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Erster Aufzug

Erster Auftritt

Hippolyt. Theramen.

Hippolyt.
Beschlossen ist’s, ich gehe, Theramen,
Ich scheide von dem lieblichen Trözene;
Nicht länger trag’ ich’s müßig hier zu weilen,
In diesen Zweifeln, die mich ängstigen.
Sechs Monde weilt mein Vater schon entfernt;
Nichts will von seinem teuren Haupt verlauten,
Nichts von dem Orte selbst, der ihn verbirgt.

Theramen.
Wohin, o Herr, willst du ihn suchen gehen?
Dich zu beruhigen, durchkreuzt’ ich schon
Die beiden Meere, die der Isthmus trennt,
Nach Theseus fragt’ ich an den Ufern, wo
Der Acheron im Totenreiche schwindet;
Elis hab’ ich durchsucht, den Tänarus
Ließ ich im Rücken, ja ans Meer sogar
Bin ich gedrungen, welchem Ikarus
Den Namen gab. – Was hoffst du ferner noch?
In welchen glücklicheren Himmelsstrichen
Gedenkst du seine Spuren aufzufinden?
Ja, wissen wir, ob uns der König nicht
Vorsätzlich seinen Aufenthalt verbirgt,
Und, während dass wir für sein Leben zittern,
Sich still vergnügt in neuen Liebesbanden?

Hippolyt.
Halt, Freund, und sprich mit Ehrfurcht von dem König!
Unwürd’ge Ursach’ hält ihn nicht zurück;
Entsagt hat er dem wilden Recht der Jugend;
Phädra hat seinen flücht’gen Sinn gefesselt,
Und fürchtet keine Nebenbuhl’rin mehr.
Genug, ich such’ ihn, folge meiner Pflicht,
Und fliehe diesen Ort, der mich beängstigt.

Theramen.
Wie, Herr, seit wann denn fürchtest du Gefahr
In diesem stillen Land, das deiner Kindheit
So teuer war, wohin du dich so gern
Geflüchtet aus dem rauschenden Athen?
Was kann dich hier bedrohen oder kränken?

Hippolyt.
Freund, jene sel’gen Tage sind dahin;
Ein ganz verändert Ansehn hat jetzt alles,
Seitdem die Götter uns des Minos Tochter
Und der Pasiphaë hieher gesandt.

Theramen.
Herr, ich versteh’, ich fühle, was dich drückt.
Dein Kummer ist es, Phädra hier zu sehen –
Stiefmütterlich gesinnt, sah sie dich kaum,
Gleich übte sie verderblich ihre Macht;
Dich zu verbannen war ihr erstes Werk.
Doch dieser Hass, den sie dir sonst geschworen,
Ist sehr geschwächt, wenn er nicht ganz verschwand.
Und welches Unheil kann ein Weib dir bringen,
Das stirbt und das entschlossen ist zu sterben?
Die Unglückselige wird einem Schmerz
Zum Raub, den sie mit Eigensinn verbirgt;
Sie ist der Sonne müd’ und ihres Lebens;
Wie kann sie gegen dich Verderben spinnen?

Hippolyt.
Nicht ihr ohnmächt’ger Hass ist’s, was ich fürchte,
Ganz eine andre Feindin will ich fliehn;
Es ist Aricia, ich will’s gestehn,
Die letzte jenes unglücksel’gen Stamms,
Der gegen uns feindselig sich verschworen.

Theramen.
Auch du verfolgst sie, Herr? Die holde Schwester
Der wilden Pallantiden, hat sie je
Der Brüder schwarze Meuterei geteilt?
Und könntest du die schöne Unschuld hassen?

Hippolyt.
Wenn ich sie hasste, würd’ ich sie nicht fliehn.

Theramen.
Herr, wag’ ich’s, deine Flucht mir zu erklären?
Wärst du vielleicht der strenge Hippolyt
Nicht mehr, der stolze Feind der schönen Liebe,
Der mutige Verächter eines Jochs,
Dem Theseus sich so oft, so gern gebeugt?
So lang von dir verachet, hätte Venus
Des Vaters Ehre nun an dir gerächet?
Sie hätt’ in eine Reihe sich gestellt
Mit andern, dich gezwungen ihr zu opfern?
– Du liebtest, Herr?

