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Erster Aufzug

Vorstadt von Peckin.

Prospekt eines Stadttors. Eiserne Stäbe ragen über demselben empor, Darauf mehrere geschorne, mit türkischen Schöpfen versehene Köpfe als Masken und so, dass sie als eine Zierrat erscheinen können, symmetrisch aufgepflanzt sind.

Erster Auftritt

Prinz Kalaf, in tatarischem Geschmack, etwas phantastisch gekleidet, tritt aus einem Haus. Gleich darauf Barak, aus der Stadt kommend.

Kalaf.
Habt Dank, ihr Götter! Auch zu Peckin sollt’ ich
Eine gute Seele finden!

Barak (in persischer Tracht, tritt auf, erblickt ihn und fährt erstaunt zurück).
Seh’ ich recht?
Prinz Kalaf! Wie? Er lebt noch!

Kalaf (erkennt ihn).
Barak!

Barak (auf ihn zueilend).
Herr!

Kalaf.
Dich find’ ich hier?

Barak.
Euch seh’ ich lebend wieder?
Und hier zu Peckin?

Kalaf.
Schweig! Verrat mich nicht!
Beim großen Lama, sprich! Wie bist du hier?

Barak.
Durch ein Geschick der Götter, muss ich glauben,
Da es mich hier mit euch zusammen führt.
An jenem Tag des Unglücks, als ich sah,
Dass unsre Völker flohen, der Tyrann
Von Tefflis unaufhaltsam in das Reich
Eindrang, floh ich nach Astrachan zurück,
Bedeckt mit schweren Wunden. Hier vernahm ich,
Dass ihr und König Timur, euer Vater,
Im Treffen umgekommen. Meinen Schmerz
Erzähl’ ich nicht; verloren gab ich alles,
Und sinnlos eilt’ ich zum Palaste nun,
Elmazen, eure königliche Mutter,
Zu retten; doch ich suchte sie vergebens!
Schon zog der Sieger ein zu Astrachan,
Und in Verzweiflung eilt’ ich aus den Toren.
Von Land zu Lande irrt’ ich flüchtig nun
Drei Jahre lang umher, ein Obdach suchend,
Bis ich zuletzt nach Peckin mich gefunden.
Hier unterm Namen Hassan glückte mir’s,
Durch treue Dienste einer Witwe Gunst
Mir zu erwerben, und sie ward mein Weib.
Sie kennt mich nicht; ein Perser bin ich ihr.
Hier leb’ ich nun, obwohl gering und arm
Nach meinem vor’gen Los, doch überreich
In diesem Augenblick, da ich euch,
Den Prinzen Kalaf, meines Königs Sohn,
Den ich erzogen, den ich Jahre lang
Für tot beweint, im Leben wieder sehe!
– Wie aber lebend? Wie in Peckin hier?

Kalaf.
Nenne mich nicht! Nach jener unglücksel’gen Schlacht
Bei Astrachan, die uns das Reich gekostet,
Eilt’ ich mit meinem Vater zum Palast!
Schnell rafften wir das Kostbarste zusammen,
Was sich an Edelsteinen fand, und flohn.
In Bauertracht verhüllt durchkreuzten wir,
Der König und Elmaze, meine Mutter,
Die Wüsten und das felsigte Gebirg.
Gott, was erlitten wir nicht da! Am Fuß
des Kaukasus raubt’ eine wilde Horde
Von Malandrinen uns die Schätze; nur
Das nackte Leben blieb uns zum Gewinn.
Wir mussten kämpfen mit des Hungers Qualen
Und jedes Elends mannigfacher Not.
Den Vater trug ich bald und bald die Mutter
Auf meinen Schultern, eine teure Last.
Kaum wehrt’ ich seiner wütenden Verzweiflung,
Dass er den Dolch nicht auf sein Leben zuckte;
Die Mutter hielt ich kaum, dass sie, von Gram
Erschöpft, nicht niedersank! So kamen wir
Nach Jaik endlich, der Tartarenstadt,
Und hier an der Moscheen Tor musst’ ich,
Ein Bettler, flehen um die magre Kost,
Der teuern Eltern Leben zu erhalten.
– Ein neues Unglück! Unser grimm’ger Feind,
Der Khan von Tefflis, voll Tyrannenfurcht,
Misstrauend dem Gerücht von unserm Tode,
Er ließ durch alle Länder uns verfolgen.
Vorausgeeilt schon war uns sein Befehl,
Der alle kleinen Könige seiner Herrschaft
Aufbot, uns nachzuspähn. Nur schnelle Flucht
Entzog uns seiner Spürer Wachsamkeit –
Ach, wo verberg’ sich ein gefallner König!

