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Vierter Aufzug

Die Säulenhalle.

Es ist Nacht; die Szene ist von oben herab durch eine große Lampe erleuchtet.

Erster Auftritt

Donna Isabella und Diego treten auf.

Isabella.
Noch keine Kunde kam von meinen Söhnen,
Ob eine Spur sich fand von der Verlornen?

Diego.
Noch nichts, Gebieterin! – Doch hoffe alles
Von deiner Söhne Ernst und Emsigkeit.

Isabella.
Wie ist mein Herz geängstiget, Diego,
Es stand bei mir, dies Unglück zu verhüten.

Diego.
Drück' nicht des Vorwurfs Stachel in dein Herz.
An welcher Vorsicht ließest du's ermangeln?

Isabella.
Hätt' ich sie früher an das Licht gezogen,
Wie mich des Herzens Stimme mächtig trieb!

Diego.
Die Klugheit wehrte dir's, du tatest weise;
Doch der Erfolg ruht in des Himmels Hand.

Isabella.
Ach, so ist keine Freude rein! Mein Glück
Wär' ein vollkommnes ohne diesen Zufall.

Diego.
Dies Glück ist nur verzögert, nicht zerstört;
Genieße du jetzt deiner Söhne Frieden.

Isabella.
Ich habe sie einander Herz an Herz
Umarmen sehn – ein nie erlebter Anblick!

Diego.
Und nicht ein Schauspiel bloß, es ging von Herzen,
Denn ihr Geradsinn hasst der Lüge Zwang.

Isabella.
Ich seh' auch, dass sie zärtlicher Gefühle,
Der schönen Neigung fähig sind; mit Wonne
Entdeck' ich, dass sie ehren was sie lieben.
Der ungebundnen Freiheit wollen sie
Entsagen, nicht dem Zügel des Gesetzes
Entzieht sich ihre brausend wilde Jugend,
Und sittlich selbst blieb ihre Leidenschaft.
– Und will dir's jetzo gern gestehn, Diego,
Dass ich mit Sorge diesem Augenblick,
Der aufgeschlossnen Blume des Gefühls
Mit banger Furcht entgegen sah – Die Liebe
Wird leicht zur Wut in heftigen Naturen.
Wenn in den aufgehäuften Feuerzunder
Des alten Hasses auch noch dieser Blitz,
Der Eifersucht feindsel'ge Flamme schlug –
Mir schaudert, es zu denken – ihr Gefühl,
Das niemals einig war, gerade hier
Zum ersten Mal unselig sich begegnet –
Wohl mir! Auch diese donnerschwere Wolke,
Die über mir schwarz drohend nieder hing,
Sie führte mir ein Engel still vorüber,
Und leicht nun atmet die befreite Brust.

Diego.
Ja, freue deines Werkes dich. Du hast
Mit zartem Sinn und ruhigem Verstand
Vollendet, was der Vater nicht vermochte
Mit aller seiner Herrscher Macht – Dein ist
Der Ruhm; doch auch dein Glücksstern ist zu loben.

Isabella.
Vieles gelang mir! Viel auch tat das Glück!
Nichts Kleines war es, solche Heimlichkeit
Verhüllt zu tragen diese langen Jahre,
Der Mann zu täuschen, den umsichtigsten
Der Menschen, und ins Herz zurückzudrängen
Den Trieb des Bluts, der mächtig wie des Feuers
Verschlossner Gott aus seinen Banden strebte!

Diego.
Ein Pfand ist mir des Glückes lange Gunst,
Dass alles sich erfreulich lösen wird.

Isabella.
Ich will nicht eher meine Sterne loben,
Bis ich das Ende dieser Taten sah.
Dass mir der böse Genius nicht schlummert,
Erinnert warnen mich der Tochter Flucht.
– Schilt oder lobe meine Tat, Diego!
Doch dem Getreuen will ich nichts verbergen.
Nicht tragen konnt' ich's, hier in müß'ger Ruh
Zu harren des Erfolgs, indes die Söhne
Geschäftig forschen nach der Tochter Spur.
Gehandelt hab' auch ich – Wo Menschenkunst
Nicht zureicht, hat der Himmel oft geraten.

Diego.
Entdecke mir, was mir zu wissen ziemt.

Isabella.
Einsiedelnd auf des Ätna Höhen haust
Ein frommer Klausner, von Uralters her
Der Greis genannt des Berges, welcher, näher
Dem Himmel wohnend als der andern Menschen
Tief wandelndes Geschlecht, den ird'schen Sinn
In leichter, reiner Ätherluft geläutert,
Und von dem Berg der aufgewälzten Jahre
Hinab sieht in das aufgelöste Spiel
Des unverständlich krumm gewundnen Lebens.
Nicht fremd ist ihm das Schicksal meines Hauses,
Oft hat der heil'ge Mann für uns den Himmel
Gefragt und manchen Fluch hinweggebetet.
Zu ihm hinauf gesandt hab' ich alsbald
Des raschen Boten jugendliche Kraft,
Dass er mir Kunde von der Tochter gebe,
Und stündlich harr' ich dessen Wiederkehr.

Diego.
Trügt mich mein Auge nicht, Gebieterin,
So ist's derselbe, der dort eilend naht,
Und Lob fürwahr verdient der Emsige!


Zweiter Auftritt

Bote. Die Vorigen.

Isabella.
Sag an und weder Schlimmes hehle mir
Noch Gutes, sondern schöpfe rein die Wahrheit!
Was gab der Greis des Bergs dir zum Bescheide?

Bote.
Ich soll mich schnell zurückbegeben, war
Die Antwort, die Verlorne sei gefunden.

Isabella.
Glücksel'ger Mund, erfreulich Himmelswort,
Stets hast du das Erwünschte mir verkündet!
Und welchem meiner Söhne war's verliehn,
Die Spur zu finden der Verlornen?

Bote.
Die Tiefverborgne fand dein ältster Sohn.

Isabella.
Don Manuel ist es, dem ich sie verdanke!
Ach, stets war dieser mir ein Kind des Segens!
– Hast du dem Greis auch die geweihte Kerze
Gebracht, die zum Geschenk ich ihm gesendet,
Sie anzuzünden seinem Heiligen?
Denn was von Gaben sonst der Menschen Herzen
Erfreut, verschmäht der fromme Gottesdiener.

Bote.
Die Kerze nahm er schweigend von mir an,
Und zum Altar hintretend, wo die Lampe
Dem Heil'gen brannte, zündet' er sie flugs
Dort an, und schnell in Brand steckt' er die Hütte,
Worin er Gott verehrt seit neunzig Jahren.