Hippolyt.
Freund, welche Rede wagst du?
Du, der mein Innres kennt, seitdem ich atme,
Verlangst, dass ich den edlen Stolz verleugne,
Den dieses freie Herz von je bekannt?
Nicht an der Brust der Amazone nur,
Dich mich geboren, schöpft’ ich diesen Stolz.
Ich selbst, sobald ich meiner mir bewusst,
Bestärkte mich in diesem edeln Triebe.
Du wart der Freund, der Führer meiner Jugend;
Oft sprachst du mir von meines Vaters Taten;
Du weißt, wie ich dir lauschte, wie mein herz
Bei seinen edlen Waffentaten schlug –
Wenn du den kühnen Helden mir beschriebst,
Wie er der Welt den Herkules ersetzte,
Mit Ungeheuern kämpfte, Räuber strafte,
Wie er den Sinnis, den Prokurstes schlug,
Dem Periphetes seine Keul’ entrang,
Den Kerkyon besiegte, mit dem Blut
Des Minotaurus Kreta’s Boden färbte.
Doch wenn du auf das minder Rühmliche
Zu reden kamst, die leichten Liebeschwüre,
Die oft gelobte und gebrochne Treu –
Wenn du die spart’sche Helena mir nanntest,
Den Ihrigen entrissen – Periböa
In ihrem Schmerz zu Salamin verlassen –
Und alle die Betrognen ohne Zahl,
Die seinen schwüren allzu leicht geglaubt,
Bis auf den Namen selbst von ihm vergessen –
Ariadne, die dem tauben Felsenufer
Sein Unrecht klagt, und Phädra, ihre Schwester,
Wie sie, geraubt, doch glücklicher als sie –
Du weißt, wie peinlich mir bei der Erzählung
Zu Mute war, wie gern ich sie verkürzte!
Wie hätt’ ich nicht gewünscht, so schönem Leben
Die minder würd’ge Hälfte zu ersparen!
Und sollte selbst mich jetzt gebunden sehn,
So tief herunter ließ ein Gott mich sinken!
Mich, den noch kein erlegter Feind verherrlicht,
Der sich durch keine Heldentugend noch
Das Recht erkaufte, schwach zu sein, wie Theseus!
Und sollte dieses stolze Herz empfinden,
Musst’ es Aricia sein, die mich besiegte?
Vergaß ich ganz in meinem trunknen Wahn
Das Hindernis, das uns auf ewig trennt?
Verwirft sie nicht mein Vater? Wehrt mir nicht
Ein streng Gesetz, das feindlich denkende
Geschlecht der Pallantiden fortzupflanzen?
Auf ewig soll’s mit ihr vernichtet sein,
In Aufsicht soll sie bleiben bis zum Grab,
Und nie soll ihr die Fackel Hymens lodern!
Und böt’ ich meinem Vater solchen Trotz,
Mit ihrer Hand ihr Recht mir anzufreien?
Zu solcher Raserei riss mich die Jugend –

Theramen (ihm ins Wort fallend).
Ach Herr, wenn deine Stunde kam, so fragt
Kein Gott nach unsern Gründen! Theseus selbst
Schärft deinen Blick, da er ihn schließen will;
Das Herz empört sich gegen Zwang, und selbst
Sein Hass gießt neuen Reiz um die Geliebte.
Warum auch schreckt dich eine keusche Liebe,
Und wenn sie glücklich macht, missgönnst du dir’s?
Besiege doch die scheue Furcht! Kann man
Sich auf der Bahn des Herkules verirren?
Wie stolze Herzen hat nicht Venus schon
Bezähmt! Du selbst, der ihre Macht bestreitet,
Wo wärst du, hätt’ Antiope dem Trieb
Der Göttin immer siegend widerstanden,
Der Liebe keusche Flamme nie gefühlt!
Doch, Herr, wozu mit großen Worten prunken?
Gesteh’s, du bist der Vorige nicht mehr!
Schon lang sieht man dich seltener als sonst
Stolz und unbändig deinen Wagen lenken,
Und, in der edeln Kunst Neptuns geübt,
Das wilde Jagdross an den Zaum gewöhnen.
Viel seltener erklinget Forst und Wald
Von unserm Jagdruf – ein verborgner Gram
Senkt deiner Blicke feur’ge Kraft zur Erde.
Ja, ja, du leibst, du glühst von Liebe, dich
Verzehrt ein Feuer, Herr, das du verheimlichst.
Gesteh’s, du liebst Aricien!

