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Erster Aufzug

Ein offener Platz.

Erster Auftritt

Es donnert und blitzt. Die drei Hexen stehen da.

Erste Hexe.
Wann kommen wir drei uns wieder entgegen,
In Donner, in Blitzen oder in Regen?

Zweite Hexe.
Wann das Kriegsgetümmel schweigt,
Wann die Schlacht den Sieger zeigt.

Dritte Hexe.
Also eh der Tag sich neigt.

Erste Hexe.
Wo der Ort?

Zweite Hexe.
Die Heide dort.

Dritte Hexe.
Dort führt Macbeth sein Heer zurück.

Zweite Hexe.
Dort verkünden wir ihm sein Glück!

Erste Hexe.
Aber die Meisterin wird uns schelten.
Wenn wir mit trüglichem Schicksalswort
Ins Verderben führen den edeln Helden,
Ihn verlocken zu Sünd’ und Mord.

Dritte Hexe.
Er kann es vollbringen, er kann es lassen;
Doch er ist glücklich, wir müssen ihn hassen.

Zweite Hexe.
Wenn er sein Herz nicht kann bewahren,
Mag er des Teufels Macht erfahren.

Dritte Hexe.
Wir streuen in die Brust die böse Saat,
Aber dem Menschen gehört die Tat.

Erste Hexe.
Er ist tapfer, gerecht und gut;
Warum versuchen wir sein Blut?

Zweite und dritte Hexe.
Strauchelt der Gute, und fällt der Gerechte,
Dann jubilieren die höllischen Mächte.

(Donner und Blitz.)

Erste Hexe.
Ich höre die Geister!

Zweite Hexe.
Es ruft der Meister.

Alle drei Hexen.
Padok ruft. Wir kommen! Wir kommen!
Regen wechsle mit Sonnenschein!
Hässlich soll schön, schön hässlich sein!
Auf! Durch die Luft den Weg genommen!

(Sie verschwinden unter Donner und Blitz.)


Zweiter Auftritt

Der König. Malcolm. Donalbain. Gefolge.

Sie begegnen einem verwundeten Ritter, der von zwei Soldaten geführt wird.

König.
Hier bringt man einen Ritter aus der Schlacht;
Jetzt werden wir des Treffens Anschlag hören.

Malcolm.
Es ist derselbe Ritter, ich erkenn’ ihn,
Der mich unlängst aus Feindeshand befreit.
Willkommen, Kriegsgefährte! Sag dem König,
Wie stand das Treffen, als du es verließest?

Ritter.
Es wogte lange zweifelnd hin und her,
Wie zweier Schwimmer Kampf, die, aneinander
Geklammert, Kunst und Stärke ringend messen.
Der wüt’ge Mardonal, wert ein Rebell
Zu sein, führt aus dem Westen wider dich
Die Kernen und die Galloglassen an,
Und wie ein reißender Gewitterstrom
Durchbrach er würgend unsre Reihen, alles
Unwiderstehlich vor sich nieder mähend,
Verloren war die Schlacht, als Macbeth kam,
Dein heldenmüt’ger Feldherr. Mit dem Schwert
Durch das gedrängteste Gewühl der Schlacht
Macht’ er sich Bahn bis zum Rebellen, fasst’ ihn,
Mann gegen Mann, und wich nicht, bis er ihn
Vom Wirbel bis zum Kinn entzwei gespaltet
Und des Verfluchten Haupt zum Siegeszeichen
Vor unser aller Augen aufgesteckt.

König.
O tapfrer Vetter! Heldenmüt’ger Than!

Ritter.
Doch, gleichwie von demselben Osten, wo
Die Sonne ihre Strahlenbahn beginnt,
Schiffbrechende Gewitter sich erheben,
So brach ein neues Schrecknis aus dem Schoße
Des Sieges hervor. Vernimm es, großer König.
Kaum wendeten die Kernen sich zur Flucht,
Wie zur Verfolgung, als mit neuem Volk
Und hell geschliffnen Waffen König Sueno,
Norwegens Herrscher, auf den Kampfplatz trat,
Den Zweifel des Gefechtes zu erneuern!

König.
Erschreckte das nicht unsre Obersten,
Macbeth und Banquo?

