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         Die Jungfrau von Orleans
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Erster Aufzug

Hoflager König Karls zu Chinon.

Erster Auftritt

Dunois und Du Chatel.

Dunois.
Nein, ich ertrag’ es länger nicht. Ich sage
Mich los von diesem König, der unrühmlich
Sich selbst verlässt. Mir blutet in der Brust
Das tapfre Herz, und glühnde Tränen möchte’ ich weinen,
Dass Räuber in das königliche Frankreich
Sich teilen mit dem Schwert, die edeln Städte,
Die mit der Monarchie gealtert sind,
Dem Feind die rostgen Schlüssel überliefern,
Indes wir hier in tatenloser Ruh
Die köstlich edle Rettungszeit verschwenden.
– Ich höre Orleans bedroht, ich fliege
Herbei aus der entlegnen Normandie,
Den König denk’ ich kriegerisch gerüstet
An seines Heeres Spitze schon zu finden,
Und find’ ihn – hier! Umringt von Gaukelspielern
Und Troubadours, spitzfind’ge Rätsel lösend
Und der Sorel galante Feste gebend,
Als waltete im Reich der tiefste Friede!
– Der Connetable geht, er kann den Greul
Nicht länger ansehn – Ich verlass ihn auch
Und übergeb’ ihn seinem bösen Schicksal.

Du Chatel.
Da kommt der König.


Zweiter Auftritt

König Karl zu den Vorigen.

Karl.
Der Connetable schickt sein Schwert zurück,
Und sagt den Dienst mir auf, - In Gottes Namen!
So sind wir eines mürr’schen Mannes los,
Der unverträglich uns nur meistern wollte.

Dunois.
Ein Mann ist viel wert in so teurer Zeit,
Ich möchte’ ihn nicht mit leichtem Sinn verlieren.

Karl.
Das sagst du nur aus Lust des Widerspruchs,
So lang er da war, warst du nie sein Freund.

Dunois.
Er war ein stolz verdrießlich schwerer Narr
Und wusste nie zu enden – diesmal aber
Weiß er’s. Er weiß zu rechter Zeit zu gehen,
Wo keine Ehre mehr zu holen ist.

Karl.
Du bist in deiner angenehmen Laune,
Ich will dich nicht drin stören. – Du Chatel!
Es sind Gesandte da vom alten König
René1), belobte Meister im Gesang,
Und weit berühmt – Man muss sie wohl bewirten
Und jedem eine goldne Kette reichen.

(Zum Bastard.)

Worüber lachst du?

Dunois.
Dass du goldne Ketten
Aus deinem Munde schüttelst.

Du Chatel.
Sire! Es ist
Kein Geld in deinem Schatze mehr vorhanden.

Karl.
So schaffe welches. – Edle Sänger dürfen
Nicht ungeehrt von meinem Hofe ziehn.
Sie machen uns den dürren Szepter blühn,
Sie flechten den unsterblich grünen Zweig
Des Lebens in die unfruchtbare Krone,
Sie stellen herrschend sich den Herrschern gleich,
Aus leichten Wünschen bauen sie sich Throne,
Und nicht im Raume liegt ihr harmlos Reich;
Drum soll der Sänger mit dem König gehen,
Sie beide wohnen auf der Menschheit Höhen!

Du Chatel.
Mein königlicher Herr! Ich hab’ dein Ohr
Verschont, so lang noch Rat und Hilfe war,
Doch endlich löst die Notdurft mir die Zunge.
– Du hast nichts mehr zu schenken, ach! Du hast
Nichts mehr, wovon du morgen könntest leben!
Die hohe Flut des Reichtums ist zerflossen,
Und tiefe Ebbe ist in deinem Schatz.
Den Truppen ist der Sold noch nicht bezahlt,
Sie drohen murrend abzuziehn. – Kaum weiß
Ich Rat, dein eignes königliches Haus
Notdürftig nur, nicht fürstlich, zu erhalten.

Karl.
Verpfände meine königlichen Zölle,
Und lass dir Geld darleihn von den Lombarden.

Du Chatel.
Sire, deine Kroneinkünfte, deine Zölle
Sind auf drei Jahre schon voraus verpfändet.

Dunois.
Und unterdes geht Pfand und Land verloren.

Karl.
Uns bleiben noch viel schöne reiche Länder.

Dunois.
So lang es Gott gefällt und Talbots Schwert!
Wenn Orleans genommen ist, magst du
Mit deinem König René Schafe hüten.

Karl.
Stets übst du deinen Witz an diesem König,
Doch ist es dieser länderlose Fürst,
Der eben heut mich königlich beschenkte.

Dunois.
Nur nicht mit seiner Krone von Neapel!
Um Gottes willen nicht! Denn die ist feil,
Hab’ ich gehört, seitdem er Schafe weidet.

Karl.
Das ist ein Scherz, ein heitres Spiel, ein Fest,
Das er sich selbst und seinem Herzen gibt,
Sich eine schuldlos reine Welt zu gründen
In dieser rau barbar’schen Wirklichkeit.
Doch was er Großes, Königliches will –
Er will die alten Zeiten wieder bringen,
Wo zarte Minne herrschte, wo die Liebe
Der Ritter große Heldenherzen hob,
Und edle Frauen zu Gerichte saßen,
Mit zartem Sinne alles Feine schlichtend.
In jenen Zeiten wohnt der heitre Greis,
Und wie sie noch in alten Liedern leben,
So will er sie, wie eine Himmelstadt
In goldnen Wolken, auf die Erde setzen –
Gegründet hat er einen Liebeshof,
Wohin die edlen Ritter sollen wallen,
Wo keusche Frauen herrlich sollen thronen,
Wo reine Minne wiederkehren soll,
Und mich hat er erwählt zum Fürst der Liebe.

Dunois.
Ich bin so sehr nicht aus der Art geschlagen,
Dass ich der Liebe Herrschaft sollte schmähn.
Ich nenne mich nach ihr, ich bin ihr Sohn,
Und all mein Erbe liegt in ihrem Reich.
Mein Vater war der Prinz von Orleans,
Ihm war kein weiblich Herz unüberwindlich,
Doch auch kein feindlich Schloss war ihm zu fest.
Willst du der Liebe Fürst dich würdig nennen,
So sei der Tapfern Tapferster! – Wie ich
Aus jenen alten Büchern mir gelesen,
War Liebe stets mit hoher Rittertat
Gepaart, und Helden, hat man mich gelehrt,
Nicht Schäfer saßen an der Tafelrunde.
Wer nicht die Schönheit tapfer kann beschützen,
Verdient nicht ihren goldnen Preis. – Hier ist
Der Fechtplatz! Kämpf’ um deiner Väter Krone!
Verteidige mit ritterlichem Schwert
Dein Eigentum und edler Frauen Ehre –
Und hast du dir aus Strömen Feindesbluts
Die angestammte Krone kühn erobert,
Dann ist es Zeit, und steht dir fürstlich an,
Dich mit der Liebe Myrten zu bekronen.

