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Vierter Aufzug

Erste Szene

Östliches Ufer des Vierwaldstätter Sees.

Die seltsam gestalteten schroffen Felsen im Westen schließen den Prospekt. Der See ist bewegt, heftiges Rauschen und Tosen, dazwischen Blitze und Donnerschläge.

Kunz von Gersau. Fischer und Fischerknabe.

Kunz.
Ich sah's mit Augen an, ihr könnt mir's glauben;
's ist alles so geschehn, wie ich Euch sagte.

Fischer.
Der Tell gefangen abgeführt nach Küßnacht,
Der beste Mann im Land, der bravste Arm,
Wenn's einmal gelten sollte für die Freiheit.

Kunz.
Der Landvogt führt ihn selbst den See herauf;
Sie waren eben dran sich einzuschiffen,
Als ich von Flüelen abfuhr; doch der Sturm,
Der eben jetzt im Anzug ist, und der
Auch mich gezwungen eilends hier zu landen,
Mag ihre Abfahrt wohl verhindert haben.

Fischer.
Der Tell in Fesseln, in des Vogts Gewalt!
O glaubt, er wird ihn tief genug vergraben,
Dass er des Tages Licht nicht wieder sieht!
Denn fürchten muss er die gerechte Rache
Des freien Mannes, den er schwer gereizt!

Kunz.
Der Altlandammann auch, der edle Herr
Von Attinghausen, sagt man, lieg' am Tode.

Fischer.
So bricht der letzte Anker unsrer Hoffnung!
Der war es noch allein, der seine Stimme
Erheben durfte für des Volkes Rechte!

Kunz.
Der Sturm nimmt überhand. Gehabt euch wohl!
Ich nehme Herberg in dem Dorf; denn heut
Ist doch an keine Abfahrt mehr zu denken.

(Geht ab.)

Fischer.
Der Tell gefangen, und der Freiherr tot!
Erheb die freche Stirne, Tyrannei,
Wirf alle Scham hinweg! Der Mund der Wahrheit
Ist stumm, das sehnde Auge ist geblendet,
Der Arm, der retten sollte, ist gefesselt!

Knabe.
Es hagelt schwer. Kommt in die Hütte, Vater,
Es ist nicht kommlich, hier im Freien hausen.

Fischer.
Raset, ihr Winde! Flammt herab, ihr Blitze!
Ihr Wolken berstet! Gießt herunter, Ströme
Des Himmels, und ersäuft das Land! Zerstört
Im Keim die ungeborenen Geschlechter!
Ihr wilden Elemente, werdet Herr!
Ihr Bären, kommt, ihr alten Wölfe wieder
Der großen Wüste! Euch gehört das Land.
Wer wird hier leben wollen ohne Freiheit!

Knabe.
Hört, wie der Abgrund tost, der Wirbel brüllt,
So hat's noch nie gerast in diesem Schlunde!

Fischer.
Zu zielen auf des eignen Kindes Haupt,
Solches ward keinem Vater noch geboten!
Und die Natur soll nicht in wildem Grimm
Sich drob empören – O mich soll's nicht wundern,
Wenn sich die Felsen bücken in den See,
Wenn jene Zacken, jene Eisestürme,
Die nie auftauten seit dem Schöpfungstag,
Von ihren hohen Kulmen niederschmelzen,
Wenn die Berge brechen, wenn die alten Klüfte
Einstürzen, eine zweite Sündflut alle
Wohnstätten der Lebendigen verschlingt!

(Man hört läuten.)

Knabe.
Hört ihr, sie läuten droben auf dem Berg.
Gewiss hat man ein Schiff in Not gesehn
Und zieht die Glocke, dass gebetet werde.

(Steigt auf eine Anhöhe.)

Fischer.
Wehe dem Fahrzeug, das, jetzt unterwegs,
In dieser furchtbarn Wiege wird gewiegt!
Hier ist das Steuer unnütz und der Steurer,
Der Sturm ist Meister, Wind und Welle spielen
Ball mit dem Menschen – Da ist nah und fern
Kein Busen, der ihm freundlich Schutz gewährte!
Handlos und schroff ansteigend starren ihm
Die Felsen, die unwirtlichen, entgegen
Und weisen ihm nur ihre steinern schroffe Brust.

Knabe (deutet links).
Vater, ein Schiff! Es kommt von Flüelen her.

Fischer.
Gott helf' den armen Leuten! Wenn der Sturm
In dieser Wasserkluft sich erst verfangen,
Dann rast er um sich mit des Raubtiers Angst,
Das an des Gitters Eisenstäbe schlägt!
Die Pforte sucht er heulend sich vergebens;
Denn ringsum schränken ihn die Felsen ein,
Die himmelhoch den engen Pass vermauern.

(Er steigt auf die Anhöhe.)

Knabe.
Es ist das Herrenschiff von Uri, Vater,
Ich kenn's am roten Dach und an der Fahne.

Fischer.
Gerichte Gottes! Ja, er ist es selbst,
Der Landvogt, der da fährt – Dort schifft er hin
Und führt im Schiffe sein Verbrechen mit!
Schnell hat der Arm des Rächers ihn gefunden,
Jetzt kennt er über sich den stärkern Herrn.
Diese Wellen geben nicht auf seine Stimme,
Diese Felsen bücken ihre Häupter nicht
Vor seinem Hute – Knabe, bete nicht!
Greif nicht dem Richter in den Arm!

Knabe.
Ich bete für den Landvogt nicht – Ich bete
Für den Tell, der auf dem Schiff sich mit befindet.

Fischer.
O Unvernunft des blinden Elements!
Musst du, um einen Schuldigen zu treffen,
Das Schiff mit samt dem Steuermann verderben!

Knabe.
Sieh, sieh, sie waren glücklich schon vorbei
Am Buggisgrat; doch die Gewalt des Sturms,
Der von dem Teufelsmünster widerprallt,
Wirft sie zum großen Axenberg zurück.
– Ich seh' sie nicht mehr.

Fischer.
Dort ist das Hakmesser,
Wo schon der Schiffe mehrere gebrochen.
Wenn sie nicht weislich dort vorüberlenken,
So wird das Schiff zerschmettert an der Fluh,
Die sich gähstotzig absenkt in die Tiefe.
– Sie haben einen guten Steuermann
Am Bord; könnt' einer retten, wär's der Tell!
Doch dem sind Arm' und Hände ja gefesselt.