Ritter.
Wohl! – Wie Sperlinge
Den Adler schrecken, und das Reh den Löwen!
Noch ehe sie den Schweiß der ersten Schlacht
Von ihrer Stirn gewischt, versuchten sie
Das Glück in einem neuen Kampf, und hart
Zusammentreffend ließ ich beide Heere.
Mehr weiß ich nicht zu sagen; ich bin ganz
Erschöpft, und meine Wunden fordern Hilfe.

König.
Sie sind dir rühmlich, Freund, wie deine Worte.
Geht, holt den Wundarzt! Sieh! Wer naht sich hier?


Dritter Auftritt

Vorige. Rosse und Lenox.

Donalbain.
Der würd’ge Than von Ross!

Malcolm.
Und welche Hast
Aus seinen Augen blitzt! So blickt nur der,
Der etwas Großes meldet.

Rosse.
Gott erhalte den König!

König.
Von wannen kommt ihr, ehrenvoller Than?

Rosse.
Von Fife, mein König, wo Norwegens Fahnen,
Vor wenig Tagen stolz noch ausgebreitet,
Vor deiner Macht daniederliegen. König Sueno,
Dem jener Treu vergessne Than von Cawdor,
Der Reichsverräter, heimlich Vorschub tat,
Ergriff den Augenblick, wo dieses Reich
Von bürgerlichem Krieg zerrüttet war,
Und überraschte dein geschwächtes Heer!
Hartnäckig, grimmig war der Kampf, bis endlich
Macbeth mit unbezwinglich tapferm Arm
Des Normans Stolz gedämpft – Mit einem Wort:
Der Sieg ist unser.

König.
Nun, gelobt sei Gott!

Rosse.
Nun bittet König Sueno dich um Frieden;
Doch wir gestatten ihm nicht einmal
Die Freiheit seine Toten zu begraben,
Bis er zehntausend Pfund in deinen Schatz
Bezahlt hat auf der Insel Sankt Columbus.

König.
Nicht länger spotte dieser eidvergessne Than
Von Cawdor unsers fürstlichen Vertrauens! – Geht,
Sprecht ihm das Todesurteil und begrüßt
Macbeth mit seinem Titel.

Rosse.
Ich gehorche.

König.
Was er verlor, gewann der edle Macbeth.

(Sie gehen ab.)


Eine Heide.

Vierter Auftritt

Die drei Hexen begegnen einander.

Erste Hexe.
Schwester, was hast du geschafft? Lass hören!

Zweite Hexe.
Schiffe trieb ich um auf den Meeren.

Dritte Hexe (zur ersten).
Schwester! Was du?

Erste Hexe.
Einen Fischer fand ich, zerlumpt und arm,
Der flickte singend die Netze
Und trieb sein Handwerk ohne Harm,
Als besäß’ er köstliche Schätze,
Und den Morgen und Abend, nimmer müd,
Begrüßt’ er mit seinem lustigen Lied.
Mich verdross des Bettlers froher Gesang,
Ich hatt’s ihm geschworen schon lang und lang –
Und als er wieder zu fischen war,
Da ließ einen Schatz ich ihn finden;
Im Netze, da lag es blank und bar,
Dass fast ihm die Augen erblinden,
Er nahm den höllischen Feind ins Haus,
Mit seinem Gesange da war es aus.

Die zwei andern Hexen.
Er nahm den höllischen Feind ins Haus,
Mit seinem Gesange da war es aus!

Erste Hexe.
Und lebte wie der verlorne Sohn,
Ließ allem Gelüsten den Zügel,
Und der falsche Mammon, er floh davon,
Als hätt’ er Gebeine und Flügel.
Er vertraute, der Thor! Auf Hexengold,
Und weiß nicht, dass es der Hölle zollt!

Die zwei andern Hexen.
Er vertraute, der Thor! Auf Hexengold,
Und weiß nicht, dass es der Hölle zollt!

Erste Hexe.
Und als nun der bittere Mangel kam,
Und verschwanden die Schmeichelfreunde,
Da verließ ihn die Gnade, da wich die Scham,
Er ergab sich dem höllischen Feinde.
Freiwillig bot er ihm Herz und Hand
Und zog als Räuber durch das Land.
Und als ich heut will vorüber gehn,
Wo der Schatz ihm ins Netz gegangen,
Da sah ich ihn heulend am Ufer stehn,
Mit bleich gehärmten Wangen,
Und hörte, wie er verzweifelnd sprach:
Falsche Nixe, du hast mich betrogen!
Du gabst mir das Gold, du zeihst mich nach!
Und stürzt sich hinab in die Wogen.

