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Warbeck

(Bd. 7). Während Sch. Mit dem Studium der Quellen für die Bearbeitung seiner Maria Stuart beschäftigt war, bot sich hm gleichzeitig der Keim zu einem anderen Drama dar; denn in einem Briefe an Goethe (20. Aug. 1799) spricht er von der „Spur zu einer neuen möglichen Tragödie“, für welche er aus der Geschichte nur die allgemeine Situation, Zeit und Personen nehmen, alles Uebrige aber poetisch frei erfinden wollte, eine Idee, welcher Goethe vollständig beistimmte. Dieser neue Stoff war die Gestalt des Warbeck, der indessen vorläufig vor der Jungfrau von Orleans zurücktreten mußte. Als diese jedoch beendet war, schrieb er (28. Juni 1801): „Das Schauspiel fängt an, sich zu organisieren, und in acht Tagen denke ich an die Ausführung zu gehen. Der Plan ist einfach, die Handlung rasch, und ich darf nicht besorgen, ins Breite getrieben zu werden.“ Kurz darauf begab er sich ernstlich an die Arbeit, zu der er jedoch nach mancherlei Abhaltungen erst im Herbst wieder zurückkehren konnte; indessen ist es bei dem bloßen Entwurfe geblieben. Die gesammelten Werke geben den im Lauf der Jahre vollständig ausgearbeiteten Plan nebst einigen Fragmenten aus den ersten Scenen des ersten Acts.

Zum Verständniß dieses nächst dem Demetrius das meiste Interesse gewährenden Fragments ist es nöthig, einen kurzen Blick auf die englische Geschichte zu thun. Nachdem von dem Jahre 1066 bis 1154 das normännische Volk mit abwechselndem Glück die Herrschaft über England geführt, kam mit Heinrich II. das Haus Anjou oder Plantagenet auf den Thron, welches bis 1485 herrschte. Aus diesem Hause heben wir um des Verständnisses der in dem Entwurf vorkommenden verwandtschaftlichen Verhältnisse willen Eduard III. (1327-77) hervor. Er hatte vier Söhne: 1) Eduard, Prinz v. Wales, der schwarze Prinz genannt, dessen schwacher Sohn Richard II. durch Heinrich IV. von Lancaster entthront wurde und 1440 im Gefängniß starb. 2) Lionel, Herzog von Clarence, dessen Enkeltochter Anna sich mit Richard von York vermählte. 3) Johann von Gaunt, Herzog von Lancaster, aus welchem Hause (1399-1461) Heinrich IV, V. u. VI. regierten und mit welchem das Haus York die Kriege der rothen und weißen Rose (s. d.) führte. 4) Edmund von York, dessen bereits genannter Sohn Richard Lionels Tochter Anna heirathete. Der Sohn der beiden letzteren, Richard von York, war während der Gemüthskrankheit Heinrich V. zum Protector ernannt worden und erhob mit Rücksicht auf seine Abstammung von einem älteren Sohne Eduards III. Ansprüche auf die Krone, fiel jedoch 1460 im Kampfe; sein Sohn Eduard IV, aber siegte über Heinrich VI. Gemahlin Margarethe. Da indessen Eduards Bruder, der Herzog von Clarence und der Graf Warwick Heinrich VI. wieder auf den Thron erhoben, so mußte er nach den Niederlanden fliehen, wo er bei seinem Schwager Karl dem Kühnen Unterstützung fand. Als er mit dessen Hülfe gesiegt, ließ er Heinrich’s VI. Sohn tödten und regierte bis 1483, wo ihm sein Sohn Eduard V. folgte, der aber schon zwei Jahre darauf durch seinen Oheim Richard III., den Sohn des oben genannten Protectors, ermordet wurde.

