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Vierter Aufzug

Vorhof mit Säulen.

In der Mitte eine Tafel mit einem mächtig großen Becken, voll von Goldstücken.

Erster Auftritt

Turandot. Zelima. Skirina. Timur. Barak.

(Barak und Timur stehen, jeder an einer Säule, einander gegenüber, die Verschnittenen um sie herum, alle mit entblößten Säbeln und Dolchen. Zelima und Skirina stehen weinend auf der einen, Turandot drohend und streng auf der andern Seite.)

Turandot.
Noch ist es Zeit. Noch lass’ ich mich herab
Zu bitten – Dieser aufgehäufte Berg
Von Gold ist euer, wenn ihr mir in Gutem
Des Unbekannten Stand und Namen nennt.
Besteht ihr aber drauf ihn zu verschweigen,
So sollen diese Dolche, die ihr hier
Auf euch gezückt seht, euer Herz durchbohren.
He da, ihr Sklaven! Macht euch bereit.

(Die Verschnittenen halten ihnen ihre Dolche auf die Brust.)

Barak (zu Skirina).
Nun, heillos Weib, nun siehst du, Skirina,
Wohin uns deine Plauderhaftigkeit geführt.
– Prinzessin, sättigt eure Wut! Ich biete
Den Martern Trotz, die ihr ersinnen könnt,
Ich bin bereit, den herbsten Tod zu leiden.
– Herbei, ihr Schwarzen! Auf, ihr Marterknechte,
Tyrannische Werkzeuge der Tyrannin.
Zerfleischt mich, tötet mich, ich will es dulden.
– Sie hat ganz Recht, ich kenne diesen Prinzen
Und seinen Vater. Beider Namen weiß ich.
Doch keine Marter presst sie von mir aus;
Kein Gold verführt mich; weniger als Staub,
Als schlechte Erde acht’ ich diese Schätze!
Du, meine Gattin, jammre nicht um mich!
Für diesen Alten spare deine Tränen,
Für ihn erweiche dieses Felsenherz,
Dass der Unschuldige gerettet werde!
Sein ganz Verbrechen ist, mein Freund zu sein.

Skirina (flehend zu Turandot).
O Königin, Erbarmen!

Timur.
Niemand kümmre sich
Um einen schwachen Alten, den die Götter
Im Zorn verfolgen, dem der Tod Erlösung,
Das Leben eine Marter ist. Ich will
Dich retten, Freund, und sterben. Wisse denn,
Du Grausame –

Barak (unterbricht ihn).
Um aller Götter willen, schweigt!
Der Name komme nicht aus eurem Munde!

Turandot (neugierig).
Du weißt ihn also, Greis!

Timur.
Ob ich ihn weiß?
Unmenschliche! – Freund, sag mir das Geheimnis!
Warum darf ich die Namen nicht entdecken?

Barak.
Ihr tötet ihn und uns, wenn ihr sie nennt.

Turandot.
Er will dich schrecken, Alter, fürchte nichts!
Herbei, ihr Sklaven, züchtigt den Verwegnen!

(Die Verschnittenen umgeben Barak.)

Skirina.
Ihr Götter helft! Mein Mann! Mein Mann!

Timur (tritt dazwischen).
Haltet! Haltet!
Was soll ich tun? Ihr Götter, welche Marter!
– Prinzessin, schwört mir’s zu bei eurem Haupt,
Bei euren Göttern schwört mir, dass sein leben
Und dieses Fremdlings Leben ungefährdet
Sein soll – Mein eignes acht’ ich nichts und will
Es freudig eurer Wut zum Opfer geben –
Schwört mir das zu, und ihr sollt alles wissen.

Turandot.
Bei meinem Haupt, zum furchtbarn Fohi schwör’ ich,
Dass weder seinem Leben, noch des Prinzen,
Noch irgend eines hier Gefährde droht –

Barak (unterbricht sie).
Halt, Lügnerin – nicht weiter – Glaubt ihr nicht!
Verräterei lauscht hinter diesem Schwur.
– Schwört, Turandot, schwört dass der Unbekannte
Euer Gatte werden soll, im Augenblick,
Da wir die Namen euch entdeckt, wie recht
Und billig ist; ihr wisst es, Undankbare!
Schwört, wenn ihr könnt und dürft, dass er, verschmäht
Von euch, nicht in Verzweiflung sterben wird
Durch seine eigne Hand – und schwört uns zu,
Dass, wenn wir euch die Namen nun entdeckt,
Für unser Leben nichts zu fürchten sei,
Noch dass ein ew’ger Kerker uns lebendig
Begraben und der Welt verbergen soll –
Dies schwört uns, und der erste bin ich selbst,
Der euch die beiden Namen nennt!

Timur.
Was für Geheimnisse sind dies! Ihr Götter,
Nehmt diese Qual und Herzensangst von mir!

Turandot.
Ich bin der Worte müd – Ergreift sie, Sklaven!
Durchbohrt sie!

Skirina.
O Königin! Erbarmen!

(Die Verschnittenen sind im Begriff zu gehorchen, aber Skirina und Zelima werfen sich dazwischen.)

Barak.
Nun siehst du, Greis, das Herz der Tigerin!

Timur (niedergeworfen).
Mein Sohn! Dir weih’ ich freudig dieses Leben.
Die Mutter ging voran, ihr folg’ ich nach.

Turandot (betroffen, wehrt den Sklaven).
Sein Sohn! Was hör’ ich? Haltet! – Du ein Prinz?
Ein König? Du des Unbekannten Vater?

Timur.
Ja, Grausame! Ich bin ein König – bin
Ein Vater, den der Jammer niederdrückt!

Barak.
O König! Was habt ihr getan!

Skirina.
Ein König!
In solchem Elend!

Zelima.
Allgerechte Götter.

Turandot (in tiefes Staunen verloren, nicht ohne Rührung).
Ein König und in solcher Schmach! – Sein Vater!
Des unglücksel’gen Jünglings, den ich mich
Zu hassen zwinge und nicht hassen kann!
– O der Bejammernswürdige – Wie wird mir!
Das Herz im tiefsten Busen wendet sich!
Sein Vater! – Und er selbst – sagt’ er nicht so?
Genötiget, als niedrer Knecht zu dienen
Und Lasten um geringen Sold zu tragen!
O Menschlichkeit! O Schicksal!

