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Vierter Aufzug

Erster Auftritt

Theseus. Oenone.

Theseus.
Was hör’ ich! Götter! Solchen Angriff wagte
Ein Rasender auf seines Vaters Ehre!
Wie hart verfolgst du mich, ergrimmtes Schicksal!
Ich weiß nicht was ich soll, nicht was ich bin!
O wird mir solcher Dank für meine Liebe?
Fluchwerte Tat! Verdammliches Erkühnen!
Und seiner wilden Lust genug zu tun,
Erlaubte sich der Freche gar Gewalt!
Erkannt hab’ ich’s, das Werkzeug seiner Wut,
Dies Schwert, zu edlerm Dienst ihm umgehangen;
Nicht heilt ihn selbst die heil’ge Scheu des Bluts!
Und Phädra säumte noch, ihn anzuklagen,
Und Phädra schwieg und schonte des Verräters.

Oenone.
Des unglücksel’gen Vaters schonte Phädra.
Vom Angriff dieses Wütenden beschämt
Und dieser frevelhaften Glut, die sie
Schuldlos entzündet, wollte Phädra sterben.
Schon zuckte sie die mörderische Hand,
Das schöne Licht der Augen auszulöschen;
Da fiel ich ihr in den erhobnen Arm,
Ja, ich allein erhielt sie deiner Liebe.
Und jetzt, o Herr, von ihrem großen Leiden,
Von deiner Furcht gerührt, entdeckt’ ich dir,
Ich tat’s nicht gern, die Ursach’ ihrer Tränen.

Theseus.
Wie er vor mir erblasste, der Verräter!
Er konnte mir nicht ohne Zittern nahn;
Ich war erstaunt, wie wenig er sich freute!
Sein frostiger Empfang erstickte schnell
Die frohe Wallung meiner Zärtlichkeit.
– Doch dieser Liebe frevelhafte Glut,
O sprich, verriet sie sich schon in Athen?

Oenone.
Denk’ an die Klagen meiner Königin,
O Herr! Aus einer frevelhaften Liebe
Entsprang ihr ganzer Hass.

Theseus.
Und diese Liebe
Entflammte sich von neuem in Trözene?

Oenone.
Herr, alles, was geschehen, sagt’ ich dir! –
Zu lang ließ ich die Königin allein
In ihrem Schmerz; erlaube, dass ich dich
Verlasse, Herr, und meiner Pflicht gehorche.

(Oenone geht ab.)


Zweiter Auftritt

Theseus. Hippolyt.

Theseus.
Da ist er! Götter! Dieser edle Anstand!
Welch Auge würde nicht davon getäuscht!
Darf auf der frechen Stirn des Ehebruchs
Die heilige Majestät der Tugend leuchten?
Wär’ es nicht billig, dass der Schalk im Herzen
Durch äußere Zeichen sich verkündete?

Hippolyt.
Herr, darf ich fragen, welch düstre Wolke
Dein königliches Angesicht umschattet?
Darfst du es deinem Sohne nicht vertrau’n?

Theseus.
Darfst du, Verräter, mir vors Auge treten?
Ungeheuer, das der Blitz zu lang verschont!
Unreiner Überrest des Raubgezüchts,
Von dem mein tapfrer Arm die Welt befreite!
Nachdem sich deine frevelhafte Glut
Bis zu des Vaters Bette selbst verwogen,
Zeigst du mir frech noch dein verhasstes Haupt?
Hier an dem Ort, der deine Schande sah,
Darfst du dich zeigen, und du wendest dich
Nicht fremden fernen Himmelsstrichen zu,
Wo meines Namens Schall nie hingedrungen?
Entflieh, Verräter! Reize nicht den Grimm,
Den ich mit Müh’ bezwinge – Schwer genug
Büß’ ich dafür mit ew’ger Schmach, dass ich
So frevelhaftem Sohn das Leben gab;
Nicht auch dein Tod soll mein Gedächtnis schänden
Und schwärzen meiner Taten Glanz – Entflieh!
Und willst du nicht, dass eine schnelle Rache
Dich den Frevlern, die ich strafte, beigeselle,
Gib Acht, dass dich das himmlische Gestirn,
Das uns erleuchtet, den verwegnen Fuß
Nie mehr in diese Gegen setzen sehe!
Entfliehe, sag’ ich, ohne Wiederkehr!
Reiß dich von dannen! Fort und reinige
Vom Gräuel deines Anblicks meine Staaten!
– Und du, Neptun, wenn je mein Arm dein Ufer
Von Raubgesindel säuberte, gedenk,
Wie du mir einst zu meiner Taten Lohn
Gelobt, mein erstes Wünschen zu erhören!
Nicht in dem Drang der langen Kerkernot
Erfleht’ ich dein unsterbliches Vermögen;
Ich geizte mit dem Wort, das du mir gabst;
Der dringenderen Not spart’ ich dich auf.
Jetzt fleh’ ich dich, Erschütterer der Erde,
Räch’ einen Vater, der verraten ist!
Hin geb’ ich diesen Frevler deinem Zorn.
Erstick’ in seinem Blut sein frech Gelüsten!
An deinem Grimm lass deine Huld mich kennen!