Karl (zu einem Edelknecht, der herein tritt).
Was gibt’s?

Edelknecht.
Ratsherrn von Orleans flehn um Gehör.

Karl.
Führe sie herein!

(Edelknecht geht ab.)

Sie werden Hilfe fordern;
Was kann ich tun, der selber hilflos ist!


Dritter Auftritt

Drei Ratsherren zu den Vorigen.

Karl.
Willkommen, meine vielgetreuen Bürger
Aus Orleans! Wie steht’s um meine gute Stadt?
Fährt sie noch fort, mit dem gewohnten Mut
Dem Feind zu widerstehn, der sie belagert?

Ratsherr.
Ach, Sire! Es drängt die höchste Not, und stündlich wachsend
Schwillt das Verderben an die Stadt heran.
Die äußern Werke sind zerstört, der Feind
Gewinnt mit jedem Sturme neuen Boden.
Entblößt sind von Verteidigern die Mauern,
Denn rastlos fechtend fällt die Mannschaft aus;
Doch Wen’ge sehn die Heimatpforte wieder,
Und auch des Hungers Plage droht der Stadt.
Drum hat der edle Graf Rochepierre,
Der drin befiehlt, in dieser höchsten Not
Vertragen mit dem Feind, nach altem Brauch,
Sich zu ergeben auf den zwölften Tag,
Wenn binnen dieser Zeit kein Heer im Feld
Erschien, zahlreich genug, die Stadt zu retten.

(Dunois macht eine heftige Bewegung des Zorns.)

Karl.
Die Frist ist kurz.

Ratsherr.
Und jetzo sind wir hier
Mit Feinds Geleit, dass wir dein fürstlich Herz
Anflehen, deiner Stadt dich zu erbarmen,
Und Hilf’ zu senden binnen dieser Frist,
Sonst übergibt er sie am zwölften Tage.

Dunois.
Saintrailles konnte seine Stimme geben
Zu solchem schimpflichen Vertrag?

Ratsherr.
Nein, Herr!
Solang der Tapfre lebte, durfte nie
Die Rede sein von Fried’ und Übergabe.

Dunois.
So ist er tot!

Ratsherr.
An unsern Mauern sank
Der edle Held für seines Königs Sache.

Karl.
Saintrailles tot! O, in dem einz’gen Mann
Sinkt mir ein Heer!

(Ein Ritter kommt und spricht einige Worte leise mit dem Bastard, welcher betroffen auffährt.)

Dunois.
Auch das noch!

Karl.
Nun! Was gibt’s?

Dunois.
Graf Douglas sendet her. Die schott’schen Völker
Empören sich und drohen abzuziehen,
Wenn sie nicht heut den Rückstand noch erhalten.

Karl.
Du Chatel!

Du Chatel (zuckt die Achseln).
Sire! Ich weiß nicht Rat.

Karl.
Versprich,
Verpfände was du hast, mein halbes Reich –

Du Chatel.
Hilft nichts! Sie sind zu oft vertröstet worden!

Karl.
Es sind die besten Truppen meines Heers!
Sie sollen mich jetzt nicht, nicht jetzt verlassen!

Ratsherr (mit einem Fußfall).
O König, hilf uns! Unsrer Not gedenke!

Karl (verzweiflungsvoll).
Kann ich Armeen aus der Erde stampfen?
Wächst mir ein Kornfeld in der flachen Hand?
Reißt mich in Stücken, reißt das Herz mir aus,
Und münzet es statt Goldes! Blut hab’ ich
Für euch, nicht Silber hab’ ich, noch Soldaten!

(Er sieht die Sorel herein treten, und eilt ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen.)


Vierter Auftritt

Agnes Sorel, ein Kästchen in der Hand, zu den Vorigen.

Karl.
O meine Agnes! Mein geliebtes Leben!
Du kommst, mich der Verzweiflung zu entreißen!
Ich habe dich, ich flieh’ an deine Brust,
Nichts ist verloren, denn du bist noch mein.

Sorel.
Mein teurer König!

(Mit ängstlich fragendem Blick umherschauend.)

Dunois! Ist’s wahr?
Du Chatel?

Du Chatel.
Leider!

Sorel.
Ist die Not so groß?
Es fehlt an Sold? Die Truppen wollen abziehn?

Du Chatel.
Ja leider ist es so!

Sorel (ihm das Kästchen aufdringend).
Hier, hier ist Gold,
Hier sind Juwelen – Schmelzt mein Silber ein –
Verkauft, verpfändet meine Schlösser – Leihet
Auf meine Güter in Provence – Macht alles
Zu Geld und befriedigt die Truppen.
Fort! Keine Zeit verloren!

(Treibt ihn fort.)

Karl.
Nun, Dunois? Nun, Du Chatel? Bin ich euch
Noch arm, da ich die Krone aller Frauen
Besitze? – Sie ist edel wie ich selbst
Geboren, selbst das königliche Blut
Der Valois ist nicht reiner, zieren würde sie
Den ersten Thron der Welt – doch sie verschmäht ihn,
Nur meine Liebe will sie sein und heißen.
Erlaubte sie mir jemals ein Geschenk
Von höherm Wert, als eine frühe Blume
Im Winter oder seltne Frucht! Von mir
Nimmt sie kein Opfer an, und bringt mir alle!
Wagt ihren ganzen Reichtum und Besitz
Großmütig an mein untersinkend Glück.