Barak.
Turandot,
Dies ist ein König! Scheut euch und schaudert
Zurück, die heil’gen Glieder zu verletzen!
Wenn solches Jammers Größe euch nicht rührt,
Euch nicht das Mitleid, nicht die Menschlichkeit
Entwaffnen kann, lasst euch die Scham besiegen!
Ehrt eures eignen greisen Vaters Haupt
In diesem Greis! – O schändet euch nicht selbst
Durch eine Tat, die euer Blut entehrte!
Genug dass ihr die Jünglinge gemordet!
Schonet das Alter, das ohnmächtige,
Das auch die Götter zum Erbarmen zwingt!

Zelima (wirft sich zu ihren Füßen).
Ihr seid bewegt, ihr könnt nicht widerstehn.
O gebt dem Mitleid und der Gnade Raum!
Lasst euch die Größe dieses Jammers rühren!


Zweiter Auftritt

Adelma zu den Vorigen.

Turandot (ihr entgegen).
Kommst du, Adelma? Hilf mir! O schaff’ Rat!
Ich bin entwaffnet – Ich bin außer mir!
Dies ist sein Vater, ein Monarch und König!

Adelma.
Ich hörte alles. Fort mit diesen beiden!
Schafft dieses Gold hinweg! Der Kaiser naht!

Turandot.
Mein Vater? Wie?

Adelma.
Ist auf dem Weg hieher.

(Zu den Schwarzen.)

Fort, eh wir überfallen werden! Sklaven,
Führt diese beiden in die untersten
Gewölbe des Serails! Dort haltet sie
Verborgen bis auf weitere Befehle!

(Zu Turandot.)

Es ist umsonst. Wir müssen der Gewalt
Entsagen. Nichts kann retten als die List.
– Ich habe einen Anschlag – Skirina,
Ihr bleibt zurück. Auch Zelima soll bleiben.

Barak (zu Timur).
Weh uns, mein Fürst! Die Götter mögen wissen,
Welch neues Schrecknis ausgebrütet wird!
– Weib! Tochter! Seid getreu, o haltet fest,
Lasst euch von diesen Schlangen nicht verführen!

Turandot (zu den Schwarzen).
Ihr wisset den Befehl. Fort, fort mit ihnen
In des Serails verborgenste Gewölbe!

Timur.
Fall’ eure ganze Rache auf mein Haupt!
Nur ihm, nur meinem Sohn erzeiget Mitleid!

Barak.
Mitleid in dieser Furie? Verraten
Ist euer Sohn, und uns, ich seh’ es klar,
Wird ew’ge Nacht dem Aug’ der Welt verbergen.
Man führt uns aus dem Angesicht der Menschen,
Wohin kein Lichtstrahl und kein Auge dringt,
Und unser Schmerz kein fühlend Ohr erreicht!

(Zur Prinzessin.)

Die Welt kannst du, der Menschen Auge blenden,
Doch zittre vor der Götter Nachgericht!
Magst du im Schlund der Erde sie verstecken,
Lass tausend Totengrüfte sie bedecken,
Sie bringen diene Übeltat ans Licht.

(Er folgt mit Timur den Verschnittenen, welche zugleich die Tafel und das Becken mit den Goldstücken hinweg tragen.)


Dritter Auftritt

Turandot. Adelma. Zelima und Skirina.

Turandot (zu Adelma).
Auf dich verlass’ ich mich, du einz’ge Freundin!
O sage, sprich, wie du mich retten willst.

Adelma.
Die Wachen, die auf Altoums Befehl
Des Prinzen Zimmer hüten, sind gewonnen.
Man kann zu ihm hineingehn, mit ihm sprechen –
Und was ist dann nicht möglich, wenn wir klug
Die Furcht, die Überraschung spielen lassen.
Denn arglos ist sein Herz und gibt sich leicht
Der Schmeichelstimme des Verräters hin.
Wenn Skirina, wenn Zelima mir nur
Behilflich sind und ihre Rolle spielen,
So zweifelt nicht, mein Anschlag soll gelingen.

Turandot (zu Skirina).
So lieb dir Hassans Leben, Skirina!
Er ist in meiner Macht, ich kann ihn töten.

Skirina.
Was ihr befehlt, ich bin bereit zu allem,
Wenn ich nur meines Hassans Leben rette.

Turandot (zu Zelima).
So wert dir meine Gunst ist, Zelima –

Zelima.
Auf meinen Eifer zählt und meine Treue!

Adelma.
So kommt. Kein Augenblick ist zu verlieren.

(Sie gehen ab.)

Turandot.
Geht, geht! Tut, was sie sagt.


Vierter Auftritt

Turandot (allein).
Was sinnt Adelma?
Wird sie mich retten? Götter, steht ihr bei.
Kann ich mich noch mit diesem Siege krönen,
Wes Name wird dann größer sein, als meiner?
Wer wird es wagen, sich in Geisteskraft
Mit Turandot zu messen? – Welche Lust,
Im Diwan, vor der wartenden Versammlung,
Die Namen ihm ins Angesicht zu werfen
Und ihn beschämt von meinem Thron zu weisen!
– Und doch ist mir’s, als würd’ es mich betrüben!
Mir ist, als säh’ ich ihn, verzweiflungsvoll,
Zu meinen Füßen seinen Geist verhauchen,
Und dieser Anblick dringt mir an das Herz,
– Wie, Turandot? Wo ist der edle Stolz
Der großen Seele? Hat’s ihn auch gekränkt,
Im Diwan über dich zu triumphieren?
Was wird dein Anteil sein, wenn er auch hier
Den Sieg dir abgewinnt? – Recht hat Adelma!
Zu weit ist es gekommen! Umkehr ist
Nicht möglich! – Du musst siegen oder fallen!
Besiegt von einem, ist besiegt von allen!


Fünfter Auftritt

Turandot. Altoum. Pantalon und Tartaglia folgen ihm in einiger Entfernung nach.

Altoum (in einem Briefe lesend und in tiefen Gedanken, für sich).
So musste dieser blutige Tyrann
Von Tefflis enden! Kalaf, Timus Sohn,
Aus seiner Väter Reich vertrieben, flüchtig
Von Land zu Lande schweifend, muss hieher
Nach Peckin kommen und durch seltsame
Verkettung der Geschicke glücklich werden!
So führt das Schicksal an verborgnem Band
Den Menschen auf geheimnisvollen Pfaden;
Doch über ihm wacht eine Götterhand,
Und wunderbar entwirret sich der Faden.

Pantalon (leise zu Tartaglia).
Rappelt’s der Majestät? Was kömmt sie an,
Dass sie in Versen mit sich selber spricht?

