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Vierter Aufzug

Ein freier Platz.

Erster Auftritt

Rosse und Lenox.

Rosse.
Ich führe das nur an, euch auf die Spur
Zu bringen. Setzt euch selber nun zusammen!
Der gnadenreiche Duncan ward von Macbeth
Betrauert! Freilich wohl! Er war ja tot.
Und der getreue, biedre Banquo reiste
Zu spät des Nachts. Wer Lust hat, kann auch sagen,
Fleance hab’ ihn umgebracht, denn Fleance entfloh.
Man sollte eben in so später Nacht nicht reisen.
Wer dachte je, dass dieser Donalbain
Und Malcolm solche Ungeheuer wären,
Den zärtlichsten der Väter zu ermorden!
Verdammenswerte Tat! Wie schmerzte sie nicht
Den frommen Macbeth! Würgt’ er nicht sogleich
In heil’ger Wut die beiden Täter, die
Von Wein und Schlummer überwältigt lagen!
War das nicht brav von ihm! Gewiss, und weise
Nicht minder! Denn wer hätt’ es ohne Grimm
Anhören können, wenn die Buben es
Geleugnet! Also, wie gesagt, sehr klug! –
Und seid gewiss, sollt’ er der Söhne Duncans
Je habhaft werden – welches Gott verhüte!
Sie sollten lernen, was es auf sich hat,
Den Vater morden! Und das sollt’ auch Fleance!
– Doch still! Um ein’ger freien Worte willen,
Und weil er von dem Gastmahl des Tyrannen
Ausblieb, lud Macduff seinen Zorn auf sich.
Könnt ihr mir Nachricht geben, wo er jetzt
Sich aufhält?

Lenox.
Malcolm, Duncans Ältester,
Dem der Tyrann das Erbreich vorenthält,
Lebt an dem Hof des frommen Eduards,
Geehrt, wie einem Könige geziemt,
Und der Verbannung Bitterkeit vergessend.
Dahin ist nun auch Macduff abgegangen,
Englands großmüt’gen König anzuflehn,
Dass er den tapfern Seiward uns zum Beistand
Her sende, der mit Gottes mächt’gem Schutz
Die Tyrannei zerstörte, unsern Nächten Schlaf
Und unsern Tischen Speise wieder gebe,
Den mörderischen Dolch von unsern Festen
Entferne, uns aufs neue um den Thron
Des angestammten Königs versammle,
Damit wir ohne Niederträchtigkeit
In Ehren kommen können – Darnach sehen wir
Uns jetzt umsonst. – Die Nachricht von dem allen
Hat den Tyrannen so in Wut gesetzt,
Dass er zum Kriege schleunig Anstalt macht.

Rosse.
So schickte er nach Macduff?

Lenox.
Ja. Und mit einem runden, kurzen: Sir,
Ich komme nicht! Ward der Gesandte ab-
Gefertigt, der mit einem finstern Blick
Den Rücken wendete, als wollt’ er sagen:
Ihr werdet euch die Stunde reuen lassen,
Da ihr mit solcher Antwort mich entließt.

Rosse.
Es sei ihm eine Warnung, sich so weit
Als möglich zu entfernen. Irgend ein
Wohltät’ger Cherub fliege vor ihm her
Nach England und entfalte sein Gesuch,
Noch eh’ er kommt, damit ein schneller Arm
Zur Rettung dieses Landes sich bewaffne,
Deut eine Teufelshand Verderben droht.

Lenox.
Wo geht ihr hin?

Rosse.
Ich will nach Fife, sein Weib
Zu trösten und, vermag ich’s sie zu schützen.
Lebt wohl!

(Gehen ab.)


Eine große und finstere Höhle.

Ein Kessel steht in der Mitte über dem Feuer.

Zweiter Auftritt

Hekate. Die drei Hexen.

Erste Hexe.
Was ist dir, hohe Meisterin?

Zweite und dritte.
Was zürnet unsre Königin?

