Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Schiller, Friedrich

         Die Jungfrau von Orleans
            Personen
            Prolog
            Erster Aufzug
            Zweiter Aufzug
            Dritter Aufzug
            Vierter Aufzug
            Fünfter Aufzug

Zweiter Aufzug

Gegend, von Felsen begrenzt.

Erster Auftritt

Talbot und Lionel, englische Heerführer. Philipp, Herzog von Burgund. Ritter Fastolf und Chatillon mit Soldaten und Fahnen.

Talbot.
Hier unter diesen Felsen lasset uns
Halt machen und ein festes Lager schlagen,
Ob wir vielleicht die flücht’gen Völker wieder sammeln,
Die in dem ersten Schrecken sich zerstreut.
Stellt gute Wachen aus, besetzt die Höhn!
Zwar sichert uns die Nacht vor der Verfolgung,
Und wenn der Gegner nicht auch Flügel hat,
So fürcht’ ich keinen Überfall. – Dennoch
Bedarf’s der Vorsicht, denn wir haben es
Mit einem kecken Feind und sind geschlagen.

(Ritter Fastolf geht ab mit den Soldaten.)

Lionel.
Geschlagen! Feldherr, nennt das Wort nicht mehr.
Ich darf es mir nicht denken, dass der Franke
Des Engelländers Rücken heut gesehn.
– O Orleans! Orleans! Grab unsers Ruhms!
Auf deinen Feldern liegt die Ehre Englands.
Beschimpfend lächerliche Niederlage!
Wer wird es glauben in der künft’gen Zeit!
Die Sieger bei Poitiers, Crequi
Und Azincourt gejagt von einem Weibe!

Burgund.
Das muss uns trösten. Wir sind nicht von Menschen
Besiegt, wir sind vom Teufel überwunden.

Talbot.
Vom Teufel unsrer Narrheit – Wie, Burgund?
Schreckt dies Gespenst des Pöbels auch die Fürsten?
Der Aberglaube ist ein schlechter Mantel
Für eure Feigheit – Eure Völker flohn zuerst.

Burgund.
Niemand heilt Stand. Das Fliehn war allgemein.

Talbot.
Nein, Herr! Auf eurem Flügel fing’ es an,
Ihr stürztet euch in unser Lager, schreiend:
Die Höll’ ist los, der Satan kämpft für Frankreich!
Und brachtet so die unsern in Verwirrung.

Lionel.
Ihr könnt’s nicht leugnen. Euer Flügel wich
Zuerst.

Burgund.
Weil dort der erste Angriff war.

Talbot.
Das Mädchen kannte unsers Lagers Blöße,
Sie wusste, wo die Furcht zu finden war.

Burgund.
Wie? Soll Burgund die Schuld des Unglücks tragen?

Lionel.
Wir Engelländer, waren wir allein,
Bei Gott, wir hätten Orleans nicht verloren!

Burgund.
Nein – denn ihr hättet Orleans nie gesehn!
Wer bahnte euch den Weg in dieses Reich,
Reicht’ euch die treue Freundeshand, als ihr
An diese feindlich fremde Küste stieget?
Wer krönte euren Heinrich zu Paris
Und unterwarf ihm der Franzosen Herzen?
Bei Gott! Wenn dieser starke Arm euch nicht
Herein geführt, ihr sahet nie den Rauch
Von einem fränkischen Kamine steigen.

Lionel.
Wenn es die großen Worte täten, Herzog,
So hättet ihr allein Frankreich erobert.

Burgund.
Ihr seid unlustig, weil euch Orleans nie gesehn!
Wer bahnte euch den Weg in dieses Reich,
Reicht’ euch die treue Freundeshand, als ihr
An diese feindlich fremde Küste stieget?
Wer krönte euren Heinrich zu Paris
Und unterwarf ihm der Franzosen Herzen?
Bei Gott! Wenn dieser starke Arm euch nicht.
Herein geführt, ihr sahet nie den Rauch
Von einem fränkischen Kamine steigen.

Lionel.
Wenn es die großen Worte täten, Herzog,
So hättet ihr allein Frankreich erobert.

Burgund.
Ihr seid unlustig, weil euch Orleans
Entging, und lasst nun eures Zornes Galle
An mir, dem Bundsfreund, aus. Warum entging
Uns Orleans, als eurer Habsucht wegen?
Es war bereit, sich mir zu übergeben,
Ihr, euer Neid allein hat es verhindert.

Talbot.
Nicht eurentwegen haben wir’s belagert.

Burgund.
Wie stünd’s um euch, zög’ ich mein Heer zurück?

Lionel.
Nicht schlimmer, glaubt mir, als bei Azincourt,
Wo wir mit euch und mit ganz Frankreich fertig wurden.

Burgund.
Doch tat’s euch sehr um unsre Freundschaft Not,
Und teuer kaufte sie der Reichsverweser.

Talbot.
Ja teuer, teuer haben wir sie heut
Vor Orleans bezahlt mit unsrer Ehre.

