen Bergen. Die Franzosen rühmten sich sonst der Geschwindigkeit; diesmal wurden sie von den Deutschen übertroffen. Eine Armee der Union war im Elsass, ehe noch Heinrich sich dort zeigte, und ein österreichisches Heer, welches der Bischof von Straßburg und Passau in dieser Gegend zusammengezogen hatte, um es ins Jülichische zu führen, wurde zerstreut. Heinrich der Vierte hatte seinen Plan als Staatsmann und König entworfen, aber er hatte ihn Räubern zur Ausführung übergeben. Seiner Meinung nach sollte keinem katholischen Reichsstände Ursache gegeben werden, diese Rüstung auf sich zu deuten und die Sache Österreichs zu der seinigen zu machen; die Religion sollte ganz und gar nicht in diese Angelegenheit gemischt werden. Aber wie sollten die deutschen Fürsten über Heinrichs Entwürfen ihre eigenen Zwecke vergessen? Von Vergrößerungsbegierde, von Religionshass gingen sie ja aus – sollten sie nicht für ihre herrschende Leidenschaft unterwegs so viel mitnehmen, als sie konnten? Wie Raubadler legten sie sich über die Länder der geistlichen Fürsten und erwählten sich, kostete es auch einen noch so großen Umweg, diese fetten Triften zu ihren Lagerplätzen. Als wäre es in Feindesland, schrieben sie Brandschatzungen darinnen aus, bezogen eigenmächtig die Landesgefälle und nahmen, was gutwillig nicht gegeben wurde, mit Gewalt. Um ja die Katholiken über die wahren Triebfedern ihrer Ausrüstung nicht in Zweifel zu lassen, ließen sie laut und deutlich genug hören, was für ein Schicksal den geistlichen Stiftern von ihnen bereitet sei. So wenig hatten sich Heinrich der Vierte und die deutschen Prinzen in diesem Operationsplan verstanden; so sehr hatte der vortreffliche König in seinen Werkzeugen sich geirrt. Es bleibt eine ewige Wahrheit, dass eine Gewalttätigkeit, wenn die Weisheit sie gebietet, nie dem Gewalttätigen darf aufgetragen werden, dass nur demjenigen anvertraut werden darf, die Ordnung zu verletzen, dem sie heilig ist. Das Betragen der Union, welches selbst für mehrere evangelische Stände empörend war, und die Furcht einer noch schlimmern Begegnung bewirkte bei den Katholiken etwas mehr, als eine müßige Entrüstung. Das tief gefallene Ansehen des Kaisers konnte ihnen gegen einen solchen Feind keinen Schutz gewähren. Ihr Bund war, was die Unierten so gefürchtet und trotzig machte; einen Bund musste man ihnen wieder entgegenstellen. Der Bischof von Würzburg entwarf den Plan zu dieser katholischen Union, die durch den Namen der Ligue von der evangelischen unterschieden wurde. Die Punkte, worüber man übereinkam, waren ungefähr dieselben, welche die Union zugrund legte, Bischöfe ihre meisten Glieder; an die Spitze des Bundes stellte sich der Herzog Maximilian von Bayern, aber als das einzige weltliche Bundesglied von Bedeutung, mit einer ungleich größeren Gewalt, als die Unierten ihrem Vorsteher eingeräumt hatten. Außer diesem Umstand, dass der einzige Herzog von Bayern Herr der ganzen liguistischen Kriegsmacht war, wodurch die Operationen der Ligue eine Schnelligkeit und einen Nachdruck bekommen mussten, die bei der Union nicht so leicht möglich waren, hatte die Ligue noch den Vorteil, dass die Geldbeiträge von den reichen Prälaten weit richtiger einflossen, als bei der Union von den armen evangelischen Ständen. Ohne dem Kaiser, als einem katholischen Reichsstand, einen Anteil an ihrem Bund anzubieten, ohne ihm, als Kaiser, davon Rechenschaft zu geben, stand die Ligue auf einmal überraschend und drohend da, mit hinlänglicher Kraft ausgerüstet, um endlich die Union zu begraben und unter drei Kaisern fortzudauern. Die Ligue stritt zwar für Österreich, weil sie gegen protestantische Fürsten gerichtet war; aber Österreich selbst musste bald vor ihr zittern. Unterdessen waren die Waffen der Unierten im Jülichischen und im Elsass ziemlich glücklich gewesen; Jülich war eng eingeschlossen und das ganze Bistum Straßburg in ihrer Gewalt. Jetzt aber war es mit ihren glänzenden Verrichtungen auch am Ende. Kein französisches Heer erschien am Rhein; denn, der es anführen sollte, der überhaupt die ganze Unternehmung beseelen sollte – Heinrich der Vierte war nicht mehr. Ihr Geld ging auf die Neige; neues zuzuschießen weigerten sich ihre Landstände, und die mitunierten Reichsstädte hatten es sehr übel aufgenommen, dass man immer nur ihr Geld, und nie ihren Rat verlangt hatte. Besonders brachte es sie auf, dass sie sich wegen der jülichischen Streitsache in Unkosten gesetzt haben sollten, die doch ausdrücklich von den Angelegenheiten der Union war ausgeschlossen worden; dass sich die unierten Fürsten aus der gemeinen Kasse große Pensionen zulegten; und vor allen Dingen, dass ihnen über die Anwendung der Gelder keine Rechnung von den Fürsten abgelegt wurde. Die Union neigte sich also zu ihrem Fall, eben als die Ligue mit neuen und frischen Kräften sich ihr entgegenstellte. Länger im Feld zu bleiben, erlaubte den Unierten der einreißende Geldmangel nicht; und doch war es gefährlich, im Angesicht eines streitfertigen Feindes die Waffen wegzulegen. Um sich von einer Seite wenigstens sicher zu stellen, verglich man sich schnell mit dem älteren Feind, dem Erzherzog Leopold, und beide Teile kamen überein, ihre Truppen aus dem Elsass zu führen, die Gefangenen los zu geben und das Geschehene in Vergessenheit zu begraben. In ein solches Nichts zerrann diese viel versprechende Rüstung. Eben die gebieterische Sprache, womit sich die Union, im Vertrauen auf ihre Kräfte, dem katholischen Deutschland angekündigt hatte, wurde jetzt von der Ligue gegen die Union und ihre Truppen geführt. Man zeigte ihnen die Fußtapfen ihres Zugs und brandmarkte sie rund heraus mit den härtesten Namen, die sie verdienten. Die Stifter von Würzburg, Bamberg, Straßburg, Mainz, Trier, Köln und viele andere hatten ihre verwüstende Gegenwart empfunden. Allen diesen sollte der zugefügte Schaden vergütet, der Pass zu Wasser und zu Land (denn auch der rheinischen Schifffahrt hatten sie sich bemächtigt) wieder freigegeben, alles in seinen vorigen Stand gestellt werden. Vor allem aber verlangte man von den Unionsverwandten eine runde und feste Erklärung, wessen man sich zu versehen habe? Die Reihe war jetzt an den Unierten, der Stärke nachzugeben. Auf einen so wohl gerüsteten Feind waren sie nicht gefasst; aber sie selbst hatten den Katholischen das Geheimnis ihrer Stärke verraten. Zwar beleidigte es ihren Stolz, um den Frieden zu betteln; aber sie durften sich glücklich preisen, ihn zu erhalten. Der eine Teil versprach Ersatz, der andere Vergebung. Man legte die Waffen nieder. Das Kriegsgewitter verzog sich noch einmal, und eine augenblickliche Stille erfolgte. Der Aufstand in Böhmen brach jetzt aus, der dem Kaiser das letzte seiner Erbländer kostete; aber weder die Union noch die Ligue mischten sich in diesen böhmischen Streit. Endlich starb der Kaiser (1612), ebenso wenig vermisst im Sarg, als wahrgenommen auf dem Thron. Lange nachdem das Elend der folgenden Regierungen das Elend der seinigen vergessen gemacht hatte, zog sich eine Glorie um sein Andenken, und eine so schreckliche Nacht legte sich jetzt über Deutschland, dass man einen solchen Kaiser mit blutigen Tränen sich zurückwünschte. Nie hatte man von Rudolph erhalten können, seinen Nachfolger im Reich wählen zu lassen, und alles erwartete daher mit bangen Sorgen die nahe Erledigung des Kaiserthrons; doch über alle Hoffnung schnell und ruhig bestieg ihn Matthias. Die Katholiken gaben ihm ihre Stimmen, weil sie von der frischen Tätigkeit dieses Fürsten das Beste hofften; die Protestanten gaben ihm die ihrigen, weil sie alles von seiner Hinfälligkeit hofften. Es ist nicht schwer, diesen Widerspruch zu vereinigen. Jene verließen sich auf das, was er gezeigt hatte, diese urteilten nach dem, was er zeigte. Der Augenblick einer neuen Thronbesetzung ist immer ein wichtiger Ziehungstag für die Hoffnung, der erste Reichstag eines Königs in Wahlreichen gewöhnlich seine härteste Prüfung. Jede alte Beschwerde kommt da zur Sprache, und neue werden aufgesucht, um sie der gehofften Reform mit teilhaftig zu machen; eine ganz neue Schöpfung soll mit dem neuen König beginnen. Die großen Dienste, welche ihre Glaubensbrüder in Österreich dem Matthias bei seinem Aufruhr geleistet, lebten bei den protestantischen Reichsständen noch in frischer Erinnerung, und besonders schien die Art, wie sich jene für diese Dienste bezahlt gemacht hatten, auch ihnen jetzt zum Muster zu dienen. Durch Begünstigung der protestantischen Stände in Österreich und Mähren hatte Matthias den Weg zu seines Bruders Thronen gesucht und auch wirklich gefunden; aber von seinen ehrgeizigen Entwürfen hingerissen, hatte er nicht bedacht, dass auch den Ständen dadurch der Weg war geöffnet worden, ihrem Herrn Gesetze vorzuschreiben. Diese Entdeckung riss ihn frühzeitig aus der Trunkenheit seines Glücks. Kaum zeigte er sich triumphierend nach dem böhmischen Zug seinen österreichischen Untertanen wieder, so wartete schon ein gehorsamstes Anbringen auf ihn, welches hinreichend war, ihm seinen ganzen Triumph zu verleiden. Man forderte, ehe zur Huldigung geschritten würde, eine uneingeschränkte Religionsfreiheit in Städten und Märkten, eine vollkommene Gleichheit aller Rechte zwischen Katholiken und Protestanten und einen völlig gleichen Zutritt der letztern zu allen Bedienungen. An mehreren Orten nahm man sich diese Freiheit von selbst und stellte, voll Zuversicht auf die veränderte Regierung, den evangelischen Gottesdienst eigenmächtig wieder her, wo ihn der Kaiser aufgehoben hatte. Matthias hatte zwar nicht verschmäht, die Beschwerden der Protestanten gegen den Kaiser zu benutzen; aber es konnte ihm nie eingefallen sein, sie zu heben. Durch einen festen und entschlossenen Ton hoffte er diese Anmaßungen gleich am Anfang niederzuschlagen. Er