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Zweiter Aufzug

Zimmer.

Erster Auftritt

Banquo. Fleance, der ihm eine Fackel vorträgt.

Banquo.
Wie spät ist's, Bursche?

Fleance.
Herr, der Mond ist unter.
Die Glocke hab’ ich nicht gehört!

Banquo.
Er geht
Um zwölf Uhr unter.

Fleance.
s’ ist wohl später, Herr.

Banquo.
Da, nimm mein Schwert! Man ist haushälterisch im Himmel.
Die Lichter sind schon alle aus. Hier, nimm
Auch das noch! Eine schwere Schlaflust liegt
Wie Blei auf mir, doch möchte’ ich nicht gern schlafen.
Ihr guten Mächte, wehrt die sträflichen
Gedanken von mir, die dem Schlummernden
So leicht sich nahn! – Gib mir mein Schwert! Wer da?


Zweiter Auftritt

Vorige. Macbeth, dem ein Bedienter leuchtet.

Macbeth.
Ein Freund.

Banquo.
Wie, edler Sir, noch nicht zur Ruh?
Der König schläft schon. Er war äußerst fröhlich,
Und eure Diener hat er reich beschenkt.
Hier, diesen Demant schickt er eurer Lady
Und grüßt sie, seine angenehme Wirtin.
Er ging recht glücklich in sein Schlafgemach.

Macbeth.
Da wir nicht vorbereitet waren, musste
Der gute Wille wohl dem Mangle dienen.

Banquo.
Es mangelte an nichts. Nun, Sir, mir träumte
Verwichne Nacht von den drei Zauberschwertern.
Euch haben sie doch etwas Wahres
Gesagt.

Macbeth.
Ich denke gar nicht mehr an sie.
Indes, wenn’s euch bequem ist, möchte’ ich gern
Ein Wort mit euch von dieser Sache sprechen.
Nennt nur die Zeit.

Banquo.
Wie’s euch gelegen ist.

Macbeth.
Wenn Banquo mein Beginnen unterstützt,
Und es gelingt, so soll er Ehre davon haben.

Banquo.
Sofern ich sie nicht in die Schanze schlage,
Indem ich sie zu mehren meine, noch
Mein gut Gewissen und mein Herz dabei
Gefährdet sind, bin ich zu euren Diensten.

Macbeth.
Gut’ Nacht indes.

Banquo.
Ich dank’ euch. Schlafet wohl!

(Banquo und Fleance gehen ab.)

Macbeth (zum Bedienten).
Sag deiner Lady, wenn man Trank bereit,
Soll sie die Glocke ziehn. – Du geh zu Bette!

(Bedienter geht ab.)


Dritter Auftritt

Macbeth allein.

Ist dies ein Dolch, was ich da vor mir sehe,
Den Griff mir zugewendet? Komm! Lass mich dich fassen.
Ich hab’ dich nicht und sehe dich doch immer.
Furchtbares Bild! Bist du so fühlbar nicht der Hand
Als du dem Auge sichtbar bist? Bist du
Nur ein Gedankendolch, ein Wahngebilde
Des fieberhaft entzündeten Gehirns?
Ich seh’ dich immer, so leibhaftig wie
Den Dolch, den ich in meiner Hand hier zücke.
Du weisest mir den Weg, den ich will gehen;
Solch ein Gerät, wie du bist, wollt’ ich brauchen.
Entweder ist mein Auge nur der Narr
Der andern Sinne, oder mehr wert als sie alle.
– Noch immer seh’ ich dich und Tropfen Bluts
Auf deiner Klinge, die erst nicht da waren.
– Es ist nichts Wirkliches. Mein blutiger
Gedanke ist’s, der so heraustritt vor das Auge!
   Jetzt scheint die eine Erdenhälfte tot,
Und böse Träume schrecken hinterm Vorhang
Den unbeschützten Schlaf! Die Zauberei beginnt
Den furchtbarn Dienst der bleichen Hekate,
Und aufgeschreckt von seinem heulenden Wächter,
Dem Wolf, gleich einem Nachtgespenste, geht
Mit groß – weit – ausgeholten Räuberschritten
Der Mord an sein entsetzliches Geschäft.
Du sichre, unbeweglich feste Erde!
Hör’ meine Tritte nicht, wohin sie gehen,
Damit nicht deine stummen Steine selbst
Mein Werk ausschreien und zusammenklingend
Dies tiefe Totenschweigen unterbrechen,
Das meinem Mordgeschäft so günstig ist.
Ich drohe hier, und drinnen lebt er noch!