Wilhelm Tell (mit der Armbrust).
(Er kommt mit raschen Schritten, blickt erstaunt umher, und zeigt die heftigste Bewegung. Wenn er mitten auf der Szene ist, wirft er sich nieder, die Hände zu der Erde und dann zum Himmel ausbreitend.)

Knabe (bemerkt ihn).
Sieh, Vater, wer der Mann ist, der dort kniet?

Fischer.
Er fasst die Erde an mit seinen Händen
Und scheint wie außer sich zu sein.

Knabe (kommt vorwärts).
Was seh' ich! Vater! Vater, kommt und seht!

Fischer (nähert sich).
Wer ist es? – Gott im Himmel! Was? Der Tell?
Wie kommt ihr hieher? Redet!

Knabe.
Wart Ihr nicht
Dort auf dem Schiff gefangen und gebunden?

Fischer.
Ihr wurdet nicht nach Küßnacht abgeführt?

Tell (steht auf).
Ich bin befreit.

Fischer und Knabe.
Befreit! O Wunder Gottes!

Knabe.
Wo kommt ihr her?

Tell.
Dort aus dem Schiffe.

Fischer.
Was?

Knabe (zugleich).
Wo ist der Landvogt?

Tell.
Auf den Wellen treibt er.

Fischer.
Ist's möglich? Aber Ihr? Wie seid Ihr hier?
Seid euren Banden und dem Sturm entkommen?

Tell.
Durch Gottes gnäd'ge Fürsehung – Hört an!

Fischer und Knabe.
O redet, redet!

Tell.
Was in Altdorf sich
Begeben, wisst Ihr's?

Fischer.
Alles weiß ich, redet!

Tell.
Dass mich der Landvogt fahen ließ und binden,
Nach seiner Burg zu Küßnacht wollte führen.

Fischer.
Und sich mit euch zu Flüelen eingeschifft,
Wir wissen alles. Sprecht, wie Ihr entkommen?

Tell.
Ich lag im Schiff, mit Stricken fest gebunden,
Wehrlos, ein aufgegebner Mann – Nicht hofft' ich,
Das frohe Licht der Sonne mehr zu sehn,
Der Gattin und der Kinder liebes Antlitz,
Und trostlos blickt' ich in die Wasserwüste –

Fischer.
O armer Mann!

Tell.
So fuhren wir dahin,
Der Vogt, Rudolph der Harras und die Knechte.
Mein Köcher aber mit der Armbrust lag
Am hintern Gransen bei dem Steuerruder.
Und als wir an die Ecke jetzt gelangt
Beim kleinen Axen, da verhängt' es Gott,
Dass solch ein grausam mördrisch Ungewitter
Gählings herfürbrach aus des Gotthards Schlünden,
Dass allen Ruderern das Herz entsank,
Und meinten alle, elend zu ertrinken.
Da hört ich's, wie der Diener einer sich
Zum Landvogt wendet' und die Worte sprach:
Ihr sehet eure Not und unsre, Herr,
Und dass wir all' am Rand des Todes schweben –
Die Steuerleute aber wissen sich
Für großer Furcht nicht Rat und sind des Fahrens
Nicht wohl berichtet – Nun aber ist der Tell
Ein starker Mann und weiß ein Schiff zu steuern.
Wie, wenn wir sein jetzt brauchten in der Not?
Da sprach der Vogt zu mir. Tell, wenn du dir's
Getrautest, uns zu helfen aus dem Sturm,
So möcht ich dich der Bande wohl entled'gen.
Ich aber sprach. Ja, Herr, mit Gottes Hilfe
Getrau' ich mir's, und helf' uns wohl hiedannen.
So ward ich meiner Bande los und stand
Am Steuerruder und fuhr redlich hin;
Doch schielt' ich seitwärts, wo mein Schießzeug lag,
Und an dem Ufer merkt' ich scharf umher,
Wo sich ein Vorteil auftät zum Entspringen.
Und wie ich eines Felsenriffs gewahre,
Das abgeplattet vorsprang in den See –

Fischer.
Ich kenn's, es ist am Fuß des großen Axen,
Doch nicht für möglich acht' ich's – so gar steil
Geht's an – vom Schiff es springend abzureichen –

Tell.
Schrie ich den Knechten, handlich zuzugehn,
Bis dass wir vor die Felsenplatte kämen,
Dort, rief ich, sei das Ärgste überstanden –
Und als wir sie frisch rudernd bald erreicht,
Fleh' ich die Gnade Gottes an und drücke,
Mit allen Leibeskräften angestemmt,
Den hintern Gransen an die Felswand hin.
Jetzt schnell mein Schießzeug fassend, schwing' ich selbst
Hochspringend auf die Platte mich hinauf,
Und mit gewalt'gem Fußstoß hinter mich
Schleudr' ich das Schifflein in den Schlund der Wasser –
Dort mag's, wie Gott will, auf den Wellen treiben!
So bin ich hier, gerettet aus des Sturms
Gewalt und aus der schlimmeren der Menschen.

Fischer.
Tell, Tell! Ein sichtbar Wunder hat der Herr
An Euch getan; kaum glaub' ich's meinen Sinnen –
Doch saget, wo gedenket Ihr jetzt hin?
Denn Sicherheit ist nicht für euch, wofern
Der Landvogt lebend diesem Sturm entkommt.

Tell.
Ich hört' ihn sagen, da ich noch im Schiff
Gebunden lag, er woll' bei Brunnen landen,
Und über Schwyz nach seiner Burg mich führen.

Fischer.
Will er den Weg dahin zu Lande nehmen?

Tell.
Er denkt's.

Fischer.
O so verbergt Euch ohne Säumen!
Nicht zweimal hilft Euch Gott aus seiner Hand.

Tell.
Nennt mir den nächsten Weg nach Arth und Küßnacht.

Fischer.
Die offne Strasse zieht sich über Steinen;
Doch einen kürzern Weg und heimlichern
Kann euch mein Knabe über Lowerz führen.

Tell (gibt ihm die Hand).
Gott lohn' euch eure Guttat. Lebet wohl.

(Geht und kehrt wieder um.)

– Habt Ihr nicht auch im Rütli mit geschworen?
Mir däucht, man nannt' euch mir –

Fischer.
Ich war dabei
Und hab' den Eid des Bundes mit beschworen.

Tell.
So eilt nach Bürglen, tut die Lieb' mir an!
Mein Weib verzagt um mich; verkündet ihr,
Dass ich gerettet sei und wohl geborgen.

