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Szenen aus den Phönizierinnen des Euripides

Jokasta.
O der du wandelst zwischen den Gestirnen
Des Himmels und, auf goldnem Wagen thronend,
Mit flücht’gen Rossen Flammen von dir strömst,
Erhabner Sonnengott – wie feindlich streng
Sahst du auf Thebens Land herab, als Kadmus,
Der Tyrer, seinen Fuß hieher gesetzt.
Dem Könige gebar der Venus Tochter
Harmonia den Polydor; von diesem
Soll Labdakus, des Lajus Vater, stammen.
Ich bin Menöceus Tochter; meinen Bruder
Nennt Kreon sich von mütterlicher Seite.
Jokasta heiß’ ich – also nannte mich
Mein Vater – und mein Ehgemahl war Lajus.
Der ging, als lang kein Kindersegen kam,
Nach Phöbus Stadt, aus unserm Ehebette
Sich einen Leibeserben zu erstehn.
Ihm war die Antwort von dem Gott: „Beherrscher
Der rossekundigen Thebaner, werde
Nicht Vater wider Jovis Schluss! Denn zeugst
Du einen Sohn, so wird dich der Erzeugte töten,
Und wandeln muss dein ganzes Haus durch Blut.“
Doch er, von Lust und Bacchus Wut besiegt,
Ward Vater – Als ein Knabe nun erschien,
Gab er, der Übereilung jetzt zu spät
Gewahr und des Orakels eingedenk,
Dem Neugebornen, dem er durch die Sohlen
Ein spitzig Eisen trieb, den Hirten, ihn
Auf Juno’s Au’ zu werfen, die den Gipfel
Cithärons schmückt. Hier ward er von den Hirten
Des Polybus gefunden, heimgetragen
Und vor die Königin gebracht, die, meines
Gebärens Frucht an ihre Brüste legend,
Beim Gatten sich des Kindes Mutter rühmte.
Als er zum Jüngling nun gereift, und um
Das Kinn das zarte Milchhaar angeflogen,
Ging er – sei’s aus freiwill’ger Regung, sei’s
Auf fremden wink – die Eltern zu erfragen,
Nach Phöbus Stadt, wohin zu gleicher Zeit
Auch Lajus, mein Gemahl, sich aufgemacht,
Vom weggelegten Sohne Kundschaft zu erhalten.
Auf einem Scheideweg in Phocis stießen
Sie aufeinander, und der Wagenführer
Des Lajus rief: Mach’ Platz dem König, Fremdling!
Doch er kroch schweigend seines Weges fort
Mit hohem Geist, bis ihm der Zelter Huf
Die Ferse blutig trat – da – doch wozu
Noch über fremdes Unglück mich verbreiten?
Da schlug der Sohn den Vater, nahm den Wagen
Und bracht’ ihn seinem Pfleger Polybus.
Als bald darauf die räuberische Sphinx
Das Land umher verwüstete, ließ Kreon
Der Schwester Hand, die jetzt verwitwet war,
Dem zur Belohnung bieten, der die Frage
Der rätselhaften Jungfrau würde lösen.
Das Schicksal fügt’s, dass Ödipus, mein Sohn,
Das Rätsel löst, worauf er König ward,
Und dieses Landes Szepter ihn belohnte.
Unwissend freit’ der Unglückselige
Die Mutter; auch die Mutter wusste nicht,
Dass sie den eignen Sohn umfing. So gab
Ich Kinder meinem eignen Kind, zwei Knaben,
Den Eteokles erst und Polynices,
Den Herrlichen – zwei Töchter dann, die jüngste
Ismene von ihm selbst, die älteste
Von mir Antigone genannt. Doch als
Der Unglückselige sich endlich nun
Als seiner Mutter Ehgemahl erkannte,
Und aller Jammer stürmend auf ihn drang,
Stach der Verzweiflungsvolle mörderisch
Mit goldnem Haken sich die blutenden
Augäpfel aus – Indessen bräunte sich
Der Söhne Wange; dieses Unglücks Schmach
Dem Aug’ der Welt zu bergen – schwer gelang’s –
Verschlossen sie den Vater im Palaste.
Hier lebt er noch; doch, der Gewalttat zürnend,
Ergoss er Flüche auf der Söhne Haupt,
Dass Lajus ganzes königliches Haus
Durch ihres Schwertes Schärfe möge fallen!
Und dieses schweren Fluchs Erfüllung nun,
Wenn sie beisammen wohnen bleiben, nicht
Herbeizurufen, schlossen unter sich
Die Brüder den Vertrag, dass sich der jüngere
Freiwillig aus dem Reich verbannen sollte,
Indes der ältere des Thrones genösse,
Und beide so von Jahr zu Jahre wechselnd.
Doch Eteokles, mächtig nun des Throns,
Verschmäht herabzusteigen, und verstößt
Den jüngeren gewaltsam aus dem Lande
Der flieht nach Argos, wo Adrastus ihn
Zum Eidam sich erwählt, und um ihn her
Ein mächtig Heer versammelt. Dieses führt
Er gegen Thebens sieben Thore nun
Heran, des Vaters Reich zurückefordernd
Und seinen Anteil an dem Königsthron.
Nun hab’ ich, beide Brüder zu versöhnen,
Plynicen vermocht, auf Treu und Glauben
Sich bei dem Bruder friedlich sich vermengen.
Er werde kommen, meldet mir der Bote.
Sei du nun unser Retter, Vater Zeus,
Der in des Himmels lichten Kreisen wohnt,
Und sende meinen Kindern die Versöhnung!
Wenn du ein weises Wesen bist, nicht immer
Kannst du denselben Menschen elend sein!