Barak.
O nichts mehr! Eure Worte spalten mir
Das Herz! Ein großer Fürst in solchem Elend!
Doch sagt, lebt mein Gebieter noch, und lebt
Elmaze, meine Königin?

Kalaf.
Sie leben.
Und wisse, Barak, in der Not allein
Bewähret sich der Adel großer Seelen.
– Wir kamen in der Karazanen Land.
Dort, in den Gärten König Keicobads,
Musst’ ich zu Knechtesdiensten mich bequemen,
Dem bittern Hungertode zu entfliehn.
Mich sah Adelma dort, des Königs Tochter,
Mein Anblick rührte sie, es schien ihr Herz
Von zärtlichern Gefühlen, als des Mitleids,
Sich für den fremden Gärtner zu bewegen.
Scharf sieht die Liebe, nimmer glaubte sie
Mich zu dem Los, wo sie mich fand, geboren.
– Doch weiß ich nicht, welch bösen Sternes Macht
Der Karazanen König Keicobad
Verblendete, den mächt’gen Altoum,
Den Großkhan der Chinesen, zu bekriegen.
Das Volk erzählte Seltsames davon.
Was ich berichten kann, ist dies: Besiegt
Ward Keicobad, sein ganzer Stamm vertilgt;
Adelma selbst, mit sieben andern Töchtern
Des Königs, ward ertränkt in einem Strome.
– Wir aber flohen in ein andres Land.
So kamen wir nach langen Irren endlich
Zu Berlas an – Was bleibt mir noch zu sagen?
Vier Jahre lang schafft’ ich den Eltern Brot,
Dass ich um dürft’ges Taglohn Lasten trug.

Barak.
Nicht weiter, Prinz. Vergessen wir das Elend,
Da ich euch jetzt in kriegerischem Schmuck
Und Heldenstaat erblicke. Sagt, wie endlich
Das Glück euch günstig ward?

Kalaf.
Mir günstig! Höre!
Dem Kahn von Berlas war ein edler Sperber
Entwischt, den er in hohem Werte hielt.
Ich fand den Sperber, überbracht’ ihn selbst
Dem König – Dieser fragt nach meinem Namen;
Ich gebe mich für einen Elenden
Der seine Eltern nährt mit Lastentragen.
Drauf ließ der Kahn den Vater und die Mutter
Im Hospital versorgen.

(Er hält inne.)

Barak! Dort,
Im Aufenthalt des allerhöchsten Elends,
Dort ist dein König – deine Königin.
Auch dort nicht sicher, dort noch in Gefahr,
Erkannt zu werden und getötet!

Barak.
Gott!

Kalaf.
Mir ließ der Kaiser diese Börse reichen,
Ein schönes Pferd und dieses Ritterkleid.
Den greisen Eltern sag’ ich Lebewohl:
Ich gehe, reif ich, mein Geschick zu ändern,
Wo nicht, dies traur’ge Leben zu verlieren!
Was taten sie nicht, mich zurückzuhalten
Und, da ich standhaft blieb, mich zu begleiten!
Verhüt’ es Gott, dass sie, von Angst gequält,
Nicht wirklich meinen Spuren nachgefolgt!
Hier bin ich nun, zu Peckin, unerkannt,
Viel hundert Meilen weit von meiner Heimat.
Entschlossen komm’ ich her, dem großen Khan
Vom Lande China als Soldat zu dienen,
Ob mir vielleicht die Sterne günstig sind,
Durch tapfre Tat mein Schicksal zu verbessern.
– Ich weiß nicht, welche Festlichkeit die Stadt
Mit Fremden füllt, dass kein Karawanserei
Mich aufnahm – Dort in jener schlechten Hütte
Gab eine Frau aus gutem Herzen mir
Herberge.