Hippolyt.
Ich reise
Und suche meinen Vater, Theramen!

Theramen.
Herr, siehst du Phädra nicht, bevor du gehst?

Hippolyt.
Das ist mein Vorsatz. Bring’ ihr diese Nachricht!
Gehen wir zu ihr, weil es die Pflicht so will.
– Doch sieht, was für ein neues Missgeschick
Bekümmert ihre zärtliche Oenone?


Zweiter Auftritt

Hippolyt. Theramen. Oenone.

Oenone.
Ach, welcher Jammer ist dem meinen gleich!
Herr, meine Königin ist dem Tode nah!
Vergebens lass’ ich sie so Nacht als Tag
Nicht aus den Augen – sie stirbt mir in den Armen
An einem Übel, das sie mir verhehlt.
In ewiger Zerrüttung ist ihr Geist;
Die Unruh’ treibt sie auf von ihrem Lager,
Sie will ins Freie, will die Sonne schauen,
Doch keinem Zeugen will ihr Schmerz begegnen.
– Sie kommt!

Hippolyt.
Ich geh’, ich lass’ ihr freien Raum,
Und spar’ einen Anblick, den sie hasst.

(Hippolyt und Theramen gehen ab.)


Dritter Auftritt

Phädra. Oenone.

Phädra.
Gehen wir nicht weiter, ruhn wir hier, Oenone!
Ich halte mich nicht mehr, die Kräfte schwinden,
Mich schmerzt des Tages ungewohnter Glanz,
Und meine Knie zittern unter mir.
Ach!

(Sie setzt sich.)

Oenone.
Große Götter, schaut auf unsre Tränen!

Phädra.
Wie diese schweren Hüllen auf mir lasten,
Der eitle Prunk! Welch ungebetne Hand
Hat diese Zöpfe künstlich mir geflochten,
Mit undankbarer Mühe mir das Haar
Um meine Stirn geordnet? Muss sich alles
Verschwören, mich zu kränken, mich zu quälen?

Oenone.
So ist sie ewig mit sich selbst im Streit!
– Du selbst, o Königin, besinn’ dich doch,
Dein trauriges Beginnen widerrufend,
Hast unsern Fleiß ermuntert, dich zu schmücken.
Du fühltest dir noch Kräfte, dich hervor
Zu wagen und der Sonne Licht zu sehn.
Du siehst es jetzt und hassest seinen Strahl!

Phädra.
Glanzvoller Stifter meines traurigen Geschlechts!
Du, dessen Enkeltochter ich mich rühme!
Der über meine schmähliche Verwirrung
Vielleicht errötet –hoher Sonnengott!
Zum letzten Male seh’ ich deine Strahlen.

Oenone.
Weh mir, noch immer nährst du, Königin,
Den traur’gen Vorsatz und entsagst dem Leben?

Phädra (schwärmerisch).
O säß’ ich draußen in der Wälder Grün! –
Wann wird mein Aug’ auf der bestäubten Bahn
Des raschen Wagens flücht’gen Lauf verfolgen?

Oenone.
Wie, Königin? Was ist das?

Phädra.
Ach, ich bin
Von Sinnen – Was hab’ ich gesagt? – Oenone –
Ich weiß nicht, was ich wünsche, was ich sage;
Ein Gott hat die Besinnung mir geraubt –
Fühl’ her, wie meine Wange glüht, Oenone!
Zu sehr verriet ich meine Schwäche dir,
Und wider Willen stürzen mir die Tränen.

