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Siebente Szene

Eine abgelegene Gegend des Parks, ringsum eingeschlossen, von anziehendem, etwas schwermütigem Charakter.

v. Hutten (tritt auf, mit sich selbst redend). Dass ihr dieses Namens so wert wäret, als er mir heilig ist! – Mensch! Herrliche, hohe Erscheinung! Schönster von allen Gedanken des Schöpfers! Wie reich, wie vollendet gingst du aus seinen Händen! Welche Wohllaute schliefen in deiner Brust, ehe deine Leidenschaft das goldne Spiel zerstörte!

Alles um dich und über dir sucht und findet das schöne Maß der Vollendung – Du allein stehst unreif und missgestaltet in dem untadeligen Plan. Von keinem Auge ausgespäht, von keinem Verstande bewundert, ringt in der schweigenden Muschel die Perle, ringt der Kristall in den Tiefen der Berge nach der schönsten Gestalt; wohin nur dein Auge blickt – der einstimmige Fleiß aller Wesen, das Geheimnis der Kräfte zur Verkündigung zu bringen. Dankbar tragen alle Kinder der Natur der zufriedenen Mutter die gereiften Früchte entgegen, und wo sie gesäet hat, findet sie eine Ernte – Du allein, ihr liebster, ihr beschenktester Sohn, bleibst aus – nur was sie dir gab, findet sie nicht wieder, erkennt sie in seiner entstellten Schönheit nicht mehr.

Sei vollkommen! Zahllose Harmonien schlummern in dir, auf dein Geheiß zu erwachen – Rufe sie heraus durch deine Vortrefflichkeit! Fehlte je der schöne Lichtstrahl in deinem Auge, wenn die Freude dein Herz durchglühte, oder die Anmut auf deinen Wangen, wenn die Milde durch deinen Busen floss? Kannst du es dulden, dass das Gemeine, das Vergängliche in dir das Edle, das Unsterbliche beschäme?

Dich zu beglücken ist der Kranz, um den alle Wesen buhlen, wonach alle Schönheit ringt – diene wilde Begierde strebt diesem gütigen Willen entgegen, gewaltsam verkehrst du die wohltätigen Zwecke der Natur – Fülle des Lebens hat die freundliche um dich her gebreitet, und Tod nötigst du ihr ab. Dein Hass schärfte das friedliche Eisen zum Schwerte; mit Verbrechen und Flüchen belastet deine Habsucht das schuldlose Gold, an deiner unmäßigen Lippe wird das Leben des Weinstocks zum Gifte. Unwillig dient das Vollkommene deinen Lastern, aber deine Laster stecken es nicht an. Rein bewahrt sich das missbrauchte Werkzeug in deinem unreinen Dienste. Seine Bestimmung kannst du ihm rauben, aber nie den Gehorsam, womit es ihr dienet. Sei menschlich oder sei Barbar – mit gleich kunstreichem Schlage wird das folgsame Herz deinen Hass und deine Sanftmut begleiten.

Lehre mich deine Genügsamkeit, deinen ruhigen Gleichmut, Natur – Treu, wie du, habe ich an der Schönheit gehangen, von dir lass’ mich lernen die verfehlte Lust des Beglückens verschmerzen. Aber damit ich den zarten Willen bewahre, damit ich den freudigen Mut nicht verliere – lass’ mich deine glückliche Blindheit mit dir teilen. Verbirg mir in deinem stillen Frieden die Welt, die mein Wirken empfängt. Würde der Mond seine strahlende Scheibe füllen, wenn er den Mörder sähe, dessen Pfad sie beleuchten soll? – Zu dir flüchte ich dieses leibende Herz – Tritt zwischen meine Menschlichkeit und den Menschen. – Hier, wo mir seine raue Hand nicht begegnet, wo die feindselige Wahrheit meinen entzückenden Traum nicht verscheucht, abgeschieden von dem Geschlechte, lass’ mich die heilige Pflicht meines Daseins in die Hand meiner großen Mutter, an die ewige Schönheit entrichten. (Sich umschauend.) Ruhige Pflanzenwelt, in deiner kunstreichen Stille vernehme ich das Wandeln der Gottheit; deine verdienstlose Trefflichkeit trägt meinen forschenden Geist hinauf zu dem höchsten Verstande; aus deinem ruhigen Spiegel strahlt mir sein göttliches Bild. Der Mensch wühlt mir Wolken in den silberklaren Strom – wo der Mensch wandelt, verschwindet mir der Schöpfer.

(Er will aufstehen, Angelica steht vor ihm.)

Ü   Þ

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