Dunois.
Ja, sie ist eine Rasende, wie du
Und wirft ihr alles in ein brennend Haus,
Und schöpft ins lecke Fass der Danaiden.
Dich wird sie nicht erretten, nur sich selbst
Wird sie mit dir verderben –

Sorel.
Glaub’ ihm nicht!
Er hat sein Leben zehnmal für dich
Gewagt und zürnt, dass ich mein Gold jetzt wage.
Wie? Hab ich dir nicht alles froh geopfert,
Was mehr geachtet wird, als Gold und Perlen,
Und sollte jetzt mein Glück für mich behalten?
Komm! Lass uns allen überflüss’gen Schmuck
Des Lebens von uns werfen! Lass mich dir
Ein edles Beispiel der Entsagung geben!
Verwandle deinen Hofstaat in Soldaten,
Dein Gold in Eisen, alles, was du hast,
Wirf es entschlossen hin nach deiner Krone!
Komm! Komm! Wir teilen Mangel und Gefahr!
Das kriegerische Ross lass uns besteigen,
Den zarten Leib dem glühnden Pfeil der Sonne
Preisgeben, die Gewölke über uns
Zur Decke nehmen und den Stein zum Pfühl.
Der raue Krieger wird sein eignes Weh’
Geduldig tragen, sieht er seinen König,
Dem Ärmsten gleich, ausdauern und entbehren!

Karl (lächelnd).
Ja, nun erfüllt sich mir ein altes Wort
Der Weissagung, das eine Nonne mir
Zu Clermont im prophet’schen Geiste sprach.
Ein Weib, verhieß die Nonne, würde mich
Zum Sieger machen über alle Feinde,
Und meiner Väter Krone mir erkämpfen.
Fern sucht’ ich sie im Feindeslager auf,
Das Herz der Mutter hofft’ ich zu versöhnen,
Hier steht die Heldin, die nach Rheims mich führt,
Durch meiner Agnes Liebe werd’ ich siegen!

Sorel.
Du wirst’s durch deiner Freunde tapfres Schwert.

Karl.
Auch von der Feinde Zwietracht hoff’ ich viel –
Denn mir ist sichre Kunde zugekommen,
Dass zwischen diesen stolzen Lords von England
Und meinem Vetter von Burgund nicht alles mehr
So steht wie sonst – Drum hab’ ich den La Hire
Mit Botschaft an den Herzog abgefertigt,
Ob mir’s gelänge, den erzürnten Pair
Zur alten Pflicht und Treu zurückzuführen. –
Mit jeder Stunde wart’ ich seiner Ankunft.

Du Chatel (am Fenster).
Der Ritter sprengt soeben in den Hof.

Karl.
Willkommner Bote! Nun, so werden wir
Bald wissen, ob wir weichen oder siegen.


Fünfter Auftritt

La Hire zu den Vorigen.

Karl (geht ihm entgegen).
La Hire! Bringst du uns Hoffnung oder keine?
Erklär’ dich kurz. Was hab’ ich zu erwarten?

La Hire.
Erwarte nichts mehr, als von deinem Schwert.

Karl.
Der stolze Herzog lässt sich nicht versöhnen!
O sprich! Wie nahm er meine Botschaft auf?

La Hire.
Vor allen Dingen, und bevor er noch
Ein Ohr dir könne Leihen, fordert er,
Dass ihm Du Chatel ausgeliefert werde,
Den er den Mörder seines Vaters nennt.

Karl.
Und, weigern wir uns dieser Schmachbedingung?

La Hire.
Dann sei der Bund zertrennt, noch eh’ er anfing.

Karl.
Hast du ihn drauf, wie ich dir anbefahl,
Zum Kampf mit mir gefordert auf der Brücke
Zu Montereau, allwo sein Vater fiel?

La Hire.
Ich warf ihm deinen Handschuh hin und sprach:
Du wolltest deiner Hoheit dich begeben
Und als ein Ritter kämpfen um dein Reich.
Doch er versetzte: Nimmer tät’s ihm Not,
Um das zu fechten, was er schon besitze.
Doch wenn dich so nach Kämpfen lüstete,
So würdest du vor Orleans ihn finden,
Wohin er morgen Willens sei zu gehen.
Und damit kehrt er lachend mir den Rücken.

Karl.
Erhob sich nicht in meinem Parlamente
Die reine Stimme der Gerechtigkeit?

La Hire.
Sie ist verstummt vor der Parteien Wut.
Ein Schluss des Parlaments erklärte dich
Des Throns verlustig, dich und dein Geschlecht.

Dunois.
Ha, frecher Stolz des Herr gewordnen Bürgers!

Karl.
Hast du bei meiner Mutter nichts versucht?

La Hire.
Bei deiner Mutter!

Karl.
Ja! Wie ließ sie sich vernehmen?

La Hire (nachdem er einige Augenblicke sich bedacht).
Es war gerad’ das Fest der Königskrönung,
Als ich zu Saint Denis eintrat. Geschmückt,
Wie zum Triumphe, waren die Pariser;
In jeder Gasse stiegen Ehrenbogen,
Durch die der engelländ’sche König zog.
Bestreut mit Blumen war der Weg, und jauchzend,
Als hätte Frankreich seinen schönsten Sieg
Erfochten, sprang der Pöbel um den Wagen.

Sorel.
Sie jauchzen – jauchzten, dass sie auf das Herz
Des liebevollen, sanften Königs traten!

La Hire.
Ich sah den jungen Harry Lancaster,
Den Knaben, auf dem königlichen Stuhl
Sankt Ludwigs sitzen; seine stolzen Öhme
Bedford und Gloster standen neben ihm,
Und Herzog Philipp kniet’ am Throne nieder
Und leistete den Eid für seien Länder.

Karl.
O ehrvergessner Pair! Unwürd’ger Vetter!

La Hire.
Das Kind war bang und strauchelte, da es
Die hohen Stufen an dem Thron hinan stieg.
Ein böses Omen! Murmelte das Volk,
Und es erhub sich schallendes Gelächter.
Da trat die alte Königin, deine Mutter,
Hinzu, und – mich entrüstet es zu sagen!

Karl.
Nun?

La Hire.
In die Arme fasste sie den Knaben,
Und setzt’ ihn selbst auf deines Vaters Stuhl.

Karl.
O Mutter! Mutter!

La Hire.
Selbst die wütenden
Burgundier, die Mord gewohnten Banden,
Erglüheten vor Scham bei diesem Anblick.
Sie nahm es wahr, und an das Volk gewendet,
Rief sie mit lauter Stimm’: Dankt mir’s, Franzosen,
Dass ich den kranken Stamm mit reinem Zweig
Veredle, euch bewahre vor dem miss-
Gebornen Sohn des hirnverrückten Vaters!

(Der König verhüllt sich, Agnes eilt auf ihn zu und schließt ihn in ihre Arme, alle Umstehenden drücken ihren Abscheu, ihr Entsetzen aus.)

Dunois.
Die Wölfin! Die wutschnaubende Megäre!