Tartaglia (leise zu Pantalon).
Still, still! Es ist ein Bote angelangt
Aus fernen Landen – Was er brachte, mag
Der Teufel wissen!

Altoum (steckt den Brief in den Busen und wendet sich zu seiner Tochter).
Turandot! Die Stunden
Entfliehen, die Entscheidung rückt heran,
Und schlaflos irrst du im Serail umher,
Zerquälst dich, das Unmögliche zu wissen.
– Vergebens quälst du dich. Es ist umsonst!
Ich aber hab’ es ohne Müh’ erfahren.
– Sieh diesen Brief. Hier stehen beide Namen
Und alles, was sie kenntlich macht. Soeben
Bringt ihn ein Bote mir aus fernen Landen.
Ich halt’ ihn wohl verschlossen und bewacht,
Bis dieser nächste Tag vorüber ist.
Der unbekannte Prinz ist wirklich König
Und eines Königs Sohn – Es ist unmöglich
Dass du erratest, wer sie beide seien.
Ihr Reich liegt allzu fern von hier, der Name
Ist kaum zu Peckin ausgesprochen worden.
– Doch sieh, weil ich’s als Vater mit dir meine,
Komm’ ich in später Nacht noch her – Kann es
Dir Freude machen, dich zum zweiten Mal
Im Diwan dem Gelächter bloßzustellen,
Dem Hohn des Pöbels, der mit Ungeduld
Drauf wartet, deinen Stolz gebeugt zu sehn?
Denn abgesinnt, du weißt’s, ist dir das Volk,
Kaum werd’ ich seiner Wut gebieten können,
Wenn du im Diwan nun verstummen musst.
– Sieh, liebes Kind, dies führte mich hieher.

(Zu Pantalon und Tartaglia.)

Lasst uns allein!

(Jene entfernen sich ungern und zaudernd.)


Sechster Auftritt

Turandot und Altoum.

Altoum (nachdem jene weg sind, nähert sich ihr und fass sie vertraulich bei der Hand).
Ich komme, deine Ehre
Zu retten.

Turandot.
Meine Ehre, Sire? Spart euch
Die Müh! Nicht Rettung brauch’ ich meiner Ehre –
Ich werde mir im Diwan morgen selbst
Zu helfen wissen.

Altoum.
Ach, du schmeichelst dir
Mit eitler Hoffnung. Glaube mir’s, mein Kind,
Unmöglich ist’s zu wissen, was du hoffst.
Ich les’ in deinen Augen, deinen wild
Verwirrten Zügen deine Qual und Angst.
Ich bin dein Vater; sieh, ich hab’ dich lieb.
– Wir sind allein – Sei offen gegen mich!
Bekenn’ es frei – weißt du die beiden Namen?

Turandot.
Ob ich sie weiß, wird man im Diwan hören.

Altoum.
Nein, Kind, du weißt sie nicht, kannst sie nicht wissen.
Wenn du sie weißt, so sag’ mir’s im Vertrauen.
Ich lasse dann den Unglücksel’gen wissen,
Dass er verraten ist, und lass’ ihn still
Aus meinen Staaten ziehn. So meidest du
Den Hass des Volks, und mit dem Sieg zugleich
Trägst du den Ruhm der Großmut noch davon,
Dass du dem Überwundenen die Schmach
Der öffentlichen Niederlage spartest.
– Um dieses Einz’ge bitt’ ich dich, mein Kind!
Wirst du’s dem Vater, der dich liebt, versagen?

Turandot.
Ich weiß die Namen oder weiß sie nicht,
Genug! Hat er im Diwan meiner nicht
Geschont, brauch’ ich auch seiner nicht zu schonen.
Gerechtigkeit geschehe! Öffentlich,
Wenn ich sie weiß, soll man die Namen hören.

Altoum (will ungeduldig werden, zwingt sich aber und fährt mit Mäßigung und Milde fort).
Durft’ er dich schonen? Galt es nicht sein Leben?
Galt es nicht, was ihm mehr war, deine Hand?
Dich zu gewinnen und sich selbst zu retten,
Musst er den Sieg im Diwan dir entreißen.
– Nur einen Augenblick leg’ deinen Zorn
Beiseite, Kind – Gib Raum der Überlegung!
Sieh, dieses Haupt setz’ ich zum Pfand, du weißt
Die Namen nicht – Ich aber weiß sie – hier

(Auf den Brief zeigend.)

Stehn sie geschrieben, und ich sag’ sie dir.
Der Diwan soll sich in der Früh’ versammeln,
Der Unbekannte öffentlich erscheinen;
Mit seinem Namen redest du ihn an;
Er soll beschämt, vom Blitz getroffen, stehen,
Verzweifelnd jammern und vor Schmerz vergehen;
Vollkommen sei sein Fall und dien Triumph.
– Doch nun, wenn du so tief ihn hast gebeugt,
Erheb’ ihn wieder! Frei, aus eigner Wahl,
Reich’ ihm die Hand und endige sein Leiden.
– Komm, meine Tochter, schwöre mir, dass du
Das tun willst, und sogleich – wir sind allein –
Sollst du die Namen wissen. Das Geheimnis,
Ich schwöre dir, soll mit uns beiden sterben.
So löst der Knoten sich erfreulich auf;
Du krönest dich mit neuem Siegesruhm,
Versöhnest dir durch schöne Edeltat
Die Herzen meines Volks, gewinnst dir selbst
Den Würdigsten der Erde zum Gemahl,
Erfreuest, tröstest nach so langem Gram
In seinem hohen Alter deinen Vater.

Turandot (ist während dieser Rede in eine immer zunehmende Bewegung geraten).
Ach, wie viel arge List gebraucht mein Vater!
– Was soll ich tun? Mich auf Adelma’s Wort
Verlassen und dem ungewissen Glück
Vertraun? Soll ich vom Vater mir die Namen
Entdecken lassen und den Nacken beugen
In das verhasste Joch? – Furchtbare Wahl!

(Sie steht unentschlossen in heftigem Kampf mit sich selbst.)

Herunter, stolzes Herz, bequeme dich!
Dem Vater nachzugeben, ist nicht Schande!

(Indem sie einige Schritte gegen Altoum macht, steht sie plötzlich wieder still.)

Doch, wenn Adelma – sie versprach so kühn,
So zuversichtlich – wenn sie’s nun erforschte
Und übereilt hätt’ ich den Schwur getan?