Barak.
Prinz, das ist mein Weib.

Kalaf.
Dein Weib?
Preise dein Glück, dass es ein fühlend Herz
Zur Gattin dir gegeben!

(Er reicht ihm die Hand.)

Jetzt leb wohl.
Ich geh’ zur Stadt. Mich treibt’s, die Festlichkeit
Zu sehn, die so viel Menschen dort versammelt.
Dann zeig’ ich mich dem großen Khan und bitt’
Ihn um die Gunst, ins einem Heer zu dienen.

(Er will fort. Barak hält ihn zurück.)

Barak.
Bleibt, Prinz! Wo wollt ihr hin? – Mögt ihr das Aug’
An einem grausenvollen Schauspiel weiden?
O wisset, edler Prinz – Ihr kamt hieher
Auf einen Schauplatz unerhörter Taten.

Kalaf.
Wieso? Was meinst du?

Barak.
Wie? Ihr wisst es nicht,
Dass Turandot, des Kaisers einz’ge Tochter,
Das ganze Reich in Leid versenkt und Tränen?

Kalaf.
Ja, schon vorlängst im Karazanenland
Hört’ ich dergleichen – und die Rede ging,
Es sei der Prinz des Königs Keicobad
Auf eine seltsam jammervolle Art
Zu Peckin umgekommen – Eben dies
Hab’ jenes Kriegesfeuer angeflammt,
Das mit dem Falle seines Reichs geendigt.
Doch manches glaubt und schwatzt ein dummer Pöbel.
Worüber der Verständ’ge lacht – Darum
Sag an, wie sich’s verhält mit dieser Sache?

Barak.
Des Großkhans einz’ge Tochter, Turandot,
Durch ihren Geist berühmt und ihre Schönheit,
Die keines Malers Pinsel noch erreicht,
Wie viele Bildnisse von ihr auch in der Welt
Herumgehn, hegt so übermüt’gen Sinn,
So großen Abscheu vor der Ehe Banden,
Dass sich die größten Könige umsonst
Um ihre Hand bemüht –

Kalaf.
Das alte Märchen
Vernahm ich schon am Hofe Keicobads
Und lachte drob – Doch fahre weiter fort.

Barak.
Es ist kein Märchen. Oft schon wollte sie
Der Khan, als einz’ge Erbin seines Reichs,
Mit Söhnen großer Könige vermählen.
Stets widersetzte sich die stolze Tochter,
Und, ach! Zu blind ist seine Vaterliebe,
Als dass er Zwang zu brauchen sich erkühnte.
Viel schwere Kriege schon erregte sie
Dem Vater, und obgleich noch immer Sieger
In jedem Kampf, so ist er doch ein Greis,
Und unbeerbt wankt er dem Grabe zu.
Drum sprach er einstmals ernst und wohl bedächtlich
Zu ihr die strengen Worte: Störrig Kind!
Entschließe dich einmal, dich zu vermählen,
Wo nicht, so sinn’ einander Mittel aus,
Dem Reich die ew’gen Kriege zu ersparen;
Denn ich bin alt; zu viele Könige schon
Hab’ ich zu Feinden, die dein Stolz verschmähte.
Drum nenne mir ein Mittel, wie ich mich
Der wiederholten Werbungen erwehre,
Und leb hernach und stirb wie dir’s gefällt –
Erschüttert ward von diesem ernsten Wort
Die Stolze, rang umsonst, sich loszuwinden.
Die Kunst der Tränen und der Bitten Macht
Erschöpfte sie, den Vater zu bewegen;
Doch unerbittlich bleib der Khan – Zuletzt
Verlangt sie von dem unglücksel’gen Vater,
Verlangt – Hört, was die Furie verlangte!