Karl (nach einer Pause zu den Ratsherren).
Ihr habt gehört, wie hier die Sachen stehn.
Verweilt nicht länger, geht nach Orleans
Zurück, und meldet meiner treuen Stadt:
Des Eides gegen mich entlass ich sie.
Sie mag ihr Heil beherzigen und sich
Der Gnade des Burgundiers ergeben;
Er heißt der Gute, er wird menschlich sein.

Dunois.
Wie, Sire? Du wolltest Orleans verlassen!

Ratsherr (kniet nieder).
Mein königlicher Herr! Zieh deine Hand
Nicht von uns ab! Gib deine treue Stadt
Nicht unter Englands harte Herrschaft hin.
Sie ist ein edler Stein in deiner Krone,
Und keine hat den Königen, deinen Ahnherrn,
Die Treue heiliger bewahrt.

Dunois.
Sind wir
Geschlagen? Ist’s erlaubt, das Feld zu räumen,
Eh noch ein Schwertstreich um die Stadt geschehn?
Mit einem leichten Wörtlein, ehe Blut
Geflossen ist, denkst du die beste Stadt
Aus Frankreichs Herzen weg zu geben?

Karl.
Gnug
Des Blutes ist geflossen und vergebens!
Des Himmels schwere Hand ist gegen mich,
Geschlagen wird mein Heer in allen Schlachten,
Mein Parlament verwirft mich, meine Hauptstadt,
Mein Volk nimmt meinen Gegner jauchzend auf,
Die mir die Nächsten sind am Blut, verlassen,
Verraten mich – die eigne Mutter nährt
Die fremde Feindesbrut an ihren Brüsten.
– Wir wollen jenseits der Loire uns ziehn
Und der gewalt’gen Hand des Himmels weichen,
Der mit dem Engelländer ist.

Sorel.
Das wolle Gott nicht, dass wir, an uns selbst
Verzweifelnd, diesem Reich den Rücken wenden!
Dies Wort kam nicht aus deiner tapfern Brust.
Der Mutter unnatürlich rohe Tat
Hat meines Königs Heldenherz gebrochen!
Du wirst dich wieder finden, männlich fassen,
Mit edelm Mute dem Schicksal widerstehn,
Das grimmig dir entgegen kämpft.

Karl (in düstres Sinnen verloren).
Ist es nicht wahr?
Ein finster furchtbares Verhängnis waltet
Durch Valois Geschlecht, es ist verworfen
Von Gott, der Mutter Lastertaten führten
Die Furien herein in dieses Haus.
Mein Vater lag im Wahnsinn zwanzig Jahre,
Drei ältre Brüder hat der Tod vor mir
Hinweggemäht, es ist des Himmels Schluss,
Das Haus des sechsten Karls soll untergehn.

Sorel.
In dir wird es sich neu verjüngt erheben!
Hab Glauben an dich selbst. O! Nicht umsonst
Hat dich ein gnädig Schicksal aufgespart,
Von deinen Brüdern allen dich, den jüngsten,
Gerufen auf den ungehofften Thron.
In deiner sanften Seele hat der Himmel
Den Arzt für alle Wunden sich bereitet,
Die der Parteien Wut dem Lande schlug.
Des Bürgerkrieges Flammen wirst du löschen,
Mir sagt’s das Herz, den Frieden wirst du pflanzen,
Des Frankenreiches neuer Stifter sein.

Karl.
Nicht ich. Die raue, sturmbewegte zeit
Heischt einen kraftbegabtern Steuermann.
Ich hätt’ ein friedlich Volk beglücken können,
Ein wild empörtes kann ich nicht bezähmen,
Nicht mir die Herzen öffnen mit dem Schwert,
Die sich entfremdet mir in Hass verschließen.

Sorel.
Verblendet ist das Volk, ein Wahn betäubt es,
Doch dieser Taumel wird vorübergehn,
Erwachen wird, nicht fern mehr ist der Tag,
Die Liebe zu dem angestammten König,
Die tief gepflanzt ist in des Franken Brust,
Der alte Hass, die Eifersucht erwachen,
Die beide Völker ewig feindlich trennt;
Den stolzen Sieger stürzt sein eignes Glück.
Darum verlasse nicht mit Übereilung
Den Kampfplatz, ring’ um jeden Fußbreit Erde,
Wie deine eigne Brust verteidige
Dies Orleans! Lass alle Fähren lieber
Versenken, alle Brücken niederbrennen,
Die über diese Scheide deines Reichs,
Das styg’sche Wasser der Loire, dich führen.

Karl.
Was ich vermocht, hab’ ich getan. Ich habe
Mich dargestellt zum ritterlichen Kampf
Um meine Krone. – Man verweigert ihn.
Umsonst verschwend’ ich meines Volkes Leben,
Und meine Städte sinken in den Staub.
Soll ich gleich jener unnatürlichen Mutter
Mein Kind zerteilen lassen mit dem Schwert?
Nein, dass es lebe, will ich ihm entsagen.

Dunois.
Wie, Sire, ist das die Sprache eines Königs?
Gibt man so eine Krone auf? Es setzt
Der Schlechtste deines Volkes Gut und Blut
An seine Meinung, seinen Hass und Liebe;
Partei wird alles, wenn das blut’ge Zeichen
Des Bürgerkrieges ausgehangen ist.
Der Ackersmann verlässt den Pflug, das Weib
Den Rocken, Kinder, Greise waffnen sich,
Der Bürger zündet seine Stadt, der Landmann
Mit eignen Händen seine Saaten an,
Um dir zu schaden oder wohl zu tun
Und seines Herzens Wollen zu behaupten.
Nichts schont er selber und erwartet sich
Nicht Schonung, wenn die Ehre ruft, wenn er
Für seine Götter oder seine Götzen kämpft.
Drum weg mit diesem weichlichen Mitleiden,
Das einer Königsbrust nicht ziemt. – Lass du
Den Krieg ausrasen, wie er angefangen,
Du hast ihn nicht leichtsinnig selbst entflammt.
Für seinen König muss das Volk sich opfern,
Das ist das Schicksal und Gesetz der Welt.
Der Franke weiß es nicht und will’s nicht andres.
Nichtswürdig ist die Nation, die nicht
Ihr alles freudig setzt an ihre Ehre.

Karl (zu den Ratsherren).
Erwartet seinen anderen Bescheid.
Gott schütz euch. Ich kann nicht mehr.