Altoum.
Was sinnest du und schwankest, meine Tochter,
In zweifelnden Gedanken hin und her?
Soll etwa diese Angst mich überreden,
Dass du des Sieges dich versichert haltest?
O Kind, gib deines Vaters Bitte nach! –

Turandot.
Es sei! Ich wag’ es drauf. Ich will Adelma
Erwarten – So gar dringend ist mein Vater?
Ein sichres Zeichen, dass es möglich ist,
Ich könne, was er fürchtet, durch mich selbst
Erfahren – Er versteht sich mit dem Prinzen!
Nicht anders! Von ihm selbst hat er die Namen;
Es ist ein abgeredet Spiel; ich bin
Verraten, und man spottet meiner!

Altoum.
Nun?
Was zauderst du? Hör’ auf, dich selbst zu quälen!
Entschließe dich!

Turandot.
Ich bin entschlossen – Morgen
In aller Früh versammle sich der Diwan.

Altoum.
Du bist entschlossen, es aufs Äußerste,
Auf öffentliche Schande hin zu wagen?

Turandot.
Entschlossen, Sire, die Probe zu bestehen.

Altoum (in heftigem Zorn).
Unsinnige! Verstockte! Blindes Herz!
Noch blinder als die Albernste des Pöbels!
Ich bin gewiss, wie meines eignen Haupts,
Dass du dich öffentlich beschimpfst, dass dir’s
Unmöglich ist, das Rätsel aufzulösen.
Wohlan! Der Diwan soll versammelt werden,
Und in der Nähe gleich sei der Altar;
Der Priester halte sich bereit, im Augenblick,
Da du verstummst, beim lauten Hohngelächter
Des Volks die Trauung zu vollziehn. Du hast
Den Vater nicht gehört, da er dich flehte;
Leb’ oder stirb, er wird dich auch nicht hören!

(Er geht ab.)

Turandot.
Adelma! Freundin! Retterin! Wo bist du?
Verlassen bin ich von der ganzen Welt.
Mein Vater hat im Zorn mich aufgegeben:
Von dir allein erwart’ ich Heil und Leben.

(Entfernt sich auf der andern Seite.)


Die Szene verwandelt sich in ein prächtiges Gemach mit mehreren Ausgängen. Im Hintergrund steht ein orientalisches Ruhebett für Kalaf. Es ist finstre Nacht.

Siebenter Auftritt

Kalaf. Brigella mit einer Fackel.

(Kalaf geht in tiefen Gedanken auf und ab; Brigella betrachtet ihn mit Kopfschütteln.)

Brigella.
’s hat eben drei geschlagen, Prinz, und ihr
Seid nun genau dreihundertsechzig Mal
In diesem Zimmer auf und ab spaziert.
Verzeiht! Mir liegt der Schlaf in allen Gliedern,
Und wenn ihr selbst ein wenig ruhen wolltet,
Es könnt’ nicht schaden.

Kalaf.
Du hast Recht, Brigella.
Mein sorgenvoller Geist treibt mich umher;
Doch du magst gehen und dich schlafen legen.

Brigella (geht, kommt aber gleich wieder zurück).
Ein Wort zur Nachricht, Hoheit – Wenn euch hier
Von ungefähr so was erscheinen sollte –
Macht eure Sache gut – Ihr seid gewarnt!

Kalaf.
Erscheinungen? Wie so? An diesem Ort?

(Mustert mit unruhigen Blicken das Zimmer.)

Brigella.
Du lieber Himmel! Uns ist zwar verboten
Bei Lebensstrafe, niemand einzulassen.
Doch – arme Diener! Herr, ihr wisst ja wohl!
Der Kaiser ist der Kaiser, die Prinzess
Ist, sozusagen, Kaiserin – und was
Die in den Kopf sich setzt, das muss geschehn!
’s wird einem sauer, Hoheit, zwischen zwei
Dachtraufen trocknen Kleides durchzukommen.
– Versteht mich wohl. Man möchte seine Pflicht
Gern ehrlich tun – doch man erübrigte
Auch gern etwas für seine alten Tage.
Herr, unsereins ist halt übel dran!

Kalaf.
Wie? Sollte man mir gar ans Leben wollen?
Brigella, rede!

Brigella.
Gott soll mich bewahren!
Allein bedenkt die Neugier, die man hat,
Zu wissen, wer ihr seid. Es könnte sich
Zum Beispiel fügen, dass – durch’s Schlüsselloch –
Ein Geist – ein Unhold – eine Hexe käme,
Euch zu versuchen – Gnug! Ihr seid gewarnt!
Versteht mich – Arme Diner, arme Schelme!

Kalaf (lächelnd).
Sei außer Sorgen. Ich verstehe dich,
Und werde mich in Acht zu nehmen wissen.

Brigella.
Tut das, und somit Gott befohlen, Herr.
Ums Himmels willen, bringt mich nicht ins Unglück!

(Gegen die Zuschauer.)

Es kann geschehen, dass man einen Beutel
Mit Gold ausschlägt – möglich ist’s! Was mich betrifft,
Ich tat mein Bestes, und ich konnt’ es nicht.

(Er geht ab.)

Kalaf.
Er hat mir Argwohn in mein Herz gepflanzt.
Wer könnte mich hier überfallen wollen?
Und lass die Teufel aus der Hölle selbst
Ankommen, dieses Herz wird standhaft bleiben.

(Er tritt ans Fenster.)

Der Tag ist nicht mehr weit, ich werde nun
Nicht lange mehr auf dieser Folter liegen.
Indes versuch’ ich es, ob ich vielleicht
Den Schlaf auf diese Augen locken kann.

(Indem er sich auf die Ruhebank niederlassen will, öffnet sich eine von den Türen.)


Achter Auftritt

Kalaf. Skirina in männlicher Kleidung und mit einer Maske vor dem Gesicht.

Skirina (furchtsam sich nähernd).
Mein lieber Herr – Herr – O wie zittert mir
Das Herz!

Kalaf (auffahrend).
Wer bist du, und was suchst du hier?

Skirina (nimmt die Maske vom Gesicht).
Kennt ihr mich nicht? Ich bin ja Skirina,
Des armen Hassans Weib und eure Wirtin.
Verkleidet hab’ ich durch die Wachen mich
Herein gestohlen – Ach! Was hab’ ich euch
Nicht alles zu erzählen – Doch die Angst
Erstickt mich, und die Knie zittern mir;
Ich kann vor Tränen nicht zu Worte kommen.

