Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Schiller, Friedrich

         Der Parasit
            Personen
            Erster Aufzug
            Zweiter Aufzug
            Dritter Aufzug
            Vierter Aufzug
            Fünfter Aufzug

Dritter Aufzug

Erster Auftritt

La Roche und Karl Firmin begegnen einander.

La Roche.
Ich suchte Sie schon längst. – Hören Sie! – Nun, ich habe Wort gehalten – ich habe ihn dem Minister abgeschildert, diesen Selicour.

Karl.
Wirklich? Und es ist also vorbei mit ihm? Ganz vorbei?

La Roche.
Das nun eben nicht! – Noch nicht ganz – denn ich muss Ihnen sagen, er hat sich herausgelogen, dass ich da stand, wie ein rechter Dummkopf – Der Heuchler stellte sich gerührt; er spielte den zärtlichen Freund, den Großmütigen mit mir, er überhäufte mich mit Freundschaftsversicherungen, und will mich bei dem Büro als Chef anstellen.

Karl.
Wie? Was? Das ist ja ganz vortrefflich! Da wünsche ich Glück.

La Roche.
Für einen Glücksjäger hielt ich ihn; ich hatte geglaubt, dass es ihm nur um Stellen und um Geld zu tun wäre; für so falsch und verräterisch hätte ich ihn nie gehalten. Der Heuchler mit seinem süßen Geschwätz! Ich war aber sein Narr nicht und hab’ es rundweg ausgeschlagen!

Karl.
Und so sind wir noch, wo wir waren? Und mein Vater ist nicht besser daran, als vorher?

La Roche.
Wohl wahr – aber lassen Sie mich nur machen! Lassen Sie mich machen!

Karl.
Ich bin auch nicht weiter. In den Garten hab’ ich mich geschlichen, ob ich dort vielleicht meiner Geliebten begegnen möchte. – Aber vergebens! Einige Strophen, die ich mir in der Einsamkeit ausdachte, sind die ganze Ausbeute, die ich zurückbringe.

La Roche.
Vortrefflich! Brav! Machen Sie Verse an Ihre Geliebte! Unterdessen will ich die Spur meines Wildes verfolgen. Der Schelm betrügt sich sehr, wenn er glaubt, ich habe meinen Plan aufgegeben!

Karl.
Lieber La Roche! Das ist unter unserer Würde. Lassen wir diesen Elenden sein schmutziges Handwerk treiben, und das durch unser Verdienst erzwingen, was er durch Niederträchtigkeit erschleicht.

La Roche.
Weg mit diesem Stolz! Es ist Schwachheit, es ist Vorurteil! – Wie? Wollen wir warten, bis die Redlichkeit die Welt regiert – da würden wir lange warten müssen. Alles schmiedet Ränke! Wohl, so wollen wir einmal für die gute Sache ein Gleiches versuchen. – Das geht übrigens Sei nichts an. – Machen Sie Ihre Verse, bilden Sie Ihr Talent aus; ich will es geltend machen, ich – das ist meine Sache!

Karl.
Ja, aber die Klugheit nicht vergessen. – Sie haben sich heute übel ertappen lassen.

La Roche.
Und es wird nicht das letzte Mal sein. – Aber tut nichts! Ich schreite vorwärts, ich lasse mich nicht abschrecken; ich werde ihm so lange und so oft zusetzen, dass ich ihm endlich doch eins beibringe. Ich bin lange sein Narr gewesen; jetzt will ich auch ihm einen Possen spielen. Lassen wir’s den Buben so forttreiben, wie er’s angefangen, so werde ich bald der Schelm und Ihr Vater der Dummkopf sein müssen!

Karl.
Man kommt!

La Roche.
Er ist es selbst!

Karl.
Ich kann seinen Anblick nicht ertragen. In den Garten will ich zurückgehen und mein Gedicht vollenden.

(Ab.)

La Roche.
Ich will auch fort! Auf der Stelle will ich Hand ans Werk legen. Doch nein – es ist besser, ich bleibe. Der Geck glaubte sonst, ich fürchte mich vor ihm!