Fischer.
Doch wohin sag' ich ihr, dass Ihr geflohn?

Tell.
Ihr werdet meinen Schwäher bei ihr finden
Und andre, die im Rütli mit geschworen –
Sie sollen wacker sein und guten Muts:
Der Tell sei frei und seines Armes mächtig;
Bald werden sie ein Weitres von mir hören.

Fischer.
Was habt ihr im Gemüt? Entdeckt mir's frei.

Tell.
Ist es getan, wird's auch zur Rede kommen.

(Geht ab.)

Fischer.
Zeig ihm den Weg, Jenny – Gott steh' ihm bei!
Er führt's zum Ziel, was er auch unternommen.

(Geht ab.)


Zweite Szene

Edelhof zu Attinghausen.

Der Freiherr, in einem Armsessel, sterbend. Walther Fürst, Stauffacher, Melchtal und Baumgarten um ihn beschäftigt. Walther Tell kniend vor dem Sterbenden.

Walther Fürst.
Es ist vorbei mit ihm, er ist hinüber.

Stauffacher.
Er liegt nicht wie ein Toter – Seht, die Feder
Auf seinen Lippen regt sich! Ruhig ist
Sein Schlaf, und friedlich lächeln seine Züge.

(Baumgarten geht an die Türe und spricht mit jemand.)

Walther Fürst (zu Baumgarten).
Wer ist's?

Baumgarten (kommt zurück).
Es ist Frau Hedwig, eure Tochter;
Sie will Euch sprechen, will den Knaben sehn.

(Walther Tell richtet sich auf.)

Walther Fürst.
Kann ich sie trösten? Hab' ich selber Trost?
Häuft alles Leiden sich auf meinem Haupt?

Hedwig (hereindringend).
Wo ist mein Kind? Lasst mich, ich muss es sehn –

Stauffacher.
Fasst Euch! Bedenkt, dass Ihr im Haus des Todes –

Hedwig (stürzt auf den Knaben).
Mein Wälty! O er lebt mir.

Walther Tell (hängt an ihr).
Arme Mutter!

Hedwig.
Ist's auch gewiss? Bist du mir unverletzt?

(Betrachtet ihn mit ängstlicher Sorgfalt.)

Und ist es möglich? Konnt' er auf dich zielen?
Wie konnt' er's? O er hat kein Herz – Er konnte
Den Pfeil abdrücken auf sein eignes Kind!

Walther Fürst.
Er tat's mit Angst und Schmerz zerrissner Seele;
Gezwungen tat er's, denn es galt das Leben.

Hedwig.
O hätt' er eines Vaters Herz, eh' er's
Getan, er wäre tausendmal gestorben!

Stauffacher.
Ihr solltet Gottes gnäd'ge Schickung preisen,
Die es so gut gelenkt –

Hedwig.
Kann ich vergessen,
Wie's hätte kommen können? – Gott des Himmels!
Und lebt' ich achtzig Jahr – Ich seh' den Knaben ewig
Gebunden stehn, den Vater auf ihn zielen,
Und ewig fliegt der Pfeil mir in das Herz.

Melchtal.
Frau, wüsstet ihr, wie ihn der Vogt gereizt!

Hedwig.
O rohes Herz der Männer! Wenn ihr Stolz
Beleidigt wird, dann achten sie nichts mehr;
Sie setzen in der blinden Wut des Spiels
Das Haupt des Kindes und das Herz der Mutter!

Baumgarten.
Ist eures Mannes Los nicht hart genug,
Dass Ihr mit schwerem Tadel ihn noch kränkt?
Für seine Leiden habt Ihr kein Gefühl?

Hedwig (kehrt sich nach ihm um und sieht ihn mit einem großen Blick an.)
Hast du nur Tränen für des Freundes Unglück?
– Wo waret ihr, da man den Trefflichen
In Bande schlug? Wo war da eure Hilfe?
Ihr sahet zu, ihr ließt das Grässliche geschehn:
Geduldig littet ihr's dass man den Freund
Aus eurer Mitte führte – Hat der Tell
Auch so an euch gehandelt? Stand er auch
Bedauernd da, als hinter dir die Reiter
Des Landvogts drangen, als der wüt'ge See
Vor dir erbrauste? Nicht mit müß'gen Tränen
Beklagt' er dich, in den Nachen sprang er, Weib
Und Kind vergaß er und befreite dich –

Walther Fürst.
Was konnten wir zu seiner Rettung wagen,
Die kleine Zahl, die unbewaffnet war!

Hedwig (wirft sich an seine Brust).
O Vater! Und auch du hast ihn verloren!
Das Land, wir alle haben ihn verloren!
Uns allen fehlt er, ach, wir fehlen ihm!
Gott rette seine Seele vor Verzweiflung.
Zu ihm hinab ins öde Burgverlies
Dringt keines Freundes Trost – Wenn er erkrankte
Ach, in des Kerkers feuchter Finsternis
Muss er erkranken – Wie die Alpenrose
Bleicht und verkümmert in der Sumpfesluft,
So ist für ihn kein Leben als im Licht
Der Sonne, in dem Balsamstrom der Lüfte.
Gefangen! Er! Sein Atem ist die Freiheit;
Er kann nicht leben in dem Hauch der Grüfte!

Stauffacher.
Beruhigt euch! Wir alle wollen handeln,
Um seinen Kerker aufzutun.

Hedwig.
Was könnt ihr schaffen ohne ihn? – Solang
Der Tell noch frei war, ja, da war noch Hoffnung.
Da hatte noch die Unschuld einen Freund,
Da hatte einen Helfer der Verfolgte,
Euch alle rettete der Tell – Ihr alle
Zusammen könnt nicht seine Fesseln lösen!

(Der Freiherr erwacht.)

Baumgarten.
Er regt sich, still!

Attinghausen (sich aufrichtend).
Wo ist er?

Stauffacher.
Wer?

Attinghausen.
Er fehlt mir,
Verlässt mich in dem letzten Augenblick.

Stauffacher.
Er meint den Junker – Schickte man nach ihm?

Walther Fürst.
Es ist nach ihm gesendet – Tröstet euch!
Er hat sein Herz gefunden, er ist unser.

Attinghausen.
Hat er gesprochen für sein Vaterland?

Stauffacher.
Mit Heldenkühnheit.

Attinghausen.
Warum kommt er nicht,
Um meinen letzten Segen zu empfangen?
Ich fühle, dass es schleunig mit mir endet.