sprach von seinen erblichen Ansprüchen auf das Land und wollte von keinen Bedingungen vor der Huldigung hören. Eine solche unbedingte Huldigung hatten ihre Nachbarn, die Stände von Steiermark, dem Erzherzog Ferdinand geleistet; aber sie hatten bald Ursache gehabt, es zu bereuen. Von diesem Beispiel gewarnt, beharrten die österreichischen Stände auf ihrer Weigerung; ja, um nicht gewaltsam zur Huldigung gezwungen zu werden, verließen sie sogar die Hauptstadt, boten ihre katholischen Mitstände zu einer ähnlichen Widersetzung auf und fingen an, Truppen zu werben. Sie taten Schritte, ihr altes Bündnis mit den Ungarn zu erneuern; sie zogen die protestantischen Reichsfürsten in ihr Interesse und schickten sich im vollen Ernst an, ihr Gesuch mit den Waffen durchzusetzen. Matthias hatte keinen Anstand genommen, die weit höheren Forderungen der Ungarn zu bewilligen. Aber Ungarn war ein Wahlreich, und die republikanische Verfassung dieses Landes rechtfertigte die Forderungen der Stände vor ihm selbst, und seine Nachgiebigkeit gegen die Stände vor der ganzen katholischen Welt. In Österreich hingegen hatten seine Vorgänger weit größere Souveränitätsrechte ausgeübt, die er, ohne sich vor dem ganzen katholischen Europa zu beschimpfen, ohne den Unwillen Spaniens und Roms, ohne die Verachtung seiner eigenen katholischen Untertanen auf sich zu laden, nicht an die Stände verlieren konnte. Seine streng katholischen Räte, unter denen der Bischof von Wien, Melchior Clesel, ihn am meisten beherrschte, munterten ihn auf, eher alle Kirchen gewaltsam von den Protestanten sich entreißen zu lassen, als ihnen eine einzige rechtlich einzuräumen. Aber unglücklicher Weise betraf ihn diese Verlegenheit in einer Zeit, wo Kaiser Rudolph noch lebte und ein Zuschauer dieses Auftritts war – wo dieser also leicht versucht werden konnte, sich der nämlichen Waffen gegen seinen Bruder zu bedienen, womit dieser über ihn gesiegt hatte – eines Verständnisses nämlich mit seinen aufrührerischen Untertanen. Diesem Streich zu entgehen, nahm Matthias den Antrag der mährischen Landstände bereitwillig an, welche sich zwischen den österreichischen und ihm zu Mittlern anboten. Ein Ausschuss von beiden versammelte sich in Wien, wo von den österreichischen Deputierten eine Sprache gehört wurde, die selbst im Londoner Parlament überrascht haben würde. „Die Protestanten, hieß es am Schluss, wollten nicht schlechter geachtet sein, als die Handvoll Katholiken in ihrem Vaterland. Durch seinen protestantischen Adel habe Matthias den Kaiser zum Nachgeben gezwungen; wo man achtzig Papisten fände, würde man dreihundert evangelische Barone* zählen. Das Beispiel Rudolphs solle dem Matthias eine Warnung sein. Er möge sich hüten, dass er das Irdische nicht verliere, um Eroberungen für den Himmel zu machen.“ Da die mährischen Stände, anstatt ihr Mittleramt zum Vorteil des Kaisers zu erfüllen, endlich selbst zur Partei ihrer österreichischen Glaubensbrüder übertraten, da die Union in Deutschland sich aufs nachdrücklichste für diese ins Mittel schlug und die Furcht vor Repressalien des Kaisers den Matthias in die Enge trieb, so ließ er sich endlich die gewünschte Erklärung zum Vorteil der Evangelischen entreißen. Dieses Betragen der österreichischen Landstände gegen ihren Erzherzog nahmen sich nun die protestantischen Reichsstände in Deutschland zum Muster gegen ihren Kaiser, und sie versprachen sich denselben glücklichen Erfolg. Auf seinem ersten Reichstag zu Regensburg (1613), wo die dringendsten Angelegenheiten auf Entscheidung warteten, wo ein Krieg gegen die Türken und gegen den Fürsten Bethlen Gabor von Siebenbürgen, der sich unterdessen mit türkischem Beistand zum Herrn dieses Landes aufgeworfen hatte und sogar Ungarn bedrohte, einen allgemeinen Geldbeitrag notwendig machte, überraschten sie ihn mit einer ganz neuen Forderung. Die katholischen Stimmen waren noch immer die zahlreicheren im Fürstenrat; und weil alles nach der Stimmenmehrheit entschieden wurde, so pflegten die Evangelischen, auch wenn sie noch so sehr unter sich einig waren, gewöhnlich in keine Betrachtung zu kommen. Dieses Vorteils der Stimmenmehrheit sollten sich nun die Katholischen begeben, und keiner einzelnen Religionspartei sollte es künftig erlaubt sein, die Stimmen der andern durch ihre unwandelbare Mehrheit nach sich zu ziehen. Und in Wahrheit, wenn die evangelische Religion auf dem Reichstag repräsentiert werden sollte, so schien es sich von selbst zu verstehen, dass ihr durch die Verfassung des Reichstags selbst nicht die Möglichkeit abgeschnitten würde, von diesem Recht Gebrauch zu machen. Beschwerden über die angemaßte Gerichtsbarkeit des Reichshofrats und über Unterdrückung der Protestanten begleiteten diese Forderung, und die Bevollmächtigten der Stände hatten Befehl, so lange von allen gemeinschaftlichen Beratschlagungen wegzubleiben, bis eine günstige Antwort auf diesen vorläufigen Punkt erfolgte. Diese gefährliche Trennung zerriss den Reichstag und drohte auf immer alle Einheit der Beratschlagungen zu zerstören. So aufrichtig der Kaiser gewünscht hatte, nach dem Beispiel Maximilians, seines Vaters, zwischen beiden Religionen eine staatskluge Mitte zu halten, so ließ ihm das jetzige Betragen der Protestanten nur eine bedenkliche Wahl zwischen beiden. Zu seinen dringenden Bedürfnissen war ihm ein allgemeiner Beitrag der Reichsstände unentbehrlich; und doch konnte er sich die eine Partei nicht verpflichten, ohne die Hilfe der andern zu verscherzen. Da er in seinen eigenen Erblanden so wenig befestigt war, so musste er schon vor dem entfernten Gedanken zittern, mit den Protestanten in einen öffentlichen Krieg zu geraten. Aber die Augen der ganzen katholischen Welt, die auf seine jetzige Entschließung geheftet waren, die Vorstellungen der katholischen Stände, des römischen und spanischen Hofes, erlaubten ihm ebenso wenig, die Protestanten zum Nachteil der katholischen Religion zu begünstigen. Eine so missliche Situation musste einen größeren Geist, als Matthias war, niederschlagen, und schwerlich hätte er sich mit eigener Klugheit daraus gezogen. Der Vorteil der Katholischen war aber aufs engste mit dem Ansehen des Kaisers verflochten; und ließen sie dieses sinken, so hatten besonders die geistlichen Fürsten gegen die Eingriffe der Protestanten keine Schutzwehr mehr. Jetzt also, wie sie den Kaiser unschlüssig wanken sahen, glaubten sie, dass die höchste Zeit vorhanden sei, seinen sinkenden Mut zu stärken. Sie ließen ihn einen Blick in das Geheimnis der Ligue tun und zeigten ihm die ganze Verfassung derselben, ihre Hilfsmittel und Kräfte. So wenig tröstlich diese Entdeckung für den Kaiser sein mochte, so ließ ihn doch die Aussicht auf einen so mächtigen Schutz etwas mehr Mut gegen die Evangelischen fassen. Ihre Forderungen wurden abgewiesen, und der Reichstag endigte sich ohne Entscheidung. Aber Matthias wurde das Opfer dieses Streits. Die Protestanten verweigerten ihm ihre Geldhilfe und ließen es ihn entgelten, dass die Katholischen unbeweglich geblieben waren. Die Türken selbst zeigten sich indessen geneigt, den Waffenstillstand zu verlängern, und den Fürsten Bethlen Gabor ließ man im ruhigen Besitz von Siebenbürgen. Vor auswärtiger Gefahr war das Reich jetzt gedeckt, und auch im Innern desselben herrschte, bei allen noch so gefährlichen Spaltungen, dennoch Friede. Dem jülichischen Erbfolgestreit hatte ein sehr unerwarteter Zufall eine überraschende Wendung gegeben. Noch immer wurde dieses Herzogtum von dem Kurhaus Brandenburg und dem Pfalzgrafen von Neuburg in Gemeinschaft besessen; eine Heirat zwischen dem Prinzen von Neuburg und einer brandenburgischen Prinzessin sollte das Interesse beider Häuser unzertrennlich verknüpfen. Diesen ganzen Plan zerstörte eine – Ohrfeige, welche der Kurfürst von Brandenburg das Unglück hatte, seinem Eidam im Weinrausch zu geben. Von jetzt an war das gute Vernehmen zwischen beiden Häusern dahin. Der Prinz von Neuburg trat zu dem Papsttum über. Eine Prinzessin von Bayern belohnte ihn für diese Apostasie, und der mächtige Schutz Bayerns und Spaniens war die natürliche Folge von Beidem. Um dem Pfalzgrafen zum ausschließenden Besitz der jülichischen Lande zu verhelfen, wurden die spanischen Waffen von den Niederlanden aus in das Herzogtum gezogen. Um sich dieser Gäste zu entladen, rief der Kurfürst von Brandenburg die Holländer in das Land, denen er durch Annahme der reformierten Religion zu gefallen suchte. Beide, die spanischen und holländischen Truppen, erschienen; aber, wie es schien, bloß um für sich selbst zu erobern. Der nahe niederländische Krieg schien sich nun auf deutschen Boden spielen zu wollen, und welch ein unerschöpflicher Zunder lag hier für ihn bereit! Mit Schrecken sah das protestantische Deutschland die Spanier an dem Unterrhein festen Fuß gewinnen – mit noch größerem das katholische die Holländer über die Reichsgrenzen hereinbrechen. Im Westen sollte sich die Mine entzünden, welche längst schon das ganze Deutschland unterhöhlte – nach den westlichen Gegenden waren Furcht und Erwartung hingeneigt – und aus Osten kam der Schlag, der sie in Flammen setzte. Die Ruhe, welche der Majestätsbrief Rudolphs des Zweiten Böhmen gegeben hatte, dauerte auch unter Matthias Regierung noch eine Zeit lang fort, bis in der Person Ferdinands von Grätz ein neuer Thronfolger in diesem Königreich ernannt wurde. Dieser Prinz, den man in der Folge unter dem Namen Kaiser Ferdinand der Zweite näher kennen lernen wird, hatte sich durch gewaltsame Ausrottung der protestantischen Religion in seinen Erbländern als einen unerbittlichen Eiferer für das Papsttum angekündigt und wurde deswegen von dem katholischen Teil der böhmischen Nation als die künftige Stütze dieser Kirche betrachtet. Die hinfällige Gesundheit des Kaisers rückte