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      Schiller, Friedrich

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Sechste Szene

Die Vorigen. Die Vasallen und Beamten Huttens, Bürger und Landleute, welche Geschenke tragen, junge Mädchen und Frauen, die Kinder an der Hand führen oder auf den Armen tragen. Alle einfach, aber anständig gekleidet.

Vorsteher. Kommt alle herein, Väter, Mütter und Kinder. Fürchte sich keines. Er wird Graubärte keine Fehlbitte tun lassen. Er wird unsre Kleinen nicht von sich stoßen.

Einige Mädchen (welche sich ihm nähern). Gnädiger Herr! Dieses Wenige bringen ihnen ihre dankbaren Untertanen, weil sie uns alles gaben.

Zwei andere Mädchen. Diesen Kranz der Freude flechten wir ihnen, weil sie das Joch der Leibeigenschaft zerbrachen.

Ein drittes und viertes Mädchen. Und diese Blumen streuen wir ihnen, weil sie unsre Wildnis zum Paradies gemacht haben.

Erstes und zweites Mädchen. Warum wenden sie das Gesicht weg, lieber gnädiger Herr? Sehen sie uns an! Reden sie mit uns! Was taten wir ihnen, dass sie unsern Dank so zurückstoßen? (Eine lange Pause.)

v. Hutten (ohne sie anzusehen, den Blick auf den Boden geschlagen). Werf’ er Geld unter sie, Verwalter – Geld, so viel sie mögen – Schon’ er meine Kasse nicht – Er sieht ja, die Leute warten auf ihren Lohn.

Ein alter Mann (der aus der Menge hervortritt). Das haben wir nicht verdient, gnädiger Herr. Wir sind keine Lohnknechte.

Einige andere. Wir wollen ein sanftes Wort und einen gütigen Blick.

Ein Vierter. Wir haben Gutes von ihrer Hand empfangen, wir wollen danken dafür, denn wir sind Menschen.

Mehrere. Wir sind Menschen, und das haben wir nicht verdient.

v. Hutten. Werft diesen Namen von euch und seid mir unter einem schlechtern willkommen – Es beleidigt euch, dass ich euch Geld anbiete? Ihr seid gekommen, sagt ihr, mir zu danken? – Wofür anders könnt ihr mir denn danken, als für Geld? Ich wüsste nicht, dass ich einem von euch etwas Besseres gegeben. Wahr ist’s, eh’ ich Besitz von dieser Grafschaft nahm, kämpftet ihr mit dem Mangel, und ein Unmensch häufte alle Lasten der Leibeigenschaft auf euch. Euer Fleiß war nicht euer; mit ungerührtem Auge saht ihr die Saaten grünen und die Halmen sich vergolden, und der Vater verbot sich jede Regung der Freude, wenn ihm ein Sohn geboren war. Ich zerbrach diese Fesseln, schenkte dem Vater seinen Sohn und dem Säemann seine Ernte. Der Segen stieg herab auf eure Fluren, weil die Freiheit und die Hoffnung den Pflug regieren. Jetzt ist keiner unter euch so arm, der des Jahrs nicht seinen Ochsen schlachtet; ihr legt euch in geräumigen Häusern schlafen, mit der Notdurft seid ihr abgefunden und habt noch übrig für die Freude. (Indem er sich aufrichtet und gegen sie wendet.) Ich sehe die Gesundheit in euren Augen und den Wohlstand auf euren Kleidern. Es ist nichts mehr zu wünschen übrig. Ich hab euch glücklich gemacht.

Ein alter Mann (aus dem Haufen). Nein, gnädiger Herr! Geld und Gut ist ihre geringste Wohltat gewesen. Ihre Vorfahren haben uns dem Vieh auf unsern Feldern gleich gehalten; Sie haben uns zu Menschen gemacht.

Ein Zweiter. Sie haben uns eine Kirche gebaut und unsere Jugend erziehen lassen.

Ein Dritter. Und haben uns gute Gesetze und gewissenhafte Richter gegeben.

