Friedrich
Schiller

www.wissen-im-Netz.info

Lexikon - W

Homepage
   Literatur
      Friedrich Schiller
         Lexikon
            W

Wilhelm Tell (Schauspiel)

Als Goethe im Spätsommer des Jahres 1797 sich bei seinem Freunde, dem Professor Heinrich Meyer , zu Stäfa im Canton Zürich aufhielt, wo er sich neben der Beschäftigung mit verschiedenen Kunstwerken zugleich der Natur und Geschichte des Schweizer Landes mit erneuertem Interesse zuwandte, war auch ein poetischer Stoff an ihn herangetreten, die Fabel von Wilhelm Tell. Goethe war der Meinung, der Gegenstand werde sich episch behandeln lassen und hier „der sonderbare Fall eintreten, daß das Mährchen durch die Poesie erst zu seiner vollkommenen Wahrheit gelange“, während sonst bei poetischen Productionen die Geschichte zur Fabel umgestaltet werden müsse. Schiller, dem er seinen Plan brieflich mitgetheilt, ermuthigte ihn, sein Vorhaben auszuführen, gab indessen sogleich zu erkennen, daß der Gegenstand auch für ihn nicht ohne Reiz sei: „Aus der bedeutenden Enge des gegebenen Stoffes“, erwiederte er Goethe, „wird da alles geistreiche Leben hervorgehen. Es wird darin liegen, daß man durch die Macht des Poeten recht sehr beschränkt, und in dieser Beschränkung innig und intensiv gerührt und beschäftigt wird. Zugleich eröffnet sich aus diesem schönen Stoffe wieder ein Blick in eine gewisse Weite des Menschengeschlechts, wie zwischen hohen Bergen eine Durchsicht in freie Fernen sich aufthut.“ In der That war Goethe neun Monate später mit einem Entwurf zu den ersten Gesängen beschäftigt. Er wollte in dem Tell einen kräftigen Lastträger von kolossaler Gestalt darstellen, der, rohe Thierfelle und sonstige Waaren durch das Gebirge schleppend, ein reiner Naturmensch sei, der aber, nur mit seinen persönlichen Interessen beschäftigt, sich um politische Angelegenheiten weiter nicht kümmere. Geßler dagegen sollte einer jener behaglichen Tyrannen werden, die, ihre egoistischen Zwecke verfolgend, gelegentlich auch in einem Anfall humoristischer Laune sich zu Thaten verleiten lassen, deren Folgen sie nicht weiter bedenken. Bei diesem Plane indessen blieb es, denn da ihm das Material fehlte, ohne welches er nie anfing poetisch zu gestalten, so wandte er sich vorläufig anderen Gegenständen zu, die ihm näher zur Hand lagen.

Inzwischen mußte etwas von Goehte’s Absicht oder von der Correspondenz beider Dichter ins Publicum gedrungen sein, denn wie Palleske (II, 382) aus dem Körnerschen Briefwechsel herausgelesen, gingen i. J. 1801 von mehreren Theatern Anfragen ein, wie es mit Schiller’s Drama: „Wilhelm Tell“ stehe, ob man es bekommen könne. Man wußte, daß der Rath zu Bern eine Schrift „Guillaume Tell, une fable danoise“ öffentlich hatte verbrennen lassen, Joh. v. Müller’s Geschichte der Schweizer Eidgenossenschaft war in Aller Händen; was lag also näher, als daß man einen Gegenstand, der sich bereits ein allgemeines Interesse erworben, auch auf der Schaubühne zu sehen wünschte. Da fiel Sch. Tschudi’s lebensvoll geschriebenes Chronicon helveticum in die Hände, in welchem er den längst besprochenen Stoff fast dramatisch zurechtgelegt vorfand. Jetzt fragte er bei Goethe an, ob dieser nichts dagegen habe, wenn er dem von ihm beabsichtigen Epos mit einem Drama zuvorkomme. Goethe war hiermit einverstanden und trat das Sujet gern und förmlich an Sch. ab, da es den Reiz der Neuheit und unmittelbaren Anschauung für ihn verloren hatte. Somit ist Goethes bereitwilliges Ueberlassen des Stoffes keinesweges, wie G. Schwab es nennt, als ein seinem Freunde gemachtes Geschenk zu betrachten. Denn Sch. schreibt an Körner, daß er die Anregung allein Tschudi zu verdanken habe, und schon im September 1802 konnte er ihm melden, daß der Stoff aus dem Historischen ins Poetische getreten sei. Aber noch war er mit der Bearbeitung seiner „Braut von Messina“ beschäftigt; doch kaum war diese beendet, so begab er sich, als er der Aufführung derselben in Lauchstädt (11. Juni 1803) beigewohnt, in die Einsamkeit nach Jena, wo er in Goethe’s Zimmern wohnte und sein neues Drama begann. Im August rühmt er Humboldt die Volksmäßigkeit des Tell und schreibt ihm, daß er ganz damit beschäftigt sei, nennt jedoch den Stoff noch sehr widerstrebend. Im September bittet er Körner um gute Schriften über die Schweiz und sagt: „Wenn die Götter mir günstig sind, das auszuführen, was ich im Kopfe habe, soll es ein mächtiges Ding werden und die Bühnen Deutschlands erschüttern.“ Gleichzeitig hatte er Goethe ersucht, an Joh. v. Müller (s. d.) zu schreiben, und denselben über einige Punkte der Geschichte Tells um Auskunft zu bitten, die auch in freundlichster Weise ertheilt wurde, während der Brief selbst ein Beweis von der begeisterten Hochachtung war, welche der berühmte Geschichtsschreiber gegen Schiller hegte.

So war der December herangekommen, der dem Dichter in der Fortführung seiner Arbeit eine unangenehme Störung bereiten sollte. Denn die Ankunft der geistreichen Frau von Staël zog ihn jetzt ungeachtet alles Sträubens in einen Gesellschaftsstrudel, der ihn bald völlig außer Fassung brachte. Als sie endlich (leider erst im März) ging, war ihm zu Muthe, als ob er eine große Krankheit überstanden. Ungeachtet aller dieser Störungen (denn Frau von Staël verstand es, den Dichter mit ihrem Heißhunger nach Ideen förmlich auszusaugen) rückte seine Arbeit doch so glücklich vor, daß er das vollendete Manuscript bereits am 19. Februar 1804 an Goethe abschicken konnte. Die lakonische Antwort: „Das Werk ist vortrefflich gerathen und hat mir einen schönen Abend verschafft“ war der erste Lohn, den er für sein Meisterwerk einerntete. Nun wurden die Rollen ausgetheilt und das Einüben begann, denn das Stück sollte noch vor Ostern gegeben werden. Am 17. März 1804 fand die erste Aufführung unter großem Beifall zu Weimar statt, aber Sch. selbst war erkrankt und konnte nicht zugegeben sein. Erst in Berlin, wohin er im Frühjahr gereist war, sollte er seinen Tell über die Bretter gehen sehen, zugleich aber auch erfahren, daß Iffland politische Bedenken gehabt und das Stück vor der Einübung dem Cabinette zur Einsicht überliefert hatte. Glücklicher Weise waren Friedrich Wilhelm III. und Luise einsichtsvoll genug, dem Publicum ein so erhebendes Kunstwerk nicht vorzuenthalten, das in der königlichen Residenz mit Begeisterung aufgenommen und in acht Tagen drei mal wiederholt wurde. „Der Apfel, schrieb Zelter an Goethe, schmeckt uns nicht schlecht, und die Kasse verspricht sich einen guten Handel.“ Und welche Theaterintendantur wüßte nicht, daß der Tell seit jener Zeit ein Kassenstück geblieben ist.

Wie Sch. für die Bearbeitung seines Drama’s die eingehendsten und sorgfältigsten Vorstudien in Betreff der Geschichte wie der Localität gemacht, so muß auch der Leser, der das Stück vollständig verstehen und die vielfachen Schönheiten desselben richtig würdigen will, sich in ähnlicher Weise für die Lectüre vorbereiten. Werfen wir zunächst einen Blick auf die Geschichte und die mit derselben eng verbundene Sage.

Das ursprünglich von den Celten bewohnte alte Helvetien wurde zur Zeit der Völkerwanderung von deutschen Völkerschaften, und zwar von Burgundern und Allemannen besetzt. Die Einwanderung aus dem skandinavischen Norden, von welcher Stauffacher (II, 2) berichtet, gehört zu den lieblichen Mythen, mit welchen die ältere Geschichte des Landes vielfach durchzogen ist. Nachdem eine mehr geordnete Staatenbildung in Deutschland begonnen, gehörte die Schweiz zuerst zu dem fränkischen, dann zu dem burgundischen und endlich zu dem deutschen Reiche, zu dem letzteren seit 1032, wo Conrad II. sie in den Verband der Reichsländer aufnahm. Im Jahre 1097 wurde das Land von Kaiser Heinrich IV. dem Herzoge Berthold von Zähringen verliehen, unter dessen Verwaltung es sich zu schöner Blüthe entwickelte, bis es 1218 bei dem Erlöschen dieses Hauses unmittelbar unter das Reich kam. So wurden die geistlichen Stifter, der Adel, die Städte, so wie die noch freien Landleute fast vollständig unabhängig oder reichsfrei, wie man es damals zu nennen pflegte. Unter den weltlichern Herren waren die Grafen von Savoyen im Süden und die von Habsburg im Norden die mächtigsten.