diesen Zeitpunkt nahe herbei, und im Vertrauen auf einen so mächtigen Beschützer fingen die böhmischen Papisten an, den Protestanten mit weniger Schonung zu begegnen. Die evangelischen Untertanen katholischer Gutsherren besonders erfuhren die härteste Behandlung. Zugleich begingen mehrere von den Katholiken die Unvorsichtigkeit, etwas laut von ihren Hoffnungen zu reden und durch hingeworfene Drohworte bei den Protestanten ein schlimmes Misstrauen gegen ihren künftigen Herrn zu erwecken. Aber nie würde dieses Misstrauen in Tätlichkeiten ausgebrochen sein, wenn man nur im Allgemeinen geblieben wäre, und nicht durch besondere Angriffe auf einzelne Glieder dem Murren des Volks unternehmende Anführer gegeben hätte. Heinrich Matthias, Graf von Thurn, kein geborner Böhme, aber Besitzer einiger Güter in diesem Königreich, hatte sich durch Eifer für die protestantische Religion und durch eine schwärmerische Anhänglichkeit an sein neues Vaterland, des ganzen Vertrauens der Utraquisten bemächtigt, welches ihm den Weg zu den wichtigsten Posten bahnte. Seinen Degen hatte er gegen die Türken mit vielem Ruhm geführt; durch ein einschmeichelndes Betragen gewann er sich die Herzen der Menge. Ein heißer, ungestümer Kopf, der die Verwirrung liebte, weil seine Talente darin glänzten, unbesonnen und tolldreist genug, Dinge zu unternehmen, die eine kalte Klugheit und ein ruhigeres Blut nicht wagt; ungewissenhaft genug, wenn es die Befriedigung seiner Leidenschaften galt, mit dem Schicksal von Tausenden zu spielen, und eben fein genug, eine Nation, wie damals die böhmische war, an seinem Gängelband zu führen. Schon an den Unruhen unter Rudolphs Regierung hatte er den tätigsten Anteil genommen, und der Majestätsbrief, den die Stände von diesem Kaiser erpressten, war vorzüglich sein Verdienst. Der Hof hatte ihm, als Burggrafen von Karlstein, die böhmische Krone und die Freiheitsbriefe des Königreichs zur Bewahrung anvertraut; aber etwas weit wichtigeres – sich selbst – hatte ihm die Nation mit der Stelle eines Defensors oder Glaubensbeschützers übergeben. Die Aristokraten, welche den Kaiser beherrschten, entrissen ihm unklug die Aufsicht über das Tote, um ihm den Einfluss auf das Lebendige zu lassen. Sie nahmen ihm die Burggrafenstelle, die ihn von der Hofgunst abhängig machte, um ihm die Augen über die Wichtigkeit der andern zu öffnen, die ihm übrig blieb, und kränkten seine Eitelkeit, die doch seinen Ehrgeiz unschädlich machte. Von dieser Zeit an beherrschte ihn die Begierde nach Rache, und die Gelegenheit fehlte nicht lange, sie zu befriedigen. Im Majestätsbriefe, welchen die Böhmen von Rudolph dem Zweiten erpresst hatten, war ebenso, wie in dem Religionsfrieden der Deutschen, ein Hauptartikel unausgemacht geblieben. Alle Rechte, welche der letztere den Protestanten bewilligte, kamen nur den Ständen, nicht den Untertanen zu gute, und bloß für die Untertanen geistlicher Länder hatte man eine schwankende Gewissensfreiheit ausbedungen. Auch der böhmische Majestätsbrief sprach nur von den Ständen und von den königlichen Städten, deren Magistrate sich gleiche Rechte mit den Ständen zu erringen gewusst hatten. Diesen allein wurde die Freiheit eingeräumt, Kirchen und Schulen zu errichten und ihren protestantischen Gottesdienst öffentlich auszuüben; in allen übrigen Städten blieb es dem Landstande überlassen, dem sie angehörten, welche Religionsfreiheit er den Untertanen vergönnen wollte. Dieses Rechts hatten sich die Deutschen Reichsstände in seinem ganzen Umfang bedient, und zwar die weltlichen ohne Widerspruch; die geistlichen, denen eine Erklärung Kaiser Ferdinands dasselbe streitig machte, hatten nicht ohne Grund die Verbindlichkeit dieser Erklärung bestritten. Was im Religionsfrieden ein bestrittener Punkt war, war ein unbestimmter im Majestätsbrief; dort war die Auslegung nicht zweifelhaft; aber es war zweifelhaft, ob man zu gehorchen hätte; hier war die Deutung den Ständen überlassen. Die Untertanen geistlicher Landstände in Böhmen glaubten daher, eben das Recht zu besitzen, das die Ferdinandische Erklärung den Untertanen deutscher Bischöfe einräumte; sie achteten sich den Untertanen in den königlichen Städten gleich, weil sie die geistlichen Güter unter die Krongüter zählten. In der kleinen Stadt Klostergrab, die dem Erzbischof zu Prag, und in Braunau*, welches dem Abt* dieses Klosters abgehörte, wurden von den protestantischen Untertanen eigenmächtig Kirchen aufgeführt und, ungeachtet des Widerspruchs ihrer Gutsherren und selbst der Missbilligung des Kaisers, der Bau derselben vollendet. Unterdessen hatte sich die Wachsamkeit der Defensoren in etwas gemindert, und der Hof glaubte, einen ernstlichen Schritt wagen zu können. Auf Befehl des Kaisers wurde die Kirche zu Klostergrab niedergerissen, die zu Braunau* gewaltsam gesperrt und die unruhigsten Köpfe unter den Bürgern ins Gefängnis geworfen. Eine allgemeine Bewegung unter den Protestanten war die Folge dieses Schrittes; man schrie über Verletzung des Majestätsbriefs, und der Graf von Thurn, von Rachgier beseelt und durch sein Defensoramt noch mehr aufgefordert, zeigte sich besonders geschäftig, die Gemüter zu erhitzen. Aus allen Kreisen des Königreichs wurden auf seinen Antrieb Deputierte nach Prag gerufen, um dieser gemeinschaftlichen Gefahr wegen, die nötigen Maßregeln zu nehmen. Man kam überein, eine Supplik an den Kaiser aufzusetzen und auf Loslassung der Gefangenen zu dringen. Die Antwort des Kaisers, schon darum von den Ständen sehr übel aufgenommen, weil sie nicht an sie selbst, sondern an seine Statthalter gerichtet war, verwies ihnen ihr Betragen als gesetzwidrig und rebellisch, rechtfertigte den Vorgang in Klostergrab und Braunau* durch einen kaiserlichen Befehl und enthielt einige Stellen, welche drohend gedeutet werden konnten. Der Graf von Thurn unterließ nicht, den schlimmen Eindruck zu vermehren, den dieses kaiserliche Schreiben unter den versammelten Ständen machte. Er zeigte ihnen die Gefahr, worin alle Teilnehmer an dieser Bittschrift schwebten, und wusste sie durch Erbitterung und Furcht zu gewaltsamen Entschließungen hinzureißen. Sie unmittelbar gegen den Kaiser zu empören, wäre jetzt noch ein zu gewagter Schritt gewesen. Nur von Stufe zu Stufe führte er sie an dieses unvermeidliche Ziel. Er fand daher für gut, ihren Unwillen zuerst auf die Räte des Kaisers abzuleiten, und verbreitete zu dem Ende die Meinung, dass das kaiserliche Schreiben in der Statthalterei zu Prag aufgesetzt und nur zu Wien unterschrieben worden sei. Unter den kaiserlichen Statthaltern waren der Kammerpräsident Slawata und der an Thurns Statt zum Burggrafen von Karlstein erwählte Freiherr von Martinitz das Ziel des allgemeinen Hasses. Beide hatten den protestantischen Ständen schon ehedem ihre feindseligen Gesinnungen dadurch ziemlich laut an den Tag gelegt, dass sie allein sich geweigert hatten, der Sitzung beizuwohnen, in welcher der Majestätsbrief in das böhmische Landrecht eingetragen wurde. Schon damals drohte man ihnen, sie für jede künftige Verletzung des Majestätsbriefes verantwortlich zu machen, und was von dieser Zeit an den Protestanten Schlimmes widerfuhr, wurde, und zwar nicht ohne Grund, auf ihre Rechnung geschrieben. Unter allen katholischen Gutsbesitzern waren diese beiden gegen ihre protestantischen Untertanen am härtesten verfahren. Man beschuldigte sie, dass sie diese mit Hunden in die Messe hetzen ließen und durch Versagung der Taufe, der Heiraten und Begräbnisse zum Papsttum zu zwingen suchten. Gegen zwei so verhasste Häupter war der Zorn der Nation leicht entflammt, und man bestimmte sie dem allgemeinen Unwillen zum Opfer. Am 23sten Mai 1618 erschienen die Deputierten bewaffnet und in zahlreicher Begleitung auf dem königlichen Schloss und drangen mit Ungestüm in den Saal, wo die Statthalter Sternberg, Martinitz, Lobkowitz und Slawata versammelt waren. Mit drohendem Ton verlangten sie eine Erklärung von jedem Einzelnen, ob er an dem kaiserlichen Schreiben einen Anteil gehabt und seine Stimme dazu gegeben? Mit Mäßigung empfing sie Sternberg; Martinitz und Slawata antworteten trotzig. Dieses bestimmte ihr Geschick. Sternberg und Lobkowitz, weniger gehasst und mehr gefürchtet, wurden am Arm aus dem Zimmer geführt, und nun ergriff man Slawata und Martinitz, schleppte sie an ein Fenster und stürzte sie achtzig Fuß tief in den Schlossgraben hinunter. Den Sekretär Fabricius, eine Kreatur von beiden, schickte man ihnen nach. Über eine so seltsame Art zu exequieren verwunderte sich die ganze gesittete Welt, wie billig; die Böhmen entschuldigten sie als einen landüblichen Gebrauch und fanden an dem ganzen Vorfall nichts wunderbar, als dass man von einem so hohen Sprung so gesund wieder aufstehen konnte. Ein Misthaufen, auf den die kaiserliche Statthalterschaft zu liegen kam, hatte sie vor Beschädigung gerettet. Es war nicht zu erwarten, dass man sich durch diese rasche Exekution in der Gnade des Kaisers sehr verbessert haben würde; aber ebendahin hatte der Graf von Thurn die Stände gewollt. Hatten sich diese, aus Furcht einer noch ungewissen Gefahr, eine solche Gewalttätigkeit erlaubt, so musste jetzt die gewisse Erwartung der Strafe und das dringender gewordene Bedürfnis der Sicherheit sie noch tiefer hineinreißen. Durch diese brutale Handlung der Selbsthilfe war der Unentschlossenheit und Reue jeder Rückweg versperrt, und ein einzelnes Verbrechen schien nur durch eine Kette von Gewalttaten ausgesöhnt werden zu können. Da die Tat selbst nicht ungeschehen zu machen war, so musste man die strafende Macht entwaffnen. Dreißig Direktoren wurden ernannt, den Aufstand gesetzmäßig fortzuführen. Man bemächtigte sich aller Regierungsgeschäfte und aller königlichen Gefälle, nahm alle königlichen Beamten und Soldaten in Pflichten und ließ ein