Stauffacher.
Nicht also, edler Herr! Der kurze Schlaf
Hat euch erquickt, und hell ist Euer Blick.

Attinghausen.
Der Schmerz ist Leben, er verließ mich auch.
Das Leiden ist, so wie die Hoffnung, aus.

(Er bemerkt den Knaben.)

Wer ist der Knabe?

Walther Fürst.
Segnet ihn o Herr!
Er ist mein Enkel und ist vaterlos.

(Hedwig sinkt mit dem Knaben vor dem Sterbenden nieder.)

Attinghausen.
Und vaterlos lass ich euch alle, alle
Zurück – Weh mir, dass meine letzten Blicke
Den Untergang des Vaterlands gesehn!
Musst' ich des Lebens höchstes Maß erreichen,
Um ganz mit allen Hoffnungen zu sterben!

Stauffacher (zu Walther Fürst).
Soll er in diesem finstern Kummer scheiden?
Erhellen wir ihm nicht die letzte Stunde
Mit schönem Strahl der Hoffnung? – Edler Freiherr,
Erhebet euren Geist! Wir sind nicht ganz
Verlassen, sind nicht rettungslos verloren.

Attinghausen.
Wer soll euch retten?

Walther Fürst.
Wir uns selbst. Vernehmt!
Es haben die drei Lande sich das Wort
Gegeben, die Tyrannen zu verjagen.
Geschlossen ist der Bund; ein heil'ger Schwur
Verbindet uns. Es wird gehandelt werden,
Eh noch das Jahr den neuen Kreis beginnt.
Euer Staub wird ruhn in einem freien Lande.

Attinghausen.
O saget mir! Geschlossen ist der Bund?

Melchtal.
Am gleichen Tage werden alle drei
Waldstätte sich erheben. Alles ist
Bereit, und das Geheimnis wohl bewahrt
Bis jetzt, obgleich viel Hunderte es teilen.
Hohl ist der Boden unter den Tyrannen;
Die Tage ihrer Herrschaft sind gezählt,
Und bald ist ihre Spur nicht mehr zu finden.

Attinghausen.
Die festen Burgen aber in den Landen?

Melchtal.
Sie fallen alle an dem gleichen Tag.

Attinghausen.
Und sind die Edeln dieses Bunds teilhaftig?

Stauffacher.
Wir harren ihres Beistands, wenn es gilt;
Jetzt aber hat der Landmann nur geschworen.

Attinghausen (richtet sich langsam in die Höhe, mit großem Erstaunen).
Hat sich der Landmann solcher Tat verwogen,
Aus eignem Mittel, ohne Hilf' der Edeln,
Hat er der eignen Kraft so viel vertraut –
Ja, dann bedarf es unserer nicht mehr,
Getröstet können wir zu Grabe steigen,
Es lebt nach uns – durch andre Kräfte will
Das Herrliche der Menschheit sich erhalten.

(Er legt seine Hand auf das Haupt des Kindes, das vor ihm auf den Knien liegt.)

Aus diesem Haupte, wo der Apfel lag,
Wird euch die neue, bessre Freiheit grünen;
Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,
Und neues Leben blüht aus den Ruinen.

Stauffacher (zu Walther Fürst).
Seht, welcher Glanz sich um sein Aug' ergießt!
Das ist nicht das Erlöschen der Natur,
Das ist der Strahl schon eines neuen Lebens.

Attinghausen.
Der Adel steigt von seinen alten Burgen,
Und schwört den Städten seinen Bürgereid!
Im Üchtland schon, im Thurgau hat's begonnen,
Die edle Bern erhebt ihr herrschend Haupt,
Freiburg ist eine sichre Burg der Freien,
Die rege Zürich waffnet ihre Zünfte
Zum kriegerischen Heer – Es bricht die Macht
Der Könige sich an ihren ew'gen Wällen –

(Er spricht das Folgende mit dem Ton eines Sehers – seine Rede steigt bis zur Begeisterung.)

Die Fürsten seh' ich und die edeln Herrn
In Harnischen herangezogen kommen,
Ein harmlos Volk von Hirten zu bekriegen.
Auf Tod und Leben wird gekämpft und herrlich
Wird mancher Pass durch blutige Entscheidung.
Der Landmann stürzt sich mit der nackten Brust,
Ein freies Opfer, in die Schar der Lanzen!
Er bricht sie, und des Adels Blüte fällt,
Es hebt die Freiheit siegend ihre Fahne.

(Walther Fürsts und Stauffachers Hände fassend.)

Drum haltet fest zusammen – fest und ewig –
Kein Ort der Freiheit sei dem andern fremd –
Hochwachten stellet aus auf euren Bergen,
Dass sich der Bund zum Bunde rasch versammle –
Seid einig – einig – einig –

(Er fällt in das Kissen zurück – seine Hände halten entseelt noch die andern gefasst. Fürst und Stauffacher betrachten ihn noch eine Zeit lang schweigend; dann treten sie hinweg, jeder seinem Schmerz überlassen. Unterdessen sind die Knechte still hereingedrungen, sie nähern sich mit Zeichen eines stillern oder heftigern Schmerzens, einige knien bei ihm nieder und weinen auf seine Hand; während dieser stummen Szene wird die Burgglocke geläutet.)

Rudenz zu den Vorigen.

Rudenz (rasch eintretend).
Lebt er? O saget, kann er mich noch hören?

Walther Fürst (deutet hin mit weggewandtem Gesicht).
Ihr seid jetzt unser Lehensherr und Schirmer,
Und dieses Schloss hat einen andern Namen.

Rudenz (erblickt den Leichnam und steht von heftigem Schmerz ergriffen).
O güt'ger Gott – Kommt meine Reu zu spät?
Konnt' er nicht wen'ge Pulse länger leben,
Um mein geändert Herz zu sehn?
Verachtet hab' ich seine treue Stimme,
Da er noch wandelte im Licht – er ist
Dahin, ist fort auf immerdar und lässt mir
Die schwere, unbezahlte Schuld! – O saget!
Schied er dahin im Unmut gegen mich?

Stauffacher.
Er hörte sterbend noch, was Ihr getan,
Und segnete den Mut, mit dem ihr spracht!

Rudenz (kniet an dem Toten nieder).
Ja, heil'ge Reste eines teuren Mannes!
Entseelter Leichnam! Hier gelob ich dir's
In deine kalte Totenhand – zerrissen
Hab' ich auf ewig alle fremden Bande;
Zurückgegeben bin ich meinem Volk;
Ein Schweizer bin ich, und ich will es sein
Von ganzer Seele – –

(Aufstehend.)