Zweiter Auftritt

Selicour und La Roche.

Selicour.
Ach, sieh da! Finde ich den Herrn La Roche hier?

La Roche.
Ihn selbst, Herr Selicour!

Selicour.
Sehr beschämt, wie ich sehe.

La Roche.
Nicht sonderlich.

Selicour.
Ihr wütender Ausfall gegen mich hat nichts gefruchtet – Der Freund hat seine Bolzen umsonst verschossen.

La Roche.
Hat nichts zu sagen.

Selicour.
Wahrlich, Freund La Roche! So hart Sie mir auch zusetzten – Sie haben mir leid getan mit Ihren närrischen Grillen.

La Roche.
Herr Narbonne ist jetzt nicht zugegen. – Zwingt euch nicht!

Selicour.
Was beliebt?

La Roche.
Seid unverschämt nach Herzensgelüsten.

Selicour.
Sieh doch!

La Roche.
Brüstet euch mit eurem Triumph. Ihr habt mir’s abgewonnen!

Selicour.
Freilich, es kann einen stolz machen, über einen so fürchterlichen Gegner gesiegt zu haben.

La Roche.
Wenn ich’s heute nicht recht machte, in eurer Schule will ich’s bald besser lernen.

Selicour.
Wie, Herr La Roche? Sie haben es noch nicht aufgegeben, mir zu schaden?

La Roche.
Um eines unglücklichen Zugs willen verlässt man das Spiel nicht!

Selicour.
Ein treuer Schildknappe also des ehrlichen Firmins! – Sieh, sieh!

La Roche.
Er muss dir oft aus der Not helfen, dieser ehrliche Firmin.

Selicour.
Was gibt er dir für deine Ritterschaft?

La Roche.
Was bezahlst du ihm für die Exerzitien, die er dir ausarbeitet?

Selicour.
Nimm dich in Acht, Freund Roche! – Ich könnte dir schlimme Händel anrichten.

La Roche.
Werde nicht böse, Freund Selicour! – Der Zorn verrät ein böses Gewissen.

Selicour.
Freilich sollte ich über deine Torheit nur lachen.

La Roche.
Du verachtest einen Feind, der dir zu schwach scheint. Ich will darauf denken, deine Achtung zu verdienen!

(Geht ab.)


Dritter Auftritt

Selicour allein.

Sie wollen den Firmin zum Gesandten haben. – Gemach, Kamerad! – So weit sind wir noch nicht. – Aber Firmin betrug sich immer so gut gegen mich. – Es ist der Sohn vermutlich – der junge Mensch, der sich mit Versen abgibt, ganz gewiss – und dieser La Roche ist’s, der sie hetzt! – Dieser Firmin hat Verdienste, ich muss es gestehen, und wenn sie je seinen Ehrgeiz aufwecken, so kenne ich keinen der mir gefährlicher wäre. – Das muss verhütet werden! – Aber in welcher Klemme sehe ich mich! – Eben diese beiden Firmins wären mir jetzt gerade höchst nötig, der Vater mit seinen Einsichten und der Sohn mit seinen Versen. – Lass uns fürs erste Nutzen von ihnen ziehen und dann schafft man sie sich schon gelegentlich vom Hals.


Vierter Auftritt

Firmin, der Vater und Selicour.

Selicour.
Sind Sie’s, Herr Firmin? Eben wollte ich zu Ihnen.

Firmin.
Zu mir?

Selicour.
Mich mit Ihnen zu erklären –

Firmin.
Worüber?

Selicour.
Über eine Armseligkeit – Lieber Firmin, es ist mir ein rechter Trost, Sie zu sehen. – Man hat uns veruneinigen wollen!

Firmin.
Uns veruneinigen?

Selicour.
Ganz gewiss. Aber es soll ihnen nicht gelingen, hoff’ ich. Ich bin Ihr wahrer und aufrichtiger Freund, und ich hab’ es heute bewiesen, denk’ ich, da dieser tollköpfige La Roche mich bei dem Minister anschwärzen wollte.