Ein Vierter. Ihnen danken wir, dass wir menschlich leben, dass wir uns unseres Lebens freuen.

v. Hutten (in Nachdenken vertieft). Ja, ja – das Erdreich war gut, und es fehlte nicht an der milden Sonne, wenn sich der kriechende Busch nicht zum Baume aufrichtete. – Es ist meine Schuld nicht, wenn ihr da liegen bleibet, wo ich euch hinwarf. Euer eigen Geständnis spricht euch das Urteil. Diese Genügsamkeit beweist mir, dass meine Arbeit an euch verloren ist. Hättet ihr etwas an eurer Glückseligkeit vermisst – es hätte euch zum ersten Mal meine Achtung erworben. (Indem er sich abwendet.) Seid, was ihr sein könnt – Ich werde darum nicht weniger meinen Weg verfolgen.

Einer aus der Menge. Sie gaben uns alles, was uns glücklich machen kann. Schenken sie uns noch ihre Liebe!

v. Hutten (mit finsterem Ernst). Wehe dir, der du mich erinnerst, wie oft meine Thorheit dieses Gut verschleuderte. Es ist kein Gesicht in dieser Versammlung, das mich zum Rückfall bringen könnte. – Meine Liebe? – Wärme dich an den Strahlen der Sonne, preise den Zufall, der sie über deinen Weinstock dahin führte; aber den schwindlichten Wunsch untersage dir, dich in ihre glühende Quelle zu tauchen. Traurig für dich und sie, wenn sie von dir gewusst haben müsste, um dir zu leuchten; wenn sie, die eilende, in ihrer himmlischen Bahn deinem Danke still halten müsste! Ihrer ewigen Regel gehorsam, gießt sie ihren Strahlenstrom aus – gleich unbekümmert um die Fliege, die sich darin sonnt, und um dich, der ihr himmlisches Licht mit seinen Lastern besudelt – Was sollen mir diese Gaben? – Von meiner Liebe habt ihr euer Glück nicht empfangen. Mir gebührt nichts von der eurigen.

Der Alte. O das schmerzt uns, mein teurer Herr, dass wir alles besitzen sollen und ndur die Freude des Dankens entbehren.

v. Hutten. Weg damit! Ich verabscheue Dank aus so unheiligen Händen. Waschet erst die Verleumdung von euren Lippen, den Wucher von euren Fingern, die schelsehende Missgunst aus euren Augen. Reinigt euer Herz von Tücke, werft eure gleißnerischen Larven ab, lasset die Waage des Richters aus euren schuldigen Händen fallen. Wie? Glaubet ihr, dass dieses Gaukelspiel von Eintracht mir die neidische Zwietracht verberge, die auch an den heiligsten Banden eures Lebens nagt? Kenne ich nicht jeden Einzelnen aus dieser Versammlung, die durch ihre Menge mir ehrwürdig sein will? – Ungesehen folgt euch mein Auge – Die Gerechtigkeit meines Hasses lebt von euren Lastern. (Zu dem Alten.) Du maßest dich an, mir Ehrfurcht abzufordern, weil das Alter deine Schläfe bleichte, weil die Last eines langen Lebens deinen Nacken beugt? – Desto gewisser weiß ich nun, dass du auch meiner Hoffnung verloren bist! Mit leeren Händen steigst du von dem Zenit des Lebens herunter; was du bei voller Mannkraft verfehltest, wirst du an der Krücke nicht mehr einholen. – War es eure Meinung, dass der Anblick dieser schuldlosen Würmer (auf die Kinder zeigend) zu meinem Herzen sprechen sollte? – O sie alle werden ihren Vätern gleichen; alle diese Unschuldigen werdet ihr nach eurem Bilde verstümmeln, alle dem Zweck ihres Daseins entführen – O warum seid ihr hieher gekommen? – Ich kann nicht – Warum musstet ihr mir dieses Geständnis abnötigen? – Ich kann nicht sanft mit euch reden. (Er geht ab.)

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