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      Schiller, Friedrich

         Thalia
            1. Heft
               Zuschrift
               Inhalt
               I. Schaubühne
               II. Weibliche Rache
               III. Don Carlos
               IV. Saal der Antiken
               V. Repertorium
               VI. Theaterkrieg
               VII. Dram. Preisfragen

VII. Dramaturgische Preisfragen.

Der Freiherr von Dalberg zu Mannheim, der, wie dem Publikum längst schon bekannt sein wird, durch anhaltenden Enthusiasmus für die dramatische Kunst, und eine tiefe Theaterkenntnis dem verworrenen Chaos seiner deutschen Bühne die schöne Gestalt einer akademischen Stiftung gegeben, und den mechanischen Künstler zum Denker gebildet hat – ist vor einigen Jahren auf den vortrefflichen Gedanken geraten, die besten Köpfe der Mannheimer Nationalbühne durch aufgeworfene Preisfragen über die Philosophie ihrer Kunst zu beschäftigen, und ihnen auf diese Weise Rechenschaft über ihr Studium und Spiel abzufordern. Sieben solche Fragen sind im Jahr 1784 von den Herren Schauspieler Beil, Bek, Iffland, Meier und Rennschüb schon beantwortet worden, und der Preis wurde vom Freihrn. v. Dalberg, mit Zuziehung einiger auswärtigen berühmten dramatischen Schriftsteller, und der kurpfälzischen deutschen Gesellschaft für Herrn Bek entschieden. Er bestand in einer goldenen Denkmünze von zwölf Dukaten.

Die Fragen selbst waren folgende:

Was ist Natur, und wie weit sind ihre Grenzen auf der Bühne?

Was ist der Unterschied zwischen Kunst und Lauen?

Welches ist der wahre Anstand auf der Bühne, und wodurch erlangt ihn der Schauspieler?

Können französische Trauerspiele auf den deutschen Bühnen gefallen? Und wie müssen sie vorgestellt werden, wenn sie allgemeinen Beifall erhalten sollen?

Ist Händeklatschen oder allgemeine Stille der schmeichelhafteste Beifall für den Schauspieler?

Gibt’s allgemein sichre Regeln, nach welchen der Schauspieler Pausen machen soll?

Was ist Nationalschaubühne im eigentlichsten Verstande? Wodurch kann ein Theater Nationalschaubühne werden? Und gibt es wirklich schon ein deutsches Theater, welches Nationalbühne genannt zu werden verdient?

Im Jahr 1785 wurde das angefangene Werk auf folgende Art fortgesetzt.

Freiherr von Dalberg an den Ausschuss der Manneimer Bühne.

1) Die bisher zum Teil so vortrefflich ausgefallenen Beantwortungen der aufgestellten dramatischen Fragen, wodurch sich die hiesige Ausschusseinrichtung vor allen ähnlichen Stiftungen auszeichnet, erfordern nun, dass sie meine Herren mit neu angestrengten Kräften meine Absicht unterstützen, eine Absicht, welche auf Bildung des guten Geschmacks für die Schauspielkunst überhaupt, und insbesondere auf die bessere Einrichtungen aller deutschen Bühnen gerichtet ist.

2) Ich stelle zu diesem Ende sechs neue Fragen auf, alle wichtig, alle ihres Nachdenkens würdig. Sie seien der Gegenstand ihres Forschens und ihres Fleißes dies Jahr hindurch.

3) Sie können diese Fragen nach Muse bearbeiten ohne vorgeschriebene Ordnung, welche zuerst, und welche zuletzt beantwortet werden soll.

4) Sowie von ihnen eine oder die andere Frage gründlich wird beantwortet sein, so bringen sie dieselbe in die nächste Ausschussversammlung zum Vortrag.

5) Längstens bis Ostern 1786 muss die ganze Arbeit vollendet, und in denen Ausschussversammlungen bereits vorgelesen worden sein.

6) Den 1sten des Monats Mai 1786 wird denen besten Schriften eine erhöhte Preismedaille von 20 Dukaten zuerkannt, und ihrem Verfasser an diesem Tag zum Geschenk eingehändigt.

Der erste Ausschuss besorgt sogleich die Bekanntmachung dieses erteilten Preises in allen Journalen.

Die Fragen sind folgende:

1ste Frage.

„Wodurch verdient ein deutsches Publikum im Allgemeinen, und besonders in Rücksicht auf den Schauspieler, das beste Publikum zu heißen?“

2te Frage.

„Kann der Schauspieler, sowohl als eine Theaterdirektion dem falschen Geschmack eines Publikums wahre Richtung geben, und durch welche Gattung Schauspiele wird der gute Geschmack am meisten verfeinert?“

3te Frage.

„Gewinnt oder verliert der gute Schauspieler, den man im Tragischen und in Charakterrollen mit Beifall zu sehen gewöhnt ist, dadurch, wenn er sich öfters abwechselnd in komischen Rollen zeigt?“

4te Frage.

„Wodurch unterscheidet sich das wahre komische Spiel von Karikatur? Und was muss der Schauspieler tun, um im komischen Fach nie die Grenze zu überschreiten?“

5te Frage.

„Allgemeine und besondere Betrachtungen, Anmerkungen, Erfahrungen, Zusätze und Prüfungen über das neue Werk der Mimik von Engel?“

6te Frage.

„Lässt sich für alle Bühnen Deutschlands ein allgemeines festes Gesetzbuch machen; wie müsste solches eingerichtet werden, und welche sind die Mittel, demselben Kraft und Gewicht zu geben?“

Veranlassung dieser Frage.

Verschiedene gute Köpfe, die sich um das Wohl unsers Theaters annehmen, und die mancherlei Unordnungen, welche noch auf denen meisten Bühnen herrschen, einsehen, haben schon öfters den Wunsch zu einem solchen Gesetzbuch gegen mich geäußert, noch neulich tat Hr. Großmann gelegentlich der Wallensteinschen Geschichte diesen nämlichen Wunsch in einem Brief, und forderte mich zu dieser Arbeit gemeinschaftlich auf. Es ist auch mein Plan, daran zu arbeiten; zugleich erwarte ich als eine Beantwortung der 6ten Frage, Skizzen, Gedanken und Meinungen von ihnen darüber.

Die bemerkten Hauptfehler und Gebrechen aller Bühnen könnend er Leitfaden dazu sein. Vielleicht lassen sich wichtige Vorschläge durchsetzen.


Sollte diese Vorstellung des Frhrrn. von Dalberg an die Mannheimer Bühne nicht eine Aufforderung für alle übrigen Deutschlands werden? Die Preisfragen und ihre Beantwortungen schränken sich nicht bloß auf jene eine. Um diesen Preis kann jeder denkende Schauspieler kämpfen.

 

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