Aufgebot an die ganze böhmische Nation ergehen, sich der gemeinschaftlichen Sache anzunehmen. Die Jesuiten, welche der allgemeine Hass als die Urheber aller bisherigen Unterdrückungen anklagte, wurden aus dem ganzen Königreich verbannt*, und die Stände fanden für nötig, sich dieses harten Schlusses wegen in einem eigenen Manifest zu verantworten. Alle diese Schritte geschahen zur Aufrechthaltung der königlichen Macht und der Gesetze – die Sprache aller Rebellen, bis sich das Glück für sie entschieden hat. Die Bewegungen, welche die Zeitung des böhmischen Aufstandes am kaiserlichen Hof verursachte, waren bei weitem nicht so lebhaft, als eine solche Aufforderung es verdient hätte. Kaiser Matthias war der entschlossene Geist nicht mehr, der ehedem seinen König und Herrn mitten im Schoß seines Volks aufsuchen und von drei Thronen herunterstürzen konnte. Der zuversichtliche Mut, der ihn bei einer Usurpation beseelt hatte, verließ ihn bei einer rechtmäßigen Verteidigung. Die böhmischen Rebellen hatten sich zuerst bewaffnet, und die Natur der Dinge brachte es mit sich, dass er folgte. Aber er konnte nicht hoffen, den Krieg in Böhmen einzuschließen. In allen Ländern seiner Herrschaft hingen die Protestanten durch eine gefährliche Sympathie zusammen – die gemeinschaftliche Religionsgefahr konnte alle miteinander schnell zu einer furchtbaren Republik verknüpfen. Was hatte er einem solchen Feind entgegen zu setzen, wenn der protestantische Teil seiner Untertanen sich von ihm trennte? Und erschöpften sich nicht beide Teile in einem so verderblichen Bürgerkrieg? Was war nicht alles auf dem Spiel, wenn er unterlag, und wen anders als seine eigenen Untertanen hatte er zugrunde gerichtet, wenn er siegte? Überlegungen dieser Art stimmten den Kaiser und seine Räte zur Nachgiebigkeit und zu Gedanken des Friedens; aber eben in dieser Nachgiebigkeit wollten andre die Ursache des Übels gefunden haben. Erzherzog Ferdinand von Grätz wünschte dem Kaiser vielmehr zu einer Begebenheit Glück, die jede Gewalttat gegen die böhmischen Protestanten vor ganz Europa rechtfertigen würde. „Der Ungehorsam“, hieß es, „die Gesetzlosigkeit und der Aufruhr seien immer Hand in Hand mit dem Protestantismus gegangen. Alle Freiheiten, welche von ihm selbst und dem vorigen Kaiser den Ständen bewilligt worden, hätten keine andere Wirkung gehabt, als ihre Forderungen zu vermehren. Gegen die landesherrliche Gewalt seien alle Schritte der Ketzer gerichtet; stufenweise seien sie von Trotz zu Trotz bis zu diesem letzten Angriff hinauf gestiegen; in kurzem würden sie auch an die noch einzig übrige Person des Kaisers greifen. In den Waffen allein sei Hilfe gegen einen solchen Feind – Ruhe und Unterwerfung nur über den Trümmern ihrer gefährlichen Privilegien – nur in dem völligen Untergang dieser Sekte Sicherheit für den katholischen Glauben. Ungewiss zwar sei der Ausgang des Krieges, aber gewiss das Verderben bei Unterlassung desselben. Die eingezogenen Güter der Rebellen würden die Unkosten reichlich erstatten und der Schrecken der Hinrichtungen die übrigen Landstände künftig einen schnellen Gehorsam lehren.“ – War es den böhmischen Protestanten zu verdenken, wenn sie sich gegen die Wirkungen solcher Grundsätze in Zeiten verwahrten? – Und auch nur gegen den Thronfolger des Kaisers, nicht gegen ihn selbst, der nichts getan hatte, die Besorgnisse der Protestanten zu rechtfertigen, war der böhmische Aufstand gerichtet. Jenem den Weg zu dem böhmischen Throne zu verschließen, ergriff man die Waffen schon unter Matthias, aber so lange dieser Kaiser lebte, wollte man sich in den Schranken einer scheinbaren Unterwürfigkeit halten. Aber die Böhmen hatten zu den Waffen gegriffen, und unbewaffnet durfte ihnen der Kaiser nicht einmal den Frieden anbieten. Spanien schoss Geld zur Rüstung her und versprach Truppen von Italien und den Niederlanden aus zu schicken. Zum Generalissimus ernannte man den Grafen von Boucquoi, einen Niederländer, weil keinem Eingebornen zu trauen war, und Graf Dampierre, ein anderer Ausländer, kommandierte unter seinen Befehlen. Ehe sich diese Armee in Bewegung setzte, versuchte der Kaiser den Weg der Güte durch ein vorausgeschicktes Manifest. In diesem erklärte er den Böhmen: „Dass der Majestätsbrief ihm heilig sei, dass er nie etwas gegen ihre Religion oder ihre Privilegien beschlossen, dass selbst seine jetzige Rüstung ihm durch die ihrige sei abgedrungen worden. Sobald die Nation die Waffen von sich lege, würde auch er sein Heer verabschieden.“ Aber dieser gnädige Brief verfehlte seine Wirkung – weil die Häupter des Aufruhrs für ratsam fanden, den guten Willen des Kaisers dem Volk zu verbergen. Anstatt desselben verbreiteten sie auf den Kanzeln und in fliegenden Blättern die giftigsten Gerüchte und ließen das hintergangene Volk vor Bartholomäusnächten* zittern, die nirgends als in ihrem Kopf existierten. Ganz Böhmen, mit Ausnahme dreier Städte, Budweiß, Krummau und Pilsen, nahm Teil an dem Aufruhr. Diese drei Städte, größtenteils katholisch, hatten allein den Mut, bei diesem allgemeinen Abfall dem Kaiser getreu zu bleiben, der ihnen Hilfe versprach. Aber dem Grafen von Thurn konnte es nicht entgehen, wie gefährlich es wäre, drei Plätze von solcher Wichtigkeit in feindlichen Händen zu lassen, die den kaiserlichen Waffen zu jeder Zeit den Eingang in das Königreich offen hielten. Mit schneller Entschlossenheit erschien er vor Budweiß und Krummau und hoffte beide Plätze durch Schrecken zu überwältigen. Krummau ergab sich ihm, aber von Budweiß wurden alle seine Angriffe standhaft zurückgeschlagen. Und nun fing auch der Kaiser an, etwas mehr Ernst und Tätigkeit zu zeigen. Boucquoi und Dampierre fielen mit zwei Heeren ins böhmische Gebiet und fingen an, es feindselig zu behandeln. Aber die kaiserlichen Generale fanden den Weg nach Prag schwerer, als sie erwartet hatten. Jeder Pass, jeder nur irgend haltbare Ort musste mit dem Degen geöffnet werden, und der Widerstand mehrte sich mit jedem neuen Schritt, den sie machten, weil die Ausschweifungen ihrer Truppen, meistens Ungarn und Wallonen, den Freund zum Abfall und den Feind zur Verzweiflung brachten. Aber auch noch dann, als seine Truppen schon in Böhmen vordrangen, fuhr der Kaiser fort, den Ständen den Frieden zu zeigen und zu einem gütlichen Vergleich die Hände zu bieten. Neue Ansichten, die sich ihnen auftaten, erhoben den Muth der Rebellen. Die Stände von Mähren ergriffen ihre Partei, und aus Deutschland erschien ihnen in der Person des Grafen von Mansfeld ein eben so unverhoffter als tapferer Beschützer. Die Häupter der evangelischen Union hatten den bisherigen Bewegungen in Böhmen schweigend, aber nicht müßig, zugesehen. Beide kämpften für dieselbe Sache, gegen denselben Feind. In dem Schicksal der Böhmen ließen sie ihre Bundsverwandten ihr eigenes Schicksal lesen, und die Sache dieses Volks wurde von ihnen als die heiligste Angelegenheit des deutschen Bundes abgeschildert. Diesem Grundsatz getreu, stärkten sie den Mut der Rebellen durch Beistandsversprechungen, und ein glücklicher Zufall setzte sie in Stand, dieselben unverhofft in Erfüllung zu bringen. Graf Peter Ernst von Mannsfeld, der Sohn eines verdienstvollen österreichischen Dieners, Ernsts von Mannsfeld, der die spanische Armee in den Niederlanden eine Zeit lang mit vielem Ruhm befehligt hatte, wurde das Werkzeug, das österreichische Haus in Deutschland zu demütigen. Er selbst hatte dem Dienst dieses Hauses seine ersten Feldzüg gewidmet und unter den Fahnen Erzherzog Leopolds, in Jülich und im Elsass, gegen die protestantische Religion und die deutsche Freiheit gefochten. Aber unvermerkt für die Grundsätze dieser Religion gewonnen, verließ er einen Chef, dessen Eigennutz ihm die geforderte Entschädigung für den in seinem Dienst gemachten Aufwand versagte, und widmete der evangelischen Union seinen Eifer und einen siegreichen Degen. Es fügte sich eben, dass der Herzog von Savoyen, ein Alliierter der Union, in einem Krieg gegen Spanien ihren Beistand verlangte. Sie überließ ihm ihre neue Eroberung, und Mannsfeld bekam den Auftrag, ein Heer von viertausend Mann, zum Gebrauch und auf Kosten des Herzogs, in Deutschland bereit zu halten. Dieses Heer stand eben marschfertig da, als das Kriegsfeuer in Böhmen aufloderte, und der Herzog, der gerade jetzt keiner Verstärkung bedurfte, überließ es der Union zu freiem Gebrauch. Nichts konnte dieser willkommener sein, als ihren Bundesgenossen in Böhmen auf fremde Kosten zu dienen. Sogleich erhielt Graf Mannsfeld Befehl, diese viertausend Mann in das Königreich zu führen, und eine vorgegebene böhmische Bestallung musste den Augen der Welt die wahren Urheber seiner Rüstung verbergen. Dieser Mannsfeld zeigte sich jetzt in Böhmen und fasste durch Einnahme der festen und kaiserlich gesinnten Stadt Pilsen in diesem Königreich festen Fuß. Der Muth der Rebellen wurde noch durch einen andern Succurs aufgerichtet, den die schlesischen Stände ihnen zu Hilfe schickten. Zwischen diesen und den kaiserlichen Truppen kam es nun zu wenig entscheidenden, aber desto verheerendern Gefechten, welche einem ernstlichern Krieg zum Vorspiel dienten. Um die Lebhaftigkeit seiner Kriegsoperationen zu schwächen, unterhandelte man mit dem Kaiser und ließ sich sogar die angebotene sächsische Vermittlung gefallen. Aber ehe der Ausgang beweisen konnte, wie wenig aufrichtig man verfuhr, raffte der Tod den Kaiser von der Szene. Was hatte Matthias nun getan, um die Erwartungen der Welt zu rechtfertigen, die er durch den Sturz seines Vorgängers herausgefordert hatte? War es der Mühe wert, den Thron Rudolphs durch ein Verbrechen zu besteigen, um ihn so schlecht zu besitzen und mit so wenig Ruhm zu verlassen? So lange Matthias König war, büßte er für die Unklugheit, durch die er es geworden. Einige