Isabella.
Was sagst du? Welches Schrecknis nennst du mir?

Bote.
Und dreimal Wehe! Wehe! Rufend, stieg er
Herab vom Berg! Mir aber winkt' er schweigend,
Ihm nicht zu folgen, noch zurückzuschauen,
Und so, gejagt von Grausen, eilt' ich her!

Isabella.
In neuer Zweifel wogende Bewegung
Und ängstlich schwankende Verworrenheit
Stürzt mich das Widersprechende zurück.
Gefunden sei mir die verlorne Tochter
Von meinem ältsten Sohn Don Manuel?
Die gute Rede kann mir nicht gedeihen,
Begleitet von der unglücksel'gen Tat.

Bote.
Blick' hinter dich, Gebieterin! Du siehst
Des Klausners Wort erfüllt vor deinen Augen;
Denn alles müsst' mich trügen, oder dies
Ist die verlorne Tochter, die du suchst,
Von deiner Söhne Ritterschar begleitet.

(Beatrice wird von dem zweiten Halbchor auf einem Tragsessel gebracht und auf der vordern Bühne niedergesetzt. Sie ist noch ohne Leben und Bewegung.)


Dritter Auftritt

Isabella. Diego. Bote. Beatrice. Chor. (Bohemund, Roger, Hippolyt und die neun andern Ritter Don Cesars).

Chor (Bohemund).
Des Herrn Geheiß erfüllend, setzen wir
Die Jungfrau hier zu deinen Füßen nieder,
Gebieterin! Also befahl er uns
Zu tun und dir zu melden dieses Wort:
Es sei dein Sohn Don Cesar, der sie sendet.

Isabella (ist mit ausgebreiteten Armen auf sie zugeeilt und tritt mit Schrecken zurück).
O Himmel! Sie ist bleich und ohne Leben!

Chor (Bohemund).
Sie lebt! Sie wird erwachen! Gönn' ihr Zeit,
Von dem Erstaunlichen sich zu erholen,
Das ihre Geister noch gebunden hält.

Isabella.
Mein Kind, Kind meiner Schmerzen, meiner Sorgen!
So sehen wir uns wieder! So musst du
Den Einzug halten in des Vaters Haus!
O lass an meinem Leben mich das deinige
Anzünden! An die mütterliche Brust
Will ich dich pressen, bis, vom Todesfrost
Gelöst, die warmen Adern wieder schlagen!

(Zum Chor.)

O, sprich! Welch Schreckliches ist hier geschehn?
Wo fandst du sie? Wie kam das teure Kind
In diesen kläglich jammervollen Zustand?

Chor (Bohemund).
Erfahr' es nicht von mir, mein Mund ist stumm.
Dein Sohn Don Cesar wird dir alles deutlich
Verkündigen, denn er ist's, der sie sendet.

Isabella.
Mein Sohn Don Manuel, so willst du sagen?

Chor (Bohemund).
Dein Sohn Don Cesar sendet sie dir zu.

Isabella (zu dem Boten).
War's nicht Don Manuel, den der Seher nannte?

Bote.
So ist es, Herrin, das war seine Rede.

Isabella.
Welcher es sei, er hat mein Herz erfreut,
Die Tochter dank' ich ihm, er sei gesegnet!
O muss ein neid'scher Dämon mir die Wonne
Des heiß erflehten Augenblicks verbittern!
Ankämpfen muss ich gegen mein Entzücken!
Die Tochter seh' ich in des Vaters Haus;
Sie aber sieht nicht mich, vernimmt mich nicht,
Sie kann der Mutter Freude nicht erwidern.
O öffnet euch, ihr lieben Augenlichter!
Erwärmet euch, ihr Hände! Hebe dich,
Lebloser Busen, und schlage der Lust!
Diego! Das ist meine Tochter – Das
Die Langverborgne, die Gerettete,
Vor aller Welt kann ich sie jetzt erkennen.

Chor (Bohemund).
Ein seltsam neues Schrecknis glaub' ich ahnend
Vor mir zu sehn und stehe wundernd, wie
Das Irrsal sich entwirren soll und lösen.

Isabella (zum Chor, der Bestürzung und Verlegenheit ausdrückt).
O ihr seid undurchdringlich harte Herzen!
Vom ehrnen Harnisch eurer Brust, gleichwie
Von einem schroffen Meeresfelsen, schlägt
Die Freude meines Herzens mir zurück!
Umsonst in diesem ganzen Kreis umher
Späh' ich nach einem Auge, das empfindet.
Wo weilen meine Söhne, dass ich Anteil
In einem Auge lese; denn mir ist,
Als ob der Wüste unmitleid'ge Scharen,
Des Meeres Ungeheuer mich umständen!

Diego.
Sie schlägt die Augen auf! Sie regt sich, lebt!

Isabella.
Sie lebt, ihr erster Blick sei auf die Mutter!

Diego.
Das Auge schließt sie schaudernd wieder zu.

Isabella (zum Chor).
Weichet zurück! Sie schreckt der fremde Anblick.

Chor (tritt zurück) (Bohemund).
Gern meid' ich's, ihrem Blicke zu begegnen.

Diego.
Mit großen Augen misst sie staunend dich.

Beatrice.
Wo bin ich? Diese Züge sollt' ich kennen.

Isabella.
Langsam kehrt die Besinnung ihr zurück.

Diego.
Was macht sie? Auf die Knie senkt sie sich.

Beatrice.
O schönes Engelsantlitz meiner Mutter!

Isabella.
Kind meines Herzens! Komm in meine Arme!

Beatrice.
Zu deinen Füßen sieh' die Schuldige.

Isabella.
Ich habe dich wieder! Alles sei vergessen!

Diego.
Betracht' auch mich! Erkennst du meine Züge?

Beatrice.
Des redlichen Diego greises Haupt!

Isabella.
Der treue Wächter deiner Kinderjahre.

Beatrice.
So bin ich wieder in dem Schoß der Meinen?

Isabella.
Und nichts soll uns mehr scheiden, als der Tod.

Beatrice.
Du willst mich nicht mehr in die Fremde stoßen?

Isabella.
Nichts trennt uns mehr, das Schicksal ist befriedigt.

Beatrice (sinkt an ihre Brust).
Und find' ich wirklich mich an deinem Herzen?
Und alles war ein Traum, was ich erlebt?
Ein schwerer, fürchterlicher Traum – O Mutter!
Ich sah ihn tot zu meinen Füßen fallen!
– Wie komm' ich aber hieher? Ich besinne
Mich nicht – Ach, wohl mir, wohl, dass ich gerettet
In deinen Armen bin! Sie wollten mich
Zur Fürstin Mutter von Messina bringen.
Eher ins Grab!

