Friedrich
Schiller

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Metrische Übersetzungen

Vorerinnerung des Verfassers

Einige Freunde des Verfassers, die der lateinischen Sprache nicht kundig, aber fähig sind jede Schönheit der alten Classiker zu empfinden, wünschten durch ihn mit der Aeneis des großen römischen Dichters etwas bekannt zu werden, von welcher, seines Wissens, noch keine nur irgend lesbare Uebersetzung sich findet. Die hauptsächlichste Schwierigkeit, die ihm bei Ausführung seines Vorhabens aufstieß, war die Wahl einer Versart, bei welcher von den wesentlichen Vorzügen des Originals am wenigsten eingebüßt würde, und welche dasjenige, was schon allein der Sprachenverschiedenheit wegen unvermeidlich verloren gehen mußte, von einer andern Seite einigermaßen ersetzen könnte. Der deutsche Hexameter schien ihm diese Eigenschaft nicht zu besitzen, und er hielt sich für überzeugt, daß dieses Sylbenmaß, selbst nicht unter Klopstockischen und Voßischen Händen, diejenige Biegsamkeit, Harmonie und Mannigfaltigkeit erlangen könnte, welche Virgil seinem Uebersetzer zur ersten Pflicht macht. Durch dieses Medium also glaubte er es schlechterdings aufgeben zu müssen, mit der Schönheit des Virgilischen Verses zu ringen. Er glaubte, die ganz eigene magische Gewalt, wodurch der Virgilsche Vers uns hinreißt, in der seltenen Mischung von Leichtigkeit und Kraft, Eleganz und Größe, Majestät und Anmuth zu finden, wobei der römische Dichter von seiner Sprache unstreitig weit mehr unterstützt wurde, als der deutsche von der seinigen hoffen kann. Mußte von diesen beiden so verschiedenen Eigenschaften des Ausdrucks eine der andern in der Uebersetzung nachgesetzt werden, so glaubte er bei derjenigen Versart, welche der Kraft, Majestät und Würde zwar einigen Abbruch thut, aber dem Ausdruck von Grazie, Gelenkigkeit, Wohlklang desto günstiger ist, am allerwenigsten zu wagen. Stärke, Erhabenheit, Würde sind weit weniger abhängig von der Form und bedürfen weit weniger von dem Ausdruck unterstützt zu werden, als die letztern Eigenschaften; und wahre Kraft, wahre Erhabenheit, wahres Pathos muß in jeder Art von Darstellung die Probe halten, welches bei den andern Eigenschaften der Fall nicht ist, denen man also durch eine glückliche Wahl der Form zu Hülfe kommen muß. Es ließe sich vielleicht sogar mit triftigen Gründen behaupten, daß für einen ernsthaften, gewichtigen, pathetischen Inhalt die reizend leichte Form, so wie in einer bekannten Gattung des Komischen für den geringfügigen Inhalt die feierliche Form, vorzuziehen sey. Die harten Schläge, welche der Verfasser der Aeneis so oft auf das Herz seines Lesers führt, der großentheils kriegerische Inhalt seines Gedichts, die ganze Gravität seines Ganges werden durch eine gefällige Versart gemildert, und die Harmonie, die Anmuth in der Einkleidung söhnt vielleicht nicht selten mit der anstrengenden, oft gar empörenden Schilderung aus. Diese Rücksicht vorzüglich bewog den Verfasser, den achtzeiligen Stanzen den Vorzug zu geben, derjenigen unter allen deutschen Versarten, wobei unsre Sprache noch zuweilen ihrer angestammten Härte vergißt, und durch ihren männlichen Charakter doch noch hinlänglich verhindert wird ins Weichliche oder Spielende zu fallen. Der Verfasser konnte diese Wahl um so mehr bei sich rechtfertigen, da es seit Erscheinung des Idris und Oberon zur ausgemachten Wahrheit geworden ist, daß die achtzeiligen Stanzen, besonders mit einiger Freiheit behandelt, für das Große, Erhabene, Pathetische und Schreckhafte selbst einen Ausdruck haben – freilich nur unter den Händen eines Meisters; aber wer pflegt auch im ersten Feuer eines Entschlusses, und von Begeisterung hingerissen, eine so strenge Abrechnung mit seinen Kräften zu halten, um dasjenige, was die Form leistet, von dem, was er selbst dazu mitbringen muß, sorgfältig abzusondern? Der Leser wird entscheiden, ob sich der Verfasser auf das Instrument, das er wählte, verstanden hat; genug, wenn ihm nicht bewiesen werden kann, daß schon in der Wahl der Versart gefehlt worden sey.

