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Fünfte Szene

Ein Saal.

Von Hutten aus einem Kabinett. Abel, sein Haushofmeister, folgt ihm mit einem Rechnungsbuch.

Abel (liest). Herrschaftlicher Vorschuss an die Gemeine nach der großen Wassernot vom Jahre 1784. Zweitausendneunhundert Gulden –

v. Hutten (hat sich niedergesetzt und durchsieht einige Papiere, die auf dem Tisch liegen). Der Acker hat sich erholt; der Mensch soll nicht länger leiden als seine Felder. Streich’ er aus diesen Posten. Ich will nicht mehr daran erinnert sein.

Abel (durchstreicht mit Kopfschütteln die Rechnung). Ich muss mir’s gefallen lassen – bleiben also noch zu berechnen die Interessen von sechsthalb Jahren –

v. Hutten. Interessen! – Mensch?

Abel. Hilft nichts, Ihr Gnaden. Ordnung muss sein in den Rechnungen eines Verwalters. (Will weiter lesen.)

v. Hutten. Den Rest ein andermal. Jetzt ruf’ er den Jäger, ich will meine Doggen füttern.

Abel. Der Pachter vom Holzhof hätte Lust zu dem Polacken, mit dem Euer Gnaden neulich verunglückten. Man soll ihm die Mähre hingeben, meint der Reitknecht, ehe ein zweites Unglück geschehe.

v. Hutten. Soll das edle Tier darum vor dem Pfluge altern, weil es in zehn Jahren einmal falsch gegen mich war? So hab’ ich es mit Keinem gehalten, der mir mit Undank lohnte. Ich werde es nie mehr reiten.

Abel (nimmt das Rechnungsbuch und will gehen).

v. Hutten. Es fehlten ja neulich wichtige Empfangsscheine in der Kasse, sagt’ er mir, und der Rentmeister sei ausgeblieben?

Abel. Ja, das war vorigen Donnerstag.

v. Hutten (steht auf). Das freut mich, freut mich – dass er doch endlich noch zum Schelm geworden ist, dieser Rentmeister. Er hat mir elf Jahre ohne Tadel gedient – Setz’ er das nieder, Abel. Erzähl’ er mir mehr davon.

Abel. Schade um den Mann, Ihr Gnaden! Er hatte einen unglücklichen Sturz mit dem Pferde getan und ist heute Morgen mit einem gebrochenen Arm hereingebracht worden. Die Quittungen fanden sich unter andern Papieren.

v. Hutten (mit Heftigkeit). Und er war also kein Betrüger! – Mensch, warum hast du mir Lügen berichtet?

Abel. Gnädiger Herr, man muss immer das Schlimmste von seinem Nächsten denken.

v. Hutten (nach einem düstern Stillschweigen). Er soll aber ein Betrüger sein, und die Quittungen soll man ihm zahlen.

Abel. Das war mein Gedanke auch, Ihr Gnaden. Steckbriefe waren einmal ausgefertigt, und das Nachsetzen hat mir gewaltiges Geld gekostet. Es ist verdrießlich, dass dies alles nun so weggeworfen ist.

v. Hutten (sieht ihn lange verwundernd an). Teurer Mann! Ein wahres Kleinod bist du mir – wir dürfen nie voneinander.

Abel. Das wolle Gott nicht – und wenn mir gewisse Leute auch noch so große Versprechungen –

v. Hutten. Gewisse Leute! Was?

Abel. Ja, Ihr Gnaden. Ich weiß auch nicht, warum ich länger damit hinter dem Berge halte. Der alte Graf –

v. Hutten. Regt der sich auch wieder? Nun?

Abel. Zweihundert Pistolen ließ er mir bieten und doppelten Gehalt auf Zeitlebens, wenn ich ihm seine Enkelin, Fräulein Angelica, ausliefern wollte.

v. Hutten (steht schnell auf und macht einen Gang durch das Zimmer. Nachdem er sich wieder gesetzt hat, zum Verwalter.) Und dieses Gebot hat er ausgeschlagen?

Abel. Bei meiner armen Seele, ja! Das hab’ ich.

v. Hutten. Zweihundert Pistolen, Mensch, und doppelten Gehalt auf Zeitlebens! – Wo denkt er hin? Hat er das wohl erwogen?

Abel. Reiflich erwogen, Ihr Gnaden, und rundweg ausgeschlagen, Schelmerei gedeiht nicht, bei Euer Gnaden will ich leben und sterben.

v. Hutten (kalt und fremd). Wir taugen nicht für einander. –

(Man hört von ferne ein muntere ländliche Musik mit vielen Menschenstimmen untermischt. Sie kommt dem Schloss immer näher.)

Ich höre da Töne, die mir zuwider sind. Folg’ er mir in ein andres Zimmer.

Abel (ist auf den Altan getreten und kommt eine Weile darauf wieder.) Das ganze Städtchen, Ihr Gnaden, kommt angezogen im Sonntagsschmuck und mit klingendem Spiel, und hält unten vor dem Schloss. Der gnädige Herr, rufen sie, möchten doch auf den Altan treten und sich ihren getreuen Untertanen zeigen.

v. Hutten. Was wollen sie von mir? Was haben sie anzubringen?

Abel. Euer Gnaden vergessen –

v. Hutten. Was?

Abel. Sie kommen diesmal nicht so leicht los, wie im vorigen Jahre –

v. Hutten (steht schnell auf). Weg! Weg! Ich will nichts weiter hören.

Abel. Das hab’ ich ihnen schon gesagt, Ihr Gnaden – aber sie kämen aus der Kirche, hieß es, und Gott im Himmel habe sie gehört.

v. Hutten. Er hört auch das Bellen des Hundes und den falschen Schwur in der Kehle des Heuchlers, und muss wissen, warum er beides gewollt hat – (Indem das Volk hereindringt.) O Himmel! Wer hat mir das getan? (Er will in ein Kabinett entweichen. Viele halten ihn zurück und fassen den Saum seines Kleides.)

Ü   Þ

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