Kalaf.
Ich hab’s gehört. Das abgeschmackte Märchen
Hab’ ich schon oft belacht – Hör’, ob ich’s weiß!
Sie fordert’ ein Edikt von ihrem Vater,
Dass jedem Prinzen königlichen Stamms
Vergönnt sein soll, um ihre Hand zu werben.
Doch dieses sollte die Bedingung sein:
Im öffentlichen Diwan, vor dem Kaiser
Und seinen Räten allen, wollte sie
Drei Rätsel ihm vorlegen. Löste sie
Der Freier auf, so mög’ er ihre Hand
Und mit derselben Kron’ und Reich empfangen,
Löst er sie nicht, so soll der Kaiser sich
Durch einen heil’gen Schwur auf seine Götter
Verpflichten, den Unglücklichen enthaupten
Zu lassen. – Sprich, ist’s nicht so? Nun vollende
Dein Märchen, wenn du’s kannst für langer Weile.

Barak.
Mein Märchen? Wollte Gott! Der Kaiser zwar
Empört sich erst dagegen; doch die Schlange
Verstand es, bald mit Schmeichelbitten, bald
Mit list’ger Redekunst das furchtbare
Gesetz dem schwachen Alten zu entlocken.
Was ist’s denn auch? Sprach sie mit arger List;
Kein Prinz der Erde wird so töricht sein,
In solchem blut’gen Spiel sein Haupt zu wagen!
Der Freier Schwarm zieht sich geschreckt zurück,
Ich werd’ in Frieden leben. Wagt es dennoch
Ein Rasender, so ist’s auf seine eigne
Gefahr, und meinen Vater trifft kein Tadel,
Wenn er einheiliges Gesetz vollzieht. –
Beschworen ward das unnatürliche
Gesetz und kund gemacht in allen Landen.

(Da Kalaf den Kopf schüttelt.)

– Ich wünschte, dass ich Märchen nur erzählte
Und sagen dürfte: Alles war ein Traum!

Kalaf.
Weil du’s erzählst, so glaub’ ich das Gesetz.
Doch sicher war kein Prinz wahnsinnig genug,
Sein Haupt daran zusetzen.

Barak (zeigt nach dem Stadttor).
Sehet, Prinz!
Die Köpfe alle, die dort auf den Toren
Zu sehen sind, gehörten Prinzen an,
Die toll genug das Abenteuer wagten
Und kläglich ihren Untergang drin fanden,
Weil sie die Rätsel dieser Sphinx zu lösen
Nicht fähig waren.

Kalaf.
Grauenvoller Anblick!
Und lebt ein solcher Tor, der seinen Kopf
Wagt, um ein Ungeheuer zu besitzen!

Barak.
Nein, sagt das nicht! Wer nur ihr Konterfei
Erblickt, das man sich zeigt in allen Ländern,
Fühlt sich bewegt von solcher Zaubermacht,
Dass er sich blind dem Tod entgegen stürzt,
Das göttergleiche Urbild zu besitzen.

Kalaf.
Irgend ein Geck.

Barak.
Nein, wahrlich! Auch der Klügste.
Heut’ ist der Zulauf hier, weil man den Prinzen
Von Samarkanda, den Verständigsten,
Den je die Welt gesehn, enthaupten wird.
Der Khan beseufzt die fürchterliche Pflicht;
Doch ungerührt frohlockt die stolze Schöne.

(Man hört in der Ferne den Schall von gedämpften Trommeln.)

Hört! Hört ihr? Dieser dumpfe Trommelklang
Verkündet, dass der Todesstreich geschieht;
Ihn nicht zu sehen, mich ich aus der Stadt.