Isabella.
Komm zu dir, meine Tochter!
Messinas Fürstin –

Beatrice.
Nenne sie nicht mehr!
Mir gießt sich bei dem unglücksel'gen Namen
Ein Frost des Todes durch die Glieder.

Isabella.
Höre mich.

Beatrice.
Sie hat zwei Söhne, die sich tödlich hassen;
Don Manuel, Don Cesar nennt man sie.

Isabella.
Ich bin's ja selbst! Erkenne deine Mutter.

Beatrice.
Was sagst du? Welches Wort hast du geredet?

Isabella.
Ich, deine Mutter, bin Messina's Fürstin.

Beatrice.
Du bist Don Manuels Mutter und Don Cesars?

Isabella.
Und deine Mutter! Deine Brüder nennst du!

Beatrice.
Weh, weh mir! O, entsetzensvolles Licht!

Isabella.
Was ist dir? Was erschüttert dich so seltsam?

Beatrice (wild um sich her schauend, erblickt den Chor).
Das sind sie, ja! Jetzt, jetzt erkenn' ich sie.
Mich hat kein Traum getäuscht – Die sind's! Die waren
Zugegen – es ist fürchterliche Wahrheit!
Unglückliche, wo habt ihr ihn verborgen?

(Sie geht mit heftigem Schritt auf den Chor zu, der sich von ihr abwendet. Ein Trauermarsch lässt sich in der Ferne hören.)

Chor.
Weh! Wehe!

Isabella.
Wen verborgen? Was ist wahr?
Ihr schweigt bestürzt – Ihr scheint sie zu verstehn.
Ich les' in euren Augen, eurer Stimme
Gebrochnen Tönen etwas Unglücksel'ges,
Das mir zurückgehalten wird – Was ist's?
Ich will es wissen. Warum heftet ihr
So schreckensvolle Blicke nach der Türe?
Und was für Töne hör' ich da erschallen?

Chor (Bohemund).
Es naht sich! Es wird sich mit Schrecken erklären.
Sei stark, Gebieterin, stähle dein Herz!
Mit Fassung ertrage, was dich erwartet,
Mit männlicher Seele den tödlichen Schmerz!

Isabella.
Was naht sich? Was erwartet mich? – Ich höre
Der Totenklage fürchterlichen Ton
Das Haus durchdringen – Wo sind meine Söhne?

(Der erste Halbchor bringt den Leichnam Don Manuels auf einer Bahre getragen, die er auf der leer gelassenen Seite der Szene niedersetzt. Ein schwarzes Tuch ist darüber gebreitet.)


Vierter Auftritt

Isabella. Beatrice. Diego. Beide Chöre.

Erster Chor (Cajetan).
Durch die Straßen der Städte,
Vom Jammer gefolget,
Schreitet das Unglück –
Lauernd umschleicht es
Die Häuser der Menschen,
Heute an dieser
Pforte pocht es,
Morgen an jener,
Aber noch keinen hat es verschont.
Die unerwünschte schmerzliche Botschaft,
Früher oder später,
Bestellt es an jeder
Schwelle, wo ein Lebendiger wohnt.

(Berengar.)

   Wenn die Blätter fallen
In des Jahres Kreise,
Wenn zum Grabe wallen
Entnervte Greise,
Da gehorcht die Natur
Ruhig nur
Ihrem alten Gesetze,
Ihrem ewigen Brauch,
Da ist nichts, was den Menschen entsetze!
   Aber das Ungeheure auch
Lerne erwarten im irdischen Leben!
Mit gewaltsamer Hand
Löset der Mord auch das heiligste Band,
In sein stygisches Boot
Raffet der Tod
Auch der Jugend blühendes Leben!

(Cajetan.)

   Wenn die Wolken getürmt den Himmel schwärzen,
Wenn dumpf tosend der Donner hallt,
Da, da fühlen sich alle Herzen
In des furchtbaren Schicksals Gewalt.
Aber auch aus entwölkter Höhe
Kann der zündende Donner schlagen.
Darum in deinen fröhlichen Tagen
Fürchte des Unglücks tückische Nähe!
Nicht an die Güter hänge dein Herz,
Die das Leben vergänglich zieren!
Wer besitzt, der lerne verlieren,
Wer im Glück ist, der lerne den Schmerz!

Isabella.
Was soll ich hören? Was verhüllt dies Tuch?

(Sie macht einen Schritt gegen die Bahre, bleibt aber unschlüssig zaudernd stehen.)

Es zieht mich grausend hin und zieht mich schaudernd
Mit dunkler, kalter Schreckenshand zurück.

(Zu Beatrice, welche sich zwischen sie und die Bahre geworfen.)

Lass mich! Was es auch sei, ich will's enthüllen!

(Sie hebt das Tuch auf und entdeckt Don Manuels Leichnam.)

O himmlische Mächte, es ist mein Sohn!

(Sie bleibt mit starrem Entsetzen stehen – Beatrice sinkt mit einem Schrei des Schmerzens neben der Bahre nieder.)

Chor (Cajetan. Berengar. Manfred).
Unglückliche Mutter! Es ist dein Sohn!
Du hast es gesprochen, das Wort des Jammers,
Nicht meinen Lippen ist es entflohn.

Isabella.
Mein Sohn! Mein Manuel! – O ewige
Erbarmung – So muss ich dich wieder finden!
Mit deinem Leben musstest du die Schwester
Erkaufen aus des Räubers Hand! – Wo war
Dein Bruder, dass sein Arm dich nicht beschützte?
– O Fluch der Hand, die diese Wunde grub!
Fluch ihr, die den Verderblichen geboren,
Der mir den Sohn erschlug! Fluch seinem ganzen
Geschlecht!

Chor.
Wehe! Wehe! Wehe! Wehe!