Jahre früher sie zu tragen, hatte er die ganze Freiheit seiner Krone verscherzt. Was ihm die vergrößerte Macht der Stände an Selbsttätigkeit noch übrig ließ, hielten seine eignen Agnaten unter einem schimpflichen Zwang. Krank und kinderlos, sah er die Aufmerksamkeit der Welt einem stolzen Erben entgegeneilen, der ungeduldig dem Schicksal vorgriff und in des Greisen absterbender Regierung schon die seinige eröffnete. Mit Matthias war die regierende Linie des deutschen Hauses Österreich so gut als erloschen; denn von allen Söhnen Maximilians lebte nur noch der einzige kinderlose und schwächliche Erzherzog Albrecht in den Niederlanden, der aber seine nähern Rechte auf diese Erbschaft an die Grätzische Linie abgetreten hatte. Auch das spanische Haus hatte sich in einem geheimen Revers aller seiner Ansprüche auf die österreichischen Besitzungen zum Vorteil des Erzherzogs Ferdinand von Steiermark begeben, in welchem nunmehr der Habsburgische Stamm in Deutschland frische Zweige treiben und die ehemalige Größe Österreichs wieder aufleben sollte. Ferdinand hatte den jüngsten Bruder Kaiser Maximilians des Zweiten, Erzherzog Karl von Krain, Kärnten und Steiermark, zum Vater, zur Mutter eine Prinzessin von Bayern. Da er den ersten schon im zwölften Jahre verlor, so übergab ihn die Erzherzogin der Aufsicht ihres Bruders, des Herzogs Wilhelm von Bayern, unter dessen Augen er auf der Akademie zu Ingolstadt durch Jesuiten erzogen und unterrichtet wurde. Was für Grundsätze er aus dem Umgang eines Fürsten schöpfen musste, der sich Andachts wegen der Regierung entschlagen, ist nicht schwer zu begreifen. Man zeigte ihm auf der einen Seite die Nachsicht der Maximilianschen Prinzen gegen die Anhänger der neuen Lehre und die Verwirrung in ihren Landen; auf der andern den Segen Bayerns und den unerbittlichen Religionseifer seiner Beherrscher; zwischen diesen beiden Mustern ließ man ihn wählen. In dieser Schule zu einem mannhaften Streiter für Gott, zu einem rüstigen Werkzeug der Kirche zubereitet, verließ er Bayern nach einem fünfjährigen Aufenthalt, um die Regierung seiner Erbländer zu übernehmen. Die Stände von Krain, Kärnten und Steiermark, welche vor Ablegung ihres Huldigungseides die Bestätigung ihrer Religionsfreiheit forderten, erhielten zur Antwort, dass die Religionsfreiheit mit der Huldigung nichts zu tun habe. Der Eid wurde ohne Bedingung gefordert und auch wirklich geleistet. Mehrere Jahre gingen hin, ehe die Unternehmung, wozu in Ingolstadt der Entwurf gemacht worden, zur Ausführung reif schien. Ehe Ferdinand mit derselben ans Licht trat, holte er erst selbst in Person zu Loretto die Gnade der Jungfrau Maria und zu den Füßen Clemens des Achten in Rom den apostolischen Segen. Es galt aber auch nichts Geringeres, als den Protestantismus aus einem Distrikt zu vertreiben, wo er die überlegene Anzahl auf seiner Seite hatte und durch eine förmliche Duldungsakte, welche Ferdinands Vater dem Herren- und Ritterstand dieser Länder bewilligt hatte, gesetzmäßig geworden war. Eine so feierlich ausgestellte Bewilligung konnte ohne Gefahr nicht zurückgenommen werden; aber den frommen Zögling der Jesuiten schreckte keine Schwierigkeit zurück. Das Beispiel der übrigen, sowohl katholischen als protestantischen Reichsstände, welche das Reformationsrecht in ihren Ländern ohne Widerspruch ausgeübt, und die Missbräuche, welche die steiermärkischen Stände von ihrer Religionsfreiheit gemacht hatten, mussten dieser Gewalttätigkeit zur Rechtfertigung dienen. Unter dem Schutz eines ungereimten, positiven Gesetzes glaubte man ohne Scheu das Gesetz der Vernunft und Billigkeit verhöhnen zu dürfen. Bei dieser ungerechten Unternehmung zeigte Ferdinand übrigens einen bewundernswürdigen Mut, eine lobenswerte Standhaftigkeit. Ohne Geräusch, und man darf hinzusetzen, ohne Grausamkeit, unterdrückte er den protestantischen Gottesdienst in einer Stadt nach der andern, und in wenigen Jahren war dieses gefahrvolle Werk zum Erstaunen des ganzen Deutschlands vollendet. Aber indem die Katholischen den Helden und Ritter ihrer Kirche in ihm bewunderten, fingen die Protestanten an, sich gegen ihn, als ihren gefährlichsten Feind, zu rüsten. Nichtsdestoweniger fand das Gesuch des Matthias, ihm die Nachfolge zuzuwenden, in den Wahlstaaten Österreichs keinen oder nur einen sehr geringen Widerspruch, und selbst die Böhmen krönten ihn, unter sehr annehmlichen Bedingungen, zu ihrem künftigen König. Später erst, nachdem sie den schlimmen Einfluss seiner Ratschläge auf die Regierung des Kaisers erfahren hatten, wachten ihre Besorgnisse auf; und verschiedene handschriftliche Aufsätze von ihm, die ein böser Wille in ihre Hände spielte und die seine Gesinnungen nur zu deutlich verrieten, trieben ihre Furcht aufs Höchste. Besonders entrüstete sie ein geheimer Familienvertrag mit Spanien, worin Ferdinand dieser Krone, nach Abgang männlicher Erben, das Königreich Böhmen verschrieben hatte, ohne die Nation erst zu hören, ohne die Wahlfreiheit ihrer Krone zu achten. Die vielen Feinde, welche sich dieser Prinz durch seine Reformation in Steiermark unter den Protestanten überhaupt gemacht hatte, taten ihm bei den Böhmen die schlimmsten Dienste; und besonders zeigten sich einige dahin geflüchtete steiermärkische Emigranten, welche ein Rache erfülltes Herz in ihr neues Vaterland mitbrachten, geschäftig, das Feuer der Empörung zu nähren. In so widriger Stimmung fand König Ferdinand die böhmische Nation, als Kaiser Matthias ihm Platz machte. Ein so schlimmes Verhältnis zwischen der Nation und dem Thronkandidaten würde auch bei der ruhigsten Thronfolge Stürme erweckt haben – wie vielmehr aber jetzt im vollen Feuer des Aufruhrs, jetzt, da die Nation ihre Majestät zurückgenommen hatte und in den Zustand des natürlichen Rechts zurückgetreten war; jetzt, da sie die Waffen in Händen hatte, da durch das Gefühl ihrer Einigkeit ein begeisterndes Selbstvertrauen in ihr erwacht, ihr Mut durch die glücklichsten Erfolge, durch fremde Beistandsversprechungen und schwindlige Hoffnungen zur festesten Zuversicht erhoben war. Uneingedenk des an Ferdinand bereits übertragenen Rechts, erklärten die Stände ihren Thron für erledigt, ihre Wahl für völlig ungebunden. Zu einer friedlichen Unterwerfung war kein Anschein vorhanden, und wollte sich Ferdinand im Besitz der böhmischen Krone sehen, so hatte er die Wahl, sie entweder mit allem dem zu erkaufen, was eine Krone wünschenswert macht, oder mit dem Schwert in der Hand zu erobern. Aber mit welchen Hilfsmitteln sie erobern? Auf welches seiner Länder er seine Augen kehrte, stand alles in hellen Flammen. Schlesien war in den böhmischen Aufstand zugleich mit hineingerissen; Mähren war im Begriff, diesem Beispiel zu folgen. In Ober- und Unterösterreich regte sich, wie unter Rudolph, der Geist der Freiheit, und kein Landstand wollte huldigen. Ungarn bedrohte der Fürst Bethlen Gabor von Siebenbürgen mit einem Überfall; eine geheimnisvolle Rüstung der Türken erschreckte alle östlich gelegenen Provinzen; damit das Bedrängnis vollkommen würde, so mussten auch, von dem allgemeinen Beispiel geweckt, die Protestanten in seinen väterlichen Erbstaaten ihr Haupt erheben. In diesen Ländern war die Zahl der Protestanten überwiegend; in den meisten hatten sie die Einkünfte im Besitz, mit denen Ferdinand seinen Krieg führen sollte. Die Neutralen fingen an zu wanken, die Getreuen zu verzagen, nur die Schlimmgesinnten hatten Mut; die eine Hälfte von Deutschland winkte den Rebellen Ermunterung, die andere erwartete müßig den Anschlag; spanische Hilfe stand noch in fernen Landen. Der Augenblick, der ihm alles brachte, drohte, ihm alles zu entreißen. Was er auch jetzt, von dem harten Gesetz der Not unterjocht, den böhmischen Rebellen anbietet – alle seine Vorschläge zum Frieden werden mit Übermut verschmäht. An der Spitze eines Heeres zeigt sich der Graf von Thurn schon in Mähren, diese einzige noch wankende Provinz zur Entscheidung zu bringen. Die Erscheinung der Freunde gibt den mährischen Protestanten das Signal der Empörung. Brünn* wird erobert; das übrige Land folgt freiwillig nach; in der ganzen Provinz ändert man Religion und Regierung. Wachsend in seinem Land, stürzt der Rebellenstrom in Oberösterreich, wo eine gleich gesinnte Partei ihn mit freudigem Beifall empfängt. „Kein Unterschied der Religion soll mehr sein, gleiche Rechte für alle christlichen Kirchen. – Man habe gehört, dass fremdes Volk in dem Land geworben werde, die Böhmen zu unterdrücken. Dieses suche man auf, und bis nach Jerusalem werde man den Feind der Freiheit verfolgen.“ – Kein Arm wird gerührt, den Erzherzog zu verteidigen; endlich lagern sich die Rebellen vor Wien, ihren Herrn zu belagern. Seine Kinder hatte Ferdinand von Grätz, wo sie ihm nicht mehr sicher waren, nach Tirol geflüchtet; er selbst erwartete in seiner Kaiserstadt den Aufruhr. Eine Handvoll Soldaten war alles, was er dem wütenden Schwarm entgegenstellen konnte. Diesen Wenigen fehlte der gute Wille, weil es an Sold und selbst an Brot fehlte. Auf eine lange Belagerung war Wien nicht bereitet. Die Partei der Protestanten, jeden Augenblick bereit, sich an die Böhmen anzuschließen, war in der Stadt die überwiegende; auf dem Land zogen schon Truppen gegen ihn zusammen. Schon sah der protestantische Pöbel den Erzherzog in einem Mönchskloster eingesperrt, seine Staaten geteilt, seine Kinder protestantisch erzogen. Heimlichen Feinden anvertraut und von öffentlichen umgeben, sah er jeden Augenblick den Abgrund sich öffnen, der alle seine Hoffnungen, der ihn selbst verschlingen sollte. Die böhmischen Kugeln flogen in die kaiserliche Burg, wo sechzehn österreichische Barone* sich in sein Zimmer drängten, mit Vorwürfen in ihn stürmten und zu einer Konföderation mit den Böhmen seine Einwilligung zu ertrotzen strebten. Einer von diesen ergriff ihn bei den Knöpfen seines Wams. „Ferdinand!