Kalaf.
Barak, du sagst mir unerhörte Dinge.
Was? Konnte die Natur ein weibliches
Geschöpf wie diese Turandot erzeugen,
So ganz an Liebe leer und Menschlichkeit?

Barak.
Mein Weib hat eine Tochter, die im Harem
Als Sklavin dient und uns Unglaubliches
Von ihrer schönen Königin berichtet.
Ein Tiger ist sie, diese Turandot,
Doch gegen Männer nur, die um sie werben.
Sonst ist sie gütig gegen alle Welt;
Stolz ist das einz’ge Laster, das sie schändet.

Kalaf.
Zur Hölle, in den tiefsten Schlund hinab
Mit diesen Ungeheuern der Natur,
Die kalt und herzlos nur sich selber lieben!
Wär’ ich ihr Vater, Flammen sollten sie
Verzehren.

Barak.
Hier kommt Ismael, der Freund
Des Prinzen, der sein Leben jetzt verloren.
Er kommt voll Tränen – Ismael!


Zweiter Auftritt

Ismael zu den Vorigen.

Ismael (reicht dem Barak die Hand, heftig weinend).
Er hat
Gelebt – Der Streich des Todes ist gefallen.
Ach, warum fiel er nicht auf dieses Haupt!

Barak.
Barmherz’ger Himmel! Doch warum ließt ihr
Geschehn, dass er im Diwan der Gefahr
Sich bloßgestellt?

Ismael.
Mein Unglück braucht noch Vorwurf.
Gewarnt hab’ ich, beschworen und gefleht,
Wie es mein Herz, wie’s meine Pflicht mich lehrte.
Umsonst! Des Freundes Stimme wurde nicht
Gehört; die Macht der Götter riss ihn fort.

Barak.
Beruhigt euch!

Ismael.
Beruhige? Niemals, niemals!
Ich hab’ ihn sterben sehn. Sein Gefährte
War ich in seinem letzten Augenblick,
Und seine Abschiedsworte gruben sich
Wie spitz’ge Dolche mir ins tiefste Herz.
„Weine nicht!“, sprach er. „Gern und freudig sterb’ ich,
Da ich die Liebste nicht besitzen kann.
Mag es mein teurer Vater mir vergeben,
Dass ich ohn’ Abschied von ihm ging. Ach, nie
Hätt’ er die Todesreise mir gestattet!
Zeig ihm dies Bildnis!

(Er zieht ein kleines Portrait an einem Band aus dem Busen.)

Wenn er diese Schönheit
Erblickt, wird er den Sohn entschuldigen.“
Und an die Lippen drückt’ er jetzt, laut schluchzend,
Mit heft’gen Küssen dies verhasste Bild,
Als könnt’ er, sterbend selbst, nicht davon schieden;
Drauf kniet’ er nieder und – mit einem Streich –
Noch zittert mir das Mark in den Gebeinen –
Sah ich Blut spritzen, sah den Rumpf hinfallen
Und hoch in Henkers Hand das teure Haupt;
Entsetzt und trostlos riss ich mich von dannen.

(Wirft das Bild in heftigem Unwillen auf den Boden.)

Verhasstes, ewig fluchenswertes Bild!
Liege du hier, zertreten in dem Staub!
Könnt’ ich sie selbst, die Tigerherzige,
Mit diesem Fußtritt so wie dich zermalmen!
Dass ich dich meinem König überbrächte!
Nein, mich soll Samarkand nicht wieder sehn.
In eine Wüste will ich fliehn und dort,
Wo mich kein menschlich Ohr vernimmt, auf ewig
Um meinen viel geliebten Prinzen weinen.

(Geht ab.)


Dritter Auftritt

Kalaf und Barak.

Barak (nach einer Pause).
Prinz Kalaf, habt ihr’s nun gehört?