Isabella.
So haltet ihr mir Wort, ihr Himmelsmächte?
Das, das ist eure Wahrheit? Wehe dem,
Der euch vertraut mit redlichem Gemüt!
Worauf hab' ich gehofft, wovor gezittert,
Wenn dies der Ausgang ist! – O die ihr hier
Mich schreckenvoll umsteht, an meinem Schmerz
Die Blicke weidend, lernt die Lügen kennen,
Womit die Träume uns, die Seher täuschen!
Glaube noch einer an der Götter Mund!
– Als ich mich Mutter fühlte dieser Tochter,
Da träumte ihrem Vater eines Tags,
Er seh' aus seinem hochzeitlichen Bette
Zwei Lorbeerbäume wachsen – Zwischen ihnen
Wuchs eine Lilie empor; sie ward
Zur Flamme, die der Bäume dicht Gezweig ergriff
Und, um sich wütend, schnell das ganze Haus
In ungeheurer Feuersflut verschlang.
Erschreckt von diesem seltsamen Gesichte,
Befrug der Vater einen Vogelschauer
Und schwarzen Magier um die Bedeutung.
Der Magier erklärte: Wenn mein Schoß
Von einer Tochter sich entbinden würde,
So würde sie die beiden Söhne ihm
Ermorden und vertilgen seinen Stamm!

Chor (Cajetan und Bohemund).
Gebieterin, was sagst du? Wehe! Wehe!

Isabella.
Darum befahlt der Vater, sie zu töten;
Doch ich entrückte sie dem Jammerschicksal.
– Die arme Unglückselige! Verstoßen
Ward sie als Kind aus ihrer Mutter Schoß,
Dass sie, erwachsen, nicht die Brüder morde!
Und jetzt durch Räubershände fällt der Bruder,
Nicht die Unschuldige hat ihn getötet!

Chor.
Wehe! Wehe! Wehe! Wehe!

Isabella.
Keinen Glauben
Verdiente mir des Götzendieners Spruch,
Ein bessres Hoffen stärkte meine Seele.
Denn mir verkündigte ein andrer Mund,
Den ich für wahrhaft hielt, von dieser Tochter:
"In heißer Liebe würde sie dereinst
Der Söhne Herzen mir vereinigen."
– So widersprachen die Orakel sich,
Den Fluch zugleich und Segen auf das Haupt
Der Tochter legend – Nicht den Fluch hat sie
Verschuldet, die Unglückliche! Nicht Zeit
Ward ihr gegönnt, den Segen zu vollziehen.
Ein Mund hat, wie der andere, gelogen!
Die Kunst der Seher ist ein eitles Nichts,
Betrüger sind sie oder sind betrogen.
Nichts Wahres lässt sich von der Zukunft wissen,
Du schöpfest drunten an der Hölle Flüssen,
Du schöpfest droben an dem Quell des Lichts.

Erster Chor (Cajetan).
Weh! Wehe! Was sagst du? Halt' ein, halt' ein!
Bezähme der Zunge verwegenes Toben!
Die Orakel sehen und treffen ein,
Der Ausgang wird die Wahrhaftigen loben!

Isabella.
Nicht zähmen will ich meine Zunge, laut,
Wie mir das Herz gebietet, will ich reden.
Warum besuchen wir die heil'gen Häuser
Und heben zu dem Himmel fromme Hände?
Gutmüt'ge Thoren, was gewinnen wir
Mit unserm Glauben? So unmöglich ist's,
Die Götter, die hoch wohnenden, zu treffen,
Als in den Mond mit einem Pfeil zu schießen.
Vermauert ist dem Sterblichen die Zukunft,
Und kein Gebet durchbohrt den ehrnen Himmel.
Ob rechts die Vögel fliegen oder links,
Die Sterne so sich oder anders fügen,
Nicht Sinn ist in dem Buche der Natur,
Die Traumkunst träumt, und alle Zeichen trügen.

Zweiter Chor (Bohemund).
Halt ein, Unglückliche! Wehe! Wehe!
Du leugnest der Sonne leuchtendes Licht
Mit blinden Augen! Die Götter leben,
Erkenne sie, die dich furchtbar umgeben!

(Alle Ritter.)

Die Götter leben,
Erkenne sie, die dich furchtbar umgeben!

Beatrice.
O Mutter! Mutter! Warum hast du mich
Gerettet! Warum warfst du mich nicht hin
Dem Fluch, der, eh' ich war, mich schon verfolgte?
Blödsicht'ge Mutter! Warum dünktest du
Dich weiser, als die alles Schauenden,
Die Nah' und Fernes aneinander knüpfen
Und in der Zukunft späte Saaten sehn?
Dir selbst und mir, uns allen zum Verderben
Hast du den Todesgöttern ihren Raub,
Den sie gefordert, frevelnd vorenthalten!
Jetzt nehmen sie ihn zweifach, dreifach selbst.
Nicht dank' ich dir das traurige Geschenk,
Dem Schmerz, dem Jammer hast du mich erhalten!

Erster Chor (Cajetan) (in heftiger Bewegung nach der Türe sehend).
   Brechet auf, ihr Wunden!
Fließet, fließet!
In schwarzen Güssen
Stürzet hervor, ihr Bäche des Bluts!

(Berengar.)

   Eherner Füße
Rauschen vernehm' ich,
Höllischer Schlangen
Zischendes Tönen,
Ich erkenne der Furien Schritt!

(Cajetan.)

   Stürzet ein, ihr Wände!
Versink', o Schwelle,
Unter der schrecklichen Füße Tritt!
Schwarze Dämpfe, entsteiget, entsteiget
Qualmend dem Abgrund! Verschlinget des Tages
Lieblichen Schein!
Schützende Götter des Hauses, entweichet!
Lasst die rächenden Göttinnen ein!


Fünfter Auftritt

Don Cesar. Isabella. Beatrice. Der Chor.

Beim Eintritt des Don Cesar zerteilt sich der Chor in fliehender Bewegung vor ihm; er bleibt allein in der Mitte der Szene stehen.

Beatrice.
Weh mir, er ist's!

Isabella (tritt ihm entgegen).
O mein Sohn Cesar! Muss ich so
Dich wieder sehen – O, blick her und sieh
Den Frevel einer Gott verfluchten Hand!

(Führt ihn zu dem Leichnam.)

Don Cesar (tritt mit Entsetzen zurück, das Gesicht verhüllend).

Erster Chor (Cajetan, Berengar).
   Brechet auf, ihr Wunden!
Fließet, fließet!
In schwarzen Güssen
Strömet hervor, ihr Bäche des Bluts!

Isabella.
Du schauderst und erstarrst! – Ja, das ist alles
Was dir noch übrig ist von deinem Bruder!
Da liegen meine Hoffnungen – Sie stirbt
Im Keim, die junge Blume eures Friedens,
Und keine schöne Früchte sollt' ich schauen.

Don Cesar.
Tröste dich, Mutter! Redlich wollten wir
Den Frieden, aber Blut beschloss der Himmel.