Die zwei andern Hexen.
Du gabst mir das Gold, du ziehst mich nach!
Und stürzt sich hinab in den wogenden Bach!

Erste Hexe.
Trommeln! Trommeln! Macbeth kommt.

Alle drei (einen Ring schließend).
Die Schicksalsschwestern, Hand in Hand,
Schwärmen über See und Land,
Drehen so im Kreise sich,
Dreimal für dich
Und dreimal für mich,
Noch dreimal, dass es neune macht,
Halt! Der Zauber ist vollbracht!


Fünfter Auftritt

Macbeth und Banquo. Die drei Hexen.

Macbeth.
Solch einen Tag, so schön zugleich und hässlich,
Sah ich noch nie.

Banquo.
Wie weit ist’s noch nach Foris?
– Sieh, wer sind diese da, so grau von Haaren,
So riesenhaft und schrecklich anzusehn!
Sie sehen keinen Erdbewohnern gleich
Und stehn doch hier. Sprecht! Lebt ihr, oder seid
Ihr etwas, dem ein Sohn der Erde Fragen
Vorlegen darf? Ihr scheint mich zu verstehn.
Denn jede seh’ ich den verkürzten Finger
Bedeutend an die welken Lippen legen.
Ihr solltet Weiber sein, und doch verbietet
Mir euer männisch Ansehn, euch dafür zu halten.

Macbeth.
Sprecht, wenn ihr eine Sprache habt, wer seid ihr?

Erste Hexe.
Heil dir, Macbeth! Heil dir, Than von Glamis!

Zweite Hexe.
Heil dir, Macbeth! Heil dir, Than von Cawdor!

Dritte Hexe.
Heil dir, Macbeth, der einst König sein wird!

Banquo (zu Macbeth).
Wie? Warum bebt ihr so zurück und schaudert
Vor einem Gruße, der so lieblich klingt?

(Zu den Hexen.)

Im Namen des Wahrhaftigen,
Sprecht, seid ihr Geister, oder seid ihr wirklich,
Was ihr von außen scheint?
Ihr grüßet meinen edeln Kriegsgefährten
Mit gegenwärtigem Glück und glänzender
Verheißung künft’ger königlicher Größe.
Mir sagt ihr nichts. Vermögt ihr in die Saat
Der Zeit zu schauen und vorher zu sagen,
Welch Samenkorn wird aufgehn, welches nicht,
So sprecht zu mir, der eure Gunst nicht sucht,
Noch eure Abgunst fürchtet.

Erste Hexe.
Heil!

Zweite Hexe.
Heil!

Dritte Hexe.
Heil!

Erste Hexe.
So groß nicht, aber größer doch, als Macbeth!

Zweite Hexe.
So glücklich nicht, und doch glückseliger!

Dritte Hexe.
Du wirst kein König sein, doch Könige zeugen.
Drum Heil euch beiden, Macbeth, Banquo, Heil euch!

Erste Hexe.
Banquo und Macbeth, Heil euch!

Macbeth.
Bleibt, ihr geheimnisvollen Sprecherinnen,
Und sagt mir mehr!
Ich weiß, durch Sinels, meines Vaters, Tod,
Der diese Nacht verschieden, bin ich Than
Von Glamis! Aber wie von Cawdor?
Der Than von Cawdor lebt und lebt im Schoße
Des Glücks, und dass ich König einst sein werde,
Ist ebenso unglaublich, da dem Duncan
Zwei Söhne leben! Sagt, von wannen kam euch
Die wunderbare Wissenschaft? Warum
Verweilet ihr auf dieser dürren Heide
Durch solch prophetisch Grüßen unsern Zug?
Sprecht, ich beschwör’ euch!

(Die Hexen verschwinden.)

Banquo.
Die Erde bildet Blasen, wie das Wasser,
Und diese mögen davon sein!
Wo sind sie hingekommen?

Macbeth.
In die Luft,
Und was uns Körper schien, zerfloss wie Atem
In alle Winde – dass sie noch da wären!

Banquo.
Wie? Waren diese Dinge wirklich hier,
Wovon wir reden, oder aßen wir
Von jener tollen Wurzel, die die Sinne
Betöret?

Macbeth.
Eure Kinder sollen Könige werden.