(Sie geht ab.)

Der Hofmeister. Antigone noch nicht gleich sichtbar.

Hofmeister (spricht ins Haus hinein und erscheint auf dem Giebel).
Weil dir die Mutter auf dein Bitten denn
Vergönnen will, Antigone, aus deinem
Gemach zu gehen und das Argiverheer
Vom Söller des Palastes zu beschauen,
So warte hier, bis ich den Weg erkundet,
Damit der Bürger keiner uns begegne,
Und nicht verleumderischer Tadel mich,
Den Knecht, und dich, die Fürstentochter, treffe.
Hab’ ich erst rings mich umgesehn, alsdann
Erzähl’ ich dir, was ich im Lager sah
Und von den Feinden mir erklären lassen,
Als ich den wechselseitigen Vertrag
Der beiden Brüder hin und wieder trug.
- Es nähert weit und breit sich niemand. Steig
Die alten Zedernstufen nur herauf
Und schau und sieh, was für ein Heer von Feinden
In den Gefilden längs der Dirce Quell,
Verbreitet liegt und längs dem Lauf des Ismen!

Antigone (noch hinter der Szene).
So komm, o Greis und reiche meiner Jugend
Die Manneshand, und hilf mir auf die Stufen!

Hofmeister (ihr den Arm reichend).
Da, Jungfrau! Halte dich nur fest. – Sieh, eben
Zu rechter Zeit bist du heraufgestiegen.
Das Heer kommt in Bewegung, und die Haufen
Zertrennen sich.

Antigone.
Ha! Tochter der Latona!
Ehrwürd’ge Hekate! – Ein Blitz ist das Gefilde.

Hofmeister.
Ja, nicht verächtlich rückte Polynices
Auf Theben her. Mit Rossen ohne Zahl
Braust er heran und vielen tausend Schilden.

Antigone.
Es sind mit Schlössern doch und ehrnen Riegeln
Die Pforten und die Werke Amphions,
Die Mauern, wohl verwahrt?

Hofmeister.
Sei außer Sorgen.
Von innen ist die Stadt verwahrt – Doch sieh
Den Führer da, wenn du ihn kennen willst.

Antigone.
Der dort mit blankem Helme vor dem Heer
Einher zieht und den ehrnen Schild so leicht
Im Arme schwenkt – wer ist’s?

Hofmeister.
Das ist ein Führer,
Gebieterin!

Antigone.
Wer ist er? Woher stammt er?
Wie nennt er sich? O, sage mir das, Greis!

Hofmeister.
Mycenischen Geschlechts ist er und wohnt
An Lerna’s Teiche, Fürst Hippomedon.

Antigone.
Wie trotzig und wie schreckhaft anzusehen!
Den erdgeborenen Giganten gleich,
Nicht wie ein Sterblicher tritt er einher,
Gleich einem Stern in seiner Rüstung leuchtend!

Hofmeister.
Siehst du jetzt den, der über das Gewässer
Der Dirce setzt?

Antigone.
Ganz andre Waffen sind
Das wieder. Sage mir, wer ist’s?

Hofmeister.
Das ist
Der Führer Tydeus, König Öneus Sohn.
Dem schlägt der kalydon’sche Mars im Busen.

Antigone.
Ist’s der, der von der Gattin meines Bruders
Die Schwester ehlichte? Wie fremd von Rüstung!
Halb Grieche scheint er mir und halb Barbar!

Hofmeister.
Mein Kind! So starke Schilde führen alle
Ärolier, und auf den Lanzenwurf
Verstehen sie sich trefflich.

Antigone.
Aber wie
Kannst du dies alles so genau mir sagen?

Hofmeister.
Weil ich der Schilde Zeichen mir gemerkt,
Als ich den Stillstand in das Lager brachte;
So kenn’ ich die nun, die die Schilde führen.

Antigone.
Wer ist denn jener Langgelockte dort
An Zethus Grabmal, schreckhaft anzuschauen,
Doch noch ein Jüngling an Gestalt?

Hofmeister.
Ein Führer.

Antigone.
Was für ein Haufen von Bewaffneten
Sich um ihn drängt!

Hofmeister.
Es ist Parthenopäus,
Der Atlanta Sohn.

Antigone.
Dass ihn Dianens
Geschoß, die jagend durch Gebirg und Wald
Mit seiner Mutter schweift, verderben möge,
Der meine Heimat zu verwüsten kam!

Hofmeister.
Das gebe Zeus und alle Himmlischen!
Doch keine schlimme Sache führte die
Herauf – drum fürcht’ ich sehr, es werden
Die Götter nach Gerechtigkeit verhängen!