(Man hört die Glocke.)

Rasch vorwärts, Macbeth, und es ist getan!
Die Glocke ruft mir – Höre sie nicht, Duncan!
Es ist die Glocke die dich augenblicks
Zum Himmel fordert, oder zu der Hölle.

(Er geht ab.)


Vierter Auftritt

Lady Macbeth. Bald darauf Macbeth.

Lady.
Was sie berauschte, hat mich kühn gemacht,
Was ihnen Feuer nahm, hat mir gegeben.
Horch! Still!
Die Eule war’s, die schrie – der traurige
Nachtwächter sagt uns grässlich gute Nacht.
– Er ist dabei. Die Kammertür ist offen,
Und die berauschten Kämmerlinge spotten
Mit Schnarchen ihres Wächteramts.
So einen kräft’gen Schlaftrunk hab’ ich ihnen
Gemischt, dass Tod und Leben drüber rechten,
Ob sie noch atmen oder Leichen sind.

Macbeth (drinnen).
Wer ist da? He!

Lady.
O weh! Ich fürchte, sie sind aufgewacht,
Und es ist nicht geschehen! Der Versuch
Und nicht die Tat wird uns verderben – Horch!
Die Dolche legt’ ich ihm zurecht. Er musste
Sie finden auf den ersten Blick. Hätt’ es mich nicht,
Wie er so schlafend lag, an meinen Vater
Gemahnt, ich hätt’ es selbst getan – Nun, mein Gemahl?

Macbeth (tritt auf).
Sie ist getan, die Tat! Vernahmst du kein
Geräusch?

Lady.
Die Eule hört’ ich schreien und
Die Grillen singen – sagtest du nicht was?

Macbeth.
Wann?

Lady.
Jetzt.

Macbeth.
Wie ich herunter kam?

Lady.
Ja.

Macbeth.
Horch,
Wer liegt im zweiten Zimmer?

Lady.
Donalbain.

Macbeth (besieht seine Hände).
Das ist ein traur’ger Anblick! Oh!

Lady.
Ihr seid
Nicht klug! Das nennt ihr einen traur’gen Anblick!

Macbeth.
Der eine lacht’ im Schlaf, der andere
Schrie: Mord! Dass sie sich wechselweise weckten.
Ich stand und hörte zu, sie aber sprachen
Ihr Nachtgebet und schliefen wieder ein.

Lady.
Es sind dort ihrer zwei in einer Kammer.

Macbeth.
Genad’ uns Gott! Rief einer – Amen, sprach
Der andere, als hätten sie mich sehen
Mit diesen Henkershänden stehn und horchen
Auf die Gebärden ihrer Furcht – Ich konnte
Nicht Amen sagen, als sie schrieen: Gott gnad’ uns!

Lady.
Denkt ihm so tief nicht nach!

Macbeth.
Warum denn aber konnt’ ich
Nicht Amen sagen? Braucht’ ich doch so sehr
Die Gnade Gottes in dem Augenblick,
Und Amen wollte nicht aus meiner Kehle.

Lady.
Man muss dergleichen Taten hinterher
Nicht so beschaun. Das könnt’ uns rasend machen.

Macbeth.
Es war, als hört’ ich rufen: Schlaft nicht mehr!
Den Schlaf ermordet Macbeth, den unschuld’gen,
Den arglos heil’gen Schlaf, den unbeschützten,
Den Schlaf, der den verworrnen Knäul der Sorgen
Entwirrt, der jedes Tages Schmerz und Lust
Begräbt und wieder weckt zum neuen Morgen,
Das frische Bad der wundenvollen Brust,
Das linde Öl für jede Herzensqual,
Die beste Speise an des Lebens Mahl!

Lady.
Wie, Sir? Was soll das alles?

Macbeth.
Immer, immer,
Im ganzen Hause rief es fort und fort:
Schlaft nicht mehr! Glamis hat den Schlaf ermordet;
Darum soll Cawdor nicht mehr schlafen, Macbeth
Soll nicht mehr schlafen!