“, schnaubte er ihn an, „wirst du unterschreiben?“ Wem hätte man es nicht verziehen, in dieser schrecklichen Lage gewankt zu haben? – Ferdinand dachte nach, wie er römischer Kaiser werden wollte. Nichts schien ihm übrig zu sein, als schnelle Flucht oder Nachgiebigkeit; zu jener rieten Männer – zu dieser katholische Priester. Verließ er die Stadt, so fiel sie in Feindes Hände; mit Wien war Österreich, mit Österreich der Kaiserthron verloren. Ferdinand verließ seine Hauptstadt nicht und wollte ebenso wenig von Bedingungen hören. Der Erzherzog war noch im Wortwechsel mit den deputierten Baronen*, als auf einmal Trompetenschall den Burgplatz erfüllte. Unter den Anwesenden wechseln Furcht und Erstaunen – ein erschreckendes Gerücht durchläuft die Burg – ein Deputierter nach dem andern verschwindet. Viele von Adel und der Bürgerschaft hörte man eilfertig in das Thurnische Lager fliehen. Diese schnelle Veränderung wirkte ein Regiment Dampierrischer Kürassiere, welches in diesem wichtigen Augenblick in die Stadt einrückte, den Erzherzog zu verteidigen. Bald folgte auch Fußvolk nach; viele katholische Bürger, durch diese Erscheinung mit neuem Mut belebt, und die Studierenden selbst ergriffen die Waffen. Eine Nachricht, die soeben aus Böhmen einlief, vollendete seine Errettung. Der niederländische General Boucquoi hatte den Grafen Mannsfeld bei Budweiß aufs Haupt geschlagen und war im Anzug gegen Prag. Eilfertig brachen die Böhmen ihre Zelte ab, um ihre Hauptstadt zu entsetzen. Und jetzt waren auch die Pässe wieder frei, die der Feind besetzt gehalten, um Ferdinand den Weg nach Frankfurt zur Kaiserwahl zu verlegen. Wenn es dem König von Ungarn für seinen ganzen Plan wichtig war, den deutschen Thron zu besteigen, so war es jetzt umso wichtiger, da seine Ernennung zum Kaiser das unverdächtigste und entscheidendste Zeugnis für die Würdigkeit seiner Person und die Gerechtigkeit seiner Sache ablegte und ihm zugleich zu einem Beistand des Reichs Hoffnung machte. Aber dieselbe Kabale, welche ihn in seinen Erbstaaten verfolgte, arbeitete ihm auch bei seiner Bewerbung um die Kaiserwürde entgegen. Kein österreichischer Prinz sollte den deutschen Thron mehr besteigen, am wenigsten aber Ferdinand, der entschlossene Verfolger ihrer Religion, der Sklave Spaniens und der Jesuiten. Dieses zu verhindern, hatte man noch bei Lebzeiten des Matthias dem Herzog von Bayern. und nach der Weigerung desselben dem Herzog von Savoyen die deutsche Krone angetragen. Da man mit dem Letztern über die Bedingungen nicht so leicht einig werden konnte, so suchte man wenigstens die Wahl aufzuhalten, bis ein entscheidender Streich in Böhmen oder Österreich alle Hoffnungen Ferdinands zugrunde gerichtet und ihn zu dieser Würde unfähig gemacht hätte. Die Unierten ließen nichts unversucht, Kursachsen, welches an das österreichische Interesse gefesselt war, gegen Ferdinand einzunehmen und diesem Hof die Gefahr vorzustellen, womit die Grundsätze dieses Fürsten und seine spanischen Verbindungen die protestantische Religion und die Reichsverfassung bedrohten. Durch Erhebung Ferdinands auf den Kaiserthron, stellten sie weiter vor, würde sich Deutschland in die Privatangelegenheiten dieses Prinzen verflochten sehen und die Waffen der Böhmen gegen sich reizen. Aber aller Gegenbemühungen ungeachtet wurde der Wahltag ausgeschrieben, Ferdinand als rechtmäßiger König von Böhmen dazu berufen und seine Kurstimme, mit vergeblichem Widerspruch der böhmischen Stände, für gültig erkannt. Die drei geistlichen Kurstimmen waren sein, auch die sächsische war ihm günstig, die brandenburgische nicht entgegen, und die entschiedenste Mehrheit erklärte ihn 1619 zum Kaiser. So sah er die zweifelhafteste von allen seinen Kronen zuerst auf seinem Haupt, um wenige Tage nachher diejenige zu verlieren, welche er schon unter seine gewissen Besitzungen zählte. Während dass man ihn in Frankfurt zum Kaiser machte, stürzte man ihn in Prag von dem böhmischen Thron. Fast alle seine deutschen Erbländer hatten sich unterdessen in einer allgemeinen, furchtbaren Konföderation mit den Böhmen vereinigt, deren Trotz jetzt alle Schranken durchbrach. Am 17. August 1619 erklärten sie den Kaiser auf einer Reichsversammlung für einen Feind der böhmischen Religion und Freiheit, der durch seine verderblichen Ratschläge den verstorbenen König gegen sie aufgewiegelt, zu ihrer Unterdrückung Truppen geliehen, Ausländern das Königreich zum Raub gegeben und es zuletzt gar, mit Verspottung ihrer Volksmajestät, in einem heimlichen Vertrag an die Spanier verschrieben hatte, aller Ansprüche auf ihre Krone verlustig und schritten ohne Aufschub zu einer neuen Wahl. Da Protestanten diesen Ausspruch taten, so konnte die Wahl nicht wohl auf einen katholischen Prinzen fallen, obgleich zum Schein für Bayern und Savoyen einige Stimmen gehört wurden. Aber der bittere Religionshass, welcher die Evangelischen und Reformierten untereinander selbst entzweite, machte eine Zeit lang auch die Wahl eines protestantischen Königs schwer, bis endlich die Feinheit und Tätigkeit der Kalvinisten über die überlegene Anzahl der Lutheraner den Sieg davon trug. Unter allen Prinzen, welche zu dieser Würde in Vorschlag kamen, hatte sich Kurfürst Friedrich der Fünfte von der Pfalz die gegründetsten Ansprüche auf das Vertrauen und die Dankbarkeit der Böhmen erworben, und unter allen war keiner, bei welchem das Privatinteresse einzelner Stände und die Zuneigung des Volks durch so viele Staatsvorteile gerechtfertigt zu werden schienen. Friedrich der Fünfte war von einem freien und aufgeweckten Geist, vieler Herzensgüte, einer königlichen Freigebigkeit. Er war das Haupt der Reformierten in Deutschland, der Anführer der Union, deren Kräfte ihm zu Gebote standen, ein naher Anverwandter des Herzogs von Bayern, ein Eidam des Königs von Großbritannien, der ihn mächtig unterstützen konnte. Alle diese Vorzüge wurden von der kalvinistischen Partei mit dem besten Erfolge geltend gemacht, und die Reichsversammlung zu Prag erwählte Friedrich den Fünften unter Gebet und Freudentränen zum König. Alles, was auf dem Prager Reichstag geschah, war ein zu vorbereitetes Werk, und Friedrich selbst war bei der ganzen Verhandlung zu tätig gewesen, als dass er von dem Antrag der Böhmen hätte überrascht werden sollen. Dennoch erschreckte ihn der gegenwärtige Glanz dieser Krone, und die zweifache Größe des Verbrechens und des Glücks brachte seinen Kleinmut zum Zittern. Nach der gewöhnlichen Art schwacher Seelen wollte er sich erst durch fremdes Urteil zu seinem Vorhaben stärken; aber es hatte keine Gewalt über ihn, wenn es gegen seine Leidenschaft ausfiel. Sachsen und Bayern, wo er Rat verlangt hatte, alle seine Mitkurfürsten, alle, welche diese Unternehmung mit seinen Fähigkeiten und Kräften abwogen, warnten ihn vor dem Abgrund, in den er sich stürze. Selbst König Jakob von England wollte seinem Eidam lieber eine Krone entrissen sehen, als die geheiligte Majestät der Könige durch ein so schlimmes Beispiel verletzen helfen. Aber was vermochte die Stimme der Klugheit gegen den verführerischen Glanz einer Königskrone? Im Augenblick ihrer höchsten Kraftäußerung. wo sie den geheiligten Zweig eines zweihundertjährigen Regentengeschlechts von sich stößt, wirft sich ihm eine freie Nation in die Arme; auf seinen Mut vertrauend, wählt sie ihn zu ihrem Führer auf der gefährlichen Bahn des Ruhmes und der Freiheit; von ihm, ihrem gebornen Beschützer, erwartet eine unterdrückte Religion Schutz und Schirm gegen ihren Verfolger – soll er kleinmütig seine Furcht bekennen, soll er feigherzig Religion und Freiheit verraten? Eben diese Nation zeigt ihm die Überlegenheit ihrer Kräfte und die Ohnmacht ihres Feindes – zwei Dritteile der österreichischen Macht gegen Österreich bewaffnet und einen streitbaren Bundesgenossen von Siebenbürgen aus bereit, den schwachen Überrest dieser Macht noch durch einen feindlichen Angriff zu teilen. Jene Anforderungen sollten seinen Ehrgeiz nicht wecken? Diese Hoffnungen seinen Mut nicht entzünden? Wenige Augenblicke gelassenen Nachdenkens würden hingereicht haben, ihm die Größe des Wagestücks und den geringen Wert des Preises zu zeigen – aber die Aufmunterung sprach zu seinen Sinnen, und die Warnung nur zu seiner Vernunft. Es war sein Unglück, dass die zunächst ihn umgebenden und hörbarsten Stimmen die Partei seiner Leidenschaft nahmen. Diese Machtvergrößerung ihres Herrn öffnete dem Ehrgeiz und der Gewinnsucht aller seiner pfälzischen Diener ein unermessliches Feld der Befriedigung. Dieser Triumph seiner Kirche musste jeden kalvinischen Schwärmer erhitzen. Konnte ein so schwacher Kopf den Vorspiegelungen seiner Räte widerstehen, die seine Hilfsmittel und Kräfte ebenso unmäßig übertrieben, als sie die Macht des Feindes heruntersetzten? Den Aufforderungen seiner Hofprediger, die ihm die Eingebungen ihres fanatischen Eifers als den Willen des Himmels verkündigten? Astrologische* Träumereien erfüllten seinen Kopf mit schimärischen Hoffnungen; selbst durch den unwiderstehlichen Mund der Liebe bestürmte ihn die Verführung. „Konntest du dich vermessen“, sagte die Kurfürstin zu ihm, „die Hand einer Königstochter anzunehmen, und dir bangt vor einer Krone, die man freiwillig dir entgegenbringt? Ich will lieber Brot essen an deiner königlichen Tafel, als an deinem kurfürstlichen Tische schwelgen.