Antigone.
Wo aber, wo entdeck’ ich den, den das
Unsel’ge Schicksal mir zum Bruder gab?
O Liebster, Polynicen zeige mir!

Hofmeister.
Der dort beim Grab der Töchter Niobens,
Nächst an Adrastus, steht – erkennst du ihn?

Antigone.
Ja, ja, ich sehe – doch recht deutlich nicht –
So was, das ihm von ferne gleicht – so etwa,
Wie er die Brust zu tragen pflegt! – O, könnt’ ich
Der schnellen Wolke Flug mit diesen Füßen
Zu meinem Bruder durch die Lüfte fliegen,
Die Arme schlingen um den liebsten Hals
Des armen Flüchtlings, ach, des lang entbehrten!
O, sieh doch, wie die Morgensonne blitzt
Der Herrliche in seiner goldnen Rüstung!

Hofmeister.
Und freue dich! Gleich steht er selbst vor dir.

Antigone.
Wer ist denn der, der dort mit eignen Händen
Den weißen Wagen lenkt?

Hofmeister.
Das ist der Seher
Amphiaraus, Königin! Du siehst,
Er führt die Opfertiere mit sich, die
Mit ihrem Blut die Erde tränken sollen.

Antigone.
O Luna, Licht im goldnen Kreise! Tochter
Der Sonne, die im Sternengürtel glänzt!
Wie ruhig, wie geschickt er seine Zelter
Im Flügel hält und herrschet auf dem Wagen!
Wo aber ist der Trotzige, der gegen
Die Stadt so kühner Drohung sich verwogen?
Wo ist Kapaneus?

Hofmeister.
Dort misst er die Höh’
Und Tiefe unsrer Mauern und erspäht
Sich einen Zugang zu den sieben Türmen.

Antigone.
O Nemesis und ihr, hohl brausenden
Gewitter Jovis, und du, loher Strahl
Des nachtumgebnen Blitzes! Zähmet ihr
Den Trotz, der über Menschheit sich versteiget!
Das ist der Mann, der Thebens Töchter mit
Dem Schwert gefangen nach Mycene führen
Und an dem Quell der Lerna in die Knechtschaft
Herunterstürzen will – Nein! Tochter Zeus!
Goldlockigte Diana! Heilige!
Knechtschaft lass nie und nimmer mich erfahren!

Hofmeister.
Was du zu sehn verlangtest, hast du nun
Gesehn und deinen Wunsch gestillt. Komm jetzt
Ins Haus zurück, mein Kind, in deinem Frauen-
Gemach dich still und sittsam einzuschließen.
Der Aufruhr, seihst du, führt dort eine Schar
Von Weibern zu der Königsburg heran –
Und Weiber schmähen gern! Je seltner sie
Zum Plaudern kommen, desto emsiger
Wird die Gelegenheit benutzt. Es muss,
Ich weiß nicht, welche Wolllust für sie sein,
Einander nichts gesundes vorzuschwatzen.

(Sie gehen ab.)

Polynices (kommt).
Hier wär’ ich. Durch die Tore haben mich
Die Wächter ohne Schwierigkeit gelassen.
Dies könnte mir verdächtig sein – Nun sie
In ihrem Netz mich einmal haben, dürfte
Wohl ohne Blut kein Rückweg für mich sein.
Ob nicht ein Fallstrick irgendwo hier laure,
Muss ich die Augen aller Orten haben –
Doch dieses Schwert sei meine Sicherheit!

(Er fährt zusammen.)

Horch! Wer ist da? – Wahrhaftig, ein Geräusch
Setzt mich in Furcht! Auch dem Beherztesten
Dünkt alles grauenvoll, wenn er den Fuß
In Feindes Land gesetzt. – Der Mutter trau’ ich
Und trau’ ihr wieder nicht, die nach beschwornem
Vertrag hieher zu kommen mich beredet.
Doch in der Nähe hier ist Schutz. Altäre
Der Götter stehen da, und auch nicht ganz
Verlassen sind die Häuser. Gut! Ich will
Das Schwert der finstern Scheide wiedergeben
Und, wer die sind, die bei der Königsburg
Dort stehen, mich erkunden.

(Er geht auf den Chor zu.)

Fremde Frauen,
Sagt an, aus welcher Heimat kommet ihr
Hieher zu diesen Wohnungen der Griechen?

Chor.
Phönizien hat mich gezeugt. Mich sandten,
Als ihrer Siege Erstlinge, dem Phöbus
Die Enkel Agenors – und eben wollte
Des Ödipus glorreicher Sohn zum hehren
Orakle und zum Heiligtum des Gottes
Mich senden, da umzingelte der Feind
Die Stadt – Lass du nun auch mich hören, wer
Du seist, und was nach Thebens Beste dich,
Der siebenpfortigen, geführt?

Polynices.
Mein Vater
Ist Ödipus, des Lajus Sohn. Jokasta
Gebar mich, des Menöceus edle Tochter.
Und Polynices nennt mich Thebens Volk.

Chor.
O teurer Zweig von Agenors Geschlechte,
Verwandter meiner Könige, derselben,
Die mich hieher gesendet – o, lass mich,
Nach meines Landes Weise, kniend dich
Begrüßen, Fürst! So bist du endlich wieder
Gekommen! Nach so langer Trennung wieder
Gekommen in dein heimisch Land.