Burgund.
Treibt es nicht weiter, Lord, es könnt’ euch reuen!
Verließ ich meines Herrn gerechte Fahnen,
Lud auf mein Haupt den Namen des Verräters,
Um von dem Fremdling solches zu ertragen?
Was tu’ ich hier und fechte gegen Frankreich?
Wenn ich dem Undankbaren dienen soll,
So will ich’s meinem angebornen König.

Talbot.
Ihr steht in Unterhandlung mit dem Dauphin,
Wir wissen’s; doch wir werden Mittel finden
Uns vor Verrat zu schützen.

Burgund.
Tod und Hölle!
Begegnet man mir so? – Chatillon!
Lass meine Völker sich zum Aufbruch rüsten,
Wir gehen in unser Land zurück.

(Chatillon geht ab.)

Lionel.
Glück auf den Weg!
Nie war der Ruhm des Briten glänzender
Als da er, seinem guten Schwert allein
Vertrauend, ohne Helfershelfer focht.
Es kämpfe jeder seine Schlacht allein,
Denn ewig bleibt es wahr: Französisch Blut
Und englisch kann sich redlich nie vermischen.


Zweiter Auftritt

Königin Isabeau, von einem Pagen begleitet, zu den Vorigen.

Isabeau.
Was muss ich hören, Feldherrn! Haltet ein!
Was für ein hirnverrückender Planet
Verwirrt euch also die gesunden Sinne?
Jetzt, da euch Eintracht nur erhalten kann,
Wollt ihr in Hass euch trennen und euch selbst
Befehdend euren Untergang bereiten?
– Ich bitt’ euch, edler Herzog, ruft den raschen
Befehl zurück. Und ihr, ruhmvoller Talbot,
Besänftiget den aufgebrachten Freund!
Kommt, Lionel, helft mir die stolzen Geister
Zufrieden sprechen und Versöhnung stiften.

Lionel.
Ich nicht, Mylady. Mir ist alles gleich.
Ich denke so: Was nicht zusammen kann
Bestehn, tut am besten sich zu lösen.

Isabeau.
Wie? Wirkt der Hölle Gaukelkunst, die uns
Im Treffen so verderblich war, auch hier
Noch fort uns sinnverwirrend zu betören?
Wer fing den Zank an? Redet! – Edler Lord!

(Zu Talbot.)

Seid ihr’s, der seines Vorteils so vergaß,
Den werten Bundsgenossen zu verletzen?
Was wollt ihr schaffen ohne diesen Arm?
Er baute eurem König seinen Thron,
Er hält ihn noch und stürzt ihn, wenn er will;
Sein Heer verstärkt euch und noch mehr sein Name.
Ganz England, strömt’ es alle seine Bürger
Auf unsre Küsten aus, vermöchte nicht
Dies Reich zu zwingen, wenn es einig ist;
Nur Frankreich konnte Frankreich überwinden.

Talbot.
Wir wissen den getreuen Freund zu ehren.
Dem falschen wehren, ist der Klugheit Pflicht.

Burgund.
Wer treulos sich des Dankes will entschlagen,
Dem fehlt des Lügners freche Stirne nicht.

Isabeau.
Wie, edler Herzog? Könntet ihr so sehr
Der Scham absagen und der Fürstenehre,
In jene Hand, die euren Vater mordete,
Die eurige zu legen? Wärt ihr rasend
Genug, an eine redliche Versöhnung
Zu glauben mit dem Dauphin, den ihr selbst
An des Verderbens Rand geschleudert habt?
So nah dem Falle wolltet ihr ihn halten,
Und euer Werk wahnsinnig selbst zerstören?
Hier stehen eure Freunde. Euer Heil
Ruht in dem festen Bunde nur mit England.

Burgund.
Fern ist mein Sinn vom Frieden mit dem Dauphin;
Doch die Verachtung und den Übermut
Des stolzen Englands kann ich nicht ertragen.

Isabeau.
Kommt! Haltet ihm ein rasches Wort zu gut.
Schwer ist der Kummer, der den Feldherrn drückt,
Und ungerecht, ihr wisst es, macht das Unglück.
Kommt! Kommt! Umarmt euch, lasst mich diesen Riss
Schnell heilend schließen, eh er ewig wird.

Talbot.
Was dünket euch, Burgund? Ein edles Herz
Bekennt sich gern von der Vernunft besiegt.
Die Königin hat ein kluges Wort geredet,
Lasst diesen Händedruck die Wunde heilen,
Die meine Zunge übereilend schlug.

Burgund.
Madame sprach ein verständig Wort, und mein
Gerechter Zorn weicht der Notwendigkeit.

Isabeau.
Wohl! So besiegelt den erneuten Bund
Mit einem brüderlichen Kuss, und mögen
Die Winde das Gesprochene verwehn.

(Burgund und Talbot umarmen sich.)

Lionel (betrachtet die Gruppe für sich).
Glück zu dem Frieden, den die Furie stiftet!