Hippolyt.
Phädra verklagt mich einer strafbar’n Liebe!
Dies Übermaß des Gräuls schlägt mich zu Boden.
So viele Schläge, unvorgesehn, auf einmal,
Zerschmettern mich und rauben mir die Sprache!

Theseus.
Verräter, dachtest du, es werde Phädra
In feiges Schweigen deine Schuld begraben,
So musstest du beim Fliehen nicht das Schwert,
Das dich verdammt, in ihren Händen lassen.
Du musstest, deinen Frevel ganz vollendend,
Mit einem Streich ihr Stimm’ und Leben rauben.

Hippolyt.
Mit Recht entrüstet von so schwarzer Lüge,
Sollt’ ich die Wahrheit hier vernehmen lassen;
Doch, Herr, ich unterdrücke ein Geheimnis,
Das dich betrifft, aus Ehrfurcht unterdrück’ ich’s.
Du, billige das Gefühl, das mir den Mund
Verschließt, und, statt dein Leiden selbst zu mehren,
Prüfe mein leben! Denke, wer ich bin!
Vor großen Freveln gehen andre stets
Vorher; wer einmal aus den Schranken trat,
Der kann zuletzt das Heiligste verletzen.
Wie die Tugend, hat das Laster seine Grade;
Nie sah man noch unschuld’ge Schüchternheit
Zu wilder Frechheit plötzlich übergehn.
Ein Tag macht keinen Mörder, keinen Schänder
Es Bluts aus einem tugendhaften Mann.
An einer Heldin keuscher Brust genährt,
Hab’ ich den reinen Ursprung nicht verleugnet;
Aus ihrem Arm hat Pittheus mich empfangen,
Der fromm vor allen Menschen ward geachtet;
Ich möchte mich nicht selbst zu rühmlich schildern;
Doch, ist mir ein’ge Tugend zugefallen,
So denk’ ich, Herr, der Abscheu eben war’s
Vor diesen Gräueln, deren man mich zeiht,
Was ich von je am lautesten bekannt.
Den Ruf hat Hippolyt bei allen Griechen!
Selbst bis zur Rohheit trieb ich diese Tugend;
Man kennt die Härte meines strengen Sinns;
Nicht reiner ist das Licht als meine Seele,
Und ein strafbares Feuer sollt’ ich nähren?

Theseus.
Ja, eben dieser Stolz, o Schändlicher,
Spricht dir das Urteil. Deines Weiberhasses
Verhasste Quelle liegt nunmehr am Tag.
Nur Phädra rührte dein verkehrtes Herz,
Und fühllos war es für erlaubte Liebe.

Hippolyt.
Nein, nein, mein Vater, dieses Herz – nicht länger
Verberg’ ich dir’s – nicht fühllos war dieses Herz
Für keusche Liebe! Hier zu deinen Füßen
Bekenn’ ich meine wahre Schuld – Ich liebe,
Mein Vater, liebe gegen dein Verbot!
Aricia hat meinen Schwur; - sie ist’s,
Pallantes Tochter, die mein Herz besiegte.
Sie bet’ ich an, nur sie, wie sehr ich auch,
Herr, dein Gebot verletze, kann ich lieben.

Theseus.
Du liebst sie! – Nein, der Kunstgriff täuscht mich nicht.
Du gibst dich strafbar, um dich rein zu waschen.

Hippolyt.
Herr, seit sechs Monden meid’ ich – lieb’ ich sie!
Ich kam mit Zittern, dies Geständnis dir
Zu tun –

(Da Theseus sich mit Unwillen abwendet.)

Weh mir! Kann nichts dich überzeugen?
Durch welche grässliche Beteuerungen
Soll ich dein Herz beruhigen – So möge
Der Himmel mich, so mögen mich die Götter –

Theseus.
Mit Meineid hilft sich jeder Bösewicht.
Hör’ auf! Hör’ auf, mit eitelm Wortgepräng
Mir deine Heucheltugend vorzurühmen!