Kalaf.
Sprecht, gute Frau. Was habt ihr mir zu sagen?

Skirina (sich immer schüchtern umsehend).
Mein armer Mann hält sich versteckt. Es ward
Der Turandot gesagt, dass er euch kenne.
Nun wird ihm nachgespürt an allen Orten
Ihn ins Serail zu schleppen und ihm dort
Gewaltsam euren Namen abzupressen.
Wird er entdeckt, so ist’s um ihn geschehn,
Denn eher will er unter Martern sterben,
Als euch verraten.

Kalaf.
Treuer, wackrer Diener!
– Ach, die Unmenschliche!

Skirina.
Ihr habt noch mehr
Von mir zu hören – Euer Vater ist
In meinem Haus.

Kalaf.
Was sagst du? Große Götter!

Skirina.
Von eurer Mutter zum trostlosen Witwer
Gemacht –

Kalaf.
O meine Mutter!

Skirina.
Hört mich weiter!
Er weiß, dass man euch hier bewacht; er zittert
Für euer Leben; er ist außer sich;
Er will verzweifelnd vor den Kaiser dringen,
Sich ihm entdecken, kost’ es was es wolle;
Mit meinem Sohne, ruft er, will ich sterben!
Vergebens such’ ich ihn zurück zu halten,
Sein Ohr ist taub, er hört nur seinen Schmerz:
Nur das Versprechen, das ich ihm getan,
Ein tröstend Schreiben ihm von eurer Hand
Mit eures Namens Unterschrift zu bringen,
Das ihm Versichrung gibt von eurem Leben,
Hielt ihn vom Äußersten zurück! So hab’ ich mich
Hieher gewagt und in Gefahr gesetzt,
Dem kummervollen Greise Trost zu bringen.

Kalaf.
Mein Vater hier in Peckin! Meine Mutter
Im Grab! – Du hintergehst mich, Skirina!

Skirina.
Mich strafe Fohi, wenn ich euch das lüge!

Kalaf.
Bejammernswerter Vater! Arme Mutter!

Skirina (dringend).
Kein Augenblick ist zu verlieren! Kommt!
Bedenkt euch nicht; schreibt diese wen’gen Worte.
Fehlt euch das Nötige, ich bracht’ es mit.

(Sie zieht eine Schreibtafel hervor.)

Genug, wenn dieser kummervolle Greis
Zwei Zeilen nur von eurer Hand erhält,
Dass ihr noch lebt, und dass ihr Gutes hofft.
Sonst treibt ihn die Verzweiflung an den Hof;
Er nennt sich dort, und alles ist verloren.

Kalaf.
Ja, gib mir diese Tafel!

(Er ist im Begriff zu schreiben, hält aber plötzlich inne und sieht sie forschend an.)

Skirina!
Hast du nicht eine Tochter im Serail?
– Ja, ja, ganz recht. Sie dient als Sklavin dort
Der Turandot; dein Mann hat mir’s gesagt.

Skirina.
Nun ja! Wie kommt ihr darauf?

Kalaf.
Skirina!
Geh nur zurück und sage meinem Vater
Von meinetwegen, dass er ohne Furcht
Geheimen Zutritt bei dem Kaiser fordre,
Und ihm entdecke, was sein Herz ihn heißt.
Ich bin’s zufrieden.

Skirina (betroffen).
Ihr verweigert mir
Den Brief? Ein Wort von eurer Hand genügt.

Kalaf.
Nein, Skirina, ich schreibe nicht. Erst morgen
Erfährt man, wer ich bin – Ich wundre mich,
Dass Hassans Weib mich zu verraten sucht.

Skirina.
Ich euch verraten! Guter Gott!

(Für sich.)

Adelma mag denn selbst ihr Spiel vollenden.

(Zu Kalaf.)

Wohl, Prinz, wie’s euch beliebt! Ich geh’ nach Hause.
Ich richte eure Botschaft aus; doch glaub’ ich nicht,
Nach so viel übernommener Gefahr
Und mühe euren Argwohn zu verdienen.

(Im Abgehen.)

Adelma wacht, und dieser schlummert nicht.

(Entfernt sich.)

Kalaf.
Erscheinungen! – Du sagtest recht, Brigella!
Doch, dass mein Vater hier in Peckin sei,
Und meine Mutter tot, hat dieses Weib
Mit einem heil’gen Eide mir bekräftigt!
Kommt doch das Unglück nie allein! Ach, nur
Zu glaubhaft ist der Mund, der Böses meldet!

(Die entgegen gesetzte Tür öffnet sich.)

Noch ein Gespenst! Lass sehen, was es will!


Neunter Auftritt

Kalaf. Zelima.

Zelima.
Prinz, ich bin eine Sklavin der Prinzessin,
Und bringe gute Botschaft.

Kalaf.
Gäb’s der Himmel!
Wohl wär’ es Zeit, dass auch das Gute käme!
Ich hoffe nichts, ich schmeichle mir mit nichts;
Zu fühllos ist das Herz der Turandot.

Zelima.
Wohl war, ich läugn’ es nicht – und dennoch, Prinz,
Gelang es euch, dies stolze Herz zu rühren.
Euch ganz allein; ihr seid der erste – Zwar
Sie selbst besteht darauf, dass sie euch hasse;
Doch ich bin ganz gewiss, dass sie euch liebt.
Die Erde tu’ sich auf und reiße mich
In ihren Schlund hinab, wenn ich das lüge!

Kalaf.
Gut, gut, ich glaube dir. Die Botschaft ist
Nicht schlimm. Hast du noch mehreres zu sagen?

Zelima (näher tretend).
Ich muss euch im Vertrauen sagen, Prinz,
Der Stolz, der Ehrgeiz treibt sie zur Verzweiflung.
Sie sieht nun ein, dass sie unmögliches
Sich aufgebürdet, und vergeht vor Scham,
Dass sie im Diwan nach so vielen Siegen
Vor aller Welt zu Schanden werden soll.
Der Abgrund öffne sich und schlinge mich
Hinab, wenn ich mit Lügen euch berichte!

Kalaf.
Ruf nicht so großes Unglück auf dich her!
Ich glaube dir. Geh, sage der Prinzessin:
Leicht sei es ihr, in diesem Streit zu siegen;
Mehr als durch ihren glänzenden Verstand
Wird sich ihr Ruhm erheben, wenn ihr Herz
Empfinden lernt, wenn sie der Welt beweist,
Sie könne Mitleid fühlen, könne sich
Entschließen, einen Liebenden zu trösten
Und einen greisen Vater zu erfreuen.
Ist dies etwa die gute Botschaft, sprich,
Die ich zu hören habe?