Isabeau.
Wir haben eine Schlacht verloren, Feldherrn,
Das Glück war uns zuwider; darum aber
Entsink’ euch nicht der edle Mut. Der Dauphin
Verzweifelt an das Himmels Schutz und ruft
Des Satans Kunst zu Hilfe; doch er habe
Umsonst sich der Verdammnis übergeben,
Und seine Hölle selbst errett’ ihn nicht.
Ein sieghaft Mädchen führt des Feindes Heer,
Ich will das eure führen, ich will euch
Statt einer Jungfrau und Prophetin sein.

Lionel.
Madame, geht nach Paris zurück! Wir wollen
Mit guten Waffen, nicht mit Weibern siegen.

Talbot.
Geht! Geht! Seit ihr im Lager seid, geht alles
Zurück, kein Segen ist mehr in unsern Waffen.

Burgund.
Geht! Eure Gegenwart schafft hier nichts Gutes,
Der Krieger nimmt ein Ärgernis an euch.

Isabeau (sieht einen um den andern erstaunt an).
Ihr auch, Burgund? Ihr nehmet wider mich
Partei mit diesen undankbaren Lords?

Burgund.
Geht! Der Soldat verliert den guten Mut,
Wenn er für eure Sache glaubt zu fechten.

Isabeau.
Ich hab’ kaum Frieden zwischen euch gestiftet,
So macht ihr schon ein Bündnis wider mich?

Talbot.
Geht, geht mit Gott, Madame! Wir fürchten uns
Vor keinem Teufel mehr, sobald ihr weg seid.

Isabeau.
Bin ich nicht eure treue Bundsgenossin?
Ist eure Sache nicht die meinige?

Talbot.
Doch eure nicht die unsrige. Wir sind
In einem ehrlich guten Streit begriffen.

Burgund.
Ich räche eines Vaters blut’gen Mord,
Die fromme Sohnspflicht heiligt meine Waffen.

Talbot.
Doch grad heraus! Was ihr am Dauphin tut,
Ist weder menschlich gut, noch göttlich recht.

Isabeau.
Fluch soll ihn treffen bis ins zehnte Glied!
Er hat gefrevelt an dem Haupt der Mutter.

Burgund.
Er rächte einen Vater und Gemahl.

Isabeau.
Er warf sich auf zum Richter meiner Sitten.

Lionel.
Das war unehrerbietig von dem Sohn!

Isabeau.
In die Verbannung hat er mich geschickt.

Talbot.
Die öffentliche Stimme zu vollziehn.

Isabeau.
Fluch treffe mich, wenn ich ihm je vergebe!
Und eh er herrscht in seines Vaters Reich –

Talbot.
Eh opfert ihr die Ehre seiner Mutter!

Isabeau.
Ihr wisst nicht, schwache Seelen,
Was ein beleidigt Mutterherz vermag.
Ich leibe, wer mir Gutes tut, und hasse,
Wer mich verletzt, und ist’s der eigne Sohn
Den ich geboren, desto hassenwerter.
Dem ich das Dasein gab, will ich es rauben,
Wenn er mit ruchlos frechem Übermut
Den eignen Schoß verletzt, der ihn getragen.
Ihr, die ihr Krieg führt gegen meinen Sohn,
Ihr habt nicht Recht, noch Grund, ihn zu berauben.
Was hat der Dauphin Schweres gegen euch
Verschuldet? Welche Pflichten brach er euch?
Euch treibt die Ehrsucht, der gemeine Neid,
Ich darf ihn hassen, ich hab’ ihn geboren.

Talbot.
Wohl, an der Rache fühlt er seine Mutter!

Isabeau.
Armsel’ge Gleißner, wie veracht’ ich euch,
Die ihr euch selbst so wie die Welt belügt!
Ihr Engelländer streckt die Räuberhände
Nach diesem Frankreich aus, wo ihr nicht Recht
Noch gült’gen Anspruch habt auf so viel Erde,
Als eines Pferdes Huf bedeckt. – Und dieser Herzog,
Der sich den Guten schelten lässt, verkauft
Sein Vaterland, das Erbreich seiner Ahnen,
Dem Reichsfeind und dem fremden Herrn. – Gleichwohl
Ist euch das dritte Wort Gerechtigkeit.
– Die Heuchelei veracht’ ich. Wie ich bin,
So sehe mich das Aug der Welt.

Burgund.
Wahr ist’s!
Den Ruhm habt ihr mit starkem Geist behauptet.

Isabeau.
Ich habe Leidenschaften, warmes Blut,
Wie eine andre, und ich kam als Königin
In dieses Land, zu leben, nicht zu scheinen.
Sollt’ ich der Freud’ absterben, weil der Fluch
Des Schicksals meine lebensfrohe Jugend
Zu dem wahnsinn’gen Gatten hat gesellt?
Mehr als das Leben leib’ ich meine Freiheit,
Und wer mich hier verwundet – Doch warum
Mit euch mich streiten über meine Rechte?
Schwer fließt das dicke Blut in euren Adern,
Ihr kennt nicht das Vergnügen, nur die Wut!
Und dieser Herzog, der sein Leben lang
Geschwankt hat zwischen Bös und gut, kann nicht
Von Herzen hassen, noch von Herzen leiben.
– Ich geh’ nach Melun. Gebt mir diesen da,

(auf Lionel zeigend)

Der mir gefällt, zur Kurzweil und Gesellschaft,
Und dann macht, was ihr wollt! Ich frage nichts
Nach den Burgundern noch den Engelländern.