Firmin.
Wie? Hätte der La Roche –

Selicour.
Er hat mich auf das abscheulichste preisgegeben!

Firmin.
Er hat seine Stelle verloren. – Setzen Sie sich an seinen Platz.

Selicour.
Er ist ein Undankbarer! Nach allem, was ich für ihn getan habe – Und es geschehe, sagte er, um Ihnen dadurch einen Dienst zu leisten. – Er diente Ihnen aber schlecht, da er mir zu schaden suchte. – Was will ich denn anders, als Ihr Glück? – Aber ich weiß besser, als dieser Brauskopf, was Ihnen dient. Darum habe ich mir schon ein Plänchen mit Ihnen ausgedacht. – Das lärmende Treiben der Büros ist Ihnen verhasst, das weiß ich; Sie lieben nicht, in der geräuschvollen Stadt zu leben. – Es soll für Sei gesorgt werden, Herr Firmin! – Sie suchen sich irgend ein einsames stilles Plätzchen aus, zeihen einen guten Gehalt, ich schicke Ihnen Arbeit hinaus, Sie mögen gern arbeiten, es soll Ihnen nicht daran fehlen.

Firmin.
Aber wie –

Selicour.
Das sind aber bloß noch Ideen, es hat noch Zeit bis dahin. – Glücklich, der auf der ländlichen Flur seine Tage lebt! Ach, Herr Firmin! So wohl wird es mir nicht! Ich bin in die Stadt gebannt, ein Lasttier der Verhältnisse, den Pfeilen der Bosheit preisgegeben. Auch hielt ich’s für die Pflicht eines guten Verwandten, einen Vetter, der sich hier niederlassen wollte, über Hals und Kopf wieder aufs Land zurück zu schicken. – Der gute Vetter! Ich bezahlte ihm gern die Reisekosten – denn, sagen Sie selbst, ist’s nicht unendlich besser, auf dem Land in der Dunkelheit frei zu leben, als hier in der Stadt sich zu placken und zu quälen? –

Firmin.
Das ist meine Meinung auch. – Aber was wollten Sie eigentlich bei mir?

Selicour.
Nun, wie ich sagte, vor allen Dingen mich von der Freundschaft meines lieben Mitbruders überzeugen – und alsdann – Sie haben mir so oft schon aus der Verlegenheit geholfen; ich verhehle es nicht, ich bin Ihnen so viel – so vieles schuldig – Mein Posten bringt mich um – mir liegt so vieles auf dem Hals – wahrhaftig, es braucht meinen ganzen Kopf, um herum zu kommen. – Sie sind zufrieden mit unserm Minister?

Firmin.
Ich bewundere ihn.

Selicour.
Ja, das nenn’ ich einmal einen fähigen Chef! Und wahrlich, es war auch die höchste Not, dass ein solcher an den Platz kam, wenn nicht alles zu Grunde gehen sollte. – Es ist noch nicht alles, wie es soll, sagte ich ihm heute – wollen Sie, dass alles seinen rechten Gang gehe, so müssten Sie ein Memoire einreichen, worin alles, was noch zu verbessern ist, mit der strengsten Wahrheit angezeigt wäre. – Diese meine Idee hat er mit Eifer ergriffen und will eine solche Schrift unverzüglich aufgesetzt haben. – Er trug sie mir auf – aber die unendlichen Geschäfte, die auf mir liegen – in der Tat, ich zittre, wenn ich an einen Zuwachs denke. –

Firmin.
Und da rechnen Sie denn auf mich – nicht wahr?

Selicour.
Nun ja, ich will’s gestehen!

Firmin.
Sie konnten sich diesmal an keinen Bessern wenden!

Selicour.
O das weiß ich! Das weiß ich!

Firmin.
Denn da ich so lange Zeit von den Missbräuchen unter der vorigen Verwaltung Augenzeuge war – so habe ich, um nicht bloß als müßiger Zuschauer darüber zu seufzen, meine Beschwerden und Verbesserungspläne dem Papier anvertraut – und so findet sich, dass die Arbeit, die man von Ihnen verlangt, von mir wirklich schon getan ist! – Ich hatte mir keinen bestimmten Gebrauch dabei gedacht – ich schrieb bloß nieder, um mein Herz zu erleichtern.