Banquo.
Ihr selbst sollt König sein!

Macbeth.
Und Than von Cawdor
Dazu! War’s nicht so?

Banquo.
Wörtlich und buchstäblich.
Doch seht, wer kommt da?


Sechster Auftritt

Vorige. Rosse. Angus.

Rosse.
Ruhmgekrönter Macbeth.
Dem König kam die Freudenbotschaft zu
Von deinen Siegen, wie du die Rebellen
Verjagt, den furchtbarn Macdonal besiegt;
Das schien ihm schon das Maß des ird’schen Ruhms.
Doch seine Zunge überströmte noch
Von deinem Lob, als er das Größre schon vernahm,
Was du im Kampfe mit dem furchtbaren
Norweger ausgeführt, wie du der Retter
Des Reichs geworden; dicht wie Hagelschläge
Kam Post auf Post, jedwede schwer beladen
Mit deiner Taten Ruhm, und schüttete
Dein Lob in sein erstauntes Ohr.

Angus.
Wir sind
Gesandt, dir seinen Dank zu überbringen,
Als Herolde dich bei ihm aufzuführen,
Dich zu belohnen nicht.

Rosse.
Zum Pfande nur
Der größern Ehren, die er dir bestimmt,
Befahl uns der Monarch, dich Than von Cawdor
Zu grüßen, und in diesem neuen Titel
Heil dir, ruhmwürd’ger Cawdor, denn du bist’s!

Banquo (für sich).
Wie? Sagt der Teufel wahr?

Macbeth.
Der Than von Cawdor lebt:
Wie kleidet ihr mich in geborgten Schmuck?

Rosse.
Der einstens Than gewesen, lebt, doch nur
So lange bis das Bluturteil an ihm
Vollstreckt ist. Ob er mit dem Normann, ob
Mit den Rebellen einverstanden war,
Ob er mit beiden sich zum Untergang
Des Reichs verschworen, weiß ich nicht zu sagen.
Das ist gewiss, dass Hochverrat, erwiesen
Und von ihm selber eingestanden, ihn
Gestürzt.

Macbeth.
Glamis und Than von Cawdor!
Das Größte steht noch aus! – Habt Dank, ihr Herren.

(Zu Banquo.)

Hofft ihr nun nicht, dass eure Kinder Könige
Sein werden, da derselbe Mund, der mir
Den Than von Cawdor gab, es euch verhieß?

Banquo.
Hum! Stünd’ es so, möcht’ es euch leicht verleiten,
Den Cawdor zu vergessen und die Krone
Zu suchen. – Es ist wunderbar! Und oft
Lockt uns der Hölle schadenfrohe Macht
Durch Wahrheit selbst an des Verderbens Rand.
Unschuld’ge Kleinigkeiten dienen ihr,
Uns zu Verbrechen fürchterlicher Art
Und grausenhafter Folgen hinzureißen!

(Zu Rosse und Angus.)

Wo ist der König?

Angus.
Auf dem Weg hieher.

(Banquo spricht seitwärts mit beiden.)

Macbeth (für sich).
Zwei Teile des Orakels sind erfüllt,
Ein hoffnungsvolles Pfand des höchsten dritten!
– Glaubt, edle Freude, eure Dienste sind
IN meinem dankbarn Herzen eingeschrieben,
Und jeden Tag durchblättr’ ich meine Schuld.
Jetzt zu dem König!

(Zu Banquo.)

Denkt des Vorgefallnen;
Und wenn wir’s reiflich bei uns selbst bedacht,
Dann lasst uns frei und offen davon reden.

Banquo.
Sehr gern.

Macbeth.
Bis dahin genug davon! Kommt, Freunde!

(Sie gehen ab.)


Königlicher Palast.

Siebenter Auftritt

König. Malcolm. Donalbain. Macduff. Gefolge.

König.
Ist die Sentenz an Cawdor schon vollstreckt?
Sind, die wir abgesandt, noch nicht zurück?

Donalbain.
Sie sind noch nicht zurückgekehrt, mein König.
Doch sprach ich einen, der ihn sterben sah.
Er habe seinen Hochverrat aufrichtig
Bekannt und tiefe Reue blicken lassen!
Das Würdigste in seinem ganzen Leben
War der ergebne Sinn, womit er es
Verließ! Er starb wie einer, der aufs Sterben
Studierte, und das kostbare der Güter
Warf er gleichgültig hin, als wär’ es Staub.

