Friedrich
Schiller

www.wissen-im-Netz.info

Werke - Gedichte

Homepage
   Literatur
      Schiller, Friedrich

         Werke
           
Gedichte

Das Geheimnis der Reminiszenz*

An Laura

Ewig starr an deinem Mund zu hangen;
Wer enthüllt mir dieses Glutverlangen?
Wer die Wollust, deinen Hauch zu trinken;
In dein Wesen, wenn sich Blicke winken,
               Sterbend zu versinken?

Fliehen nicht, wie ohne Widerstreben
Sklaven* an den Sieger sich ergeben,
Meine Geister hin im Augenblicke,
Stürmend über meines Lebens Brücke,
               Wenn ich dich erblicke?

Sprich! warum entlaufen sie dem Meister?
Suchen dort die Heimat meine Geister,
Oder finden sich getrennte Brüder,
Losgerissen von dem Band der Glieder,
               Dort bei dir sich wieder?

Waren unsre Wesen schon verflochten?
War es darum, dass die Herzen pochten?
Waren wir im Strahl erloschner Sonnen,
In den Tagen lang verrauschter Wonnen
               Schon in Eins zerronnen?

Ja, wir waren’s! – Innig mir verbunden
Wart du in Aeonen*, die verschwunden;
Meine Muse* sah es auf der trüben
Tafel der Vergangenheit geschrieben:
               Eins mit deinem Lieben!

Und in innig fest verbundenem Wesen,
Also hab’ ich’s staunend dort gelesen,
Waren wir ein Gott, ein schaffend Leben,
Und uns ward, sie herrschend zu durchweben,
               Frei die Welt gegeben.

Uns entgegen gossen Nektarquellen
Ewig strömend ihre Wollustwellen;
Mächtig lösten wir der Dinge Siegel,
Zu der Wahrheit lichtem Sonnenhügel
               Schwang sich unser Flügel.

Weine, Laura! dieser Gott ist nimmer!
Du und ich des Gottes schöne Trümmer,
Und in uns ein unersättlich Dringen,
Das verlorne Wesen einzuschlingen,
               Gottheit zu erschwingen.

Darum, Laura, dieses Glutverlangen;
Ewig starr an deinem Mund zu hangen,
Und die Wollust, deinen Hauch zu trinken,
In dein Wesen, wenn sich Blicke winken,
               Sterbend zu versinken.

Darum fliehn, wie ohne Widerstreben
Sklaven* an den Sieger sich ergeben,
Meine Geister hin im Augenblicke,
Stürmend über meines Lebens Brücke,
               Wenn ich dich erblicke.

Darum nur entlaufen sie dem Meister,
Ihre Heimat suchen meine Geister,
Losgerafft vom Kettenband der Glieder,
Küssen sich die langgetrennten Brüder
               Wiedererkennend wieder.

Und auch du – da mich dein Auge spähte,
Was verrieth der Wangen Purpurröthe?
Flohn wir nicht, als wären wir verwandter,
Freudig, wie zur Heimat ein Verbannter*,
               Glühend aneinander?


Bemerkungen

Mehr Informationen zu den Lauraliedern finden Sie im Lexikon.

 
Google
© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.