Dunois.
Nun so kehre
Der Siegesgott auf ewig dir den Rücken,
Wie du dem väterlichen Reich. Du hast
Dich selbst verlassen, so verlass ich dich.
Nicht Englands und Burgunds vereinte Macht,
Dich stürzt der eigne Kleinmut von dem Thron.
Die Könige Frankreichs sind geborne Helden,
Du aber bist unkriegerisch gezeugt.

(Zu den Ratsherren.)

Der König gibt euch auf. Ich aber will
In Orleans, meines Vaters Stadt, mich werfen
Und unter ihren Trümmern mich begraben.

(Er will gehen. Agnes Sorel hält ihn auf.)

Sorel (zum König).
O lass ihn nicht im Zorne von dir gehen!
Sein Mund spricht raue Worte, doch sein Herz
Ist treu, wie Gold; es ist derselbe doch,
Der Warm dich liebt und oft für dich geblutet.
Kommt, Dunois! Gesteht, dass euch die Hitze
Des edlen Zorns zu weit geführt – Du aber
Verzeih dem treuen Freund die heft’ge Rede!
O kommt, kommt! Lasst mich eure Herzen schnell
Vereinigen, eh sich der rasche Zorn
Unlöschbar, der verderbliche, entflammt!

(Dunois fixiert den König und scheint eine Antwort zu erwarten.)

Karl (zu Du Chatel).
Wir gehen über die Loire. Lass mein
Gerät zu Schiffe bringen!

Dunois (schnell zu Sorel).
Lebt wohl!

(Wendet sich schnell und geht, Ratsherren folgen.)

Sorel (ringt verzweiflungsvoll die Hände).
O wenn er geht, so sind wir ganz verlassen!
– Folgt ihm, La Hire. O sucht ihn zu begüt’gen.

(La Hire geht ab.)


Sechster Auftritt

Karl. Sorel. Du Chatel.

Karl.
Ist denn die Krone ein so einzig Gut?
Ist es so bitter schwer, davon zu scheiden?
Ich kenne, was noch schwerer sich erträgt.
Von diesen trotzig herrischen Gemütern
Sich meistern lassen, von der Gnade leben
Hochsinnig eigenwilliger Vasallen,
Das ist das Harte für ein edles Herz,
Und bittrer, als dem Schicksal unterliegen!

(Zu Du Chatel, der noch zaudert.)

Tu, was ich dir befohlen!

Du Chatel (wirft sich zu seinen Füßen).
O mein König!

Karl.
Es ist beschlossen. Keine Worte weiter!

Du Chatel.
Mach Frieden mit dem Herzog von Burgund,
Sonst seh ich keine Rettung mehr für dich.

Karl.
Du rätst mir dieses, und dein Blut ist es,
Womit ich diesen Frieden soll versiegeln?

Du Chatel.
Hier ist mein Haupt. Ich hab’ es oft für dich
Gewagt in Schlachten, und ich leg’ es jetzt
Für dich mit Freuden auf das Blutgerüste.
Befriedige den Herzog! Überliefre mich
Der ganzen Strenge seines Zorns, und lass
Mein fließend Blut den alten Hass versöhnen!

Karl (blickt ihn eine Zeit lang gerührt und schweigend an).
Ist es denn wahr? Steht es so schlimm mit mir,
Dass meine Freunde, die mein Herz durchschauen,
Den Weg der Schande mir zur Rettung zeigen?
Ja, jetzt erkenn’ ich meinen tiefen Fall,
Denn das Vertraun ist hin auf meine Ehre.

Du Chatel.
Bedenk’ –

Karl.
Kein Wort mehr! Bringe mich nicht auf!
Müsst’ ich zehn Reiche mit dem Rücken schauen,
Ich rette mich nicht mit des Freundes Leben.
– Tu, was ich dir befohlen. Geh und lass
Mein Heergerät einschiffen.

Du Chatel.
Es wird schnell
Getan sein.

(Steht auf und geht, Agnes Sorel weint heftig.)


Siebenter Auftritt

Karl und Sorel.

Karl (ihre Hand fassend).
Sei nicht traurig, meine Agnes.
Auch jenseits der Loire liegt noch ein Frankreich,
Wir gehen in ein glücklicheres Land.
Da lacht ein milder, nie bewölkter Himmel,
Und leichtre Lüfte wehn, und sanftre Sitten
Empfangen uns; da wohnen die Gesänge,
Und schöner blüht das Leben und die Liebe.

Sorel.
O, muss ich diesen Tag des Jammers schauen!
Der König muss in die Verbannung gehen,
Der Sohn auswandern aus des Vaters Hause
Und seine Wiege mit dem Rücken schauen.
O angenehmes Land, das wir verlassen,
Nie werden wir dich freudig mehr betreten.


Achter Auftritt

La Hire kommt zurück. Karl und Sorel.

Sorel.
Ihr kommt allein. Ihr bringt ihn nicht zurück?

(Indem sie ihn näher ansieht.)

La Hire! Was gibt’s? Was sagt mir euer Blick?
Ein neues Unglück ist geschehn!

La Hire.
Das Unglück
Hat sich erschöpft, und Sonnenschein ist wieder!

Sorel.
Was ist’s! Ich bitt’ euch.

La Hire (zum König).
Ruf die Abgesandten
Von Orleans zurück!

Karl.
Warum? Was gibt’s?

La Hire.
Ruf sie zurück! Dein Glück hat sich gewendet,
Ein Treffen ist geschehn, du hast gesiegt.

Sorel.
Gesiegt! O himmlische Musik des Wortes!

Karl.
La Hire! Dich täsucht ein fabelhaft Gerücht.
Gesiegt! Ich glaub’ an keine Siege mehr.

La Hire.
O du wirst bald noch größre Wunder glauben.
– Da kommt der Erzbischof. Er führt den Bastard
In deinen Arm zurück –

Sorel.
O schöne Blume
Des Siegs, die gleich die edeln Himmelsfrüchte,
Fried’ und Versöhnung, trägt!


Neunter Auftritt

Erzbischof von Rheims. Dunois. Du Chatel mit Raoul, einem geharnischten Ritter, zu den Vorigen.

Erzbischof (führt den Bastard zu dem König und legt ihre Hände ineinander).
Umarmt euch, Prinzen!
Lasst allen Groll und Hader jetzo schwinden,
Da sich der Himmel selbst für uns erklärt.

(Dunois umarmt den König.)

Karl.
Reißt mich aus meinem Zweifel und Erstaunten.
Was kündigt dieser feierliche Ernst mir an?
Was wirkte diesen schnellen Wechsel?

Erzbischof (führt den Ritter hervor und stellt ihn vor den König).
Redet!