König.
Es gibt noch keine Kunst, die innerste
Gestalt des Herzens im Gesicht zu lesen!
Er war ein Mann, auf den ich alles baute!


Achter Auftritt

Vorige. Macbeth. Banquo. Rosse. Lenor.

König.
O teurer Vetter, Stütze meines Reichs!
Die Sünde meines Undanks lastete
So eben schwer auf mir! Du bist so weit
Voraus geeilt, dass dich der schnellste Flug
Der Dankbarkeit nicht mehr erreichen kann!
Fast möchte’ ich wünschen, dass du weniger
Verdient, damit mir’s möglich wäre, dich
Nach Würden zu belohnen! Jetzo bleibt mir nichts,
Als zu bekennen, dass ich dir als Schuldner
Verfallen bin mit meiner ganzen Habe.

Macbeth.
Was ich geleistet, Sire, belohnt sich selbst,
Es ist nicht mehr, als was ich schuldig war.
Euch kommt es zu, mein königlicher Herr,
Die Dienste eurer Knechte zu empfangen.
Sie sind des Thrones Kinder und des Staats,
Und euch durch heil’ge Lehenspflicht verpfändet.

König.
Sei mir willkommen, edler, teurer Held.
Ich habe angefangen dich zu pflanzen,
Und für dein Wachstum sorg’ ich – edler Banquo!
Du hast nicht weniger verdient; es soll
Vergolten werden. Lass mich dich umarmen
Und an mein Herz dich drücken.

(Umarmt ihn.)

Banquo.
Wachs’ ich da,
So ist die Ernte euer.

König.
Meine Freude ist
So groß, dass sie vom Kummer Tränen borgt,
Sich zu entladen. Söhne! Vettern! Thans!
Und die zunächst an meinem Throne stehn!
Wisst, dass wir Malcom, unsern Ältesten,
Zum künft’gen Erben unsers Reichs bestimmt
Und ihn zum Prinzen Cumberlands ernennen.
Der einz’ge Vorzug soll ihn kennbar machen
Aus unsrer trefflichen Baronen Zahl,
Die gleich Gestirnen unsern Thron umschimmern!

(Zu Macbeth.)

Jetzt, Vetter, nach Inverneß! Denn wir sind
Entschlossen, euer Gast zu sein heut’ Abend.

Macbeth.
Ich selbst will eurer Ankunft Bote sein
Und meinem Weib den hohen Gast verkünden!
Und so, mein König, nehm’ ich meinen Urlaub!

König (ihn umarmend).
Mein würd’ger Cawdor!

(Er geht ab mit dem Gefolge.)

Macbeth (allein).
Prinz vom Cumberland!
Das ist ein Stein, der mir im Wege liegt,
Den muss ich überspringen, oder ich stürze!
Verhüllet, Sterne, euer himmlisch Licht,
Damit kein Tag in meinen Busen falle!
Das Auge selber soll die Hand nicht sehen,
Damit das Ungeheure kann geschehen!

(Ab.)


Vorhalle in Macbeths Schloss.

Neunter Auftritt

Lady Macbeth allein, in einem Brief lesend.

„Ich traf sie grade an dem Tag des Siegs,
Und die Erfüllung ihres ersten Grußes
Verbürgte mir, sie wissen mehr als Menschen.
Da ich nach neuen Dingen forschen wollte,
Verschwanden sie. Ich stand noch voll Erstaunen,
Als Abgeordnete vom König kamen,
Die mich als Than von Cawdor grüßten, mit
Demselben Titel, den mir kurz zuvor
Die Zauberschwestern gaben, und worauf
Der dritte königliche Gruß gefolgt!
Dies eil’ ich dir zu melden, teuerste
Genossin meiner Größe, dass du länger nicht
Unwissend seiest, welche Hoheit uns
Erwartet. Leg es an dein Herz. Leb wohl!“

Glamis und Cawdor bist du, und sollst sein
Was dir verheißen ist – und dennoch fürcht’ ich
Dein weichliches Gemüt – Du bist zu sanft
Geartet, um den nächsten Weg zu gehen.
Du bist nicht ohne Ehrgeiz, möchtest gerne
Groß sein, doch dein Gewissen auch bewahren.
Nicht abgeneigt bist du vor ungerechtem
Gewinn; doch widersteht dir’s, falsch zu spielen.
Du möchtest gern das haben, was dir zuruft:
Das muss geschehn, wenn man nicht haben will!
Und hast doch nicht die Keckheit, es zu tun!
O eile! Eile her!
Damit ich meinen Geist in deinen gieße,
Durch meine tapfre Zunge diese Zweifel
Und Furchtgespenster aus dem Felde schlage,
Die dich wegschrecken von dem goldnen Reif,
Womit das Glück dich gern bekrönen möchte.