(Sie winkt ihrem Pagen und will gehen.)

Lionel.
Verlasst euch drauf. Die schönsten Frankenknaben,
Die wir erbeuten, schicken wir nach Melun.

Isabeau (zurückkommend).
Wohl taugt ihr, mit dem Schwerte drein zu schlagen,
Der Franke nur weiß Zierliches zu sagen.

(Sie geht ab.)


Dritter Auftritt

Talbot. Burgund. Lionel.

Talbot.
Was für ein Weib!

Lionel.
Nun eure Meinung, Feldherrn!
Fliehn wir noch weiter oder wenden uns
Zurück, durch einen schnellen, kühnen Streich
Den Schimpf des heut’gen Tages auszulöschen?

Burgund.
Wir sind zu schwach, die Völker sind zerstreut,
Zu neu ist noch der Schrecken in dem Heer.

Talbot.
Ein blinder Schrecken nur hat uns besiegt,
Der schnelle Eindruck eines Augenblicks.
Dies Furchtbild der erschreckten Einbildung
Wird, näher angesehn, in nichts verschwinden.
Drum ist mein Rat, wir führen die Armee
Mit Tagesanbruch über den Strom zurück,
Dem Feind entgegen.

Burgund.
Überlegt –

Lionel.
Mit eurer
Erlaubnis. Hier ist nichts zu überlegen.
Wir müssen das Verlorne schleunig wieder
Gewinnen oder sind beschimpft auf ewig.

Talbot.
Es ist beschlossen. Morgen schlagen wir.
Und dies Phantom des Schreckens zu zerstören,
Das unsre Völker blendet und entmannt,
Lasst uns mit diesem jungfräulichen Teufel
Uns messen in persönlichem Gefecht.
Stellt sie sich unserm tapfern Schwert, nun dann
So hat sie uns zum letzten Mal geschadet;
Stellt sie sich nicht, und seid gewiss, sie meidet
Den ernsten Kampf, so ist das Heer entzaubert.

Lionel.
So sei’s! Und mir, mein Feldherr, überlasset
Dies leichte Kampfspiel, wo kein Blut soll fließen.
Denn lebend denk ich das Gespenst zu fangen,
Und vor des Bastards Augen, ihres Buhlen,
Trag’ ich auf diesen Armen sie herüber,
Zur Luft des Heers, in das britann’sche Lager.

Burgund.
Versprechet nicht zu viel.

Talbot.
Erreich’ ich sie,
Ich denke sie so sanft nicht zu umarmen.
Kommt jetzo, die ermüdete Natur
Durch einen leichten Schlummer zu erquicken,
Und dann zum Aufbruch mit der Morgenröte.

(Sie gehen ab.)


Vierter Auftritt

Johanna mit der Fahne, im Helm und Brustharnisch, sonst aber weiblich gekleidet. Dunois, La Hire, Ritter und Soldaten zeigen sich oben auf dem Felsenweg, ziehen still darüber hinweg, und erscheinen gleich darauf auf der Szene.

Johanna (zu den Rittern, die sie umgeben, indem der Zug oben immer noch fortwährt).
Erstiegen ist der Wall, wir sind im Lager!
Jetzt werft die Hülle der verschwiegnen Nacht
Von euch, die euren stillen Zug verhehlte,
Und macht dem Feinde eure Schreckensnähe
Durch lauten Schlachtruf kund – Gott und die Jungfrau!

Alle (rufen laut unter wildem Waffengetös).
Gott und die Jungfrau!

(Trommeln und Trompeten.)

Schildwache (hinter der Szene).
Feinde! Feinde! Feinde!

Johanna.
Jetzt Fackeln her! Werft Feuer in die Zelte!
Der Flammen Wut vermehre das Entsetzen,
Und drohend rings umfange sie der Tod!

(Soldaten eilen fort, sie will folgen.)

Dunois (hält sie zurück).
Du hast das deine nun erfüllt, Johanna!
Mitten ins Lager hast du uns geführt,
Den Feind hast du in unsre Hand gegeben.
Jetzt aber bleibe von dem Kampf zurück,
Uns überlass die blutige Entscheidung!

La Hire.
Den Weg des Siegs bezeichne du dem Heer,
Die Fahne tag’ uns vor in reiner Hand,
Doch nimm das Schwert, das tödliche, nicht selbst,
Versuche nicht den falschen Gott der Schlachten,
Denn blind und ohne Schonung waltet er.

Johanna.
Wer darf mir Halt gebieten? Wer dem Geist
Vorschreiben, der mich führt? Der Pfeil muss fliegen
Wohin die Hand ihn seines Schützen treibt.
Wo die Gefahr ist, muss Johanna sein;
Nicht heut’, nicht hier ist mir bestimmt zu fallen,
Die Krone muss ich sein auf meines Königs Haupt,
Dies Leben wird kein Gegner mit entreißen,
bis ich vollendet, was mir Gott geheißen.