(Ruft hinein.)

Hervor!
Hervor, Gebieterin! Tu’ auf die Tore!
Hörst du ihn nicht, den du gebarst! Was säumst du
Die hochgewölbten Zimmer zu durcheilen
Und in des Sohnes Arme dich zu werfen?

Jokasta (kommt).
Jungfrauen, eurer Stimme tyrischen Laut
Hab’ ich im Innern des Palasts vernommen,
Und wanke nun, mit alterschwerem Tritt,
Zu euch heraus.

(Sie erblickt den Polynices.)

Mein Sohn! Mein Sohn! So seh’
Ich endlich, nach so vielen tausend Tagen,
Dein liebes Auge wieder! O, umschlinge
Mit deinem Arm die mütterliche Brust!
Lass die geliebten Wangen mich berühren!
Lass, mit der Mutter Silberhaar vermengt,
Die braunen Locken diesen Hals beschatten!
O Freude! Freude! Nimmer glaubt’ ich, nimmer
Hofft’ ich, in diese Arme dich zu schließen.
Was soll ich alles dir doch sagen? Wie
Das mannigfaltige Entzücken mit
Gebärden, Worten, Händen von mir geben?
Jetzt da, jetzt dort die irren Blicke weidend,
Die Lust vergangener Jahre wieder kosten?
O lieber Sohn, wie öde ließest du
Das väterliche Haus zurück, als dich
Des Bruders Trotz ins Elend ausgestoßen!
Wie haben deine Freunde sich nach dir
Gesehnt! Wie hat ganz Theben sich nach dir
Gesehnt! Mein Sohn, von diesem Tag an schnitt
Ich Jammernde die Locken mir vom Haupte,
Seit diesem Tage schmückt kein weißes Kleid
Die Glieder mehr; nur dieses nächtliche
Gewand, das du hier siehst, hat mich bekleidet.
Mit tränenvoller Sehnsucht schmachtete
Indes, des süßen Augenlichts beraubt,
Der Greis hier in der Burg nach seinen Söhnen,
Die wilder Hass von seinem Hause riss:
Schon zückt’ er gegen sich das Schwert, den Tod
Mit eignen Händen sich bereitend, knüpfte,
Sich zu erwürgen, schon an hohem Pfosten
Die Seile, gegen dich und deinen Bruder
In heulende Verwünschungen ergossen.
So halten wir den ewig Jammernden
Im Dunkel hier verborgen. Du, mein Sohn,
Hast unterdes im Ausland, wie sie sagen,
Des Hochzeitbettes Freuden dir bereitet,
Hast – o welch harter Schlag für deine Mutter,
Und welche Schmach für Lajus, deinen Ahnherrn! –
Hast Fremde zu den Deinigen gemacht
Und fremden Fluch an unser Haus gekettet.
Ich hatte dir die Hochzeitsfackel ja
Nicht angezündet, wie es sittlich ist
Und recht, und wie’s beglückten Müttern ziemt,
Und der Ismen gab dir die Welle nicht
Zum hochzeitlichen Bad, kein Freudenton
Begrüßte deine Braut in Thebens Toren!
Verwünscht sei’n alle Plagen, die das Haus
Des Ödipus, sei’s durch der Söhne Schwert
Und Zwietracht, sei’s um seiner Sünde willen,
Sei’s durch des Schicksals blinden Schluss, bestürmen!
Auf meinem Haupte schlagen sie zusammen!

Chor.
Hart sind die Wehen der Gebärerin:
Drum lieben alle Mütter so die Kinder!

Polynices.
Hier bin ich mitten unter Feinden, Mutter.
Hab’ ich mir gut geraten oder schlimm?
Ich weiß es nicht – Doch hier ist keine Wahl:
Zum Vaterland fühlt jeder sich gezogen.
Wer anders redet, Mutter, spielt mit Worten,
Und nach der Heimat stehen die Gedanken.
Doch, von geheimer Furcht gewarnt, dass nicht
Der Bruder hinterlistig mich erwürge,
Hab’ ich die Straßen mit entblößtem Schwert
Und scharf herumgeworfnem Blick durchzogen.
Eins ist mein Trost, der Friedenseid und dein
Gegebnes Wort. Voll Zuversicht auf dies
Vertraut’ ich mich den vaterländ’schen Mauern.
Nicht ohne Weinen, Mutter, kam ich her,
Als ich die alte Königsburg und die
Altäre meiner Götter und die Schule,
Wo meine Jugend sich im Waffenspiel
Geübt, und Dircens wohlbekannte Wasser
Nach langer, langer Trennung wieder sah!
Ganz wider Billigkeit und Recht ward ich
Aus diesen Gegenden verbannt, gezwungen
Mein Leben in der Fremde zu verweinen.
Nun seh’ ich auch noch dich, geliebte Mutter,
Auch dich voll Kummers, mit beschornem Haupte,
In diesem Traurgewande – Ach, wie elend
Bin ich! Wie Unglück bringend, liebe Mutter,
Ist Feindschaft zwischen Brüdern, und wie schwer
Hält die Versöhnung! – Aber, wie ergeht’s
Dem alten blinden Vater hier im Hause?
Wie meinen beiden Schwestern? Weinen sie
Um ihren Bruder, der im Elend irrt?