Was nun die drei durch alte Freundschaft mit einander verbundenen Gebirgslandschaften oder Waldstädte Uri, Schwytz und Unterwalden betrifft, so waren sie theils von sogenannten Gotteshausleuten, d. h. Hörigen benachbarter Stifter, theils von reichsunmittelbaren Leuten bewohnt; Schirmvögte aus den in der Schweiz angesessenen Dynastengeschlechtern nahmen der Rechte des Reiches wahr. In dieser Weise hatten seit Otto’s IV. (1198-1215) Zeit die Grafen von Habsburg, unter ihnen zuletzt Rudolf (vergl. Graf von Habsb.) in den Waldstädten gewaltet. Als aber sein Sohn Albrecht nach dem Tode des Kaisers Adolf von Nassau in den Besitz der ihm überantworteten Reichsgewalten gelangt war, ließ derselbe den Waldstädten antragen, sich unter den Schirm des Hauses Oestreich zu stellen. „Seiner Majestät und seinem unermeßlichen waffenkundigen Kriegsheer könnten sie doch nicht widerstehen, aber der König möchte sie zu seines Hauses lieben Kindern haben.“ Da ein solches Ansinnen mit Entschiedenheit zurückgewiesen wurde, so erwählte der Kaiser Geßler von Bruneck und Beringer von Landenberg, zwei Männer ohne eigenes Besitzthum, die aber dafür um so bereitwilligere Werkzeuge seiner Absichten waren. Diese sandte er in die Waldstädte, wo sie gegen alle Gewohnheit ihren dauernden Sitz aufschlugen. Während die früheren Kaiser zu den Reichsvoigteien einen sogenanten Centgrafen (vergl. bannen) ernannten, der nur bei begangenen todeswürdigen Verbrechen ins Land kam, um Recht zu sprechen, dann aber wieder ging, wohnte Landenberg auf seiner Burg zu Sarnen; Geßler dagegen ließ sich einen Twinghof in Uri bauen. So fingen sie an zu regieren, als ob sie selber Herren des Landes wären. Die geringsten Vergehungen wurden mit äußerster Härte bestraft, und nicht nur das Volk mit hochmüthiger Verachtung behandelt, sondern auch die alten Geschlechter in höhnischer Weise als Bauernadel (II, 1) bezeichnet. Bald gesellten sich zu dieser im Interesse Habsburgs ausgeübten Behandlung (wie nach Schlossers Weltgeschichte Bd. 8, S. 101 die Sage berichtet) Thaten arger Willkür, die das Volk zur Selbsthülfe aufreizten; und dem Beispiel der fremden Unterdrücker folgten sogar Einzelne aus dem Schweizer Adel, wie der Wolfenschießen (II, 1) auf Roßberg (s. d.), dessen durch frechen Uebermuth herbeigeführtes Schicksal (I, 1) wohl eben so wenig historisch ist, wie die von Landenberg (I, 4) verübte Unthat.

In gleicher Weise hat die Geschichte Tells von der Kritik in Zweifel gezogen werden müssen, da dieselbe Sage schon hundert Jahre früher bei den Dänen und Isländern existirt . Geschichtlich ist nur erwiesen, daß Tell in Bürglen gelebt, daß er dem Hute Reverenz verweigert und daß er später im Schächenbache bei der Rettung eines Kindes ertrunken ist; alles Uebrige ist als Mythe zu betrachten. Aber gerade diese Mythe, die Sch. in Tschudi’s Chronik in so anregender Weise erzählt fand , bildet zwischen den übrigen geschichtlichen Thatsachen den wahrhaft poetischen Mittelpunkt, welcher ihn zur dramatischen Gestaltung der gesammten Vorgänge dieser Zeit anreizte. Verfolgen wir nun die Geschichte nach Tschudi’s Erzählung weiter. Als Albrecht anfing, die Schweiz als östreichisches Land zu behandeln, schickten die Waldstädte Boten zu dem Kaiser, deren Beschwerden indeß keine Beachtung faden, während seine mit unbedingter Vollmacht ausgestatteten Vögte ruhig fortfuhren, sich als Regenten des Landes zu geberden. Gleichzeitig erfuhren die Schweizer, daß der Kaiser auch seinem Neffen, dem Herzog Johann von Schwaben (s. d.) sein rechtmäßiges Erbe vorenthalte, so daß ihnen keine Hoffnung blieb, zu ihrem Rechte zu gelangen. Gleichwohl erduldeten sie eine Zeit lang alles Ungemach, in der Hoffnung, es könne auf Albrecht ein milderer Kaiser folgen, der ihnen ihre alten Freiheiten wieder bestätigen würde. Als die Gewaltthaten der Vögte aber überhand nahmen, so daß sie alle Gemüther mit Bitterkeit erfüllten, trafen drei Landleute Walther Fürst, Stauffacher und Melchthal, eine heimliche Verabredung mit einander, welche die Vereinigung auf dem Rütli zur Folge hatte. Es war im November 1307, am Mittwoch vor dem Martinstage, wo die drei genannten Männer, jeder von zehn vertrauten Freunden begleitet, in mitternächtlicher Stille zusammenkamen, um zu berathen, wie sie sich des Druckes entledigen und ihre Freiheit wahren könnten. Sie wollten den Grafen von Habsburg von ihren Gütern und Rechten nichts entfremden, sondern nur die Vögte, wo möglich ohne Blutvergießen, verjagen, und somit die Freiheit, wie sie dieselbe von ihren Voreltern ererbt, ihren Enkeln überliefern. Daß sich unter den Verschworenen auch Wilhelm Tell aus Uri, Walther Fürsts Schwiegersohn, befand, wird von Tschudi nur beiläufig erwähnt, worauf er die Begebenheit mit dem Hute und dem Apfelschuß, ihrem Verlaufe nach fast ganz wie bei Sch. mitgetheilt. Hierdurch hielt sich der Dichter berechtigt, den Helden seines Dramas von den übrigen Verschworenen abzusondern, um den gefaßten Beschluß, den aufstand bis zum Christfest zu verschieben, mittelst einer gewaltsamen Katastrophe durchbrechen zu können.

In Wahrheit brach der Aufstand in der Nacht des 1. Jan. 1308 los; die Vögte wurden vertrieben und die festen Burgen gebrochen. Landenberg, welcher die Flucht ergriff, ward hinter Sarnen eingeholt und bis an die Grenze gebracht, wo er schwören mußte, nie wieder nach den Waldstädten zurückzukehren. Er eilte zum Kaiser, um diesem das Geschehene zu berichten und ihn zur Rache aufzufordern. Sofort begab sich Alsrecht nach Schwaben, wo er sich zu einem neuen Zuge gegen Böhmen rüsten wollte, und beschloß zugleich, die trotzigen Bergbauern für ihren Uebermuth zu züchtigen. Da er aber dem Bischof von Basel die Belehnung verweigerte, so wurden auch bei dem schwäbischen Adel Besorgnisse wegen seiner weiteren Absichten rege. Mehrere Edelleute (s. Eschenbach) verbanden sich mit Johann von Schwaben (s. d.), und ehe der Kaiser seine Schaaren sammeln und gegen die Hirtenvölker zum Kampfe führen konnte, ward er selber ermordet. So blieben die Schweizer vor seiner Rache geschützt; überdies aber bestätigte sein Nachfolger, Kaiser Heinrich VII., ihre alte Verfassung, die sie i. J. 1315 zu Brunnen durch einen ewigen Bund bekräftigten.

Obgleich unser Drama mit der Befreiung der Schweiz von Albrechts Vögten abschließt, so nöthigen uns einzelne Stellen (IV, 2) desselben doch zu einem Blick auf die weitere Geschichte. Das so schön begonnene vierzehnte Jahrhundert war auch in seinem ferneren Verlaufe das Heldenalter der Schweiz, indem dieselbe ihren Freiheitskampf gegen das Haus Habsburg fortsetzte. Die Schlachten bei Morgarten (1315), bei Sempach (1386), wo Arnold v. Winkelried durch seinen heldenmüthigen Opfertod den Sieg ermöglichte, eben so die bei Näfels (1388) sind strahlende Tage, welche die Schweizer Geschichte in ihren Jahrbüchern für ewige Zeiten verzeichnet hat. Bald traten jetzt auch andere Waldstädte, wie Luzern, Zürich, Glarus, Zug und Bern, dem Bunde bei, um sich vereint gegen Oestreich zu behaupten. Auf Kaiser Sigismunds (1410-37) Aufforderung eroberten die Eidgenossen viele habsburgische Besitzungen, besonders die im Aargau gelegenen Stammgüter, so wie sie sich auch gegen Karl den Kühnen, Herzog von Burgund, in den Schlachten bei Granson, Murten und Nancy (1476 u. 77) siegreich vertheidigten. Obwohl mit allen diesen Erfolgen immer noch keine Lossagung von dem deutschen Reiche ausgesprochen war, so fühlte das Volk der Schweizer sich doch so gut wie unabhängig; die eigentlich politische Trennung erfolgte erst (1648) in dem westphälischen Frieden, in welchem die Schweiz als Republik anerkannt und von Deutschland abgelöst wurde.

Wie der Dichter bemüht gewesen ist, die ganze Befreiungsgeschichte der Schweiz in sein Drama zu verweben, so hat er es sich auch redlich angelegen sein lassen, uns die ganze Oertlichkeit des merkwürdigen Landes zu lebendiger Anschauung zu bringen. Es ist in der That zu bewundern, wie Sch., dem es nie vergönnt gewesen ist, die Schweiz zu sehen, eine so genaue Kenntniß derselben sich aneignen konnte, daß Jeder, der sie mit den aus seinem Drama gewonnenen Anschauungen besucht, sich sogleich heimisch in derselben fühlt und sie wie eine längst bekannte Gegend begrüßt. Daß Goethe, der gewiß oft mit Sch. über seine Wanderungen in den Schweizer Landschaften gesprochen, durch seine plastische Darstellungsweise auf die Phantasie unseres Dichters einen wesentlichen Einfluß geübt, wer möchte das verkennen; indessen konnten die so sporadisch gewonnenen Eindrücke unmöglich genügen, um einer Arbeit, wie die vorliegende, als Grundlage zu dienen. Ueberdies hat Joachim Meyer , der fleißige Forscher auf dem Gebiete der Schillerliteratur, auf überzeugende Weise dargelegt, daß Sch. außer Tschudi’s Chronik noch verschiedene andere Schriften als Hülfsquellen benutzt hat; nämlich: 1) Stumpf’s Allgemeine Eidgenossenschafts-Chronik, Zürich 1548; 2) Scheuchzers Naturgeschichte des Schweizerlandes in der zweiten Ausgabe von Sulzer, Zürich 1746; 3) Etterlin’s Chronik in der Ausgabe von Spreng, 1752; 4) Fäsis’ Staats- und Erdbeschreibung der ganzen helvetischen Eidgenossenschaft, Zürich 1766; 5) Joh. v. Müller’s Geschichte der Schweizer Eidgenossenschaft, 1785; und 6) Ebel’s Schilderung der Gebirgsvölker der Schweiz 1798-1802, ein Werk, das nicht nur sehr gründliche Mittheilungen über Natur, Volkssitte und Sprachidiotismen dieses Landes enthält, sondern sich auch durch eine höchst lebendige Darstellungsweise auszeichnet. Nur bei so gründlichen und umfassenden Vorstudien war es möglich, dem Leser neben dem dramatischen Verlaufe des Stücks ein so überraschend treues Naturgemälde zu liefern, wie Sch.’s „Tell“ es uns darbietet. Wie der Dichter während seiner Arbeit die Karte der Schweiz vor sich liegen gehabt, um sich gegen jeden geographischen Verstoß vollständig sicher zu stellen, so muß man auch bei dem genaueren Studium des Stücks den Gang der Handlung mit der Karte in der Hand verfolgen, um die außerordentliche Gewissenhaftigkeit, mit der es gearbeitet ist, nach Gebühr zu würdigen.