Hekate.
Und soll ich’s nicht, da ihr vermessen
Und schamlos eurer Pflicht vergessen,
Und eigenmächtig, unbefragt,
Mit Macbeth solches Spiel gewagt,
Mit Rätseln ihn und Zauberworten
Versucht zu gräuelvollen Morden?
Und ich, die Göttin eurer Kraft,
Die einzig alles Unheil schafft,
Mich rieft ihr nicht, euch beizustehn
Und eurer Kunst Triumph zu sehn?
Und überdies, was ihr getan,
Geschah für einen schlechten Mann,
Der eitel, stolz, wie’s viele gibt,
Nur seinen Ruhm, nicht euren, liebt!
   Macht’s wieder gut, und den Betrug,
Den ihr begannt, vollendet klug!
Ich will unsichtbar um euch sein
Und selber meine Macht euch leihn.
Denn eh’ es noch beginnt zu tagen,
Erscheint er, das Geschick zu fragen.
Drum schnell ans Werk mit rüst’gen Händen,
Ich will euch meine Geister senden,
Und solche Truggebilde weben
Und täuschende Orakel geben,
Dass Macbeth, von dem Blendwerk voll,
Verwirrt und tollkühn werden soll!
Dem Schicksal soll er trotzen kühn,
Nichts fürchten, sinnlos alles wagen,
Nach seinem eiteln Trugbild jagen.
Den Sterblichen, dass wisst ihr lange,
Führt Sicherheit zum Untergange!

(Sie versinkt hinter dem Kessel.)


Dritter Auftritt

Die drei Hexen, um den Kessel tanzend.

Erste Hexe.
Um den Kessel schlingt den Rhein,
Werft die Eingeweid’ hinein.
Kröte du, die Nacht und Tag
Unterm kalten Steine lag,
Monatlanges Gift sog ein,
In den Topf zuerst hinein.

Alle drei.
Rüstig! Rüstig! Nimmer müde!
Feuer, brenne! Kessel, siede!

Erste Hexe.
Schlangen, die der Sumpf genährt,
Kocht und zischt auf unserm Herd.
Froschzehn tun wir auch daran,
Fledermaushaar, Hundeszahn,
Otterzungen, Stacheligel,
Eidechspfoten, Eulenflügel,
Zaubers halber, wert der Müh,
Sied’ und koch’ wie Höllenbrüh.

Alle.
Rüstig! Rüstig! Nimmer müde!
Feuer, brenne! Kessel, siede!

Erste Hexe.
Schlangen, die der Sumpf genährt,
Kocht und zischt auf unserm Herd.
Froschzehn tun wir auch daran,
Fledermaushaar, Hundeszahn,
Otterzungen, Stacheligel,
Eidechspfoten, Eulenflügel,
Zaubers halber, wert der Müh,
Sied’ und koch’ wie Höllenbrüh.

Alle.
Rüstig! Rüstig! Nimmer müde!
Feuer, brenne! Kessel, siede!

Erste Hexe.
Tut auch Drachenschuppen dran,
Hexenmumien, Wolfeszahn,
Des gefräß’gen Seehunds Schlund,
Schierlingswurz, zur finstern Stund’
Ausgegraben überall!
Judenleber, Ziegengall,
Eibenzweige, abgerissen
Bei des Mondes Finsternissen,
Türkennasen tut hinein,
Tartarlippen, Fingerlein
In Geburt erwürgter Knaben,
Abgelegt in einem Graben!
Mischt und rührt es, dass der Brei
Tüchtig, dick und schleimig sei.
Werft auch, dann wird’s fertig sein,
Ein Gekrös vom Tiger drein.

Alle.
Rüstig! Rüstig! Nimmer müde!
Feuer, brenne! Kessel, siede!

Erste Hexe.
Kühlt’s mit eines Säuglings Blut,
Dann ist der Zauber fest und gut!

Zweite Hexe.
Geister, schwarz, weiß, blau und grau,
   Wie ihr euch auch nennt,
Rührt um, rührt um, rührt um,
   Was ihr rühren könnt!

(Es erscheinen zwerghafte Geister, welche in dem Kessel rühren.)