Schon während Heinrich VI. sich auf dem durch viele Verbrechen erworbenen Throne zu befestigen suchte, brachen Spaltungen zwischen ihm und seinen Verbündeten aus. Die Anhänger des Hauses Lancaster richteten ihre Blicke auf den Grafen Heinrich von Richmond, der mütterlicherseits aus diesem Geschlechte abstammte und zur Zeit an dem Hofe des Herzogs von Bretagne lebte. Von Karl VIII. von Frankreich unterstützt, landete Heinrich an der Küste von Wales i. J. 1485. Richard III. zog ihm zwar entgegen, wurde indessen von Lord Stanley (I) mit 7000 Mann verlassen. So verlor Richard in der Schlacht bei Bosworth nicht allein die Krone, sondern zugleich das Leben. Noch auf dem Schlachtfelde wurde Richmond als Heinrich VII. (I) zum König ausgerufen. Die Dynastie Plantagenet hatte somit auf dem englischen Throne ihr Ende erreicht, und mit ihr hörte auch der fünfunddreißigjährige Bürgerkrieg zwischen den beiden Rosen auf, da Heinrich das Versprechen gegeben hatte, sich mit der Prinzessin Elisabeth v. York, Eduard’s IV. ältester Tochter zu vermählen, deren Rechte auf das Erbe ihres Vaters unbestreitbar waren. Die Ansprüche der rothen und weißen Rose wurden auf diese Weise in einer Familie vereinigt. Heirnich VII. (1485-1509) gelang es bald, der eingerissenen Verwilderung Meister zu werden; indessen wußte er recht gut, daß er eigentlich nur dadurch König geworden war, daß Richards III. Gegner ihn gewählt hatten. Er mußte daher das, was er durch Waffengewalt errungen, auch zu behaupten suchen, um so mehr, als ein Graf Eduard v. Warwic, der 15jährige Sohn des Herzogs von Clarence vorhanden war, der als ein Sprößling des Hauses York seine Besorgniß erregte. Diesen Knaben, welcher schon unter Richard sorgfältig bewacht worden war, ließ er gleich nach seinem Siege in den Tower bringen. Außerdem vollzog er seine Vermählung mit Elisabeth erst i. J. 1486, da er seinen Anspruch auf die Krone nur auf das Recht des Hauses Lancaster, nicht aber auf seine Verbindung mit einer Yorkschen Prinzessin gründen wollte. Hierzu kam, daß er die Anhänger der Yorkschen Partei auf alle mögliche Weise zurücksetzte, und so entstand bald Unzufriedenheit, welche die Quelle erneuerter Unruhen wurde. Zunächst stellte ein irländischer Priester, Richard Simons, einen falschen Kronbewerber auf, der ihn verdrängen sollte. Es war Lambert Simnel (III), eines Tischlers, nach Andern eines Bäckers Sohn, der sich für den Grafen Eduard von Warwic (bei Sch. Eduard Plantagenet [I] od. Eduard v. Clarence [II]) ausgeben mußte. Warwic’s Vater, der Herzog von Clarence, war lange Zeit Vice-König von Irland gewesen; es war daher nicht auffallend, daß Simnels Angabe, er sei aus dem Tower entwischt und nach dem Lande seiner Jugend entflohen, Glauben fand. Besonders nahmen sich der Graf v. Kildare (IV.), Vice-Statthalter von Irland und Haupt der dort herrschenden Faction, so wie dessen Bruder, der Kanzler von Irland, des jungen Menschen an, stellten den vorgeblichen letzten männlichen Sprößling aus dem Hause Plantagenet dem Adel und den Bürgern von Dublin vor und versprachen ihm Schutz gegen seine Feinde. Da die meisten Einwohner Irlands dem Hause York ergeben waren, so reif man ihn denn auch als Eduard VI. zum König aus. So wie Heinrich von diesen Vorfällen hörte, ließ er den wirklichen Eduard v. Warwic aus dem Tower holen, ihn in Procession durch die Straßen von London führen und nahm ihn mit sich nach seinem Lieblingsschlosse, dem Palast von Shone (oder Shene, wie er in R. Pauli’s Geschichte genannt wird). Inzwischen war Simnel mit einem Heere nach England übergesetzt; aber Heinrich zog ihm entgegen, schlug ihn (1487) bei Stoke in der Grafschaft Nottingham und nahm ihn gefangen. Der Priester Richard Simons mußte seine Verwegenheit in dem Kerker büßen, Simnel aber wurde zum Küchenjungen gemacht, und später, da er sich gut führte, unter die Falkeniere des Königs aufgenommen.