Hippolyt.
Erheuchelt scheint sie dir. Phädra erzeigt mir
In ihrem Herzen mehr Gerechtigkeit.

Theseus.
Schamloser, deine Frechheit geht zu weit!

Hippolyt.
Wie lang soll ich verbannt sein und wohin?

Theseus.
Und gingst du weiter als bis Herkuls Säulen,
Noch glaubt’ ich dem Verräter mich zu nah.

Hippolyt.
Beladen mit so grässlichem Verdacht,
Wo find’ ich Freunde, die mir Mitleid schenken,
Wenn mich ein Vater von sich stößt?

Theseus.
Geh hin!
Geh, suche dir Freunde, die den Ehbruch ehren!
Blutschande loben, schändliche, pflichtlose
Verräter ohne Schamgefühl und Ehre,
Wert, einen Schändlichen, wie du, zu schützen!

Hippolyt.
Du sprichst mir immerfort von Ehebruch,
Von – doch ich schweige. Aber Phädra stammt
Von einer Mutter – Phädra ist erzeugt
Aus einem Blut, du weißt es, das vertrauter
Mit solchen Gräueln ist, als meines!

Theseus.
Ha!
So weit darf deine Frechheit sich vergessen
Mir in das Angesicht? Zum letzten Mal!
Aus meinen Augen! Geh hinaus, Verräter!
Erwarte nicht, dass ich in Zorneswut
Dich mit Gewalt von hinnen reißen lasse!

(Hippolyt geht ab.)


Dritter Auftritt

Theseus allein.

Geh, Elender! Du gehst in dein Verderben!
Denn bei dem Fluss, den selbst die Götter scheuen,
Gab mir Neptun sein Wort und hält’s. Dir folgt
Ein Rachedämon, dem du nicht entrinnst.
– Ich liebte dich, und fühle zum voraus
Mein Herz bewegt, wie schwer du mich auch kränktest.
Doch zu gerechte Ursach gabst du mir,
Dich zu verdammen – Nein gewiss, nie ward
Ein Vater mehr beleidigt – Große Götter,
Ihr seht den Schmerz, der mich zu Boden drückt!
Konnt’ ich ein Kind so schlimmer Art erzeugen?


Vierter Auftritt

Phädra. Theseus.

Phädra.
Ich komm’, o Herr, von Schrecken hergetrieben,
Die Stimme deines Zorns drang in mein Ohr;
Der Drohung, fürcht’ ich, folgte rasch die Tat.
O wenn’s noch Zeit ist, schone deines Bluts!
Ich fleh’ dich drum – Erspare mir den Gräuel,
Dass es um Rache schreie wider mich.
O gib mich nicht dem ew’gen Schmerz zum Raub,
Dass ich den Sohn durch Vaters Hand gemordet!

Theseus.
Nein, Phädra, meine Hand befleckte sich
Mit meinem Blute nicht! Dennoch ist mir
Der Frevler nicht entwischt. Mit seiner Rache
Wird eine Götterhand beschäftigt sein.
Neptun ist mir sie schuldig. Sei gewiss:
Du wirst gerächt!

Phädra.
Neptun ist sie dir schuldig!
Was? Hättest du den Gott in deinem Zorn –

Theseus.
Wie? Fürchtest du, dass mich der Gott erhöre?
O teile vielmehr mein gerechtes Flehn!
In aller Schwärze zeig mir seine Schuld!
Erhitze meinen allzu trägen Zorn!
Du kennest seine Frevel noch nicht alle.
Der Wütende, er wagt’s noch, dich zu schmähn;
Dein Mund sei voll Betrugs. Aricia habe
Sein Herz und seine Treu’. Er liebe sie.

Phädra.
Was?

Theseus.
Er behauptet’s mir ins Angesicht!
Doch solchen Kunstgriff weiß ich zu verachten.
Schaff’ uns, Neptun, nur schnell Gerechtigkeit!
Ich gehe selbst, in seinem Tempel ihn
An sein unsterblich Götterwort zu mahnen.

(Er geht ab.)


Fünfter Auftritt

Phädra allein.