Isabella.
O, ich weiß, du liebtest ihn, ich sah entzückt
Die schönen Bande zwischen euch sich flechten!
An deinem Herzen wolltest du ihn tragen,
Ihm reich ersetzen die verlornen Jahre.
Der blut'ge Mord kam deiner schönen Liebe
Zuvor – Jetzt kannst du nichts mehr, als ihn rächen.

Don Cesar.
Komm, Mutter, komm! Hier ist kein Ort für dich.
Entreiß dich diesem unglücksel'gen Anblick!

(Er will sie fortziehen.)

Isabella (fällt ihm um den Hals).
Du lebst mir noch! Du, jetzt mein Einziger!

Beatrice.
Weh, Mutter! Was beginnst du?

Don Cesar.
Weine dich aus
An diesem treuen Busen! Unverloren
Ist dir der Sohn, denn seine Liebe lebt
Unsterblich fort in deines Cesars Brust.

Erster Chor (Cajetan, Berengar, Manfred).
   Brechet auf, ihr Wunden!
Redet, ihr stummen!
In schwarzen Fluten
Stürzet hervor, ihr Bäche des Bluts!

Isabella (beider Hände fassend).
O meine Kinder!

Don Cesar.
Wie entzückt es mich,
In deinen Armen sie zu sehen, Mutter!
Ja, lass sie deine Tochter sein! Die Schwester –

Isabella (unterbricht ihn).
Dir dank' ich die Gerettete, mein Sohn!
Du hieltest Wort, du hast sie mir gesendet.

Don Cesar (erstaunt).
Wen, Mutter, sagst du, hab' ich dir gesendet?

Isabella.
Sie mein' ich, die du vor dir siehst, die Schwester.

Don Cesar.
Sie meine Schwester?

Isabella.
Welche andre sonst?

Don Cesar.
Meine Schwester?

Isabella.
Die du selber mir gesendet.

Don Cesar.
Und seine Schwester!

Chor.
Wehe! Wehe! Wehe!

Beatrice.
O meine Mutter!

Isabella.
Ich erstaune – Redet!

Don Cesar.
So ist der Tag verflucht, der mich geboren!

Isabella.
Was ist dir? Gott!

Don Cesar.
Verflucht der Schoß, der mich
Getragen! – Und verflucht sei deine Heimlichkeit,
Die all dies Grässliche verschuldet! Falle
Der Donner nieder, der dein Herz zerschmettert!
Nicht länger halt' ich schonend ihn zurück –
Ich selber, wiss' es, ich erschlug den Bruder,
In ihren Armen überrascht' ich ihn;
Sie ist es, die ich liebe, die zur Braut
Ich mir gewählt – den Bruder aber fand ich
In ihren Armen – Alles weißt du nun!
– Ist sie wahrhaftig seine, meine Schwester,
So bin ich schuldig einer Gräueltat,
Die keine Reu' und Büßung kann versöhnen!

Chor (Bohemund).
Es ist gesprochen, du hast es vernommen,
Das Schlimmste weißt du, nichts ist mehr zurück!
Wie die Seher verkündet, so ist es gekommen,
Denn noch niemand entfloh dem verhängten Geschick.
Und wer sich vermisst es klüglich zu wenden,
Der muss es selber erbauend vollenden.

Isabella.
Was kümmert's mich noch, ob die Götter sich
Als Lügner zeigen oder sich als wahr
Bestätigen? Mir haben sie das Ärgste
Getan – Trotz biet' ich ihnen, mich noch härter
Zu treffen, als sie trafen – Wer für nichts mehr
Zu zittern hat, der fürchtet sie nicht mehr.
Ermordet liegt mir der geliebte Sohn,
Und von dem lebenden scheid' ich mich selbst.
Er ist mein Sohn nicht – Einen Basilisken
Hab' ich erzeugt, genährt an meiner Brust,
Der mir den bessern Sohn zu Tode stach.
– Komm, meine Tochter! Hier ist unsers Bleibens
Nicht mehr – den Rachegeistern überlass' ich
Dies Haus – ein Frevel führte mich herein,
Ein Frevel treibt mich aus – Mit Widerwillen
Hab' ich's betreten und mit Furcht bewohnt,
Und in Verzweiflung räum' ich's – Alles dies
Erleid' ich schuldlos; doch bei Ehren bleiben
Die Orakel, und gerettet sind die Götter.

(Sie geht ab. Diego folgt ihr.)


Sechster Auftritt

Beatrice. Don Cesar. Der Chor.

Don Cesar (Beatrice zurückhaltend).
Bleib, Schwester! Scheide du nicht so von mir!
Mag mir die Mutter fluchen, mag dies Blut
Anklagend gegen mich zum Himmel rufen,
Mich alle Welt verdammen! Aber du
Fluche mir nicht! Von dir kann ich's nicht tragen!

Beatrice (zeigt mit abgewandtem Gesicht auf den Leichnam).

Don Cesar.
Nicht den Geliebten hab' ich dir getötet!
Den Bruder hab' ich dir und hab' ihn mir
Gemordet – Dir gehört der Abgeschiedne jetzt
Nicht näher an, als ich, der Lebende,
Und ich bin mitleidswürdiger als er,
Denn er schied rein hinweg, und ich bin schuldig.

Beatrice (bricht in heftige Tränen aus).

Don Cesar.
Weine um den Bruder, ich will mit dir weinen,
Und – mehr noch – rächen will ich ihn! Doch nicht
Um den Geliebten weine! Diesen Vorzug,
Den du dem Toten gibst, ertrag' ich nicht.
Den einz'gen Trost, den letzten, lass mich schöpfen
Aus unsers Jammers bodenloser Tiefe,
Dass er dir näher nicht gehört, als ich –
Denn unser furchtbar aufgelöstes Schicksal
Macht unsre Rechte gleich, wie unser Unglück.
In einen Fall verstrickt, drei liebende
Geschwister, gehen wir vereinigt unter,
Und teilen gleich der Tränen traurig Recht.
Doch wenn ich denken muss, dass deine Trauer
Mehr dem Geliebten als dem Bruder gilt,
Dann mischt sich Wut und Neid in meinen Schmerz,
Und mich verlässt der Wehmut letzter Trost.
Nicht freudig, wie ich gerne will, kann ich
Das letzte Opfer seinem Mahnen bringen;
Doch sanft nachsenden will ich ihm die Seele,
Weiß ich nur, dass du meinen Staub mit seinem
In einem Aschenkruge sammeln wirst.

(Den Arm um sie schlingend, mit einer leidenschaftlich zärtlichen Heftigkeit.)