Zelima.
Nein, mein Prinz,
Wir geben uns so leichten Kaufes nicht;
Man muss Geduld mit unsrer Schwachheit haben.
– Hört an!

Kalaf.
Ich höre.

Zelima.
Die Prinzessin schickt mich.
– Sie bittet euch um einen Dienst – Lasst sie
Die Namen wissen, und im Übrigen
Vertraut euch kühnlich ihrer Großmut an.
Sie will nur ihre Eigenleibe retten,
Nur ihre Ehre vor dem Diwan lösen.
Voll Güte steigt sie dann von ihrem Thron,
Und reicht freiwillig euch die schöne Rechte.
– Entschließt euch, Prinz. Ihr waget nichts dabei.
Gewinnt mit Güte dieses stolze Herz,
So wird nicht Zwang, so wird die Liebe sei,
Die zärtlichste, in eure Arme führen.

Kalaf (sieht sie scharf ins Gesicht, mit einem bittern Lächeln).
Hier, Sklavin, hast du den gewohnten Schluss
Der Rede weggelassen.

Zelima.
Welchen Schluss?

Kalaf.
Die Erde öffne sich und schlinge mich
Hinab, wenn ich Unwahres euch berichte.

Zelima.
So glaubt ihr, Prinz, dass ich euch Lügen sage?

Kalaf.
Ich glaub’ es fast – und glaub’ es so gewiss,
Dass ich in dein Begehren nimmermehr
Kann willige. Kehr’ um zu der Prinzessin!
Sag’ ihr, mein einz’ger Ehrgeiz sei ihr Herz,
Und meiner glühenden Liebe möge sie
Verzeihn, dass ich die Bitte muss versagen.

Zelima.
Bedachtet ihr, was dieser Eigensinn
Euch kosten kann?

Kalaf.
Mag er mein Leben kosten!

Zelima.
Es bleibt dabei, er wird’s euch kosten, Prinz!
– Beharrt ihr drauf, mir nichts zu offenbaren?

Kalaf.
Nichts!

Zelima.
Lebet wohl!

(Im Abgehen.)

Die Mühe konnt’ ich sparen!

Kalaf (allein).
Geht, wesenlose Larven! Meinen Sinn
Macht ihr nicht wankend. Andre Sorgen sind’s,
Die mir das Herz beklemmen – Skirina’s
Bericht ist’s, was mich ängstigt – Mein Vater
In Peckin! Meine Mutter tot! – Mut, Mut, mein Herz!
In wenig Stunden ist das Los geworfen.
Könnt’ ich den kurzen Zwischenraum im Arm
Des Schlafs verträumen! Der gequälte Geist
Sucht Ruhe, und mich däucht, ich fühle schon
Den Gott die sanften Flügel um mich breiten.

(Er legt sich auf das Ruhebett und schläft ein.)


Zehnter Auftritt

Adelma ritt auf, das Gesicht verschleiert, eine Wachskerze in der Hand. Kalaf schlafend.

Adelma.
Nicht alles soll misslingen – Hab’ ich gleich
Vergebens alle Künste des Betrugs
Verschwendet, ihm die Namen zu entlocken,
So werd’ ich doch nicht ebenso umsonst
Versuchen, ihn aus Peckin wegzuführen
Und mit dem schönen Raube zu entfliehen.
– O heiß erflehter Augenblick! Jetzt, Liebe,
Die mir bis jetzt den kühnen Mut verliehn,
So manche Schranke mir schon überstiegen,
Dein Feuer lass auf meinen Lippen glühn!
Hilf mir in diesem schwersten Kampfe siegen!

(Sie betrachtet den Schlafenden.)

Der Liebste schläft. Sei ruhig, pochend Herz,
Erzittre nicht! Nicht gern, ihr holden Augen,
Scheuch’ ich den goldnen Schlummer von euch weg!
Doch schon ergraut der Tag, ich darf nicht säumen.

(Sie nähert sich ihm und berührt ihn sanft.)

Prinz, wachet auf!

Kalaf (erwachend).
Wer störet meinen Schlummer?
Ein neues Trugbild? Nachtgespenst, verschwinde!
Wird mir kein Augenblick der Ruh vergönnt?

Adelma.
Warum so heftig, Prinz? Was fürchtet ihr?
Nicht eine Feindin ist’s, die vor euch steht;
Nicht euren Namen will ich euch entlocken.

Kalaf.
Ist dies dein Zweck, so spare deine Müh.
Ich sag’ es dir voraus, du wirst mich nicht betrügen.

Adelma.
Betrügen? Ich? Verdien’ ich den Verdacht?
Sagt an, war hier nicht Skirina bei euch,
Mit einem Brief euch listig zu versuchen?

Kalaf.
Wohl war sie hier.

Adelma.
Doch hat sie nichts erlangt?

Kalaf.
Dass ich ein solcher Thor gewesen wäre!

Adelma.
Gott sei’s gedankt! – War eine Sklavin hier,
Mit trüglicher Vorspieglung euch zu blenden?

Kalaf.
Solch eine Sklavin war in Wahrheit hier,
Doch zog sie leer ab – wie auch du wirst gehen.

Adelma.
Der Argwohn schmerzt, doch leicht verzeih’ ich ihn.
Lernt mich erst kennen! Setzt euch! Hört mich an,
Und dann verdammt mich als Betrügerin!

(Sie setzt sich, er folgt.)

Kalaf.
So redet denn und sagt, was ich euch soll.

Adelma.
Erst seht mich näher an – Beschaut mich wohl!
Wer denkt ihr, dass ich sei?

Kalaf.
Dies hohe Wesen,
Der edle Anstand zwingt mir Ehrfurcht ab.
Das Kleid bezeichnet eine niedre Sklavin,
Die ich, wo ich nicht irre, schon im Diwan
Gesehen und ihr Los beklagt.

Adelma.
Auch ich
Hab’ euch – die Götter wissen es, wie innig –
Bejammert, Prinz! Es sind fünf Jahre nun,
Da ich, noch selber eine Günstlingin
Des Glücks, in niederm Sklavenstand euch sah.
Schon damals sagte mir’s mein Herz, dass euch
Geburt zu einem bessern Los berufen.
Ich weiß, dass ich getan, was ich gekonnt,
Euch ein unwürdig Schicksal zu erleichtern,
Weiß, dass mein Aug’ sich euch verständlich machte,
So weit es einer Königstochter ziemte.