Ein zweiter Betrug wurde fünf Jahre später von der Yorkschen Partei versucht. Ein junger Mensch, der nach seinem eigenen Geständniß Peter Osbeck hieß, von den Engländern aber, man weiß nicht aus welchem Grunde, Perkin Warbec genannt wurde, war der Sohn eines getauften Juden aus Tournay in Holland und zeichnete sich durch eine auffallende Aehnlichkeit mit Eduard IV. aus. Von ihm hörte die ehrgeizige Herzogin von York, Margarethe von Burgund (I), Karls des Kühnen Wittwe und Eduard’s IV. Schwester, die damals in Brüssel lebte; sie ließ ihn vor sich kommen und erkannte ihn als ihren Neffen an. Da Heinrich’s VII. Härte gegen ihr Haus sie innerlich empört hatte, so entschloß sie sich, den jungen Warbec zu benutzen, um an das Königs Sturze mitzuarbeiten. Sie gab ihm einen Hofstaat, setzte ihn von allen Verhältnissen des englischen Hofes genau in Kenntniß und fand bald einen gelehrigen Schüler. Ihr Plan war, ihn für den zweiten Sohn Eduards IV. auszugeben. Es wurde also das Gerücht ausgesprengt, die von Richard III. gedungenen Mörder hätten nur den ältesten Sohn Eduard getödtet, der jüngere aber, Richard von York (I) sei entkommen, halte sich vorläufig noch verborgen, werde jedoch binnen Kurzem öffentlich auftreten, um seine Rechte geltend zu machen.

Mit Geld und gutem Rathe hinlänglich ausgestattet, machte sich Warbec auf den Weg und trat, wie sein Vorgänger Simnel zunächst in Irland, dem eigentlichen Heerde der Unzufriedenheit, auf. Von hier begab er sich nach Frankreich zu Karl VIII., der mit Heinrich VII. im Kriege begriffen war; indessen fand er hier nicht die gehoffte Unterstützung, da beide Monarchen bald darauf Frieden mit einander schlossen. Heinrich hatte zwar die Auslieferung Warbecs verlangt, doch wollte sich der König von Frankreich hierzu nicht verstehen. Der junge Abenteurer begab sich nunmehr nach Burgund, wo er bald großes Aufsehen erregte. Margarethe that anfangs, als glaube sie von dem ganzen Vorgeben nichts, ließ Warbec in Gegenwart vieler Zeugen vor sich kommen, fragte ihn aus, stellte sich höchlich überrascht und von der Wahrheit seiner Aussagen überzeugt und umarmte ihn als ihren Neffen. Jetzt rüstete sie ihn öffentlich mit Geldmitteln aus und ermuthigte ihn, seine Ansprüche auf den englischen Thron durchzusetzen. Bald durchzog das Gerücht von dem neuen Kronprätendeten ganz England; Heinrich aber war wachsam, durchschaute den ganzen Plan und machte den Betrug, welchen man ihm spielen wollte, öffentlich bekannt. Warbec kam zwar nach England; aber sein Unternehmen blieb hier ohne allen Erfolg. Von seinen Truppen wurden viele gefangen genommen und ohne weiteres aufgehängt. Jetzt machte er einen zweiten Versuch in Irland, fand aber auch hier nicht die frühere Aufnahme. Er ging daher nach Schottland zu Jacob IV., der ihn nicht nur anerkannte, sondern ihn sogar mit einer Verwandten, Katharina Gordon, verheirathete. Hierauf begleitete der König ihn selbst mit einem Heere nach England, dessen alter Haß gegen die Schotten sogleich aufs neue hervorbrach und auch dieses Unternehmen vereitelte. Heinrich drang siegreich vor, und Jacob mußte unverrichteter Sache wieder abziehen.

Nunmehr ging Warbec nach Cornwall, wo Heinrichs neue Steueredicte allgemeine Unzufriedenheit hervorgerufen hatten. Zwar gelang es ihm, eine große Anzahl Mißvergnügter unter seine Fahnen zu versammeln, aber Heinrichs Energie zerstreute die schlecht geführten Schaaren, und Warbec selbst mußte in einer Capelle zu Beaulieu Schutz suchen. Da der König ihm Schonung seines Lebens versprechen ließ, so ergab er sich, wurde im Triumph nach London geführt und hier in den Tower geworfen. Damit aber war seine Rolle noch nicht ausgespielt; denn in dem Gefängniß lernte er den Prinzen Eduard von Warwic kennen, mit welchem er alsbald Entwürfe zu beider Befreiung schmiedete. Es gelang ihnen auch wirklich zu entkommen und einen neuen Aufstand zu erregen; aber auch dieser schlug fehl und kostete beiden das Leben. Warbec wurde (1499) in Tyburn gehängt, und Warwic, nachdem man ihn des Hochverraths angeklagt, enthauptet. Somit war auch der letzte York aus dem Wege geräumt.

