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Zweite Szene

Der vorige Saal. Plötzliche Klarheit.
Zeus in Jünglingsgestalt. Merkur in Entfernung.

Zeus.
Sohn Majas!

Merkur (kniend, mit gesenktem Haupt).
Zeus!

Zeus.
Auf! Eile! Schwing'
Die Flügel fort nach des Skamanders Ufer!
Dort weint am Grabe seiner Schäferin
Ein Schäfer - Niemand soll weinen,
Wenn Saturnus liebet -
Ruf' die Tote ins Leben zurück.

Merkur (aufstehend).
Deines Hauptes ein allmächtiger Wink
Führt mich in einem Hui dahin, zurück
In einem Hui -

Zeus.
Verzeuch! Als ich ob Argos flog,
Kam wallend mir ein Opferdampf entgegen
Aus meinen Tempeln - Das ergötzte mich,
Dass mich das Volk so ehrt - Erhebe Deinen Flug
Zu Ceres, meiner Schwester - so spricht Zeus:
Zehntausendfach soll sie auf fünfzig Jahr'
Den Argiern die Halmen wiedergeben -

Merkur.
Mit zitternder Eile
Vollstreck' ich Deinen Zorn - mit jauchzender,
Allvater, Deine Huld; denn Wolllust ist's
Den Göttern, Menschen zu beglücken; zu verderben
Die Menschen, ist den Göttern Schmerz - Gebeut!
Wo soll ich ihren Dank vor Deine Ohren bringen,
Nieden im Staub oder droben im Göttersitz?

Zeus.
Nieden im Göttersitz! - Im Palast
Meiner Semele! Fleuch!
         (Mercur geht ab.)
- - - - - - - Sie kommt mir nicht entgegen,
Wie sonst, an ihre wolllustschwellende Brust
Den König des Olympus zu empfangen?
Warum kommt meine Semele mir nicht
Entgegen? - Oedes - totes- grauenvolles Schweigen
Herrscht ringsumher im einsamen Palast,
Der sonst so wild und so bacchantisch lärmte -
Kein Lüftchen regt sich - auf Cithärons Gipfel
Stand siegfrohlockend Juno - ihrem Zeus
Will Semele nicht mehr entgegen eilen - -.
         (Pause, er fährt auf.)
Ha! Sollte wohl die Frevlerin gewagt
In meiner Liebe Heiligtum sich haben?
Saturnia - Cithäron - ihr Triumph -
Entsetzen, Ahnung! - Semele - - Getrost! -
Getrost! Ich bin Dein Zeus! Der weggehauchte Himmel
Soll's lernen: Semele! Ich bin Dein Zeus!
Wo ist die Luft, die sich erfrechen wollte,
Rau anzuwehn, die Zeus die Seine nennt? -
Der Ränke spott' ich - Semele, wo bist Du?
Lang' schmachtet' ich, mein weltbelastet Haupt
An Deinem Busen zu begraben, meine Sinnen
Vom wilden Sturm der Weltregierung eingelullt,
Und Zügel, Steu'r und Wagen weggeträumt,
Und im Genuss der Seligkeit vergangen!
O Wonnerausch! Selbst Göttern süßer Taumel!
Sprich, fodre! Und die knechtische Natur
Soll zitternd vor der Tochter Kadmus' leigen!
Gebeut! Und Ströme machen gählings Halt!
Und Helikon und Kaukasus und Cynthus
Und Athos, Mykale und Rhodope und Pindus,
Von meines Winkes Allgewalt
Entfesselt, küssen Thal und Tristen
Und tanzen, Flocken gleich, in den verfinsterten Lüften.
Gebeut! Und Nord- und Ost- und Wirbelwind
Belagern den allmächtigen Trident,
Durchrütteln Posidaons Throne,
Empöret steigt das Meer, Gestad' und Damm zum Hohne,
Der Blitz prahlt mit der Nacht, und Pol und Himmel krachen,
Der Donner brüllt aus tausendfachem Rachen,
Der Ozean lauft gegen den Olympus Sturm,
Dir flötet der Orkan ein Siegeslied entgegen,
Gebeut -

Semele.
Ich bin ein Weib, ein sterblich Weib,
Wie kann vor seinem Topf der Töpfer liegen,
Der Künstler knien vor seiner Statue?

Zeus.
Pygmalion beugt sich vor seinem Meisterstücke -
Zeus betet an vor seiner Semele!

Semele (heftiger weinend).
Steh' auf - steh' auf - O weh mir armen Mädchen!
Zeus hat mein Herz, nur Götter kann ich lieben.
Und Götter lachen mein, und Zeus verachtet mich!

Zeus.
Zeus der zu Deinen Füßen liegt -

Semele.
Steh auf!
Zeus thronet über höhern Donnerkeilen
Und spottet eines Wurms in Junos Armen.

Zeus (mit Heftigkeit).
Ha! Semele und Juno! - Wer
Ein Wurm?

Semele.
O unaussprechlich glücklich wär'
Die Tochter Kadmus' - wärst Du Zeus - O weh!
Du bist nicht Zeus!

Zeus (steht auf).
Ich bin's!
         (Reckt die Hand aus, ein Regenbogen steht im Saal. Die Musik begleite die Erscheinung.)
Kennst Du mich nun?