Dritte Hexe.
Juckend sagt mein Damen mir:
Etwas Böses naht sich hier!
Nur herein,
Wer’s mag sein!


Vierter Auftritt

Macbeth. Die drei Hexen. Nachher verschiedene Erscheinungen.

Macbeth.
Nun, ihr geheimnisvollen schwarzen Hexen,
Was macht ihr da?

Die drei Hexen (zugleich).
Ein namenloses Werk.

Macbeth.
Bei eurer dunkeln Kunst beschwör’ ich euch.
Antwortet mir, durch welche Mittel ihr’s
Auch mögt vollbringen! Müsstet ihr die Winde
Entfesseln und mit Kirchen kämpfen lassen;
Müsst’ auch das schäumend aufgeregte Meer
Im allgemeinen Sturm die ganze Schifffahrt
Verschlingen, müsste finstrer Hagelregen
Die Ernte niederschlagen, feste Schlösser
Einstürzen überm Haupte ihrer Hüter,
Paläste, Pyramiden ihren Gipfel
Erschüttert beugen bis zu ihrem Grunde!
Ja, müsste gleich der Weltbau drüber brechen,
Antwortet mir auf das, was ich euch frage.

Erste Hexe.
Sprich!

Zweite Hexe.
Frage.

Dritte Hexe.
Dir soll Antwort werden.

Erste Hexe.
Sprich! Willst du sie aus unserm Munde lieber,
Willst du von unsern Meistern sie vernehmen?

Macbeth.
Ruft sie! Ich will sie sehn!

Die drei Hexen.
   Groß oder klein,
   Erschein’! Erschein’!
   Und zeige dich
   Und deine Pflicht bescheidentlich!

Donner. Ein bewaffnetes Haupt erhebt sich hinter dem Kessel.

Macbeth.
Sag mir, du unbekannte Macht –

Erste Hexe.
Was du denkst, entgeht ihm nicht,
Höre schweigend, was er spricht!

Haupt.
Macbeth! Macbeth! Macbeth!
Fürchte Macduffs kriegerisch Haupt!
Zittre vor dem Than zu Fife!
Lasst mich! Mehr ist nicht erlaubt.

(Steigt hinunter.)

Macbeth.
Wer du auch seist, hab Dank für diese Warnung,
Du zeigest meiner ungewissen Furcht
Das Ziel! Nur noch ein Wort –

Erste Hexe.
Er lässt sich nicht befehlen!
Hier ist ein andrer, mächtiger als jener!

Donner. Erscheinung von einem blutigen Kinde.

Kind.
Macbeth! Macbeth! Macbeth!

Macbeth.
Hätt’ ich drei Ohren, du erfülltest sie.

Kind.
Sei keck und Kühn und dürste Blut,
Verlache deiner Feinde Wut,
Denn keiner, den ein Weib gebar,
Bringt Macbeth je Gefahr.

(Steigt hinunter.)

Macbeth.
So lebe Macduff immerhin! Was brauch’
Ich dich zu fürchten – Aber nein! Ich will
Die Sicherheit verdoppeln und ein Pfand
Vom Schicksal nehmen – Du sollst sterben, Macduff,
Dass ich die Furcht zur Lügnerin kann machen
Und sorglos schlafen in des Sturmes Rachen.

Ein gekröntes Kind mit einem Baumzweig.

Was ist’s, das wie ein königlicher Sprössling
Sich dort erhebt, um seine Kinderstirn
Den goldnen Reif der Herrscherwürde tragend?

Die drei Hexen.
Höre, aber rede nicht!
Schweigend merke, was er spricht.

Gekröntes Kind.
Sei ein Löwe! Keinen scheue,
Wer auch murre, wer dir dräue,
Wer sich gegen dich verbunden!
Macbeth bleibt unüberwunden,
Bis der Birnamwald auf ihn heran
Rückt zum Schlosse Dunsinan.

(Steigt hinunter.)