Lady.
Wie? Wer war’s denn, der
So rief? Mein teurer Than, was für Phantome
Sind das, die deines Herzens edeln Mut
So ganz entnerven! Geh! Nimm etwas Wasser
Und wasche dies verräterische Zeugnis
Von deinen Händen – Warum brachtest du
Die Dolche mit heraus? Sie müssen drinn
Gefunden werden. Trage sie zurück, bestreiche
Die Kämmrer mit dem Blut –

Macbeth.
Ich geh’ nicht wieder
Hinein. Mir graut vor dem Gedanken, was ich tat:
Geh du hinein. Ich wag’s nicht.

Lady.
Schwache Seele!
Gib mir die Dolche. Schlafende und Tote
Sind nur Gemälde; nur ein kindisch Aug’
Schreckt ein gemalter Teufel. Ich bepurpre
Der Kämmerer Gesicht mit seinem Blut;
Denn diese muss man für die Täter halten.

(Sie geht hinein. Man hört draußen Klopfen.)

Macbeth.
Woher dies Klopfen? Wohin kam’s mit mir,
Dass jeder Laut mich aufschreckt! – Was für Hände!
Sie reißen mir die Augen aus – Weh! Wehe!
Kann der gewässerreiche Meergott selbst
Mit seinen Fluten allen dieses Blut
Von meiner Hand abwaschen? Eher färbten
Sich alle Meere rot von dieser Hand!

Lady (zurückkommend).
So ist die blut’ge Tat von uns hinweg
Gewälzt, und jene tragen unsre Schuld
Auf ihren Händen und Gesichtern – Horch!
– Ich hör ein Klopfen an der Tür nach Süden.
Gehen wir hinein. Ein wenig Wasser reinigt uns
Von dieser Tat. Wie leicht ist sie also!
Komm! Deine Stärke hat dich ganz verlassen.

(Neues, stärkeres Pochen.)

– Es klopft schon wieder! Wirf dein Nachtkleid über!
Geschwind, damit uns niemand überrasche
Und seh’, dass wir gewacht! – O sei ein Mann!
Verlier’ dich nicht so kläglich in Gedanken!

Macbeth.
Mir dieser Tat bewusst zu sein! O besser,
Mir ewig meiner selbst nicht mehr bewusst sein!

(Das Klopfen wird stärker.)

Poch’ ihn nur auf aus seinem Todesschlaf!
Was gäb’ ich drum, du könntest es!

Lady (ihn fortziehend).
Kommt! Kommt!

(Gehen hinein.)


Fünfter Auftritt

Pförtner mit Schlüsseln. Hernach Macduff und Rosse.

Pförtner (kommt singend).
   Verschwunden ist die finstre Nacht,
   Die Lerche schlägt, der Tag erwacht,
   Die Sonne kommt mit Prangen
   Am Himmel aufgegangen.
   Sie scheint in Königs Prunkgemach,
   Sie scheinet durch des Bettlers Dach,
   Und was in Nacht verborgen war,
   Das macht sie kund und offenbar.

(Stärkeres Klopfen.)

Poch! Poch! Geduld da draußen, wer’s auch ist!
Den Pförtner lasst sein Morgenlied vollenden.
Ein guter Tag fängt an mit Gottes Preis;
’s ist kein Geschäft so eilig, als das Beten.

(Singt weiter.)

   Lob sei dem Herrn und Dank gebracht,
   Der über diesem Haus gewacht,
   Mit seinen heil’gen Scharen
   Uns gnädig wollte bewahren.
   Wohl mancher schloss die Augen schwer
   Und öffnet sie dem Licht nicht mehr;
   Drum freue sich, wer, neu belebt,
   Den frischen Blick zur Sonn’ erhebt!

(Er schließt auf, Marduff und Rosse treten auf.)

Rosse.
Nun, das muss wahr sein, Freund, ihr führet eine
So helle Orgel in der Brust, dass ihr damit
Ganz Schottland könntet aus dem Schlaf posaunen.

Pförtner.
Das kann ich auch, Herr, denn ich bin der Mann,
Der euch die Nacht ganz Schottland hat gehütet.

Rosse.
Wie das, Freund Pförtner?

Pförtner.
Nun, sagt an! Wacht nicht
Des Königs Auge für sein Volk, und ist’s
Der Pförtner nicht, der Nachts den König hütet?
Und also bin ich’s, seht ihr, der heut Nacht
Gewacht hat für ganz Schottland.

