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Gegend in einem Park

Erste Szene

Angelica von Hutten. Wilhelmine von Hutten, ihre Tante und Stiftsdame, kommen aus einem Wäldchen, bald darauf Gärtner Biber.

Angelica. Hier wollten wir ihn ja erwarten, liebe Tante. Sie setzen sich so lange ins Kabinett und lesen. Ich hole mir meine Blumen beim Gärtner. Unterdessen wird's neun Uhr, und er kommt. - Sie sind's doch zufrieden?

Wilhelmine. Wie es dir Vergnügen macht, meine Liebe. (Geht nach der Laube.)

Gärtner Biber (bringt Blumen). Das Beste, was ich heute im Vermögen habe, gnädiges Fräulein. Meine Hyazinthen sind alle.

Angelica. Recht schönen Dank auch für dieses.

Biber. Aber eine Rose sollen sie morgen haben, die erste vom ganzen Frühling, wenn sie mir versprechen wollen -

Angelica. Was wünschen sie, guter Biber?

Biber. Sehen sie, gnädiges Fräulein, meine Aurikeln sind nun auch fort, und mein schöner Levkojenflor geht zu Ende, und der gnädige Herr haben mir wieder nicht ein Blatt angesehen. Da hab' ich voriges Jahr den großen Sumpf lassen austrocknen gegen Mitternacht, und einige tausend Stück Bäume darauf gezogen. Die junge Welt treibt sich und schießt empor - es ist ein Seelenvergnügen, drunter hinzuwandeln - Ich bin da, wie die Sonne kommt, und freue mich schon im voraus der Herrlichkeit, wenn ich den gnädigen Herrn einmal werde hereinführen. Es wird Abend - und wieder Abend - und der Herr hat sie nicht bemerkt. Sehen sie, mein Fräulein, das schmerzt mich, ich kann's nicht leugnen.

Angelica. Es geschieht noch, gewiss geschieht's noch - haben sie indes Geduld, guter Biber.

Biber. Der Park kostet ihm, Jahr aus Jahr ein, seine baren zweitausend Taler, und ich werde bezahlt, wie ich's nicht verdiene - wozu nütz' ich denn, wenn ich dem Herrn für sein vieles Geld nicht einmal eine fröhliche Stunde gebe? Nein, gnädiges Fräulein, ich kann nicht länger das Brot ihres Herrn Vaters essen, oder er muss mich ihm beweisen lassen, dass ich ihn nicht darum bestehle.

Angelica. Ruhig, ruhig, lieber Mann! Das wissen wir alle, dass sie das und noch weit mehr verdienen.

Biber. Mit ihrer Erlaubnis, mein Fräulein, davon können sie nicht sprechen. Dass ich meine zwölf Stunden des Tags seinen Garten beschicke, dass ich ihm nichts veruntreue und Ordnung unter meinen Leuten erhalte, das bezahlt mir der gnädige Herr mit Geld. Aber dass ich es mit Freuden tue, weil ich es ihm tue, dass ich des Nachts davon träume, dass es mich mit der Morgensonne heraus treibt - das, mein Fräulein, muss er mir mit seiner Zufriedenheit lohnen. Ein einziger Besuch in seinem Part tut hier mehr als alle sein Mammon - und sehen sie, mein gnädiges Fräulein - das eben war's, warum ich sie jetzt habe -

Angelica. Brechen sie davon ab, ich bitte. Sie selbst wissen, wie oft und immer vergeblich - Ach! Sie kennen ja meinen Vater.

Biber (ihre Hand fassend und mit Lebhaftigkeit). Er ist noch nicht in seiner Baumschule gewesen. Bitten sie ihn, dass er mir erlaube, ihn in seine Baumschule zu führen. Es ist nicht möglich, diesen Dank einzusammeln von der unvernünftigen Kreatur, und Menschen verloren zu geben. Wer darf sagen dass er an der Freude verzweifle, so lange noch Arbeiten lohnen und Hoffnungen einschlagen? -

Angelica. Ich verstehe sie, redlicher Biber - vielleicht aber waren sie mit Gewächsen glücklicher als mein Vater mit Menschen.

Biber (schnell und bewegt). Und er hat eine solche Tochter? (Er will mehr sagen, unterdrückt es aber und schweigt einen Augenblick.) Der gnädige Herr mögen viel erfahren haben von Menschen - der schlecht belohnten Erwartungen viel, der gescheiterten Pläne viel - aber (die Hand des Fräuleins mit Lebhaftigkeit ergreifend) eine Hoffnung ist ihm aufgegangen - alles hat er nicht erfahren, was eines Mannes Herz zerreißen kann - (Er entfernt sich.)

Ü   Þ

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