Jokasta.
Ach, irgend ein Unsterblicher ist gegen
Das Haus des Ödipus entbrannt! Erst ward
Ich Mutter, die nicht Mutter werden sollte,
Drauf ehlichte zur unglücksel’gen Stunde
Mich Ödipus, dein Vater, dann wardst du!
Doch wozu dieses? – Tragen muss der Mensch,
Was ihm die Götter senden – Sieh! Ich möchte
Gern ein’ge Fragen an dich tun, wenn ich
Nicht fürchtete, dir Schmerzen zu erregen.

Polynices.
Tu’s immer. Halte nichts vor mir zurück.
Was du willst, macht mir allemal Vergnügen.

Jokasta.
Was ich zuerst also gern wissen möchte –
Sag’ – ist’s denn wirklich ein so großes Übel,
Des Vaterlands beraubet sein?

Polynices.
Und größer wahrlich als es Worte malen!

Jokasta.
Was ist so Hartes denn an der Verweisung?

Polynices.
Das Schrecklichste ist das: Der Flüchtling darf
Nicht offen reden, wie er gerne möchte.

Jokasta.
Was du mir sagst, ist eines Sklaven Los:
Nicht reden dürfen, wie man’s meint!

Polynices.
Er muss
Den Aberwitz der Mächtigen ertragen.

Jokasta.
Ein Tor sein müssen mit den Thörichten,
Auch das fällt hart!

Polynices.
Und dennoch muss er ihnen,
So sehr sein Innres sich dagegen sträubt,
Um seines Vorteils willen sklavisch dienen.

Jokasta.
Doch Hoffnung, sagt man, stärke den Verbannten.

Polynices.
Sie lacht ihm freundlich, doch von weitem nur.

Jokasta.
Und lehrt die Zeit nicht, dass sie eitel war?

Polynices.
Ach, eine holde Venus spielt um sie!

Jokasta.
Doch wovon lebtest du, eh’ deine Heirat
Dir Unterhalt verschaffte?

Polynices.
Manchmal hatt’ ich
Auf einen Tag zu leben, manchmal nicht.

Jokasta.
Nahm denn kein alter Gastfreund deines Vaters,
Kein andrer Freund sich deiner an?

Polynices.
Sei glücklich!
Mit Freunden ist’s vorbei in schlimmen Tagen.

Jokasta.
Auch deine Herkunft half dir nicht empor?

Polynices.
Ach, Mutter! Mangel ist ein hartes Los!
Mein Adel machte mich nicht satt.

Jokasta.
Die Heimat
Ist also wohl das Teuerste, was Menschen
Besitzen!

Polynices.
O, und teurer als die Zunge
Aussprechen kann!

Jokasta.
Wie kamst du denn nach Argos?
Was für ein Vorsatz führte dich dahin?

Polynices.
Abrasten ward von Phöbus das Orakle.
Ein Eber und ein Löwe würden seine
Eidame werden.

Jokasta.
Sonderbar! Was heißt das?
Wie konntest du mit einem dieser Namen
Bezeichnet sein?

Polynices.
Das weiß ich selbst nicht, Mutter.
Das Schicksal hatte mir dies Glück beschieden.

Jokasta.
Voll Weisheit sind des Schicksals Fügungen!
Wie aber brachtest du’s bis zur Vermählung?

Polynices.
Nacht war’s. Ich kam zur Halle des Adrast –

Jokasta.
Flüchtlingen gleich, ein Obdach da zu finden?

Polynices.
Das war mein Vorsatz. Bald nach mir kam noch
Ein andrer Flüchtling.

Jokasta.
Wer war dieser andere?
Auch ein Unglücklicher, wie du?

Polynices.
Er nannte
Sich Tydeus, Öneus Sohn.

Jokasta.
Wie aber konnte
Adrast mit wilden Tieren euch vergleichen?

Polynices.
Weil wir ums Lager handgemein geworden.

Jokasta.
Und darin fand der Sohn des Talaus
Den Aufschluss des Orakels?

Polynices.
Einem Jeden
Gab er der Töchter eine zur Gemahlin.

Jokasta.
Und diese Ehe, schlug sie glücklich aus?

Polynices.
Bis diesen Tag hab’ ich sie nicht bereuet.

Jokasta.
Wodurch bewogst du aber die Argiver,
Mit dir zu ziehen gegen Thebens Tore?

Polynices.
Adrast gelobt’ es mir und diesem Tydeus,
Der jetzt mein Bruder ist, jedweden Eidam
Zurückzuführen in sein heimisch Reich,
Und mich zuerst. Es sind der argischen
Und griech’schen Fürsten viel im Heer, mir diesen
Notwendigen, doch truar’gen Dienst zu leisten;
Denn wider meine Heimat führ’ ich sie
Herauf. Doch die Unsterblichen sind Zeugen,
Wie ungern ich die Waffen gegen meine
Geliebtesten ergriff! Dir, Mutter, nun
Kommt’s zu, den tränenvollen Zwist zu heben,
Zwei gleich geliebte Brüder zu versöhnen,
Und dir und mir und unserm Vaterland
Viel Drangsal, viele Leiden zu ersparen.
Es ist ein altes Wort, doch bring’ ich’s wieder:
Die Ehre wohnt beim Reichtum. Reichtum übt
Die größte Herrschaft über Menschenseelen.
Ihn zu erlangen, komm’ ich an der Spitze
So vieler Tausende. Der Arme, sei
Er noch so groß geboren, gilt für nichts.