(Sie geht ab.)

La Hire.
Kommt, Dunois! Lasst uns der Heldin folgen
Und ihr die tapfre Brust zum Schilde leihn!

(Gehen ab.)


Fünfter Auftritt

Englische Soldaten fliehen über die Bühne; hierauf Talbot.

Erster.
Das Mädchen! Mitten im Lager!

Zweiter.
Nicht möglich! Nimmermehr! Wie kam sie in das Lager?

Dritter.
Durch die Luft! Der Teufel hilft ihr!

Vierter und Fünfter.
Flieht! Flieht! Wir sind alle des Todes!

(Gehen ab.)

Talbot (kommt).
Sie hören nicht – Sie wollen mir nicht stehn!
Gelöst sind alle Bande des Gehorsams,
Als ob die Hölle ihre Legionen
Verdammter Geister ausgespieen, reißt
Ein Taumelwahn den Tapfern und den Feigen
Gehirnlos fort; nicht eine kleine Schar
Kann ich der Feinde Flut entgegenstellen,
Die wachsend, wogend in das Lager dringt!
– Bin ich der einzig Nüchterne, und alles
Muss um mich her in Fiebers Hitze rasen?
Vor diesen fränk’schen Weichlingen zu fliehn,
Die wir in zwanzig Schlachten überwunden! –
Wer ist sie denn, die Unbezwingliche,
Die Schreckensgöttin, die der Schlachten Glück
Auf einmal wendet, und ein schüchtern Heer
Von feigen Rehn in Löwen umgewandelt?
Eine Gauklerin, die die gelernte Rolle
Der Heldin spielt, soll wahre Helden schrecken?
Ein Weib entriss mir allen Siegesruhm?

Soldat (stürzt herein).
Das Mädchen! Flieh! Flieh, Feldherr!

Talbot (stößt ihn nieder).
Flieh zur Hölle
Du selbst! Den soll dies Schwert durchbohren,
Der mir von Furcht spricht und von feiger Flucht!

(Er geht ab.)


Sechster Auftritt

Der Prospekt öffnet sich. Man sieht das englische Lager in vollen Flammen stehen. Trommeln, Flucht und Verfolgung. Nach einer Weile kommt Montgomery.

Montgomery (allein).
Wo soll ich hinfliehn? Feinde rings umher und Tod!
Hier der ergrimmte Feldherr, der, mit drohndem Schwert
Die Flucht versperrend, uns dem Tod entgegentreibt.
Dort die Fürchterliche, die verderblich um sich her
Wie die Brunst des Feuers raset – und ringsum kein Busch,
Der mich verberge, keiner Höhle sichrer Raum!
O, wär’ ich nimmer über Meer hieher geschifft,
Ich Unglücksel’ger! Eitler Wahn betörte mich,
Wohlfeilen Ruhm zu suchen in dem Frankenkrieg,
Und jetzo führt mich das verderbliche Geschick
In diese blut’ge Mordschlacht. – Wär’ ich weit von hier
Daheim noch an der Savern blühendem Gestad,
Im sichern Vaterhause, wo die Mutter mir
In Gram zurück blieb und die zarte, süße Braut.

(Johanna zeigt sich in der Ferne.)

Weh mir! Was seh’ ich! Dort erscheint die Schreckliche!
Aus Brandes Flammen, düster leuchtend, hebt sie sich,
Wie aus der Hölle Rachen ein Gespenst der Nacht
Hervor. – Wohin entrinn’ ich Schon ergreift sie mich
Mit ihren Feueraugen, wirft von fern
Der Blicke Schlingen nimmer fehlend nach mir aus.
Um meine Füße, fest und fester, wirret sich
Das Zauberknäul, dass sie gefesselt mir die Flucht
Versagen! Hinsehn muss ich, wie das Herz mir auch
Dagegen kämpfe, nach der tödlichen Gestalt!

(Johanna tut einige Schritte ihm entgegen und bleibt wieder stehen.)

Sie naht! Ich will nicht warten bis die Grimmige
Zuerst mich anfällt! Bittend will ich ihre Knie
Umfassen, um mein Leben flehn, sie ist ein Weib,
Ob ich vielleicht durch Tränen sie erweichen kann!

(Indem er auf sie zugehen will, tritt sie ihm rasch entgegen.)


Siebenter Auftritt

Johanna. Montgomery.

Johanna.
Du bist des Todes! Eine brit’sche Mutter zeugte dich.

Montgomery (fällt ihr zu Füßen).
Halt ein, Furchtbare! Nicht den Unverteidigten
Durchbohre! Weggeworfen hab’ ich Schwert und Schild,
Zu deinen Füßen sink’ ich wehrlos, flehend hin.
Lass mir das Licht des Lebens, nimm ein Lösegeld!
Reich an Besitztum wohnt der Vater mir daheim
Im schönen Lande Wallis, wo die schlängelnde
Savern durch grüne Auen rollt den Silberstrom,
Und fünfzig Dörfer kennen seine Herrschaft an.
Mit reichem Golde löst er den geliebten Sohn,
Wenn er mich im Frankenlager lebend noch vernimmt.

