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Xenienvon dem gr. Xenion, d. i. Gastgeschenk, wurden bei den Griechen und Römern diejenigen Geschenke genannt, mit welchen man die Eingeladenen oder Besuchenden bei ihrem Abschiede zu beehren pflegte. Anfangs bestanden diese Geschenke in genießbaren Gegenständen, später in zierlichen Nachbildungen derselben, noch später in Devisen oder Epigrammen. Den Ausdruck Xenien wählte der römische Dichter Valerius Martialis (geb. 40, +100 n. Chr.) aus Bilbilis in Celtiberien (dem nordöstlichen Spanien) für eine Anzahl seiner Epigramme. Die Blüthezeit dieses Dichters fiel unter Domitian und Titus. Er verstand es, momentane Ereignisse in geistvoller Weise zu erfassen und witzig zu behandeln, so daß die in Distischen verfaßten Sinngedichte, die zunächst für seine Freunde und Gönner bestimmt waren, sich bald einer weiten Verbreitung erfreuten und viel gelesen wurden. Sie sind in einem Auszuge, lateinisch und deutsch, aus den poetischen Uebersetzungen verschiedener Verfasser gesammelt von K. W. Rammler, 1787 in Leipzig erschienen. In Schiller’s Werken versteht man unter Xenien eine Anzahl von mehr als 400 Distichen, die ursprünglich in dem Musenalamanch für 1797 erschienen. Die Veranlassung zu denselben war folgende. Schiller hatte im Verein mit den namhaftesten Schriftstellern der damaligen Zeit die Herausgabe eines Journals unter dem Titel: „Die Horen“ begonnen, war indessen von Mehreren, welche ihm Beiträge zugesagt, im Stich gelassen worden, so daß der Erfolg der ursprünglichen Absicht nicht entsprechen konnte. Die natürliche Folge davon war, daß die Horen überall eine ungünstige Aufnahme fanden, was Schiller in eine äußerst gereizte Stimmung versetzte, die sich in vielfachen Aeußerungen gegen seine Freunde, besonders gegen Goethe, Luft machte. Die tadelnden Urtheile über die Horen waren zu allgemein, als daß die beiden Dichter sie hätten vollständig ignoriren können. Da kam Schiller, welchem zufällig die Xenien des Martial in die Hände gefallen waren, der Gedanke, Distichen wie diese zu machen und in dem nächsten Musenalmanach zu veröffentlichen. Auch Goethe stimmte diesem Plane bei, und nun sammelten die Dichter Alles, was gegen die Horen erschienen war, um beim Schlusse des Jahres ein literarisches Gericht zu halten, in dem man nicht nur über die unberufenen Kritiker, sondern auch über verschiedene Zeitschriften und einzelne Werke herfallen wollte. Im Januar 1796 begann die Arbeit, und schon zu Ende des Monats waren nahe an 200 Xenien beisammen, deren Zahl bald auf 600 anwuchs. Beide Dichter hatten beschlossen, durchaus gemeinschaftlich zu arbeiten und ihr Eigenthumsrecht an die auf diese Weise entstandenen Epigrammen niemals auseinanderzusetzen. So wollten sie fortarbeiten, bis das Tausend voll sein würde. Schiller’s Absicht war es, bei aller Bitterkeit, welche die Satyre nun einmal verlangt, doch das Gebiet des frohen Humors so wenig wie möglich zu verlassen. Zu dem Ende wollte man sich nicht darauf beschränken, die böswilligen Gegner an den Pranger zu stellen; sondern es sollten auch ernste Lebensansichten und ästhetische Grundsätze in der Form von Distichen ausgesprochen werden. Und damit die ganze Sammlung den beabsichtigten Eindruck nicht verfehlen möchte, wollte man mit den satyrischen beginnen, die ernsten und würdigen aber an das Ende setzen. Auf den stürmischen Angriff sollte die versöhnende Ruhe folgen. Indessen stellten sich bei der Anordnung des Ganzen, welche Schiller übernommen hatte, unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen, so daß sich beide Dichter endlich entschlossen, die lieblichen