Chor.
Sieh! Eben naht sich Eteokles selbst
Zur Friedenshandlung. Königin, nun ist’s an dir
Der Überredung kräft’ges Wort zu führen,
Das deine Kinder zur Versöhnung neige.

Eteokles (kommt).
Da bin ich, Mutter. Dir zu lieb erschein’ ich.
Was soll ich hier? Lass hören! Eben hab’ ich
Mein Volk und meine Wagen vor den Mauern
In Schlachtordnung gestellt – noch hielt ich sie
Zurück, das Wort des Friedens erst zu hören,
Um dessentwillen dem vergönnet ward,
Mit sicherem Geleit hier zu erscheinen.

Jokasta.
Gelass’ner! Übereilung tut nicht gut;
Bedachtsamkeit macht alle Dinge besser.
Nicht diesen finstern Blick! Nicht dieses Schnauben
Verhaltner Wut! Es ist kein aberissnes
Medusenhaupt, was du betrachten sollst,
Dein Bruder ist’s, der zu dir kam – Auch du,
Gönn’ ihm dein Angesicht, mein Polynices:
Weit besser spricht sich’s, weit eindringender,
Wenn deine Blicke seinem Blick begegnen;
Weit besser wirst du ihn verstehn. Hört, Kinder!
Ich will euch eine kluge Lehre geben:
Wenn Freunde, die einander zürnen, sich
Von Angesicht zu Angesicht nun wieder
Zusammen finden, seht, so müssen sie,
Uneingedenk jedweder vorigen
Beleidigung, sich einzig dessen nur,
Weswegen sie beisammen sind, erinnern!

(Zu Polynices.)

- Du hast das erste Wort mein Sohn! Weil dir
Gewalt geschehen, wie du sagst, bist du
Mit dem Argiverheer heraufgezogen.
Und möchte einer der Unsterblichen
Nun Schiedsmann sein und eure Zwietracht tilgen!

Polynices.
Wahrheit liebt Einfalt. Die gerechte Sache
Hat künstlich schlauer Wendung nicht vonnöten.
Sie selbst ist ihre Schutzwehr. Nur die schlimme,
Siech in sich selbst, braucht die Arznei des Witzes.
Weil ich es gut mit ihm und mir und mit
Dem Vaterland gemeint, verbannt’ ich mich,
Den Flüchen zu entgehen, die der Greis
Auf uns gewälzt, freiwillig aus dem Reiche,
Ließ ihm den Thron, den er nach Jahresfrist
Abwechselnd mich besteigen lassen sollte,
Noch damals weit entfernt, mit Blut und Mord
Zurückzukehren, Böses zuzufügen
Und Böses zu empfangen. Ihm gefiel
Die Auskunft, er beschwor sie bei den Göttern;
Nun hält er nichts von allem, was er schwor,
Und fähret fort, den Thron und meinen Teil
Am väterlichen Reich sich zuzueignen.
Doch selbst noch jetzt bin ich bereit – gibt man,
Was mein ist, mir zurück – der Griechen Heer
Aus diesem Land in Frieden wegzuführen,
Mein Jahr, wie es mir zukommt, zu regieren,
Und ihm ein Gleiches wieder zu gestatten.
So bleibt mein Vaterland von Drangsal frei,
Und keine Leiter naht sich diesen Türmen.
Verschmäht man das – nun, so entscheide denn
Das Schwert! Doch meine Zeugen sind die Götter,
Wie billig ich es meinte, und wie höchst
Unbillig man der Heimat mich beraubet!
Das ist es, Mutter, Wort für Wort, was ich
Zu sagen habe, kurz und ungeschraubt,
Doch klar und überzeugend, wie mir däucht,
Dem schwachen Kopf wie dem verständigsten!

Chor.
Ich finde diese Rede voll Verstand,
Wiewohl mich Griechenland nicht auferzogen.