Zehnter Auftritt

Lady Macbeth. Pförtner.

Lady.
Was bringt ihr?

Pförtner.
Der König kommt auf diese Nacht hieher.

Lady.
Du bist nicht klug, wenn du das sagst – Ist nicht
Dein Herr bei ihm? Und wär’ es, wie du sprichst,
Würd’ er den Gast mir nicht verkündigt haben?

Pförtner.
Gebieterin, es ist so, wie ich sage!
Der Than ist unterwegs; ein Eilbot’ sprengte
In vollem Lauf voraus; der hatte kaum
Noch so viel Atem übrig, seines Auftrags
Sich zu entled’gen.

Lady.
Pflegt ihn wohl! Er bringt
Uns eine große Post.

(Pförtner geht.)

Der Rab’ ist heiser,
Der Duncans tödlichen Einzug in mein Haus
Ankrächzen soll – Kommt jetzt, ihr Geister alle,
Die in die Seele Mordgedanken sä’n!
Kommt und entweibt mich hier! Vom Wirbel bis
Zur Zehe füllt mich an mit Tigers Grimm!
Verdickt mein Blut, sperrt jeden Weg der Reue,
Damit kein Stich der wiederkehrenden Natur
Erschüttre meinen grässlichen Entschluss,
Und ihn verhinderte zur Tat zu werden.
An meine Weibesbrüste leget euch,
Ihr Unglücksgeister, wo ihr auch, in welcher
Gestalt unsichtbar auf Verderben lauert,
Und sauget meine Milch anstatt der Galle!
Komm, dicke Nacht, in schwarzen Höllendampf
Gehüllt, damit mein blinder Dolch nicht sehe,
Wohin er trifft, der Himmel nicht, den Vorhang
Der Finsternis zerreißend, rufe: Halt!
Halt inne!


Elfter Auftritt

Lady Macbeth. Macbeth.

Lady.
Großer Glamis! Würd’ger Cawdor,
Und größer noch durch das prophetische
„Heil dir, der einst!“ – Dein Brief hat mich heraus
Gerückt aus dieser engen Gegenwart,
Und trunken seh’ ich schon das Künftige
Verwirklicht!

Macbeth.
Teuerste Liebe! Duncan kommt
Heut Abend.

Lady.
Und wann geht er wieder?

Macbeth.
Morgen, denkt er.

Lady.
O nimmer sieht die Sonne diesen Morgen!
Dein Angesicht, mein Than, ist wie ein Buch,
Worin Gefährliches geschrieben steht.
Lass deine Mienen aussehn, wie die Zeit
Es heischet, trage freundlichen Willkommen
Auf deinen Lippen, deiner Hand! Sieh’ aus
Wie die unschuld’ge Blume, aber sei
Die Schlange unter ihr! – Geh, denke jetzt
Auf nichts als deinen Gast wohl zu empfangen,
Mein sei die große Arbeit dieser Nacht,
Die allen unsern künft’gen Tag’ und Nächten
Die königliche Freiheit soll erfechten!

Macbeth.
Wir sprechen mehr davon.

Lady.
Nur heiter, Sir!
Denn wo die Züge schnell verändert wanken,
Verrät sich stets der Zweifel der Gedanken,
Ina allem andern überlass dich mir!

(Sie gehen ab. Man hört blasen.)


Zwölfter Auftritt

König. Malcolm. Donalbain. Banquo. Macduff. Rosse, Augus, Lenor mit Fackeln.

König.
Dies Schloss hat eine angenehme Lage.
Leicht und erquicklich atmet sich die Luft,
Und ihre Milde schmeichelt unsern Sinnen.