Macbeth.
Dahin kommt’s niemals! Wer kann Bäume wie
Soldaten pressen, dass sie ihre Tief
Verschlungnen Wurzeln aus der Erd’ entfesseln
Und, die Bewegungslosen, wandelnd nahn?
Glückselige Orakelsprüche! Wohl!
Aufruhr, dein Haupt erhebst du nicht, bis sich
Der Birnamwald erhebt von seiner Stelle.
Macbeth wird leben bis ans Ziel der Zeit
Und keinem andern seinen Hauch bezahlen,
Als dem gemeinen Los der Sterblichkeit.
Und dennoch pocht mein Herz, nur eines noch
Zu wissen. Sagt mir – wenn sich eure Kunst
So weit erstreckt – wird Banquo’s Same je
In diesem Reich regieren?

Die drei Hexen.
Forsche nichts mehr.

Macbeth.
Ich will befriedigt sein. Versagt mir das
Und seid verflucht auf ewig! Lasst mich’s wissen.
Was sinkt der Kessel! Welch Getös’ ist das?

(Hoboen.)

Erste Hexe.
Erscheint!

Zweite Hexe.
Erscheint!

Dritte Hexe.
Erscheint!

Alle drei.
Erscheint und macht sein Herz nicht froh,
Wie Schatten kommt und schwindet so.

(Acht Könige erscheinen nacheinander und gehen mit langsamen Schritt an Macbeth vorbei. Banquo ist der letzte und hat einen Spiegel in der Hand.)

Macbeth (indem die Erscheinungen an ihm vorübergehen).
Du gleichst zu sehr dem Geist des Banquo! Fort!
Hinab mit dir! Die Kron’ auf deinem Haupt
Verwundet meine Augen! – Deine Miene,
Du zweite Gold umzogne Stirne, gleicht
Der ersten – Fort! Ein Dritter, völlig wie
Der Vorige! – Verfluchte! Warum zeiget ihr mir das?
Ein Vierter – O erstarret, meine Augen!
Was? Will das währen bis zum jüngsten Tag?
Noch einer – Was? Ein Siebenter!
Ich will nicht weiter hinsehn – Aber, sieh!
Da kommt der achte noch mit einem Spiegel,
Worin er mir noch viele andre zeigt!
Was seh’ ich? Wie? Die Kronen, die Reichsäpfel
Verdoppeln sich, die Szepter werden dreifach!
Abscheuliches Gesicht! Ja, nun ist’s wahr!
Ich seh’ es, denn der blut’ge Banquo grinst
Mich an und zeigt auf sie, wie auf die seinen
– Was? Ist es nicht so?

Erste Hexe.
Alles ist so; doch warum
Steht der König starr und stumm?
Seien Seele zu erfreuen,
Schwestern, schlingt den Feenreihen!
Kommt! Von unsern schönsten Festen
Gebt ihm einen Tanz zum Besten!
Luft, du sollst bezaubert klingen,
Wenn wir unsre Kreise schlingen,
Dass der große König soll gestehen,
Ehre sei ihm hier geschehen.

(Sie machen einen Tanz und verschwinden.)

Macbeth.
Wo sind sie? Weg! Verflucht auf ewig stehe
Die Unglücksstunde im Kalender – Komm
Herein, du draußen!


Fünfter Auftritt

Macbeth. Lenox.

Lenox.
Was befiehlt mein König?

Macbeth.
Sahst du die Zauberschwestern?

Lenox.
Nein, mein König.

Macbeth.
Sie kamen nicht bei dir vorbei?

Lenox.
Nein, wirklich nicht.

Macbeth.
Verpestet sei die Luft, auf der sie reiten!
Verdammt sei, wer den Lügnerinnen traut.
Ich hörte Pferdgalopp. Wer kam vorbei?

Lenox.
Zwei oder drei, die euch die Nachricht bringen,
Dass Macduff sich nach Engelland geflüchtet.

Macbeth.
Nach Engelland geflüchtet?

Lenox.
Ja, mein König!