Eteokles.
Ja, wenn, was einem schön und löblich dünkt,
Auch jedem andern schön und löblich dünkte,
Kein Streit noch Zwist entzweite dann die Welt!
So aber sind’s die Namen nur, worüber
Man sich versteht: In Sachen denkt man anders.
Sieh, Mutter! Zu den Sternen dort – ich sag’
Es ohne Scheu – dort, wo der Tag anbricht,
Steig’ ich hinauf, vermöchten’s Menschenkräfte,
Und in der Erden Tiefen taucht’ ich unter,
Die höchste der Göttinnen, die Gewalt,
Mir zu erringen! Mutter, und dieses Gut
Sollt’ ich in andern Händen lieber sehn
Als in den meinigen? Der ist kein Mann,
Der, wo das Größre zu gewinnen ist,
Am Kleinern sich genügen lässt. – Und wie
Erniedrigend für mich, wenn dieser da
Mit Feu’r und Schwert, was er nur will, von mir
Ertrotzen könnte! Wie beschimpfet selbst
Für Theben, wenn die Speere der Argiver
Das Szepter mir abängstigten! Nein, Mutter!
Nein! Nicht die Waffen in der Hand, hätt’ er
Von Frieden sprechen sollen! Was ein Schwert
Ausrichten mag, tut auch ein Wort der Güte.
Will er im Lande sonst sich niederlassen?
Recht gern! Doch König wird er nicht! So lange
Ich es zu hindern habe, nicht! – Ihm dienen,
Da ich sein Herr sein kann? Nur zu! Er rücke
Mit Schwert und Feuer auf mich an, er decke
Mit Rossen und mit Wagen das Gefilde!
Mein König wird er niemals! Nie und nimmer!
Muss Unrecht sein, so sei’s um eine Krone,
In allem andern sei man tugendhaft.

Chor.
Zu schlimmer Tat schön reden ist nicht gut:
Das heißt Gerechtigkeit und Tugend höhnen.

Jokasta.
Mein Sohn! Mein Eteokles! Alles ist
Nicht schlimm am Alter. Die Erfahrung krönt’s
Mit mancher Weisheit, die der Jugend mangelt.
Warum von der Göttinnen schlimmster dich,
Dich von der Ehrbegier beherrschen lassen?
O meide die Abscheuliche! In manch
Glückselig Haus, in manch glückselig Land
Schlich sie sich ein; doch, wo man sie empfing,
Zog sie nie anders aus, als mit Verderben.
Sieh, und nach dieser rasest du! Wie viel
Vortrefflicher ist Gleichheit! Gleichheit knüpft
Den Bundsverwandten mit dem Bundsverwandten,
Den Freund zusammen mit dem Freund, und Länder
Mit Ländern! Gleichheit ist das heilige Gesetz
Der Menschheit. Dem Vermögenderen lebt
Ein ew’ger Gegner in dem Ärmeren, stets
Bereit ihn zu bekriegen. Gleichheit gab
Den Menschen Maß, Gewicht und Zahl. Das Licht
Der sonne und die strahlenlose Nacht
Lässt sie in gleichem Zirkelgange wechseln –
Und, eines neidisch auf des andern Sieg,
Wetteifern beide nur, der Welt zu dienen.
Und dich befriedigt nicht der gleiche Teil
Am Throne? Du missgönnst ihm auch den seinen?
Ist das gerecht, mein Sohn? Was ist so Großes
Denn an der Macht, der glücklichen Gewalttat,
Dass du so übermäßig sie vergötterst?
Der Menschen Augen auf sich ziehn? Ist das
Das Herrliche? Das ist ja nichts! Bei vielen
Besitzungen viel Müh’ und Angst empfinden?
Denn was ist Überfluss? Sprich selbst. Ein Name!
Just haben, was er braucht, genügt dem Weisen.
Und Schätze sind kein Eigentum des Menschen:
Der Mensch verwaltet nur, was ihm die Götter
Verliehn und, wenn sie wollen, wieder nehmen:
Ein Tag macht den Begüterten zum Bettler.
Nun lass’ ich unter Zweien dir die Wahl:
Was willst du lieber? Deine Vaterstadt
Erhaltne oder herrschen? – Du willst herrschen!
Wie aber, wenn der Sieger wird und seiner
Argiver Scharen deine Heere schlagen?
Willst du dann Zeuge sein, wie Kadmus Stadt
Zu Grunde stürzet, seine Jungfrauen,
Ein Raub des Siegers, in die Knechtschaft wandern?
Ehrgeiziger, das leg’ ich dir ans Herz,
So teu’r muss Thebe deinen Golddurst zahlen!

(Sich zu Polynices wendend.)

Und dir, mein Polynices, hat Adrast
Unklug gedient, und unklug bist du selbst,
Dass du der Heimat nahst mit Kriegesnot.
Gesetzt (wovor die Götter uns bewahren!)
Du unterwerfest dir die Stadt, was für
Trophäen willst du deinem Sieg errichten?
Mit welchen Opfern den Unsterblichen
Für deines Vaterlandes Umsturz danken?
Mit welcher Aufschrift die gemachte Beute
Am Inachus aufstellen? „Diese Schilde
Weiht, nach Einäscherung der Vaterstadt,
Den Göttern Polynices?“ – Das verhüte
Der Himmel, mein geliebter Sohn, dass je
Ein solcher Ruhm dich bei den Griechen preise!
Wirst du besiegt, und krönet den das Glück,
Sag’ an, mit welcher Stirne willst du dich,
Nach so viel tausend hier gelassnen Toten,
In Argos sehen lassen, wo man deinem
Adrast entgegen schreien wird: „Verfluchtes
Ehbündnis, das du stiftetest! Um einer
Vermählten willen muss dein Volk verderben!“
So rennst du in die doppelte Gefahr,
Den Preis sowohl, um den du kämpfen willst,
Als der Argiver Beistand zu verlieren.
O zähmet, Kinder, dies unbänd’ge Feuer!
Kann wohl was ungereimter sein, als zwei
Unsinnige, die um dasselbe buhlen!