Banquo.
Und dieser Sommergast, die Mauerschwalbe,
Die gern der Kirchen heil’ges Dach bewohnt,
Beweist durch ihre Liebe zu dem Ort,
Dass hier des Himmels Atem lieblich schmeckt.
Ich sehe keine Friesen, sehe keine
Verzahnung, kein vorspringendes Gebälk,
Wo dieser Vogel nicht sein hangend Bette
Zur Wiege für die Jungen angebaut,
Und immer fand ich eine mildre Luft,
Wo dieses fromme Tier zu nisten pflegt.


Dreizehnter Auftritt

Vorige. Lady Macbeth.

König.
Ah, sieh da unsre angenehme Wirtin!
– Die Liebe, die uns folgt, belästigt oft;
Doch danken wir ihr, weil es Liebe ist.
So wirst auch du für diese Last und Müh,
Die wir ins Haus dir bringen, Dank uns wissen.

Lady.
Sire, alle unsre Dienste, zwei- und dreifach
In jedem Stück geleistet, blieben noch
Zu arm, die große Ehre zu erkennen,
Womit ihr unser Haus begnadiget.
Nichts bleibt uns übrig, königlicher Herr,
Als für die alten Gunstbezeugungen,
Wie für die neuen, die ihr drauf gehäuft,
Gleich armen Klausnern, nur an Wünschen reich,
Mit brünstigen Gebeten euch zu dienen.

König.
Wo ist der Than von Cawdor?
Wir sind ihm auf den Fersen nachgefolgt
Und wollten seinen Haushofmeister machen.
Doch er ist rasch zu Pferd, und seine Liebe,
Scharf wie sein Sporn, gab ihm so schnelle Flügel,
Dass er uns lang zuvorkam – Schöne Lady,
Wir werden euer Gast sein diese Nacht.

Lady.
Ihr seid in eurem Eigentum, mein König!
Wir geben nur, was wir von euch empfingen.

König.
Kommt, eure Hand, und führet mich hinein
Zu meinem Wirt! Wir leiben ihn von Herzen,
Und was wir ihm erzeigt, ist nur ein Vorspiel
Der größern Gunst, die wir ihm vorbehalten.
– Erlaubt mir, meine angenehme Wirtin!

(Er führt sie hinein. Die andern folgen. Eine Tafelmusik wird gehört. Bediente gehen im Hintergrunde mit Speisen über die Bühne. Nach einer Weile erscheint Macbeth.)


Vierzehnter Auftritt

Macbeth allein, gedankenvoll.

Wär’ es auch abgetan, wenn es getan ist,
Dann wär’ es gut, es würde rasch getan!
Wenn uns der Meuchelmord auch aller Folgen
Entledigte, wenn mit dem Toten alles ruhte,
Wenn dieser Mordstreich auch das Ende wäre,
Das Ende nur für diese Zeitlichkeit –
Wegspringen wollt’ ich über’s künft’ge Leben!
Doch solche Taten richten sich schon hier,
Die blut’ge Lehre, die wir andern geben,
Fällt gern zurück auf des Erfinders Haupt,
Und die gleich messende Gerechtigkeit
Zwingt uns, den eignen Giftkelch auszutrinken.
– Er sollte zweifach sicher sein. Einmal
Weil ich sein Blutsfreund bin und sein Vasall,
Zwei starke Fesseln, meinen Arm zu binden!
Dann bin ich auch sein Wirt, der seinem Mörder
Die Tür verschließen, nicht den Todesstreich
Selbst führen sollte. Über dieses alles
Hat dieser Duncan so gelind regiert,
Sein großes Amt so tadellos verwaltet,
Dass wider diese schaudervolle Tat
Sich seine Tugenden wie Cherubim
Erheben werden, mit Posaunenzungen,
Und Mitleid, wie ein neu gebornes Kind,
Hilflos und nackt, vom Himmel niederfahren,
IN jedes Auge heiße Tränen locken
Und jedes Herz zur Wut entflammen wird –
Ich habe keinen Antrieb, als den Ehrgeiz.
Die blinde Wut, die sich in tollem Anlauf
Selbst überstürzt und jenseits ihres Ziels
Hintaumelt – Nun! Wie steht es drin?


Fünfzehnter Auftritt

Macbeth. Lady Macbeth kommt.

Lady.
Er hat
Gleich abgespeist. Warum verließet ihr
Das Zimmer?

Macbeth.
Fragte er nach mir?

Lady.
Ich dachte,
Man hätt’ es euch gesagt.