Semele.
Stark ist des Menschen Arm, wenn ihn die Götter stützen,
Dich liebt Saturnius - Nur Götter kann
Ich lieben -

Zeus.
Noch! Noch zweifelst Du,
Ob meine Kraft nur Göttern abgeborget,
Nicht gottgeboren sei? - Die Götter, Semele,
Verleihn den Menschen oft wohltätige Kräfte,
Doch ihre Schrecken leihen Götter nie -
Tod und Verderben ist der Gottheit Siegel,
Tötend enthüllt sich Jupiter Dir!
         (Er reckt die Hand aus. Knall, Feuer, Rauch und Erdbeben. Musik begleitet hier und in Zukunft den Zauber.)

Semele.
Zieh' Deine Hand zurück! - O Gnade, Gnade
Dem armen Volk! - Dich hat Saturnius
Gezeuget -

Zeus.
         Ha! Leichtfertige!
Soll Zeus dem Starrsinn eines Weibes wohl
Planeten drehn und Sonnen stillstehn heißen?
Zeus wird es tun! - Oft hat ein Göttersohn
Den feuerschwangern Bauch der Felsen aufgeritzt,
Doch seine Kraft erlahmt in Tellus' Schranken;
Das kann nur Zeus!
         (Er reckt die Hand aus, die Sonne verschwindet, es wird plötzlich Nacht.)

Semele (stürzt vor ihn nieder).
Allmächtiger! - O wenn
Du lieben könntest!
         (Es wird wiederum Tag.)

Zeus.
Ha! Die Tochter Kadmus' fragt
Kronion, ob Kronion lieben könnte?
Ein Wort - und er wirft seine Gottheit hab,
Wird Fleisch und Blut und stirbt und wird geliebt.

Semele.
Das täte Zeus?

Zeus.
Sprich, Semele, was mehr?
Apolle selbst gestand, es sei Entzücken,
Mensch unter Menschen sein - Ein Wink von Dir -
         Ich bin's!

Semele (fällt ihm um den Hals).
O Jupiter, die Weiber Epidaurus' schelten
Ein töricht Mädchen Deine Semele,
Die, von dem Donnerer geliebet, nichts
Von ihm erbitten kann -

Zeus (heftig).
Erröten sollen
Die Weiber Epidaurus'! - Bitte! Bitte nur!
Und bei dem Styr, deß schrankenlose Macht
Selbst Götter sklavisch beugt - wenn Zeus Dir zaudert,
So soll der Gott in einem einz'gen Nu
Hinunter mich in die Vernichtung donnern!

Semele (froh aufspringend).
Daran erkenn' ich meinen Jupiter!
Du schwurest mir - der Styr hat es gehört!
So lass mich denn nie anders dich umarmen,
Als wie -

Zeus (erschrocken, schreiend).
Unglückliche! Halt' ein!

Semele.
Saturnia -

Zeus (will ihr den Mund zuhalten).
Verstumme!

Semele.
Dich umarmt!

Zeus (bleich, von ihr weggewandt).
Zu spät! Der Laut entrann! - Der Styr! - Du hast den Tod
Erbeten, Semele!

Semele.
Ha! So liebt Jupiter?

Zeus.
Den Himmel gäb' ich drum, hätt' ich Dich minder nur
Geliebt! (Mit kaltem Entsetzen sie anstarrend.) Du bist verloren! -

Semele.
Jupiter!

Zeus (grimmig vor sich hinredend).
Ha! Merk' ich nun Dein Siegfrohlocken, Juno?
Verwünschte Eifersucht! - O diese Rose stirbt!
Zu schön - o weh! - Zu kostbar für den Acheron!

Semele.
Du geizest nur mit Deiner Herrlichkeit!

Zeus.
Fluch über meine Herrlichkeit, die Dich
Verblendete! Fluch über meine Größe,
Die Dich zerschmettert! Fluch, Fluch über mich,
Dass ich mein Glück auf morschen Staub gebaut!

Semele.
Das sind nur leere Schrecken, Zeus, mir bangt
Vor Deinem Drohen nicht!

Zeus.
Betörtes Kind!
Geh' - nimm das Lebewohl auf ewig
Von Deinen Freundinnen - nichts - nichts vermag
Dich mehr zu retten - Semele! Ich bin Dein Zeus!
Auch das nicht mehr - Geh' -

Semele.
Neidischer! Der Styr! -
Du wirst mir nicht entschlüpfen.
         (Sie geht ab.)

Zeus
Nein! Triumphieren soll sie nicht. - Erzittern
Soll sie - und kraft der tötenden Gewalt,
Die Erd' und Himmel mir zum Schemel macht,
Will an den schroffsten Felsen Thraciens
Mit diamantnen Ketten ich die Arge schmieden -
Auch diesen Schwur -
         (Merkur erscheint in Entfernung.)
Was will Dein rascher Flug?

Merkur.
Feurigen, geflügelten, weinenden Dank
Der Glücklichen -

Zeus.
Verderbe sie wieder!

Merkur (erstaunt).
Zeus!

Zeus.
Glücklich soll Niemand sein!
Sie stirbt -

(Der Vorhang fällt.)

Ü

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