Dich liebt' ich, wie ich nichts zuvor geliebt,
Da du noch eine Fremde für mich warst.
Weil ich dich liebte über alle Grenzen,
Trag' ich den schweren Fluch des Brudermords,
Liebe zu dir war meine ganze Schuld.
– Jetzt bist du meine Schwester, und dein Mitleid
Fordr' ich von dir als einen heil'gen Zoll.

(Er sieht sie mit ausforschenden Blicken und schmerzlicher Erwartung an, dann wendet er sich mit Heftigkeit von ihr.)

Nein, nein, nicht sehen kann ich diese Tränen –
In dieses Toten Gegenwart verlässt
Der Mut mich, und die Brust zerreißt der Zweifel –
– Lass mich im Irrtum! Weinen im Verborgnen!
Sieh nie mich wieder – niemals mehr – Nicht dich,
Nicht deine Mutter will ich wieder sehen,
Sie hat mich nie geliebt! Verraten endlich
Hat sich ihr Herz, der Schmerz hat es geöffnet.
Sie nannt' ihn ihren bessern Sohn! – So hat sie
Verstellung ausgeübt ihr ganzes Leben!
– Und du bist falsch, wie sie! Zwinge dich nicht!
Zeig deinen Abscheu! Mein verhasstes Antlitz
Sollst du nicht wieder sehn! Geh hin auf ewig!

(Er geht ab. Sie steht unschlüssig, im Kampf widersprechender Gefühle, dann reißt sie sich los und geht.)


Siebenter Auftritt

Chor (Cajetan).
– – – – – – – –
Wohl dem! Selig muss ich ihn preisen,
Der in der Stille der ländlichen Flur,
Fern von des Lebens verworrenen Kreisen,
Kindlich liegt an der Brust der Natur.
Denn das Herz wird mir schwer in der Fürsten Palästen,
Wenn ich herab vom Gipfel des Glücks
Stürzen sehe die Höchsten, die Besten
In der Schnelle des Augenblicks!
   Und auch der hat sich wohl gebettet,
Der aus der stürmischen Lebenswelle,
Zeitig gewarnt, sich heraus gerettet
In des Klosters friedliche Zelle,
Der die stachelnde Sucht der Ehren
Von sich warf und die eitle Lust
Und die Wünsche, die ewig begehren,
Eingeschläfert in ruhiger Brust.
Ihn ergreift in dem Lebensgewühle
Nicht der Leidenschaft wilde Gewalt,
Nimmer in seinem stillen Asyle
Sieht er der Menschheit traur'ge Gestalt.
Nur in bestimmter Höhe ziehet
Das Verbrechen hin und das Ungemach,
Wie die Pest die erhabnen Orte fliehet,
Dem Qualm der Städte wälzt es sich nach.

(Berengar, Bohemund und Manfred.)

Auf den Bergen ist Freiheit! Der Hauch der Grüfte
Steigt nicht hinauf in die reinen Lüfte;
Die Welt ist vollkommen überall,
Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual.

(Der ganze Chor wiederholt.)

Auf den Bergen usw.


Achter Auftritt

Don Cesar. Der Chor.

Don Cesar (gefasster).
Das Recht des Herrschers üb' ich aus zum letzten Mal,
Dem Grab zu übergeben diesen teuren Leib,
Denn dieses ist der Toten letzte Herrlichkeit.
Vernehmt denn meines Willens ernstlichen Beschluss,
Und wie ich's euch gebiete, also übt es aus
Genau – Euch ist in frischem Angedenken noch
Das ernste Amt, denn nicht von langen Zeiten ist's,
Dass ihr zur Gruft begleitet eures Fürsten Leib.
Die Totenklage ist in diesen Mauern kaum
Verhallt, und eine Leiche drängt die andre fort
Ins Grab, dass eine Fackel an der andern sich
Anzünden, auf der Treppe Stufen sich der Zug
Der Klagemänner fast begegnen mag.
So ordnet denn ein feierlich Begräbnisfest
In dieses Schlosses Kirche, die des Vaters Staub
Verwahrt, geräuschlos bei verschlossnen Pforten an,
Und alles werde, wie es damals war, vollbracht.

Chor (Bohemund).
Mit schnellen Händen soll dies Werk bereitet sein,
O Herr – denn aufgerichtet steht der Katafalk,
Ein Denkmal jener ernsten Festlichkeit, noch da,
Und an den Bau des Todes rührte keine Hand.

Don Cesar.
Das war kein glücklich Zeichen, dass des Grabes Mund
Geöffnet blieb im Hause der Lebendigen.
Wie kam's, dass man das unglückselige Gerüst
Nicht nach vollbrachtem Dienste alsobald zerbrach?

Chor (Bohemund).
Die Not der Zeiten und der jammervolle Zwist,
Der gleich nachher, Messina feindlich teilend, sich
Entflammt, zog unsre Augen von den Toten ab,
Und öde blieb, verschlossen dieses Heiligtum.

Don Cesar.
Ans Werk denn eilet ungesäumt! Noch diese Nacht
Vollende sich das mitternächtliche Geschäft!
Die nächste Sonne finde von Verbrechen rein
Das Haus und leuchte einem fröhlichern Geschlecht.

(Der zweite Chor entfernt sich mit Don Manuels Leichnam.)

Erster Chor (Cajetan).
Soll ich der Mönche fromme Brüderschaft hieher
Berufen, dass sie nach der Kirche altem Brauch
Das Seelenamt verwalte und mit heil'gem Lied
Zur ew'gen Ruh einsegne den Begrabenen?

Don Cesar.
Ihr frommes Lied mag fort und fort an unserm Grab
Auf ew'ge Zeiten schallen bei der Kerze Schein;
Doch heute nicht bedarf es ihres reinen Amts,
Der blut'ge Mord verscheucht das Heilige.

Chor (Cajetan).
Beschließe nichts gewaltsam Blutiges, o Herr,
Wider sich selber wütend mit Verzweiflungstat;
Denn auf der Welt lebt niemand, der dich strafen kann,
Und fromme Büßung kauft den Zorn des Himmels ab.

Don Cesar.
Nicht auf der Welt lebt, wer mich richtend strafen kann,
Drum muss ich selber an mir selber es vollziehn.
Bußfert'ge Sühne, weiß ich, nimmt der Himmel an;
Doch nur mit Blut büßt sich ab der blut'ge Mord.

Chor (Cajetan).
Des Jammers Fluten, die auf dieses Haus gestürmt,
Ziemt dir zu brechen, nicht zu häufen Leid auf Leid.