Oenone.
Musst du erröten, über dieses Schweigen
Erröte, diesen strafbar’n Widerstand,
Der nur die Stacheln deiner Schmerzen schärft.
Willst du, von unserm Flehen ungerührt,
Hartnäckig alle Hilfe von dir stoßen,
Und rettungslos dein Leben schwinden sehn?
Was für ein Wahnsinn setzt ihm vor der Zeit
Ein frühes Ziel? Was für ein Zauber, welch
Ein heimlich Gift macht seine Quellen stocken?
Dreimal umzog den Himmel schon die Nacht,
Seitdem kein Schlummer auf dein Auge sank,
Und dreimal wich die Finsternis dem Tag,
Seitdem dein Körper ohne Nahrung schmachtet.
Welch grässlichem Entschlusse gibst du Raum?
Darfst du mit Frevelmut dich selbst zerstören?
Das heißt den Göttern trotzen, ist Verrat
Am Gatten, dem du Treue schwurst, Verrat
An deinen Kindern, den unschuld’gen Seelen,
Die du zu hartem Sklavenjoch verdammst.
Der Tag, der ihre Mutter ihnen raubt,
Bedenk’ es, Königin, er gibt dem Sohn
Der Amazone seine Hoffnung wieder,
Dem stolzen Feinde deines Blutes, ihm,
Dem Fremdling, diesem Hippolyt –

Phädra.
Ihr Götter!

Oenone.
Ergreift die Wahrheit dieses Vorwurfs dich?

Phädra.
Unglückliche! Wen hast du jetzt genannt?

Oenone.
Mit Recht empört sich dein Gemüt, mich freut’s,
Dass dieser Unglücksname dich entrüstet!
Drum lebe! Lass die Liebe, lass die Pflicht
Es dir gebieten! Lebe! Dulde nicht,
Dass dieser Scythe das verhasste Joch
Auf deine Kinder lege! Der Barbar
Dem schönsten Blute Griechenlands gebiete!
Jetzt aber eile – jeder Augenblick,
Den du versäumst, bringt näher dich dem Tode –
Verschieb’s nicht länger, die erliegende
Natur zu stärken, weil die Lebensflamme
Noch brennt, und noch aufs neu sich lässt entzünden.

Phädra.
Schon allzu lang nährt’ ich ein schuldvoll Dasein.

Oenone.
So klagt dein Herz geheimer Schuld dich an?
Ist’s ein Verbrechen, das dich so beängstigt?
Du hast doch nicht unschuldig Blut verspritzt?

Phädra.
Die Hand ist rein. Wär’ es mein Herz, wie sie!

Oenone.
Und welches Ungeheure sann dein Herz
Sich aus, das solchen Schauder dir erregt?

Phädra.
Genug sagt’ ich. Verschone mich! Ich sterbe,
Um das Unselige nicht zu gestehn!

Oenone.
So stirb! Beharr’ auf deinem trotz’gen Schweigen!
Doch dir das Aug’ im Tode zu verschließen,
Such’ eine andre Hand! Obgleich dein Leben
Auf deiner Lippe schon entfliehend schwebt,
Dräng’ ich mich doch im Tode dir voran,
Es führen tausend Steige dort hinab;
Mein Jammer wählt den kürzesten sich aus.
Grausame, wann betrog ich deine Treu’?
Vergaßest du, wer deine Kindheit pflegte?
Um deinetwillen Freunde, Vaterland
Und Kind verließ? So lohnst du meiner Liebe?

Phädra.
Was hoffst du durch dein Flehn mir abzustürmen?
Entsetzen wirst du dich, brech’ ich mein Schweigen.

Oenone.
Was kannst du mir Entsetzlicheres nennen,
Als dich vor meinen Augen sterben sehn!

Phädra.
Weißt du mein Unglück, weißt du meine Schuld,
Nicht minder sterb’ ich drum – nur schuld’ger sterb’ ich.