Johanna.
Betrogner Thor! Verlorner! In der Jungfrau Hand
Bist du gefallen, die verderbliche, woraus
Nicht Rettung noch Erlösung mehr zu hoffen ist.
Wenn dich das Unglück in des Krokodils Gewalt
Gegeben oder des gefleckten Tigers Klaun,
Wenn du der Löwenmutter junge Brut geraubt,
Du könntest Mitleid finden und Barmherzigkeit,
Doch tödlich ist’s, der Jungfrau zu begegnen.
Denn dem Geisterreich, dem strengen, unverletzlichen,
Verpflichtet mich der furchtbar bindende Vertrag,
Mit dem Schwert zu töten alles Lebende, das mir
Der Schlachtengott verhängnisvoll entgegen schickt.

Montgomery.
Furchtbar ist deine Rede, doch dein Blick ist sanft,
Nicht schrecklich bist du in der Nähe anzuschauen;
Es zieht das Herz mich zu der leiblichen Gestalt.
O, bei der Milde deines zärtlichen Geschlechts
Fehl’ ich dich an. Erbarme meiner Jugend dich!

Johanna.
Nicht mein Geschlecht beschwöre! Nenne mich nicht Weib!
Gleichwie die körperlosen Geister, die nicht frein
Auf ird’sche Weise, schließ’ ich mich an kein Geschlecht
Der Menschen an, und dieser Panzer deckt kein Herz.

Montgomery.
O bei der Liebe heilig waltendem Gesetz,
Dem alle Herzen huldigen, beschwör’ ich dich!
Daheim gelassen hab’ ich eine holde Braut,
Schön, wie du selbst bist, blühend in der Jugend Reiz.
Sie harret weinend des Geliebten Wiederkunft.
O wenn du selber je zu lieben hoffst, und hoffst
Beglückt zu sein durch Liebe, trenne grausam nicht
Zwei Herzen, die der Liebe heilig Bündnis knüpft!

Johanna.
Du rufest lauter irdisch fremde Götter an,
Die mir nicht heilig noch verehrlich sind. Ich weiß
Nichts von der Liebe Bündnis, das du mir beschwörst,
Und nimmer kennen werd’ ich ihren eiteln Dienst.
Verteidige dein Leben, denn dir ruft der Tod.

Montgomery.
O so erbarme meiner jammervollen Eltern dich,
Die ich zu Haus verlassen. Ja, gewiss auch du
Verließest Eltern, die die Sorge quält um dich.

Johanna.
Unglücklicher! Und du erinnerst mich daran,
Wie viele Mütter dieses Landes kinderlos,
Wie viele zarte Kinder vaterlos, wie viel
Verlobte Bräute Witwen worden sind durch euch!
Auch Englands Mütter mögen die Verzweiflung nun
Erfahren, und die Tränen kennen lernen,
Die Frankreichs jammervolle Gattinnen geweint.

Montgomery.
O schwer ist’s, in der Fremde sterben unbeweint.

Johanna.
Wer rief euch in das fremde Land, den blühnden Fleiß
Der Felder zu verwüsten, von dem heim’schen Herd
Uns zu verjagen und des Krieges Feuerbrand
Zu werfen in der Städte friedlich Heiligtum?
Ihr träumtet schon in eures Herzens eitelm Wahn,
Den freigebornen Franken in der Knechtschaft Schmach
Zu stürzen und dies große Land, gleichwie ein Boot,
An euer stolzes Meerschiff zu befestigen!
Ihr Thoren! Frankreichs königliches Wappen hängt
Am Throne Gottes. Eher riss’t ihr einen Stern
Vom Himmelswagen, als ein Dorf aus diesem Reich,
Dem unzertrennlich ewig einigen! – Der Tag
Der Rache ist gekommen; nicht lebendig mehr
Zurücke messen werdet ihr das heil’ge Meer,
Das Gott zur Länderscheide zwischen euch und uns
Gesetzt, und das ihr frevelnd überschritten habt.

Montgomery (lässt ihre Hand los).
O ich muss sterben! Grausend fasst mich schon der Tod.

Johanna.
Stirb, Freund! Warum so zaghaft zittern vor dem Tod,
Dem unentfliehbaren Geschick? – Sieh mich an! Sieh!
Ich bin nur eine Jungfrau, eine Schäferin
Geboren, nicht des Schwerts gewohnt ist diese Hand,
Die den unschuldig frommen Hirtenstab geführt.
Doch weggerissen von der heimatlichen Flur,
Vom Vaters Busen, von der Schwestern lieber Brust,
Muss ich hier, ich muss – mich treibt die Götterstimme, nicht
Eignes Gelüsten – euch zu bitterm Harm, mir nicht
Zur Freude, ein Gespenst des Schreckens, würgend gehen,
Den Tod verbreiten und sein Opfer sein zuletzt!
Denn nicht den Tag der frohen Heimkehr werd’ ich sehn,
Noch vielen von den euren werd’ ich tödlich sein,
Noch viele Witwen machen, aber endlich werd’
Ich selbst umkommen und erfüllen mein Geschick.
– Erfülle du auch deines. Greife frisch zum Schwert,
Und um des Lebens süße Beute kämpfen wir.