Don Cesar.
Den alten Fluch des Hauses lös' ich sterbend auf,
Der freie Tod nur bricht die Kette des Geschicks.

Chor (Cajetan).
Zum Herrn bist du dich schuldig dem verwaisten Land,
Weil du des andern Herrscherhauptes uns beraubt.

Don Cesar.
Zuerst den Todesgöttern zahl' ich meine Schuld;
Ein andrer Gott mag sorgen für die Lebenden.

Chor (Cajetan).
So weit die Sonne leuchtet, ist die Hoffnung auch;
Nur von dem Tod gewinnt sich nichts! Bedenk' es wohl!

Don Cesar.
Du selbst bedenke schweigend deine Dienerpflicht!
Mich lass dem Geist gehorchen, der mich furchtbar treibt,
Denn in das Innre kann kein Glücklicher mir schaun.
Und ehrst du fürchtend auch den Herrscher nicht in mir,
Den Verbrecher fürchte, den der Flüche schwerster drückt,
Das Haupt verehre des Unglücklichen,
Das auch den Göttern heilig ist – Wer das erfuhr,
Was ist erleide und im Busen fühle,
Gibt keinem Irdischen mehr Rechenschaft.


Neunter Auftritt

Donna Isabella. Don Cesar. Der Chor.

Isabella (kommt mit zögernden Schritten und wirft unschlüssige Blicke auf Don Cesar. Endlich tritt sie ihm näher und spricht mit gefasstem Ton).
Dich sollten meine Augen nicht mehr schauen,
So hatt' ich mir's in meinem Schmerz gelobt;
Doch in die Luft verwehen die Entschlüsse,
Die eine Mutter, unnatürlich wütend,
Wider des Herzens Stimme fasst – Mein Sohn!
Mich treibt ein unglückseliges Gerücht
Aus meines Schmerzens öden Wohnungen
Hervor – Soll ich ihm glauben? Ist es wahr,
Dass mir ein Tag zwei Söhne rauben soll?

Chor (Cajetan).
Entschlossen siehst du ihn, festen Muts,
Hinab zu gehen mit freiem Schritte
Zu des Todes traurigen Toren.
Erprobe du jetzt die Kraft des Blutes,
Die Gewalt der rührenden Mutterbitte!
Meine Worte hab' ich umsonst verloren.

Isabella.
Ich rufe die Verwünschungen zurück,
Die ich im blinden Wahnsinn der Verzweiflung
Auf dein geliebtes Haupt herunter rief.
Eine Mutter kann des eignen Busens Kind,
Das sie mit Schmerz geboren, nicht verfluchen.
Nicht hört der Himmel solche sündige
Gebete; schwer von Tränen, fallen sie
Zurück von seinem leuchtenden Gewölbe.
– Lebe, mein Sohn! Ich will den Mörder lieber sehn
Des einen Kindes, als um beide weinen.

Don Cesar.
Nicht wohl bedenkst du, Mutter, was du wünschest
Dir selbst und mir – Mein Pfad kann nicht mehr sein
Bei den Lebendigen – Ja, könntest du
Des Mörders Gott verhasstes Antlitz auch
Ertragen, Mutter, ich ertrüge nicht
Den stummen Vorwurf deines ew'gen Grams.

Isabella.
Kein Vorwurf soll dich kränken, keine laute,
Noch stumme Klage in das Herz dir schneiden.
In milder Wehmut wird der Schmerz sich lösen,
Gemeinsam trauernd wollen wir das Unglück
Beweinen und bedecken das Verbrechen.

Don Cesar (fasst ihre Hand, mit sanfter Stimme).
Das wirst du, Mutter. Also wird's geschehn.
In milder Wehmut wird dein Schmerz sich lösen –
Dann, Mutter, wenn ein Totenmal den Mörder
Zugleich mit dem Gemordeten umschließt,
Ein Stein sich wölbet über beider Staube,
Dann wird der Fluch entwaffnet sein – dann wirst
Du deine Söhne nicht mehr unterscheiden,
Die Tränen, die dein schönes Auge weint,
Sie werden einem wie dem andern gelten!
Ein mächtiger Vermittler ist der Tod.
Da löschen alle Zornesflammen aus,
Der Hass versöhnt sich, und das schöne Mitleid
Neigt sich, ein weinend Schwesterbild, mit sanft
Anschmiegender Umarmung auf die Urne.
Drum, Mutter, wehre du mir nicht, dass ich
Hinuntersteige und den Fluch versöhne.

Isabella.
Reich ist die Christenheit an Gnadenbildern,
Zu denen wallend ein gequältes Herz
Kann Ruhe finden. Manche schwere Bürde
Ward abgeworfen in Loretto's Haus,
Und segensvolle Himmelskraft umweht
Das heil'ge Grab, das alle Welt entsündigt.
Vielkräftig auch ist das Gebet der Frommen,
Sie haben reichen Vorrat an Verdienst,
Und auf der Stelle, wo ein Mord geschah,
Kann sich ein Tempel reinigend erheben.

Don Cesar.
Wohl lässt der Pfeil sich aus dem Herzen ziehn,
Doch nie wird das verletzte mehr gesunden.
Lebe, wer's kann, ein Leben der Zerknirschung,
Mit strengen Bußkasteiungen allmählich
Abschöpfend eine ew'ge Schuld – Ich kann
Nicht leben, Mutter, mit gebrochnem Herzen.
Aufblicken muss ich freudig zu den Frohen
Und in den Äther greifen über mir
Mit freiem Geist – Der Neid vergiftete mein Leben
Da wir noch deine Liebe gleich geteilt.
Denkst du, dass ich den Vorzug werde tragen,
Den ihm dein Schmerz gegeben über mich?
Der Tod hat eine reinigende Kraft,
In seinem unvergänglichen Palaste
Zu echter Tugend reinem Diamant
Das Sterbliche zu läutern und die Flecken
Der mangelhaften Menschheit zu verzehren.
Weit, wie die Sterne abstehn von der Erde,
Wird er erhaben stehen über mir,
Und hat der alte Neid uns in dem Leben
Getrennt, da wir noch gleich Brüder waren,
So wurd er rastlos mir das Herz zernagen,
Nun er das Ewige mir abgewann,
Und, jenseits alles Wettstreits, wie ein Gott
In der Erinnerung der Menschen wandelt.

Isabella.
O hab' ich euch nur darum nach Messina
Gerufen, um euch beide zu begraben?
Euch zu versöhnen rief ich euch hieher,
Und ein verderblich Schicksal kehret all
Mein Hoffen in sein Gegenteil mir um!