Selicour.
Ist’s möglich? Sie hätten –

Firmin.
Es liegt alles bereit, wenn Sie davon Gebrauch machen wollen.

Selicour.
Ob ich das will! O mit Freuden! – Das ist ja ein ganz erwünschter Zufall!

Firmin.
Aber die Papiere sind nicht in der besten Ordnung!

Selicour.
O diese kleine Mühe übernehm’ ich gern – Noch heute Abend soll der Minister das Memoire haben – Ich nenne Sie als Verfasser; Sie sollen den Ruhm davon haben.

Firmin.
Sie wissen, dass mir’s darauf eben nicht ankommt! Wenn ich nur Gutes stifte, gleichviel, unter welchem Namen.

Selicour.
Würdiger, charmanter Mann! Niemand lässt Ihrem bescheidnen Verdienst mehr Gerechtigkeit widerfahren, als ich. – Sie wollen mir also die Papiere –

Firmin.
Ich kann sie gleich holen, wenn Sie so lange verzeihen wollen.

Selicour.
Ja, gehen Sie! Ich will hier warten.

Firmin.
Da kommt mein Sohn – Er kann Ihnen unterdessen Gesellschaft leisten – Aber sagen Sie ihm nichts davon – hören Sie! Ich bitte mir’s aus!

Selicour.
So! Warum denn nicht?

Firmin.
Aus Ursachen.

Selicour.
Nun, wenn Sie so wollen! – Es wird mir zwar sauer werden, Ihre Gefälligkeit zu verschweigen. – (Wenn Firmin fort ist.) Der arme Schelm! Er fürchtet wohl gar, sein Sohn werde ihn auszanken.


Fünfter Auftritt

Karl. Selicour.

Karl (kommt, in einem Papier lesend, das er beim Anblick Selicours schnell verbirgt).
Schon wieder dieser Selicour – (Will gehen.)

Selicour.
Bleiben Sie doch, mein junger Freund! - Warum fliehen Sie so die Gesellschaft?

Karl.
Verzeihung, Herr Selicour – (Für sich.) Dass ich dem Schwätzer in den Weg laufen musste!

Selicour.
Ich habe mich schon längst darnach gesehnt, Sie zu sehen, mein Bester! – Was machen die Musen? Wie fließen uns die Verse? – Der gute Herr Firmin hat allerlei dagegen, ich weiß, aber er hat Unrecht. – Sie haben ein so entschiedenes Talent! – Wenn die Welt Sie nur erst kennte – aber das wird kommen! Noch heute früh sprach ich von Ihnen –

Karl.
Von mir?

Selicour.
Mit der Mutter unsers Herrn Ministers – und man hat schon ein gutes Vorurteil für Sie, nach der Art, wie ich Ihrer erwähnte.

Karl.
So! Bei welchem Anlass war das?

Selicour.
Sie macht die Kennerin – ich weiß nicht, wie sie dazu kommt – man schmeichelt ihr, ihres Sohnes wegen. – Wie? Wenn Sie ihr auf eine geschickte feine Art den Hof machten – dessentwegen wollte ich Sie eben aufsuchen. – Sie verlangte ein paar Couplets von mir für diesen Abend. – Nun habe ich zwar zu meiner Zeit auch meinen Vers gemacht, wie ein andrer, aber der Witz ist eingerostet in den leidigen Geschäften! Wie wär’s nun, wenn Sie statt meiner die Verschen machten. – Sie vertrauten sie mir an – ich lese sie vor – man ist davon bezaubert – man will von mir wissen – Ich – ich nenne Sie! Ich ergreife diese Gelegenheit, Ihnen eine Lobrede zu halten. – Alles ist voll von Ihrem Ruhm, und nicht lange, so ist der neue Poet fertig, ebenso berühmt durch seinen Witz, als seinen Degen!