Er geht – Welch eine Rede traf mein Ohr!
Welch kaum ersticktes Feuer zündet sich
Aufs neu in meinem Herzen an! O Schlag
Des Donners, der mich trifft! Unsel’ge Nachricht!
Ich flog hieher, ganz Eifer, seinen Sohn
Zu retten; mit Gewalt entriss ich mich
Den Armen der erschrockenen Oenone;
Die Stimme des Gewissens wollte siegen;
Wer weiß, wohin die Reue mich geführt!
Vielleicht ging ich so weit, mich anzuklagen.
Vielleicht, wenn man ins Wort mir nicht gefallen,
Entwischte mir die fürchterliche Wahrheit.
– Gefühl hat Hippolyt und keins für mich!
Aricia hat sein Herz und seine Schwüre!
Ihr Götter, da der Undankbare sich
Mir gegenüber mit dem stolzen Blick,
Mit dieser strengen Stirn bewaffnete,
Da glaubt’ ich ihn der Liebe ganz verschlossen,
Gleich unempfindlich für mein ganz Geschlecht,
Und eine andre doch wusst’ ihn zu rühren!
Vor seinem Stolz fand eine andre Gnade!
Vielleicht hat er ein leicht zu rührend Herz;
Nur ich bin seinen Augen unerträglich!
Und ich bemühe mich, ihn zu verteidigen!


Sechster Auftritt

Phädra. Oenone.

Phädra.
O weißt du, was ich jetzt vernahm, Oenone?

Oenone.
Nein, aber zitternd komm’ ich her; ich will’s,
Nicht leugnen. Mich erschreckte der Entschluss,
Der dich herausgeführt. Ich fürchtete,
Du möchtest dich in blindem Eifer selbst
Verraten.

Phädra.
Ach, wer hätt’s geglaubt, Oenone!
Man liebte eine andre!

Oenone.
Wie? Was sagst du?

Phädra.
Hippolyt liebt! Ich kann nicht daran zweifeln.
Ja, dieser scheue Wilde, den die Ehrfurcht
Beleidigte, der Liebe zärtlich Flehn
Verscheuchte, dem ich niemals ohne Furcht
Genaht, der wilde Tiger ist gebändigt,
Aricia fand den Weg zu seinem Herzen.

Oenone.
Aricia!

Phädra.
O nie gefühlter Schmerz!
Zu welcher neuen Qual spart’ ich mich auf!
Was ich erlitten bis auf diesen Tag,
Die Furcht, die Angst, die Rasereien alle
Der Leidenschaft, der Wahnsinn meiner Liebe,
Des innern Vorwurfs grauenvolle Pein,
Die Kränkung selbst, die unerträgliche,
Verschmäht zu sein, es war ein Anfang nur
Der Folterqualen, die mich jetzt zerreißen.
Sie lieben sich! Durch welches Zaubers Macht
Vermochten sie’s, mein Auge so zu täuschen?
Wie sahn sie sich? Seit wann? An welchem Ort?
Du wusstest drum; wie ließest du’s geschehn,
Und gabst mir keinen Wink von ihrer Liebe?
Sah man sie oft sich sprechen und sich suchen?
Der dunkle Wald verbarg sie? – Wehe mir!
Sie konnte sich in voller Freiheit sehn;
Der Himmel billigte ihr schuldlos Lieben;
Sie folgten ohne Vorwurf, ohne Furcht
Dem sanften Zug der Herzen. Hell und heiter
Ging jedes Tages Sonne für sie auf!
Und ich, der traur’ge Auswurf der Natur,
Verbarg mich vor dem Licht; der einz’ge Gott,
Dem ich zu rufen wagte, war der Tod.
Ihn sah ich schon mit schnellen Schritten nahn;
Mit Tränen nährt’ ich mich, mit bitterm Gram,
Und selbst in meinen Tränen durft’ ich nicht
Nach Herzenswunsche mich ersättigen!
Vom Blick der Neugier allzu scharf bewacht,
Genoss ich zitternd diese traur’ge Lust;
Ja, oft musst’ ich sie gänzlich mir versagen,
Und unter heitrer Stirn den Gram verbergen.

Oenone.
Was hoffen sie für Frucht von ihrer Liebe?
Sie werden nie sich wieder sehn!

Phädra.
Sie werden
Sich ewig lieben! Jetzt, indem ich rede,
Verlachen sie, o tötender Gedanke!
Den ganzen Wahnsinn meiner Liebesmut!
Umsonst verbannt man ihn; sie schwören sich’s
Mit tausend Schwüren, nie sich zu verlassen.
Nein, ich ertrag’s nicht, dieses Glück zu sehn,
Oenone, das mir Hohn spricht – Habe Mitleid
Mit meiner eifersücht’gen Mut! Aricia
Muss fallen! Man muss den alten Hass des Königs
Erregen wider dies verhasste Blut!
Nicht leicht soll ihre Strafe sein; die Schwester
Hat schwerer sich vergangen als die Brüder.
In meiner Eifersucht, in meiner Wut
Erfleh’ ich’s von dem König!