Trauert um den Freund,
Den Vater aller, doch verzaget nicht!
Nicht bloß sein Erbe ist mir zugefallen,
Es steigt sein Herz, sein Geist auf mich herab,
Und leisten soll euch meine frische Jugend,
Was euch sein greises Alter schuldig blieb.
– Ehrwürd'ger Vater, gebt mir eure Hand!
Gebt mir die eurige! Melchtal, auch ihr!
Bedenkt euch nicht! O wendet euch nicht weg!
Empfanget meinen Schwur und mein Gelübde.

Walther Fürst.
Gebt ihm die Hand. Sein wiederkehrend Herz
Verdient Vertraun.

Melchtal.
Ihr habt den Landmann nichts geachtet.
Sprecht, wessen soll man sich zu euch versehn?

Rudenz.
O denket nicht des Irrtums meiner Jugend!

Stauffacher (zu Melchtal).
Seid einig, war das letzte Wort des Vaters.
Gedenket dessen!

Melchtal.
Hier ist meine Hand!
Des Bauern Handschlag, edler Herr, ist auch
Ein Manneswort! Was ist der Ritter ohne uns?
Und unser Stand ist älter als der eure.

Rudenz.
Ich ehr' ihn, und mein Schwert soll ihn beschützen.

Melchtal.
Der Arm, Herr Freiherr, der die harte Erde
Sich unterwirft und ihren Schoß befruchtet,
Kann auch des Mannes Brust beschützen.

Rudenz.
Ihr
Sollt meine Brust, ich will die eure schützen,
So sind wir einer durch den andern stark.
– Doch wozu reden, da das Vaterland
Ein Raub noch ist der fremden Tyrannei?
Wenn erst der Boden rein ist von dem Feind,
Dann wollen wir's in Frieden schon vergleichen.

(Nachdem er einen Augenblick inne gehalten.)

Ihr schweigt? Ihr habt mir nichts zu sagen? Wie?
Verdien' ich's noch nicht, dass ihr mir vertraut?
So muss ich wider euren Willen mich
In das Geheimnis eures Bundes drängen.
– Ihr habt getagt – geschworen auf dem Rütli –
Ich weiß – weiß alles, was ihr dort verhandelt,
Und was mir nicht von euch vertrauet ward,
Ich hab's bewahrt gleichwie ein heilig Pfand.
Nie war ich meines Landes Feind, glaubt mir,
Und niemals hätt' ich gegen euch gehandelt.
– Doch übel tatet ihr, es zu verschieben,
Die Stunde dringt, und rascher Tat bedarf's –
Der Tell ward schon Opfer eures Säumens –

Stauffacher.
Das Christfest abzuwarten schwuren wir.

Rudenz.
Ich war nicht dort, ich hab' nicht mit geschworen.
Wartet ihr ab, ich handle.

Melchtal.
Was? Ihr wolltet –

Rudenz.
Des Landes Vätern zähl' ich mich jetzt bei,
Und meine erste Pflicht ist, euch zu schützen.

Walther Fürst.
Der Erde diesen teuren Staub zu geben,
Ist eure nächste Pflicht und heiligste.

Rudenz.
Wenn wir das Land befreit, dann legen wir
Den frischen Kranz des Siegs ihm auf die Bahre.
O Freunde! Eure Sache nicht allein,
Ich habe meine eigne auszufechten
Mit dem Tyrannen – Hört und wisst! Verschwunden
Ist meine Berta, heimlich weggeraubt,
Mit kecker Freveltat, aus unsrer Mitte!

Stauffacher.
Solcher Gewalttat hätte der Tyrann
Wider die freie Edle sich verwogen?

Rudenz.
O meine Freunde! Euch versprach ich Hilfe,
Und ich zuerst muss sie von euch erflehn.
Geraubt, entrissen ist mir die Geliebte.
Wer weiß, wo sie der Wütende verbirgt,
Welcher Gewalt sie frevelnd sich erkühnen,
Ihr Herz zu zwingen zum verhassten Band!
Verlasst mich nicht, o helft mir sie erretten –
Sie liebt euch! O sie hat's verdient um's Land,
Dass alle Arme sich für sie bewaffnen –

Walther Fürst.
Was wollt Ihr unternehmen?

Rudenz.
Weiß ich's? Ach!
In dieser Nacht, die ihr Geschick umhüllt,
In dieses Zweifels ungeheurer Angst,
Wo ich nichts Festes zu erfassen weiß,
Ist mir nur dieses in der Seele klar:
Unter den Trümmern der Tyrannenmacht
Allein kann sie hervor gegraben werden;
Die Vesten alle müssen wir bezwingen,
Ob wir vielleicht in ihren Kerker dringen.

Melchtal.
Kommt, führt uns an! Wir folgen euch. Warum
Bis morgen sparen, was wir heut vermögen?
Frei war der Tell, als wir im Rütli schwuren,
Das Ungeheure war noch nicht geschehen.
Es bringt die Zeit ein anderes Gesetz;
Wer ist so feig, der jetzt noch könnte zagen!

Rudenz (zu Stauffacher und Walther Fürst).
Indes bewaffnet und zum Werk bereit,
Erwartet ihr der Berge Feuerzeichen;
Denn schneller als ein Botensegel fliegt,
Soll euch die Botschaft unsers Siegs erreichen,
Und seht ihr leuchten die willkommnen Flammen,
Dann auf die Feinde stürzt, wie Wetters Strahl,
Und brecht den Bau der Tyrannei zusammen.

(Gehen ab.)


Dritte Szene

Die hohle Gasse bei Küßnacht.

Man steigt von hinten zwischen Felsen herunter, und die Wanderer werden, ehe sie auf der Szene erscheinen, schon von der Höhe gesehen. Felsen umschließen die ganze Szene; auf einem der vordersten ist ein Vorsprung mit Gesträuch bewachsen.

Tell (tritt auf mit der Armbrust).
Durch diese hohle Gasse muss er kommen;
Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht – Hier
Vollend' ich's – Die Gelegenheit ist günstig.
Dort der Holunderstrauch verbirgt mich ihm;
Von dort herab kann ihn mein Pfeil erlangen;
Des Weges Enge wehret den Verfolgern.
Mach deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt!
Fort musst du, deine Uhr ist abgelaufen.