Raoul.
Wir hatten sechzehn Fähnlein aufgebracht,
Lothringisch Volk, zu deinem Heer zu stoßen,
Und Ritter Baudricour aus Vaucouleurs
War unser Führer. Als wir nun die Höhen
Bei Vermanton erreicht und in das Tal,
Das die Yonne durchströmt, herunter stiegen,
Da stand in weiter Ebene vor uns der Feind,
Und Waffen blitzten, da wir rückwärts sahn.
Umrungen sahn wir uns von beiden Heeren,
Nicht Hoffnung war zu siegen noch zu fliehn;
Da sank dem Tapfersten das Herz, und alles,
Verzweiflungsvoll, will schon die Waffen strecken.
Als nun die Führer miteinander noch
Rat suchten und nicht fanden – sieh, da stellte sich
Ein seltsam Wunder unsern Augen dar!
Denn aus der Tiefe des Gehölzes plötzlich
Trat eine Jungfrau, mit behelmtem Haupt
Wie eine Kriegsgöttin, schön zugleich
Und schrecklich anzusehn, um ihren Nacken
In dunkeln Ringen fiel das Haar, ein Glanz
Vom Himmel schien die Hohe zu umleuchten,
Als sie die Stimm’ erhub und also sprach:
Was zagt ihr, tapfre Franken! Auf den Feind!
Und wären sein mehr denn des Sands im Meere,
Gott und die heil’ge Jungfrau führt euch an!
Und schnell dem Fahnenträger aus der Hand
Riss sie die Fahn’, und vor dem Zuge her
Mit kühnem Anstand schritt die Mächtige.
Wir, stumm vor Staunen, selbst nicht wollend, folgen
Der hohen Fahn’ und ihrer Trägerin,
Und auf den Feind gerad’ an stürmen wir.
Der, hoch betroffen, steht bewegungslos,
Mit weit geöffnet starrem Blick das Wunder
Anstaunend, das sich seinen Augen zeigt –
Doch schnell, als hätten Gottes Schrecken ihn
Ergriffen, wendet er sich um
Zur Flucht, und Wehr und Waffen von sich werfend
Entschart das ganze Heer sich im Gefilde;
Da hilft kein Machtwort, keines Führers Ruf,
Vor Schrecken sinnlos, ohne rückzuschaun,
Stürzt Mann und Ross sich in des Flusses Bette,
Und lässt sich würgen ohne Widerstand,
Ein Schlachten war’s, nicht eine Schlacht zu nennen!
Zweitausend Feinde deckten das Gefild,
Die nicht gerechnet, die der Fluss verschlang,
Und von den unsern ward kein Mann vermisst.

Karl.
Seltsam, bei Gott! Höchst wunderbar und seltsam!

Sorel.
Und eine Jungfrau wirkte dieses Wunder?
Wo kam sie her? Wer ist sie?

Raoul.
Wer sie sei,
Will sie allein dem König offenbaren.
Sie nennt sich eine Seherin und Gott-
Gesendete Prophetin und verspricht,
Orleans zu retten, eh der Mond noch wechselt.
Ihr glaubt das Volk und dürstet nach Gefechten.
Sie folgt dem Heer, gleich wird sie selbst hier sein.

(Man hört Glocken und ein Geklirr von Waffen, die aneinander geschlagen werden.)

Hört ihr den Auflauf? Das Geläut der Glocken?
Sie ist’s, das Volk begrüßt die Gottgesandte.

Karl (zu Du Chatel).
Führt sie herein –

(Zum Erzbischof.)

Was soll ich davon denken?
Ein Mädchen bringt mir Sieg und eben jetzt,
Da nur ein Götterarm mich retten kann!
Das ist nicht in dem Laufe der Natur,
Und darf ich – Bischof, darf ich Wunder glauben?

Viele Stimmen (hinter der Szene).
Heil, Heil der Jungfrau, der Erretterin!

Karl.
Sie kommt!

(Zu Dunois.)

Nehmt meinen Platz ein, Dunois!
Wir wollen dieses Wundermädchen prüfen.
Ist sie begeistert und von Gott gesandt,
Wird sie den König zu entdecken wissen.

(Dunois setzt sich, der König steht zu seiner Rechten, neben ihm Agnes Sorel, der Erzbischof mit den Übrigen gegenüber, dass der mittlere Raum leer bleibt.)


Zehnter Auftritt

Die Vorigen. Johanna, begleitet von den Ratsherren und vielen Rittern, welche den Hintergrund der Szene anfüllen; mit edelm Anstand tritt sie vorwärts, und schaut die Umstehenden der Reihe nach an.

Dunois (nach einer tiefen feierlichen Stille).
Bist du es, wunderbares Mädchen –

Johanna (unterbricht ihn, mit Klarheit und Hoheit ihn anschauend).
Bastard von Orleans! Du willst Gott versuchen!
Steht auf von diesem Platz, der dir nicht ziemt!
An diesen Größeren bin ich gesendet.

(Sie geht mit entschiedenem Schritt auf den König zu, beugt ein Knie vor ihm und steht sogleich wieder auf, zurücktretend. Alle Anwesenden drücken ihr Erstaunen aus. Dunois verlässt seinen Sitz, und es wird Raum vor dem König.)

Karl.
Du siehst mein Antlitz heut zum ersten Mal.
Von wannen kommt dir diese Wissenschaft?

Johanna.
Ich sah dich, wo dich niemand sah, als Gott.

(Sie nähert sich dem König und spricht geheimnisvoll.)

In jüngst verwichner Nacht, besinne dich!
Als alles um dich her in tiefem Schlaf
Begraben lag, da standest du auf von deinem Lager,
Und tatst ein brünstiges Gebet zu Gott.
Lass die hinausgehn, und ich nenne dir
Den Inhalt des Gebets.

Karl.
Was ich dem Himmel
Vertraut, brauch’ ich vor Menschen nicht zu bergen.
Entdecke mir den Inhalt meines Flehns,
So zweifl’ ich nicht mehr, dass dich Gott begeistert.

Johanna.
Es waren drei Gebete, die du tatst,
Gib wohl Acht, Dauphin, ob ich dir sie nenne!
Zum ersten flehtest du den Himmel an,
Wenn unrecht Gut an dieser Krone hafte,
Wenn eine andre schwere Schuld, noch nicht
Gebüßt, von deiner Väter Zeiten her,
Diesen tränenvollen Krieg herbeigerufen,
Dich zum Opfer anzunehmen für dein Volk,
Und auszugießen auf dein einzig Haupt
Die ganze Schale seines Zorns.