Von diesen historischen Thatsachen finden wir in Schillers Entwurf nur die Personen und einige der hervorragendsten Momente wieder; im Uebrigen ist das Ganze eine frei erfundene Fabel auf historischem Grunde. Denn zunächst treten die beiden Prätendenten Simnel und Warbec, deren Bestrebungen in der Geschichte der Zeit nach völlig auseinanderliegen, hier persönlich gegenüber, und auch die Zusammenstellung von Warbec und Eduard von Warwic (bei Sch. Eduard Plantagenet) nimmt einen ganz anderen Charakter an; außerdem aber läßt der Dichter seinen Helden, statt ihn in Schottland zu vermählen, einen Liebesconflict mit zwei fingirten Personen, einen Prinzen Erich von Gothland und einer Prinzessin Adelaide von Bretagne durchmachen, wodurch der dramatischen Entwickelung seiner politischen Bestrebungen ein anziehendes, rein menschliches Motiv hinzugefügt und das Interesse für seine Person bedeutend erhöht wird.

Unter Schiller’s Commentatoren hat Jos. Bayer, dem wir in Nachstehendem folgen, dem Charakter des Warbec die meiste Aufmerksamkeit gewidmet und gezeigt, wie derselbe uns aus dem Fragment ziemlich scharf entgegentritt. Wie Warbec dazu kommt, die ihm aufgedrungene Rolle zu spielen, hat der Dichter nicht angegeben, indessen hatte er die Absicht, im Verlauf des ersten Actes den Zuschauer mit seiner Vorgeschichte bekannt zu machen. Die Stelle: „die Herzogin übernimmt es, sie vorzutragen“ deutet dies an; es war also in dieser Beziehung noch ein Theil der Fabel zu erfinden und das entschlossene Auftreten des Helden zu motiviren. Ein gesetzter Ernst, ein gewisser Grad von fürstlicher Würde, gestützt auf einen dunkelen Glauben an seine erhabene Abkunft, sollte ihn charakterisiren, damit der Zuschauer den Eindruck bekäme, als habe der Betrug ihn auf den Platz hingestellt, zu welchem er durch seine Natur berufen ist. Noch unklar über sich selbst und die Rolle, die er zu spielen hat, ist er doch von einem gewissen Glauben an die Reinheit seiner Beweggründe beseelt, denn er betrachtet es nur als eine Pflicht, nicht aber als ein Glück, daß er seine Rechte behaupten muß. Diese nach Selbständigkeit strebende Natur befindet sich in der Gewalt eines ehrgeizigen, Rache brütenden Weibes, der Herzogin Margaretha von Burgund, die ihn eigentlich nur als ihr Werkzeug betrachten will. Deshalb erkennt sie ihn öffentlich an und erweist ihm in Gegenwart Anderer alle mögliche Ehre, während sie ihn im Geheimen verächtlich behandelt und ihm die gespendeten Mittel wieder zu entziehen sucht. Da er sich ihr gegenüber nicht so unterwürfig zeigt, wie sie es wünscht, so verliert der Betrug, den sei mit ihm spielen will, allmälig seinen Reiz, und sie möchte sich des Abenteurers entledigen, dessen kühnes Auftreten ihren Fürstenstolz beleidigt. Indessen führt ein unvorhergesehenes Ereigniß eine Katastrophe herbei. Simnel, der vorgebliche Eduard von Clarence, wird von Warbec im gerichtlichen Zweikampfe besiegt und entlarvt. Hierdurch erhält der Glaube an den letzteren neue Nahrung, sein Anhang wächst, und er selbst nimmt gegen die Herzogin einen stolzen Ton an. Jetzt sieht sie ein, daß sie ihn nicht mehr als ein willenloses Werkzeug betrachten kann. Dazu kommt, daß er von der Prinzessin Adelaide aufrichtig geliebt wird, welche sich der von der Herzogin projectirten Vermählung mit dem Prinzen Erich gern entziehen möchte. Was die Herzogin ihrem bisherigen Schützling versagt, das sucht ihm die Prinzessin zu gewähren; sie rüstet ihn mit Mitteln aus und schlägt ihm sogar vor, mit ihr zu entfliehen. Da erwacht sein besseres Selbst, er fühlt, daß er sich zu einem unwürdigen und gefährlichen Betruge hergegeben. Ihre Hand anzunehmen, verbietet ihm sein Ehrgefühl, ihr die Wahrheit zu sagen, sein Stolz. Zu diesen schweren Seelenkämpfen kommt jetzt noch ein äußerer Conflict, indem der rechtmäßige Kronprätendent, Eduard von Clarence sich plötzlich einfindet. Nun steht Alles auf dem Spiel, wenn dieser nicht beseitigt wird; Warbec fühlt, daß er sich nur durch eine Reihe von Verbrechen behaupten kann und verwünscht den ersten Schritt, der ihn auf diese Bahn geleitet. Da erscheint der englische Botschafter und trägt ihm einen Vergleich mit Heinrich VII. an, wenn er seine Hand dazu biete, den echten York aus dem Wege zu schaffen. Eines solchen Verbrechens unfähig, schickt er den Botschafter fort. Da er sich aber mit ihm eingelassen, so trifft ihn wenigstens die Strafe des Verdachts. Der Prinz von Clarence wird auf eine unerklärliche Weise vermißt, man vermuthet, er sei heimlich ermordet worden; und als Warbec vor der Herzogin erscheint, bezeichnet ihn diese geradezu als den Thäter und enthüllt den ganzen bisher gespielten Betrug. Zum Glück erscheint in diesem Augenblick Graf Kildare aus England, den Warbec bisher für seinen Vater gehalten. Dieser klärt das ganze Geheimniß auf; Warbec steht in keinem Verwandtschaftsverhältniß zu ihm, sondern er ist ein natürlicher Sohn Eduard’s IV., also doch ein geborener York. Hiermit löst sich dem Helden des Stücks das Räthsel seiner dunkelen Ahnung, er huldigt dem Prinzen von Clarence, den er aus Mörderhänden gerettet, als seinem rechtmäßigen Herrn und ist somit der Bürde entledigt, die seine Brust bisher belastet hat.