Montgomery (steht auf).
Nun, wenn du sterblich bist, wie ich, und Waffen dich
Verwunden, kann’s auch meinem Arm bescheiden sein,
Zur Höll’ dich sendend, Englands Not zu endigen.
In Gottes gnäd’ge Hände leg’ ich mein Geschick.
Ruf du, Verdammte, deine Höllengeister an,
Dir beizustehn! Wehre deines Lebens dich!

(Er ergreift Schild und Schwert und dringt auf sie ein: Kriegerische Musik erschallt in der Ferne, nach einem kurzen Gefechte fällt Montgomery.)


Achter Auftritt

Johanna allein.

Dich trug dein Fuß zum Tode – Fahre hin!

(Sie tritt von ihm weg und bleibt gedankenvoll stehen.)

Erhabne Jungfrau, du wirkst Mächtiges in mir!
Du rüstest den unkriegerischen Arm mit Kraft,
Dies Herz mit Unerbittlichkeit bewaffnest du.
In Mitleid schmilzt die Seele und die Hand erbebt,
Als bräche sie in eines Tempels heil’gen Bau,
Den blühnden Leib des Gegners zu verletzen,
Schon vor des Eisens blanker Schneide schaudert mir,
Doch wenn es Not tut, alsbald ist die Kraft mir da,
Und nimmer irrend in der zitternden Hand regiert
Das Schwert sich selbst, als wär’ es ein lebend’ger Geist.


Neunter Auftritt

Ein Ritter mit geschlossenem Visier. Johanna.

Ritter.
Verfluchte! Deine Stunde ist gekommen,
Dich sucht’ ich auf dem ganzen Feld der Schlacht.
Verderblich Blendwerk! Fahre zu der Hölle
Zurück, aus der du aufgestiegen bist.

Johanna.
Wer bist du, den sein böser Engel mir
Entgegen schickt? Gleich eines Fürsten ist
Dein Anstand, auch kein Brite scheinst du mir!
Denn dich bezeichnet die burgund’sche Binde,
Vor der sich meines Schwertes Spitze neigt.

Ritter.
Verworfne, du verdientest nicht zu fallen
Von eines Fürsten edler Hand. Das Beil
Des Henkers sollte dein verdammtes Haupt
Vom Rumpfe trennen, nicht der tapfre Degen
Des königlichen Herzogs von Burgund.

Johanna.
So bist du dieser edle Herzog selbst?

Ritter (schlägt das Visier auf).
Ich bin’s. Elende, zittre und verzweifle!
Die Satanskünste schützen dich nicht mehr.
Du hast bis jetzt nur Schwächlinge bezwungen,
Ein Mann steht vor dir.


Zehnter Auftritt

Dunois und La Hire zu den Vorigen.

Dunois.
Wende dich, Burgund!
Mit Männern kämpfe, nicht mit Jungfrauen.

La Hire.
Wir schützen der Prophetin heilig Haupt,
Erst muss dein Degen diese Brust durchbohren –

Burgund.
Nicht diese buhlerische Circe fürcht’ ich,
Noch euch, die sie so schimpflich hat verwandelt.
Erröte, Bastard, Schande dir, La Hire,
Dass du die alte Tapferkeit zu Künsten
Der Höll’ erniedrigst, den verächtlichen
Schildknappen einer Teufelsdirne machst.
Kommt her! Euch allen biet’ ich’s! Der verzweifelt
An Gottes Schutz, der zu dem Teufel flieht.

(Sie bereiten sich zum Kampf, Johanna tritt dazwischen.)

Johanna.
Haltet inne!

Burgund.
Zitterst du für deinen Buhlen?
Vor deinen Augen soll er –

(Dringt auf Dunois ein.)

Johanna.
Haltet inne!
Trennt sie, La Hire – Kein französisch Blut soll fließen,
Nicht Schwerter sollen diesen Streit entscheiden.
Ein Andres ist beschlossen in den Sternen –
Auseinander, sag’ ich – Höret und verehrt
Den Geist, der mich ergreift, der aus mir redet!

Dunois.
Was hältst du meinen aufgehobnen Arm
Und hemmst des Schwertes blutige Entscheidung?
Das Eisen ist gezückt, es fällt der Streich,
Der Frankreich rächen und versöhnen soll.

Johanna (stellt sich in die Mitte und trennt beide Teile durch einen weiten Zwischenraum; zum Bastard).
Tritt auf die Seite!

(Zu La Hire.)

Bleib’ gefesselt stehen!
Ich habe mit dem Herzoge zu reden.

(Nachdem alles ruhig ist.)