   Ich lebte still und harmlos – das Geschoss
War auf des Waldes Tiere nur gerichtet,
Meine Gedanken waren rein von Mord –
Du hast aus meinem Frieden mich heraus
Geschreckt; in gärend Drachengift hast du
Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt;
Zum Ungeheuren hast du mich gewöhnt –
Wer sich des Kindes Haupt zum Ziele setzte,
Der kann auch treffen in das Herz des Feinds.

   Die armen Kindlein, die unschuldigen,
Das treue Weib muss ich vor deiner Wut
Beschützen, Landvogt! – Da, als ich den Bogenstrang
Anzog – als mir die Hand erzitterte –
Als du mit grausam teufelischer Lust
Mich zwangst, aufs Haupt des Kindes anzulegen –
Als ich ohnmächtig flehend rang vor dir,
Damals gelobt' ich mir in meinem Innern
Mit furchtbarm Eidschwur, den nur Gott gehört,
Dass meines nächsten Schusses erstes Ziel
Dein Herz sein sollte – Was ich mir gelobt
In jenes Augenblickes Höllenqualen,
Ist eine heil'ge Schuld – ich will sie zahlen.

   Du bist mein Herr und meines Kaisers Vogt;
Doch nicht der Kaiser hätte sich erlaubt,
Was du – Er sandte dich in diese Lande,
Um Recht zu sprechen – strenges, denn er zürnet –
Doch nicht, um mit der mörderischen Lust
Dich jedes Gräuels straflos zu erfrechen;
Es lebt ein Gott zu strafen und zu rächen.

   Komm du hervor, du Bringer bittrer Schmerzen,
Mein teures Kleinod jetzt, mein höchster Schatz –
Ein Ziel will ich dir geben, das bis jetzt
Der frommen Bitte undurchdringlich war –
Doch dir soll es nicht widerstehn – Und du,
Vertraute Bogensehne, die so oft
Mir treu gedient hat in der Freude Spielen,
Verlass' mich nicht im fürchterlichen Ernst!
Nur jetzt noch halte fest, du treuer Strang,
Der mir so oft den herben Pfeil beflügelt –
Entränn' er jetzo kraftlos meinen Händen,
Ich habe keinen zweiten zu versenden.

(Wanderer gehen über die Szene.)

   Auf dieser Bank von Stein will ich mich setzen,
Dem Wanderer zur kurzen Ruh bereitet –
Denn hier ist keine Heimat – Jeder treibt
Sich an dem andern rasch und fremd vorüber
Und fraget nicht nach seinem Schmerz – Hier geht
Der sorgenvolle Kaufmann und der leicht
Geschürzte Pilger – der andächt'ge Mönch,
Der düstre Räuber und der heitre Spielmann,
Der Säumer mit dem schwer beladnen Ross,
Der ferne herkommt von der Menschen Ländern,
Denn jede Strasse führt ans End der Welt.
Sie alle ziehen ihres Weges fort
An ihr Geschäft – und meines ist der Mord!

(Setzt sich.)

   Sonst wenn der Vater auszog, liebe Kinder,
Da war ein Freuen, wenn er wieder kam;
Denn niemals kehrt' er heim, er bracht' euch etwas,
War's eine schöne Alpenblume, war's
Ein seltner Vogel oder Ammonshorn,
Wie es der Wandrer findet auf den Bergen –
Jetzt geht er einem andern Weidwerk nach,
Am wilden Weg sitzt er mit Mordgedanken;
Des Feindes Leben ist's, worauf er lauert.
– Und doch an euch nur denkt er, liebe Kinder,
Auch jetzt – euch zu verteid'gen, eure holde Unschuld
Zu schützen vor der Rache des Tyrannen,
Will er zum Morde jetzt den Bogen spannen!

(Steht auf.)

   Ich laure auf ein edles Wild – Lässt sich's
Der Jäger nicht verdrießen, Tage lang
Umher zu streifen in des Winters Strenge,
Von Fels zu Fels den Wagesprung zu tun,
Hinan zu klimmen an den glatten Wänden,
Wo er sich anleimt mit dem eignen Blut,
– Um ein armselig Grattier zu erjagen.
Hier gilt es einen köstlicheren Preis,
Das Herz des Todfeinds, der mich will verderben.

(Man hört von der Ferne eine heitre Musik, welche sich nähert.)

   Mein ganzes Leben lang hab' ich den Bogen
Gehandhabt, mich geübt nach Schützenregel;
Ich habe oft geschossen in das Schwarze
Und manchen schönen Preis mir heimgebracht
Vom Freudenschießen – Aber heute will ich
Den Meisterschuss tun und das Beste mir
Im ganzen Umkreis des Gebirgs gewinnen.

Eine Hochzeit zieht über die Szene und durch den Hohlweg hinauf. Tell betrachtet sie, auf seinen Bogen gelehnt; Stüssi, der Flurschütz, gesellt sich zu ihm.

Stüssi.
Das ist der Klostermei'r von Mörlischachen,
Der hier den Brautlauf hält – Ein reicher Mann,
Er hat wohl zehn Senten auf den Alpen.
Die Braut holt er jetzt ab zu Imisee,
Und diese Nacht wird hoch geschwelgt zu Küssnacht,
Kommt mit, 's ist jeder Biedermann geladen.

Tell.
Ein ernster Gast stimmt nicht zum Hochzeitshaus.

Stüssi.
Drückt euch ein Kummer, werft ihn frisch vom Herzen!
Nehmt mit was kommt; die Zeiten sind jetzt schwer;
Drum muss der Mensch die Freude leicht ergreifen.
Hier wird gefreit und anderswo begraben.

Tell.
Und oft kommt gar das eine zu dem andern.

Stüssi.
So geht die Welt nun. Es gibt allerwegen
Unglücks genug – Ein Ruffi ist gegangen
Im Glarner Land, und eine ganze Seite
Vom Glärnisch eingesunken.

Tell.
Wanken auch
Die Berge selbst? Es steht nichts fest auf Erden.

Stüssi.
Auch anderswo vernimmt man Wunderdinge.
Da sprach ich einen, der von Baden kam.
Ein Ritter wollte zu dem König reiten,
Und unterwegs begegnet ihm ein Schwarm
Von Hornissen; die fallen auf sein Ross,
Dass es für Marter tot zu Boden sinkt,
Und er zu Fuße ankommt bei dem König.

Tell.
Dem Schwachen ist sein Stachel auch gegeben.

Armgard kommt mit mehreren Kindern und stellt sich an den Eingang des Hohlwegs.