Rosse.
Ihr habt Recht.

Macduff.
Den König hütet seine Gnad’ und Milde.
Er bringt dem Hause Schutz, das Haus nicht ihm;
Denn Gottes Scharen wachen, wo er schläft.

Rosse.
Sag, Pförtner, ist dein Herr schon bei der Hand?
Sieh! Unser Pochen hat ihn aufgeweckt,
Da kommt er.


Sechster Auftritt

Macbeth. Macduff. Rosse.

Rosse.
Guten Morgen, edler Sir!

Macbeth.
Den wünsch’ ich beiden.

Macduff.
Ist der König munter?

Macbeth.
Noch nicht.

Macduff.
Er trug mir auf, ihn früh zu wecken;
Ich habe die bestimmte Stunde bald
Verfehlt.

Macbeth.
Ich führ’ euch zu ihm.

Macduff.
O ich weiß,
Es wär’ euch eine angenehme Mühe;
Doch ist es eine Mühe.

Macbeth.
Eine Arbeit,
Die uns Vergnügen macht, heilt ihre Müh’.
Hier ist die Tür.

Macduff.
Ich bin so dreist und rufe;
Denn so ist mir befohlen.

(Er geht hinein.)


Siebenter Auftritt

Macbeth und Rosse.

Rosse.
Reist der König
Heut wieder ab?

Macbeth.
Ja, so bestellte er’s.

Rosse.
Sir! Das war eine ungestüme Nacht.
Im Hause, wo wir schliefen, ward der Schlot
Herabgeweht, und in der Luft will man
Ein grässlich Angstgeschrei vernommen haben,
Geheul des Todes, grässlich tönende
Prophetenstimmen, die Verkündiger
Entsetzlicher Ereignisse, gewaltsamer
Verwirrungen des Staats, davon die Zeit
Entbunden ward in bangen Mutterwehen.
Die Eule schrie die ganze Nacht; man sagt,
Die Erde habe fieberhaft gezittert!

Macbeth.
’s war eine raue Nacht.

Rosse.
Ich bin nicht alt
Genug, mich einer gleichen zu erinnern.


Achter Auftritt

Vorige. Macduff kommt zurück.

Macduff.
Entsetzlich! Grässlich! Grässlich! O entsetzlich!

Macbeth.
Was ist’s?

Rosse.
Was gibt es?

Macduff.
Grausenvoll! Entsetzlich!
Kein Herz kann’s fassen, keine Zunge nennen!

Macbeth.
Was ist es denn?

Macduff.
Der Frevel hat sein Ärgstes
Vollbracht! Der kirchenräuberische Mord
Ist in des Tempels Heiligtum gebrochen
Und hat das Leben draus hinweg gestohlen.

Macbeth.
Das Leben! Wie versteht ihr das?

Rosse.
Meint ihr
Den König?

Macduff.
Geht hinein! Geht und erstarret
Vor einer neuen, grässlichen Gorgona.
Verlangt nicht, dass ich’s nenne! Seht, und dann
Sprecht selbst!

(Macbeth und Rosse gehen ab.)

Macduff.
Wacht auf! Wacht auf! Die Feuerglocke
Geläutet! Mord und Hochverrat! Auf! Auf!
Erwachet, Banquo! Malcolm! Donalbain!
Werft diesen flaumenweichen Schlaf von euch,
De Todes Scheinbild, und erblickt ihn selbst!
Auf, auf, und seht des Weltgerichtes Morgen!
Malcolm und Banquo! Wie aus euren Gräbern
Erhebt euch, und wie Geister schreitet her,
Das grässlich Ungeheure anzuschauen!


Neunter Auftritt

Macduff. Lady Macbeth. Gleich darauf Banquo mit Lenor und Augus und nach diesen Macbeth mit Rosse.

Lady.
Was gibt’s, dass solche grässliche Trompete
Die Schläfer dieses Hauses weckt! Sagt! Redet!

Macduff.
O zarte Lady! Es taugt nicht für euch,
Zu hören, was ich sagen kann. Ein weiblich Ohr
Damit zu schrecken, wär’ ein zweiter Mord!

(Auf Banquo, Lenor und Angus zueilend, die herein treten.)

O Banquo! Banquo! Unser König ist ermordet!