Macbeth.
O Zeit, du greifst in meinen furchtbarn Plan!
Der flücht’ge Vorsatz ist nicht einzuholen,
Es gehe denn die rasche Tat gleich mit.
Von nun an sei der Erstling meines Herzens
Auch gleich der Erstling meiner Hand – Und jetzt,
Gleich jetzt das Wort durch Tat zu krönen, sei’s
Gedacht, getan. Ich überfalle Macduffs Schloss,
Erobre Fife im Sturme – Mutter, Kinder, alle
Verlornen Seelen seines Unglücksstamms
Erwürgt mein Schwert, das ist kein eitles Prahlen!
Eh der Entschluss noch kalt ist, sei’s getan!
Doch keine Geister mehr!
Wo sind die Männer? Führe mich zu ihnen.

(Gehen ab.)


Die Szene ist in einem Garten.

Sechster Auftritt

Malcom und Macduff.

Malcolm.
Komm! Lass uns irgend einen öden schatten
Aufsuchen, unsern Kummer auszuweinen.

Macduff.
Lass uns vielmehr das Todesschwert festhalten
Und über unserm hingestürzten Rechte
Als wackre Männer kämpfend stehn!
Mit jedem neuen Morgen heulen neu
Verlassne Witwen, heulen neue Waisen,
Schlägt neuer Jammer an den Himmel an,
Der klagend widertönt und bange Stimmen
Des Schmerzens von sich gibt, als ob er selbst
Mit Schottland litte.

Malcolm.
Was ich glaube, will ich
Beweinen. Was ich weiß, das will ich glauben,
Wenn ich die Zeit zum Freunde haben werde.
Es mag sich so verhalten, wie du sprichst.
– Dies Ungeheuer, dessen bloßer Name
Die Zungen lähmt, hieß einst ein Biedermann.
Du liebtest ihn, und noch hat er dich nicht
Beleidigt – Ich bin jung – doch könntest du
Durch mich dir ein Verdienst um ihn erwerben,
Und weislich gibt man ein unschuldig Lamm
Dem Messer hin, um einen zürnenden
Gott zu versöhnen.

Macduff.
Ich bin kein Verräter.

Malcolm.
Doch Macbeth ist’s – Und das Gebot des Herrschers
Kann auch den Besten in Versuchung führen!
Vergib mir, Macduff, meinen Zweifelsinn.
Du bleibst derselbe, der du bist. Mein Denken
Macht dich zu keinem andern. Engel glänzen
Noch immer, ob die glänzendsten auch fielen.
Wenn alle bösen Dinge die Gestalt
Des Guten borgten, dennoch muss das Gute
Stets diese nämliche Gestalt behalten.

Macduff.
Ich habe meine Hoffnungen verloren.

Malcolm.
Da eben fand ich meine Zweifel – Wie?
Du hättest deine Gattin, deine Kinder,
Die heilig teuren Pfänder der Natur,
So schnell im Stich gelassen ohne Abschied?
Vergib mir! Meine Vorsicht soll dich nicht
Beleidigen, nur sicher stellen soll
Sie mich – Du bleibst ein ehrenwerter Mann,
Mag ich auch von dir denken, was ich will.

Macduff.
So blute, blute, armes Vaterland!
Du, kecke Tyrannei, begründe fest
Und fester deinen angemaßten Thron,
Dich wagt Gerechtigkeit nicht zu erschüttern.
Du, Prinz, gehab dich wohl! – Um alles Land,
Das der Tyrann in seinen Klauen hält,
Und um den reichen Ost dazu möchte’ ich
Der Schändliche nicht sein, für welchen du
Mich ansiehst.

Malcolm.
Zürne nicht. Mein Zweifel ist
Nicht eben Misstraun. Unser Vaterland
Erliegt, ich denk’ es, dem Tyrannenjoch;
Es weint, es blutet; jeder neue Tag,
Ich will es glauben, schlägt ihm neue Wunden.
Auch zweifl’ ich nicht, es würden Hände gnug
Sich für mein Recht erheben, zeigt’ ich mich.
Und hier gleich bietet Englands Edelmut
Mir deren viele Tausend an! – Jedoch, gesetzt,
Ich träte siegend auf des Wütrichs Haupt,
Ich trüg’s auf meinem Schwert – das arme Schottland
Wird dann mir desto schlimmer sich befinden
Und unter dem, der nach ihm kommen wird,
Der Leiden mehr und härter erdulden.