Karl.
Sie eröffnen mir eine glänzende Aussicht!

Selicour.
Es steht ganz in Ihrer Gewalt, sie wirklich zu machen!

Karl (für sich).
Er will mich beschwatzen! Es ist lauter Falschheit; ich weiß es recht gut, dass er falsch ist – aber, wie schwach bin ich gegen das Lob! Wider meinen Willen könnte er mich beschwatzen. – (Zu Selicour.) Man verlangt also für diesen Abend –

Selicour.
Eine Kleinigkeit! Ein Nichts! Ein Liedchen – wo sich auf eine ungezwungene Art so ein feiner Zug zum Lob des Ministers anbringen ließe. –

Karl.
Den Lobredner zu machen, ist meine Sache nicht! Die Würde der Dichtkunst soll durch mich nicht so erniedrigt werden. Jedes Lob, auch wenn es noch so verdient ist, ist Schmeichelei, wenn man es an die Großen richtet.

Selicour.
Der ganze Stolz eines echten Musensohns! Nichts von Lobsprüchen also – aber so etwas von Liebe – Zärtlichkeit – Empfindung –

Karl (sieht sein Papier an).
Konnte ich denken, da ich sie niederschrieb, dass ich so bald Gelegenheit haben würde?

Selicour.
Was? Wie? Das sind doch nicht gar Verse –

Karl.
O verzeihen Sie! Eine sehr schwache Arbeit –

Selicour.
Ei was! Mein Gott! Da hätten wir ja gerade, was wir brauchen! – Her damit, geschwind! – Sie sollen bald die Wirkung davon erfahren – Es braucht auch gerade keine Romanze zu sein – diese Kleinigkeiten – diese artigen Spielereien tun oft mehr, als man glaubt – dadurch gewinnt man die Frauen, und die Frauen machen alles. – Geben Sie! Geben Sie! – Wie! Sie stehen an? Nun, wie Sie wollen! Ich wollte Ihnen nützlich sein – Sie bekannt machen – Sie wollen nicht bekannt sein – Behaltne Sie Ihre Verse! Es ist Ihr Vorteil, nicht der meine, den ich dabei beabsichtigte.

Karl.
Wenn nur –

Selicour.
Wenn Sie sich zieren –

Karl.
Ich weiß aber nicht –

Selicour (reißt ihm das Papier aus der Hand).
Sie sind ein Kind! Geben Sie! Ich will Ihnen wider Ihren Willen dienen – Ihr Vater selbst soll Ihrem Talente bald Gerechtigkeit erzeigen. Da kommt er! (Er steckt das Papier in die rechte Tasche.)


Sechster Auftritt

Beide Firmins. Selicour.

Firmin.
Hier, mein Freund! – Aber reinen Mund gehalten! (Gibt ihm das Papier heimlich.)

Selicour.
Ich weiß zu schweigen. (Steckt das Papier in die linke Rocktasche.)

Karl (für sich).
Tat ich Unrecht, sie ihm zu geben – Was kann er aber auch am Ende mit meine Versen machen?

Selicour.
Meine werten Freunde! Sie haben mir eine köstliche Viertelstunde geschenkt – aber man vergisst sich in Ihrem Umgang. – Der Minister wird auf mich warten – ich reiße mich ungern von Ihnen los, denn man gewinnt immer etwas bei so würdigen Personen. (Geht ab, mit beiden Händen an seine Rocktaschen greifend.)


Siebenter Auftritt

Beide Firmins.

Firmin.
Das ist nun der Mann, den du einen Ränkeschmied und Kabalenmacher nennst – und kein Mensch nimmt hier mehr Anteil an mir, als er!

Karl.
Sie mögen mich nun für einen Träumer halten – aber je mehr er Ihnen schön tut, desto weniger trau’ ich ihm – Dieser süße Ton, den er bei Ihnen annimmt – Entweder er braucht Sie, oder er will Sie zu Grunde richten.