Aber nicht nur die gegenseitige Lage der einzelnen Ortschaften war dem Dichter bedeutungsvoll, sondern auch auf die natürlichen Verhältnisse des Landes, durch welche der Freiheitssinn seiner Bewohner bedingt ist, fühlte er sich innerlich gedrungen, Rücksicht zu nehmen; darum die sorgfältigen Angaben über die Scenerie, von denen fast jeder Auftritt eingeleitet ist; darum die lebendigen Naturschilderungen, die überall in den Text verwebt sind. Die gewaltigen Berge mit ihren tiefgefurchten Thälern, die eisbedeckten Gipfel mit ihrer malerischen Beleuchtung, die schroffen Felsen mit ihren schaurigen Abgründen, die wunderbar geformten Seen mit ihrer malerischen Umgebung, die stattlichen Wohngebäude mit ihren bunten Wappenschildern und weisen Sprüchen, die breiten Bergstraßen, wie die schmalen Saumpfade und die einsamen Sennhütten des Hochgebirges, wo jede Cultur ein Ende erreicht – da ist nichts vergessen, was die Blicke des Wanderers nur irgend zu fesseln vermag. Ja selbst die Natur der Gletscher (s. d.) und der Lawinen (s. d.), den Zug der Wolken und der Winde hat der Dichter mit eben so großer Aufmerksamkeit studirt, wie er den zierlich gestalteten Ammonshörnern, den lieblichen Alpenblumen und den eigenthümlichen Gewohnheiten der Thiere seine liebende Aufmerksamkeit zugewendet hat. So laut indessen die Natur auch zu uns redet, der Mensch bleibt immer ihre hervorragendste, ihre bedeutendste Erscheinung; wie hätte unser Dichter, dem ja die Entwickelung des Menschen innerhalb des Kampfes mit den äußeren Verhältnissen vor Allem am Herzen lag, den Bewohnern des von ihm geschilderten Landes nicht seine besondere Aufmerksamkeit widmen sollen. Von den stolzen Höhen der königlichen Throne, in deren Umgebung er sich mit so viel Glück bewegt, versetzte er sich jetzt in die Mitte eines schlichten Volkes, um uns dasselbe in seinen einfachen Beschäftigungen, in der natürlichen Unbefangenheit seiner Sitten vorzuführen. Wir sehen die Fischer und Fährleute mit dem sturmbewegten See kämpfen, hören die Hirten einander anrufend grüßen, erblicken den Jäger im wilden Hochgebirg sich anleimen mit dem eigenen Blut; wir bekommen eine Anschauung von den ersten Regungen eines beginnenden Verkehrslebens; wir hören den nächtlichen Ruf des Feuerwächters, so wie das Mettenglöcklein in der Waldkapelle; wir finden neben der schlichten Frömmigkeit den mit ihr in Verbindung stehenden Aberglauben, die Furcht vor dem grauen Thalvogt, die Angst vor Simon und Judä, wo der See rast und sein Opfer haben will; wir hören die Melodie des Kuhreihens erklingen, die den in der Fremde weilenden Schweizer mit Schmerzenssehnsucht nach seiner Heimath ergreift; wir vernehmen, wie das mit Liebessehnsucht erfüllte Herz eines Jünglings, der Sitte seines Landes folgend, der von ihm Erwählten seine nächtlichen Besuche (s. d.) abstattet. So fordert der Dichter die gesammten Kräfte unserer Phantasie heraus, um uns in jene wundersame Gebirgswelt zu versetzen, von der er selber dergestalt gefesselt wird, daß er auf die ihm so geläufigen mythologischen Anschauungen vollständig verzichtet. Denn diese Landleute bewegen sich durchweg in dem bescheidenen Kreise ihrer Anschauungen und reden eine Sprache, deren Bilder keiner anderen Sphäre als ihrer unmittelbaren Umgebung entlehnt sind. Nirgend hat Sch. es so verstanden, den Gesprächen seiner handelnden Personen ein so vollständig locales Gepräge zu geben wie hier, wo uns aus jedem Worte die frische Alpenluft entgegenweht.

Aber Wahrheit des geschichtlichen Inhalts und Treue des localen Charakters konnten einem Dichter wie Sch., dessen ganzes Streben vorwiegend auf das Ideale gerichtet war, natürlich auch bei diesem Stücken nicht genügen. Wie in jedem anderen seiner Dramen, so handelte es sich auch hier darum, eine sittliche Idee zur Anschauung zu bringen. Dieselben entwickelte sich ihm naturgemäß aus dem geschichtlichen Material. Wir erblicken ein Volk von angeborenem Freiheitssinne, von natürlichem Rechtsgefühl und von wahrer und inniger Vaterlandsliebe, in patriarchalischem Verhältnisse zu einem stammverwandten Adel stehend, dessen Vorrechte ohne Neid betrachtet werden. Durch Sitteneinfalt innerhalb der Familienbande, so wie durch gesunden Sinn in der Verwaltung seiner öffentlichen Angelegenheiten erscheint es der von den Vätern ererbten Freiheit um so würdiger, als es sich ruhig auf sich selbst beschränkt und keinem Nachbarvolke gegenüber eine drohende Haltung annimmt. Da erscheint ein fremder, ländersüchtiger Fürst und streckt seine Hand nach diesen Gauen aus, die ihm stets friedlich zur Seite lagen. Der reinen, unverfälschten Natur tritt plötzlich eine auf fremden Boden erwachsene Cultur mit ihren bedenklichen Ausartungen entgegen. Eine gewissenlose Verwaltung bemächtigt sich der Landesangelegenheiten, schamlose Laster erlauben sich die empörendsten Eingriffe in das Familienleben. Wo ein Volk auf diese Weise in seinen heiligsten Rechten gekränkt wird, da muß nothwendig ein Conflict entstehen; der innerlich gesunde Körper muß den von außen herandringenden Krankheitsstoff von sich abstoßen, um das gestörte Gleichgewicht der Kräfte wiederherzustellen, um sich das gestörte Gleichgewicht der Kräfte wiederherzustellen, um sich der wohlthuenden Harmonie einer in sich selbst befriedigten Existenz auch ferner erfreuen zu können.

Goethe weist in seinen Gesprächen mit Eckermann (I, 307) darauf hin, daß durch alle Stücke Sch.’s ein einziger Zug, die Idee der Freiheit, hindurchgeht. Und allerdings finden wir in seinen Jugenddramen zunächst das Ringen nach physischer Freiheit, den der nöthigen Besonnenheit entbehrenden Kampf gegen die verderbten socialen und staatlichen Verhältnisse, in welchem dem drückenden Unrecht die in sich noch unsittliche Gewalt entgegengesetzt wird. Aus dem Zustande der Leidenschaft, der zunächst nur Sache des sittlichen Gefühls ist, entwickelt sich der kämpfende Held hierauf zur Gestalt eines Marquis Posa, der, weil er über sich gedacht, auch Gedankenfreiheit fordert; der freilich nicht mehr Revolutionär, aber immer noch Enthusiast ist; und der, da er als solcher dem Despotismus gegenüber sich nicht behaupten kann, sich der Idee der Freundschaft zum Opfer bringt, um der Idee der Freiheit zu dienen. Aber die Kraft des Gedankens, so hohe Anerkennung sie auch verdient, ist an und für sich noch keine sittliche That, so lange sie den persönlichen Ehrgeiz oder die unlauteren Neigungen des eigenen Herzens nicht zu bezwingen vermag. Wem es noch nicht gelungen ist, sich selbst zu bekämpfen, seine persönliche Ueberzeugung den gegebenen Lebensbedingungen unterzuordnen, der wird stets im Kampfe mit den Weltzuständen als der Leidende erscheinen und schließlich in demselben untergehen, weil er eine Schuld im Busen trägt, die auf Erden gesühnt werden muß. In diesem Falle befinden sich Wallenstein, Maria Stuart, die Jungfrau von Orleans und die feindlichen Brüder der Braut von Messina. Das Freiheitsstreben, das allein auf Erfolg rechnen darf, ist nur bei denjenigen zu finden, die das dem Weltzustande innewohnende Sittengesetz verehren und zu dem ihrigen machen, die neben dem Recht, das sie auf ihrer Seite haben, zugleich die schwere Kunst der Selbstverleugnung (s. das Gedicht: Der Kampf m. d. Drachen) zu üben verstehen. Denn der geschichtlich gewordene Weltzustand an sich ist nie unsittlich; es sind innerhalb desselben immer nur einzelne Gewalthaber zu bekämpfen, die sich mit ihrem Trachten auf ungesetzlichem Boden befinden. Aus solchem Kampfe aber kann nur der siegreich hervorgehen, der sich selbst innerlich frei weiß von unwürdigen Fesseln, der sich seine eigene sittliche Würde wie die Unschuld eines Kindes bewahrt oder aus dem Streit mit seinen bösen Neigungen gerettet hat . Dies letzte aber ist der Fall in unserm Drama, einem Stück, als dessen eigentlichen Helden wir die Eidgenossen, den Bund der Waldstädte, zu betrachten haben, während Tells Persönlichkeit nur als eine besondere Individualität aus der Gesammtheit hervorragt. Feindliche Entzweiung roher Kräfte (vergl. das Ged. Wilhelm Tell), revolutionäres Durchbrechen gesetzlicher Schranken (vergl. d. Lied v. d. Glocke Str. 24-26) war dem Dichter ein Greuel; aber eine aus sittlicher Entrüstung hervorgehende Volkserhebung, die den Gewalthabern wie den Völkern einen Spiegel vorhält, aus dem sie Mäßigung lernen können, das war sein Ideal der Freiheit, dem er mit vollem Rechte den Sieg verleihen konnte.