Macduff.
Wer wäre das?

Malcolm.
Mich selber mein’ ich – mich,
Dem aller Laster mannigfache Keime
So eingepfropft sind, dass, wenn die Gewalt
Sie nun entfaltet, dieser schwarze Macbeth
Schneeweiß dastehen und der Wüterich,
Mit mir verglichen, als ein mildes Lamm
Erscheinen wird!

Macduff.
Aus allen Höllenschlünden steigt
Kein teuflischerer Teufel auf, als Macbeth.

Malcolm.
Er ist blutgierig, grausam, ich gesteh’s,
Wollüstig, geizig, falsch, veränderlich,
Betrügerisch; ihn schändet jedes Laster,
Das einen Namen hat! – Doch meine Wolllust
Kennt keinen Zügel, keine Sättigung.
Nicht Unschuld, nicht der klösterliche Schleier,
Nichts Heiliges ist meiner wilden Gier,
Die trotzig alle Schranken überspringt.
Nein, besser Macbeth herrschet, denn ein solcher!

Macduff.
Unmäßigkeit ist wohl auch Tyrannei,
Hat manchen Thron frühzeitig leer gemacht
Und viele Könige zum Fall geführt.
Doch fürchte darum nicht, nach dem zu greifen,
Was dein gehört. – Ein weites Feld eröffnet
Die höchste Würde deiner Lüsternheit.
Du kannst erhabne Herrscherpflichten üben,
Ein Gott sein vor der Welt, wenn dein Palast
Um deine Menschlichkeiten weiß.

Malcolm.
Und dann
Keimt unter meiner andern Laster Zahl
Auch solch ein Geiz und eine Habsucht auf,
Dass, wär’ ich unumschränkter Herr, ich würgte
Um ihrer Länder willen meine Edeln;
Den tötete sein haus und den sein Gold,
Und kein Besitztum machte je mich satt.
Mein Reichtum selbst wär’ eine Würze nur,
Des Habens Hunger heftiger zu stacheln,
Und Streit erregt’ ich allen Redlichen,
Um mir das ihre sträflich zuzueignen.

Macduff.
Dies Laster gräbt sich tiefer ein und schlägt
Verderblichere Wurzeln, als die leicht
Entflammte Lust, die schnell sich wieder kühlt.
Geiz war das Schwert das unsre Könige
Erschlagen. Dennoch fürchte du dich nicht!
Schottland ist reich genug für deine wildesten
Begierden. Das ist alles zu ertragen,
Wenn es durch andre edle Tugenden
Vergütet wird.

Malcolm.
Doch die besitz’ ich nicht.
Von allen jenen königlichen Trieben,
Gerechtigkeit, Wahrheit, Enthaltsamkeit,
Geduld und Demut, Güte, Frömmigkeit,
Herzhaftigkeit und Großmut ist kein Funke
In mir – Dagegen überfließt mein Herz
Von allen Lastern, die zusammen streiten.
Ja, stünd’s in meiner Macht, ich schüttete
Die süße Milch der Eintracht in die Hölle.
Und allen Frieden bannt’ ich aus der Welt.

Macduff.
O Schottland! Schottland!

Malcolm.
Ist ein solcher fähig
Zu herrschen? Sprich! Ich bin so, wie ich sagte.

Macduff.
Zu herrschen? Nein, nicht würdig, dass er lebe!
– O armes Vaterland, mit blut’gem Szepter
Von einem Räuber unterdrückt, wann wirst
Du deine heitern Tage wieder sehn,
Da der gerechte Erbe deines Throns
Sich selbst das Urteil der Verwerfung spricht
Und lästert seines Lebens reinen Quell.
– Dein Vater war der beste, heiligste
Der Könige, und sie, die dich gebar,
Weit öfter auf den Knien als im Glanz;
Sie starb an jedem Tage, den sie lebte.
Gehab dich wohl, Prinz! Eben diese Laster,
Die du dir beilegst, haben mich aus Schottland
Verbannt – O Herz, hier endet deine Hoffnung!