Firmin.
Pfui über das Misstrauen! – Nein, mein Sohn. Und wenn ich auch das Opfer der Bosheit werden sollte – so will ich doch so spät als möglich das Schlechte von andern glauben.


Achter Auftritt

Vorige. La Roche.

La Roche.
Sind Sie da, Herr Firmin! – Es macht mir herzliche Freude – der Minister will Sie besuchen.

Karl.
Meinen Vater? –

Firmin.
Mich?

La Roche.
Ja, Sie! – Ich hab’ es wohl bemerkt, wie ich ein Wort von Ihnen fallen ließ, dass Sie schon seine Aufmerksamkeit erregt hatten. – Diesem Selicour ist auch gar nicht wohl dabei zu Mute – So ist mein heutiger Schritt doch zu etwas gut gewesen.

Karl.
O so sehen Sie sich doch wider Ihren eigenen Willen ans Licht hervorgezogen! – Welche glückliche Begebenheit!

Firmin.
Ja, ja! Du siehst mich in deinen Gedanken schon als Ambassadeur und Minister – Herr von Narbonne wird mir einen kleinen Auftrag zu geben haben, das wird alles sein!

La Roche.
Nein, nein, sag’ ich Ihnen – er will Ihre nähere Bekanntschaft machen – Und das ist’s nicht allein! Nein, nein! Die Augen sind ihm endlich aufgegangen! Dieser Selicour, ich weiß es, ist seinem Falle nahe! Noch heute – es ist schändlich und abscheulich – doch ich sage nichts – der Minister ließ in Ihrem Hause nach Ihnen fragen; man sagte ihm, Sie seien auf dem Büro – Ganz gewiss sucht er Sie hier auf! Sagt’ ich’s nicht? Sieh, da ist er schon! (Er tritt nach dem Hintergrunde zurück.)


Neunter Auftritt

Narbonne zu den Vorigen.

Narbonne.
Ich habe Arbeiten von Ihnen gesehen, Herr Firmin, die mir eine hohe Idee von Ihren Einsichten geben, und von allen Seiten hör’ ich Ihre Rechtschaffenheit, Ihre Bescheidenheit rühmen. Männer Ihrer Art brauche ich höchst nötig – ich komme deswegen mir Ihren Beistand, Ihren Rat, Ihre Mitwirkung in dem schweren Amt auszubitten, das mir anvertraut ist. – Wollen Sie mir Ihre Freundschaft schenken, Herr Firmin?

Firmin.
So viel Zutrauen beschämt mich und macht mich stolz. – Mit Freude und Dankbarkeit nehme ich dieses gütige Anerbieten an – aber ich fürchte, man hat Ihnen eine zu hohe Meinung von mir gegeben.

Karl.
Man hat Ihnen nicht mehr gesagt, als wahr ist, Herr von Narbonne! – Ich bitte Sie, meinem Vater in diesem Punkte nicht zu glauben.

Firmin.
Mache nicht zu viel Rühmens, mein Sohn, von einem ganz gemeinen Verdienst.

Narbonne.
Das ist also Ihr Sohn, Herr Firmin?

Firmin.
Ja.

Narbonne.
Der Karl Firmin, dessen meine Mutter und Tochter noch heute Morgen gedacht haben?

Karl.
Ihre Mutter und die liebenswürdige Charlotte haben sich noch an Karl Firmin erinnert?

Narbonne.
Sie haben mir sehr viel Schmeichelhaftes von Ihnen gesagt.

Karl.
Möchte ich so viel Güte verdienen!

Narbonne.
Es soll mich freuen, mit Ihnen, braver junger Mann, und mit Ihrem würdigen Vater mich näher zu verbinden. – Herr Firmin! Wenn es meine Pflicht ist, Sie aufzusuchen, so ist es die Ihre nicht weniger, sich finden zu lassen. Mag sich der Unfähige einer schimpflichen Trägheit ergeben! – Der Mann von Talent, der sein Vaterland liebt, sucht selbst das Auge seines Chefs, und bewirbt sich um die Stelle, die er zu verdienen sich bewusst ist. – Der Dummkopf und der Nichtswürdige sind immer bei der Hand, um sich mit ihrem anmaßlichen Verdienste zu brüsten. – Wie soll man das wahre Verdienst unterscheiden, wenn es sich mit seinen verächtlichen Nebenbuhlern nicht einmal in die Schranken stellt? – Bedenken Sie, Herr Firmin, dass man für das Gute, welches man nicht tut, so wie für das Böse, welches man zulässt, verantwortlich ist.