Macbeth (nach einer Pause).
Lass uns nicht weiter
In dieser Sache gehen, liebes Weib!
Er hat mich kürzlich erst mit neuen Ehren
Gekrönt; ich habe goldne Meinungen
Von Leuten aller Art mir eingekauft,
Die erst in ihrem vollen Glanz getragen,
Nicht gleich beiseit gelegt sein wollen.

Lady.
War denn die Hoffnung trunken, die dich erst
So tapfer machte? Hat sie ausgeschlafen
Und ist nun wach geworden, um auf einmal
Beim Anblick dessen, was sie mutig wollte,
So bleich und schlaff und nüchtern auszusehn?
Von nun an weiß ich auch, wie Macbeth liebt.
Du fürchtest dich, in Kraft und Tat derselbe
Zu sein, der du in deinen Wünschen bist!
Du wagst es, nach dem Höchsten aufzustreben,
Und du erträgst es, schwach und feig zu sein?
„Ich möchte’ es gerne, doch ich wag’ es nicht“ –
Kleinmütiger!

Macbeth.
Ich bitte dich, halt ein!
Das wag’ ich alles, was dem Manne ziemt;
Wer mehr wagt, der ist keiner!

Lady.
War’s denn etwa
Ein Tier, das dich vorhin dazu getrieben?
Als du das tatest – da warst du ein Mann!
Und wenn du mehr wärst, als du warst, du würdest
Umso viel mehr ein Mann sein! Da du mir’s
Entdeckt, bot weder Ort noch Zeit sich an;
Du wolltest beide machen – Beide haben sich
Von selbst gemacht; dich haben sie vernichtet.
Ich habe Kinder aufgesäugt und weiß,
Wie allgewaltig Mutterliebe zwingt,
Und dennoch – ja, bei Gott! Den Säugling selbst
An meinen eignen Brüsten wollt’ ich morden,
Hätt’ ich’s geschworen, wie du jenes schwurst.

Macbeth.
Wird uns der blut’ge Mord zum Ziele führen?
Steht dieser Cumberland nicht zwischen mir
Und Schottlands Thron? Und lebt nicht Donalbain?
Für Duncans Söhne nur und nicht für uns
Arbeiten wir, wenn wir den König töten.

Lady.
Ich kenne diese Thans. Nie wird ihr Stolz
Sich einem schwachen Knaben unterwerfen.
Ein bürgerlicher Krieg entflammet sich;
Dann trittst du auf, der Tapferste, der Beste,
Der Nächste an dem königlichen Stamm,
Die Rechte deiner Mündel zu behaupten.
In ihrem Namen gründest du den Thron,
Und steht er fest, wer stürzte dich herab?
Nicht in die ferne Zeit verliere dich!
Den Augenblick ergreife! Der ist dein.

Macbeth.
Wenn wir’s verfehlten – wenn der Streich misslänge.

Lady.
Misslingen! Führ’ es aus mit Männermut
Und fester Hand, so kann es nicht misslingen.
– Wenn Duncan schläft – und diese starke Reise
Wird seinen Schlaf befördern – übernehm’ ich’s,
Die beiden Kämmrer mit berauschendem
Getränk’ so anzufüllen, zu betäuben,
Dass ihr Gedächtnis, des Gehirnes Wächter,
Ein bloßer Dunst sein soll! Und wenn sie nun
In vieh’schem Schlafe wie im Tode liegen,
Was können dann wir beide mit dem un-
Bewachten Duncan nicht beginnen, nicht
Mit seinen überfüllten Kämmerern,
Die unsers Mordes Sünde tragen sollen?

Macbeth.
Gebier mir keine Töchter! Männer nur
Soll mir dein unbezwinglich Herz erzeugen!
Wird man nicht glauben, wenn wir jene beiden,
Die in des Königs eignem Zimmer schlafen,
Mit Blut bestrichen, ihrer Dolche uns
Zum Mord bedient, dass sie die Tat getan?

Lady.
Wer wird bei dem Gejammer, dem Geschrei,
Das wir erheben wollen, etwas anders
Zu denken wagen?

Macbeth.
Weib! Ich bin entschlossen,
Und alle meine Sehnen spannen sich
Zu dieser Tat des Schreckens an. Komm, lass uns
Den blut’gen Vorsatz mit der schönsten Larve
Bedecken! Falsche Freundlichkeit verhehle
Das schwarze Werk der heuchlerischen Seele!

(Beide gehen ab.)

Ü   Þ

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