Malcolm.
Macduff! Dies edle Ungestüm, das Kind
Der Wahrheit, hat den Argwohn ausgelöscht
Aus meiner Seele und versöhnt mein Herz
Mit deiner Ehr’ und Biederherzigkeit!
Schon oft hat dieser teuflische Macbeth
Auf solchem Wege Netze mir gestellt,
Und nur bescheidene Bedenklichkeit
Verwahrte mich vor übereiltem Glauben.
Doch, Gott sei Zeuge zwischen mir und dir!
Von nun an geb’ ich mich in deine Hand
Und widerrufe, was ich fälschlich sprach.
Ab schwör’ ich die Beschuldigungen alle,
Die ich verstellter Weise auf mich selbst
Gehäuft, mein Herz weiß nichts von jenen Lastern.
Rein hab’ ich meine Unschuld mir bewahrt;
Nie maßt’ ich fremdes Gut mir an, ja, kaum
Ließ ich des eignen Gutes mir gelüsten.
Nie schwur ich falsch, nicht teurer ist das Leben
Mir, als die Wahrheit; meine erste Lüge
War, was ich jetzo gegen mich gesprochen.
Was ich in Tat und Wahrheit bin, ist dein
Und meinem armen Land! – Noch eh du kamst,
Ist schon der alte Seiward, wohl gerüstet,
Mit einem Heer nach Schottland aufgebrochen.
Wir folgen ihm sogleich, und möge nun
Der Sieg an die Gerechtigkeit sich heften!
– Warum so stille!

Macduff.
So Willkommenes
Und Schmerzliches lässt sich nicht leicht vereinen.

Malcolm.
Gut! Nachher mehr davon! Sieh, wer da kommt!


Siebenter Auftritt

Die Vorigen. Rosse.

Macduff.
Ein Landsmann, ob ich gleich ihn noch nicht kenne.

Malcolm.
Willkommen, werter Vetter!

Macduff.
Jetzt erkenn’ ich ihn.
Entferne bald ein guter Engel, was
Uns fremd macht füreinander!

Rosse.
Amen, Sir!

Macduff.
Steht es um Schottland noch wie vor?

Rosse.
Ach, armes Land!
Es schaudert vor sich selbst zurück. Nicht unser
Geburtsland, unser Grab nur kann man’s nennen,
Wo niemand lächelt, als das Wiegenkind,
Wo Seufzer, Klagen und Geschrei die Luft
Zerreißt, und ohne dass man darauf achtet,
Wo niemand bei der Sterbeglocke Klang
Mehr fragen mag: Wen gilt es? Wo das Leben
Rechtschaffner Leute schneller hin ist, als
Der Strauß auf ihren Hüten; wo man stirbt,
Eh man erkrankt –

Macduff.
O schreckliche Beschreibung,
Und doch nur allzu wahr!

Malcolm.
Was ist denn jetzt
Die neueste Beschwerde?

Rosse.
Wer das Unglück
Der vor’gen Stunde meldet, sagt was altes;
Jedweder Augenblick gebiert ein neues.

Macduff.
Wie steht es um mein Weib?

Rosse.
Wie? O ganz wohl!

Macduff.
Und meine Kinder?

Rosse.
Auch wohl!

Macduff.
Der Tyrann
Hat ihre Ruh’ nicht angefochten?

Rosse.
Nein!
In Ruhe waren alle, da ich ging.

Macduff.
Seid nicht so wortkarg. Sagt mir, wie es geht.

Rosse.
Als ich mich eben auf den Weg gemacht,
Um euch die Zeitungen zu überbringen,
Womit ich schwer beladen bin, ging ein Gerücht,
Verschiedne brave Leute seien kürzlich
Ermordet – was mir desto glaublicher
Erschien, da ich die Völker des Tyrannen
Ausrücken sah. Nun ist’s die höchste Zeit!
Schon euer bloßer Anblick würde Krieger
Erschaffen, Weiber selbst zum Fechten treiben,
So müd ist Schottland seiner langen Not.