Stüssi.
Man deutet's auf ein großes Landesunglück,
Auf schwere Taten wider die Natur.

Tell.
Dergleichen Taten bringet jeder Tag;
Kein Wunderzeichen braucht sie zu verkünden.

Stüssi.
Ja, wohl dem, der sein Feld bestellt in Ruh,
Und ungekränkt daheim sitzt bei den Seinen.

Tell.
Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben,
Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.

(Tell sieht oft mit unruhiger Erwartung nach der Höhe des Weges.)

Stüssi.
Gehabt euch wohl – Ihr wartet hier auf jemand.

Tell.
Das tu' ich.

Stüssi.
Frohe Heimkehr zu den euren!
– Ihr seid aus Uri? Unser gnäd'ger Herr,
Der Landvogt, wird noch heut von dort erwartet.

Wanderer (kommt).
Den Vogt erwartet heut nicht mehr. Die Wasser
Sind ausgetreten von dem großen Regen,
Und alle Brücken hat der Strom zerrissen.

(Tell steht auf.)

Armgard (kommt vorwärts).
Der Landvogt kommt nicht?

Stüssi.
Sucht ihr was an ihn?

Armgard.
Ach freilich!

Stüssi.
Warum stellet ihr euch denn
In dieser hohlen Gass' ihm in den Weg?

Armgard.
Hier weicht er mir nicht aus, er muss mich hören.

Frießhardt (kommt eilfertig den Hohlweg herab und ruft in die Szene).
Man fahre aus dem Weg – Mein gnäd'ger Herr,
Der Landvogt, kommt dicht hinter mir geritten.

(Tell geht ab.)

Armgard (lebhaft).
Der Landvogt kommt!

(Sie geht mit ihren Kindern nach der vordern Szene. Geßler und Rudolph der Harras zeigen sich zu Pferd auf der Höhe des Wegs.)

Stüssi (zum Frießhardt).
Wie kamt ihr durch das Wasser,
Da doch der Strom die Brücken fortgeführt?

Frießhardt.
Wir haben mit dem See gefochten, Freund,
Und fürchten uns vor keinem Alpenwasser.

Stüssi.
Ihr wart zu Schiff in dem gewalt'gen Sturm?

Frießhardt.
Das waren wir. Mein Lebtag denk' ich dran –

Stüssi.
O bleibt, erzählt!

Frießhardt.
Lasst mich, ich muss voraus,
Den Landvogt muss ich in der Burg verkünden.

(Ab.)

Stüssi.
Wär'n gute Leute auf dem Schiff gewesen,
In Grund gesunken wär's mit Mann und Maus;
Dem Volk kann weder Wasser bei noch Feuer.

(Er sieht sich um.)

Wo kam der Weidmann hin, mit dem ich sprach?

(Geht ab.)

Geßler und Rudolph der Harras zu Pferd.

Geßler.
Sagt, was ihr wollt, ich bin des Kaisers Diener
Und muss drauf denken, wie ich ihm gefalle.
Er hat mich nicht ins Land geschickt, dem Volk
Zu schmeicheln und ihm sanft zu tun – Gehorsam
Erwartet er; der Streit ist, ob der Bauer
Soll Herr sein in dem Lande oder der Kaiser.

Armgard.
Jetzt ist der Augenblick! Jetzt bring ich's an!

(Nähert sich furchtsam.)

Geßler.
Ich hab' den Hut nicht aufgesteckt zu Altdorf
Des Scherzes wegen, oder um die Herzen
Des Volks zu prüfen; diese kenn' ich längst.
Ich hab' ihn aufgesteckt, dass sie den Nacken
Mir lernen beugen, den sie aufrecht tragen –
Das Unbequeme hab' ich hingepflanzt
Auf ihren Weg, wo sie vorbei gehn müssen,
Dass sie drauf stoßen mit dem Aug', und sich
Erinnern ihres Herrn, den sie vergessen.

Rudolph.
Das Volk hat aber doch gewisse Rechte –

Geßler.
Die abzuwägen ist jetzt keine Zeit
– Weitschicht'ge Dinge sind im Werk und Werden;
Das Kaiserhaus will wachsen; was der Vater
Glorreich begonnen, will der Sohn vollenden.
Dies kleine Volk ist uns ein Stein im Weg –
So oder so – es muss sich unterwerfen.

(Sie wollen vorüber. Die Frau wirft sich vor dem Landvogt nieder.)

Armgard.
Barmherzigkeit, Herr Landvogt! Gnade! Gnade!

Geßler.
Was dringt Ihr Euch auf offner Straße mir
In Weg – Zurück!

Armgard.
Mein Mann liegt im Gefängnis;
Die armen Waisen schrein nach Brot – Habt Mitleid,
Gestrenger Herr, mit unserm großen Elend.

Rudolph.
Wer seid ihr? Wer ist euer Mann?

Armgard.
Ein armer
Wildheuer, guter Herr, vom Rigiberge,
Der überm Abgrund weg das freie Gras
Abmähet von den schroffen Felsenwänden,
Wohin das Vieh sich nicht getraut zu steigen –

Rudolph (zum Landvogt).
Bei Gott, ein elend und erbärmlich Leben!
Ich bitt' euch, gebt ihn los, den armen Mann!
Was er auch Schweres mag verschuldet haben,
Strafe genug ist sein entsetzlich Handwerk.

(Zu der Frau.)

Euch soll Recht werden – Drinnen auf der Burg
Nennt eure Bitte – Hier ist nicht der Ort.

Armgard.
Nein, nein, ich weiche nicht von diesem Platz,
Bis mir der Vogt den Mann zurückgegeben!
Schon in den sechsten Mond liegt er im Turm
Und harret auf den Richterspruch vergebens.

Geßler.
Weib, wollt Ihr mir Gewalt antun? Hinweg!

Armgard.
Gerechtigkeit, Landvogt! Du bist der Richter
Im Lande an des Kaisers Statt und Gottes.
Tu deine Pflicht! So du Gerechtigkeit
Vom Himmel hoffest, so erzeig' sie uns!

Geßler.
Fort! Schafft das freche Volk mir aus den Augen!

Armgard (greift in die Zügel des Pferdes).
Nein, nein, ich habe nichts mehr zu verlieren.
– Du kommst nicht von der Stelle, Vogt, bis du
Mir Recht gesprochen – Falte deine Stirne,
Rolle die Augen, wie du willst – Wir sind
So grenzenlos unglücklich, dass wir nichts
Nach deinem Zorn mehr fragen –

Geßler.
Weib, mach Platz,
Oder mein Ross geht über dich hinweg.