Karl.
Hören Sie’s nun, mein Vater?

Firmin.
Geben Sie mir Gelegenheit, meinem Vaterland zu dienen, ich werde sie mit Freuden ergreifen!

Narbonne.
Und mehr verlang’ ich nicht – Damit wir besser miteinander bekannt werden, so speisen Sie beide diesen Abend bei mir. Sie finden eine angenehme Gesellschaft – ein paar gute Freunde, einige Verwandte – Aller Zwang wird entfernt sein, und meine Mutter, die durch meinen neuen Stand nicht stolzer geworden ist, wird Sie aufs freundlichste empfangen, das versprech’ ich Ihnen.

Firmin.
Wir nehmen Ihre gütige Einladung an.

Karl (für sich).
Ich werde Charlotten sehn!

La Roche (bei Seite).
Die Sachen sind auf gutem Weg – der Augenblick ist günstig – frisch, noch einen Ausfall auf diesen Selicour! (Kommt vorwärts). So lassen Sie endlich dem Verdienst Gerechtigkeit widerfahren, gut! Nun ist noch übrig, auch das Laster zu entlarven – Glücklicherweise find ich Sei hier, und kann da fortfahren, wo ich es diesen Morgen gelassen – Dieser Selicour brachte mich heute zum Stillschweigen – ich machte es ungeschickt, ich gesteh’ es, dass ich so mit der Tür ins Haus fiel; aber wahr bleibt wahr! Ich habe doch recht! Sie verlangten Tatsachen – Ich bin damit versehen.

Narbonne.
Was? Wie?

La Roche.
Dieser Mensch, der sich das Ansehen gibt, als ob er seiner Mutter und seiner ganzen Familie zur Stütze diente, er hat einen armen Teufel von Vetter schön empfangen, der heute in seiner Einfalt, in gutem Vertrauen zu ihm in die Stadt kam, um eine kleine Versorgung durch ihn zu erhalten. Fortgejagt wie einen Taugenichts hat ihn der Heuchler! So geht er mit seinen Verwandten um – und wie schlecht sein Herz ist, davon kann seine Not leidende Mutter –

Firmin.
Sie tun ihm sehr Unrecht, lieber La Roche! Eben dieser Vetter, den er soll fortgejagt haben, kehrt mit seinen Wohltaten überhäuft und von falschen Hoffnungen geheilt in sein Dorf zurück!

Narbonne.
Eben mit diesem Vetter hat er sich recht gut betragen.

La Roche.
Wie? Was?

Narbonne.
Meine Mutter war ja bei dem Gespräch zugegen.

Firmin.
Lieber La Roche! Folgen Sie doch nicht so der Eingebung einer blinden Rache.

La Roche.
Schön, Herr Firmin! Reden Sie ihm noch das Wort!

Firmin.
Er ist abwesend, es ist meine Pflicht, ihn zu verteidigen. –

Narbonne.
Diese Gesinnung macht Ihnen Ehre, Herr Firmin; auch hat sich Herr Selicour in Ansehung Ihrer noch heute ebenso betragen. – Wie erfreut es mich, mich von so würdigen Personen umgeben zu sehen – (Zu La Roche.) Sie aber, der den armen Selicour so unversöhnlich verfolgt, Sie scheinen mir wahrlich der gute Mann nicht zu sein, für den man Sie hält! – Was ich bis jetzt noch von Ihnen sah, bringt Ihnen wahrlich schlechte Ehre!

La Roche (für sich).
Ich möchte bersten – aber nur Geduld.