Malcolm.
Lass es sein Trost ein, dass wir schleunig nahn.
Großmütig leiht uns England zehntausend
Streitfert’ge Männer, die der tapfre Seiward
Anführt, der bravste Held der Christenheit.

Rosse.
Dass ich dies Trosteswort mit einem gleichen
Erwidern könnte! Doch ich habe Dinge
Zu sagen, die man lieber in die öde Luft
Hinjammerte, wo sie kein Ohr empfinge.

Macduff.
Wen treffen sie? Das Ganze? Oder ist’s
Ein eigner Schmerz für eine einz’ge Brust?

Rosse.
Es ist kein redlich Herz, das ihn nicht teilt,
Obgleich das Ganze – nur für dich gehört.

Macduff.
Wenn es für mich ist, so enthalte mir’s
Nicht länger vor! Geschwinde lass mich’s haben!

Rosse.
Sei meiner Stimme nicht auf ewig gram,
Wenn sie dir jetzt den allbängsten Schall
Angibt, den je dein Ohr durchdrungen.

Macduff.
Ha!
Ich ahn’ es.

Rosse.
Deine Burg ist überfallen,
Dein Weib und Kinder grausam hingemordet,
Die Art zu melden, wie’s geschah, das hieße
Auf ihren Tod auch noch den deinen häufen.

Malcolm.
Barmherz’ger Gott! Wie, Mann? Drück deinen Hut
Nicht so ins Aug. Gib deinen Schmerzen Worte.
Harm, der nicht spricht, erstickt das volle Herz
Und macht es brechen.

Macduff.
Meine Kinder auch?

Rosse.
Weib, Kinder, Knechte, was zu finden war.

Macduff.
Und ich muss fern sein! – Auch mein Weib getötet?

Rosse.
Ich sagt’ es.

Malcolm.
Fasse dich! Aus unsrer blut’gen Rache
Lass uns für diesen Todesschmerz Arznei
Bereiten.

Macduff.
Er hat keine Kinder! – Alle!
Was? Meine zarten kleinen Engel alle!
O höllischer Geier! Alle! – Mutter, Kinder
Mit einem einz’gen Tigersgriff!

Malcolm.
Kämpf deinem Schmerz entgegen, wie ein Mann!

Macduff.
Ich will’s, wenn ich als Mann ihn erst gefühlt.
Ich kann nicht daran denken, dass das lebte,
Was mir das Teuerste auf Erden war!
Und konntest du das Ansehn, Gott, und kein
Erbarmen haben! – Sündenvoller Macduff!
Um deinetwillen wurden sie erschlagen!
Nichtswürdiger, für deine Missetat,
Nicht für die ihre, büßten ihre Seelen!
Geb’ ihnen Gott nun seines Himmels Frieden.

Malcolm.
Lass das den Wetzstein deines Schwertes sein,
Lass deinen Kummer sich in Wut verwandeln!
Erweiche nicht dein Herz, entzünd’ es!

Macduff.
Oh!
Ich könnte weinen, wie ein Weib, und mit
Der Zunge toben – Aber schneide du,
Gerechter Himmel, allen Aufschub ab!
Stirn gegen Stirn bring diesen Teufel Schottlands
Und mich zusammen – Nur auf Schwerteslänge
Bring ihn mir nahe, und entkommt er, dann
Magst du ihm auch vergeben!

Malcolm.
Das klingt männlich!
Kommt! Gehen wir zum König. Alles ist
Bereit, wir brauchen Abschied bloß zu nehmen.
Macbeth ist reif zum Schneiden, und die Mächte
Dort oben setzen schon die Sichel an.
Kommt, stärket euch zum Marsch und zum Gefechte!
Die Nacht ist lang, die niemals tagen kann.

(Sie gehen ab.)

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
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