Kalaf.
Ich stehe
Ganz voll Verwirrung, Schrecken und Erstaunen.
Wie aber mag dies unbeseelte Bild,
Das Werk des Malers, solchen Zauber wirken?

(Er will das Bildnis von der Erde nehmen.)

Barak (eilt auf ihn zu und hält ihn zurück).
Was macht ihr! – Große Götter!

Kalaf (lächelnd).
Nun! Ein Bildnis
Nehm’ ich vom Boden auf. Ich will sie doch
Betrachten, diese mörderische Schönheit.

(Greift nach dem Bildnis und hebt es von der Erde auf.)

Barak (ihn haltend).
Euch wäre besser, der Medusa Haupt
Als diese tödliche Gestalt zu sehn.
Weg, weg damit! Ich kann es nicht gestatten.

Kalaf.
Du bist nicht klug. Wenn du so schwach dich fühlst,
Ich bin es nicht. Des Weibes Reiz hat nie
Mein Aug gerührt, auch nur auf Augenblicke,
Viel weniger mein Herz besiegt. Und was
Lebend’ge Schönheit nie bei mir vermocht,
Das sollten tote Pinselstriche wirken?
Unnütze Sorgfalt, Barak – Mir liegt andres
Am Herzen, als der Liebe Narrenspiel.

(Will das Bildnis anschauen.)

Barak.
Dennoch, mein Prinz – Ich warn’ euch – Tut es nicht!

Kalaf (ungeduldig).
Zum Henker, Einfalt! Du beleidigst mich.

(Stößt ihn zurück, sieht das Bild an und gerät in Erstaunen. Nach einer Pause.)

Was seh’ ich!

Barak (ringt verzweifelnd die Hände).
Weh’ mir! Welches Unglück!

Kalaf (fasst ihn lebhaft bei der Hand).
Barak!

(Will reden, siehst aber wieder auf das Bild und betrachtet es mit Entzücken.)

Barak (für sich).
Seid Zeugen, Götter – Ich, ich bin nicht schuld,
Ich hab’ es nicht verhindern können.

Kalaf.
Barak!
– In diesen holden Augen, dieser süßen
Gestalt, in diesen sanften Zügen kann
Das harte Herz, wovon du sprichst, nicht wohnen!

Barak.
Unglücklicher, was hör’ ich? Schöner noch
Unendlich Mal, als dieses Bildnis zeigt,
Ist Turandot, sie selbst! Nie hat die Kunst
Des Pinsels ihren ganzen Reiz erreicht;
Doch ihres Herzens Stolz und Grausamkeit
Kann keine Sprache, kein Zunge nennen.
O werft es von euch, dies unselige,
Verwünschte Bildnis! Euer Auge sauge
Kein tödlich Gift aus dieser Mordgestalt!

Kalaf.
Hinweg! Vergebens suchst du mich zu schrecken!
– Himmlische Anmut! Warme, glühende Lippen!
Augen der Liebesgöttin! Welcher Himmel,
Die Fülle dieser Reize zu besitzen!

(Er steht in den Anblick des Bildes verloren, plötzlich wendet er sich zu Barak und ergreift seine Hand.)

Barak! Verrat mich nicht – Jetzt oder nie!
Dies ist der Augenblick, mein Glück zu wagen.
Wozu dies Leben sparen, das ich hasse?
– Ich muss auf einen Zug die schönste Frau
Der Erde und ein Kaisertum mit ihr
Gewinnen, oder dies verhasste Leben
Auf einen Zug verlieren – Schönstes Werk!
Pfand meines Glücks und meine süße Hoffnung!
Ein neues Opfer ist für dich bereit
Und drängt sich wagend zu der furchtbarn Probe.
Sei gütig gegen mich – Doch, Barak, sprich!
Ich werde doch im Diwan, eh’ ich sterbe,
Das Urbild selbst von diesen Reizen sehn?

(Indem sieht man die fürchterliche Larve eines Nachrichters sich über dem Stadttor erheben und einen neuen Kopf über demselben aufpflanzen. Der vorige Schall verstimmter Trommeln begleitet diese Handlung.)