und gefälligen Aussprüche in den ernsten und würdigen Theil des Almanachs zu setzen, in welchem unter Anderen z. B. Goethe’s „Alexis und Dora“ und Schiller’s „Klage des Ceres“ erschien – während „die lustigen“, die also von satyrischem und rein persönlichem Charakter waren, und deren Zahl über 400 betrug, unter dem Namen Xenien den Schluß bilden sollten. In dieser Anordnung erschien nun der Almanach und brachte schnell eine Aufregung hervor, wie sie das literarische Deutschland bis dahin noch nicht erlebt hatte. In kurzer Zeit waren drei Auflagen vergriffen, denn Neugier, Schadenfreude und Eitelkeit fanden bei der Lectüre desselben ihre Rechnung. Daß natürlich die Erbitterung auf Seiten der Angegriffenen nicht ausblieb, bedarf kaum der Erwähnung, umsomehr als unter dem vielen Trefflichen auch manches Unbedeutende und besonders in metrischer Beziehung Mangelhafte leicht aufzufinden war. In Beziehung auf diesem Punkt sagt Sch. in einem Briefe an Humboldt (29. Nov. 1795): „Ich bin hierin der roheste Empiriker, denn außer Moritz’ kleiner Schrift über Prosodie erinnere ich mich auch gar nichts, selbst nicht auf Schulen, darüber gelesen zu haben. Besonders sind mir die Hexameter und Pentameter, die mich nie genug interessirt hatten, ganz fremd in Rücksicht auf Theorie und Kritik. Indessen glaube ich doch, daß die Empirie zuweilen gegen die Regel Recht hat.“ Kein Wunder, wenn daher auf die Xenien das ziemlich allgemein bekannte Antixenion erschien:
Ueber die Fehde, zu welcher die Xenien Veranlassung gaben, findet sich Ausführliches in dem Allgemeinen literarischen Anzeiger von 1797, Str. 54-60 und in der werthvollen Schrift: „Schiller und Goethe im Xenienkampf“, von Boas 1851. Daß die Schillerschen und Götheschen Xenien von ausländischen Lesern kaum zu würdigen, geschweige denn zu verstehen sind, läßt sich leicht begreifen; für uns Deutsche bleiben sie eine literarische That, wie sie kein Volk der Erde auf dem Gebiete der Dichtkunst aufzuweisen hat. Und ihr Werth ist um so höher anzuschlagen, als beide Dichter unmittelbar darauf durch eine schnell aufeinander folgende Reihe der edelsten Kunstschöpfungen nicht nur die kleinliche und eifersüchtige Kritik zum Schweigen brachten, sondern zugleich bekundeten, daß sie auch selbst im Stande seien, die von ihnen gestellten ästhetischen Forderungen zu befriedigen. Die ursprüngliche Absicht beider Dichter, ihr Eigenthumsrecht an die Epigramme nie auseinanderzusetzen, hatte in der Art, wie sie gemeinsam an denselben arbeiteten, ihren Grund. Oft brachte der Eine den Gedanken entgegen, während der Andere ihm die poetische Form gab; oder der Eine machte den Hexameter, während der Andere in dem Pentameter die Pointe hinzufügte. Goethe selbst legte in späteren Jahren nur Werth auf die Gedanken selbst, weniger auf das ursprüngliche Eigenthumsrecht. Nichtsdestoweniger ist die Mühe, die einzelne Erklärer, besonders Viehoff, sich gegeben haben, das Mein und Dein beider Dichter zu ermitteln, immerhin eine anerkennenswerthe und fruchtbare. Es ergiebt sich daraus, daß Schiller in der That nicht nur die meisten dieser Epigramme geliefert, sondern daß auch, wie Goethe selbst sich geäußert, gerade die Schillerschen besonders „scharf und schlagend“, die Goetheschen dagegen als „unschuldig und geringe“ anzusehen sind. Somit ist Schiller jedenfalls unser größter epigrammatischer Dichter. Es bliebe nur zu wünschen, daß eine bessere Anordnung dieses Schatzes unserer Literatur, als die, welche die Gesammtausgaben gegenwärtig darbieten, ein leichteres Ueberblicken desselben möglich machte. |
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