Narbonne.
Ich bin geneigt, von dem guten Selicour immer besser zu denken, je mehr Schlimmes man mir von ihm sagt, und ich gehe damit um, ihn mir näher zu verbinden.

Karl (betroffen).
Wieso?

Narbonne.
Meine Mutter hat gewisse Pläne, die ich vollkommen gutheiße – Auch mit Ihnen habe ich es gut vor, Herr Firmin! – Diesen Abend ein Mehreres. – Bleiben Sie ja nicht lange aus. (Zu Karl.) Sie, mein junger Freund, legen sich auf die Dichtkunst, hör’ ich; meine Mutter hat mir heute Ihr Talent gerühmt. – Lassen Sie uns bald etwas von Ihrer Arbeit hören! – Auch ich liebe die Musen, ob ich gleich ihrem Dienst nicht leben kann. – Ihr Diener, meine Herren! – Ich verbitte mir alle Umstände.

(Er geht ab.)


Zehnter Auftritt

Vorige ohne Narbonne.

Karl.
Ich werde sie sehen! Ich werde sie sprechen! – Aber diese gewissen Pläne der Großmutter – Gott! Ich zittre – Es ist gar nicht mehr zu zweifeln, dass sie diesem Selicour bestimmt ist.

Firmin.
Nun, mein Sohn! Das ist ja heute ein glücklicher Tag!

La Roche.
Für Sie wohl, Herr Firmin – aber für mich?

Firmin.
Sei’n Sie außer Sorgen! Ich hoffe, alles wieder ins Gleiche zu bringen. – (Zu Karl.) Betrage dich klug, mein Sohn! Wenigstens unter den Augen des Ministers vergiss dich nicht!

Karl.
Sorgen Sie nicht! Aber auch Sie, mein Vater, rühren Sie sich einmal!

Firmin.
Schön! Ich erhalte auch meine Lektion.

Karl.
Und habe ich nicht Recht, Herr La Roche?

Firmin.
Lass dir sein Beispiel wenigstens zu einer Warnung dienen. – Mut gefasst, La Roche! Wenn meine Fürsprache etwas gilt, so ist Ihre Sache noch nicht verloren.

(Er geht ab.)


Elfter Auftritt

Karl Firmin und La Roche.

La Roche.
Nun, was sagen Sie? Ist das erlaubt, dass Ihr Vater selbst mich Lügen straft, und den Schelmen in Schutz nimmt?

Karl.
Bester Freund, ich habe heute früh Ihre Dienste verschmäht, jetzt flehe ich um Ihre Hilfe. Es ist nicht mehr zu zweifeln, dass man ihr den Selicour zum Gemahl bestimmt. Ich bin nicht wert, sie zu besitzen, aber noch weniger verdient es dieser Nichtswürdige!

La Roche.
Braucht’s noch eines Sporns, mich zu hetzen? Sie sind Zeuge gewesen, wie man mich um seinetwillen misshandelt hat! Hören Sie mich an! Ich habe in Erfahrung gebracht, dass der Minister ihm noch heute eine sehr wichtige und kitzliche Arbeit aufgetragen, die noch vor Abend fertig sein soll. Er wird sie entweder gar nicht leisten, oder doch etwas höchst Elendes zu Markte bringen. So kommt seine Unfähigkeit ans Licht. Trotz seiner süßlichten Manieren hassen ihn alle und wünschen seinen Fall. Keiner wird ihm helfen, dafür steh’ ich, so verhasst ist er! –

Karl.
Meinen Vater will ich schon davon abhalten. – Ich sehe jetzt wohl, zu welchem Zweck er mir mein Gedicht abschwatzte. Sollte er wohl die Stirne haben, sich in meiner Gegenwart für den Verfasser auszugeben?

La Roche.
Kommen Sie mit mir in den Garten! Er darf uns nicht beisammen antreffen. – Du nennst dich meinen Meister, Freund Selicour! Nimm dich in Acht – – dein Lehrling formiert sich, und noch vor Abend sollst du bei ihm in die Schule gehen!

(Gehen ab.)

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de