Indem wir nun die einzelnen Charaktere des Dramas näher ins Auge fassen, haben wir dieselben theils als geschichtliche, theils als erdichtete Gestalten zu unterscheiden. Was die ersteren betrifft, so sind sie allerdings idealisirt, wie dies von unserm Dichter nicht anders zu erwarten war, indessen hat er aus Tschudi’s Chronik viele Stellen fast wörtlich aufgenommen, und dadurch der Sprache das alterthümliche Gepräge gegeben, das uns so angenehm überrascht. Wer sich für diese Seite des Dramas näher interessirt, findet in J. Meyers Auszuge aus „Tschudi’s Geschichte der Befreiung der Waldstädte“ (S. 4 etc.) Alles, was im Tell wörtlich wiederkehrt, durch Cursivschrift ausgezeichnet. Auch bei der Wahl der Namen für die erdichteten Personen hat sich Sch. mit großer Sorgfalt an seine Quelle gehalten, so daß J. Meyer eine jede derselben mit näheren Angaben hat ausstatten können. Mit Rücksicht auf die Handlung haben wir sämmtliche Personen in drei Gruppen zu unterscheiden: 1) die Vögte, die das Volk bedrücken und in ihrem tyrannischen Verfahren einander die Hände reichen; 2) das an Besitz, Ehre, Leib und Leben geschädigte Volk, durch dessen einmüthiges Handeln die gährende Bewegung zum Ausbruch kommt; 3) den mit sich selbst in Zwiespalt befindlichen Adel, der es theils mit den Vögten, theils mit dem Volke hält.

Wir beginnen mit Geßler, dem Vertreter der kaiserlichen Gewalt und zugleich dem Repräsentanten der übrigen Vögte, die in dem Drama im Hintergrunde bleiben. Daß er seine Stellung mißbraucht, zeigen schon die übermüthigen Worte: „Ich bin Regent an Kaisers Statt“; auch versteht er es, zu seinen Dienern Leute, wie den Frohnvogt und den Kriegsknecht Frießhardt einzusetzen, die ihm an Stolz und Uebermuth nichts nachgeben. Da er selber ein Fürstenknecht ist, so kann er keine freien Leute dulden und grollt denjenigen, die Oestreichs Planen widerstreben. Nicht nach Gesetz und Recht zu regieren, sondern dem Kaiser zu gefallen, das ist sein einziges Streben, die Willkür ist sein Gesetz. Deshalb greift er zu ganz widersinnigen Maßregeln, wie zu der Aufsteckung des Hutes, dem Reverenz erwiesen werden soll, ein Verfahren, durch welches er alle Stände tyrannisirt, auch diejenigen, die vernünftigen Gesetzen den Gehorsam gewiß nicht versagt haben würden. Eben so wenig er etwas von der Regierungskunst versteht, eben so wenig Verständniß hat er für die sittliche Würde des Familienlebens. Er ist selber unvermählt, denn Bertha von Bruneck deutet (III, 2) an, daß er Absichten auf sie habe, auch erfahren wir (V, 1), daß er sie heimlich hat einschließen lassen; und Tell sagt ihm (III, 3). „Herr, ihr habt keine Kinder.“ Auf diese Weise sucht der Dichter die Unmenschlichkeit seines Charakters erklärlich zu machen, der sich an der Angst eines Vaters weiden, nach dem gethanen Schusse ihn noch reizen, und diejenigen, die für ihn und ihre Freiheit eintreten, mit frechem Stolz verhöhnen kann. Daß auch nach seiner Rettung aus augenscheinlicher Lebensgefahr und ungeachtet der Warnung seines Stallmeisters noch keine mildere Gesinnung bei ihm Platz gegriffen, beweist sein Benehmen der unglücklichen Armgart gegenüber, und so fällt er in dem Augenblicke, wo seine Herzensverhärtung ihren Gipfel erreicht, der rächenden Nemesis zum Opfer.

Dem Geßler gegenüber stehen zunächst die drei Repräsentanten der Eidgenossen, Walther Fürst, Werner Stauffacher und Arnold von Melchthal, in denen uns der Dichter das bedächtige Greisenalter, das thatkräftige Mannesalter und das leidenschaftlich erregte Jünglingsalter vorführt, drei miteinander contrastirende Elemente, die für die Art der Ausführung des beabsichtigten Aufstandes eben so bedeutsam sind, wie sie bei der scenischen Darstellung ästhetisch wirkungsvoll erscheinen.

Walther Fürst aus Uri, der bedächtige und vorsichtige Greis, fühlt sich als Freund der Freiheit selbst gedrückt und mag daher auch gern dem Bedrängten Schutz gewähren, deshalb hat er den flüchtigen Melchthal bei sich aufgenommen. Als es aber an die heimliche Verabredung geht, möchte er den Adel mit in die Berathung gezogen haben, empfiehlt überhaupt Mäßigung und erklärt sich nur nothgedrungen für den Aufstand, den er gern von jedem revolutionären Charakter befreit sehen möchte. Auch als bereits die Feuerzeichen von den Bergen rauchen, will er erst Kunde aus Unterwalden abwarten, ehe er den Aufstand in Uri beginnen läßt. Und nachdem der Sieg errungen, ist er der erste, der seine Landsleute zur Vorsicht ermahnt und darauf hinweist, der Kaiser werde gewiß nicht säumen, die vertriebenen Vögte wieder einzusetzen. Seiner ruhigen Würde wegen steht er in hohem Ansehen bei der Gemeinde, die ihm auch einstimmig das Recht zuerkennt, das durch den Reichsboten überbrachte Schreiben zu erbrechen und vorzulesen.

Werner Stauffacher, zu Steinen im Canton Schwytz wohnhaft, ist ein Wohlthäter der Armen und gleichfalls ein Schützer der Bedrängten, wir finden daher den von Tell geretteten Baumgarten, der den Wolfenschießen erschlagen, bei ihm verborgen. Stauffacher ist ein besonnener, aber zugleich entschiedener Charakter. Obwohl er seinem Herrn gegenüber die schuldige Ehrfurcht nicht aus den Augen setzt, will er doch nicht, daß der Schweizer sich dem neuen Fürstenhause unterwerfe, und hat dafür bereits gewirkt. Aber er hat das Schicksal seines Landes mehr im Stillen erwogen; offen zu widerstreben ist ihm noch gar nicht eingefallen, denn um der Seinen willen fürchtet er den Krieg. Erst als seine ehrenfeste Gattin ihn zum Handeln ermuthigt, geht er entschlossen an’s Werk, wird nun aber auch die Seele des zu schließenden Bündnisses. Mit der Geschichte wie mit der Verfassung seines Landes wohl vertraut, spielt er bald die Hauptrolle in der berathenden Versammlung und versteht es, die Debatte verständig und gerecht zu leiten und durch die Energie seiner Rede nachdrücklich zu wirken. Auch er erfreut sich eines hohen Ansehens in der Gemeinde, denn die neuesten Nachrichten gelangen sogleich an ihn. Er ist es, der die näheren Umstände über die Ermordung des Kaisers mittheilt; er weiß bereits, daß die Königin von Ungarn dafür blutige Rache zu nehmen gedenkt; er hat auch Kunde davon, daß die Kaiserkrone auf den Grafen von Luxemburg (d. i. Heinrich VII.) übergehen soll. Dafür wird ihm auch die Ehre zu Theil, dem Reichsboten mündlich Antwort zu ertheilen.

Arnold von Melchthal aus Unterwalden, der Sohn eines Mannes, der stets für Recht und Freiheit eingetreten ist, befindet sich auf der Flucht. Eine noch jugendliche, leicht erregbare Natur, rasch in Worten wie in Thaten, hat er sich der willkürlichen Behandlung, die er von einem Boten des Vogts erfahren, widersetzt und ihm den Finger zerschmettert. Bald muß er die entsetzliche Erfahrung machen, daß seine Sorge um den zurückgelassenen Vater vollständig gerechtfertigt war; für die an ihm verübte Schandthat Rache zu nehmen, ist seine erste Empfindung. Dennoch zeigt er Selbstbeherrschung genug, nur als Kundschafter in Landenberg’s Wohnung einzudringen. Um der allgemeinen Sache sicherer zu dienen. Wie Stauffacher der begabte Redner, so ist Melchthal der Mann der schnellen That. Er bringt die erste Freiheitsbotschaft nach Uri; er hat den Roßberg erstiegen, wo der Woflenschießen einst gehaust; er hat auch den Landenberg auf der Flucht erreicht und ihn Urfehde schwören lassen, nie wieder zurückzukehren.