Oenone (vor ihr niederfallend).
Bei allen Tränen, die ich um dich weinte,
Bei deinem zitternden Knie, das ich umfasse,
Mach’ meinem Zweifel, meiner Angst ein Ende,

Phädra.
Du willst es so. Steh’ auf.

Oenone.
O sprich, ich höre.

Phädra.
Gott! Was will ich ihr sagen! Und wie will ich’s?

Oenone.
Mit deinen Zweifeln kränkst du mich. Vollende!

Phädra.
O schwerer Zorn der Venus! Strenge Rache!
Zu welchem Wahnsinn triebst du meine Mutter!

Oenone.
Sprich nicht davon! Ein ewiges Vergessen
Bedecke das unselige Vergehn!

Phädra.
O Ariadne, Schwester, welch Geschick
Hat Liebe dir am öden Strand bereitet!

Oenone.
Was ist dir? Welcher Wahnsinn treibt dich an,
In allen Wunden deines Stamms zu wühlen?

Phädra.
So will es Venus! Von den Meinen allen
Soll ich, die Letzte, soll am tiefsten fallen!

Oenone.
Du liebst?

Phädra.
Der ganze Wahnsinn ras’t in mir.

Oenone.
Wen liebst du?

Phädra.
Sei auf Grässliches gefasst.
Ich liebe – das Herz erzittert mir, mir schaudert,
Es heraus zu sagen – Ich liebe –

Oenone.
Wen?

Phädra.
– Du kennst ihn,
Den Jüngling, ihn, den ich so lang verfolgte,
Den Sohn der Amazone –

Oenone.
Hippolyt?
Gerechte Götter!

Phädra.
Du nanntest ihn, nicht ich.

Oenone.
Gott! All mein Blut erstarrt in meinen Adern.
O Jammer! O verbrechenvolles Haus
Des Minos! Unglückseliges Geschlecht!
O dreimal unglücksel’ge Fahrt! Dass wir
An diesem Unglücksufer mussten landen!

Phädra.
Schon früher fing mein Unglück an. Kaum war
Dem Sohn des Aegeus mein Treu’ verpfändet,
Mein Friede schien so sicher mir gegründet,
Mein Glück mir so gewiss, da zeigte mir
Zuerst Athenä meinen stolzen Feind.
Ich sah ihn, ich errötete, verblasste
Bei seinem Anblick, meinen Geist ergriff
Unendliche Verwirrung, finster ward’s
Vor meinen Augen, mir versagte die Stimme,
Ich fühlte mich durchschauert und durchflammt,
Der Venus furchtbare Gewalt erkannt’ ich,
Und alle Qualen, die sie zürnend sendet.
Durch fromme Opfer hofft ich sie zu wenden,
Ich baut’ ihr einen Tempel, schmückt ihn reich,
Ich ließ der Göttin Hekatomben fallen,
Im Blut der Tiere sucht’ ich die Vernunft,
Die mir ein Gott geraubt – Ohnmächtige
Schutzwehren gegen Venus Macht! Umsonst
Verbrannt’ ich köstlich Rauchwerk auf Altären;
In meinem Herzen herrschte Hippolyt,
Wenn meine Lippe zu der Göttin flehte.
Ihn sah ich überall und ihn allein,
Am Fuße selbst der rauchenden Altäre
War er der Gott, dem ich die Opfer brachte.
Was frommte mir’s, dass ich ihn überall
Vermied – O unglückseliges Verhängnis!
In des Vaters Zügen fand ich ihn ja wieder.
Mit Ernst bekämpft’ ich endlich mein Gefühl;
Ich tat Gewalt mir an, ihn zu verfolgen.
Stiefmütterliche Launen gab ich mir,
Den allzu teuren Feind von mir zu bannen.
Ich ruhte nicht, bis er verwiesen ward,
In den Vater stürmt’ ich ein mit ew’gem Dringen,
Bis ich den Sohn aus seinem Arm gerissen –
Ich atmete nun wieder frei, Oenone,
In Unschuld flossen meine stillen Tage,
Verschlossen blieb in tiefer Brust mein Gram,
Und unterwürfig meiner Gattinpflicht
Pflegt’ ich die Pfänder unsrer Unglücksehe!
Verlorne Müh’! O Tücke des Geschicks!
Mein Gatte bringt ihn selbst mir nach Trözene;
Ich muss ihn wieder sehn, den ich verbannt,
Und neu entbrennt die nie erstickte Glut.
Kein heimlich schleichend Feuer ist es mehr,
Mit voller Wut treibt mich der Venus Zorn.
Ich schaudre selbst vor meiner Schuld zurück,
Mein Leben hass’ ich und verdamme mich,
Ich wollte schweigend zu den Toten gehen,
Im tiefen Grabe meine Schuld verhehlen –
Dein Flehn bezwang mich, ich gestand dir alles,
Und nicht bereuen will ich, dass ich’s tat,
Wenn du fortan mit ungerechtem Tadel
Die Sterbende verschonst, mit eitler Müh’
Mich nicht dem Leben wiedergeben willst.