Barak.
Ach, sehet, sehet, treurer Prinz, und schaudert!
Dies ist das Haupt des unglücksel’gen Jünglings –
Wie es euch anstarrt! Und dieselbe Hände,
Die es dort aufgepflanzt, erwarten euch.
O kehret um! Kehrt um! Nicht möglich ist’s,
Die Rätsel dieser Löwin aufzulösen.
Ich seh’ im Geist schon euer teures Haupt,
Ein Warnungszeichen allen Jünglingen,
In dieser furchtbarn Reihe sich erheben.

Kalaf (hat das aufgesteckte Haupt mit Nachdenken und Rührung betrachtet).
Verlorner Jüngling! Welche dunkle Macht
Reißt mich geheimnisvoll, unwiderstehlich
Hinauf in deine tödliche Gesellschaft?

(Er bleibt nachsinnend stehen; dann wendet er sich zu Barak.)

– Wozu die Tränen, Barak? Hast du mich
Nicht einmal schon für tot beweint? Komm, komm!
Entdecke seiner Seele, wer ich bin.
Vielleicht – wer weiß, ob nicht der Himmel, satt
Mich zu verfolgen, mein Beginnen segnet
Und meinen armen Eltern Trost verleiht.
Wo nicht – was hat ein Elender zu wagen?
Für deine Liebe will ich dankbar sein,
Wenn ich die Rätsel löse – Lebe wohl!

(Er will gehen, Barak hält ihn zurück, unterdessen kommt Skirina, Baraks Weib, aus dem Haus.)

Barak.
Nein, nimmermehr! Komm mir zu Hilfe, Frau!
Lass ihn nicht weg – Er geht, er ist verloren,
Der teure Fremdling geht, er will es wagen,
Die Rätsel dieser Furie zu lösen.


Vierter Auftritt

Skirina zu den Vorigen.

Skirina (tritt ihm in den Weg).
O weh! Was hör’ ich? Seid ihr nicht mein Gast?
Was treibt den zarten Jüngling in den Tod?

Kalaf.
Hier, gute Mutter, dieses Götterbild
Ruft mich zu meinem Schicksal.

(Zeigt ihr das Bildnis.)

Skirina.
Wehe mir!
Wie kam das höll’sche Bild in seine Hand?

Barak.
Durch bloßen Zufall.

Kalaf (tritt zwischen beide).
Hassan! Gute Frau!
Zum Dank für eure Gastfreundschaft behaltet
Mein Pferd! Auch diese Börse nehmet hin!
Sie ist mein ganzer Reichtum – Ich – ich brauche
Fortan nichts weiter – denn ich komm’ entweder
Reich wie ein Kaiser oder – nie zurück!
– Wollt ihr, so opfert einen Teil davon
Den ew’gen Göttern, teilt den Armen aus,
Damit sie Glück auf mich herab erflehen.
Lebt wohl – Ich muss in mein Verhängnis gehen!

(Er eilt in die Stadt.)


Fünfter Auftritt

Barak und Skirina.

Barak (will ihm folgen).
Mein Herr! Mein armer Herr! Umsonst! Er geht!
Er hört mich nicht!

Skirina (neugierig).
Dein Herr? Du kennst ihn also?
O sprich, wer ist der edelherz’ge Fremdling,
Der sich dem Tode weiht?

Barak.
Lass diese Neugier!
Er ist geboren mir so hohem Geist,
Dass ich nicht ganz an dem Erfolg verzweifle.
– Komm, Skirina. All dieses Gold lass uns
Und alles, was wir eigenes besitzen,
Dem Fohi opfern und den Armen spenden!
Gebete sollen sie für ihn gen Himmel senden,
Und sollen wund sich knien an den Altären,
Bis die erweichten Götter sie erhören!

(Sie gehen nach ihrem Hause.)

Ü   Þ

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