(Wie sie gehen will, hält sie plötzlich an und besinnst sich.)

Was will ich tun?
Wo reißt die Wut mich hin? Ich eifersüchtig!
Und Theseus ist’s, den ich erflehen will!
Mein Gatte lebt und mich durchras’t noch Liebe!
Für wen? Um welches Herz wag’ ich zu buhlen?
Es sträubt mir grausend jedes Haar empor;
Das Maß des Grässlichen hab’ ich vollendet.
Blutschande atm’ ich und Betrug zugleich;
Ins Blut der Unschuld will ich, racheglühend,
Die Mörderhände tauchen – Und ich lebe!
Ich Elende! Und ich ertrag’ es noch,
Zu dieser heil’gen Sonne aufzublicken,
Von der ich meinen reinen Ursprung zog.
Den Vater und den Oberherrn der Götter
Hab’ ich zum Ahnherrn; der Olympus ist,
Der ganze Weltkreis voll von meinen Ahnen.
Wo mich verbergen? Flieh’ ich in die Nacht
Des Totenreichs hinunter? Wehe mir!
Dort hält mein Vater des Geschickes Urne,
Das Los gab sie in seine strenge Hand,
Der Toten bleiche Scharen richtet Minos.
Wie wird sein ernster Schatte sich entsetzen,
Wenn seine Tochter vor ihn tritt, gezwungen,
Zu Freveln sich, zu Gräueln zu bekennen,
Davon man selbst im Abgrund nie vernahm!
Was wirst du, Vater, zu der grässlichen
Begegnung sagen? Ach, ich sehe schon
Die Schreckensurne deiner Hand entfallen;
Ich sehe dich, auf neue Qualen sinnend,
Ein Henker werden deines eignen Bluts.
Vergib mir! Ein erzürnter Gott verderbte
Dein ganzes Haus; der Wahnsinn deiner Tochter
Ist seiner Rache fürchterliches Werk!
Ach, von der schweren Schuld, die mich befleckt,
Hat dieses traur’ge Herz nie Frucht geerntet!
Ein Raub des Unglücks bis zum letzten Hauch,
End’ ich in Martern ein gequältes Leben.

Oenone.
Verbanne endlich doch den leeren Schrecken,
Gebieterin! Sieh ein verzeihliches
Vergehn mit andern Augen an! Du liebst!
Nun ja! Man kann nicht wider sein Geschick.
Du warst durch eines Zaubers Macht verführt;
Ist dies denn ein so nie erhörtes Wunder?
Bist du die Erste, die der Liebe Macht
Empfindet? Schwache Menschen sind wir alle;
Sterblich geboren, darfst du sterblich fehlen.
Ein altes Joch ist’s, unter dem du leidest!
Die Götter selbst, die himmlischen dort oben,
Die auf die Frevler ihren Donner schleudern,
Sie brannten manchmal von verbotner Glut.

Phädra.
Was hör’ ich? Welchen Rat darfst du mir geben?
So willst du mich denn ganz im Grund vergiften,
Unsel’ge! Sieh, so hast du mich verderbt!
Dem Leben, das ich floh, gabst du mich wieder;
Dein Flehen ließ mich meine Pflicht vergessen:
Ich floh Hippolyt; du triebst mich, ihn zu sehn.
Wer trug dir auf, die Unschuld seines Lebens
Mit schändlicher Beschuldigung zu schwärzen?
Sie wird vielleicht sein Tod, und in Erfüllung
Geht seines Vaters mörderischer Fluch.
– Ich will dich nicht mehr hören. Fahre hin,
Fluchwürdige Verführerin! Mich selbst
Lass sorgen für mein jammervolles Los!
Mög’ dir’s der Himmel lohnen nach Verdienst,
Und deine Strafe ein Entsetzen sein
Für alle, die mit schändlicher Geschäftigkeit,
Wie du, den Schwächen ihrer Fürsten dienen,
Uns noch hinstoßen, wo das Herz schon treibt,
Und uns den Weg des Frevels eben machen!
Verworfne Schmeichler, die der Himmel uns
In seinem Zorn zu Freunden hat gegeben!

(Sie geht ab.)

Oenone (allein).
Geopfert hab’ ich alles, alles hab’ ich
Getan, um ihr zu dienen! Große Götter!
Das ist mein Lohn! Mir wird, was ich verdiene.

Ü   Þ

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