Vierter Auftritt

Phädra. Oenone. Panope.

Panope.
Gern, Königin, erspart’ ich dir den Schmerz,
Doch nötig ist’s, dass du das Ärgste wissest.
Den Gatten raubte dir der Tod. Dies Unglück
Ist kein Geheimnis mehr, als dir allein.

Oenone.
Panope, was sagst du?

Panope.
Die Königin
Erfleht des Gatten Wiederkehr vergebens.
Ein Schiff, das eben einlief, überbringt
Dem Hippolyt die Kunde seines Todes.

Phädra.
O Himmel!

Panope.
Die neue Königswahl teilt schon Athen;
Der eine stimmt für deinen Sohn, ein andrer
Wagt es, den Landesordnungen zum Hohn,
Sich für den Sohn der Fremden zu erklären.
Aricia selbst, der Pallanditen Blut,
Hat einen Anhang – dies wollt’ ich dir melden.
Schon rüstet Hippolyt sich, abzureisen,
Und alles fürchtet, wenn er plötzlich sich
In dieser Gärung zeigt, er möchte leicht
Die wankelmüt’gen Herzen an sich reißen.

Oenone.
Genug, Panope! Die Königin hat es
Gehört, und wird die große Botschaft nutzen.

(Panope geht ab.)


Fünfter Auftritt

Phädra. Oenone.

Oenone.
Gebieterin, ich drang nicht mehr in dich,
Zu leben – selbst entschlossen, dir zu folgen,
Bestritt ich deinen tödlichen Entschluss
Nicht länger – Dieser neue Schlag des Unglücks
Gebietet anders und verändert alles.
– der König ist tot, an seinen Platz trittst du.
Dem Sohn, den er dir lässt, bist du dich schuldig.
Dein Sohn ist König oder Sklav, wie du
Lebst oder stirbst. Verliert er auch noch dich,
Wer soll den ganz Verlassenen beschützen?
Drum lebe! – Aller Schutz bist du jetzt ledig!
Gemeine Schwäche nur ist’s, was du fühlst.
Zerrissen sind mit Theseus’ Tod die Bande,
Die deine Liebe zum Verbrechen machten.
Nicht mehr so furchtbar ist dir Hippolyt,
Du kannst fortan ihn ohne Vorwurf sehn.
Er glaubt sich jetzt von dir gehasst, und stellt
Vielleicht sich an die Spitze der Empörer.
Reiß ihn aus seinem Wahn, such’ ihn zu rühren!
Sein Erbteil ist das glückliche Trözen;
Hier ist er König; deinem Sohn gehören
Die stolzen Mauern der Minervenstadt.
Euch beiden droht derselbe Feind Gefahr;
Verbindet euch, Aricia zu bekämpfen!

Phädra.
Wohlan, ich gebe deinen Gründen nach;
Wenn Leben möglich ist, so will ich leben,
Wenn Liebe zu dem Hilfe beraubten Sohn
Mir die verlorne Kraft kann wieder geben.

Ü   Þ

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