Friedrich
Schiller

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Gedichte

Sängers Abschied1

Die Muse* schweigt; mit jungfräulichen Wangen,
Erröthen im verschämten Angesicht,
Tritt sie vor dich, ihr Urtheil zu empfangen;
Sie achtet es, doch fürchtet sie es nicht.
Des Guten Beifall wünscht sie zu erlangen,
Den Wahrheit rührt, den Flimmer nicht besticht;
Nur wem ein Herz, empfänglich für das Schöne,
Im Busen schlägt, ist werth, daß er sie kröne.

Nicht länger wollen diese Lieder leben,
Als bis ihr Klang ein fühlend Herz erfreut,
Mit schönern Phantasieen* es umgeben,
In höheren Gefühlen es geweiht;
Zur fernen Nachwelt wollen sie nicht schweben,
Sie tönten, sie verhallen in der Zeit.
Des Augenblickes Lust hat sie geboren,
Sie fliehen fort im leichten Tanz der Horen*.

Der Lenz* erwacht, auf den erwärmten Triften*
Schießt frohes Leben jugendlich hervor,
Die Staude würzt die Luft mit Nektardüften,
Den Himmel füllt ein muntrer Sängerchor*,
Und Jung und Alt ergeht sich in den Lüften,
Und freuet sich und schwelgt mit Aug’ und Ohr.
Der Lenz* entflieht! Die Blume schießt in Samen,
Und keine bleibt von allen, welche kamen.


Bemerkungen

Mehr Informationen zu diesem Gedicht finden Sie im Lexikon.

1 Frühere Überschrift: Abschied vom Leser. ^

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