Chor.
O wendet, Götter, dieses Unheil ab
Und stiftet Frieden unter Ödips Kindern!

Eteokles (aufbrechend).
Mit Worten wird hier nichts entschieden, Mutter,
Die Zeit geht ungenützt vorbei, und dein
Bemühen, siehst du, ist umsonst – Ich Herr
Von diesem Land, sonst kein Gedank’ an Frieden!
Verschone mich mit längerer Ermahnung!

(Zu Polynices.)

Du, räume Theben oder stirb!

Polynices.
Durch wen?
Wer ist der Unverletzliche, der mich
Mit mörderischem Stahl anfallen darf
Und nicht von meinen Händen Gleiches fürchtet?

Eteokles.
Er steht vor deinen Augen. Siehst du, hier!

(Er streckt seinen Arm aus.)

Polynices.
Ich sehe – doch der Überfluss ist feig,
Und eine böse Sache leibt das Leben.

Eteokles.
Drum rücktest du mit so viel Tausenden
Herauf? Um eine Memme zu bekriegen?

Polynices.
Weil kluge Vorsicht mehr, als toller Mut,
Dem Feldherrn ziemt,

Eteokles.
Wie frech, wie übermütig!
Dank’s dem Vertrag, der dir das Leben fristet.

Polynices.
Noch einmal fordr’ ich mein ererbtes Reich
Und meinen Thron von dir zurück.

Eteokles.
Hier nichts zurückzufordern. Ich bewohne
Mein Haus und fahre fort, es zu bewohnen.

Polynices.
Wie? Mehr las eines Anteils ist?

Eteokles.
So sagt’ ich.
Und nun brich auf!

Polynices.
O ihr Altäre meiner Heimat!

Eteokles.
Di du zu schleifen kamst.

Polynices.
O, höret mich!

Eteokles.
Dich hören, der sein Vaterland bekriegt!

Polynices.
Ihr Tempel meiner Götter!

Eteokles.
Deine Götter
Verwerfen dich.

Polynices.
Man treibt mich aus der Heimat!

Eteokles.
Weil du gekommen bist, sie zu verheeren.

Polynices.
Höchst ungerecht verstößt man mich, ihr Götter!

Eteokles.
Hier nicht! In deinem Argos ruf’ sie an!

Polynices.
Ruchloser Läsrer!

Eteokles.
Doch kein Feind, wie du,
Des Vaterlands.

Polynices.
Gewaltsam treibst du mich
Hinaus, gewaltsam raubst du mir mein Erbe!

Eteokles.
Und auch das Leben hoff’ ich dir zu rauben.

Polynices.
O hörst du, was ich leiden muss, mein Vater?

Eteokles.
Er hört auch, wie du handelst.

Polynices.
Und du, Mutter?

Eteokles.
Du hast’s verscherzt, der Mutter heiligt Haupt
Zu nennen.

Polynices.
Vaterstadt!

Eteokles.
Geh in dein Argos
Und bete zu der Lerna Strom!

Polynices.
Ich gehe,
Sei unbesorgt! – Dir tausend, tausend Dank,
Geliebte Mutter –

Eteokles.
Geh von hinnen, sag’ ich.

Polynices.
Ich gehe. Meinen Vater nur vergönne
Mir noch zu sehen.

Eteokles.
Nichts!

Polynices
Die Schwestern doch?
Die zarten Schwestern!

Eteokles.
Nie und nimmermehr!

Polynices.
O meine Schwestern!

Eteokles.
Du erfrechest dich,
Ihr ärgster Feind, beim Namen sie zu rufen?

Polynices.
Leb’ froh und glücklich, Mutter!

Jokasta.
Froh, mein Sohn?
Sind’s etwa frohe Dinge, die ich leide?

Polynices.
Dein Sohn? Ich bin es nicht mehr!

Jokasta.
O ihr Götter!
Zu schwerem Drangsal spartet ihr mich auf!

Polynices.
Du hast gehört, wie grausam er mich kränkte.

Eteokles.
Du hörst und siehst, wie reichlich er’s vergalt.

Polynices.
Wo wird dein Posten sein vor diesen Türmen?

Eteokles.
Was fragst du dieses?

Polynices.
Weil ich im Gefechte
Dir gegenüberstehen will.

Eteokles.
Den Wunsch
Nahmst du aus meiner Seele.

Jokasta.
O ich Arme!
O meine Kinder, was beginnet ihr?

Eteokles.
Die Ta wird’s lehren.

Jokasta.
Wehe! Fürchtet ihr
Des Vaterfluches Furien nicht mehr?

Polynices.
Sei’s drum! Des Lajus ganzes Haus verderbe!1)

Ü


1) Andere Ausleger geben diese Rede dem Eteokles, weil sie ihnen dem sanfteren Charakter des Polynices zu widerstehen scheint. Es kann ein Fehler des Abschreibers sein; aber, warum es einer sein muss, sehe ich nicht ein, und man raubt dem Dichter vielleicht eine Schönheit, um ihn von einem anscheinenden Widerspruch zu befreien. ­

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