Armgard.
Lass es über mich dahingehn – Da –

(Sie reißt ihre Kinder zu Boden und wirft sich mit ihnen ihm in den Weg.)

Hier lieg' ich
Mit meinen Kindern – Lass die armen Waisen
Von deines Pferdes Huf zertreten werden!
Es ist das Ärgste nicht, was du getan –

Rudolph.
Weib, seid Ihr rasend?

Armgard (heftiger fortfahrend).
Tratest du doch längst
Das Land des Kaisers unter deine Füße!
– O ich bin nur ein Weib. Wär' ich ein Mann,
Ich wüsste wohl was Besseres, als hier
Im Staub zu liegen –

(Man hört die vorige Musik wieder auf der Höhe des Wegs, aber gedämpft.)

Geßler.
Wo sind meine Knechte?
Man reiße sie von hinnen oder ich
Vergesse mich und tue was mich reuet.

Rudolph.
Die Knechte können nicht hindurch, o Herr!
Der Hohlweg ist gesperrt durch eine Hochzeit.

Geßler.
Ein allzu milder Herrscher bin ich noch
Gegen dies Volk – die Zungen sind noch frei,
Es ist noch nicht ganz, wie es soll, gebändigt –
Doch es soll anders werden, ich gelob' es:
Ich will ihn brechen, diesen starren Sinn,
Den kecken Geist der Freiheit will ich beugen.
Ein neu Gesetz will ich in diesen Landen
Verkünden – Ich will –

(Ein Pfeil durchbohrt ihn; er fährt mit der Hand ans Herz und will sinken. Mit matter Stimme.)

Gott sei mir gnädig!

Rudolph.
Herr Landvogt – Gott! Was ist das? Woher kam das?

Armgard (auffahrend).
Mord! Mord! Er taumelt, sinkt! Er ist getroffen!

Rudolph (springt vom Pferde).
Welch grässliches Ereignis – Gott – Herr Ritter –
Ruft die Erbarmung Gottes an! Ihr seid
Ein Mann des Todes!

Geßler.
Das ist Tells Geschoss.

(Ist vom Pferde herab dem Rudolph Harras in den Arm gegleitet und wird auf der Bank niedergelassen.)

Tell (erscheint oben auf der Höhe des Felsen).
Du kennst den Schützen, suche keinen andern!
Frei sind die Hütten, sicher ist die Unschuld
Vor dir, du wirst dem Lande nicht mehr schaden.

(Verschwindet von der Höhe. Volk stürzt herein.)

Stüssi (voran).
Was gibt es hier? Was hat sich zugetragen?

Armgard.
Der Landvogt ist von einem Pfeil durchschossen.

Volk (im Hereinstürzen).
Wer ist erschossen?

(Indem die vordersten von dem Brautzug auf die Szene kommen, sind die hintersten noch auf der Höhe, und die Musik geht fort.)

Rudolph der Harras.
Er verblutet sich.
Fort, schaffet Hilfe! Setzt dem Mörder nach!
– Verlorner Mann, so muss es mit dir enden;
Doch meine Warnung wolltest du nicht hören!

Stüssi.
Bei Gott, da liegt er bleich und ohne Leben!

Viele Stimmen.
Wer hat die Tat getan?

Rudolph der Harras.
Rast dieses Volk,
Dass es dem Mord Musik macht? Lasst sie schweigen!

(Musik bricht plötzlich ab, es kommt noch mehr Volk nach.)

Herr Landvogt, redet, wenn Ihr könnt – Habt ihr
Mir nichts mehr zu vertraun?

(Geßler gibt Zeichen mit der Hand, die er mit Heftigkeit wiederholt, da sie nicht gleich verstanden werden.)

Wo soll ich hin?
– Nach Küßnacht? – Ich versteh' euch nicht – O werdet
Nicht ungeduldig – Lasst das Irdische!
Denkt jetzt euch mit dem Himmel zu versöhnen.

(Die ganze Hochzeitsgesellschaft umsteht den Sterbenden mit einem fühllosen Grausen.)

Stüssi.
Sieh, wie er bleich wird – Jetzt, jetzt tritt der Tod
Ihm an das Herz – die Augen sind gebrochen.

Armgard (hebt ein Kind empor).
Seht Kinder, wie ein Wüterich verscheidet!

Rudolph der Harras.
Wahnsinnige Weiber, habt ihr kein Gefühl,
Dass ihr den Blick an diesem Schrecknis weidet?
– Helft – leget Hand an – Steht mir niemand bei,
Den Schmerzenspfeil ihm aus der Brust zu ziehn?

Weiber (treten zurück).
Wir ihn berühren, welchen Gott geschlagen!

Rudolph der Harras.
Fluch treff' euch und Verdammnis!

(Zieht das Schwert.)

Stüssi (fällt ihm in den Arm).
Wagt es Herr!
Eu'r Walten hat ein Ende. Der Tyrann
Des Landes ist gefallen. Wir erdulden
Keine Gewalt mehr. Wir sind freie Menschen.

Alle (tumultuarisch).
Das Land ist frei!

Rudolph der Harras.
Ist es dahin gekommen?
Endet die Furcht so schnell und der Gehorsam?

(Zu den Waffenknechten, die hereindringen.)

Ihr seht die grausenvolle Tat des Mords,
Die hier geschehen – Hilfe ist umsonst –
Vergeblich ist's, dem Mörder nachzusetzen.
Uns drängen andre Sorgen – Auf, nach Küßnacht,
Dass wir dem Kaiser seine Veste retten!
Denn aufgelöst in diesem Augenblick
Sind aller Ordnung, aller Pflichten Bande,
Und keines Mannes Treu ist zu vertrauen.

Indem er mit den Waffenknechten abgeht, erscheinen sechs barmherzige Brüder.

Armgard.
Platz! Platz! Da kommen die barmherz'gen Brüder.

Stüssi.
Das Opfer liegt – die Raben steigen nieder.

Barmherzige Brüder (schließen einen Halbkreis um den Toten und singen in tiefem Ton).
Rasch tritt der Tod den Menschen an;
Es ist ihm keine Frist gegeben;
Es stürzt ihn mitten in der Bahn,
Es reißt ihn fort vom vollen Leben.
Bereitet oder nicht, zu gehen,
Er muss vor seinen Richter stehen!

(Indem die letzten Zeilen wiederholt werden, fällt der Vorhang.)

Ü   Þ

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