Karl (tritt mit Schrecken zurück).
Wer bist du, mächtig Wesen? Woher kommst du?

(Alle zeigen ihr Erstaunen.)

Johanna.
Du tatst dem Himmel diese zweite Bitte:
Wenn es sein hoher Schluss und Wille sei,
Das Szepter deinem Stamme zu entwinden,
Dir alles zu entziehn, was deine Väter
Die Könige in diesem Reich besaßen,
Drei einz’ge Güter flehtest du ihn an
Dir zu bewahren, die zufriedne Brust,
Des Freundes Herz und einer Agnes Liebe.

(Der König verbirgt das Gesicht heftig weinend; große Bewegung des Erstaunens unter den Anwesenden. Nach einer Pause.)

Soll ich dein dritt’ Gebet dir nun noch nennen?

Karl.
Genug! Ich glaube dir! So viel vermag
Kein Mensch! Dich hat der höchste Gott gesendet.

Erzbischof.
Wer bist du, heilig wunderbares Mädchen?
Welch glücklich Land gebar dich? Sprich! Wer sind
Die Gott geliebten Eltern, die dich zeugten?

Johanna.
Ehrwürd’ger Herr, Johanna nennt man mich.
Ich bin nur eine Hirten niedre Tochter
Aus meines Königs Flecken Dom Remi,
Der in dem Kirchensprengel liegt von Toul,
Und hütete die Schafe meines Vaters
Von Kind auf – Und ich hörte viel und oft
Erzählen von dem fremden Inselvolk,
Das über Meer gekommen, uns zu Knechten
Zu machen, und den fremd gebornen Herrn
Uns aufzuzwingen, der das Volk nicht liebt;
Und dass sie schon die große Stadt Paris
Inn’ hätten und des Reiches sich ermächtigt.
Da rief ich flehend Gottes Mutter an,
Von uns zu wenden fremder Ketten Schmach,
Uns den einheim’schen König zu bewahren.
Und vor dem Dorf, wo ich geboren, steht
Ein uralt Muttergottesbild, zu dem
Der frommen Pilgerfahrten viel geschahn,
Und eine heil’ge Eiche steht darneben,
Durch vieler Wunder Segenskraft berühmt.
Und in der Eiche Schatten saß ich gern,
Die Herde weidend, denn mich zog das Herz.
Und ging ein Lamm mir in den wüsten Bergen
Verloren, immer zeigte mir’s der Traum,
Wenn ich im Schatten dieser Eiche schlief.
– Und einsmals, als ich eine lange Nacht
In frommer Andacht unter diesem Baum
Gesessen und dem Schlafe widerstand,
Da trat die Heilige zu mir, ein Schwert
Und Fahne tragend, aber sonst wie ich
Als Schäferin gekleidet, und sie sprach zu mir:
“Ich bin’s. Steh auf, Johanna! Lass die Herde.
Dich ruft der Herr zu einem anderen Geschäft!
Nimm diese Fahne! Dieses Schwert umgürte dir!
Damit vertilge meines Volkes Feinde,
Und führe deines Herren Sohn nach Rheims,
Und krön’ ihn mit der königlichen Krone!“
Ich aber sprach: Wie kann ich solcher Tat
Mich unterwinden, eine zarte Magd,
Unkundig des verderblichen Gefechts!
Und sie versetzte: „Eine reine Jungfrau
„Vollbringt jedwedes Herrliche auf Erden,
Wenn sie der ird’schen Liebe widersteht.
Sieh mich an! Eine keusche Magd wie du
Hab’ ich den Herrn, den göttlichen, geboren,
Und göttlich bin ich selbst!“ – Und sie berührte
Mein Augenlied, und als ich aufwärts sah,
Da war der Himmel voll von Engelknaben,
Die trugen weiße Lilien in der Hand,
Und süßer Ton verschwebte in den Lüften.
– Und so drei Nächte nacheinander ließ
Die Heilige sich sehn und rief: „Steh auf, Johanna!
Dich ruft der Herr zu einem anderen Geschäft.“
Und als sie in der dritten Nacht erschien,
Da zürnte sie, und scheltend sprach sie dieses Wort:
„Gehorsam ist des Weibes Pflicht auf Erden,
Das harte Dulden ist ihr schweres Los,
Durch strengen Dienst muss sie geläutert werden,
Die hier gedienet, ist dort oben groß.“
Und also sprechend ließ sie das Gewand
Der Hirtin fallen, und als Königin
Der Himmel stand sie da im Glanz der Sonnen,
Und goldne Wolken trugen sie hinauf,
Langsam verschwindend in das Land der Wonnen.

(Alle sind gerührt, Agnes Sorel, heftig weinend, verbirgt ihr Gesicht an des Königs Brust.)

Erzbischof (nach einem langen Stillschweigen).
Vor solcher göttlichen Beglaubigung
Muss jeder Zweifel ird’scher Klugheit schweigen.
Die Tat bewährt es, dass sie Wahrheit spricht,
Nur Gott allein kann solche Wunder wirken.

Dunois.
Nicht ihren Wundern, ihrem Auge glaub’ ich,
Der reinen Unschuld ihres Angesichts.

Karl.
Und bin ich Sünd’ger solcher Gnade wert?
Untrüglich allerforschend Aug’, du siehst
Mein Innerstes und kennest meine Demut!

Johanna.
Der hohen Demut leuchtet hell dort oben,
Du beugtest dich, drum hat er dich erhoben.

Karl.
So werd’ ich meinen Feinden widerstehn?

Johanna.
Bezwungen leg’ ich Frankreich dir zu Füßen!

Karl.
Und Orleans, sagst du, wird nicht übergehn?

Johanna.
Eh siehst du die Loire zurücke fließen.

Karl.
Werd’ ich nach Rheims als Überwinder ziehn?

Johanna.
Durch tausend Feinde führ’ ich dich dahin.

(Alle anwesenden Ritter erregen ein Getöse mit ihren Lanzen und Schilden, und geben Zeichen des Muts.)

Dunois.
Stell uns die Jungfrau an des Heeres Spitze,
Wir folgen blind, wohin die Göttliche
Uns führt! Ihr Seherauge soll uns leiten,
Und schützen soll sie dieses tapfre Schwert!

La Hire.
Nicht eine Welt in Waffen fürchten wir,
Wenn sie einher vor unsern Scharen zieht.
Der Gott des Sieges wandelt ihr zur Seite,
Sie führ’ uns an, die Mächtige, im Streite!