Lady.
Hilf, Himmel! Was? In unserm Haus?

Banquo.
Entsetzlich,
Wo immer auch – Macduff, ich bitte dich,
Nimm es zurück und sag, es sei nicht so!

(Macbeth kommt mit Rosse zurück.)

Macbeth.
O wär’ ich eine Stunde nur
Vor diesem Unfall aus der Welt gegangen,
Ich wär’ gestorben als ein Glücklicher.
Von nun an ist nichts Schätzenswertes mehr
Auf Erden! Tand ist alles! Ehr’ und Gnade
Sind tot! Des Lebens Wein ist abgezogen,
Und nur die Hefe blieb der Welt zurück.


Zehnter Auftritt

Vorige. Malcolm. Donalbain.

Donalbain.
Was ist verloren –

Macbeth.
Ihr! Und wisst es nicht?

(Zu Donalbain.)

Der Brunnen deines Blutes ist verstopft,
Ja, seine Quelle selber ist verstopft.

Macduff (zu Malcolm).
Dein königlicher Vater ist ermordet!

Malcolm.
O Gott! Von wem?

Rosse.
Die Kämmerer sind allem Ansehn nach
Die Täter. Ihre Hände und Gesichter waren
Voll Blut, auch ihre Dolche, welche wir
Unabgewischt auf ihrem Kissen fanden.
Sie sahen wild aus, waren ganz von Sinnen,
Und niemand wagte sich an sie heran.

Macbeth.
O jetzo reut mich’s, dass ich sie im Wahnsinn
Der ersten Wut getötet.

Macduff.
Warum tatest du das?

Macbeth.
Wer ist im nämlichen Moment zugleich
Gefasst und wütend, sinnlos und besonnen,
Recht liebend und parteilos? Niemand ist’s!
Die rasche Tat der heft’gen Liebe rannte
Der zaudernden Vernunft zuvor. – Hier lag
Duncan – sein königlicher Leib von Dolchen
Entstellt, zerrissen! Seine offenen Wunden
Erschienen wie ein Riss in der Natur,
Wodurch der Tod den breiten Einzug nahm!
Dort seine Mörder, in die Farbe ihres Handwerks
Gekleidet, ihre Dolche frech bemalt mit Blut!
Wer, der ein Herz für seinen König hatte
Und Mut in diesem Herzen, hätte da
Sich alten und sich selbst gebieten können!

Lady (stellt sich, als ob sie ohnmächtig werde).
Helft mir von hinnen – Oh!

Macduff.
Sorgt für die Lady!

(Macduff, Banquo, Rosse und Angus sind um sie beschäftigt.)

Malcolm (zu Donalbain).
Wir schweigen still, die dieser Trauerfall
Am nächsten trifft?

Donalbain.
Was lässt sich sagen, hier,
Wo unser Feind, in unsichtbarer Spalte
Verborgen, jeden Augenblick hervor
Zu stürmen, auf uns herzufallen droht?
Lasst uns davon gehen, Bruder! Unsre Tränen
Sind noch nicht reif.

Malcolm.
Noch unser heft’ger Schmerz
Im Stand, sich von der Stelle zu bewegen.

Banquo (zu denen, welche die Lady wegführen).
Nehmt euch der Lady an! – Und wenn wir uns
Von der Verwirrung unsers ersten Schreckens
Erholt und unsre Blöße erst bedeckt,
Dann lasst uns hier aufs neu’ zusammenkommen
Und dieser ungeheuren Blutschuld weiter
Nachforschen. Uns erschüttern Furcht und Zweifel.
Hier in der großen Hand des Höchsten steh’ ich,
Und unter diesem Schirme kämpf’ ich jeder
Beschuldigung entgegen, die Verrat
Und Bosheit wider mich ersinnen mögen!

Macbeth.
Das tu’ ich auch.

Macduff.
Und ich.

Rosse, Angus und Lenor.
Das tun wir alle!

Macbeth.
Jetzt werfen wir uns schnell in unsre Kleider
Und kommen in der Halle dann zusammen!

Alle.
Wir sind’s zufrieden.

(Gehen ab.)


Elfter Auftritt

Malcolm. Donalbain.