Wer übrigens die Schwierigkeiten kennt, die sich einem Uebersetzer der Aeneis, und vollends in einer gereimten Versart, in den Weg stellen, wird eher im Fall seyn, zu wenig als zu viel zu erwarten. Nicht die geringste darunter war, eine glückliche Eintheilung zu treffen, wobei der lateinische Dichter seinem Uebersetzer nicht nur nicht vorgearbeitet, sondern sehr oft entgegen gearbeitet hat. Das lateinische Original bewegt sich in einem stätigen Strome fort, und Virgil hat sich in vollem Maß der Freiheit bedient, welche diese Form ihm gewährte. Dieser fortströmende Gang des Gedichts mußte nun in der Uebersetzung durch viele kurze Ruhepunkte unterbrochen, und ein einziges zusammenhängendes Ganze in mehrere kleine, sich leicht an einander schmiegende Ganze aufgelöst werden, wenn anders die Stanzenform ungezwungen scheinen und das sklavische Gepräge einer Uebersetzung verwischt werden sollte. Hier konnte es freilich nicht fehlen, daß nicht öfters vier oder fünf lateinische Hexameter in eine Stanze ausgesponnen, oder auch umgekehrt acht und neun Verse des Originals in den engen Raum von acht Stanzenzeilen gepreßt wurden. Bei einem Dichter, der sich so wenig nehmen läßt, als Virgil, war die letztere Operation unstreitig die bedenklichste; doch glaubt der Verfasser, die seinem Original gebührende Achtung selten oder nie dabei übertreten zu haben. Es kam ihm zu statten, daß selbst der gedrängte, wortsparende Virgil, dem Wohllaut oder der unerbittlichen Versform zu gefallen, nicht selten entbehrliche Wiederholungen und selbst Flickwörter sich erlaubte, welche die Schonung des Uebersetzers weniger verdienten.

Sehr gerne unterwirft er sich einer jeden kaltblütigen kritischen Prüfung, was die Gewissenhaftigkeit und Treue seiner Uebersetzung betrifft, verbittet sich aber hiermit aufs feierlichste jede Vergleichung seiner Arbeit mit der unerreichbaren Diction des römischen Dichters, welche unausbleiblich und ohne seine Schuld zu seinem Nachtheil ausfallen muß; denn er fordert alle gewesenen, gegenwärtigen und noch kommenden deutschen Dichter auf, in einer so schwankenden, unbiegsamen, breiten, gothischen, rauhklingenden Sprache, als unsere liebe Muttersprache ist, mit der feinen Organisation und dem musikalischen Fluß der lateinischen ohne Nachtheil zu ringen.

Von dem Gedanken weit entfernt, sich an eine Uebersetzung der ganzen Aeneis wagen zu wollen, verspricht er in der Folge noch einige Bruchstücke aus dem vierten und sechsten Buch, wäre es auch nur, um den römischen Dichter bei unserm unlateinischen Publikum in die ihm gebührende Achtung zu setzen, welche er ohne seine Schuld scheint verscherzt zu haben, seitdem es der Blumauerischen* Muse gefallen hat, ihn dem einreißenden Geist der Frivolität zum Opfer zu bringen.

 
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