“ Friedrich nahm die böhmische Krone. Mit beispiellosem Pomp geschah zu Prag die königliche Krönung; die Nation stellte alle ihre Reichtümer aus, ihr eignes Werk zu ehren. Schlesien und Mähren, Nebenländer Böhmens, folgten dem Beispiel des Hauptstaats und huldigten. Die Reformation thronte in allen Kirchen des Königreichs, das Frohlocken war ohne Grenzen, die Freude an dem neuen König ging bis zur Anbetung. Dänemark und Schweden, Holland und Venedig, mehrere deutsche Staaten erkannten ihn als rechtmäßigen König; und Friedrich schickte sich nun an, seinen neuen Thron zu behaupten. Auf den Fürsten Bethlen Gabor von Siebenbürgen war seine größte Hoffnung gerichtet. Dieser furchtbare Feind Österreichs und der katholischen Kirche, nicht zufrieden mit seinem Fürstentum, das er seinem rechtmäßigen Herrn, Gabriel Bathori, mit Hilfe der Türken entrissen hatte, ergriff mit Begierde diese Gelegenheit, sich auf Unkosten der österreichischen Prinzen zu vergrößern, die sich geweigert hatten, ihn als Herrn von Siebenbürgen anzuerkennen. Ein Angriff auf Ungarn und Österreich war mit den böhmischen Rebellen verabredet, und vor der Hauptstadt sollten beide Heere zusammenstoßen. Unterdessen verbarg Bethlen Gabor unter der Maske der Freundschaft den wahren Zweck seiner Kriegsrüstung und versprach voller Arglist dem Kaiser, durch eine verstellte Hilfeleistung die Böhmen in die Schlinge zu locken und ihre Anführer ihm lebendig zu überliefern. Auf einmal aber stand er als Feind in Ober-Ungarn; der Schrecken ging vor ihm her, hinter ihm die Verwüstung; alles unterwarf sich; zu Preßburg empfing er die ungarische Krone. Des Kaisers Bruder, Statthalter in Wien, zitterte für diese Hauptstadt. Eilfertig rief er den General Boucquoi zu Hilfe; der Abzug der Kaiserlichen zog die böhmische Armee zum zweiten Mal vor Wien. Durch zwölftausend Siebenbürgen verstärkt und bald darauf mit dem siegreichen Heere Bethlen Gabors vereinigt, drohte sie aufs neue, diese Hauptstadt zu überwältigen. Alles um Wien wurde verwüstet, die Donau gesperrt, alle Zufuhr abgeschnitten, die Schrecken des Hungers stellten sich ein. Ferdinand, den diese dringende Gefahr eiligst in seine Hauptstadt zurückgeführt hatte, sah sich zum zweiten Mal am Rand des Verderbens. Mangel und raue Witterung zogen endlich die Böhmen nach Hause; ein Verlust in Ungarn rief Bethlen Gabor zurück; zum zweiten Mal hatte das Glück den Kaiser gerettet. In wenigen Wochen änderte sich nun alles, und durch seine staatskluge Tätigkeit verbesserte Ferdinand seine Sache in eben dem Maße, als Friedrich die seinige durch Saumseligkeit und schlechte Maßregeln herunterbrachte. Die Stände von Nieder-Österreich wurden durch Bestätigung ihrer Privilegien zur Huldigung gebracht und die Wenigen, welche ausblieben, der beleidigten Majestät und des Hochverrats schuldig erklärt. So fasste der Kaiser in einem seiner Erbländer wieder festen Fuß, und zugleich wurde alles in Bewegung gesetzt, sich auswärtiger Hilfe zu versichern. Schon bei der Kaiserwahl zu Frankfurt war es ihm durch mündliche Vorstellungen gelungen, die geistlichen Kurfürsten und zu München den Herzog Maximilian von Bayern für seine Sache zu gewinnen. Auf dem Anteil, den die Union und Ligue an dem böhmischen Krieg nahmen, beruhte der ganze Ausschlag dieses Krieges, das Schicksal Friedrichs und des Kaisers. Dem ganzen protestantischen Deutschland schien es wichtig zu sein, den König von Böhmen zu unterstützen; den Kaiser nicht unterliegen zu lassen, schien das Interesse der katholischen Religion zu erheischen. Siegten die Protestanten in Böhmen, so hatten alle katholischen Prinzen in Deutschland für ihre Besitzungen zu zittern; unterlagen sie, so konnte der Kaiser dem protestantischen Deutschland Gesetze vorschreiben. Ferdinand setzte also die Ligue, Friedrich die Union in Bewegung. Das Band der Verwandtschaft und persönliche Anhänglichkeit an den Kaiser, seinen Schwager, mit dem er in Ingolstadt aufgewachsen war, Eifer für die katholische Religion, die in der augenscheinlichsten Gefahr zu schweben schien, die Eingebungen der Jesuiten, verbunden mit den verdächtigen Bewegungen der Union, bewogen den Herzog von Bayern und alle Fürsten der Ligue, die Sache Ferdinands zu der ihrigen zu machen. Nach einem mit dem Letzteren geschlossenen Vertrag, welcher ihm den Ersatz aller Kriegsunkosten und aller zu erleidenden Verluste versicherte, übernahm Maximilian mit uneingeschränkter Gewalt das Kommando der liguistischen Truppen, welche dem Kaiser gegen die böhmischen Rebellen zu Hilfe eilen sollten. Die Häupter der Union, anstatt diese gefährliche Vereinigung der Ligue mit dem Kaiser zu hintertreiben, wendeten vielmehr alles an, sie zu beschleunigen. Konnten sie die katholische Ligue zu einem erklärten Anteil an dem böhmischen Krieg vermögen, so hatten sie sich von allen Mitgliedern und Alliierten der Union das Nämliche zu versprechen. Ohne einen öffentlichen Schritt der Katholischen gegen die Union war keine Machtvereinigung unter den Protestanten zu hoffen. Sie erwählten also den bedenklichen Zeitpunkt der böhmischen Unruhen, eine Abstellung aller bisherigen Beschwerden und eine vollkommene Religionsversicherung von den Katholischen zu fordern. Diese Forderung, welche in einem drohenden Ton abgefasst war, richteten sie an den Herzog von Bayern, als das Haupt der Katholischen, und drangen auf eine schnelle, unbedingte Erklärung. Maximilian mochte sich nun für oder wider sie entscheiden, so war ihre Absicht erreicht: Seine Nachgiebigkeit beraubte die katholische Partei ihres mächtigsten Beschützers; seine Widersetzung bewaffnete die ganze protestantische Partei und machte den Krieg unvermeidlich, durch welchen sie zu gewinnen hofften. Maximilian, durch so viele andere Beweggründe ohnehin auf die entgegen gesetzte Seite gezogen, nahm die Aufforderung der Union als eine förmliche Kriegserklärung auf, und die Rüstung wurde beschleunigt. Während dass Bayern und die Ligue sich für den Kaiser bewaffneten, wurde auch mit dem spanischen Hof wegen Subsidien unterhandelt. Alle Schwierigkeiten, welche die schläfrige Politik des Ministeriums diesem Gesuch entgegensetzte, überwand der kaiserliche Gesandte in Madrid, Graf von Khevenhüller, glücklich. Außer einem Geldvorschuss von einer Million Gulden, welche man diesem Hof nach und nach zu entlocken wusste, wurde noch zugleich ein Angriff auf die untere Pfalz, von den spanischen Niederlanden aus, beschlossen. Indem man alle katholischen Mächte in das Bündnis zu ziehen suchte, arbeitete man zu gleicher Zeit dem Gegenbündnis der protestantischen auf das nachdrücklichste entgegen. Es kam darauf an, dem Kurfürsten von Sachsen und mehreren evangelischen Ständen die Besorgnis zu benehmen, welche die Union ausgestreut hatte, dass die Rüstung der Ligue darauf abgesehen sei, ihnen die säkularisierten Stifter wieder zu entreißen. Eine schriftliche Versicherung des Gegenteils beruhigte den Kurfürsten von Sachsen, den die Privateifersucht gegen Pfalz, die Eingebungen seines Hofpredigers, der von Österreich erkauft war, und der Verdruss, von den Böhmen bei der Königswahl übergangen worden zu sein, ohnehin schon auf Österreichs Seite neigten. Nimmer konnte es der lutherische Fanatismus dem reformierten vergeben, dass so viele edle Länder, wie man sich ausdrückte, dem Kalvinismus in den Rachen fliegen und der römische Antichrist nur dem helvetischen Platz machen sollte. Indem Ferdinand alles tat, seine misslichen Umstände zu verbessern, unterließ Friedrich nichts, seine gute Sache zu verschlimmern. Durch ein anstößiges, enges Bündnis mit dem Fürsten von Siebenbürgen, dem offenbaren Alliierten der Pforte, ärgerte er die schwachen Gemüter, und das allgemeine Gerücht klagte ihn an, dass er auf Unkosten der Christenheit seine eigene Vergrößerung suche, dass er die Türken gegen Deutschland bewaffnet habe. Sein unbesonnener Eifer für die reformierte Religion brachte die Lutheraner in Böhmen, sein Angriff auf die Bilder die Papisten dieses Königreichs gegen ihn auf. Neue drückende Auflagen entzogen ihm die Liebe des Volks. Die fehlgeschlagene Erwartung der böhmischen Großen erkaltete ihren Eifer, das Ausbleiben fremden Beistandes stimmte ihre Zuversicht herab. Anstatt sich mit unermüdetem Eifer der Reichsverwaltung zu widmen, verschwendete Friedrich seine Zeit in Ergötzlichkeiten; anstatt durch eine weise Sparsamkeit seinen Schatz zu vergrößern, zerstreute er in unnützem, theatralischem Prunk und übel angewandter Freigebigkeit die Einkünfte seiner Länder. Mit sorglosem Leichtsinn bespiegelte er sich in seiner neuen Würde, und über dem unzeitigen Bestreben, seiner Krone froh zu werden, vergaß er die dringendere Sorge, sie auf seinem Haupt zu befestigen. So sehr man sich in ihm geirrt hatte, so unglücklich hatte sich Friedrich selbst in seinen Erwartungen von auswärtigem Beistand verrechnet. Die meisten Mitglieder der Union trennten die böhmischen Angelegenheiten von dem Zweck ihres Bundes; andere ihm ergebene Reichsstände fesselte blinde Furcht vor dem Kaiser. Kursachsen und Hessen-Darmstadt hatte Ferdinand für sich gewonnen; Niederösterreich, von wo aus man eine nachdrückliche Diversion erwartete, hatte dem Kaiser gehuldigt; Bethlen Gabor einen Waffenstillstand mit ihm geschlossen. Dänemark wusste der Wiener Hof durch Gesandtschaften einzuschläfern, Schweden durch einen Krieg mit Polen zu beschäftigen. Die Republik Holland hatte Mühe, sich der spanischen Waffen zu erwehren; Venedig und Savoyen blieben untätig; König Jakob von England wurde von der spanischen Arglist betrogen. Ein Freund nach dem andern zog sich zurück, eine Hoffnung nach der andern verschwand. – So hatte sich alles in wenigen Monaten verändert! Indessen versammelten die Häupter der Union eine Kriegsmacht; der Kaiser und die Ligue taten ein Gleiches. Die Macht der letztern stand unter Maximilians Fahnen bei Donauwörth versammelt; die Macht der Unierten bei Ulm, unter dem Markgrafen von Ansbach. Der entscheidende Augenblick schien endlich herbeigekommen zu sein, der diese lange Zwistigkeit durch einen Hauptstreich endigen und das Verhältnis beider Kirchen in Deutschland unwiderruflich bestimmen sollte. Ängstlich war auf beiden Seiten die Erwartung gespannt. Wie sehr aber erstaunte man, als auf einmal die Botschaft des Friedens kam und beide Armeen ohne Schwertschlag auseinander gingen! Frankreichs Dazwischenkunft hatte diesen Frieden bewirkt, welchen beide Teile mit gleicher Bereitwilligkeit umfassten. Das französische Ministerium, durch keinen Heinrich den Großen mehr geleitet, dessen Staatsmaxime vielleicht auch auf die damalige Lage des Königreichs nicht mehr anzuwenden war, fürchtete jetzt das Wachstum des österreichischen Hauses viel weniger, als die Machtvergrößerung der Kalvinisten, wenn sich das pfälzische Haus auf dem böhmischen Thron behaupten sollte. Mit seinen eignen Kalvinisten eben damals in einen gefährlichen Streit verwickelt, hatte es keine dringendere Angelegenheit, als die protestantische Faktion in Böhmen so schnell als möglich unterdrückt zu sehen, ehe die Faktion der Hugenotten in Frankreich sich ein gefährliches Muster daran nähme. Um also dem Kaiser gegen die Böhmen geschwind freie Hände zu machen, stellte es sich zwischen der Union und Ligue als Mittelsperson dar und verglich jenen unerwarteten Frieden, dessen wichtigster Artikel war, „dass die Union sich jedes Anteils an den böhmischen Händeln begeben und den Beistand, welchen sie Friedrich dem Fünften leisten würde, nicht über die pfälzischen Länder desselben erstrecken sollte.