Malcolm.
Was gedenkt ihr, Bruder?
Ich find’ es nicht geraten, ihrer Treu’
Uns zu vertrauen. Einen Schmerz zu zeigen,
Von dem das Herz nicht weiß, ist eine Pflicht,
Die dem Unredlichen nicht schwer ankommt.
Ich geh’ nach England.

Donalbain.
Ich nach Irland.
Geratner ist’s für unser beider Wohl,
Wir trennen unser Schicksal! Wo wir sind,
Seh’ ich aus jedem Lächeln Dolche drohn:
Je näher am Blut, so näher dem Verderben.

Malcolm.
Der Mörderpfeil, der unsern Vater traf,
Fliegt noch, ist noch zur Erde nicht gefallen,
Das Beste ist, vom Ziel hinweg zu gehen.
Drum schnell zu Pferde! Keine Zeit verloren
Mit Abschiednehmen! Da ist’s wohl getan,
Sich wegzustehlen, wo das kleinste Weilen
Tod und Verderben bringen kann.

(Sie gehen ab.)


Zwölfter Auftritt

Rosse. Ein alter Mann.

Alter Mann.
Ja, Herr, von achtzig Jahren her besinn’ ich mich,
Und in dem langen Zeitraum hab’ ich Bittres
Erlebt und Unglückseliges erfahren.
Doch diese Schreckensnacht hat all mein vorig Wissen
Zum Kinderspiel gemacht.

Rosse.
Ach, guter Vater,
Du siehst, wie selbst der Himmel düster bleich
Auf diesen blut’gen Schauplatz nieder hängt,
Wie von der Menschen Gräueltat empört!
Der Glocke nach ist’s hoch am Tag, und doch
Dämpft finstre Nacht den Schein der Himmelssonne.

Alter Mann.
Es ist so unnatürlich, wie die Tat,
Die wir erlebten. Neulich ward ein Falke,
Der triumphierend turmhoch in den Lüften
Herschwebte, von einer mausenden
Nachteule angefallen und getötet.

Rosse.
Und Duncans Pferde – so wundersam
Es klingt, so wahr ist’s! – Diese schönen Tiere,
Die Zierde ihrer Gattung, wurden toll
Auf einmal, brachen wild aus ihren Ställen
Und schossen wütend um sich her, dem Ruf
Des Führers starr unbändig widerstrebend,
Als ob sie Krieg ankündigten den Menschen.

Alter Mann.
Man sagt, dass sie einander aufgefressen.

Rosse.
Das taten sie. Kaum traut’ ich meinen Sinnen,
Als ich es sah. – Hier kommt der wackre Macduff.


Dreizehnter Auftritt

Vorige. Macduff.

Rosse.
Nun, Sir, wie geht die Welt?

Macduff.
Wie? Seht ihr’s nicht?

Rosse.
Weiß man, wer diese mehr als blut’ge Tat
Verübte?

Macduff.
Sie, die Macbeth tötete.

Rosse.
Die Kämmerer? Gott! Und aus welchem Antrieb?
Was bracht’ es ihnen für Gewinn?

Macduff.
Sie waren
Erkauft. Des Königs eigne Söhne, Malcolm
Und Donalbain, sind heimlich weg geflohn
Und machten sich dadurch der Tat verdächtig.

Rosse.
O immer, immer wider die Natur!
Unmäß’ge Herrschsucht, die mit blinder Gier
Sich ihre eignen Lebenssäfte raubt!
– So wird die Krone wohl an Macbeth fallen?

Macduff.
Er ist schon ausgerufen und nach Scone
Zur Krönung abgegangen.

Rosse.
Wo ist Duncans Leiche?

Macduff.
Nach Colmeskill gebracht, der heil’gen Gruft,
Wo die Gebeine seiner Väter ruhen.

Rosse.
Geht ihr nach Scone?

Macduff.
– Nein! Ich geh’ nach Fife.

Rosse.
Gut! So will ich nach Scone.

Macduff.
Lebt wohl!
Und mögt ihr alles dort nach Wunsche finden!
Leicht möchten uns die alten Röcke besser
Gesessen haben, fürcht’ ich, als die neuen!

Rosse (zu dem Alten).
Nun, alter Vater, lebet wohl!

Alter Mann.
Gott sei
Mit euch und jedem, der es redlich meint,
Das Böse gut macht und den Feind zum Freund!

(Sie gehen ab.)

Ü   Þ

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