Don Cesar.
Schilt nicht den Ausgang, Mutter! Es erfüllt
Sich alles, was versprochen ward. Wir zogen ein
Mit Friedenshoffnungen in diese Tore,
Und friedlich werden wir zusammen ruhn,
Versöhnt auf ewig, in dem Haus des Todes.

Isabella.
Lebe, mein Sohn! Lass deine Mutter nicht
Freundlos im Land der Fremdlinge zurück,
Rohherziger Verhöhnung preisgegeben,
Weil sie der Söhne Kraft nicht mehr beschützt.

Don Cesar.
Wenn alle Welt dich herzlos kalt verhöhnt,
So flüchte du dich hin zu unserm Grabe
Und rufe deiner Söhne Gottheit an,
Denn Götter sind wir dann, wir hören dich,
Und wie des Himmels Zwillinge, dem Schiffer
Ein leuchtend Sternbild, wollen wir mit Trost
Die nahe sein und deine Seele stärken.

Isabella.
Lebe, mein Sohn! Für deine Mutter lebe!
Ich kann's nicht tragen, alles zu verlieren!

(Sie schlingt ihre Arme mit leidenschaftlicher Heftigkeit um ihn; er macht sich sanft von ihr los und reicht ihr die Hand mit abgewandtem Gesicht.)

Don Cesar.
Leb wohl!

Isabella.
Ach, wohl erfahr' ich's schmerzlich fühlend nun,
Dass nichts die Mutter über dich vermag!
Gibt's keine andre Stimme, welche dir
Zum Herzen mächt'ger als die meine dringt?

(Sie sieht nach dem Eingang der Szene.)

Komm, meine Tochter! Wenn der tote Bruder
Ihn so gewaltig nachzieht in die Gruft,
So mag vielleicht die Schwester, die geliebte,
Mit schöner Lebenshoffnung Zauberschein
Zurück ihn locken in das Licht der Sonne.


Letzter Auftritt

Beatrice erscheint am Eingang der Szene. Donna Isabella. Don Cesar und der Chor.

Don Cesar (bei ihrem Anblick heftig bewegt sich verhüllend).
O Mutter! Mutter! Was ersannest du?

Isabella (führt sie vorwärts).
Die Mutter hat umsonst zu ihm gefleht,
Beschwöre du, erfleh' ihn, dass er lebe!

Don Cesar.
Arglist'ge Mutter! Also prüfst du mich!
In neuen Kampf willst du zurück mich stürzen?
Das Licht der Sonne mir noch teurer machen
Auf meinem Wege zu der ew'gen Nacht?
– Da steht der holde Lebensengel mächtig
Vor mir, und tausend Blumen schüttet er
Und tausend goldne Früchte Leben duftend
Aus reichem Füllhorn strömend vor mir aus,
Das Herz geht auf im warmen Strahl der Sonne,
Und neu erwacht in der erstorbnen Brust
Die Hoffnung wieder und die Lebenslust.

Isabella.
Fleh' ihn, dich oder niemand wird er hören,
Dass er den Stab nicht raube dir und mir.

Beatrice.
Ein Opfer fordert der geliebte Tote!
Es soll ihm werden, Mutter – Aber mich
Lass dieses Opfer sein! Dem Tode war ich
Geweiht, eh' ich das Leben sah. Mich fordert
Der Fluch, der dieses Haus verfolgt, und Raub
Am Himmel ist das Leben, das ich lebe.
Ich bin's, die ihn gemordet, eures Streits
Entschlafne Furien gewecket – Mir
Gebührt es, seine Mahnen zu versöhnen!

Chor (Cajetan).
O jammervolle Mutter! Hin zum Tod
Drängen sich eifernd alle deine Kinder
Und lassen dich allein, verlassen stehen
Im freudlos öden, liebeleeren Leben.

Beatrice.
Du, Bruder, rette dein geliebtes Haupt!
Für deine Mutter lebe! Sie bedarf
Des Sohns; erst heute fand sie eine Tochter
Und leicht entbehrt sie, was sie nie besaß.

Don Cesar (mit tief verwundeter Seele).
Wir mögen leben, Mutter, oder sterben,
Wenn sie nur dem Geliebten sich vereinigt!

Beatrice.
Beneidest du des Bruders toten Staub?

Don Cesar.
Er lebt in deinem Schmerz ein selig Leben;
Ich werde ewig tot sein bei den Toten.

Beatrice.
O Bruder!

Don Cesar (mit dem Ausdruck der heftigsten Leidenschaft).
Schwester, weinest du um mich?

Beatrice.
Lebe für unsre Mutter!

Don Cesar (lässt ihre Hand los, zurücktretend).
Für die Mutter?

Beatrice (neigt sich an seine Brust).
Lebe für sie, und tröste deine Schwester.

Chor (Bohemund).
Sie hat gesiegt! Dem rührenden Flehen
Der Schwester konnt' er nicht widerstehen.
Trostlose Mutter! Gib Raum der Hoffnung,
Er erwählt das Leben, die bleibt dein Sohn!

(In diesem Augenblick lässt sich ein Chorgesang hören, die Flügeltüre wird geöffnet, man sieht in der Kirche den Katafalk aufgerichtet und den Sarg von Kandelabern umgeben.)

Don Cesar (gegen den Sarg gewendet).
Nein, Bruder! Nicht dein Opfer will ich dir
Entziehen – deine Stimme aus dem Sarg
Ruft mächt'ger dringend als der Mutter Tränen
Und mächt'ger als der Liebe Flehn – Ich halte
In meinen Armen, was das ird'sche Leben
Zu einem Los der Götter machen kann –
Doch ich, der Mörder, sollte glücklich sein,
Und deine heil'ge Unschuld ungerächet
Im tiefen Grabe liegen? – Das verhüte
Der allgerechte Lenker unsrer Tage,
Dass solche Teilung sei in seiner Welt –
– Die Tränen sah ich, die auch mir geflossen,
Befriedigt ist mein Herz, ich folge dir.

(Er durchsticht sich mit einem Dolch und gleitet sterbend an seiner Schwester nieder, die sich der Mutter in die Arme wirft.)

Chor (Cajetan) (nach einem tiefen Schweigen).
Erschüttert steh' ich, weiß nicht, ob ich ihn
Bejammern oder preisen soll sein Los.
Dies eine fühl' ich und erkenn' es klar:
Das Leben ist der Güter höchstes nicht,
Der Übel größtes aber ist die Schuld.

Ü

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