Was willst du tun, Burgund! Wer ist der Feind,
Den deine Blicke mordbegierig suchen?
Dieser edle Prinz ist Frankreichs Sohn, wie du,
Dieser Tapfre ist dein Waffenfreund und Landsmann,
Ich selbst bin deines Vaterlandes Tochter.
Wir alle, die du zu vertilgen strebst,
Gehören zu den Deinen – unsre Arme
Sind aufgetan, dich zu umfangen, unsre Knie
Bereit, dich zu verehren – unser Schwert
Hat keine Spitze gegen dich. Ehrwürdig
Ist uns das Antlitz, selbst im Feindeshelm,
Das unsers Königs teure Züge trägt.

Burgund.
Mit süßer Rede schmeichlerischem Ton
Willst du, Sirene! Deine Opfer locken.
Arglist’ge, mich betörst du nicht. Verwahrt
Ist mir das Ohr vor deiner Rede Schlingen,
Und deines Auges Feuerpfeile gleiten
Am guten Harnisch meines Busens ab.
Zu den Waffen, Dunois!
Mit Streichen, nicht mit Worten lass uns fechten.

Dunois.
Erst Worte und dann Streiche. Fürchtest du
Vor Worten dich? Auch das ist Feigheit
Und der Verräter einer bösen Sache.

Johanna.
Uns treibt nicht die gebieterische Not
Zu deinen Füßen; nicht als Flehende
Erscheinen wir vor dir. – Blick um dich her!
In Asche liegt das engelländ’sche Lager,
Und eure Toten decken das Gefild.
Du hörst der Franken Kriegsdrommete tönen,
Gott hat entschieden, unser ist der Sieg.
Des schönen Lorbeers frisch gebrochnen Zweig
Sind wir bereit mit unserm Freund zu teilen.
– O, komm herüber! Edler Flüchtling, komm
Herüber, wo das Recht ist und der Sieg.
Ich selbst, die Gottgesandte, reiche dir
Die schwesterliche Hand. Ich will dich rettend
Herüberziehn auf unsre reine Seite. –
Der Himmel ist für Frankreich. – Seine Engel –
Du siehst sie nicht – sie fechten für den König,
Sie alle sind mit Lilien geschmückt.
Lichtweiß, wie diese Fahn’, ist unsre Sache,
Die reine Jungfrau ist ihr keusches Sinnbild.

Burgund.
Verstrickend ist der Lüge trüglich Wort,
Doch ihre Rede ist wie eines Kindes.
Wenn böse Geister ihr die Worte leihn,
So ahmen sie die Unschuld siegreich nach.
Ich will nicht weiter hören. Zu den Waffen!
Mein Ohr, ich fühl’s, ist schwächer, als mein Arm.

Johanna.
Du nennst mich eine Zauberin, gibst mir Künste
Der Hölle Schuld – Ist Frieden stiften, Hass
Versöhnen ein Geschäft der Hölle? Kommt
Die Eintracht aus dem ew’gen Pfuhl hervor?
Was ist unschuldig, heilig, menschlich gut,
Wenn es der Kampf nicht ist um’s Vaterland?
Seit wann ist die Natur so mit sich selbst
Im Streite, dass der Himmel die gerechte Sache
Verlässt, und dass die Teufel sie beschützen?
Ist aber das, was ich dir sage, gut,
Wo anders als von oben konnt’ ich’s schöpfen?
Wer hätte sich auf meiner Schäfertrift
Zu mir gesellt, das kind’sche Hirtenmädchen
In königlichen Dingen einzuweihn?
Ich bin vor hohen Fürsten nie gestanden,
Die Kunst der Rede ist dem Munde fremd.
Doch jetzt, da ich’s bedarf, dich zu bewegen,
Besitz’ ich Einsicht, hoher Dinge Kunde,
Der Länder und der Könige Geschick
Liegt sonnenhell vor meinem Kindesblick,
Und einen Donnerkeil führ’ ich im Munde.

Burgund (lebhaft bewegt, schlägt die Augen zu ihr auf und betrachtet sie mit Erstaunen und Rührung).
Wie wird mir? Wie geschieht mir? Ist’s ein Gott,
Der mir das Herz im tiefsten Busen wendet!
– Sie trügt nicht, diese rührende Gestalt!
Nein! Nein! Bin ich durch Zaubers Macht geblendet,
So ist’s durch eine himmlische Gewalt,
Mir sagt’s das Herz, sie ist von Gott gesendet.

Johanna.
Er ist gerührt, er ist’s! Ich habe nicht
Umsonst gefleht; des Zornes Donnerwolke schmilzt
Von seiner Stirne tränentauend hin,
Und aus den Augen, Friede strahlend, bricht
Die goldne Sonne des Gefühls hervor.
– Weg mit den Waffen – drücket Herz an Herz –
Er weint, er ist bezwungen, er ist unser!

(Schwert und Fahne entsinken ihr, sie eilt auf ihn zu mit ausgebreiteten Armen und umschlingt ihn mit leidenschaftlichem Ungestüm. La Hire und Dunois lassen die Schwerter fallen und eilen ihn zu umarmen.)

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de