Vergleicht man die eben gegebene Skizze, durch welche wir neben der Charakterentwickelung des Helden zugleich den Gang der Handlung zu veranschaulichen versucht haben, mit den vorher zusammengestellten geschichtlichen Thatsachen, so wird man die historische Treue natürlich gänzlich vermissen. Ein Drama, das eine Reihe ergreifender Situationen in wohlgeordnetem Zusammenhange vorgeführt und einen beruhigenden Abschluß gewährt hätte, das hätte sich aus diesem Entwurfe allerdings machen lassen; aber einer Tragödie, welche bei aller Freiheit des dichterischen Schaffens die Rechte der Geschichte anerkennt, und wie sie Sch.’s in den letzten Jahren seines Lebens allein würdig gewesen wäre, konnte derselbe nicht als Grundlage dienen. Hierin ist der Grund zu suchen, weshalb sich Sch. später anderen Stoffen zuwandte und schließlich der Bearbeitung des Demetrius vor der Ausführung des vorliegenden Entwurfes den Vorzug gab.

Daß beide Entwürfe viel Verwandtes mit einander haben, läßt sich nicht verkennen. Warbec, der die Spuren seiner Herkunft verloren, aber von einer dunkelen Ahnung beseelt ist, daß er zu etwas Höherem bestimmt sei, spielt anfangs die aufgedrungene Rolle eines Betrügers, bis er sich selbst erkennt und die edlere Seite seines Wesens rettet. Demetrius dagegen hält sich gleich anfangs für den rechten Czaarensohn, bis er, seines Betruges inne werdend, vor sich selbst erschrickt und zum finstern Tyrannen wird, der als solcher seinen Untergang findet und somit zum tragischen Helden geeignet ist. In beiden Entwürfen liegt das Verhängnißvolle theils in dem Conflict der beiden Helden mit den äußeren Verhältnissen, mehr aber noch in den Zerwürfnissen, von denen ihr eigenes Innere bedrängt ist. Die Schwierigkeit, die hier zu überwinden war, lag also vor Allem in der Charakterzeichnung, in der psychologischen Entwickelung der räthselhaften Doppelnaturen, bei denen die eine oder die andere Seite ihres Wesens nach und nach zum Durchbruch kommen und schließlich über den Gegner in dem eigenen Innern den Sieg erringen mußte.

Wie Sch.’s Plan zum Demetrius für mehrere Dichter Veranlassung zur Bearbeitung desselben Stoffes geworden ist, so hat auch sein Entwurf zum Warbeck einen ungenannten Dichter gereizt, den Gedanken des großen Meisters zu verwirklichen. Die vor uns liegende Arbeit, welche sich streng an den entworfenen Plan hält, ist zu Nürnberg bei Georg Winter 1842 unter dem Titel: „Warbeck. Historisches Drama in fünf Aufzügen“ etc. erschienen.

 
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