Wir kommen nun zu Wilhelm Tell, Walther Fürsts Schwiegersohn. Von natürlichem Freiheitsgefühl erfüllt, geht er am liebsten dem edlen Waidwerk nach; das wilde Eisgebirg ist seine Welt. Sagt er doch selbst:

„Zum Hirten hat Natur mich nicht gebildet;
Rastlos muß ich ein flüchtig Ziel verfolgen.
Dann erst genieß ich meines Lebens recht,
Wenn ich mir’s jeden Tag auf’s neu’ erbeute.“

In dieser Eigenschaft kennt ihn auch seine Gattin, sie weiß, sein Athem ist die Freiheit, er kann nicht leben in dem Hauch der Grüfte.“ So eine kräftige Natur, die sich überall selbst zu helfen weiß, eilt auch gern da zu Hülfe, wo Andere in Gefahr und Noth sind; mit herzlicher Zuversicht stellt ihm daher Ruodi (I, 1) das Zeugniß aus: „Es giebt nicht zwei, wie der ist, im Gebirge“. So wird er uns gleich von vornherein als eine hervorragende Persönlichkeit bezeichnet, und wenn er auch nicht der eigentliche Träger des Stückes ist, so haben wir ihn doch als den die Handlung durchschreitenden Helden zu betrachten. Von eigenthümlichem Klang ist sein Name, der mit „toll“ (von talen, d. i. sich kindisch benehmen) verwandt sein soll, und s. v. w. unbesonnen bedeutet; daher läßt ihn Tschudi die Worte sprechen: „Wär ich witzig (klug), so hieß’ ich nicht der Tell“ (vergl. III, 3). Indessen liegt es keinesweges in seiner Natur, die Gefahr absichtlich aufzusuchen; aber umsichtig und voll Gottvertrauen, ist er schnell bereit, einem Bedrängten (wie Baumgarten) selbst mit Gefahr seines Lebens zu helfen; denn sein schöner Wahlspruch ist: „Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt“. Seine Worte sind schlicht und einfach und tragen (IV, 1) das Gepräge unverfälschter Wahrheit an sich; nur wo er Naturscene schildert, oder den Bewegungen seines Innern einen Ausdruck giebt, da steigert sich sein Affect, und seine Sprache nimmt einen höheren Schwung an. Obwohl mit allen Fasern seines Daseins an die Berge seiner Heimath gefesselt, reicht sein Blick doch über die beschränkten Thäler hinaus, denn aus dem Gespräch (III, 3) mit seinem Sohne ersehen wir, daß er auch die ebenen Gegenden kennt, und recht gut weiß, unter welchem Drucke ihre Bewohner seufzen. Er weiß auch, daß solcher Druck bereits an seine Landsleute herangetreten ist; aber fern von aller Neigung zur Widersetzlichkeit, ermahnt er selbst einen Stauffacher zur Geduld. Befreiungsplane schmieden ist nicht seine Sache, doch handeln, wo es nöthig ist, dazu ist er stets bereit. Von Natur mit Ehrfurcht erfüllt vor der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat, ist er bedächtig genug, sich nicht an den Kriegsknechten zu vergreifen, und auch dem Geßler gegenüber benimmt er sich durchaus ehrerbietig und bescheiden, bittet er ihn doch sogar um Gnade. Erst als das Unmenschliche ihm zugetraut wird, da empört sich sein Inneres; doch nicht mit Worten macht er seinem gepreßten herzen Luft, nur mit der That, der zweite Pfeil soll seine Antwort sein. Da er auch das Leben seines Kindes bedroht sieht, so muß er den verhängnißvollen Schuß thun, und erst jetzt, auf’s neue schwer gereizt, bedroht er den Landvogt. Was er von ihm zu erwarten hatte, nachdem er ihm entsprungen, das lag mehr als nahe. Bei dem Gedanken an Melchthal’s unglücklichen Vater mußte er jetzt für Weib und Kinder zittern; wollte er das Aergste von den Seinen abwenden, so mußte jetzt schnell gehandelt werden. Hierdurch rechtfertigt sich seine That ganz eben so wie die des in seinen heiligsten Rechten bedrohten Baumgarten. Zum Unnatürlichen hatte man ihn gezwungen; warum sollte er jetzt das Ungeheure nicht thun? So führt er denn aus, was er sich im Augenblick der höchsten Noth gelobt, er schießt seinen Feind nieder, aber nicht wie ein Meuchelmörder, sondern als ehrlicher und offener Gegner, der sich dem sterbenden Geßler als solcher zu erkennen giebt, der sich frei und offen vor aller Welt zu seiner That bekennt.

Den kernigen Schweizer Männern gegenüber erblicken wir auch zwei ehrsame Frauengestalten, welche der Dichter, seiner Lieblingsneigung folgend, als zwei ganz entgegengesetzte Charaktere gezeichnet hat, es sind Gertrud und Hedwig; und zwar hat er mit richtigem Takt dem ruhig besonnenen Stauffacher die entschlossene Gertrud, dem unruhig umherstreifenden Tell die weiche und sanfte Hedwig zur Gattin gegeben, denn Gegensätze ziehen sich nicht nur an, sondern sie sind auch allein dramatisch wirksam. Gertrud, die Tochter des edlen Iberg (s. d.) ist eine kräftige und innerlich tüchtige Frauengestalt, wie ihre Altvorderen von treuer Vaterlandsliebe und edlem Freiheitsgefühl beseelt, ohne darum von ihrer Weiblichkeit etwas einzubüßen; denn in rührender Theilnahme fordert sie von ihrem Manne die Hälfte seines Grams, hält sie es doch für ihre Pflicht, Freuden und Leiden mit ihm zu theilen. Aus guter Familie abstammend, mit einer standesmäßigen Bildung ausgerüstet, gehört sie zu den eben nicht seltenen deutschen Frauen, die ihre mehr sinnenden und überlegenden Männer zu entschlossenem Handeln ermuthigen. So wird sie die erste Triebfeder zur Befreiung ihres Vaterlandes, und ist somit in erster Linie zu den Helden des Stückes zu rechnen. – Die gemüthvolle Hedwig dagegen, mit ihrem ganzen Sinnen dem Frieden einer stillen Häuslichkeit zugewendet, ist nur mit der Sorge um ihren Mann und um ihre Kinder beschäftigt. Die grausigen Wagefahrten ihres Gatten erfüllen sie mit Unruhe und Besorgniß, und voll banger Ahnung blickt sie einem Schicksal entgegen, das der erbitterte Geßler ihm bereiten könne. Unfähig, sich zu dem Muthe ihres Mannes zu erheben, zürnt sie seiner Heldenthat um des geliebten Kindes willen, und ist gleichwohl stolz auf einen Gatten, der so Vielen ein Retter und dem Vaterlande ein Befreier geworden ist. Ihn wohlerhalten wieder bei sich zu haben, ihm und ihren Kindern wieder leben zu können, das wird fortan die ganze Summe ihres Glückes ausmachen.

Wenden wir uns nun dem mit sich selbst zerfallenen Adel zu, so erblicken wir als die hervorragendste Gestalt den edlen Bannerherrn von Attinghausen (s. d.), der nach Tschudi’s Chronik bei der ersten Gesandtschaft, welche die Waldstädte im April 1301 an König Albrecht sandten, „als Landammann zugegen war und alle anderen Schweizer durch die Würde des wohl erhaltenen Adels übertraf“. In unserm Drama repräsentirt er den Theil des Adels, der sich mit dem Volke innerlich verbunden weiß, in Uebereinstimmung mit demselben denkt und fühlt. Wir sehen ihn in patriarchalischer Einfachheit mit seinen Knechten den Frühtrunk theilen, ehe er sie an ihre Arbeit schickt. Sonst hat er die Seinen im Dienste des Kaisers in Schlachten angeführt und an ihrer Spitze tapfer gefochten; jetzt schmachtet er mit ihnen gemeinsam unter dem Druck der Vögte. Er, der sich des stolzen Bewußtseins erfreute, Selbstherr zu sein und keinem fremden Herrn zu dienen, sieht jetzt mit Schmerz, wie viele Andere seines Standes dem Lande untreu werden, und blickt mit Kummer auf seine Güter, die nach seinem Tode in fremde Hände übergehen sollen. Kein Wunder, daß die neue Zeit dem fünfundachtzigjährigen Greise in keiner Weise behagen will, und daß er seinem Ende hoffnungslos entgegen geht. Ist es ihm nun auch nicht vergönnt, die Sonne des neuen Freiheitstages zu schauen, so soll er doch wenigstens ihre Morgenröthe begrüßen. Tell’s muthige That und das Bündniß auf dem Rütli, sie eröffnen ihm den Blick in eine glanzerfüllte Zukunft, und so kann er, innerlich gestärkt und reichlich getröstet, in Frieden scheiden.

Ihm gegenüber steht Rudenz, sein Neffe und sein einziger Erbe. Von dem Glanz des kaiserlichen Hoflagers geblendet, wo er in Turnieren den Preis davon tragen kann, wo Kriegesruhm und Sieg ihm winken, ist er der einfachen Sitte seines Landes untreu geworden, dessen Noth ihm um so weniger zu Herzen geht, als er den Hohn der Fremdlinge, die ihn als einen Ritter aus dem Bauernadel betrachten, nicht zu ertragen vermag. Aber nicht nur das Verlangen, an dem fremden Fürstenhofe eine glänzende Rolle zu spielen, sondern auch die Liebe hat ihn in das feindliche Lager gelockt; es ist Bertha von Bruneck (s. d.), die er durch seine Anhänglichkeit an Oestreich zu gewinnen hofft. Doch hat die Liebe ihn auf eine falsche Bahn getrieben, so vermag sie ihn auch wiederum auf den richtigen Weg zu leiten, ihn innerlich umzuwandeln. Daß dies geschehen, beweist er Geßler gegenüber, den er seiner Unmenschlichkeit wegen öffentlich zur Rede stellt. Für den Oheim freilich kommt seine Reue zu spät; aber gerade dessen Tod nöthigt ihm das Gelöbniß ab, sich seinem Volke wieder zuzuwenden, so daß wir ihn schließlich durch seine Eroberung des Sarner Schlosses an der Befreiung des Vaterlandes Theil nehmen sehen.

Die vermittelnde Rolle zwischen den beiden Parteien des Adels hat der Dichter der Bertha von Bruneck zugetheilt. Obwohl eine reiche Erbin, ist sie doch ihrem Lande wie ihrem Volke von Herzen zugethan und leidet mit unter dem allgemeinen Druck, um so mehr als man ihr nicht gestatten will, ihre Hand nach freier Wahl zu verschenken. Durch eine Vermählung mit den verabscheuungswürdigen Geßler sollen ihre Güter an Oestreich gebracht werden, das ist der schändliche Plan, dem man die Freigeborene opfern will. Und da sie den Absichten der fremden Bedrücker widerstrebt, so wird sie heimlich geraubt und zu Sarnen gefangen gehalten, bis Rudenz und Melchthal als ihre Retter erscheinen. Somit ist Bertha keinesweges ein „Romanfräulein“, wie G. Schwab sie nennt, sondern sie ist, wenn auch mit schwächeren Farben gezeichnet, doch ein glücklich ersonnenes Gegenstück zu der trefflichen Gertrud; denn wie diese ihren Gatten zu thatkräftigem Handeln ermuthigt, so führt sie ihren Bewerber durch die Bande der Liebe zu seiner Pflicht zurück.