“ Maximilians Entschlossenheit und die Furcht, zwischen den liguistischen Truppen und einem neuen kaiserlichen Heere, welches aus den Niederlanden im Anmarsch war, ins Gedränge zu geraten, bewog die Union zu diesem schimpflichen Frieden. Die ganze Macht Bayerns und der Ligue stand jetzt dem Kaiser gegen die Böhmen zu Gebote, welche der Ulmische Vergleich ihrem Schicksal überließ. Schneller, als das Gerücht den Vorgang zu Ulm dort verbreiten konnte, erschien Maximilian in Oberösterreich, wo die bestürzten Stände, auf keinen Feind gefasst, die Gnade des Kaisers mit einer schnellen und unbedingten Huldigung erkauften. In Niederösterreich zog der Herzog die niederländischen Truppen des Grafen von Boucquoi an sich, und diese kaiserlich-bayerische Armee, nach ihrer Vereinigung zu fünfzigtausend Mann angewachsen, drang ohne Zeitverlust in das böhmische Gebiet. Alle böhmischen Geschwader, welche in Niederösterreich und Mähren zerstreut waren, trieb sie fliehend vor sich her; alle Städte, welche es wagten Widerstand zu tun, wurden mit stürmender Hand erobert; andere, durch das Gerücht ihrer Züchtigung erschreckt, öffneten freiwillig ihre Tore; nichts hinderte den reißenden Lauf Maximilians. Weichend zog sich die böhmische Armee, welche der tapfere Fürst Christian von Anhalt kommandierte, in die Nachbarschaft von Prag, wo ihr Maximilian an den Mauern dieser Hauptstadt ein Treffen lieferte. Die schlechte Verfassung, in welcher er die Armee der Rebellen zu überraschen hoffte, rechtfertigte diese Schnelligkeit des Herzogs und versicherte ihm den Sieg. Nicht dreißigtausend Mann hatte Friedrich beisammen; achttausend hatte der Fürst von Anhalt ihm zugeführt, zehntausend Ungarn ließ Bethlen Gabor zu seinen Fahnen stoßen. Ein Einfall des Kurfürsten von Sachsen in die Lausitz hatte ihm alle Hilfe abgeschnitten, welche er von diesem Land und von Schlesien her erwartete, die Beruhigung Österreichs alle, welche er sich von dorther versprach. Bethlen Gabor, sein wichtigster Bundesgenosse, verhielt sich ruhig; die Union hatte ihn an den Kaiser verraten. Nichts blieb ihm übrig, als seine Böhmen, und diesen fehlte es an gutem Willen, Eintracht und Mut. Die böhmischen Magnaten sahen sich mit Verdruss gegen deutsche Generale zurückgesetzt, Graf Mannsfeld blieb, von dem böhmischen Hauptlager getrennt, in Pilsen zurück, um nicht unter Anhalt und Hohenlohe zu dienen. Dem Soldaten, welchem auch das Notwendigste fehlte, entfiel aller freudige Mut, und die schlechte Mannszucht unter dem Heer gab dem Landmann Ursache zu den bittersten Klagen. Umsonst zeigte sich Friedrich in dem Lager, den Mut der Soldaten durch seine Gegenwart, die Nacheiferung des Adels durch sein Beispiel zu ermuntern. Auf dem weißen Berg, unweit Prag, fingen die Böhmen an, sich zu verschanzen, als von der vereinigten kaiserlich-bayerischen Armee (am 8. November 1620) der Angriff geschah. Am Anfang des Treffens wurden einige Vorteile von der Reiterei des Prinzen von Anhalt erfochten; aber die Übermacht des Feindes vernichtete sie bald. Unwiderstehlich drangen die Bayern und Wallonen vor, und die ungarische Reiterei war die erste, welche den Rücken wandte. Das böhmische Fußvolk folgte bald ihrem Beispiel, und in der allgemeinen Flucht wurden endlich auch die Deutschen mit fortgerissen. Zehn Kanonen, welche die ganze Artillerie Friedrichs ausmachten, fielen in Feindes Hände. Viertausend Böhmen blieben auf der Flucht und im Treffen, kaum etliche Hundert von den Kaiserlichen und Liguisten. In weniger als einer Stunde war dieser entscheidende Sieg erfochten. Friedrich saß zu Prag bei der Mittagstafel, als seine Armee an den Mauern sich für ihn niederschießen ließ. Vermutlich hatte er an diesem Tag noch keinen Angriff erwartet, weil er eben heute ein Gastmahl bestellte. Ein Eilbote zog ihn endlich vom Tisch, und von dem Wall herab zeigte sich ihm die ganze schreckliche Szene. Um einen überlegten Entschluss zu fassen, erbat er sich einen Stillstand von vierundzwanzig Stunden; acht waren alles, was der Herzog ihm bewilligte. Friedrich benutzte sie, sich mit seiner Gemahlin und den Vornehmsten der Armee des Nachts aus der Hauptstadt zu flüchten. Diese Flucht geschah mit solcher Eilfertigkeit, dass der Fürst von Anhalt seine geheimsten Papiere und Friedrich seine Krone zurückließ. „Ich weiß nun, wer ich bin“, sagte dieser unglückliche Fürst zu denen, welche ihm Trost zusprachen. „Es gibt Tugenden, welche nur das Unglück uns lehren kann, und nur in der Widerwärtigkeit erfahren wir Fürsten, wer wir sind.“ Prag war noch nicht ohne Rettung verloren, als Friedrichs Kleinmut es aufgab. Mannsfelds fliegendes Kommando stand noch in Pilsen und hatte die Schlacht nicht gesehen. Bethlen Gabor konnte jeden Augenblick sich feindselig erklären und die Macht des Kaisers nach der ungarischen Grenze abrufen. Die geschlagenen Böhmen konnten sich erholen, Krankheiten, Hunger und raue Witterung den Feind aufreiben – alle diese Hoffnungen verschwanden vor der gegenwärtigen Furcht. Friedrich fürchtete den Unbestand der Böhmen, welche leicht der Versuchung unterliegen konnten, mit Auslieferung seiner Person die Verzeihung des Kaisers zu erkaufen. Thurn und die in gleicher Verdammnis mit ihm waren, fanden es ebenso wenig ratsam, in den Mauern von Prag ihr Schicksal zu erwarten. Sie entwichen nach Mähren, um bald darauf ihre Rettung in Siebenbürgen zu suchen. Friedrich entfloh nach Breslau, wo er aber nur kurze Zeit verweilte, um an dem Hof des Kurfürsten von Brandenburg und endlich in Holland eine Zuflucht zu finden. Das Treffen bei Prag hatte das ganze Schicksal Böhmens entschieden. Prag ergab sich gleich den andern Tag an den Sieger; die übrigen Städte folgten dem Schicksal der Hauptstadt. Die Stände huldigten ohne Bedingung; das Nämliche taten die Schlesier und Mährer. Drei Monate ließ der Kaiser verstreichen, ehe er eine Untersuchung über das Vergangene anstellte. Viele von denen, welche im ersten Schrecken flüchtig geworden, zeigten sich, voll Vertrauen auf diese scheinbare Mäßigung, wieder in der Hauptstadt. Aber an einem Tag und zu derselben Stunde brach das Ungewitter aus. Achtundvierzig der tätigsten Beförderer des Aufstands wurden gefangen genommen und vor eine außerordentliche Kommission gezogen, die aus gebornen Böhmen und Österreichern niedergesetzt war. Siebenundzwanzig von ihnen starben auf dem Blutgerüst, von dem gemeinen Volk eine unzählige Menge. Die Abwesenden wurden vorgeladen zu erscheinen, und, da keiner sich meldete, als Hochverräter und Beleidiger der kaiserlichen Majestät zum Tod verurteilt, ihre Güter konfisziert, ihre Namen an den Galgen geschlagen. Auch die Güter schon verstorbener Rebellen zog man ein. Diese Tyrannei war zu ertragen, weil sie nur einzelne Privatpersonen traf und der Raub des einen den anderen bereicherte; desto schmerzhafter aber war der Druck, der ohne Unterschied über das ganze Königreich erging. Alle protestantischen Prediger wurden des Landes verwiesen; die böhmischen sogleich, etwas später die deutschen. Den Majestätsbrief durchschnitt Ferdinand mit eigener Hand und verbrannte das Siegel. Sieben Jahre nach der Prager Schlacht war alle Religionsduldung gegen die Protestanten in dem Königreich aufgehoben. Die Gewalttätigkeiten, welche sich der Kaiser gegen die Religionsprivilegien der Böhmen erlaubte, untersagte er sich gegen ihre politische Konstitution, und indem er ihnen die Freiheit des Denkens nahm, ließ er ihnen großmütig noch das Recht, sich selbst zu taxieren. Der Sieg auf dem weißen Berg setzte Ferdinand in den Besitz aller seiner Staaten; ja, er gab sie ihm sogar mit einer größeren Gewalt zurück, als sein Vorgänger darin besessen hatte, weil die Huldigung ohne Bedingung geleistet wurde und kein Majestätsbrief seine landesherrliche Hoheit mehr beschränkte. Das Ziel aller seiner gerechten Wünsche war also erfüllt, und über alle seine Erwartungen. Jetzt konnte er seine Bundesgenossen entlassen und seine Armeen zurückrufen. Der Krieg war geendigt, wenn er auch nichts als gerecht war; wenn er großmütig und gerecht war, so war’s auch die Strafe. Das ganze Schicksal Deutschlands lag jetzt in seiner Hand, und vieler Millionen Glück und Elend beruhte auf dem Entschluss, den er fasste. Nie lag eine so große Entscheidung in eines Menschen Hand; nie stiftete eines Menschen Verblendung so viel Verderben. |
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