(Die Ritter erregen ein großes Waffengetös und treten vorwärts.)

Karl.
Ja, heilig Mädchen, führe du mein Heer,
Und seine Fürsten sollen dir gehorchen.
Dies Schwert der höchsten Kriegsgewalt, das uns
Der Kronfeldherr im Zorn zurückgesendet,
Hat eine würdigere Hand gefunden.
Empfange du es, heilige Prophetin,
Und sei fortan –

Johanna.
Nicht also, edler Dauphin!
Nicht durch dies Werkzeug irdischer Gewalt
Ist meinem Herrn der Sieg verliehn. Ich weiß
Ein ander Schwert, durch das ich siegen werde.
Ich will es dir bezeichnen, wie’s der Geist
Mich lehrte; sende hin und lass es holen.

Karl.
Nenn es, Johanna.

Johanna.
Sende nach der alten Stadt
Fierboys, dort, auf Sankt Kathrinens Kirchhof,
Ist ein Gewölb, wo vieles Eisen liegt,
Von alter Siegesbeute aufgehfäut.
Das Schwert ist drunter, das mir dienen soll.
An dreien goldnen Lilien ist’s zu kennen,
Die auf der Klinge eingeschlagen sind,
Dies Schwert lass holen, denn durch dieses wirst du siegen.

Karl.
Man sende hin und tue, wie sie sagt.

Johanna.
Und eine weiße Fahne lass mich tragen,
Mit einem Saum von Purpur eingefasst.
Auf dieser Fahne sei die Himmelskönigin
Zu sehen mit dem schönen Jesusknaben,
Die über einer Erdenkugel schwebt,
Denn also zeigte mir’s die heil’ge Mutter.

Karl.
Es sei so, wie du sagst.

Johanna (zum Erzbischof).
Ehrwürd’ger Bischof,
Legt eure priesterliche Hand auf mich
Und sprecht den Segen über eure Tochter!

(Kniet nieder.)

Erzbischof.
Du bist gekommen, Segen auszuteilen,
Nicht zu empfangen – Geh mit Gottes Kraft!
Wir aber sind Unwürdige und Sünder.

(Sie steht auf.)

Edelknecht.
Ein Herold kommt vom engelländ’schen Feldherrn.

Johanna.
Lass ihn eintreten, denn ihn sendet Gott!

(Der König winkt dem Edelknecht, der hinaus geht.)


Elfter Auftritt

Der Herold zu den Vorigen.

Karl.
Was bringst du, Herold? Sage deinen Auftrag!

Herold.
Wer ist es, der für Karln von Valois,
Den Grafen von Ponthieu, das Wort hier führt?

Dunois.
Nichtswürd’ger Herold! Niederträcht’ger Bube!
Erfrechst du dich, den König der Franzosen
Auf seinem eignen Boden zu verleugnen?
Dich schützt dein Wappenrock, sonst solltest du –

Herold.
Frankreich erkennt nur einen einz’gen König,
Und dieser lebt im engelländischen Lager.

Karl.
Sei ruhig, Vetter! Deinen Auftrag, Herold!

Herold.
Mein edler Feldherr, den des Blutes jammert,
Das schon geflossen und noch fließen soll,
Hält seiner Krieger Schwert noch in der Scheide,
Und ehe Orleans im Sturme fällt,
Lässt er noch gütlichen Vergleich dir bieten.

Karl.
Lass hören!

Johanna (tritt hervor).
Sire! Lass mich an deiner Statt
Mit diesem Herold reden.

Karl.
Tu das, Mädchen!
Entscheide du, ob Krieg sei oder Friede.

Johanna (zum Herold).
Wer sendet dich und spricht durch deinen Mund?

Herold.
Der Briten Feldherr, Graf von Salsbury.

Johanna.
Herold, du lügst! Der Lord spricht nicht durch dich,
Nur die Lebend’gen sprechen, nicht die Toten.

Herold.
Mein Feldherr lebt in Fülle der Gesundheit
Und Kraft, und lebt euch allen zum Verderben.

Johanna.
Er lebte, da du abgingst. Diesen Morgen
Streckt’ ihn ein Schuss aus Orleans zu Boden,
Als er vom Turm La Tournelle niedersah.
– Du lachst, weil ich Entferntes dir verkünde?
Nicht meiner Rede, deinen Augen glaube!
Begegnen wird dir seiner Leiche Zug,
Wenn deine Füße dich zurücke tragen!
Jetzt, Herold, sprich und sage deinen Auftrag.

Herold.
Wenn du Verborgnes zu enthüllen weißt,
So kennst du ihn, noch eh’ ich dir ihn sage.

Johanna.
Ich brauch’ ihn nicht zu wissen, aber du
Vernimm den meinen jetzt! Und diese Worte
Verkündige den Fürsten, die dich sandten!
– König von England und ihr Herzoge,
Bedford und Gloster, die das Reich verwesen!
Gebt Rechenschaft dem Könige des Himmels
Von wegen des vergossnen Blutes! Gebt
Heraus die Schlüssel alle von den Städten,
Die ihr bezwungen wider göttlich Recht!
Die Jungfrau kommt vom Könige des Himmels
Euch Frieden zu bieten oder blut’gen Krieg.
Wählt! Denn das sag’ ich euch, damit ihr’s wisset:
Euch ist das schöne Frankreich nicht beschieden
Vom Sohne der Maria – sondern Karl,
Mein Herr und Dauphin, dem es Gott gegeben,
Wird königlich einziehen zu Paris,
von allen Großen seines Reichs begleitet.
– Jetzt, Herold, geh und mach dich eilends fort,
Denn eh du noch das Lager magst erreichen
Und Botschaft bringen, ist die Jungfrau dort
Und pflanzt in Orleans das Siegeszeichen.

(Sie geht, alles setzt sich in Bewegung, der Vorhang fällt.)

Ü   Þ


1) Anmerkung in der ersten Ausgabe. René der Gute, Graf von Provence, aus dem Hause Anjou; sein Vater und Bruder waren Könige von Neapel, und er selbst machte nach seines Bruders Tod Anspruch auf dieses Reich, scheiterte aber in der Unternehmung. Er suchte die alte provenzalische Poesie und die Cour d’amour wieder herzustellen und setzte einen Prince d’amour ein als höchsten Richter in Sachen der Galanterie und Liebe. In demselben romantischen Geist machte er sich mit seiner Gemahlin zum Schäfer. ­

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