Wie wir die Betrachtung der einzelnen Charaktere mit einem dem Lande aufgedrungenen Fremdling begonnen, so beschließen wir sie mit einem fremden Fürstensohne, der zu den Freiheitshelden seine Zuflucht nimmt, es ist Herzog Johann von Schwaben (s. d.). Durch Konrad Hunn’s Mittheilungen (II, 2) sind wir bereits auf ihn aufmerksam gemacht worden; wir haben gehört, wie schnöde der Kaiser ihn behandelt, und erfahren (V, 1) aus Stauffacher’s Munde, welche grauenvolle That er verübt. Somit fallen die von mehreren Seiten geäußerten Bedenken über die unmotivirte Einführung dieser Person in sich zusammen. Ueberdies aber war der Dichter, der sich ja vorgenommen hatte, die historische Treue möglichst zu wahren, hierzu durchaus genöthigt. Denn der geschichtliche Parricida flüchtete, nachdem er in Folge seiner Mordthat in die Reichsacht erklärt worden, zunächst nach dem Zuger Gebiet und von da nach Schwytz, wo er in dem Kloster Einsiedeln (s. d.) einige Tage verborgen blieb, bis ihm die Waldstädte ihren ferneren Schutz verweigerten. Der Dichter läßt ihn, als Mönch verkleidet, bei Tell einsprechen, wo er sich indessen durch sein scheues Benehmen sogleich verräth. Von Gewissensbissen gefoltert, und selbst da verstoßen, wo er am ersten auf Schutz gerechnet, möchte er sich selbst das Leben nehmen; aber Tell giebt ihm einen besseren Rath. Reichlich versorgt und durch tröstenden Zuspruch erleichtert, entläßt er ihn nach Italien, wo er dem Papste seine Schuld bekennen und seine Sünde büßen soll. Somit kann von einer Rohheit, wie G. Schwab (S. 740) Tell’s Benehmen nennt, gewiß eben so wenig die Rede sein, wie davon, daß Frauenrath den Dichter hier zu einem „apologetischen Mißgriff“ verleitet haben soll. Tell’s Befreiungsthat noch besonders zu vertheidigen, oder eine solche Vertheidigung für dringend nöthig zu halten, fiel Sch. gewiß nicht ein; aber einen unberufenen Befreier, den nur persönlicher Ehrgeiz zum Verwandtenmorde angetrieben, von sich weisen, das mußte Tell um seines Vaterlandes willen, das mußte er um seines eigenen Herzens willen thun.

– – – „Gerächt
Hab’ ich die heilige Natur, die du
Geschändet – Nichts theil’ ich mit dir – Gemordet
Hast du, ich hab’ mein Theuerstes vertheidigt.“

Das war die Wahrheit, welche der Dichter von der Schaubühne als einer moralischen Anstalt verkünden wollte, von der Stätte, welche die erhabene Aufgabe nie aus dem Auge verlieren sollte, begangene Verbrechen vor ihren Richterstuhl zu ziehen. Und wenn den Dichter irgend etwas nicht verleitet, sondern geleitet hat, so ist es seine unbezwingliche Neigung zur Zusammenstellung wirksamer Contraste, wodurch Parricida’s Confrontation mit Tell gleichzeitig ästhetisch zu rechtfertigen sein dürfte.

Untersuchen wir nun, wie der Dichter die oben bezeichnete Idee seines Stückes vermittelst der so eben besprochenen Charaktere durchgeführt hat, indem wir den Gang der Handlung genauer verfolgen.

Act I. In der ersten Scene werden wir an die Südseite des Vierwaldstätter Sees, und zwar nach dem Canton Uri versetzt. Durch die Scenerie, wie durch die einem Fischerknaben, einem Hirten und einem Jäger in den Mund gelegten Gesänge, deren hohe lyrische Vollendung wir mit Recht bewundern, macht uns der Dichter mit der eigenthümlichen Natur des Landes, mit den Vor-, den Mittel- und den Hochalpen bekannt. Aus der Unterhaltung der auftretenden Personen erfahren wir, daß ein Unwetter im Auge ist; aber alsbald tritt die Landschaft in den Hintergrund, um unsere Aufmerksamkeit auf den Sturm der Gemüther zu lenken, die sich an dem tobenden See versammeln. Baumgarten, der den unverschämten Wolfenschießen erschlagen, wird verfolgt und muß gerettet werden; aber kein Fährmann wagt es, dem wilden Element zu trotzen. Da erscheint der Tell als Helfer in der Noth und gleich darauf des Landvogts Reiter, durch deren empörendes Benehmen uns die Drangsal des Volkes zu unmittelbarer Anschauung gebracht wird. – Die zweite Scene führt uns an das nördliche Ufer des Sees, nach Schwytz. Nachdem wir die durch rohe Gewaltstreiche hervorgerufene Volksstimmung kennen gelernt, treten wir in einen einfachen aber würdigen Familienkreis, der uns über die Willkürherrschaft belehrt, wie sie auch in diesen Thälern geübt wird. Stauffacher klagt seiner Gattin, wessen er sich von Geßler zu versehen habe, während sie ihn auf die Stimmung der übrigen Cantone hinweist und ihn zum Handeln ermuthigt. Indem wir das Gefühl der Hoffnung beider Gatten theilen, werden wir zugleich über Tell’s und Baumgarten’s Schicksal beruhigt; beide haben sich glücklich aus dem Sturm gerettet, und Baumgarten findet bei Stauffacher eine sichere Freistatt. – Mit dem Beginn der dritten Scene befinden wir uns wiederum in Uri und zwar auf einem freien Platze bei Altorf, wo wir eine Anzahl Werkleute an einer Feste arbeiten sehen. Haben schon vorher des Landvogts Reiter unsern Unwillen wach gerufen, so empört uns jetzt das höhnische Benehmen des Frohnvogts, während die gleich darauf erfolgende Aufrichtung der Stange mit dem Hute uns mit gerechtem Bedenken erfüllt. Auch tritt die unwillige Stimmung bei den Landleuten sogleich deutlich hervor. Sie wollen Abrede mit einander nehmen; es gährte also auch in dem niederen Volke. – Einer Verabredung aber sollen wir sogleich in der vierten Scene beiwohnen, die uns nach Attinghausen zu Walther Fürst versetzt. Hier finden wir den aus Unterwalden geflüchteten Melchthal verborgen, während Werner Stauffacher aus Schwytz zum Besuch herüber kommt. Die drei Waldstätte sind also jetzt vertreten. Die Drangsal, welche hüben und drüben zu erdulden ist, bildet den Gegenstand der Unterhaltung, die durch den Bericht über Landenberg’s neue Unthat alsbald den Charakter eines bestimmten Entschlusses annimmt. Wie die Tyrannen einander die Hände reichen, so legen jetzt die Vertreter der drei Cantone ihre Hände in einander, um zu Schutz und Trutz zusammen zu stehen; wir sehen daher der Rütliscene mit Spannung entgegen. – Somit haben wir an dem ersten Act, der uns die Exposition zu liefern hat, eine breite und solide Basis, auf welcher ein stattlicher Bau sich ausführen läßt. Goethe schreibt daher (13. Jan. 1804) nach dem Empfange desselben: „Das ist denn freilich kein erster Act, sondern ein ganzes Stück und zwar ein fürtreffliches, wozu ich von Herzen Glück wünsche und wovon ich bald mehr zu sehen hoffe.“

Act II. In der ersten Scene befinden wir uns noch wie am Schluß des ersten Actes in Uri, aber an dem Edelhofe des Feldherrn von Attinghausen, wo sogleich die Collision beginnt. In dem Freiherrn und seinem Neffen sehen wir den Gegensatz von Alter und Jugend, wie die Differenz der in dem Adel herrschenden politischen Anschauungen verkörpert. Die eindringlichen Ermahnungen des conservativ gesinnten Alters vermögen nichts über den abtrünnigen, überdies durch die Liebe verblendeten Jüngling; wir sehen beide im Unwillen von einander scheiden. – Von ganz anderem Charakter dagegen ist die zweite, die Rütliescnee, die uns schon durch ihren landschaftlichen Charakter das Bild einer vollendeten Harmonie gewährt. Der ruhige Spiegel des Sees, die freundliche, monderhellte Nacht, der Frieden verkündende Regenbogen, sie bereiten uns auf eine leidenschaftslose Scene vor; wir erwarten, daß Festigkeit und Treue ein uralt Band erneuern werden. Daß die Unterwaldner zuerst erscheinen, wundert uns nicht, denn der junge, rüstige Melchthal führt sie an; bald kommt auch Stauffacher mit den Schwytzer Männern über den See gefahren, während der betagte Walther Fürst mit den Urnern, die um des Landvogtes Kundschafter willen einen weiten Umweg zu machen haben, als die letzten eintreffen. Sogleich beginnt die Berathung, durch Walther Fürst eröffnet. Es ist eine Tagsatzung nach altem Brauch, die fern von jedem revolutionären Freiheitstaumel sich auf dem festen Boden des geschichtlichen Rechtes bewegt und, einzelne unbedeutende Streitfragen abgerechnet, mit sicherem parlamentarischen Takte geführt wird. Die Gesammtmasse des Volkes zeigt, daß ein einziger Wille sie durchglüht. Die Förmlichkeiten werden mit althergebrachter Feierlichkeit erfüllt; aus Stauffacher’s Mittheilungen über die Urgeschichte der Schweiz erfahren wir, daß Alle eines Stammes sind, daß sie nie einem Fürsten unterthan gewesen, sondern sich selbst regiert und freiwillig den Schirm der Kaiser erwählt haben. „Keine Ergebung an Oestreich“ ist daher das erste Landesgesetz, das in der Versammlung gegeben wird. Nun fragt es sich, wie es mit der Bestätigung der alten Freiheitsbriefe steht; diese ist vom Kaiser versagt worden, Selbsthülfe ist also nöthig. Die Vögte mit ihren Knechten zu verjagen, die festen Schlösser zu zerstören und somit die alte Freiheit wiederherzustellen, das sind die Resultate des Beschlusses, der an dem Christfest zur Ausführung kommen soll, also an einem Tage, der Allen heilig ist wir ihre Sache. Daß ein Pfarrer dieselbe durch seine Theilnahme an dem Bündniß unterstützt, giebt der Verhandlung eine gewisse Weihe, um so mehr als wir ihn von dem Bewußtsein erfüllt sehen, er habe im Namen Gottes zu reden und zu handeln. In seinem Namen läßt er daher auch den Eid schwören, der Alle zu einmüthigem Handeln verpflichtet. Eine Lücke freilich hat die Berathung offen gelassen; wie man dem starren, reichlich mit gewappneten Schaaren umgebenen Geßler beikommen werde, ist unerledigt geblieben. Reding’s Worte indeß: „Man muß dem Augenblick auch was vertrauen“ deuten an, daß wir ein außerordentliches Ereigniß zu erwarten haben. Somit schließt die Scene, ein Meisterwerk voll dramatischen Lebens, mit einer hoffnungsvollen Aussicht, während die wohlthuende innere Stimmung durch den Blick auf die im ersten Morgenstrahl erglühenden Eisgipfel, so wie durch die prachtvollen Klänge des plötzlich einsetzenden Orchesters in der wirksamsten Weise erhöht wird.

