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Schluss der dritten Szene

Angelica. Ach, Rosenberg, was haben sie getan? Sie haben sehr übel getan.

Rosenberg. Das fürcht’ ich nicht, meine Liebe. Es war ja ihr Wille, dass wir miteinander bekannt werden sollten! Sie wünschten, dass ich ihn interessieren möchte.

Angelica. Wie? Und das wollen sie dadurch erreichen, dass sie ihn gegen sich aufbringen?

Rosenberg. Für jetzt durch nichts anderes. Sie haben mir selbst erzählt, wie viele Versuche auf seine Gemütskrankheit schon misslungen sind. Alle jene unbestellten feierlichen Sachwalter der Menschheit haben ihn nur seine Überlegenheit fühlen lassen und sich schlecht genug gegen die verfängliche Beredsamkeit seines Kummers bestanden. Ihm mag es einerlei sein, ob wir Übrigen an die Gerechtigkeit dieses Hasses glauben, aber nie wird er’s dulden, dass wir geringschätzig davon denken. Dieser Demütigung fügt sich sein Stolz nicht. Uns zu widerlegen, war ihm freilich nicht der Mühe wert, aber in seinem Unwillen kann er sich wohl entschließen, uns zu beschämen – Es kommt zum Gespräch – das ist alles, was wir für’s erste wünschten.

Angelica. Sie nehmen es zu leicht, lieber Rosenberg, - Sie getrauen sich, mit meinem Vater zu spielen. Wie sehr fürchte ich –

Rosenberg. Fürchten sie nichts, meine Angelica. Ich fechte für Wahrheit und Liebe. Seine Sache ist so schlimm, als die meinige gut ist.

Wilhelmine (welche diese ganze Zeit über wenig Anteil an der Unterredung zu nehmen geschienen hat). Sind sie dessen wirklich so gewiss, Herr von Rosenberg?

Rosenberg (der sich rasch zu ihr wendet, nach einem kurzen Stillschweigen ernsthaft). Ich denke, dass ich’s bin, mein gnädiges Fräulein.

Wilhelmine (steht auf). Dann schade um meinen armen Bruder! Es ist ihm so schwer gefallen, der unglückliche Mann zu werden, der er ist, und, wie ich sehe, ist es etwas so Leichtes, ihm das Urteil zu sprechen.

Angelica. Lassen sie uns nicht zu voreilig richten, Rosenberg. Wir wissen so wenig von den Schicksalen meines Vaters.

Rosenberg. Mein ganzes Mitleid soll ihm dafür werden, liebe Angelica – aber nie meine Achtung, wenn sie ihn wirklich zum Menschenhasser machten. – Es ist ihm schwer gefallen, sagen sie, (zu der Stiftsdame) dieser unglückliche Mann zu werden – aber wollten sie wohl die Rechtfertigung eines Menschen übernehmen, der dasjenige an sich vollendet, was ein schreckliches Schicksal ihm noch erlassen hat? Dem Rasenden wohl das Wort reden, der auch den einzigen Mantel noch von sich wirft, den ihm Räuber gelassen haben? – Oder wissen sie mir einen ärmeren Mann zwischen Himmel und Erde, als den Menschenfeind?

Wilhelmine. Wenn er in der Verfinsterung seines Jammers nach Giften greift, wo er Linderung suchte, was geht das sie Glücklichen an? Ich möchte den blinden Armen nicht hart anlassen, dem ich kein Auge zu schenken habe.

Rosenberg (mit aufsteigender Röte und etwas lebhafter Stimme). Nein, bei Gott! Nein! – Aber meine Seele entbrennt über den Undankbaren, der sich die Augen mutwillig zudrückt und dem Geber des Lichts flucht – Was kann er gelitten haben, das ihm durch den Besitz dieser Tochter nicht unendlich erstattet wird? Darf er einem Geschlechte fluchen, das er täglich, stündlich in diesem Spiegel sieht? Menschenhasser, Menschenfeind! Er ist keiner. Ich will es beschwören, er ist keiner. Glauben sie mir, Fräulein von Hutten, es gibt keinen Menschenhasser in der Natur, als wer sich allein anbetet oder sich selbst verachtet.

Angelica. Gehen sie, Rosenberg! Ich beschwöre sie, gehen sie! In dieser Stimmung dürfen sie sich meinem Vater nicht zeigen.

Rosenberg. Recht gut, dass sie mich erinnern, Angelica. – Wir haben hier ein Gespräch angefangen, wobei ich immer versucht bin, allzu lebhaft Partei zu nehmen – Verzeihen sie, meine Fräulein! – Auch möcht’ ich nicht gern Gefahr laufen, vorschnell zu sein, und soll doch erst heute mit dem Vater meiner Angelica bekannt werden. – Von etwas anderem denn! – Dieses Gesicht wird so ernsthaft, und die Wangen der Tochter muss ich erstheiter sehen, wenn ich Mut haben soll, bei dem Vater für meine Liebe zu kämpfen. – Das ganze Städtchen war ja geschmückt, wie an einem Festtag, als ich vorbeikam. Wozu diese Anstalt?

Angelica. Meinen Vater zu seinem Geburtstag zu begrüßen.

Ü   Þ

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