(Sie entschleiert sich.)

Seht her, mein Prinz, und sagt mir, dies Gesicht
Habt ihr es nie gesehn in eurem Leben?

Kalaf.
Adelma! Ew’ge Götter! Seh’ ich recht?

Adelma.
Ihr sehet in unwürd’gen Sklavenbanden
Die Tochter Keicobads, des Königes
Der Karazanen, einst zum Thron bestimmt,
Jetzt zu der Knechtschaft Schmach herabgestoßen.

Kalaf.
Die Welt hat euch für tot beweint. In welcher
Gestalt, weh mir, muss ich euch wieder finden!
Euch hier als eine Sklavin des Serails,
Die Königin, die edle Fürstentochter!

Adelma.
Und als die Sklavin dieser Turandot,
Der grausamen Ursache meines Falles!
Vernehmt mein ganzes Unglück, Prinz! Mir lebte
Ein Bruder, ein geliebter, teurer Jüngling,
Den diese stolze Turandot, wie euch,
Bezauberte – Er wagte sich im Diwan –

(Sie hält inne, von Schluchzen und Tränen unterbrochen.)

Unter den Häuptern, die man auf dem Tor
Zu Peckin sieht – entsetzensvoller Anblick!
Erblicktet ihr auch das geliebte Haupt
Des teuren Bruders, den ich noch beweine.

Kalaf.
Unglückliche! So log die Sage nicht!
So ist es wahr, die klägliche Geschichte,
Die ich für eine Fabel nur gehalten!

Adelma.
Mein Vater Keicobad, ein kühner Mann,
Nur seinem Schmerz gehorchend, überzog
Die Staaten Altoums mit Heeresmacht,
Des Sohnes Mord zu rächen – Ach, das Glück
War ihm nicht günstig! Männlich fechtend fiel er
Mit allen seinen Söhnen in der Schlacht!
Ich selbst, mit meiner Mutter, meinen Schwestern,
Ward auf Befehl des wütenden Wesirs,
Der unsern Stamm verfolgte, in den Strom
Geworfen. Jene kamen um; nur mich
Errettete die Menschlichkeit des Kaisers,
Der in dem Augenblick ans Ufer kam.
Er schalt die Gräueltat und ließ im Strom
Nach meinem jammervollen Leben fischen.
Schon halb entseelt werd’ ich zum Strand gezogen;
Man ruft ins Leben mich zurück; ich werde
Der Turandot als Sklavin übergeben,
Zu glücklich noch, das Leben als Geschenk
Von eines Feindes Großmut zu empfangen.
O lebt in eurem Busen menschliches Gefühl,
So lasst mein Schicksal euch zu Herzen gehen!
Denkt, was ich leide! Denkt, wie es ins Herz
Mir schneidet, sie, die meinen ganzen Stamm
Vertilgt, als eine Sklavin zu bedienen.

Kalaf.
Mich jammert euer Unglück. Ja, Prinzessin,
Aufricht’ge Tränen zoll’ ich euren Leiden –
Doch euer grausam Los, nicht Turandot
Klagt an – Eu’r Bruder fiel durch eigne Schuld,
Euer Vater stürzte sich und sein Geschlecht
Durch übereilten Ratschluss ins Verderben.
Sagt, was kann ich, selbst ein Unglücklicher,
Ein Ball der Schicksalsmächte, für euch tun?
Ersteig’ ich morgen meiner Wünsche Gipfel,
So sollt ihr frei und glücklich sein – Doch jetzt
Kann euer Unglück nichts als meins vermehren.

Adelma.
Der Unbekannten konntet ihr misstrauen;
Ihr kennt mich nun – Der Fürstin werdet ihr,
Der Königstochter, glauben, was sie euch
Aus Mitleid sagen muss und lieber noch
Aus Zärtlichkeit, aus Liebe sagen möchte.
– O möchte dies befangne Herz mir trauen,
Wenn ich jetzt wider die Geliebte zeuge!

Kalaf.
Adelma, sprecht, was habt ihr mir zu sagen?

Adelma.
Wisst also, Prinz – Doch nein, ihr werdet glauben,
Ich sei gekommen euch zu täuschen, werdet
Mit jenen feilen Seelen mich verwechseln,
Die für das Sklavenjoch geboren sind.

Kalaf.
Quält mich nicht länger! Ich beschwör’ euch, sprecht,
Was ist’s? Was habt ihr mir von ihr zu sagen,
Die meines Lebens einz’ge Göttin ist?

Adelma (bei Seite).
Gib Himmel, dass ich jetzt ihn überrede!

(Zu Kalaf sich wendend.)

Prinz, diese Turandot, die Schändliche.
Herzlose, Falsche hat Befehl gegeben,
Euch heut’ am frühen Morgen zu ermorden.
– Dies ist die Liebe eurer Lebensgöttin!

Kalaf.
Mich zu ermorden?

Adelma.
Ja, euch zu ermorden!
Beim ersten Schritt aus diesem Zimmer tauchen
Sich zwanzig Degenspitzen euch ins Herz:
So hat es die Unmenschliche befohlen.

Kalaf (steht schnell auf und geht gegen die Türe).
Ich will die Wache unterrichten.

Adelma (hält ihn zurück).
Bleibt!
Wo wollt ihr hin? Ihr hofft noch, euch zu retten?
Unglücklicher, ihr wisst nicht, wo ihr seid,
Dass euch des Mordes Netze rings umgeben!
Dieselben Wachen, die der Kaiser euch
Zu Hütern eures Lebens gab, sie sind –
Gedingt von seiner Tochter, euch zu töten.

Kalaf (außer sich, laut und heftig mit dem Ausdruck des innigsten Leidens).
O Timur! Timur! Unglücksel’ger Vater!
So muss dein Kalaf endigen! Du musst
Nach Peckin kommen, auf sein Grab zu weinen!
Das ist der Trost, den dir dein Sohn versprach!
– Furchtbares Schicksal!

(Er verhüllt sein Gesicht, ganz seinem Schmerz hingegeben.)

Adelma (für sich, mit frohem Erstaunen).
Kalaf! Timurs Sohn!
Glücksel’ger Fund! – Fall’ es nun, wie es wolle!
Entgeh’ er meinen Schlingen auch, ich trage
Mit diesem Namen sein Geschick in Händen.