Act III. Hier, wo wir die Katastrophe zu erwarten haben, tritt das Landschaftliche bei der Scenerie in den Hintergrund, wogegen es in den Gesprächen Tell’s mit seiner Gattin und seinem Sohne gebührend berücksichtigt ist. Die erste Scene führt uns nach Bürglen, wo wir Tell im Familienkreise kennen lernen. Nicht ohne Rührung hören wir den ältesten seiner beiden Knaben beim Beginn eines Actes, in welchem Pfeil und Bogen eine so bedeutungsschwere Rolle für ihn spielen sollen, ein Loblied auf das edle Waidwerk anstimmen, ein Lied, in dem der ganze Charakter des Vaters sich abspiegelt. Der zerrissene Strang liefert den Anlaß zur Unterhaltung zwischen Tell und seinem Weibe; es ist ein mit sanften Worten geführter Streit, denn wie könnten die beiden so verschieden angelegten Charaktere in Betreff der Kindererziehung völlig übereinstimmen. Dazu kommt Hedwig’s ahnungsvolle Stimmung in einem Augenblick, wo ihr Gatte sie verlassen will; wir fühlen es mit ihr, ein schweres Verhängniß droht über den glücklichen Familienkreis hereinzubrechen; die an ihren jüngsten Sohn gerichteten Worte: „Ja, du bist mein liebes Kind; du bleibst mir noch allein“ – sie deuten prophetisch an, was die nächste Zukunft ihr bringen wird. – Dem Streit zwischen zwei Eheleuten, die sich innig lieben, folgt in der zweiten Scene ein Conflict zwischen zwei jugendlichen Herzen, die nicht von einander lassen können. Bertha und Rudenz haben sich vom Jagdgefolge getrennt, um sich miteinander auszusprechen; vor Allem aber will Bertha den irrenden Jüngling zu seiner Pflicht zurückführen, denn bald wird das Vaterland seiner bedürfen; schon der nächste Augenblick wird über sein ferneres Verhalten entscheiden. – Beide Auftritte haben uns auf die dritte Scene, den Culminationspunkt des ganzen Stückes, vorbereitet. Wir finden einen verödeten Platz, auf dem die Stange mit dem Hute paradirt. Die Kriegsknechte, welche bei derselben Wache halten, sind nicht eines Sinnes; der eine sehnt sich nach einem Fange, der andere fühlt das Unwürdige der ihm auferlegten Pflicht. Da kommt Tell mit seinem Knaben. Es ist das einzige Mal, wo Sch. ein Kind auf der Bühne eine Rolle spielen läßt , aber die Naivetät des Knaben, wie die pädagogisch vernünftige Belehrung des Vaters machen einen Eindruck, als ob der Dichter in solcher Art des Dialogs ein erfahrener Meister sei. Wir bedauern nur, daß die Kriegsknechte nicht aufmerksam zugehört, daß ein Geßler nicht zugegen gewesen, um unsere Rührung zu theilen; der unmittelbar folgende Auftritt wäre eine Unmöglichkeit gewesen. So aber bildet er einen schneidenden Contrast zu der Stimmung, mit der wir ihm entgegen gehen. Daß Tell nach dem eben geführten Gespräch für einen leeren Hut keinen Gruß in Bereitschaft hat, finden wir eben so natürlich, wie wir Frießhardt’s Rufe „Meuterei und Empörung“ nichtswürdig und abscheulich finden. Da kommt der Landvogt selbst, die schändliche Anklage wird erhoben, und die unerhörteste Grausamkeit, die je ein Mensch ersonnen, bereitet sich vor unsern Augen. Wenn es ein Dichter jemals verstanden hat, durch eine spannende Handlung unser Herz mit Furcht und Mitleid zu erfüllen, so ist es Sch. in dieser Scene in einer Weise gelungen, die ihres Gleichen sucht. Die bescheidene Unterwürfigkeit, mit welcher Tell seinen Peiniger um Verzeihung bittet, seine nach und nach sich steigernde Angst, endlich der verzweifelte Entschluß, mit dem er zu dem zweiten Pfeile greift; dabei die rührende und vertrauensvolle Unbefangenheit des Kindes, und dann, den Fürbitten Bertha’s, Walther Fürst’s und Rösselmann’s gegenüber, die unerschütterliche Hartherzigkeit des Vogts – das Alles erhält uns wie auf der Folter, bis wir endlich bei des Ritters Rudenz energischen Auftreten wiederaufathmen. Dies letzte erspart uns auch die fürchterliche Zumuthung, Augenzeugen des empörenden Auftritts zu sein; denn in dem Augenblick, wo sein Unwille den höchsten Gipfel erreicht, wo wir mit der gespanntesten Aufmerksamkeit seinen Worten folgen, ist auch der Apfel gefallen, zu Aller Verwunderung wie zu unserer eigenen. Nun fühlt unser Herz sich frei, denn der furchtbare Knoten ist gelöst; aber Geßler weiß einen neuen zu schürzen, der zerhauen werden muß. Mit der Frage nach dem zweiten Pfeil verräth er dem Tell sein böses Trachten; kein Wunder, daß nun die Spitze sich umkehrt und der Zorn des schwer gereizten Vatergefühls gegen ihn sich wendet. Daß Geßler jetzt sein eigenes Leben zu sichern sucht, indem er Tell gefangen mit sich fortführt, ist eben so erklärlich, wie es verabscheuungswürdig ist und innerlich uns drängt, mit rettender Hand einzugreifen. Doch wir dürfen ja nur Zuschauer sein; auch werden wir durch Tell’s zuversichtliches Wort „Mir wird Gott helfen“ darauf hingewiesen, daß der Himmel den Arm des Rächers schon waffnen werde.

Act IV. Durch die beiden ersten Scenen werden wir auf die Krisis vorbereitet, mit welcher die dritte Scene den Aufzug abschließt. Die erste Scene versetzt uns an das östliche Ufer des Urner Sees in die Umgegend des großen Axenberges (s. d.), in dessen Nähe die Tellsplatte liegt. Kunz von Gersau theilt mit, daß Geßler sich mit dem gefesselten Tell zu Flüelen habe einschiffen wollen und daß der Freiherr von Attinghausen dem Tode nahe sei; wir erfahren somit, was in der Pause zwischen den beiden Acten geschehen ist und werden gleichzeitig auf die nächstfolgende Scene hingewiesen. Vorläufig aber nimmt der in Aufruhr befindliche See unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Es ist ein rasender Sturm, dessen Schilderung lebhaft an Shakespeare’s König Lear III, 2 erinnert. Das Läuten auf dem Berge deutet an, daß ein Schiff in Noth ist, es ist das Herrenschiff von Uri, auf welchem Geßler seinen Gefangenen mit sich führt. Indem der Fischer auf Tell, als einen trefflichen Steuermann hindeutet, kommt dieser selbst, erzählt in mächtig ergreifender Weise, wie er entkommen, und eilt auf den nächsten Wege nach dem verhängnißvollen Küßnacht. – Noch freudig erschüttert von dem glücklichen Ausgang des heldenmüthigen Wagnisses, führt uns der Dichter nach Attinghausen, um uns in der zweiten Scene einen Auftritt stiller Wehmuth vorzuführen. Der edle Freiherr ist seinem Ende nahe, Walther Fürst ist zugegen, und auch Hedwig ist herbeigeeilt, um ihren geretteten Knaben zu sehen; es ist eine mit bittrem Schmerz gemischte Freude. Aber noch ein anderes Wiedersehen wäre jetzt wünschenswerth; der alte Attinghausen ist erwacht und sehnt sich nach seinem Neffen, um ihm den letzten Segen zu ertheilen. Die Sinnesänderung seines Erben hat sein bekümmertes Herz mit inniger Freude, die Aussicht auf die nahe Befreiung des Vaterlandes seine Seele mit fröhlicher Hoffnung erfüllt. In prophetischer Begeisterung schaut er in die Zukunft und deutet die (S. 559 erwähnten) geschichtlichen Thatsachen an, die seinem Vaterlande die volle Freiheit wiedergeben werden. Doch erst als er seine Augen geschlossen, erscheint Rudenz, um dem bereits Entseelten zu geloben, den Seinen treu zu sein. Und dieses Versprechen, er wird es halten; denn auch ihn treibt jetzt die Noth, seine Bertha ist geraubt, es muß nun schnell gehandelt werden. Somit wird das Christfest nicht abgewartet; die Bedeutung, welche den auf dem Rütli gefaßten Beschlüssen beizulegen war, tritt vor den Beleidigungen, welche die Einzelnen erfahren, in den Hintergrund; nicht das Streben nach politischem Umsturz, sondern gerechte Nothwehr bildet den Charakter der allgemeinen Volkserhebung. Denn die Zeit, „wo alle Bande des Gehorsams aufgelöst sind“, soll nicht lange auf sich warten lassen; der Arm des Rächers ist bereits gewaffnet. –Die dritte Scene führt uns in die hohle Gasse bei Küßnacht, wo die Lösung des Knotens erfolgen soll. Tell, obwohl ein kräftiger und entschlossener Charakter, ist doch bei der ungeheuren That, zu der er sich jetzt bereitet, nicht ohne alles Bedenken. Er, der sonst „nicht lange prüfen oder wählen“ kann, hier thut er es; sein ergreifender Monolog zeigt uns, wie es in seinem Innern aussieht. Geßler ist nicht nur ein Feind des Landes, er ist sein persönlicher Feind, der ihm das Herz gebrochen, ein Wüthrich, vor dessen teuflischer Bosheit er sich und die Seinen beschützen muß. Noch kommt ein heiterer Zwischenfall, ein Hochzeitszug, der seinen Gedanken eine andere Richtung geben könnte; aber Geßler, der gleich darauf erscheint, ist völlig derselbe geblieben. Er spricht es offen aus, daß er die Freiheit des Landes vernichten, seine Strenge noch steigern, ein neues, jedenfalls noch abscheulicheres Gesetz verkünden will – da durchbohrt ihn der Pfeil, dessen Spitze ihm sagt, wer ihn gesendet. Tells Freiheitsruf und die Klänge der Hochzeitsmusik, sie bilden den schneidenden Contrast zu dem fürchterlichen Ende des verzweifelnden Tyrannen. Nach dieser mächtig erschütternden Scene bedarf unser Gemüth eines Momentes innerer Sammlung; da erscheint der Chor der barmherzigen Brüder, um unserer Stimmung den entsprechenden Ausdruck zu geben. Ein ernster Grabgesang erschallt, dessen letzte Worte:

„Bereitet oder nicht zu gehn,
Er muß vor seinen Richter stehn!“

fern von den stolzen Bergen wiederhallen und unsere Seele mit ernstem Sinnen, unsere Brust mit heiligem Schauer erfüllen.

Act V. Die erste Scene führt uns nach Uri zurück, wo das Stück begonnen; auf einem Platze bei Altorf begegnen wir denselben Gestalten, welche gleich anfangs unsre Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Der Sieg ist bereits errungen, aus Schwytz und Unterwalden verkünden es die Feuerzeichen; die Urner, die auf dem Rütli zuletzt eintrafen, sind auch die letzten, die ihren Twinghof niederreißen. Die Tyrannen sind ohne blutige Gewaltthat verjagt, nunmehr wird auch der Hut gebracht, der als ein Denkmal der wiedererrungenen Freiheit aufbewahrt werden soll. Da trifft die Kunde ein, daß der Kaiser ermordet ist, „das große Landesunglück, die schweren Thaten wider die Natur“, auf welche Stüssi (IV, 3) hingedeutet, sie sind jetzt geschehen, und zwar in nächster Nähe. So drängt der Dichter die geschichtlichen Thatsachen, welche um mehrere Monden auseinander lagen, kurz zusammen, stellt aber auch zugleich zwei Thaten mit einander in Contrast, die allerdings verwandte Ziele, doch ganz verschiedene Quellen haben. Des Königs Mörder haben ihr Ziel erreicht, doch ihren Zweck verfehlt, während die Eidgenossen sich der Früchte ihres besonnenen Handelns erfreuen dürfen; jene fliehen scheu auseinander, diese finden wir einmüthig beisammen. Und einmüthig weisen sie auch die Zumuthung der Königin Elsbeth zurück, ihr die Mörder auszuliefern; ihre Verpflichtungen gegen sie sind jetzt erloschen. Doch fehlt noch Einer bei der allgemeinen Freude, es ist der Tell. – Die zweite Scene führt uns in sein Haus zu Bürglen. Er selbst ist noch nicht heimgekehrt, aber Hedwig und ihre Kinder erwarten den Vater und mit ihm den Befreier des Vaterlandes. Da erscheint Parricida im Mönchsgewande; er glaubt hier einen Ort zu finden, der ihm Schutz gewährt. Aber Hedwigs ahnungsvolles Herz merkt bald, daß sie es keinesweges mit einem frommen Bruder zu thun hat. Ein Mörder, den sie noch nicht kennt, weilt in ihrer Nähe und flößt ihr Angst und Entsetzen ein. Und nun kommt einer, den sie kennt, es ist ihr Gatte; auch er hat einen Mord begangen, wie sie wähnt, und darum „zittert sie vor Schrecken und vor Freude.“ Aber Tell weiß wohl, was er gethan, er hat die Seinen vertheidigt und das Land gerettet. Mit diesem Bewußtsein, dem ruhigen Bewußtsein eines Vaterlandsvertheidigers, tritt er dem Herzog von Schwaben entgegen und beweist ihm seine Entrüstung, die nicht „der Ehrsucht blut’ge Schuld mit der gerechten Nothwehr eines Vaters“ verwechselt haben will. Doch als Mensch ehrt er auch in dem Mörder den Menschen und erbarmt sich seiner, soweit seine Pflichten gegen das Vaterland es gestatten. Dieses selbst aber erkennt Tell in der Schlußscene als seinen Erretter an; durch seine kühne That ist das beschlossene Werk der Befreiung zum schnellen Ziele geführt worden. Freiheit und Einigkeit, der letzte Wunsch des sterbenden Attinghausen, das sind die Güter, deren sich das Land wie ehedem erfreuen wird; denn auch die in den Adelsparteien noch vorhandenen streitenden Elemente werden durch Berthas Verbindung mit Rudenz versöhnt, der, indem er seine Knechte für frei erklärt, sich fortan als Bürger des Landes betrachtet und den Adel der Geburt dem Adel der Gesinnung zum Opfer bringt.

Nachdem wir dem Ideengange des Dichters, wie wir ihn zu verstehen glauben, gefolgt sind, liegt uns noch die Verpflichtung ob, mit einigen Worten auf die mancherlei Ausstellungen hinzuweisen, welche verschiedene Kritiker von ihren speciellen Standpunkten aus gemacht haben. Daß man den Plan und die Durchführung des Ganzen den erhabenen Schönheiten des Einzelnen gegenüber von untergeordnetem Werthe fand , wollte man durch die Behauptung beweisen, daß sich die Handlung des Stückes in zwei Reihen theile, die bis zum Schluß neben einander hergingen, ohne in ein gegenseitiges Verhältniß zu treten. Wir glauben, daß der Dichter vollkommen psychologisch richtig verfuhr, indem er Tells That von den Beschlüssen der Verschworenen isolirte. Eben so hat man es getadelt, daß die in dem Stücke eintretenden Entscheidungen wiederholentlich aus Zufälligkeiten stammen, wie Tells Befreiung durch den Sturm auf dem See und die Ermordung des Kaisers durch eine mit dem Stück in keiner näheren Verbindung stehende Persönlichkeit. Wir haben oben nachzuweisen versucht, wie der Dichter beides motivirt hat, der Dichter, der Wallenstein sprechen läßt: „Es giebt keinen Zufall, und was uns blindes Ungefähr nur dünkt, gerade das stammt aus den tiefsten Quellen.“ Uebrigens darf man nicht übersehen, daß der Dichter sich durch die Fabel gebunden fühlte. Wollte er dem einmal gegebenen Stoffe nicht schreiende Gewalt anthun, so mußte er vor allen Dingen daran denken, ihn poetisch zu gestalten , nicht aber sich bemühen, ihn diesen oder jenen theoretischen Anforderungen zu Liebe so umzuformen, daß er seinen eigenthümlichen Reiz vollständig verlor. Daß Sch. der von der Kritik mit dem Titel eines „Romanfräuleins“ beehrten Bertha von Bruneck eine weit edlere Rolle zugetheilt, und daß Tells als „Rohheit“ bezeichnetes Benehmen gegen Parricida sich nicht nur psychologisch, sondern auch ästhetisch vollkommen rechtfertigen läßt, haben wir bereits oben nachzuweisen versucht. Wenn man Melchthals „Tiraden über das Licht“ (I, 4) als für ein Drama unstatthaft erklärte, so vergaß man, daß Melchthal ein phantasiereicher junger Mann ist, dem alle Naturerscheinungen ein außerordentlich lebhaftes Interesse einflößen, und daß jeder Mensch in solchen Augenblicken, wo der heftige Schmerz einer stillen Wehmuth weicht, zu Betrachtungen ähnlicher Art durchaus geneigt ist. Daß man Tells Monolog (IV, 3) zu lang, mit fremdartigen Ideen vermischt gefunden und die Reflexion in demselben getadelt hat, ist eben so schwer zu begreifen. Unserm Ermessen nach fällt es Tell durchaus nicht ein, seine That vor sich selber zu rechtfertigen. Sein Monolog enthält nichts Anderes als die Empfindungen, welche seine Seele in diesem Augenblicke durchziehen, und ist somit ein Product voll eben so tiefer psychologischer Wahrheit als hoher poetischer Vollendung.

Solchen Angriffen und vielem andern thörichten Geschwätz gegenüber ist darauf hinzuweisen, daß Schillers Tell weniger für den scharf zersetzenden Verstand als für lebhaft und warm empfindende Herzen geschrieben ist, für Naturen wie Iffland, der das Stück seinem dringenden Wunsche gemäß, partienweise erhielt, so wie die einzelnen Acte fertig waren. Gleich auf die erste Sendung antwortete er dem Dichter: „Ich habe gelesen, verschlungen, mein Knie gebogen, und mein Herz, meine Thränen, mein jagendes Blut hat Ihrem Geiste, Ihrem Herzen mit Entzücken gehuldigt! – O bald, bald mehr! … Blätter, Zettel, was Sie geben können! Ich reiche Hand und Herz Ihrem Genius entgegen. Welch’ ein Werk! Welche Fülle, Kraft, Blüthe und Allgewalt! Gott erhalte Sie, Amen!“ Wir stimmen daher Beurtheilern wie A. W. Schlegel und Palleske bei, welche den Tell nicht nur für Sch.’s vortrefflichstes Stück, sondern für ein lyrisch, dramatisch und sprachlich vollendetes Meisterwerk erklären, und freuen uns, daß der Dichter es verschmäht hat, seinem Flügelroß die Candare nüchterner Kritiker anzulegen. Denn wie der Glanz der Alles erfreuenden Sonne einer landschaftlichen Scene erst ihren vollen Reiz verleiht, so hat der Dichter es hier verstanden, die einfachen, schlichten und natürlichen Reden und Handlungen seiner Helden durch den Glanz der Poesie zu verklären.

 
Google
© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.