Kalaf.
So bin ich mitten unter den Soldaten,
Die man zum Schutz mir an die Seite gab,
Verraten! Ach, wohl sagte mir’s vorhin
Der feilen Sklaven einer, dass Bestechung
Und Furcht des Mächtigen das schwere Band
Der Treue lösen – Leben, fahre hin!
Vergeblich ist’s, dem grausamen Gestirn,
Das uns verfolgt, zu widerstehn – Du sollst
Den Willen haben, Grausame – dein Aug’
An meinem Blute weiden! Süßes Leben,
Fahr’ hin! Nicht zu entfliehen ist dem Schicksal.

Adelma (mit Feuer).
Prinz, zum Entfliehen zeig’ ich euch die Wege:
Nicht müß’ge Tränen bloß hab’ ich für euch.
Gewacht hab’ ich indes, gesorgt, gehandelt,
Kein Gold gespart, die Hüter zu bestechen.
Der Weg ist offen. Folgt mir! Euch vom Tode,
Mich aus den Banden zu befreien, komm’ ich.
Die Pferde warten, die Gefährten sind
Bereit. Lasst uns aus diesen Mauern fliehen,
Worauf der Fluch der Götter liegt. Der Khan
Von Berlas ist mein Freund, ist mir durch Bande
Des Bluts verknüpft und heilige Verträge.
Er wird uns schützen, seine Staaten öffnen,
Uns Waffen leihen, meiner Väter Reich
Zurück zu nehmen, dass ich’s mit euch teile,
Wenn ihr der Liebe Opfer nicht verschmäht.
Verschmäht ihr’s aber und verachtet mich,
So ist die Tartarei noch reich genug
An Fürstentöchtern, dieser Turandot
An Schönheit gleich und zärtlicher als sie.
Aus ihnen wählt euch eine würdige
Gemahlin aus! Ich – will mein Herz besiegen.
Nur rettet, rettet dieses teure Leben!

(Sie spricht das Folgende mit immer steigender Lebhaftigkeit, indem sie ihn bei der Hand ergreift und mit sich fortzureißen sucht.)

O kommt! Die Zeit entflieht, indem wir sprechen.
Die Hähne krähn; schon regt’s sich im Palast;
Todbringend steigt der Morgen schon herauf.
Fort, eh der Rettung Pforten sich verschließen!

Kalaf.
Großmütige Adelma! Einz’ge Freundin!
Wie schmerzt es ich, dass ich nach Berlas euch
Nicht folgen, nicht der Freiheit süß Geschenk,
Nicht euer väterliches Reich zurück
Euch geben kann – Was würde Altoum
Zu dieser heimlichen Entweichung sagen?
Macht’ ich nicht schändlichen Verrats mich schuldig,
Wenn ich, des Gastrechts heilige Gebräuche
Verletzend, aus dem innersten Serail
Die Wert gehaltne Sklavin ihm entführte?
– Mein Herz ist nicht mehr mein, Adelma. Selbst
Der Tod, den jene Stolze mir bereitet,
Wird mir willkommen sein von ihrer Hand.
– Flieht ohne mich, flieht, und geleiten euch
Die Götter! Ich erwarte hier mein Schicksal.
Noch tröstlich ist’s für Turandot zu sterben,
Wenn ich nicht leben kann für sie – Lebt wohl!

Adelma.
Sinnloser! Ihr beharrt? Ihr seid entschlossen?

Kalaf.
Zu bleiben und den Mordstreich zu erwarten.

Adelma.
Ha, Undankbarer! Nicht die Liebe ist’s,
Die euch zurückhält – Ihr verachtet mich!
Ihr wählt den Tod, um nur nicht mir zu folgen!
Verschmähet meine Hand, verachtet mich;
Nur flieht, nur rettet, rettet euer Leben!

Kalaf.
Verschwendet eure Worte nicht vergebens!
Ich bleibe und erwarte mein Geschick.

Adelma.
So bleibet denn! Auch ich will Sklavin bleiben,
Ohn’ euch verschmäh’ ich auch der Freiheit Glück.
Lass sehn, wer von uns beiden, wenn es gilt,
Dem Tode kühner trotzt!

(Von ihm wegtretend.)

Wär’ ich die erste,
Die durch Beständigkeit ans Ziel gelangte?

(Für sich. Mit Akzent.)

Kalaf, Sohn Timurs!

(Verneigt sich, spottend.)

Unbekannter Prinz!
Lebt wohl!

(Geht ab.)

Kalaf (allein).
Wird diese Schreckensnacht nicht enden?
Wer hat auf solcher Folter je gezittert?
Und endet sie, welche neues größres Schrecknis
Bereitet mir der Tag! Aus welchen Händen!
Hat meine edelmütig treue Liebe
Solches um dich verdient, tyrannisch Herz!
– Wohlan! Den Himmel färbt das Morgenrot,
Die Sonne steigt herauf, und allen Wesen
Bringt sie das Leben; mir bringt sie den Tod!
Geduld, mein Herz, dein Schicksal wird sich lösen!


Elfter Auftritt

Brigella. Kalaf.

Brigella.
Der Diwan wird versammelt, Herr. Die Stunde
Ist da. Macht euch bereit!

Kalaf (misst ihn mit wilden, scheuen Blicken).
Bist du das Werkzeug?
Wo hast du deinen Dolch versteckt? Mach’s kurz!
Vollziehe die Befehle, die du hast!
Du raubst mir nichts, worauf ich Wert noch legte.

Brigella.
Was für Befehle, Herr? Ich habe keinen
Befehl, als euch zum Diwan zu begleiten,
Wo alles schon versammelt ist.

Kalaf (nach einigem Nachsinnen, resigniert).
Lass uns denn gehen!
Ich weiß, dass ich den Diwan lebend nicht
Erreichen werde – Sieh, ob ich dem Tod
Beherzt entgegen treten kann.

Brigella (sieht ihn erstaunt an).
Was Teufel schwatzt er da von Tod und Sterben?
Verwünschtes Weibervolk! Sie haben ihn
In dieser ganzen Nacht nicht schlafen lassen:
Nun ist er gar im Kopf verrückt!

Kalaf (wirft das Schwert auf den Boden).
Da liegt
Mein Schwert. Ich will mich nicht zur Wehre setzen.
Die Grausame erfahre wenigstens,
Dass ich die unbeschützte Brust von selbst
Dem Streich des Todes dargeboten habe!

(Er geht ab und wird, sowie er hinaustritt, von kriegerischem Spiel empfangen.)

Ü   Þ

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